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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Beihilfe zu Suizid



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Scrotum
14.02.2005, 23:02
Ich habe noch kein Pro-Argument gehört, das einer kritischen Betrachtung standgehalten hätte.

Die immer wieder angeführten Argumente wie "würdevolles Sterben" sind ja v.a. durch den von Dir zitierten Artikel entkräftet: Denn genau das ist der Punkt.
1. Du sollst dem Patienten einen schmerzfreien letzten Lebensabschnitt ermöglichen.
2. Das ist derzeit medizinisch möglich bei aktzeptabler Lebensqualität.
3. Das wird u.U. erkauft durch eine verkürzte Lebensdauer im Vergleich zum Zustand ohne Schmerztherapie.

Da es grundsätzlich möglich ist, dem Patienten die Schmerzen zu ersparen ohne ihm zum Suizid zu verhelfen, gibt es keinen Grund, hier die Beihilfe zum Suizid vorzuziehen, oder?


Was ist mit dem Willen des Patienten? Was ist, wenn dich ein geliebter Mensch bitten würde, ihm Barbiturat zu beschaffen? Wenn du siehst, wie sehr er leidet, seine Lebenserwartung sehr kurz ist und er dir glaubhaft versichern kann, dass er sterben möchte (und sich sonst halt auf andere Art und Weise umbringt). Würdest du ihm den letzten Wunsch verwehren?

In der Praxis ist sowas immer schwieriger als in Theorie..

Rico
14.02.2005, 23:04
Es gibt eine gewisse Tendenz in allem menschlichen Handeln, sobald alle offensichtlichen Probleme gelöst sind, das Grundproblem zu verdrängen. Einiges davon findet sich auch in der Einstellung gegenüber der Euthanasie bzw. dem Suizid wieder.Und was ist denn das verbleibende Grundproblem bei einem Patienten mit infauster Prognose, der eine suffiziente Schmerztherapie erhält?

He-Man
14.02.2005, 23:08
-gelöscht-

Scrotum
14.02.2005, 23:10
Na ja, ich meine wirklich nur die Psychiatrie. Ich finde es merkwürdig, jemandem ein bewußtseinsveränderndes Medikament zu geben, ohne zu wissen, wie es in diesem Patienten danach eigentlich aussieht.

Naja, das können wir auch sonst nicht, da wir seine Wahrnehmung nicht annehmen können. Wir müssen uns darauf verlassen, was der Patient uns über sich erzählt. Er ist und bleibt für uns leider eine unbekannte Insel, durch die nur er allein uns führen kann.

Im übrigen kann ich mir gut vorstellen, dass Schmerzen nicht das einzige Problem darstellen... Mal von den Nebenwirkungen der Medis abgesehen, ist Nozizeption nicht die einzige Funktion eines menschlichen Wesens.

He-Man
14.02.2005, 23:16
-gelöscht-

Lava
14.02.2005, 23:17
Na ja, ich meine wirklich nur die Psychiatrie. Ich finde es merkwürdig, jemandem ein bewußtseinsveränderndes Medikament zu geben, ohne zu wissen, wie es in diesem Patienten danach eigentlich aussieht.

Ich verstehe, was du meinst. Allerdings denkt man oft so, wenn man selbst von irgendwas betroffen ist. Man denkt, wie kann man Ratschläge von jemandem entgegen nehmen, der gar nicht wissen kann, wie man sich fühlt, etc. Aber wie gesagt: das gilt nicht nur für die Psychiatrie. Ich möchte ja auch nicht wissen, was es heißt, unter einer Psychose zu leiden. Das wäre ja das Pendant zu den Medikamenten.

Rico
14.02.2005, 23:18
Na ja, ich meine wirklich nur die Psychiatrie. Ich finde es merkwürdig, jemandem ein bewußtseinsveränderndes Medikament zu geben, ohne zu wissen, wie es in diesem Patienten danach eigentlich aussieht.Hm... ich weiß ja nicht.
Die meisten Antidepressiva wirken nur bei Depressiven, bei Gesunden machen die gar nix (außer Nebenwirkungen)... doof, was?

Der alterierte Geisteszustand, in dem sich die psychisch Kranken befinden verändert doch die Rezeption derart, daß der gesunde Konsument gar nicht die gleiche Wirkung erfährt.

Der akut psychotische sieht Farben und hört Stimmen (plakatives Beispiel, ich weiß). Das wird durch Medikamente gelindert. Da der gesunde, aber weder Farben gesehen hat, noch Stimmen gehört hat, muß die Wirkung eine ganz andere auf ihn sein.

Und letztlich: Was ist die Alternative? Die kriegen das ja nicht auß Jux und Dollerei, sondern weil sie krank sind und es brauchen und derzeit kein anderes Medikament verfügbar ist.
Was will man also machen?

Scrotum
14.02.2005, 23:18
Euthanasie

Tilt! Benutze dieses Wort bitte nicht, es hat nichts mit unserem Thema zu tun, sondern bezeichnet aktive Sterbehilfe auch gegen den Willen das Patienten und ist entsprechend auch geschichtlich belastet.

He-Man
14.02.2005, 23:23
-gelöscht-

Rico
14.02.2005, 23:25
Bezüglich der Euthanasie allgemein: ich denke eher an die Situation in vielen Pflegeheimen. Hier wird nach der Devise gehandelt: wenn die Grundversorgung gewährleistet ist und das Zimmer schön eingerichtet ist, dann ist auch alles gut. Und Du kannst auch nicht wirklich fordern, alle diese Menschen nun unter Drogen zu setzen.Und wieso sollte ich die jetzt unter Drogen setzen?

Wenn sie eine Indikation haben, eine irgendwie geartete Therapie zu bekommen, wieso nicht?
Die Indikation ist natürlich (wie immer) alters- und sitationsbezogen zustellen. Aber wenn sie besteht, dann besteht auch die Notwendigkeit zu handeln. Da wird sogar andersrum ein Schuh draus, indem man sich fragt, was gegen eine Therapie spricht, wenn eine Indikation besteht.

Scrotum
14.02.2005, 23:27
In der Praxis ist "Ruhigstellung" wohl die häufigste Indikation für psychoaktive Substanzen in Pflegeheimen...

Lava
14.02.2005, 23:29
Es kann durchaus sein, daß auch gesunde Menschen Zustände erleben, die der Schizophrenie oder anderen Erkrankungen ähnlich sind, das, was früher als "schizoider Charakter" bezeichnet wurde, gibt z.B. einen Hinweis darauf.


Also wenn du die schizoide Persönlichkeit meinst, fällt mir dazu ein, dass das nix mit Schizophrenie zu tun hat und die Patienten - die im Übrigenen auch krank sind! - keine typischen schizophrenen Symptome wie Wahnvorstellungen haben. Es gibt natürlich noch organische Psychosen, aber auch die treten nicht bei gesunden Menschen auf.
Das einzige "gesunde" Wahnhafte, das mir einfällt, ist, wenn man im Dunkeln z.B. irgendetwas sieht und diese Wahrnehmung falsch interpretiert. Man sieht einen sich im Wind bewegenden Busch und hält ihn für eine Person. Dafür gibt's auch nen Fachausdruck, den ich vergessen hab. Unser Psychiatriedozent meinte, dass sei das einzige, was bei Gesunden einem Wahn am nächsten komme.

He-Man
14.02.2005, 23:32
-gelöscht-

Rico
14.02.2005, 23:34
Das einzige "gesunde" Wahnhafte, das mir einfällt, ist, wenn man im Dunkeln z.B. irgendetwas sieht und diese Wahrnehmung falsch interpretiert. Man sieht einen sich im Wind bewegenden Busch und hält ihn für eine Person. Dafür gibt's auch nen Fachausdruck, den ich vergessen hab. Illusionäre Verkennung. :-top

Lava
14.02.2005, 23:36
Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhh!!! Das Wort kam in der Klausur vor. Ich hab's nicht angekreuzt, weil ich nicht wusste, was das ist. :-))

Danke :-top

Rico
14.02.2005, 23:40
In der Praxis ist "Ruhigstellung" wohl die häufigste Indikation für psychoaktive Substanzen in Pflegeheimen...ist ein schwieriges Thema, hat aber mit der Suizidhilfe-Problematik insofern nichts zu tun, da wir ja schon festgestellt haben, daß die Krankheit von Patienten mit demenziellen Syndromen & Co. ohnehin eher eine Belastung für ihre Umwelt darstellt, als für sie selber und sie andererseits sowieso nicht Herr ihrer Sinne sind und daher entsprechende Aufforderungen gar nicht rechtswirksam äußern können.

He-Man
14.02.2005, 23:42
-gelöscht-

Scrotum
14.02.2005, 23:46
Okay, das muss ich nochmal nachlesen, danke. Aber (*g*) man kann die Grenze zwischen geistig gesund und krank auch nicht so einfach und eindeutig ziehen, siehe abnorme Veränderungen der Persönlichkeit. Und auch Drogenerlebnisse können einen Eindruck von der Erlebniswelt psychisch kranker vermitteln, jedenfalls mutmaßlich. Ich wünsche euch noch eine angeregte Diskussion, muß leider noch ein wenig lernen...

Eigentlich kann man meiner Meinung nach die Grenze überhaupt nicht ziehen. Woher nehmen wir uns das Recht zu behaupten, unsere Art zu denken sei die einzig gesunde? Hat die Mehrheit automatisch recht?

Anyway, ich geh jetzt pennen.

Rico
14.02.2005, 23:52
Im übrigen kann ich mir gut vorstellen, dass Schmerzen nicht das einzige Problem darstellen... Mal von den Nebenwirkungen der Medis abgesehen, ist Nozizeption nicht die einzige Funktion eines menschlichen Wesens.Aber die Schmerzen stellen von ihrem Einfluß auf die Lebensqualität wohl den wichtigsten Faktor da und stellen wenn sie auftreten anderen Probleme dann meist schnell in den Hintergrund.

Ein großes Feld, das mir spontan einfällt, sind Verstümmelungen, Entstellungen, Behinderungen, Amputationen, etc. z.B. nach Unfall oder großer Krebs-OP.
Das sind allesamt keine Indikationen, in denen ein Suizid "zu rechtfertigen" wäre. Alle diese negativen folgen sind zwar für sich genommen wenig angenehm, aber man kann mit ihnen leben - auch wenn es Umstellungen und Einschränkungen erfordert (Leben mit Anus präter oder ohne Beine).
Etwaige Suizidgedanken sollten mit einem entsprechend ausgebildeten Therapeuten agegangen werden. Ein etwaige Beihilfe verbietet sich.

Weiterhin sind - wie bereits mehrfach erwähnt - alle Geisteskrankheiten von vornherein ausgeschlossen, weil man ja nicht wirklich wissen kann, ob der Patient "selber", den Wunsch zu sterben äußert, oder ob das Ausdruck seiner Erkrankung ist.

Da bleibt schon nicht mehr viel...

hobbes
15.02.2005, 00:03
Wie steht ihr dazu?

Würdet ihr einer Patientin am Lebensende, bzw. mir starken Schmerzen helfen, würdevoll und friedlich ins Jenseits zu gelangen?

Nein! Was heisst hier würdevoll? Die zentrale Frage ist, wie man Würde definiert und weshalb Krankheit oftmals als "unwürdig" wahrgenommen wird und Kranke und Sterbende deswegen ausgegrenzt werden. Würde sich gerade dieser Umstand ändern, wäre diese Diskussion hier obsolet und gerade diese Tatsache lässt zur Eingangsfrage nur die Antwort: Nein zu.