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Heerestorte
20.12.2021, 21:33
Gibt es, selber gesehen - zugegeben große Uniklinik/ Maximalversorger, aber die FA-Präsenz (Anästhesie, Innere, Chirurgie, Notfallmedizin) war eine tatsächlich echte Präsenz mit Anwesenheit im Haus. Wenn das Polytrauma mit innerer Blutung ohne Vorwarnzeit in der Notaufnahme stand, dann hatte der chirg. FA den Bauch auf und die Blutung tamponiert, bevor der OA-Hintergrund auch nur im Haus war...
Wenn ein Haus versucht die Notfallversorgung durch einen WBA im 1. Jahr und einen irgendwann eintreffenden Rufdienst (dem der Arbeitgeber ja mittlerweile nicht mehr vorschreiben darf, wann er da sein muss) sicherzustellen, dann ist das meiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß - dafür gibt's den KV-Dienst (oder sollte es geben?) ergänzt um große Zentren/ Maximalversorger.


Bei uns auch so. Immer FA Anästhesie und FA Chirurgie da.

Pflaume
20.12.2021, 21:59
Aus meinen 10+ Jahren Erfahrung kann ich sagen: Klagen/Gutachtenverfahren kommen super selten vor und alle bisherigen Verfahren dieser Art waren totaler Mist. Dinge in denen medizinisch alles richtig gelaufen ist aber die Leute Geld schinden wollten. Teilweise haben sie es auch geschafft, einer hat einen niedrigen vierstelligen Betrag als Vergleich bekommen. Aber es war trotzdem eigentlich nur ein totaler Schmarrn. Statt dass sie Leute mal geklagt hätten bei denen wirklich Mist passiert ist...
Dass so etwas (noch) super selten ist, stimmt. Und Krankenkassen veröffentlichen regelmäßig Statistiken, nach denen sich 70 bis noch mehr Prozent der an sie von Patienten gemeldeten Behandlungsfehlervorwürfe bereits bei der ersten Durchsicht als völliger Quatsch entpuppen. Vom Rest ist auch nur ein kleiner Teil am Ende erfolgreich.

Extrem lästig ist es trotzdem, besonders, wenn es auf Patitentenseite nicht um Geld geht, sondern um das unbestimmte Gefühl, dass etwas schief gelaufen sein muß und "jemand" zur Verantwortung gezogen werden muß. Ich habe gerade das zweite Mal in meiner ebenfalls über 10jährigen Erfahrung ein Ermittlungsverfahren am Hals. Beide Male aus meiner Sicht ebenfalls an den Haaren herbeigezogen, es muß einfach jemand schuld sein, und zwar nicht der Krebs. Beide Male war ich sogar eher eine Randfigur bzw. gar nicht unbedingt als erster zuständig, sondern nur der Depp, der sich eben gekümmert hat, als es jemandem schlecht ging. Man ist überrascht, was da dann alles plötzlich an Vorwürfen aus der Tasche gezogen wird, gegen die man sich verteidigen soll.

Und auch wenn das strafrechtliche Risiko für einen Arzt nochmal viel geringer ist als zivilrechtlich in Anspruch genommen zu werden, habe ich im Kollegenkreis zweimal mitbekommen, wie sich so etwas über Jahre publikumswirksam hinzog, und dabei aus meinem Empfinden heraus geradezu Willkür herrschte, wer von den behandelnden Ärzten am Ende tatsächlich vor Gericht landete. Die Erwartungen an die "einzig" richtige Behandlung, die der Gutachter im Verfahren formulierte, fand ich in Kenntnis dessen, wie es überhaupt zu der Situation gekommen war, weit übertrieben. Mein Vertrauen auf Betrachtung mit Augenmaß hat das, was ich von den Ermittlungen und Verhandlungen gegen meine direkten Kollegen mitbekommen habe, nicht ganz zerstört, aber doch grundlegend beeinträchtigt. Diese straf- und berufsrechtlichen Dinge sind definitiv unangenehmer als wenn Patienten einfach nur mehr oder weniger unberechtigt Geld rausschlagen wollen.

Aber, man muß sagen: So etwas ist tatsächlich äußerst selten, erst recht, wenn alle Beteiligten sich um adäquate Kommunikation mit Patienten und Angehörigen bemühen.

anignu
20.12.2021, 22:53
Extrem lästig ist es trotzdem, besonders, wenn es auf Patitentenseite nicht um Geld geht, sondern um das unbestimmte Gefühl, dass etwas schief gelaufen sein muß und "jemand" zur Verantwortung gezogen werden muß. Ich habe gerade das zweite Mal in meiner ebenfalls über 10jährigen Erfahrung ein Ermittlungsverfahren am Hals. Beide Male aus meiner Sicht ebenfalls an den Haaren herbeigezogen, es muß einfach jemand schuld sein, und zwar nicht der Krebs.
Ich glaub mein zweites Verfahren zieht sich inzwischen auch schon drei/vier Jahre hin und es wird noch nicht mal richtig vor Gericht verhandelt. Es ist nur das Vorgeplänkel... Inhaltlich lächerlich. Gibt auch schon ein unabhängiges Gutachten, vom Gericht beauftragt, das uns zu 100% Recht gibt.

Man ist überrascht, was da dann alles plötzlich an Vorwürfen aus der Tasche gezogen wird, gegen die man sich verteidigen soll.
Das kenn ich auch. Vorwürfe auf über 50 Seiten bei einem stationären Aufenthalt von 5 Tagen oder so. Da wird dann alles vorgeworfen: zu wenige Blutabnahmen, zu wenige Röntgen, zu wenig CTs, zu wenig Aufklärung, die Aufklärung nicht adäquat, zu wenig Medikation, falsche Medikation, falsche Antibiose, zu wenig Abstriche etc. Einfach im krampfhaften Versuch irgendwas zu erwischen wo man dann sagen kann "Ha, die haben schlampig gearbeitet, quasi ein Befunderhebungsfehler, dann drehen wir die Beweislast doch gleich mal um." Um nichts anderes geht es.

Diese straf- und berufsrechtlichen Dinge sind definitiv unangenehmer als wenn Patienten einfach nur mehr oder weniger unberechtigt Geld rausschlagen wollen.
Definitiv. Weil wir da auch meist do unentspannt sind. Weil wir das Ganze nicht als Spiel betrachten. Für die Anwälte ist es ja teils ein Spiel. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man, egal, Geld bekommt man eh. Für die Beteiligten ist das schon deutlich nerviger. Ich hätte auch gern dass in dem völlig unberechtigten Fall bei klarer Gutachtenlage der Fall nach mehreren Jahren endlich zum Ende kommt.