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nie
30.06.2022, 19:24
Klar kannst du auch in der Psychiatrie „jemand umbringen“. Es sind nicht wenige Menschen vom Klinikparkhaus gesprungen nachdem der Psychiater sie als „nicht suizidal“ entlassen hat…

Und ja, in manchem Psychiatrien kämpft man auch als 1,60 m große Assistenzärztin nachts mit den psychotischen Patienten. Da kann man sich dann mal schnell überlegen, wie man die unter Kontrolle kriegt… Daher ja die Anmerkung von Nefadozon, dass die Psychiatrie auch nicht immer und überall ein chilliges Fach ist.

Nefazodon
30.06.2022, 19:37
Kann sein, dass es schwerer ist akut jemanden umzubringen....aber deswegen sind die Fälle an sich nicht weniger akut und arbeitsintensiv.

Außerdem ist es auch ganz und gar nicht schön, wenn sich ein Patient in deinem Dienst suizidiert (also selbst umbringt). Schließlich gehört es zu den Aufgaben eines Psychiaters genau das zu verhindern. Die meisten Kollegen, die ich kenne, denen das passiert ist, haben ganz schön damit zu kämpfen...

Wachpersonal? Nicht regelhaft. Die aggressiven Patienten werden primär durch die Pflege und die Ärzte versorgt....wenn ein Patient so nicht zu bändigen ist, ruft man halt den Sicherheitsdienst oder beschafft sich Amtshilfe durch die Polizei.
Aber regelhaft steht das Pflegepersonal bei den Fixierungen an vorderster Front.

Was man in der Psychiatrie auch nicht unterschätzen darf ist der Verwaltungsaufwand bzw. die rechtlichen Anforderungen.

Außerdem die Tatsache, dass man oft "zwischen den Stühlen" sitzt: der Patient will etwas anderes als das Ordnungsamt und die Polizei, die Angehörigen wollen nochmal was anderes und am Schluss kommt ein Richter und entscheidet wieder was anderes...

Gerade auch bei "Drehtürpatienten", die oft akut mit der Polizei vorstellig werden, dann aber einige Tage oder Wochen später doch wieder entlassen werden, weil keine akute Gefährdung mehr vorliegt, dann erneut gebracht werden, ist das Frustpotenzial hoch...(übrigens auf allen Seiten, also auch z.B. bei der Polizei)

Ein weiteres Problem: Psychisch erkrankte bringen oft viele somatische Vorerkrankungen mit, sind aber nur unzureichend versorgt, da sie sich oft nicht um sich kümmern können bzw. incompliant sind, krankheitsbedingt. Auch das macht dir als Arzt dann Stress.
Schließlich willst Du nicht, dass der wahnhafte somatisch Erkrankte langsam auf deiner Station stirbt, nur weil er die Notwendigkeit der Behandlung nicht einsehen kann. Aber beantrage da in Deutschland mal eine Zwangsbehandlung....alles schwierig, auch ethisch.

Edit: nie war mit der Antwort schneller als ich....

Edit 2: habe noch ein paar Sachen ergänzt

ehem-user-12-07-2022-0938
30.06.2022, 20:16
Ein weiteres Problem: Psychisch erkrankte bringen oft viele somatische Vorerkrankungen mit, sind aber nur unzureichend versorgt, da sie sich oft nicht um sich kümmern können bzw. incompliant sind, krankheitsbedingt. Auch das macht dir als Arzt dann Stress.
Schließlich willst Du nicht, dass der wahnhafte somatisch Erkrankte langsam auf deiner Station stirbt, nur weil er die Notwendigkeit der Behandlung nicht einsehen kann. Aber beantrage da in Deutschland mal eine Zwangsbehandlung....alles schwierig, auch ethisch.

Edit: nie war mit der Antwort schneller als ich....

Edit 2: habe noch ein paar Sachen ergänzt

Aber die meisten Psychiatrien haben doch überhaupt nicht die Möglichkeiten der Diagnostik, Bildgebung für somatische Erkrankungen. Da kann man doch z.T. nicht mal ne BGA machen.
Werden die dann verlegt? Wenn die so viele somatische Krankheiten haben, gibt es doch in der Psychiatrie überhaupt nicht die Kapazitäten, die adäquat zu versorgen. und viele Psychiatrien sind ja eigenständig und nicht "in einem Haus" mit anderen Disziplinen wie bei einem Maximalversorger, Uniklinik

Nefazodon
30.06.2022, 20:33
Aber die meisten Psychiatrien haben doch überhaupt nicht die Möglichkeiten der Diagnostik, Bildgebung für somatische Erkrankungen. Da kann man doch z.T. nicht mal ne BGA machen.
Werden die dann verlegt? Wenn die so viele somatische Krankheiten haben, gibt es doch in der Psychiatrie überhaupt nicht die Kapazitäten, die adäquat zu versorgen. und viele Psychiatrien sind ja eigenständig und nicht "in einem Haus" mit anderen Disziplinen wie bei einem Maximalversorger, Uniklinik

Ja schon. Und das Spiel läuft dann ungefähr so: Der chronisch psychotische Patient wird aufgrund seiner somatischen Erkrankung in die entsprechende somatische Disziplin verlegt. Dort kann er aber, aufgrund seiner krankheitsbedingten Incompliance, nur kurz behandelt werden. Da der Patient "schwierig" ist, wird dann nur das Nötigste gemacht (soll kein Vorwurf sein an dieser Stelle, ist halt so). Und dann wird der Patient wieder zurückverlegt, mit einer Latte an Anordnungen, die man so aber nicht umsetzen kann.

Am Ende sind alle beteiligten Ärzte maximal unglücklich: die Ärzte der Somatik fühlen sich mit der psychischen Erkrankung überfordert und die Ärzte in der Psychiatrie fühlen sich mit den somatischen Gebrechen überfordert.

An einem Maximalversorger ist es meiner Meinung nach übrigens genauso. Die Fachdisziplinen sind ja räumlich getrennt und Konsile laufen in beide Richtungen oft nur schleppend.

(Anmerkung: Ich muss zugeben, dass ich überwiegend Erfahrungen an einem Maximalversorger gemacht habe. Ich weiß also nicht, wie es in kleineren psychiatrischen Kliniken ohne Innere ist. Aber wenn die an der Pflichtversorgung teilnehmen, können sie sich ihre Patienten und deren Erkrankungen ja auch nicht aussuchen)

ehem-user-12-07-2022-0938
30.06.2022, 20:44
Am Ende sind alle beteiligten Ärzte maximal unglücklich: die Ärzte der Somatik fühlen sich mit der psychischen Erkrankung überfordert und die Ärzte in der Psychiatrie fühlen sich mit den somatischen Gebrechen überfordert.

Ok, das ist natürlich keine optimale Situation. Dennoch sicherlich ein spannendes Fach. Aber es hat ja schon den Ruf, dass man diese Fachrichtung schon ganz gut mit seinem Familienleben vereinbaren kann, was man z.B. bei Neurochirurgie oft nicht kann. Kommt natürlich auf die Klinik an. Es gab mal eine größere Umfrage, bei der herauskam, das Psychiatrie eines der Fächer mit den wenigsten Überstunden ist. Die meisten hatten Orthopädie/Umfallchirurgie und Innere.
Wieviel Dienste macht man bei euch im Schnitt?

Nefazodon
30.06.2022, 21:28
Nicht falsch verstehen: die Psychiatrie IST ein spannendes und schönes Fach. Man kann mit seinen Patienten reden (obwohl auch das sehr belastend sein kann) und erfährt oft ihre persönliche Geschichte. Depression ist eben nicht gleich Depression so wie vielleicht Herzinsuffizienz gleich Herzinsuffizienz ist (ich hab allerdings nie kardiologisch gearbeitet).
Viele Patienten sind auch sehr dankbar und es ist (wie wohl überall?) ein gutes Gefühl wenn man Ihnen helfen kann.

Ich habe weiter oben nur deshalb die negativen Aspekte betont, weil es in einigen Posts pauschal so klang, als seien die Arbeitsbedingungen in der Psychiatrie besser als anderswo....das sehe ich nicht so.

Was die Dienste angeht: alleine von der Anzahl her mag es weniger Dienste geben als in anderen Fächern, aber sie sind genauso belastend.
Überstunden wiederum habe ich in der Psychiatrie auch genug gekloppt.

Was aber vielleicht noch zu bedenken ist bei der Psychiatrie, wenn Du dich dafür interessierst: die psychotherapeutische Ausbildung, die verpflichtend ist für den Facharzt, muss oft in der Freizeit absolviert werden, teils (wohl nicht überall) auch auf eigene Kosten...

ehem-user-12-07-2022-0938
30.06.2022, 21:40
Was aber vielleicht noch zu bedenken ist bei der Psychiatrie, wenn Du dich dafür interessierst: die psychotherapeutische Ausbildung, die verpflichtend ist für den Facharzt, muss oft in der Freizeit absolviert werden, teils (wohl nicht überall) auch auf eigene Kosten...

Das ist mir klar. Und ÜS solange sie dokumentiert sind ist auch ok. Wieviel Dienste sind das Im Schnitt bei euch?

ehem-user-12-07-2022-0938
30.06.2022, 23:02
Wenn man sich die Bewertungen im PJ-Ranking so findet man auch zu 90% gute "grüne" Bewertungen. Und in 4 Monaten bekommt man ja schon sehr viel über die Arbeitsbedingungen der Ärzte und übrigen Angestellten mit. Wenn man das mit den Chirurgie-Bewertungen (viel rot) vergleicht, kann man schon auf die Idee kommen, das die Arbeitsbedingungen besser sind. Natürlich nicht pauschal, das verstehe ich schon.

cartablanca
30.06.2022, 23:06
Ok, das ist natürlich keine optimale Situation. Dennoch sicherlich ein spannendes Fach. Aber es hat ja schon den Ruf, dass man diese Fachrichtung schon ganz gut mit seinem Familienleben vereinbaren kann, was man z.B. bei Neurochirurgie oft nicht kann. Kommt natürlich auf die Klinik an. Es gab mal eine größere Umfrage, bei der herauskam, das Psychiatrie eines der Fächer mit den wenigsten Überstunden ist. Die meisten hatten Orthopädie/Umfallchirurgie und Innere.
Wieviel Dienste macht man bei euch im Schnitt?

Ortho/ Unfall kann ich nicht bestätigen.
Innere gab ich noch keine Klinik gesehn in der man pünktlich nach Hause kommt. Die Notfälle kosten zu viel Zeit.

Nefazodon
01.07.2022, 00:35
Wenn man sich die Bewertungen im PJ-Ranking so findet man auch zu 90% gute "grüne" Bewertungen. Und in 4 Monaten bekommt man ja schon sehr viel über die Arbeitsbedingungen der Ärzte und übrigen Angestellten mit. Wenn man das mit den Chirurgie-Bewertungen (viel rot) vergleicht, kann man schon auf die Idee kommen, das die Arbeitsbedingungen besser sind. Natürlich nicht pauschal, das verstehe ich schon.

Dir ist aber schon bewusst, dass Du von einem PJ-Ranking nur begrenzt auf spätere Arbeitsbedingungen als Assistenzarzt schließen kannst?

Z.b. bekommen PJler meistens nicht die volle Arbeitsbelastung in den Diensten mit....
Auch der Punkt mit der Psychotherapieausbildung in der Freizeit mag dich jetzt noch nicht stören, aber wenn Du einmal das Vergnügen hattest drei Wochenenden hintereinander zu arbeiten um dann am vierten Supervision zu haben, sieht das ganz anders aus...

ehem-user-12-07-2022-0938
01.07.2022, 02:07
Dir ist aber schon bewusst, dass Du von einem PJ-Ranking nur begrenzt auf spätere Arbeitsbedingungen als Assistenzarzt schließen kannst?


Klar, aber es gibt ja kein Portal, wo es ein Assistenzärzte-Ausbildungs-Arbeitsbedingungen-Ranking gibt. Da ist das PJ-Portal quasi die einzige Möglichkeit zu sehen, wo man besser nicht hingeht. Die wirkliche Arbeitsbelastung bekommt man so nicht mit, das stimmt. Und 3 WE hintereinander arbeiten PT-Ausbildung finde ich schon heftig. Ich überlege ernsthaft in ein Fach ohne Patientenkontakt zu gehen, wenn die Arbeitsbedingungen so schlecht sind

ehem-user-12-07-2022-0938
01.07.2022, 02:18
Und ich möchte auf jeden Fall ein Fach machen, wo eine gewisse Work-Life-Balance möglich ist. Wenn das in der Psychiatrie oder allgemein Patientenversorgung nicht möglich ist, wäre das kein Fach für mich.Auf der Arbeit hänge ich mich natürlich voll rein und will gut sein, aber ich lebe halt nicht gerne nur für ein Krankenhaus.

Züschata
01.07.2022, 16:23
Fang doch einfach an zu arbeiten und mach deine eigenen Erfahrungen. Von vornherein so ein ängstliches self-handicapping zu betreiben muss doch nicht sein. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich folge dem Forum schon seit über 10 Jahren und es ist nicht Neues, dass pauschale Urteile gefällt werden, nachdem eine pauschale Frage gestellt wurde. Es geht immer darum, wie du es erlebst und wie du damit klarkommst und wie viel Zeit du dir gibst, irgendwo reinzukommen, mit Frustrationen umzugehen und zu lernen. Häufiger kann man viel mehr bewältigen, wenn man sich eine neugierige, offene und nicht katastrophisierende Haltung zulegt.

Cor_magna
08.07.2022, 02:58
Und ich möchte auf jeden Fall ein Fach machen, wo eine gewisse Work-Life-Balance möglich ist. Wenn das in der Psychiatrie oder allgemein Patientenversorgung nicht möglich ist, wäre das kein Fach für mich.Auf der Arbeit hänge ich mich natürlich voll rein und will gut sein, aber ich lebe halt nicht gerne nur für ein Krankenhaus.

Nur aufgrund besserer Arbeitsbedingungen in ein Fach wie Labormedizin oder Pathologie oder ähnliches zu wechseln, kann auch nach hinten losgehen, soviel sei gesagt. Ein geborener Chirurg wird nicht plötzlich die labormedizin lieben. Vorher genau anschauen. Jeder ist anders und so mancher hat sich schon durch Ängste vor stressigen Situationen gelähmt, obwohl im Nachhinein wenig Grund hierfür bestand.