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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Muttersprache verlernbar?



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Leelaacoo
09.04.2005, 22:48
Mir ist grad wieder etwas eingefallen, was ich schon länger mal fragen wollte.
Folgendes: Ich sprach bis zu meinem 9ten Lebensjahr ausschließlich Russisch, war bis in die 2te Klasse auf einer russischen Schule und habe seit dem 5ten Lebensjahr auf russisch gelesen und geschrieben...
Als wir dann nach D kamen, war es nun mal eine Notwendigkeit, Deutsch zu erlernen und es klappte recht rasch...mit dem Ergebnis, daß ich nun nicht einmal Briefe, die ich SELBST im Alter von 5-9 geschrieben habe, lesen kann. Auch kann ich (ehrlich) eigentlich kein einziges Wort Russisch mehr und vestehe fast nur Bahnhof, sollte mich mal einer auf Russisch anreden (was viele tun, wenn sie meinen Namen hören und ich muß immer recht dämlich bei gucken...schlimm :-)) ).
Kann man seine Muttersprache vergessen???
Mein Neuroanatomieprof in der Vorklinik meinte, das wäre absolut unmöglich,weil die Zentren für die Muttersprache andere sind, als die für erlernte Sprachen...können die switchen???
Ich denke und träume auch auf deutsch, was ungefähr ein halbes Jahr nach unserer Ankunft eingesetzt hat...wie gesagt, mit 9.
Würd mich mal interessieren, ob jemand ähnliche Erfahrungen hat...oder nur mein Gehirn zu klein ist, um 2 Sprachen zu behalten :-D (wohl auch einer der Gründe, weshalb ich miserabel Englisch spreche und Französisch einfach ein Graus war....)

LG Lee

PS: Das verstößt doch nicht gegen die Forenregeln, wenn ich das frage??? Oder doch??? Denn ich will ja keine Therapie :-)) Nur einen theoretischen Ansatz zur Erklärung...

Griffin
10.04.2005, 00:21
Habe die gleiche Erfahrung gemacht. Bin mit sechs nach Deutschland gekommen und fleissig Deutsch gelernt und irgendwie ist es dann geschehen, dass ich nicht mehr in Russisch, sondern in Deutsch gedacht habe, aber ich spreche immer noch Russisch, obwohl ich es nicht mehr lesen oder schreiben kann und Englisch ist mein LK. Aber bedenke, dass sich eine Sprache weiterentwickelt, was auch mit dem Russischen passiert ist. Es kommen neue Ausdrücke dazu andere geraten aus der Mode. Hier in Deutschland entwickelt sich auch ein komischer Dialekt- ein Mischmasch aus dem Russischen und dem Deutschen, was auch manchmal witzig sein kann, aber für den Russen schwer zu verstehen ist. Genauso kann ich Russen schwer bis garnicht verstehen, also scheinst du nicht die einzige zu sein. :-))

luckyblue
10.04.2005, 01:45
Ich hatte eine Mitschülerin polnischen Ursprungs, die auch im Alter von 9/10 nach Deutschland gekommen ist - und zu Abiturzeiten nur noch Brocken ihrer Muttersprache beherrschte.

By the way: Mit fünf Jahren beschränkte sich mein Umgang mit Buchstaben noch weitestgehend auf dieses Buchstaben-Gebäck. Briefe schreiben und lesen mit fünf - mein lieber Schwan. REspekt!

Smibo
10.04.2005, 02:27
Bin mit 1 Jahr hergekommen und spreche fließend Arabisch. :-))
Achja lesen und schreiben kann ich auch von daher hat das wohl eher was mit den Eltern zu tun...

eatpigsbarf
10.04.2005, 12:08
Ich finde, es geht ziemlich schnell, in eine Fremdsprache so reinzukommen, dass man Probleme mit der Muttersprache hat. Denn wenn man nur in der einen Sprache lebt (ohne die Muttersprache oft zu sprechen), dann stellt sich das Gehirn um. Denn es muss nunmal regelmaessig trainiert werden.
Und man weiss ja auch von Fluechtlingen, die in ihrer neuen Heimat nie wieder ihre Muttersprache gesprochen haben, dass sie mehr als 10 Jahre spaeter extreme Verstaendnisprobleme hatten, wenn sie wieder mit den alten Worten konfrontiert wurden.

Pünktchen
10.04.2005, 12:19
Sehr interessante Frage...

Sagt mal wenn man Kinder in Deutschland zweisprachig aufwachsen lässt also zum Beispiel Englisch/Deutsch gibt es da nicht ein Problem? Also wenn sie das Sprechen erlenen in 2 Sprachen meinte ich damit. Es gibt doch schon diese Kindergärten in den zweisprachig erzogen wird. Sollte ein kind nicht ersteinmal ein Sprache lernen und dann eine zweite? Sie würden doch keine der beiden Sprachen richtig lernen und irgendwann ein Mischmasch sprechen und denken oder????

beckspistol
10.04.2005, 12:45
gibt nicht mehr probleme als eine vielzahl deutscher schon mit dem deutschen alleine hat (0"was geht alda?")- kenne viele zweisprachler (oder noch mehr) die alle sprachen sehr gut sprechen, wobei eine sprache (meist die der schule/des umfeldes) letztendlich dominiert und als "muttersprache" fungiert (hier also meistens deutsch)..

meist landen die leute dann auch in den sprachwissenschaften..

[/ironie an]
das gilt natürlich nicht für neukölln u.ä. gegenden
[/off] :-dance

Faust601
10.04.2005, 12:52
Ich hab mal gelesen, dass es bei zweisprachig aufwachsenden Kindern am günstigsten sei, wenn die beiden Sprachen räumlich voneinander getrennt gesprochen werden. Beispielsweise zu Hause nur die eine, im Kindergarten nur die andere. Auf diese Weise kriegen die Kinder in beiden Sprachen eine gute Kompetenz, ohne die Gefahr, dass am Ende nur ein Mischmasch rauskommt.

Solara
10.04.2005, 13:05
Bei den zweisprachig erzogenen Kinder ist es wichtig, dass ein Elternteil immer konsequent die eine Sprache spricht, der andere Elternteil die andere -die Umgebungssprache wird sowieso die dominierende sein!!

Nicht wie bei Bekannten (wohnhaft in Dtl., beide Eltern dt.) Vater spricht mit Kind dt, Mutter ital. + englisch (abwechselnd) - Kind ist vier und spricht so gut wie gar nix *seufz*!!

Rugger
10.04.2005, 13:10
Nicht wie bei Bekannten (wohnhaft in Dtl., beide Eltern dt.) Vater spricht mit Kind dt, Mutter ital. + englisch (abwechselnd) - Kind ist vier und spricht so gut wie gar nix *seufz*!!Ja, das habe ich auch mal gehört: bei zweisprachig aufwachsenden Kindern ist die sprachliche Entwicklung verzögert.
Was die ursprüngliche Frage angeht: ich bin immer wieder überrascht, wie gut zB. deutsche Juden, die zu Zeiten des dritten Reichs ausgewandert sind, in Interviews Deutsch sprechen, obwohl sie vermutlich so gut wie keine Übung hatten. Spricht in meinen Augen dafür, daß man seine Muttersprache nicht verlernen kann, ohne das ich das jetzt jedoch belegen könnte.

R.

Pünktchen
10.04.2005, 13:17
Nicht wie bei Bekannten (wohnhaft in Dtl., beide Eltern dt.) Vater spricht mit Kind dt, Mutter ital. + englisch (abwechselnd) - Kind ist vier und spricht so gut wie gar nix *seufz*!!


Aber genau das meine ich...wenn cih davon ausgehe lernen zu müssen, das der Baustein rot ist und Mama sagt rot dazu und Papa red...fein was wollen, die von mir...Assoziation: red rot baustein.

Am schlimmsten wird es doch wenn man nicht assoziieren kann, daß das im Kindergarten genau dasselbe ist wie zu hause...der rote Baustein heisst zu hause rot und im Kindergarten red... :-peng

vielleicht ist das aber auch viel zu sehr Erwachsenenlogik :-blush

Leelaacoo
10.04.2005, 19:19
Danke für die Antworten!
Ich denke auch, daß man einfach extrem von der Einstellung der Eltern geprägt wird, was das angeht. Meine Mutter sprach nur ein paar Brocken Deutsch, als wir ankamen und mein Vater nicht mal die, aber zu Hause haben wir immer versucht, nur Deutsch zu reden (was anfangs allerdings echt komisch war...Kommunikationschaos :-D )...andererseits kenne ich viele, die schon viel länger da sind und nicht mal die Umgangssprache beherrschen, weil daheim nur die "alte" Sprache gesprochen wird. Gerade wenns schon die 2te oder 3te Generation ist, die immer noch kaum Deutsch spricht...bedenklich. Die Chancen sind ja viel viel geringer, mal was aus sich zu machen.
Schade find ich es schon, daß ich meine Muttersprache nicht mehr kann, aber im Endeffekt ist es ja das kleinere Übel...nur wie das neuronal von Statten geht, ist mir immer noch nicht klar...irgendwo muß es ja verschüttet liegen im Hirn?
Zu 2-sprachigen Kindern: Ich kenne Familien mit 2-3 Sprachen und die Kiddies wechseln munter durch, je nach dem, mit wem sie sprechen, ohne große Probleme...kommt allerdings meiner Meinung nach auch auf die Bildungsschicht der Eltern an und wie sie die Sprachen verwenden. Mein Freund ist auch Italiener und beherrscht beide perfekt (Neid :-wow )...da ging das irgendwie (aber denken und zählen tut er auf italienisch...da merkt man schnell, welche die Muttersprache ist...uno due tre :-D ).

PS: Bei uns in Russland haben wir im Kindergarten lesen und schreiben gelernt...deshalb das mit den Briefen (könnt man hier doch auch mal einführen :-top )

LG Lee

Loish
10.04.2005, 19:52
Ich kenne drei Familien bei denen es nach dem Prinzip von Solara (eine Sprache pro Elternteil konsequent durchgezogen) einwandfrei funktioniert hat. (dt/span, dt/engl., dt/franz.). Anfangs sprachen die Kinder zwar ein übles Kauderwelsch aus beiden Sprachen ohne dass die Sprache des Gesprächspartners einen Einfluss zu haben schien :-) Doch das legte sich auch wieder mit der Zeit, und nun sprechen die Kinder einwandfrei beide Sprachen. Deutsch allerdings wohl etwas besser, da sie viel mehr Möglichkeiten haben in Schule/Umwelt/etc etc neue Wörter, Ausdrücke, Schlagfertigkeiten und weiteres zu lernen, während bei der anderen Sprache oft nur Vater/Mutter, seltene Verwandte/Bekannte und Bücher, Kassetten und Co als Vorbilder dienen können.
Ich denke gerade das zweite Problem wird bei umgezogenen Muttersprachlern auch eine große Rolle spielen - selbst wenn sie zu Hause noch ihre Muttersprachen sprechen "entwickelt" sich ihre Sprachgewandtheit einfach viel weniger als das Deutsch. Und wenn sie selbst zu Hause nur deutsch sprechen, dann geht die Entwicklung von Niveauunterschieden noch viel schneller.
Veilleicht ist das aber so, dass die Sprache innerhalb von wenigen Wochen/Tagen wieder voll zurückkommen würde, wenn man eine Zeit lang wieder voll in ihrem Umfeld eingetaucht wird. Die Schlagkräftigkeit/Redegewantheit wird allerdings darunter gelitten haben, hat man doch viel weniger Gelegenheit zum Üben gehabt :-nix
:-)
Ich sehe das alles relativ locker. Wirklich was kaputt machen is denk ich so einfach gar nicht, und flexibel sind wir ja allemal.

Jemine
10.04.2005, 21:07
Ich hab nach ein paar Tagen in England schon angefangen, auf englisch zu träumen. Als ich mit meiner Ma dann telefoniert habe, sind mir auch plötzlich die simpelsten deutschen Wörter nicht mehr eingefallen :-)) Als ich wieder zurück hier in Deutschland war, hats auch wieder ein paar Tage gedauert, bis ich mich ans Deutsch wieder gewöhnt hatte.

Evil
11.04.2005, 08:59
Ich hab nach ein paar Tagen in England schon angefangen, auf englisch zu träumen. Als ich mit meiner Ma dann telefoniert habe, sind mir auch plötzlich die simpelsten deutschen Wörter nicht mehr eingefallen :-)) Als ich wieder zurück hier in Deutschland war, hats auch wieder ein paar Tage gedauert, bis ich mich ans Deutsch wieder gewöhnt hatte.
Kenn ich.... und wenn man sich dann noch einen grauenhaften irischen Dialekt angewöhnt... :-))

Jemine
11.04.2005, 10:51
Ja, bei mir haben sich alle totgelacht, als ich wieder hier war, weil ich Deutsch so "gesungen" habe. Ist mir aber gar nicht aufgefallen... :-))

altalena
11.04.2005, 16:48
Ich habe mich relativ schnell einge"italienischt", besonders, was das Gestikulieren betrifft. Am schönsten fand ich, als ich merkte, dass mein Italienisch alltagstauglicher geworden ist und dem schulischen Gerede gewichen ist. Ich denke, wenn man längere Zeit in einem anderen Land ist, hat man schon Probleme mit der eigenen Sprache (Wortfindungsstörungen etc.), aber ebenso denke ich, dass man diese Probleme schnell wieder in den Griff bekommt, wenn man wieder daheim ist.... ging mir jedenfalls so :-meinung

Pünktchen
05.10.2005, 13:24
In der Grundschule mehr als nur Englisch lernen....dazu hab ich jetzt einen Artikel gefunden, und auch wenn meine Zweifel nicht aus dem Weg geräumt sind, daß die Kinder sich eine PatchworkSprache aneignen, zeigt der Artikel doch, daß es ein erfolgreiches Sprachenlernen ist, egal ob Englisch, Französisch oder Italienisch in der ersten Klasse gelernt wird...

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,375731,00.html

Gaja
05.10.2005, 14:40
Ich habe auch zuerst Englisch gelernt und dann ab ca. 4 Jahren noch Deutsch dazu. Bis 7 habe ich beide Sprachen nebeneinander her gesprochen und dann hat meine Mutter aufgehört mit mir Englisch zu reden. Heute kann ich natürlich schon noch Englisch, man hat ja viel Kontakt zu der Sprache, aber leider habe ich inzwischen einen ordentlichen deutschen Akzent und wenn ich länger nicht mehr Englisch gesprochen habe, ist es auch nicht mehr flüssig.

Sunshine*w
05.10.2005, 15:18
Ich bin auch zweisprachig aufgewachsen (deutsch/ungarisch)
und irgendwie hab ich darin nie ein Problem gesehen... bin in D geboren, und hab auch mein ganzes Leben dort gewohnt...und hab nur mit der Familie ungarisch gesprochen...
Jetzt wohne ich seit 6 Wochen in Szeged und mittlerweile fällt mir deutsch immer schwerer :-blush

hmmm...ja...auf englisch studieren...sich mit Kommilitonen auf deutsch unterhalten..und sonst nur ungarisch reden... da kann man schonmal durcheinander kommen :-))