PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fragmente, Gedanken, ???



Seiten : 1 [2] 3 4 5 6

Grübler
29.11.2008, 21:33
So, Bezug nehmend auf Flemingel in diesem Post

http://www.medi-learn.de/medizinstudium/foren/showpost.php?p=718587&postcount=14

hier die Vertonung:

http://media.putfile.com/Flemingulus---Die-Schildkra-te-und-der-Adler

Viel Vergnügen!

EDIT: Ergänzungen hier:

von LaTraviata :-)
Flocken fliegen
http://media.putfile.com/LaTraviata---Flocken-fliegen

Alles Fassade
http://media.putfile.com/LaTraviata---Alles-Fassade

Flemingulus
30.11.2008, 16:29
So. Jetzt hab ich den freien Sonntag nochmal genutzt mir Gedanken zum Thema Konkretizität (äh... oder so... ) zu machen.

Herausgekommen sind drei Etüden mit dem Motiv "Alte Liebe, altes Glück". Die erste ziemlich abstrakt, die zweite halb-anschaulich, halb-metaphorisch und die letzte ganz konkret. :-)


Herz bei Fuß

Herz!
Los!
Fass!
Wo ist das Glück?
Sitz!
Platz!
Aus!



Die Geschichte vom Strich

An der Nahtstelle des Glücks
reizlose Ränder.
Das Wundheilungsrot
wird nach und nach blass,
die Kruste fällt ab
und es juckt mich nicht mehr.
Ein weißer Strich
verbleibt als Bilanz.



Herzsäuberung

Wohnungsputz.
Vor Fensterbrett, Bilderrahmen und Spiegel,
macht der Lappen nicht halt. Dann
die geknickte Postkarte an der Wand.
Auch alte Liebe staubt zu.

Ein Strandidyll und rückseitig
Dein sehr ausführlicher, lieber Text,
in dem Du's doch echt geschafft hast,
kein einziges Mal
das Wörtchen "ich" zu benutzen.

So war das.
Der Rest der Wohnung
kann warten.

Flemingulus
30.11.2008, 22:25
Ich hab zwar keine Ahnung, was "Lautgedichte" sein sollen

Eine offizielle Gattung von Lyrik. :-) Etwa sowas in der folgenden Art:


Scharoröckliche Schorokrotat Schoromompf Schompels


Schhhhh…..

Woarrrrh!

Scharoröcklich schamuderte Schoromompf Schompel!
Krawohlig zinkerte Mumpfel pa Nehm
Za Namig zo mumeris Tompel
Weh Mumo kalamu kalehm!

Marikamu ze Huhla
Te ti machu Majuck
Te ta Tumo Fo Puck
E ka hila Pi Kula
Zeta mi fasi Tuck!

Scharoröcklich schamudernd
Kema hiro ebudernd
Kama Luck kama Ruck
Sima soso klafudernd.

Scharoröcklich schamuderte Schoromompf Schompel,
Keja Mumpfel krawohlerte Radu Haduck.
Za Namig zo mumeris Tompel
Weh Mumo. Weh Schompel. Weh Puck.

------------

EDIT: Ein gutes Lautgedicht zu schreiben, ist fast so schwer, wie ein gutes "normales" Gedicht zu produziern (können Gedichte überhaupt normal sein?). Obiges ist jetzt zur Veranschaulichung ziemlich schnell dahingehudelt - bevor Grübler sein Talent daran verausgabt... vielleicht lieber der Verweis auf klassische Lautgedichte z. B. von Hugo Ball und Christian Morgenstern:Wikipedia mal wieder (http://de.wikipedia.org/wiki/Lautpoesie)

Flemingulus
04.12.2008, 18:09
Zurück zum Thema Winter:



Wintereinbruch.
Meine Spuren
auf der weißen Fläche
um Dein Zuhaus'
führen alle weg von Dir
zu meiner Schande,
bis es weiter schneit
oder auch
wieder taut.

papiertiger
04.12.2008, 18:28
nicht winter, aber zumindest farblich passend:

(kriege gerade richtig lust hier mal einzusteigen, aber hab schon viel zu lange nix mehr geschrieben.. zunächst etwas älteres also ;) )

das(s) dann doch weißes hätte gefallen dir


damals dachte ich mir
dass die wände näher kommen
weil die weißen
das doch immer taten.

damals wusstest du dann
dass die wände schon da waren
weil sie für dich
dann gekommen waren.

damals glaubten sie nicht
dass du sehen konntest, das, was
weil es so weiß war
doch sie nicht sehen wollten.

damals haben sie dann
dass sei glaube liebe hoffnung
weil verloren
weißes mit den blumen

verdorben. die wände waren
noch weiß
dahinter.
man sah es nur nicht
mehr so deutlich
wie man doch sehen
hätte sollen können.

du sahst.
du wusstest.
du hast geleugnet.
du hast dich nicht
über die blumen
gefreut
weil du wusstest
und doch hast du
gefallen geleugnet was du wusstest.

das weiß ich nicht mehr
wann sie damals
die blumen weggebracht haben
dir nach oder schon vor dir.

papiertiger
04.12.2008, 19:02
etwas weniger pathetisches:


nicht so (arg) nett

sonnentrott in braunen tassen
wirst du wohl den sommer lassen
pausenloses regenmalmen
biegt sich unter dicken halmen

da, ein frosch im faden gras, kli-
scheegereite macht wohl spass, die
blauen reiher auf der feier

bleibt doch stets das gleiche spiel
stop jetzt auf es wird zu viel
mit der alten sonnenleier

fast so nett wie ironic couplet
vers im knittel bis zum ende

(auch die ferse bringt nicht wende
noch macht dies den brei nicht fett.)

papiertiger
04.12.2008, 19:19
um die kneipende verwirrung mal zu verkomplettieren, oder auch nur zu verdreifachen (ich hör ja gleich auf, aber alte notizbücher machen spass, vor allem wenn man eigentlich anderes zu tun hätte ;) )

Flughundphantasien
recht bodenständig abgelenkt
in das - ins - hinein
runter, rauf oder rüber
in das plattige, platsch-pellag -
Meer plattgedröselter Tatsachen.
Passe nicht länger
auf deine Flughunde,
die bellenden, berstenden, auf
denn auch sie werden
nach erkennen
periphertangieren!
(nur das.)

Flemingulus
05.12.2008, 12:57
Es passt jetzt stimmungsmäßig nicht. Aber dieser Thread lebt ja auch vom ständigen Wechsel der Formen und Inhalte.
Hoffentlich nicht zu moralingesättigt.


Vom Vorbeigehen

Der Mitbürger
auf der zugeschneiten Parkbank
schlief vielleicht nur,
als ich eilig weiter ging
und mir sagte,
was solls,
das Leben geht ja schließlich
auch immer weiter.

Aber seither
hat er eine neue Bleibe gefunden
und sitzt abends
mit Schnaps im Atem
bei mir am Küchentisch.

So geht nicht alles,
an dem wir vorbeigehen,
auch einfach vorbei.

Flemingulus
09.01.2009, 18:58
.....

Flemingulus
10.01.2009, 16:53
Sonette in einem "gehobenen Ton" sind sakrisch schwierig - durch die formale Strenge kippen die ganz besonders leicht in unfreiwillige Komik ab. Hier mal eins meiner liebsten - vom Oberguru persönlich. Wie ich finde eine besonders gut gelungene Balance von Formtreue, Innigkeit und plauderhaftem Ton. :-)

Die Liebende abermals

Warum ich wieder zum Papier mich wende?
Das musst Du, Liebster, so bestimmt nicht fragen!
denn eigentlich hab' ich Dir nichts zu sagen,
doch kommt's zuletzt in Deine lieben Hände.

Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende,
mein ungeteiltes Herz hinüber tragen
mit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen:
Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende.

Ich mag vom heut'gen Tag Dir nichts vertrauen,
wie sich im Sinnen, Wünschen, Wähnen, Wollen
mein treues Herz zur Dir hinüber wendet.

So stand ich einst vor Dir, Dich anzuschauen,
und sagte nichts. Was hätt' ich sagen sollen?
Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.

(JWG)

papiertiger
10.01.2009, 18:05
kein Sonett:



Worte, wem kein Wort gebührt
Sagen, wo das Reden fehlt
Einmal hast du Sätze über
Das Gesagte wohlverhehlt

Versprich, sag nicht
Gedacht verneintes
Was Worte biegen
Bricht die Sprache

Im Wortlaut hast du
Angesprochen
Wo der Gedankengang
Verflaut.

Sag nur, Sag
Denn das Gesagte
Kann sich kehren,
wird sich wenden,
Sag es,
wir formen es dann später.

Flemingulus
11.01.2009, 18:56
Sprachbarriere

Selbst die Liebe hat
grammatische Grenzen:
Wie willst Du
bitteschön
meine erste Person sein?

LaTraviata
13.02.2009, 00:25
Genussvoll inhalierst Du
den Qualm dieser Zigarette.

Immer wieder leuchtet die Glut,
rot, feuernd, lebendig.

Mir jedem Zug scheint sie
intensiver zu werden,
kein Anschein von Sterben.

Mit jedem Zug kommt sie
näher zu dir
Wärme auf Deinen Lippen.

Bis sie zu Boden fällt,
die Glut vergällt,
sterbend auf gefrorenem Asphalt.

So wie ich jetzt fühle
die Glut war ich
und du bist
der kalte Untergrund.

Flemingulus
18.02.2009, 20:10
Du schließt beim Inhalieren die Augen,
ein wahrlich gefilterter Genuss
und die Glut der Zigarettenspitze ist bei weitem
Dein wärmster Punkt, doch nach und nach
sammelt sich Asche an.

Noch hängt an Deinen Lippen
die Reaktionszone "Glück",
kommt sogar näher, Zug um Zug.

Aber dann ist das Vergnügen ausgeraucht.
Ein Fingerschnips für das, was übrig blieb
und Stiefelabsatz und gefrorener Asphalt
besorgen den Rest.

Jetzt sollte ich wohl geh‘n, mein Schatz,
denn ich war Deine Glut
und du mein fester,
kalter Grund.

-----------------------

;-) Ich habs ja angedroht... na ich hab mal versucht, die Gewichte etwas zu verschieben. Bei Latraviata steht das "Erleben und Erleiden" der Zigarette stark im Vordergrund und ich wollt jetzt mal sehen, was passiert, wenn der Raucher und das "lyrische ich" ein bisschen stärker betont werden. Ich glaube, "der Plot" wurde dadurch etwas ausgewogener, allerdings um den Preis eines Verlusts an emotionaler Unmittelbarkeit. Oder so. ( :-nix )

LaTraviata
20.02.2009, 23:55
Aussenseiter

Ich habe verstanden,
daß ihr mich nicht verstehen wollt.
Daß ich am Besten
eurer kollektiven Meinung sein sollt'.

Schraube ich nun meinen Kopf ab,
Leg' ihn ins soziale Massengrab.
Denk nicht nach, hör mich nicht denken -
helf' euch dabei, den Kahn ins Moor zu lenken.

Doch da hört es auf,
ich bin raus
und geh' auch nicht
Auf des Morals Leichenschmaus!

Flemingulus
22.02.2009, 21:20
Statt Blumen

Der Himmel war leer vor Schnee
Doch für Deinen Namen
Fand die Wolkenschrift Worte
In einer Sprache, die
Für mich nicht bestimmt war.

Aber da stand wohl etwas wie:
"Frag' nicht, wohin Dein Weg Dich führt –
Führe Du Deinen Weg"
Und ich schaute auf zu Dir
Wie damals, heute, morgen.

Am unbewohnten Himmel aber obsiegte
In Deinem Namen das Blau,
Wir teilten den Himmel in Wolke und Blau,
Und endlich begann ein Schneemann die Reise:
Denn es herrschte Winter
Am St. Valentins Tag.

LaTraviata
25.02.2009, 21:54
Augen
Suchen
Finden
Weinen

Köpfe
Rauchen
Denken
Meinen

Hände
Spüren
Greifen
Vereinen

Schönheit
Zeit
Wie Liebe
Alles

Diese Sachen
Waren
Die Deinen

Flemingulus
06.03.2009, 18:57
Nachdem das Valentins-Gedicht von weiter oben m. E. nicht gelungen ist, hier eine Fortsetzung. Als Kritik in eigener Sache :-) fand ich es 1) zu lang, 2) zu pathetisch ("... die für mich nicht bestimmt war"), 3) zu betulich ("Frag nicht wohin usw.") und 4) zu gesucht ("obsiegte"). Und der Versuch mit dem Schneemann das Pathos etwas aufzubrechen hat auch nicht geklappt. :-(

Deshalb jetzt:



Blumen

Am St. Valentins Tag war der Himmel
ganz voller Schnee, doch fand
die Wolkenschrift Worte für Dich
in der Sprache Deiner neuen Welt.

Das Glück steht angelehnt
an die Zeit, die uns bleibt,
und "nicht vergessen" meint
etwas anderes als "behalten".

Und der Himmel war weit über mir
noch ganz voller Schnee
und geteilt in Wolke und Blau
für mich am St. Valentins Tag.

Flemingulus
15.03.2009, 18:22
Wieder Zeit für Fragmentarisches :-)
Heute zum Thema Lyrikübersetzung (trotz der warnenden Definition: Poesie ist das, was beim Übersetzen verloren geht).

In Wikipedia bin ich über "In Flanders Fields" gestolpert. Der Autor, Lt. Colonel John McCrae, war Feldarzt im Ersten Weltkrieg. Er schrieb das Gedicht 1915 unter dem Eindruck des Verlustes eines Freundes – und warf es weg. Das Blatt wurde durch Zufall gerettet und gelangte auf Umwegen an das Magazin Punch, wo es im selben Jahr gedruckt wurde. 1918 ist McCrae durch den Kriegseinsatz geschwächt an einer Pneumonie verstorben.


In Flanders Fields

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.


…. wäre auf Flemingisch:


Auf Flanderns Feldern

Es weht der Mohn auf Flanderns Feldern rot,
dazwischen säte Kreuz um Kreuz der Tod
für uns, und über Gräberreihen singen
die tapf’ren Lerchen "Sommer" – aber klingen
im Himmel nur, wo kein Geschützlärm tobt.

Wir sind die Toten jetzt, doch einmal bot
auch uns die Sonne Früh- und Abendrot,
versprach uns Liebe, vor wir hier vergingen
auf Flanderns Feldern.

Wir sind zu schwach für Ehr und Feind und Not,
seid Ihr im Streit das nächste Aufgebot,
soll Euch die Zukunft endlich Frieden bringen!
Vergesst uns nicht. Bedenkt vor allen Dingen
wir schlafen nie: Der Mohn trägt unser Rot
auf Flanderns Feldern.


-------

Wie man sieht, hab ich mich in der letzten Strophe nur ungenau ans Vorbild gehalten. Ich persönlich lese den Durchhalte-Appell, der in den letzten Zeilen anklingt, ganz kühn entweder als Sarkasmus oder als ungewolltes Diktat der strengen Gedichtform. Die Tatsache, dass McCrae das Gedicht weg geworfen hat, spricht für mich entweder dafür, dass er mit dem Gedicht (dem Schluss?) nicht zufrieden war oder aber in sehr resignativer Stimmung – beides benutze ich mal als Rechtfertigung für die "Umdichtung" und behaupte, dass die schon im Sinne des Autors gewesen wäre (der sich ja nicht mehr wehren kann).

LaTraviata
28.03.2009, 20:54
Wolken ziehen vorbei
selbst wenn ich es nicht glaube
auf Regentage folgend
geben sie das schönste Blau frei.

Dann ziehen weite Bänder
Die von Freiheit erzählen
An diesem Himmelszelt
Zäune um grauer Tage Ränder

Und ich stehe staunend da
Ob der Schönheit, die sich zeigt
Der große Hunger auf das Leben
Macht sich polternd in mir breit.