Anmelden

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Neue Goä ist verabschiedet worden



Seiten : 1 2 [3]

ChemieFreund
03.06.2025, 21:22
Bin da auch bei Kacki, ich bin angestellter Leiter in einer Radiologiepraxis und was hier nun blüht, ist einfach nur kompletter Wahnsinn.
Aber hauptsache man baut sich eine Neiddebatte oder ähnliches auf, dass die Radiologen alle jeden Mittwoch mit dem Porsche zum Tennis fahren weil die Praxis eh egal ist und die sprechende Medizin mehr unterstützt werden muss. Die Praxis hier ist jeden Tag bis 20 Uhr geöffnet, mein Ulcus steht kurz vor der Perforation (als Witz gemeint, keine Sorge). Und dann muss jede kleinste Sache wie Lohnerhöhung von MFA x um 50€ vom kaufmännischen Direktor abgesegnet werden, wo man nach Canossa gehen muss. Und dann kriegt man noch den Knüppel von der KV oder dem BÄT in den Nacken. Daher einfach nur tendenziell aus Medizin aussteigen, es ist Raubbau am Myokard.

anignu
03.06.2025, 21:38
Das ist wieder je nach Fachbereich anders. Wir schicken gerne postoperativ nach Hause, auch schon vor der HybridDRGs, müssen aber schauen ob der Patient das auch kann. Also Umfeld, Nebenerkrankungen, etc.
Ansonsten sind die HybridDRGs ein guter Ansatz, was aber fehlt sind die ambulanten Strukturen für die gezielte Nachkontrolle/Nachsorge. Da müsste man wieder Geld und Wissen in die Hand nehmen, was aber Politik und Kassen überfordert. Bei beiden Ressourcen.
Genau das!

Wobei das auch ein Henne-Ei-Problem ist. Die Strukturen sind ja deshalb nicht da weil es zu wenige Anreize gibt.
Es gibt zu wenige Anreize für Eigenverantwortung, es gibt zu schlechte Strukturen für nach dem KH-Aufenthalt, es gibt zu wenig Anreize für konservative Therapie-Versuche, es gibt zu wenig Anreize für ambulante Therapieversuche.

Beispiel Bauchschmerzen: kommt in die Klinik, bekommt Labor + Sono + Untersuchung etc. und bleibt dann aber zur Observanz über Nacht. Am nächsten Tag wieder Labor + Untersuchung ggf. erneutes Sono. Muss jeder dieser Leute stationär bleiben? Nein, sicher nicht jeder. Warum macht man es dann? Weil es mehr Geld gibt und die ambulanten Strukturen dafür nicht da sind. Entweder KH oder ambulant. Punkt.
In meinem Fach wiederum gibt es viele Patienten die stationär bleiben weil wir sie nicht wieder los bekommen. Dann bleiben die in Kliniken einer gewissen höheren Versorgungsstufe statt dass sie in Reha-, Geriatrie- oder Pflegeeinrichtungen verlegt werden. Weil diese Einrichtungen einfach sagen "wir sind schon voll".
Oder konservative Therapieansätze: bei PAVK hat laut Leitlinie im Stadium II zu allererst ein strukturiertes Gehtraining zu erfolgen. Gehsportgruppen gibt es aber nicht. Und ich werd keine machen weil es dafür zu wenig Geld gibt. So richtig krass wenig Geld wenn man das selbst erst noch aufbauen soll/muss. Alleine. Interesse hat daran ja niemand. Also kommen die Patienten und was macht man? Interventionen und Operationen. Das wird bezahlt. Fehlanreize. Würde man mehr Geld für konservative Therapie zahlen würden wir das (vielleicht) auch anbieten.

Ich bin mal gespannt was die Hybrid-DRGs in meinem Bereich bringen. Aktuell kenn ich die Sichtweise eines niedergelassenen Hernienchirurgen, der wirkt ganz glücklich damit. Eines Fußchirurgen der es so schade findet dass bei manchen OPs seine geliebten resorbierbaren Magnesium-Schrauben nicht mehr bezahlt werden und er daher die OP mit Kirschnerdrähten macht die er später wieder entfernt. Schau mer mal. Mich persönlich treffen die Hybrid-DRGs als Klinikarzt wahrscheinlich um einiges härter als die neue GOÄ. Und auch das ist schade irgendwie. Da gibt es mit DRG, Hybrid-DRG, ambulanter Abrechnung und GOÄ schon 4 an sich komplexe System incl. teilweise kompletter Systemtrennung und in sehr kurzer Zeit werden 2 Systeme komplett umgekrempelt und die Infos fließen irgendwie extrem spärlich.

Tweety8008
03.06.2025, 22:02
Ich hatte im Frühjahr interne Meetings mit niedergelassenen Chirurgen.

Die haben aktuell sehr viel Freude an den Hybrid-DRGs (bei Kassenpatienten), weil sie früher z.B. je nach OPS Code für eine Leistenhernie knapp 800-1000€ per EBM abrechnet haben inkl Anästhesie. Und jetzt gibt es knapp 1500-1800€ für einen Hybrid-DRG all inclusive. Das ist deutlich attraktiver, simpler abzurechnen und wertet deren ambulante Arbeit auf.
Bei den privaten Patienten kommt die GOÄ noch oben drauf.

Die großen Kliniken, die alles früher ineffzient mit stationärer Aufnahme und klassischem DRG abgerechnet haben (s. meine Knie OP), leiden jetzt natürlich drunter. Und das zurecht.

@Kackbratze: Auch bei privaten Patienten kannst du bzw. deine PA die Nachsorge selbst machen. Man muss nicht alles auf Allgemeinmediziner turfen.

Kackbratze
03.06.2025, 22:06
Hat jemand schon die niedergelassenen Anästhesisten gefragt? Das "mehr" für den Chirurgen muss er mit dem Narkosearzt teilen und selber aushandeln, weil da "Alles" drin abgebildet wird.
Was der Chirurg mehr hat fehlt dem Anästhesisten.
Linke Tasche, rechte Tasche, beide prügeln sich ums Geld und die Kassen lachen.

Kleiner Zusatz: wir behandeln zu 90% Kassenpatienten. Über die PKV können wir gerne woanders sprechen. Die sind aktuell via Hybrid auch komplett abgedeckt, d.h. da gibt es zumindest für den Eingriff nicht mehr "mehr".

Tweety8008
03.06.2025, 22:12
"Unter der Voraussetzung, dass jeder seine Kosten selbst trägt, wird folgende prozentuale Aufteilung der Hy*brid-DRG empfohlen: Bei Betrieb des Aufwachraums durch die Chirurgie sollen 64 Prozent an die Chirurgie und 36 Prozent an die Anästhesie gehen. Bei Betrieb des Aufwachraums durch die Anästhesie soll das Ver*hältnis 60 Prozent Chirurgie und 40 Prozent Anästhesie betragen."

https://www.aerzteblatt.de/news/aufteilung-der-hybrid-drg-bdc-und-bda-einigen-sich-auf-empfehlung-309aea83-6f01-4ed9-a45a-8fa94bc48bab

36-40% eines Hybrid-DRGs sind für einen Anästhesisten heute sicherlich auch deutlich mehr als früher per EBM Ziffer.

anignu
03.06.2025, 23:53
Die großen Kliniken, die alles früher ineffzient mit stationärer Aufnahme und klassischem DRG abgerechnet haben (s. meine Knie OP), leiden jetzt natürlich drunter. Und das zurecht.
Spannend bei dem Thema übrigens auch: wer bekommt dann noch Weiterbildung?

Ist auch wieder sowas wo ich sagen könnte "mir egal, ich kann operieren", aber dann simma wieder im TVÄ VKA Thread wo ich mich über die Leute ärger die zwar alles mitnehmen aber wehe man müsse selbst was tun oder bissl was beitragen.

Aber mal im Ernst: ja, ein niedergelassener Chirurg kommt damit vielleicht hin oder ist sogar glücklich. Weiß ich nicht. Das Problem scheint teilweise zu sein dass die Materialien nicht extra berechnungsfähig sind etc.. Und die Klinik ist eben nicht glücklich. Aber was ist mit der Weiterbildung? Kliniken mögen zwar betriebswirtschaftlich ineffizient sein, aber immerhin machen sie 2 Dinge: sie leisten eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung und die machen Weiterbildung. Und ja, manche Niedergelassenen machen das auch. Stimmt. Aber die wenigsten Niedergelassenen haben mehr Weiterbildungsassistenten als Fachärzte und noch weniger Niedergelassene bieten eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung. Wenn nun also immer höherer finanzieller Druck kommt und immer schneller operiert werden muss wird es immer schwieriger adäquat auszubilden. Da bin ich schon froh an einem öffentlichen Haus zu sein bei dem ich mir persönlich denk, dass meine Aufgabe neben der Bevölkerungsversorgung auch die Weiterbildung ist, und ich daher manchmal einfach doppelt so lang für eine OP brauch weil ich sie assistier und nicht selber mach. Schau mer mal wie lange sich das noch halten lässt.

Und auch wenn ich es für DrSkywalker bissl blöd find dass das Thema grad so abdriftet von der GOÄ, ist das Thema selbst wichtig.
Die GOÄ ist meiner Meinung nach inzwischen einfach nur noch deshalb verabschiedet worden weil alles andere noch schlimmer gewesen wäre. Es ist alles ein Ausdruck eines langsamen Systemversagens in verschiedenste Richtungen.

Kackbratze
04.06.2025, 07:12
"36-40% eines Hybrid-DRGs sind für einen Anästhesisten heute sicherlich auch deutlich mehr als früher per EBM Ziffer. "

Dieses "deutlich mehr", ist das hier im Raum mit uns? 😉

Das bürokratische Monster GOÄ hat ja noch weitere Abrechnungsziffern bzgl. Narkose und die Sachmittel waren gesondert.
Jetzt ist das ein all-inclusive Vertrag, Ziel ist nicht, dass Alle mehr verdienen, sondern das verborgene Einsparpotentiale freigelegt werden...

Tweety8008
04.06.2025, 11:24
Dieses "deutlich mehr", ist das hier im Raum mit uns? ��


Das habe ich ja in Beitrag #43 dargestellt. Hatte in meinem Meeting 2 niedergelassene Allgemeinchirurgen vor Ort, die die Hybrid-DRGs für sich ökonomisch und bürokratisch sehr vorteilhaft gesehen haben als das alte EBM System.

Kackbratze
04.06.2025, 14:51
Meine Frage bezieht sich auf die Narkoseärzte. Wenn es mehr Kindergeld gibt bekommen die Kinder auch nicht automatisch mehr Taschengeld...
Die Anästhesisten waren jedenfalls begeistert ihre Abrechnung jetzt mit uns zu machen und zu verhandeln, wie es am Ende geregelt wird.
Sowas ist keine vernünftige Abrechnungslösung sondern nur eine Verlagerung der Konflikte weg von den Kassen zu den Leistungserbringern hin.

Tweety8008
04.06.2025, 16:17
Also wenn zwei Partner (Anästhesisten & Chirurgen) nicht wie erwachsene Menschen verhandeln und abrechnen können, weiß ich auch nicht weiter. Den schwarzen Peter jetzt auf die Kassen zu schieben ...

Fakt ist und bleibt dennoch, dass das deutsche KH-System mit den stationären DRGs viele Fehlanreize hatte, die jetzt behoben werden müssen.

Kackbratze
04.06.2025, 22:10
Es ist ja nicht so gewesen, dass die HybridDRG von den ambulant operierenden Fachdisziplinen gemeinsam entwickelt wurden.
Es wurde wieder von Kassen und Politik ein Preis festgesetzt und dann der Brocken hingeworfen mit "kümmert euch selbst um die Sachkosten und wie ihr das aufteilt".
Deswegen der oben verlinkte Bericht "wie" die Aufteilung erfolgen sollte, etc.

Letztendlich ist die Bezahlung in Deutschland durch die Politik festgelegt, zwischen Fehlanreiz und Unterbezahlung gibt es Unterschiede die nicht angesprochen werden.
Die Fehlanreize werden auch ausgenutzt, weil ja die magische Querfinanzierung auch von den Kassen gefordert wird und wenn man alle Leistungen anbieten will, auch die, die gerademal kostendeckend oder unterfinanziert sind, muss man das über die Fehlanreize wieder refinanzieren.
Wird sogar von der KV offen kommuniziert, interessiert nur niemanden, weil ja eh alle Ärzte geldgeile Betrüger sind.

Tweety8008
05.06.2025, 07:47
Ich widerspreche dir nicht.

Nur wenn meine PKV eine Selbstbeteiligung von 3000€ hat, bin ich durchaus sehr angewidert, wenn ich als ASA1 extra 3400€ blechen muss für eine 45min minimal-invasive Knie OP, wo ich danach im Aufwachraum zu 1 Übernachtung gezwungen werde (DRG Code: I30B) - und nicht aus medizinischen Gründen, sondern damit die Klinik andere Patienten mitfinanzieren kann mit meinem Geld ..... das muss ein Ende haben.

Naja, bin selbst Schuld.

Ich bin aber voll pro-Hybrid-DRG.

freak1
07.06.2025, 10:13
Bin da auch bei Kacki, ich bin angestellter Leiter in einer Radiologiepraxis und was hier nun blüht, ist einfach nur kompletter Wahnsinn.
Aber hauptsache man baut sich eine Neiddebatte oder ähnliches auf, dass die Radiologen alle jeden Mittwoch mit dem Porsche zum Tennis fahren weil die Praxis eh egal ist und die sprechende Medizin mehr unterstützt werden muss. Die Praxis hier ist jeden Tag bis 20 Uhr geöffnet, mein Ulcus steht kurz vor der Perforation (als Witz gemeint, keine Sorge). Und dann muss jede kleinste Sache wie Lohnerhöhung von MFA x um 50€ vom kaufmännischen Direktor abgesegnet werden, wo man nach Canossa gehen muss. Und dann kriegt man noch den Knüppel von der KV oder dem BÄT in den Nacken. Daher einfach nur tendenziell aus Medizin aussteigen, es ist Raubbau am Myokard.

Da es in fast allen großen Städten und Gebieten praktisch nur noch von Venture Capital geführte Praxisgroßverbünde gibt, war da bis jetzt wohl eine ziemlich fette Marge die man absaugen konnte. Das wird auch weiter so sein, während man die Arbeitstiere halt ausbluten lässt.