Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gut laufende Karriere über den Haufen werfen und Humanmedizin machen?
Wenn man sich umhört oder die Vita einiger Ärzte im Internet studiert scheint aber der Großteil der Ober- und Chefärzte Familie und Kinder zu haben. Die haben zwar heute keine Dienste mehr, aber die haben sich ja anscheinend in ihrer Laufbahn sehr ins Zeug gelegt. Kenne auch Chirurgen mit 4 Kindern wo beide Elternteile Ärzte sind. Das ist gar nicht mal so selten.
Oftmals sind die Kinder aber erst nach dem Studium und ggf nach der Assistenzzeit oder nach fortgeschritter Weiterbildung gekommen und der andere Partner hat ggf zeitweise den Rücken freigehalten bzw die Kinder sind so aufgewachsen und an die Strukturen gewöhnt. In dem Fall des Te ist im Moment Zeit und Geld da. Beginnt er ein Studium ist die Frau Alleinverdienerin und wird nicht weiter reduzieren können ( sofern sie nicht sogar auf 100 Prozent aufstocken muss). Und das Ziel scheint nicht die Medizin ansich, sondern die medizinische Karriere zu sein. Das kann klappen, aber es klappt eben auch häufig nicht und die Bedingungen des TE sind nunmal nicht und die Bedingungen sind hier nicht optimal, so dass die Wahrscheinlichkeit dass die große Karriere klappt eben niedriger ist als bei jungen Kollegen, die sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können. Und bis Anerkennung usw eintreten ist es ein langer Weg, der eben auch viel Motivation und Anstrengung braucht, die nicht unmittelbar belohnt werden.
Das heißt ja nicht, dass es unmöglich ist, aber man sollte sich sehr bewusst sein, warum man es macht und dass es zwischenzeitlich u d ggf auch am Ende eben auch deutlich schlechter, statt besser aussehen kann als man es gewohnt ist. Wenn man selbst und die Familie damit zurecht kommen, dann kann man das natürlich versuchen.
Kackbratze
05.04.2024, 09:01
Die These, dass Ober- und Chefärzte keine Dienste mehr machen ist schon recht....steil formuliert.
Rufdienste gibt es Abteilungsabhängig in unterschiedlichen Schweregraden und es gibt Kliniken mit Oberärzten im Anwesenheitsdienst.
@psasanler
Wo finde ich eigentlich die validen Zahlen zu der Auswertung der Anzahl der Kinder von Chirurgen?
Zumal keine Dienste nicht automatisch mehr Freizeit bedeutet. Mein Chef macht keine Dienste, ist aber trotzdem häufiger und länger in der Klinik als jeder Assistenzarzt :-nix
Endoplasmatisches Reticulum
05.04.2024, 09:17
Mittagessen ist doch kein Indikator für Arbeitsbedingungen. Bei meiner letzten Stelle haben wir auch sehr darauf geachtet, das täglich zu machen. Wir saßen trotzdem jeden Tag 3 bis 4 Stunden nach Feierabend noch da, die Dienste waren ein Mahnmal wider die Menschlichkeit, und wir hatten Türme aus unfertigen Briefen bis zur Stratosphäre wuchern. Bei der Stelle davor war das alles besser. Dafür war dann die Dienstanzahl pro Monat absurd hoch. Irgendeinen Tod stirbt man überall.
Die meisten Kliniken werden in einem andauernden Äquilibrium polymorpher "Ausnahmezustände" betrieben. Aktuell ist es scheiße, weil Stellen unbesetzt sind. Aktuell ist es scheiße, weil Leute in Elternzeit sind. Aktuell ist es scheiße, weil Krankheitswelle. Aktuell ist es scheiße, weil die Verwaltung stellen gekürzt hat. Aktuell ist es scheiße, weil Aufgaben der fehlenden Pflege/MFAs von Ärzten mit getragen werden müssen. Aktuell ist es scheiße, weil keine Oberärzte mehr da sind. Aktuell ist es scheiße, weil zu viele Anfänger im Team. Aktuell ist es scheiße, weil die Altassis über alle Kapazität Neulinge anlernen müssen. Es ist immer "aktuell" scheiße. Bloß besser wird es nie, nur der Teil hinter dem "weil" reicht mal die Fackel weiter. Und wenn es ausnahmsweise doch mal nicht scheiße ist, müssen Chefs so sicher wie das Amen in der Kirche das Team endlich all das Zeug aufholen lassen, das vorher liegengelieben ist, weil es ja scheiße war. Und siehe da, es ward scheiße again.
Cor_magna
05.04.2024, 09:46
In der Chirurgie machen die Assistenzärzte inzwischen ernsthaft Mittagspausen... das gabs zu meiner Zeit nicht.
Mein Onkel (Unfallchirurgie Oberarzt, 1 Jahr vor der Rente), meinte dass zu seiner Zeit eher mehr Wochenstunden anfielen inklusive 36h Dienste etc ("ich habe praktisch im Krankenhaus gelebt"), aber eben die Arbeitsdichte nicht so hoch war wie heute bzw der Patientendurchsatz deutlich niedriger war, die GEschwindigkeit insgesamt niedriger, und das Arbeiten dadurch angenehmer, zudem sagt er, dass die Stimmung im Team auch zwischen Arzt und Pflege etc besser war. Insgesamt auch bessere Personalsituation mit besserem Stellenschlüssle auf ärztlicher und pflegerischer Seite ("Man konnte sich noch besser um den einzelnen Patienten kümmern und sich mehr Zeit für den einzelnen Patienten nehmen"). Ach ja und die alten Chefarztverträge sollten wohl jenseits von gut und böse gewesen sein ("Altverträge gerne mal mit 1 Million Mark und mehr pro Jahr")
Könnte natürlich auch immer an den einzelnen Häusern liegen.
Verbesserung die er anbringt: Überstunden werden mittlerweile bezahlt, sowas gabs bei ihm nicht. Abschaffung dieser ewig langen Dienste. Und eben keine Ärzteschwemme mehr ("Ich musste für meine erste Chirurgie Stelle 50 Bewerbungen schreiben, und hatte dann genau eine Zusage. DIe Chefs konnten auch Alles mit uns mahcen, weil sie einen riesigen Stapel an Bewerbungen auf dem Schreibtisch liegen hatten.").
Endoplasmatisches Reticulum
05.04.2024, 10:47
Verbesserung die er anbringt: Überstunden werden mittlerweile bezahlt, sowas gabs bei ihm nicht.
Das ist aber sehr klinikabhängig. In fast allen Abteilungen, die ich von innen gesehen habe, waren Überstunden immer noch ein großes Problem. Entweder weiterhin nicht bezahlt, nur unter kausalen Umständen wie nachweisbaren Ausfällen im Team, oder mit ständigen Querelen aktiv einzufordern; und dann meist als persönliche Lahmarschigkeit an den AiW zurückgespielt.
Der Trend wird wieder mehr werden. Vor allem weil durch Arbeitsverdichtung und Kondensierung des Arbeitsmarktes sich Klinikstellen immer mehr auf beliebte(re) Standorte konzentrieren werden. Man darf nicht vergessen, dass die Arbeitgeber bei steigenden Überstunden einem zunehmenden Druck ausgesetzt sind, diese wegzumauscheln. Wenn in meiner Abteilung 2 Überstunden pro Woche anfallen, kann das dem Chef noch eher egal sein. Wenn durch Strukturwandel plötzlich jeder AiW jede Woche 10 Überstunden macht, kann schonmal das Telefon mit einer Order ins Management anspringen und der Chef danach seine Einstellung zur Vergütung auf wundersame Weise "überdacht" haben. So erlebt, war nicht schön.
Und eben keine Ärzteschwemme mehr ("Ich musste für meine erste Chirurgie Stelle 50 Bewerbungen schreiben, und hatte dann genau eine Zusage. DIe Chefs konnten auch Alles mit uns mahcen, weil sie einen riesigen Stapel an Bewerbungen auf dem Schreibtisch liegen hatten.").
Sicherlich wird es in manchen Fächern früher und härter einschlagen, als in anderen. Aber auch das befindet sich durch o.g. Trends bereits in den Startlöchern fürs Comeback. Am Ende wird es darauf hinauslaufen, den Dreck wieder deutlich mehr zu schlucken, oder in den wenigen verbliebenen Pampa-Kankenhäusern mit dann vermutlich nur noch anteiliger Weiterbildungsbefugnis Facharzt für interkulturellen Austausch zu werden.
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