Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gleichzeitige Notfälle
ehem-user-23-12-2021-1346
19.12.2021, 10:21
Gesetzt den Fall man ist als AiW/AA allein diensthabend und wird dringend auf Intensiv oder Station gebraucht. Unten in der Notaufnahme kommen 2 Herzinfarkte. Zusätzlich wird ein Schockraumpatient angekündigt. So ein Zusammentreffen von zeitkritischen Notfällen ist ja durchaus denkbar und möglich. Wie kann man so eine Situation alleine handeln ohne das ein Patient zu Schaden kommt? Man kann ja schlecht an 2 oder 3 Orten gleichzeitig sein, zumal Intensiv, Station und Notaufnahme meist räumlich weit auseinander liegen. Wir gehen davon aus, dass man wirklich alleine für Station, Intensiv und Notaufnahme verantwortlich ist und kein weiterer Arzt der Fachrichtung vor Ort ist und es sich bei Allen um zeitkritische Notfälle handelt
Mr. Pink online
19.12.2021, 10:38
1. Hintergrund anrufen, sagen, dass Manpower gebraucht wird und er reinkommen muss.
2. Ressourcen verlagern, heißt vital bedrohten Patienten aus der ZNA auf die Intensiv nehmen und dort parallel behandeln
In einem KH, in dem es nur einen einzigen Arzt gibt, dürfte dieser Fall allerdings selten bis nie eintreten.
ehem-user-23-12-2021-1346
19.12.2021, 10:51
In einem KH, in dem es nur einen einzigen Arzt gibt, dürfte dieser Fall allerdings selten bis nie eintreten.
Ich meinte aus einer Fachrichtung. Das z.B: nur ein internistischer AA im Haus ist, der sowohl für Notaufnahme als auch internistisch geleitete Intensiv zuständig ist. Das kommt ja durchaus vor. Und in der Notaufnahme kommen ja durchaus auch wirkliche Notfälle, die z.T. aber nicht intensivpflichtig sind. Gerade als Berufsanfänger finde ich es sehr schwierig zu priorisieren. Und man kann sich ja nicht zweiteilen
Du musst mit den zur Verfügung stehenden Resourcen so gut wie möglich umgehen. Zu den zur Verfügung stehenden Resourcen zählen neben dem eigenen ärztlichen Hintergrund-Dienst auch ärztliche Kollegen anderer Fachrichtungen und ggf. Pflegepersonal.
Dein geschildertes Szenario ist arg konstruiert, aber wenn man es ernst nehmen sollte, dann könntest du den angekündigten Schockraum-Patienten auch an ein anderes Krankenhaus verweisen. Solange man dies nicht dauernd aus reiner Faulheit macht und entsprechend bei Rettungsdienst "seinen Ruf weg hat", dürfte auch der Rettungsdienst sich meiner Erfahrung nach in solchen Situationen sehr kooperativ zeigen.
Wenn du von "z.B. internistischer AA" redest, dann gibts in dem Haus auch noch einen Anästhesisten und eventuell auch einen Chirurgen mit Intensiverfahrung, die der Internist, wenn die Hütte wirklich brennt, dazu rekrutieren kann. Ich habe in 10 Jahren Klinik als Internist nur ein einziges Mal einen Oberarzt reinrufen müssen, weil die im Haus zur Verfügung stehenden Resourcen nicht ausreichten, um mehrere gleichzeitige Notfälle abzuarbeiten.
ehem-user-23-12-2021-1346
19.12.2021, 12:04
Ich habe in 10 Jahren Klinik als Internist nur ein einziges Mal einen Oberarzt reinrufen müssen, weil die im Haus zur Verfügung stehenden Resourcen nicht ausreichten, um mehrere gleichzeitige Notfälle abzuarbeiten.
Ok, das hätte ich nicht gedacht. Ich war der Meinung, dass man ständig in solche Situationen kommt, weil die AÄ anderer Fachrichtungen ja auch mit ihren eigenen Patienten genug zu tun haben. Ich finde halt einen Berufsanfänger ohne klinische Erfahrung allein "an der Front" sehr gefährlich. Es passieren ja schon viele Fehler, weil in Notfallsituationen falsche Entscheidungen getroffen wurden. Habe ich selbst mehrfach erlebt
In einem Haus, in dem man als internistischer Assistenzarzt alleine auf weiter Flur ist, wird sowas nicht vorkommen. Denn die werden weder Herzkatheter noch Schockraum haben. An sich ist das Szenario maximal konstruiert und wird so mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten.
Ansonsten: Hilfe holen. Auch Chirurgen, Anästhesisten etc. können Notfälle versorgen. Auch auf Stationen, für die sie nicht zuständig sind. Und wenn’s trotz allem eng wird, muss der Oberarzt mit reinkommen. Schockraum an anderes Haus verweisen. Und Prioritäten setzen. Kann ich eins der Probleme am Telefon regeln? Wird der Patient sofort sterben wenn ich jetzt nicht auf Station komme? Kann ich etwas an die ITS Pflege delegieren?
Ok, das hätte ich nicht gedacht. Ich war der Meinung, dass man ständig in solche Situationen kommt, weil die AÄ anderer Fachrichtungen ja auch mit ihren eigenen Patienten genug zu tun haben. Ich finde halt einen Berufsanfänger ohne klinische Erfahrung allein "an der Front" sehr gefährlich. Es passieren ja schon viele Fehler, weil in Notfallsituationen falsche Entscheidungen getroffen wurden. Habe ich selbst mehrfach erlebt
Nicht jeder hat ununterbrochen zutun. Und wenn die Hütte brennt, dann lässt man eben mal seine eigene, gerade weniger wichtige, Arbeit liegen und hilft dem Kollegen der anderen Fachrichtung. Dass alle unterunterbrochen mit vital bedrohlichen Notfällen kämpfen, gibts nur bei Grey’s Anatomy.
ehem-user-23-12-2021-1346
19.12.2021, 12:12
In einem Haus, in dem man als internistischer Assistenzarzt alleine auf weiter Flur ist, wird sowas nicht vorkommen. Denn die werden weder Herzkatheter noch Schockraum haben. An sich ist das Szenario maximal konstruiert und wird so mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten.
Ansonsten: Hilfe holen. Auch Chirurgen, Anästhesisten etc. können Notfälle versorgen. Auch auf Stationen, für die sie nicht zuständig sind. Und wenn’s trotz allem eng wird, muss der Oberarzt mit reinkommen. Schockraum an anderes Haus verweisen. Und Prioritäten setzen. Kann ich eins der Probleme am Telefon regeln? Wird der Patient sofort sterben wenn ich jetzt nicht auf Station komme? Kann ich etwas an die ITS Pflege delegieren?
Nicht jeder hat ununterbrochen zutun. Und wenn die Hütte brennt, dann lässt man eben mal seine eigene, gerade weniger wichtige, Arbeit liegen und hilft dem Kollegen der anderen Fachrichtung. Dass alle unterunterbrochen mit vital bedrohlichen Notfällen kämpfen, gibts nur bei Grey’s Anatomy.
Das beruhigt mich. Bin halt klinisch nicht so erfahren. Es müssen aber auch die RICHTIGEN Entscheidungen getroffen werden. Das sehe ich schon als großes Anfängerproblem
Eine Intensivstation erfordert einen Arzt der nur für die Intensivstation zuständig ist - d.h. der kann nicht gleichzeitig für Notfälle auf Station oder in der Notaufnahme eingeplant werden. Zumindest darf das KH seine Behandlungen sonst nicht entsprechend abrechnen.
Eine Notaufnahme erfordert nach dem GBA-Beschluss aus dem Vorjahr ebenfalls einen Arzt der "fachlich, räumlich und organisatorisch eindeutig der Versorgung von Notfällen zugeordnet sind und im Bedarfsfall in der Zentralen Notaufnahme verfügbar" ist. Geht natürlich nur, wenn er sonst nichts wichtiges zu tun hat. Außerdem muss er die ZB "Klinische Akut- und Notfallmedizin" besitzen, was den Facharzt impliziert - als Assistenzarzt also für die eh uninteressant. Weiterhin muss innerhalb von 30 Minuten jeweils ein Facharzt für Innere + Anästhesie + Chirurgie vor Ort am Patienten sein. Zumindest wenn das KH an der Notfallversorgung teilnehmen will.
Sind die o.g. Strukturvoraussetzungen nicht gegeben, dann folgen daraus für das KH zumindest wirtschaftliche Risiken. Vermutlich aber auch rechtliche Risken aufgrund des Organisationsverschuldens. Weiß ich als Assistenzarzt von diesen Zuständen trifft mich - im Falle einer Patientenschädigung - ein Übernahmeverschulden.
Das beruhigt mich. Bin halt klinisch nicht so erfahren. Es müssen aber auch die RICHTIGEN Entscheidungen getroffen werden. Das sehe ich schon als großes Anfängerproblem
Dafür gibt es Oberärzte, die man anrufen kann. Das Szenario, welches du in deinem Kopf hat’s, wird so vermutlich in der Realität nicht existieren.
Eine Notaufnahme erfordert nach dem GBA-Beschluss aus dem Vorjahr ebenfalls einen Arzt der "fachlich, räumlich und organisatorisch eindeutig der Versorgung von Notfällen zugeordnet sind und im Bedarfsfall in der Zentralen Notaufnahme verfügbar" ist. Geht natürlich nur, wenn er sonst nichts wichtiges zu tun hat. Außerdem muss er die ZB "Klinische Akut- und Notfallmedizin" besitzen, was den Facharzt impliziert - als Assistenzarzt also für die eh uninteressant. Weiterhin muss innerhalb von 30 Minuten jeweils ein Facharzt für Innere + Anästhesie + Chirurgie vor Ort am Patienten sein. Zumindest wenn das KH an der Notfallversorgung teilnehmen will.
Sind die o.g. Strukturvoraussetzungen nicht gegeben, dann folgen daraus für das KH zumindest wirtschaftliche Risiken. Vermutlich aber auch rechtliche Risken aufgrund des Organisationsverschuldens. Weiß ich als Assistenzarzt von diesen Zuständen trifft mich - im Falle einer Patientenschädigung - ein Übernahmeverschulden.
Es wird zwar selten so heiß gegessen, wie der TE kocht aber das erscheint mir doch eher unrealistisch. Zeig mir mal eine Notaufnahme, in der rund um die Uhr jemand mit der ZB Klinische Akut- und Notfallmedizine anwesend ist. Im Hintergrund ok (und selbst da wird es das eher nur an großen Häusern geben) aber im Vordergrund? Nie im Leben. Da wird in den meisten Fällen zumindest nachts der Hausdienst die ZNA mitbetreuen.
Ich denke auch, dass es sehr unwahrscheinlich ist und am Anfang macht man sich da noch deutlich mehr Gedanken. Ich bin in der Ortho/Unfall, im Dienst plus Allgemeinchirurgie gewesen. Im Notfall ruhig Kollegen dazu rufen, du bist ja nicht komplett allein (ok, im nächsten größeren Krankenhaus war ich es tatsächlich, aber reine Ortho, von der Anästhesie war zumindest Pflege im Haus).
Wenn man nachts im OP stand und jemand in der Notaufnahme aufschlug, war es recht interessant zu hören, dass es auf einmal doch keine so großen Notfälle waren, wenn sie Aussicht hatten 2-3h zu warten, bis OP fertig und der Arzt/die Ärztin Zeit hat. Wäre es ein Notfall gewesen, hätte man natürlich auch rausgehen können und in dem Moment war ja sogar ein Hintergrund im Haus.
Ich hatte tatsächlich 1x ein Problem, von der Polizei ein Anruf, ob die "2 Jungs" denn schon da wären vom Unfall .... 14 und 18 Jahre alt (Kinderklinik ist paar km weiter, wir nehmen die eigentlich gar nicht auf), der ältere der Fahrer. Zu viert im Auto gesessen, bei über 100 km/h mehrfach überschlagen, der 14jährige nicht angeschnallt, der 18jährige mit Brustschmerzen, weil auf Lenkrad geknallt und Airbag nicht ausgelöst. Hintergrund (Chef) angerufen, der hat mittendrin im Halbschlaf aufgelegt, soll erstmal gucken, was sie haben (hatte ich ja, aber war z.B. die Frage, ob man jetzt nen 14 und 18jährigen aufgrund des Unfallhergangs ins CT schiebt). Anästhesie meinte nur: hab eh keinen Platz und ich stand da mit 2 schmerzgeplagten Jungs und 1 Pfleger, Mitte/Ende 2. WB-Jahr. Glücklicherweise hat die Pflegekraft "Polytrauma" auslösen können und so noch eine Pflegekraft dazu organisieren können, so dass zumindest keiner der beiden allein war.
Letzten Endes hatten wir alle Glück ... 14jähriger nur Claviculafraktur und Prellungen, den hab ich auf die chirurgische IMC gelegt und 3h später nochmal FAST-Sono gemacht. Den älteren hat mir der internistische Kollege abgenommen, auf seine IMC gepackt und (glücklicherweise sehr erfahrener Kollege kurz vor FA) Echo gemacht, um Perikarderguss auszuschließen. Kontrolle hat er auch übernommen. Fand ich damals echt unschön die Situation ... der HIntergrund hätte auch mehr als 30 min gebraucht und unsere Unfallchirurgen kamen sehr sehr ungern rein.
Bei Fragen konnte und sollte man sich aber durchaus an die Kollegen wenden, umgekehrt wurde ich von obigem Kollegen halt auch geweckt, als eine seiner Patientinnen unter Marcumar nachts beim Toilettengang mit dem Kopf gegen die Heizung gefallen war.
Auch nicht vergessen: die Pflegekräfte haben (meist) eine Menge Erfahrung und sind da durchaus kooperativ. Bei einigen Notfällen reichen dann durchaus mal Stichworte, um in die Spur zu kommen.
Das beruhigt mich. Bin halt klinisch nicht so erfahren. Es müssen aber auch die RICHTIGEN Entscheidungen getroffen werden. Das sehe ich schon als großes Anfängerproblem
Das ist in der Tat das größte Anfänger-Problem. Fehler oder Behandlungsfehler-Vorwürfe in der Notfall-Versorgung passieren üblicherweise nicht, weil jemand auf der Intensivstation einen Notfall versorgt hat und derweil in der Notaufnahme "zwei zeitkritische Herzinfarkte reingekommen sind", die nicht versorgt worden sind.
Das, was einem im Krankenhaus als Anfänger real passiert, ist, dass man Sachen unter echtem oder gefühltem Zeitdruck abarbeitet und dabei Fehler macht. Also *weil* die Schwester aus der Notaufnahme angerufen hat, dass da fünf Patienten reingekommen sind (müssen nicht mal Herzinfarkte oder was Zeitkritisches sein), beeilt man sich auf Station, irgendwas abzuarbeiten, und übersieht dabei etwas Wesentliches, dokumentiert etwas falsch, verwechselt eine Patientenkurve und schreibt somit die Anordnung in die falsche Kurve, füllt einen Totenschein falsch aus, oder man vergißt Thromboseprophylaxe anzuordnen und er Patient hat dann eine Lungenembolie. *Weil* man als Anfänger auf einer internistischen Station direkt 10 oder 20 oder beliebig viele Patienten zugewiesen bekommt, kriegt man Sachen, die eben *nicht* per se zeitkritisch sind, aber grundsätzlich gemacht werden müssen, nicht auf die Reihe, oder es geht ein wichtiger Befund unter.
Das sind die Sachen, die einem Anfänger passieren. Fehler, die in der Patientenversorgung einfach aus einer allgemeinen Überlastung heraus bei der Abarbeitung "normaler" Aufgaben gemacht werden.
Dass mehrere zeitkritische Notfälle gleichzeitig passieren, und ein Patienten-Schaden daraus entsteht, weil einer von denen warten mußte, während man sich gerade um einen anderen kritischen Patienten kümmern mußte, ist dagegen zwar theoretisch denkbar, aber in der Praxis eine echte Rarität.
ehem-user-23-12-2021-1346
19.12.2021, 13:01
Das ist in der Tat das größte Anfänger-Problem.
Das sind die Sachen, die einem Anfänger passieren. Fehler, die in der Patientenversorgung einfach aus einer allgemeinen Überlastung heraus bei der Abarbeitung "normaler" Aufgaben gemacht werden.
Das befürchte ich. Insbesondere wenn man allein ist und deshalb unter extremen Zeitdruck steht. Und was soll man machen, wenn man aufgrund Zeitdrucks nicht "eingearbeitet" wurde? "Learning by error" kann ja schnell vor Gericht enden.
Mr. Pink online
19.12.2021, 13:04
Sämtliche Situationen die hier herauf beschworen werden, treffen ja lediglich für die Nächte zu. Tagsüber ist eigentlich immer genug ärztliches Personal da um sowohl Station, OP, Notaufnahme, ITS usw. abzudecken. Nachts ist die Versorgung meistens eine Zumutung, egal in welches Klinikum man schaut. Ich weiß von mehreren Kliniken, wo aufgrund der Größe nachts nur ein Assistent der Inneren da ist - und zwar für Notaufnahme, Station und ITS. Das Ganze läuft dann teilweise auch noch als Bereitschaftsdienst. Die Krankenversorgung in Deutschland ist ein Trauerspiel. Die Krankenhäuser beschei*** da mutwillig was die Abrechnungen von Komplex-Ziffern z. B. auf Intensiv betrifft. Das ist flächendeckend ein Problem, das aber nicht sanktioniert wird.
Ein Facharzt muss aber immer im Hintergrund erreichbar sein! Wenn du den bei Problemen nicht informierst, ist es eigentlich immer ein Übernahmeverschulden, egal zu welcher Tageszeit. Wenn er bei einem Problem entscheidet nicht reinzukommen, sondern lieber den unerfahrenen Assistenten einen Schockraum machen zu lassen, dann ist er dafür verantwortlich. Ich meine einen unerfahrenen Arzt schwere Notfälle alleine machen zu lassen ist immer ein relevantes Gesundheitsrisiko für den Patienten, egal ob es ein oder zwei Notfälle gleichzeitig sind. Aber dieses Risiko ist kalkuliert und toleriert. Habe schon viele Fälle erlebt, bei denen es nicht optimal lief, Verantwortung übernimmt dafür nie jemand. Und in Frage gestellt wird auch nichts. Da der Mangel an Klinikärzten steigt wird sich daran auch sicher nichts ändern.
Ich weiß von mehreren Kliniken, wo aufgrund der Größe nachts nur ein Assistent der Inneren da ist - und zwar für Notaufnahme, Station und ITS. Das Ganze läuft dann teilweise auch noch als Bereitschaftsdienst. Die Krankenversorgung in Deutschland ist ein Trauerspiel. Die Krankenhäuser beschei*** da mutwillig was die Abrechnungen von Komplex-Ziffern z. B. auf Intensiv betrifft. Das ist flächendeckend ein Problem, das aber nicht sanktioniert wird.
Anonymen Brief ans Gewerbeaufsichtsamt, den Verband der GKV und ggf. Staatsanwaltschaft. Wenn die das wirklich als Komplexbehandlung abrechnen und bei der Dokumentation bescheißen, verlieren da ein paar Leute mehr als nur den Job sondern auch ihre Approbation und wenn sie viel Pech haben je nach Umfang auch ihre Freiheit (= Urkundenfälschung, bandenmäßiger Betrug, etc). :-winky
ehem-user-23-12-2021-1346
19.12.2021, 13:22
Als Hauptproblem empfinde ich, dass Nachts wirklich alles kommen kann. Auch Patienten mit sehr unklarer Symptomatik. Den unter Zeitdruck und übermüdet zu behandeln stelle ich mir sehr schwierig vor, da man ja schon Fehler macht. Jeder macht auch im Steg bei den Key-Feature-Fehler. Das ist aber nicht so schlimm, wie in der Praxis die falsche Entscheidung treffen. Man kann ja auch nicht ständig den Hintergrund anrufen
Mr. Pink online
19.12.2021, 13:24
Anonyme Anzeigen bringen da vermutlich genau so viel wie bei den Betrügereien bzgl. nichterfassten Arbeitszeiten, Verstoß gegen Arbeitszeitgesetz usw. Ich nenne es jetzt einfach mal Betrug, weil wir ja alle wissen, dass es bei den Arbeitszeiten mutwillig passiert.
Das befürchte ich. Insbesondere wenn man allein ist und deshalb unter extremen Zeitdruck steht. Und was soll man machen, wenn man aufgrund Zeitdrucks nicht "eingearbeitet" wurde?
Einen anderen Job suchen.
Das ganze ist ein Lotterie-Spiel, zu dem man sich mit der Übernahme des Medizin-Studienplatzes oder mit dem Staatsexamen Medizin oder mit dem Erhalt der Approbationsurkunde oder mit dem ersten Arbeitsvertrag als Arzt oder mit dem Antritt zum konkreten Dienst (wo man den entscheidenden Punkt genau setzen würde, kann man sich selbst überlegen) ein Los gekauft hat. Der Großteil der Ärzte macht im Lauf der Facharzt-Ausbildung keinen Fehler, der ihm persönlich nachgewiesen wird. Einen Teil der Ärzte erwischt es irgendwann, dass sie ein Verfahren am Hals haben, die meisten empfinden das auch als extrem belastend, und viele von denen ziehen Konsequenzen für ihre berufliche Tätigkeit bis hin zur Aufgabe des Arzt-Berufs. Die Lotterie läuft weiter mit den im Spiel verbleibenden Teilnehmern.
"Learning by error" kann ja schnell vor Gericht enden.
Die Klage- und Anzeige-Freudigkeit gegen Ärzte ist in Deutschland zum Glück immer noch relativ niedrig. Nur sehr wenige Fehler kommen tatsächlich vor Gericht. Man hat als Arzt eben das Los dafür gekauft, dass es grundsätzlich passieren *kann*. Das ist Teil dieses schönen Papiers namens Approbationsurkunde bzw. des Arbeitsvertrags als Arzt. Der Arzt wird immer irgendwo in die Verantwortung mit reingenommen. Selbst wenn nichtärztliches Personal einen Fehler gemacht hat, darf man getrost davon ausgehen, dass der Arzt, der da irgendwo mit in der Akte steht oder irgendwo mit dabei war, erst mal auch mit drin hängt und schauen muß, ob er aus der Nummer raus kommt oder am Ende doch als irgendwo mit- (oder sogar haupt-)verantwortlich angesehen wird.
Du schreibst, dass du "klinisch nicht so erfahren" bist. Dass du (noch) wenig Ahnung davon hast, wie die klinische Realität und Notfallversorgung aussieht, klingt ehrlich gesagt auch aus deinen Beschreibungen sehr deutlich heraus. Also bist du ja entweder noch im Studium oder ziemlich am Anfang deiner Berufstätigkeit, also ziemlich jung. Kannst also noch abbiegen in die Labormedizin oder irgendwas anderes Patienten-Fernes, wenn die Überforderung in der Patientenversorgung und die damit zusammenhängende Verantwortung / das Risiko dich zu sehr streßt.
ehem-user-23-12-2021-1346
19.12.2021, 13:51
Also bist du ja entweder noch im Studium oder ziemlich am Anfang deiner Berufstätigkeit, also ziemlich jung. Kannst also noch abbiegen in die Labormedizin oder irgendwas anderes Patienten-Fernes, wenn die Überforderung in der Patientenversorgung und die damit zusammenhängende Verantwortung / das Risiko dich zu sehr streßt.
Ich bin am Ende des Studiums, allerdings älter. Hab vorher was ganz anderes Gemacht. Die Arbeitsbedingungen in der Akutmedizin habe ich naiv wie ich war unterschätzt. Ich wusste natürlich schon, dass es Probleme gibt. Aber ich habe mir gedacht: Es wird schon nicht so schlimm. Durch die Pandemie wurde natürlich vieles noch schlimmer. Auch dass so flächendeckend gegen den Tarifvertrag verstoßen wird und so oft auch vorsätzlich betrogen wird, habe ich in der Ausprägung nicht erwartet. Ich arbeite für Geld wie jeder andere AN auch Auch dass fast überall schlechte Stimmung herrscht war mir nicht klar. Ich würde gerne Psychiatrie machen, da ich das sehr interessant finde. Allerdings schrecken mich da die Arbeitsbedingungen ab, weil es z.T: noch schlimmer als in der Innere oder Chirurgie sein soll, was hier manche schreiben. Labor interessiert mich nicht so, das wäre nur eine absolute Notlösung. Allerdings bin ich jetzt an einem Punkt, wo ich nicht mehr alles aufgeben kann. Mir wird nur bewusst, was ich mir damit angetan hab, da ich die Arbeitsbedingungen unterschätzt habe. Das es 2021 Leute im OP gibt, die scharfe Instrumente in die Richtung von anderen werfen, hätte ich auch nicht geglaubt. Ist nicht schön, sowas ins Auge zu bekommen.
Mr. Pink online
19.12.2021, 13:59
Fang doch erst mal an zu arbeiten, bevor du alles für dich abschreibst. Die Zustände sind nicht gut, aber wir hoffen ja auch alle durch unsere Teilhabe aktiv etwas daran ändern zu können. Wer dem System den Rücken kehrt, wird den Zerfall beschleunigen. Ausländische Ärzte werden den Platz einnehmen. Die lassen deutlich mehr mit sich machen, da sie nicht um ihre Rechte wissen. Sad but true.
ehem-user-23-12-2021-1346
19.12.2021, 14:03
Ja, ich werde auf jeden Fall als Arzt arbeiten, falls ich das Steg bestehe. Das mit den scharfen Instrumenten habe ich nur gehört, nicht gesehen. Das könnte ich auch niemals akzeptieren und wäre für mich sofortiger Kündigungsgrund (auch wenn ich keine neue Stelle hätte)
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