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RS-USER-Schädelspalter
09.01.2007, 10:15
Erstmal ein kleiner Exkurs:
Als Vollelektrolytlösungen werden etwas irreführend Lösungen bezeichnet, die ca. 140 mmol/l Natrium enthalten (Also NaCl 0,9%, Elomel, Ionosteril, manche Sterofundin, manche Ringer,...). Manchmal werden fälschlicherweise nur Lösungen bezeichnet, die auch ca. 4 mmol/l Kalium haben. Das ist aber nicht das Kriterium.
Natrium und damit passiv auch die zugehörige Flüssigkeit verteilen sich im Extrazellulärraum (= intravasal + interstitiell). Da das Interstitium ungefähr doppelt so "groß" ist, bleibt nur 1/3 intravasal, die Umverteilung geschieht recht zügig, vermutlich meinte das Katja mit den 30 Minuten.
Von Teilelektrolytlösungen (also weniger Natrium) bleibt halt weniger akut intravasal (wo es die Patientin in unserem Beispiel gut gebrauchen kann :) )

Kolloidale Lösungen (HAES, Gelatine, Dextrane) bleiben überwiegend intravasal, die Volumenwirkung beträgt 70 - 180 % der Infusionsmenge, die Wirkungsdauer 2-8 Stunden. HyperHAES hat zusätzlich noch viel Natrium zum zusätzlichen Flüssigkeitseffekt (die Flüssigkeit kommt dann von interstitiell und intrazellulär). Macht aber eine Hypernatriämie, ist dosislimitiert und hat bei entsprechend großen Zugängen keinen Vorteil.

Die Frage bei der Patientin ist:
bekomme ich mehr Flüssigkeit (pro Zeit) in sie hinein als aus dem Gefäßsystem blutet?
Weil so vieles Glaubensfragen ist, nenne ich mal ein paar bewiesene Fakten (zusammengesucht z.B. aus Pharmakologie & Toxikologie Karow/Lang Ausgabe 2005)
1. Eine Über- oder Unterlegenheit von Kolloidalen vs. Kristallinen Lösungen ist nicht bewiesen.
2. Bei Trauma oder Verbrennung leicht erhöhte Sterblichekeit bei Kolloiden (BMJ 316;961-964, 1998 oder Critical Care Med 27;200-210, 1999), wobei in den Studien z.T. das in D nicht/kaum verwendete HAES 450 benutzt wurde.
3. Für den gleichen Effekt braucht man 3x mehr VEL als Kolloide.
4. Für Kolloide gibt es Höchstmengen (meist so um 2 l/d, je nach Präparat), die wegen Gerinnungsstörungen nicht überschritten werden sollen.
5. Kolloide sollten mit Flüssigkeit kombiniert werden (Urinviskosität hoch -> Nierenversagen, Elektrolytstörungen...)

Zurück zum Fallbeispiel:
NaCl 0,9% ist in geringen Mengen zum Offenhalten des Zugangs gut.
Unter Schleifendiuretika (Furosemid, Torasemid,...) besteht oft eine Hypokaliämie. Richtiger Einwand von Katja: wenn man viel Flüssigkeit gibt, dann am besten mit Kalium. In den Lösungen, in denen Kalium ist, ist meist auch Laktat und das ist im Schock nicht gut, da hat die Leber anderes zu tun, als das blöde Laktat von draußen abzubauen (kommt ja genug von selbst).
Also, in einer freien Minute mal auf die Etiketten schauen und die Verantwortlichen fragen, warum nur Laktathaltige VEL und NaCl 0,9% auf den RTWs sind ;)

Die Frau braucht schnell viel Volumen. Wenn man nur eine Rosanüle am kleinen Finger hat :-p , nimmt man Kolloide (z.B. 500ml HAES 130/0.4, hält 2-3 Stunden) gefolgt von 1000ml VEL und dann wieder 500ml HAES usw.
Ein Tip:
für das Legen einer z.B. 8F-Schleuse (wie für Schrittmacher usw.) in die V. Femoralis brauche ich nicht viel länger als zum Legen eines peripheren Zuganges (wenn ich sie festnähe 1 Min. länger); das Suchen geht deutlich schneller und trotz Seldinger-Technik gut zu handhaben, bei kurzem Seldinger-Draht auch steril unter widrigen Bedingungen möglich (nicht so wie ein echter ZVK mit Schocklumen).

Analgesie: Bei der KHK muß man abwägen, ob man Ketanest (eigentlich Mittel der Wahl wegen günstiger Kreislaufeffekte) nimmt, dann S-Ketamin mit 0,1-0,25 (-0,5) mg/kgKG. Intubationsdosis wäre 0,5-1 mg/kgKG i.v.
Wegen der Psycho-Effekte mit Midazolam (z.B. 2-5 mg) kombinieren.
Ansonsten tun`s auch 0,1-0,2 mg Fentanyl und dann langsam hochtitrieren.

Beachbaer82
09.01.2007, 10:51
So, alle Verletzungen und Erkrankungen wurden erkannt und auch recht schnell und passend behandelt.

Ich habe dieses Fallbeispiel schon mal ein paar Azubis vorgelegt... Da hab ich auch schon andere Ergebnisse erlebt ;-)

DANKE für die zahlreiche Teilnahme und die Erklärungen :)

RS-USER-blacksheep
09.01.2007, 11:17
Original geschrieben von Schädelspalter

Also, in einer freien Minute mal auf die Etiketten schauen und die Verantwortlichen fragen, warum nur Laktathaltige VEL und NaCl 0,9% auf den RTWs sind ;)

Ich frag mich eher wieso wir Ri und Ri-La (neben NaCl, HAES 6% uns HyperHAES) auf den RTWs vorhalten. Gibt es da einen essensiellen Vorteil der Ri-La das da unbedingt welche aufm Auto haben muss?

Beachbaer82
09.01.2007, 12:33
Ich habe mittlerweile in 4 RD-Bereichen gearbeitet.

In 3 gab es NaCl 0,9% + HyperHAES und ein einem neben denen noch Ringer...

Hab mir NIE Gedanken gemacht was Ringer, Ri-Lac, oder NaCl ( auf nem Nef aich schon Ionosteril gesehen ) für unterschiedliche Anwendungsgebiete waren...

Aber ich werde jetzt auch mal schauen...

Genauso wie ich net verstehe das manche RD-Bereiche die 100ml Kurzinfusion G20 in den Himmel loben und die 10ml G40 zum zuspritzen verteufeln, während es andere RD-Bereiche gibt wo genau das Gegenteil der Fall ist...
Hauptsache der Pat. bekommt bei ner Hypoglycämie sein Glukose ( ob 10 - 20g über Infusion oder 12 - 16g zum "zuspritzen"... )

RS-USER-DoktorW
09.01.2007, 12:54
Diese Infusions-Geschichten sind in manchen RD Bereichen wie ne eigene Religion. Es gibt eigentlich nix zu verstehen hier und überall wird nach eigenem Geschmack gearbeitet. Prinzipiell ist es in der Regel wurscht ob NaCl oder Ringer etc. pp angehängt wird. Es gibt feine Unterschiede, wie auch schon oben erwähnt wurde, aber als "normale" Trägerlösung sollte man präklinisch nicht so viel nachdenken!

RS-USER-Katja
09.01.2007, 18:05
Wenn ich's mal für die gängigen Infusionslösungen aufdröseln darf:

NaCl: Na:154 mmol; Cl: 154mmol -> isoton (alle folgenden Angaben auch in mmol/l)
Ringer: Na 147,5; K 4; Ca 2,25; Cl 156 -> isoton
Ringer-Lac: Na 130; K 5,4; Ca 1,8; Cl 112, Lactat 27 -> leicht hypoton
Ringerlac nach Hartmann: Na 130; K 5; Ca 1; Cl 112, Lactat 27 -> leicht hypoton
Sterofundin: Na 140; K 4; Ca 2,5; Cl 106, Lactat 45 -> isoton
Thomaejonin G5: Na 140; K 4; Ca 2,5; Cl 106, Lactat 45; Gluc 50 -> isoton
Glucose 5%: Gluc 50 -> leicht hypoton

HAES steril 6%Na 154; Cl 154 -> isoton; Tageshöchstdosis 33ml/kg (das sind für 70kg 2,3 Liter)
Voluven: dito Tageshöchstdosis 50ml/kg (also 3,5 Liter/d)
HAES 10%: dito; Tageshöchstdosis 20ml/kg (1,4 Liter/d)
Gelafundin: Na 154, Cl 120 -> isoton Tageshöchstdosis gibt es nicht, da kein nachweislicher gerinnungshemmender Effekt, der über die VErdünnung hinausgeht

Die Tageshöchstdosen sind relativ; wenn ich aber 3,5 Liter Kolloide in einen Patienten litere (litern muß), hat der eh ein Problem, das nach Gabe von Blutprodukten und Gerinnungsprodukten schreit. Wer schonmal ein Polytrauma in OP versorgt hat, weiß, daß die Gerinnung spätestens ab einem Blutverlust von 3 Litern (und den hat man schnell zusammen) substitutionsbedürftig wird und man ggf. hinter einer Verbrauchskoagulopathie hinterherläuft.

EIn Einwand: HyperHAES hat bei richtiger Benutzung durchaus Vorteile, weil man ohne riesige Volumenmengen einen minimalen Kreislauf bei schlechtem Volumenstatus auf Grund von Blutverlusten schnell wieder bekommt - man muß dann aber natürlich "nachfüllen", denn sonst produziert man zugunsten der intravasalen Flüssigkeit eine extravasale "Rosine". Die einmalige Gabe von HyperHAES ist nicht mit einer nachgewiesenen Problematik bzgl. des temporär erhöhten Natriumspiegels belastet; zumindest ist es nirgendwo nachgewiesen. Sonst müßte man die NaBi-Gabe (ebenfall so um 8,4% Natrium) auch wegen des Natriums verteufeln ;)

Kolloide haben bei Brandverletzten nach fast einhelliger Meinung alle Verbrennungszentren präklinisch NICHTS verloren. Für sonstige Verletzungen gibt's zig Studien und die Schlußfolgerung ist mehr oder weniger: Man kann, muß aber nicht Kolloide nehmen. Man sollte, wenn man Kolloide gibt, wissen was man da tut. Und ob wenn Kolloide dann HAES (oder Voluven etc.) oder Gela ist im KH eine Glaubensfrage, draußen taugt Gela wegen seiner mangelnden Frost- und Hitzebeständigkeit aber nichts.

RS-USER-Küchenhexe
09.01.2007, 18:23
Original geschrieben von DoktorW
aber als "normale" Trägerlösung sollte man präklinisch nicht so viel nachdenken!

Wenn die Trägerlösung anfängt zu denken, fange ich an, mir Sorgen zu machen :D :D


Aber es wäre ein weiterer Baustein in der These, daß es sich bei der "Ursuppe" in Wahrheit um eine kosmisch lang abgelaufene RiLac gehandelt hat...;)