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Teevee
05.08.2026, 13:00
Sehr ausführliche und ehrliche Antworten. In Teilen ist das nachvollziehbare Kritik.

Beschönigt habe ich nichts, das war meine Erfahrung aus meinem Bereich. Du schreibst es ja selbst am Ende: Aus der Klinik heraus sieht man vor allem die Prüfungen und die Kürzungen. Das ist eine andere Perspektive als meine. Ich sehe beide Richtungen, also auch die Fälle, die durchgehen und die, bei denen eine Ablehnung der Kasse gekippt wird. Dafür sehe ich nicht, was aus meiner Beurteilung auf Station wird.

Zu den schlechten Gutachten: Die gibt es. Wenn jemand behauptet, es gäbe keine Empfehlungen zu einer Erkrankung, obwohl europäische / internationale Leitlinien existieren, die genau die beantragte Therapie empfehlen, dann ist das schlicht falsch und gehört im Widerspruch entsprechend adressiert. Da gibt es nichts zu verteidigen.
Solche und solche gibt es in jedem Unternehmen, auch im MD und auch in jeder Klinik.

Sachlich dazu: Der allgemein anerkannte Stand der medizinischen Erkenntnisse ist nicht auf Deutschland beschränkt. Deutsche Leitlinien (v.a. S3) haben ihr Gewicht, internationale aber genauso. Gibt es keine deutsche Leitlinie, recherchiert man die internationale Datenlage umso genauer. Und wenn z.B. die amerikanische oder die britische Leitlinie das eine sagt und die deutsche etwas anderes, dann stellt man das dar und benennt die jeweils zugrunde liegende Evidenz. Wer das nicht tut, macht seine Arbeit nicht gewissenhaft genug.

Zu den Begutachtungsanleitungen: Dass die Kriterien öffentlich und nachlesbar sind, ist Sinn der Sache. Prüfmaßstäbe, die niemand kennt, wären das eigentliche Problem. Und wenn ein Sachverhalt nach besserer Darstellung anders bewertet wird, war in aller Regel die Dokumentation das Problem und nicht die Bewertung.

Zum Punkt Überlieger:
Dass pflegerische bzw soziale Gründe keine Krankenhausbehandlungsbedürftigkeit begründen, ist keine Erfindung des MD, sondern folgt aus dem Gesetz und der höchstrichterlichen Rechtsprechung des BSG. Das löst dein Problem auf Station natürlich nicht. Für genau diese Konstellation gibt es aber andere Wege, z.B. die Übergangspflege (für bis zu 10 Tage) im Krankenhaus. Daneben gibt es die Kurzzeitpflege. Die Voraussetzungen müssen dokumentiert werden, sonst greift es nicht.
Fairerweise muss man dazusagen: Ich weiß, dass nicht jedes Haus die Übergangspflege überhaupt anbietet, weil der organisatorische Aufwand hoch und die Vergütung aus Sicht vieler Kliniken nicht ausreichend ist. Das ist ein reales Problem, aber keines, das der Gutachter verursacht oder lösen kann. Und: 10 Tage (wie bei der Übergangspflege) lösen nicht jeden Fall. Wenn niemand den Patienten nimmt, steht man danach wieder da. Dass daraus Druck auf der Station entsteht, bestreite ich nicht. Das ist eine Versorgungslücke, die weder durch ein Gutachten noch durch dessen Ausbleiben geschlossen wird.

Zum Vorwurf, der MD stehle sich aus der Verantwortung: Ich würde das anders beschreiben. Man weiß, dass die eigene Bewertung Gewicht hat, und begutachtet entsprechend gewissenhaft. Wenn medizinisch ja und formal nein, dann führt man genau das aus. Die Kasse weiß dann, was sie hat, und hat die Entscheidungshoheit darüber, ob sie dort, wo sie kann, mehr zahlt als sie muss. Jeder Akteur hat seine Rolle, seine Entscheidungshoheit und seine Verantwortung. Sich rauszureden wäre, das Ergebnis nicht sauber zu begründen. Es zu begründen und die Entscheidung dann dem zu überlassen, der sie zu treffen hat, ist etwas anderes.

Was ich auch hier zugeben muss: Es gibt Bereiche, in denen die Trennung zwischen medizinisch und formal weniger scharf ist als z.B. beim Off-Label-Use. Reha ist so ein Beispiel. Wenn die sozialmedizinischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, wird in der Regel nicht bewilligt. Und ja, eine Reha würde den allermeisten Menschen guttun. Nur geht es eben nicht um „würde guttun", sondern darum, ob sie im Sinne der Richtlinie geboten ist und ob unter anderem ambulante Maßnahmen ausgeschöpft, zumutbar und zielführend sind. Das kann im Einzelfall hart rüberkommen.

Dass dieses System perfekt ist, würde ich nie behaupten. Es ist aber das, was wir haben, und die Alternativen wären nicht besser. Ohne Regeln und ohne eine Instanz, die sie im Einzelfall fachlich prüft, hätte man entweder eine Gesundheits-Vollkasko-Versicherung, deren Beiträge niemand bezahlen will, oder eine Steuerung rein nach Kassenlage ganz ohne medizinische Beurteilung. Und die Anreize wären ebenfalls andere: Einfach pro Nacht zu bezahlen und fertig, das hatten wir schon mal und es hat bekanntlich genau in die andere Richtung gewirkt. Irgendwo muss eine Grenze sein. Wo sie liegt, entscheidet der Gesetzgeber. Der MD trifft die fachliche Beurteilung auf Grundlage eben dieser Kriterien.

Und zu „hat mit Arzt-Sein nichts mehr zu tun": Da widerspreche ich. Dass Begutachten nicht Patientenversorgung ist, das stimmt. Man holt nicht für einen konkreten Menschen das Maximum raus, man ist neutraler Beurteiler. Das ist ein Rollenwechsel und ob man den will, ist eine sehr persönliche Frage. Wenn du „Arzt sein" für dich mit Versorgung gleichsetzt, ist das deine persönliche Definition und für dich völlig legitim. Etwas anderes ist die Aussage, Begutachtung sei keine ärztliche Tätigkeit mehr. Das trifft nicht zu. Ob z.B. eine Behandlung indiziert, notwendig oder ausgeschöpft war, lässt sich nur medizinisch beurteilen. Dasselbe gilt für die Einordnung eines Sachverhalts anhand der dokumentierten Umstände und der relevanten Kontextfaktoren (wohlgemerkt der belegten und nicht der gemutmaßten). Das lässt sich nicht delegieren, deswegen verlangt das Gesetz dafür auch Ärzte.
Sozialmedizin ist eine eigene ärztliche Zusatzbezeichnung, und Gutachtertätigkeit gibt es genauso bei Gerichten, der Rentenversicherung und den Berufsgenossenschaften. Es ist nunmal eine andere ärztliche Rolle. Ob sie einem liegt, ist eine ganz andere Frage und da bin ich völlig bei dir: Das ist nichts für jeden.

Zu deinem letzten Satz, dass bei dir vielleicht eine Verzerrung vorliegt, weil du nur die negativen Seiten mitbekommst: Das glaube ich tatsächlich und ich finde es sehr ehrlich, dass du es selbst ansprichst. Auffällig wird immer nur das, was Ärger macht. Ein Gutachten, das die Sache bestätigt oder das eine Ablehnung der Kasse kippt, ist am nächsten Tag vergessen. Hängen bleibt das, worüber man sich geärgert hat. Das ist bei mir mit meiner Sicht auf die Klinik nicht anders.

Was ich mir insgesamt wünschen würde, ist mehr Austausch in diese Richtung und deutlich mehr Sozialmedizin in Studium und Weiterbildung. Ich habe in der Einarbeitung beim MD Dinge gelernt, die mir vorher in Klinik und Praxis nie jemand gesagt hat. Und jeder Gutachter, den ich kenne, sagt dasselbe: Vieles wäre in der Klinikzeit klarer gewesen, wenn man es gewusst hätte. Ein Teil des Ärgers über den MD entsteht mMn genau dort.

Feuerblick
05.08.2026, 13:37
*unterschreibt das alles*

Jukka666
05.08.2026, 13:51
*unterschreibt das alles*

Viele eurer Argumente hat meine Frau dann auch bestätigt: das Verständnis für „die andere Seite“, seitdem sie wieder in der Klinik zurück ist…es war ja nicht alles schlecht, ganz im Gegenteil.

Was ich mich gefragt habe: warum gibt es denn keinen Austausch?

Wäre das überhaupt erlaubt? Eine Art „MD meets Klinik“-Workshop? Wo ihr „MDler“ den (Noch-)Klinikern Tipps, Tricks und Ratschläge für „besseres“ Dokumentieren im Sinne korrekteres Dokumentieren geben?

Anscheinend braucht es ja massiv Nachhilfe in Sachen Sozialmedizin, Controlling, DRG, Codierung und Kenntnisse der Vorgaben…was keine Schande ist, nehme mich da gar nicht aus.

Teevee
05.08.2026, 17:15
Es gibt zwar Formate, bei denen auch mal Gutachter und Kliniker zusammenkommen, aber das läuft entweder über Gremien oder betrifft nur einzelne Personen bzw. Kliniken. Um flächendeckend „an der Basis" anzukommen, also bei ganz normalen Krankenhäusern und Praxen, ist das eher nicht geeignet.

Mir wurde von Kollegen erzählt, dass es diesbezüglich schon Angebote oder zumindest Impulse gegeben hat (z.B. für Hausärzte oder andere Niedergelassene), die Resonanz aber überschaubar war. Ob das so stimmt, kann ich nicht beurteilen, das ist Flurfunk und entsprechend mit Vorsicht zu genießen. Falls es zutrifft, läge es vielleicht auch einfach daran, dass nach einem vollen Arbeitstag niemand noch Lust auf einen Sozialmedizin-Abend hat. Und vermutlich hilft es auch nicht, dass der MD im Klinik-/Praxisalltag vor allem als Prüfinstanz wahrgenommen wird. Eine Fortbildung von der Stelle, die einem sonst die Abrechnung kürzt, klingt wohl erstmal nicht nach einem attraktiven Feierabendprogramm.

An sich fände ich Seminare oder ähnliche Formate sinnvoll, gerade weil das kein „Geheimwissen“ ist, sondern bekannt sein sollte. Die Begutachtungsanleitungen und Richtlinien sind öffentlich, nur sind sie im Alltag verständlicherweise vermutlich nur wenigen präsent. So etwas müsste aber von „oben" kommen, also über die Kreisverbände, die KVen oder zentrale Stellen bei den MDs. Wenn einzelne Gutachter lokal Schulungen für einzelne Häuser oder Praxen anbieten würden, hätte das schnell den Beigeschmack von Klüngelei und würde Zweifel an der Unbefangenheit wecken. Genau die Neutralität, auf die ich mich oben berufe, wäre dann angreifbar. Deshalb ist das nichts, was von einzelnen Gutachtern ausgehen sollte/darf.

Zum Punkt „keine Schande": Das sehe ich genauso. Ich hatte davon in der Klinik auch keine Ahnung, und niemand hat es mir gesagt. Das ist kein individuelles Versäumnis, sondern fehlt in Studium und Weiterbildung.

Feuerblick
05.08.2026, 19:35
Ich kann mich erinnern, dass man bei uns mal angedacht hatte, schon an den Unis Vorlesungen und Seminare anzubieten, um schon dort ein gewisses Grundwissen zu vermitteln. Das hätte auch den Charme gehabt, dass es nicht so trocken und langweilig wäre wie das, was man ansonsten im Studium an Sozialmedizin angeboten bekommt. Keine Ahnung, was aus der Idee wurde.

Auch Fortbildungsveranstaltungen mit einem Austausch zwischen MD und Klinikern, Niedergelassenen etc. würde ich begrüßen. Viel Frust entsteht einfach dadurch, dass man als Arzt in der Klinik und meist auch in der Praxis wenig bis keine Ahnung von allem hat, was sich so Sozialmedizin nennt. Ich hab mich zu Beginn meiner MD-Tätigkeit manchmal vor mir selbst geschämt, was ich alles nicht wusste, obwohl ich es hätte wissen müssen.

Jedes Spiel wird am Ende besser, wenn man die Regeln kennt. Und je besser man sie kennt, desto besser und erfolgreicher spielt man auch. Weil man weiß, was man bezahlt bekommt und was sowieso gestrichen/nicht befürwortet wird. Und weil man weiß, welche Informationen wirklich wichtig für den MD sind und welche nicht.

Jukka666
06.08.2026, 07:50
Ich kann mich erinnern, dass man bei uns mal angedacht hatte, schon an den Unis Vorlesungen und Seminare anzubieten, um schon dort ein gewisses Grundwissen zu vermitteln. Das hätte auch den Charme gehabt, dass es nicht so trocken und langweilig wäre wie das, was man ansonsten im Studium an Sozialmedizin angeboten bekommt. Keine Ahnung, was aus der Idee wurde.

Auch Fortbildungsveranstaltungen mit einem Austausch zwischen MD und Klinikern, Niedergelassenen etc. würde ich begrüßen. Viel Frust entsteht einfach dadurch, dass man als Arzt in der Klinik und meist auch in der Praxis wenig bis keine Ahnung von allem hat, was sich so Sozialmedizin nennt. Ich hab mich zu Beginn meiner MD-Tätigkeit manchmal vor mir selbst geschämt, was ich alles nicht wusste, obwohl ich es hätte wissen müssen.

Jedes Spiel wird am Ende besser, wenn man die Regeln kennt. Und je besser man sie kennt, desto besser und erfolgreicher spielt man auch. Weil man weiß, was man bezahlt bekommt und was sowieso gestrichen/nicht befürwortet wird. Und weil man weiß, welche Informationen wirklich wichtig für den MD sind und welche nicht.

Am Ende finde ich alle Argumente super. Und trotzdem merkt man unseren "Alman" wieder...die Angst vor Klüngelei, Korruption, Einflussnahme, Beeinflussung blablabla..woher kommt die? Nicht mal, wenn man um Korrektheit bemüht ist, kommt man dran vorbei.
Ich frage mich, ob es dann überhaupt jemals einen Weg aus dieser Misere gibt.
Ich selbst finde da nicht negatives dabei: denn schließlich würde man auch der Hygienekraft, dem Gesundheitsamt, dem Controlling oder anderen "Prüfinstanzen" nicht ankreiden, wenn die einen VOR der Prüfung beraten...

Was wäre denn dabei, wenn der MD in einer Veranstaltung klipp und klar sagt: "Leute, diese und diese Ziffern/Doku/Therapien sind nicht im GBA/Bladingsbums drin, die werden gestrichen, WENN nicht blablabla..."
Das können doch auch irgendwelche Gutachter sein.
Und wenn doch der selbe Gutachter Jahre später das gleiche Krankenhaus kontrolliert, dann kann er ja sehen: "Ach Mensch, haben die das berücksichtigt, ist doch super"...

So kommen wir halt nicht weiter, wenn man erst Ahnung kriegt, wenn man die Klinik verlassen muss...

Teevee
06.08.2026, 11:34
Ja, das stimmt, und der Vergleich mit Hygiene/Gesundheitsamt und Controlling trifft es ganz gut. Beratung und Aufklärung vor der Prüfung sind anderswo durchaus üblich.

Solche Veranstaltungen sind vermutlich unbedenklich und wären seitens der MDs bestimmt auch gut realisierbar. Was ich meinte, war etwas anderes: dass einzelne Gutachter sich denken „Mensch, ich bewirke jetzt was" und auf eigene Faust in ihrer Wohnregion Treffen und halboffiziösen Austausch betreiben. Dann berät man am Ende genau die Häuser/Praxen, die man später prüft, und es ist im Nachhinein nicht mehr sauber trennbar, was offizielle Information war und was aus einer persönlichen Beziehung entstanden ist.

Das ist auch der Grund, warum das nicht nur reiner Formalismus ist: Fälle, bei denen man die behandelnden Ärzte/Ärztinnen persönlich gut kennt, sei es durch Bekanntschaft oder weil man länger zusammengearbeitet hat, begutachtet man nicht. Wenn so ein Fall zufällig bei einem landet, gibt man ihn ab, damit gar nicht erst der Anschein von Befangenheit entsteht. Und eine selbst organisierte Schulungsbeziehung z.B. zu einem Haus, das man später prüft, wäre dann erst recht angreifbar. Deshalb müsste so etwas offiziell laufen, also von zentralen Stellen abgesegnet und als Veranstaltung konzipiert.

Dass das im Ergebnis oft in Zurückhaltung mündet, wo eigentlich Austausch möglich wäre, ist so und ist irgendwo auch schade. Und dass man das Wissen erst bekommt, wenn man die Klinik verlässt, ebenso. Eine stärkere Verankerung in Studium und Weiterbildung wäre sehr sinnvoll.

Jukka666
06.08.2026, 16:38
Ja, das stimmt, und der Vergleich mit Hygiene/Gesundheitsamt und Controlling trifft es ganz gut. Beratung und Aufklärung vor der Prüfung sind anderswo durchaus üblich.

Solche Veranstaltungen sind vermutlich unbedenklich und wären seitens der MDs bestimmt auch gut realisierbar. Was ich meinte, war etwas anderes: dass einzelne Gutachter sich denken „Mensch, ich bewirke jetzt was" und auf eigene Faust in ihrer Wohnregion Treffen und halboffiziösen Austausch betreiben. Dann berät man am Ende genau die Häuser/Praxen, die man später prüft, und es ist im Nachhinein nicht mehr sauber trennbar, was offizielle Information war und was aus einer persönlichen Beziehung entstanden ist.

Das ist auch der Grund, warum das nicht nur reiner Formalismus ist: Fälle, bei denen man die behandelnden Ärzte/Ärztinnen persönlich gut kennt, sei es durch Bekanntschaft oder weil man länger zusammengearbeitet hat, begutachtet man nicht. Wenn so ein Fall zufällig bei einem landet, gibt man ihn ab, damit gar nicht erst der Anschein von Befangenheit entsteht. Und eine selbst organisierte Schulungsbeziehung z.B. zu einem Haus, das man später prüft, wäre dann erst recht angreifbar. Deshalb müsste so etwas offiziell laufen, also von zentralen Stellen abgesegnet und als Veranstaltung konzipiert.

Dass das im Ergebnis oft in Zurückhaltung mündet, wo eigentlich Austausch möglich wäre, ist so und ist irgendwo auch schade. Und dass man das Wissen erst bekommt, wenn man die Klinik verlässt, ebenso. Eine stärkere Verankerung in Studium und Weiterbildung wäre sehr sinnvoll.

Voll! Ich gebe dir voll recht, da gibt es nicht zu rütteln...aaaaber: Diese Korrektheit mit der Befürchtung um Befangenheit...wer oder was hat jemals in der Vergangenheit ernsthaft einen Prozess geführt seitens der Kassen und einen Gutachter für befangen erklärt? machen wir in der Medizin nicht oft Dinge, die potentiell und ganz vielleicht und sicher theoretisch aber irgendwie nie praktisch schon mal passiert sind oder passieren können?
I know I know..."einfach mal machen" ist wieder zu Merzig...aber "es könnte ja jemand ankreiden, dass...", "was ist, wenn jemand...".. so kommen wir nicht weiter...

Vielleicht könntet ihr beim MD ja ganz offiziell so ein Format anregen, ich in unserer Klinik würde sofort und zu 100% dafür Werbung machen! Wir reden oft über den MD, natürlich meistens halbert negativ, aber dann auch zugebend, dass man die Regeln halt nicht perfekt beherrscht (nicht mal annähernd). und wenn da einer steht, der 2 Stunden Fragen beantworten kann, was ein Gewinn!
Ihr könntet ja zu zweit kommen und auf euch gegenseitig aufpassen, dass man die Häppchen nicht als Bestechung versteht... ;-)

anignu
06.08.2026, 16:39
Und trotzdem merkt man unseren "Alman" wieder...die Angst vor Klüngelei, Korruption, Einflussnahme, Beeinflussung blablabla..woher kommt die? Nicht mal, wenn man um Korrektheit bemüht ist, kommt man dran vorbei.
Ich frage mich, ob es dann überhaupt jemals einen Weg aus dieser Misere gibt.
Naja, Klüngelei gibt es oder gab es ja immer wieder. Es ist ja nicht so dass in einem System in dem eine unglaublich große Menge Geld steckt nicht immer wieder ein paar Spieler versuchen so richtig viel da raus zu ziehen. Aber die Regularien treffen dann halt auch oft die Falschen. Die Qualität der Versorgung steigt auch nicht dadurch, dass Krankenhäuser sich mit immer größeren Medizincontrolling-Abteilungen bewaffnen. Und diese Bewaffnung auch brauchen um sich gegen Kürzungen zu wehren.

Dieses Thema wollte ich sowieso noch ansprechen. Dass durch die Gutachtenflut auch Grenzen verschoben werden. Ich weiß aus dem sozialpädiatrischen Bereich, dass Kinder die Probleme haben auch nicht selten Eltern mit gleichen oder anderen Problemen haben. Um es mal vorsichtig zu umschreiben. Und wenn die Kinder Ansprüche haben oder hätten, dann tun sie sich selbst bzw. deren Eltern in dem jetzigen System teilweise so schwer an die Dinge zu kommen auf die sie Anspruch hätten. Die erste Runde wird dann oft abgelehnt, wo der Antrag schon schwierig genug war, und dann sollen diese Leute noch einen Widerspruch schreiben. Und so fallen dann manchmal echt Leute/Kinder hinten runter bei denen es schade ist und bei denen wirklich noch viel zu holen wäre. Da reden wir nicht von der Chemotherapie für die 97jährige sondern von Kindern. Ach so, die Chemotherapie wird übrigens nicht überprüft. Die braucht es. Die OPs bei der Frau auch...

Jetzt hat mich wieder das allgemeine Politisieren erwischt, wo es doch eigentlich um die Arbeitsbedingungen beim MD ging ;-)

Jukka666
06.08.2026, 16:45
Lol. mich aber auch... :-)

Feuerblick
07.08.2026, 15:38
@Jukka: Anregen kann man viel, aber solche „nicht wichtigen“ Sachen (in den Augen derer, die entscheiden, aber vom Tagesgeschäft weit weg sind) werden immer wieder nach hinten verschoben, bis man sie wieder vergessen hat. Letztlich hat man als Arbeitsbienchen auch nur bedingt Energie, die man schon in das Vermitteln der Idee reinschießen kann. Und bei der Arbeitsverdichtung, die man seit ein paar Jahren erfährt, ist man oft auch froh, wenn man seine Gutachten geschrieben hat, ohne irgendwelche Fristen zu verletzen. Ja, das ist mehr als schade, weil solche Fortbildungsformate beiden Seiten helfen würden. Vor zehn Jahren wollte da keiner ran, da wäre Zeit gewesen. Da wurden auch noch Krankenkassen geschult.

@anignu: So pauschal stimmt das aber nun auch nicht. Auch eine Chemo wird unter Umständen überprüft. Begutachtungen werden aber halt durch die Kasse ausgelöst und dort ist das medizinische Verständnis gering. Oft sogar das Verständnis für die rechtliche Lage. Kinder-Chemotherapien, die beantragt werden, werden übrigens zumindest bei uns vorrangig begutachtet. Gefühlt ist das System da auch deutlich durchlässiger.

anignu
08.08.2026, 01:34
@Feuerblick: natürlich stimmen nicht alle Pauschalaussagen bis ins Detail. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber was mit Leuten auch jenseits der 80 passiert ist teilweise schon wild. Da sind dann aber auch die Angehörigen oft so "da muss ALLES gemacht werden, ALLES".
Und bzgl. der Auslösung von Gutachten. Seien wir doch mal ehrlich. Das machen formal die Kassen, aber in Wirklichkeit ein Computerprogramm. Wenn die Kassen soundso viele Prozente begutachten müssen, dann sind natürlich vor allem Fälle spannend bei denen man im nachhinein Geld abziehen kann. Und da haben die Kassen doch ein System bei dem sie wissen bei welchen Diagnose-Prozeduren-Kombinationen die Wahrscheinlichkeit für Rückforderungen hoch sind und lassen genau das überprüfen. Alles andere wäre dumm.

Feuerblick
08.08.2026, 07:49
Nun, wenn es den Kassen gelingt, durch Begutachtung „Geld abzuziehen“, dann war das Geld wohl nicht gerechtfertigt, meinst du nicht? Es ist ja Sinn des Systems, dass ungerechtfertigte Dinge nicht bezahlt werden. Hatte das System allerdings unrecht, dann wird auch kein Geld abgezogen. Jedes Gutachten, das besagt, dass das Krankenhaus korrekt abgerechnet hat, kostet die Kassen Geld und den MD Ressourcen… Eine Vorauswahl ist da schon mehr als sinnvoll.
Was Ärzte und Angehörige entscheiden, darauf haben die Kassen keinen Einfluss. Operationen werden gemacht und nicht vorher bei den Kassen angekündigt. Deshalb gibt es auch nur den Hebel, das hinterher zu prüfen, wenn der Vorgang auffällig ist. „Patient ist über 80“ ist halt kein valides Argument. Jeder Arzt würde Amok laufen, wenn seinem Patienten nur aufgrund des Alters irgendwas vorenthalten würde. So ist es also an Ärzten und Angehörigen, gute Entscheidungen zu treffen und nicht auf eine „höhere Macht“ zu hoffen, die eingreift, bevor es kostet.

anignu
09.08.2026, 01:51
Wir reden aneinander vorbei.

Bille11
10.08.2026, 17:32
Wenn ich als einfache Anästhesistin eine Abrechnung einer ambulanten Anästhesie einer privatversicherten Person anschaue (ich wurde quasi gezwungen) und grobe Fehler/Diskrepanzen erkenne, die der (privaten) Kasse egal zu sein scheinen… wie gesagt, Einzelfall, aber die Abrechnung sind 2 Narkose-Leistungen innerhalb 8 Wochen (Star OP, re und li), die identisch bestimmte Faktoren abrechnen, anstatt eine Grundziffer zugrunde zu legen, dann ist das gewollt und systematisch. Ärgerlicherweise fällt einer Fachperson eine grobe Diskrepanz mit einem Blick auf, so dass entweder etwas vergessen.. oder einiges hinzugefügt wurde, was nicht sein konnte. Auch, dass gewissen notfällige Untersuchungen jedesmal erfolgen, anstatt die Routineziffer zu verwenden - ohne, dass die Patientin informiert worden wäre, dass etwas gewesen sei… da ist etwas sehr geschickt abgerechnet und eingereicht worden, die Kasse hat anstandslos gezahlt.
Und solange solche Dinge selbst bei den einfachsten Abläufen möglich sind, dann ist das System durchaus in der Pflicht, eine Prüfung durch unabhängige Stellen durchzuführen. Gerade für GKV Leistungen, aber auch für PKV. Dementsprechend: pro MD.

Relaxometrie
10.08.2026, 20:17
Ich glaube, für falsche oder überzogene GKV-Rechnungen interessiert sich der MD nicht. Das müsste man der Krankenkasse oder der KV melden.
Und für überzogene PKV-Rechnungen gibt es bei der jeweiligen Landesärztekammer Stellen, die sich damit befassen und die privaten Krankenkassen sind meines Wissens nach auch daran interessiert, Meldungen zu bekommen.

Ich bekomme im engeren Bekanntenkreis gerade einen Fall von echter Abzocke eines Privatversicherten mit, da läuft eine Beschwerde über die Landesärztekammer. Bin sehr gespannt, was das rauskommt. Bei der Rechnung handelt es sich nämlich nicht um "haben wir mal etwas draufgeschlagen, damit wir unsere Praxis wirtschaftlich führen", sondern um Wucher und den V.a. systematischen Abrechnungsbetrug.

Feuerblick
10.08.2026, 23:42
Naja, man hat dem MD leider vor ein paar Jahren die Möglichkeit genommen, ambulante OP-Leistungen und das Drumherum zu prüfen. Vorher wurde das geprüft und ja, da wurden von manchen Praxen/Krankenhäusern Sachen abgerechnet, die waren jenseits von Gut und Böse.
Aber auch der Bereich, in dem noch Rechnungen geprüft werden, ist bei manchen Leistungserbringern… nun… phantasievoll.

Feuerblick
11.08.2026, 07:47
Aus gegebenem Anlass ein Tipp: Wenn ihr für eine Kostenübernahme für irgendwas argumentiert, das keine Kassenleistung ist, erspart allen Beteiligten die komischen Seitenhiebe gegen Mitarbeiter von Kassen und MD. Auch der Hinweis darauf, dass ihr ja für drei handschriftliche Sätze quasi NICHTS bekommt, spart euch. Das löst beim Leser nur Kopfschütteln aus und macht den Antrag bzw. die Stellungnahme nicht kompetenter sondern wirkt eher, als hätte ein beleidigtes Kleinkind keinen Bock aufs Aufsatzschreiben. Außerdem wissen alle Beteiligten sehr wohl, was man für Atteste etc. von der Kasse bekommt. Nebensächlichkeiten lenken einfach nur vom Sachverhalt ab. Tut das nicht! Spart euch die Zeilen für wirkliche Argumente auf!

Bille11
11.08.2026, 08:32
Ich war einfach nur baff, wie kreativ das ganze Sache ausgelegt wurde.
Klar, es sind Kollegen von mir, die ich in dem Fall grösstenteils auch kenne, und es ist mir klar, dass ambulante Anästhesie nur so wirtschaftlich wird. Aber: wow! Solange solche Dinge möglich sind, gar notwendig sind, solange benötigt es einen MD, bzw Schiedsstellen, die das Ganze (bei zumindest bestimmten Massnahmen mit hohen Folgekosten) nochmal auf Sinnhaftigkeit und Kongruenz überprüfen mögen.

rafiki
10.09.2026, 18:36
Es klingt vielleicht seltsam von einem Kliniker, aber ich staune immer wieder, was die Kostenträger und damit die Solidargemeinschaft alles so finanzieren in meinem Gebiet.

Was mir gerade massiv auffällt: Da werden Patienten, die sehr gut im ambulanten Rahmen versorgt sind durch jahrelange Psychotherapie, begleitend natürlich Psychiater, oftmals ambulant betreutes Wohnen sowie ambulante psychiatrische Pflege und ggf. weitere Hilfen Jahr für Jahr in eine "Trauma-Klinik" geschickt für ca. 8 Wochen, Kostenpunkt jeweils ca. dreißigtausend Euro. Ohne dass das etwas Relevantes bringt, ganz im Gegenteil: dort wird an ihnen herumtherapiert, weil sich manche Therapeuten vermutlich damit einen herunterholen, die Pat dekompensieren massiv - und das verkauft man den Kassen als überlebensnotwendige Behandlungen. Ich erlebe das gerade live und bin fassungslos. Nicht nur dass das gesundheitsökonomischer Wahnsinn ist angesichts leerer Kassen, sondern es ist fachlich so brutal katastrophal. "Trauma" ist schon seit Jahren extrem in Mode und wird in der Fachwelt praktisch nicht kritisch hinterfragt, es ist eine "heilige Kuh" - warum auch immer.

Wieso prüft der MD solche "Behandlungen" nicht besser - oder bekommt er dafür die Aufträge nicht?