Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Heftige Zweifel am Studium
Ich kenne einen wirklich brillanten hoch gebildeten Kopf, der an der Uni NULL geworden ist weil er wohl zuviel wirklich herausgefordert hat, und ebenso eine eher mässig intellektuelle Schnackerin die im Rennen um eine Juniorprofessur sehr gut platziert ist. Das ist die Realität dieser Fächer, in der es sobald es an die Jobs geht, ironischerweise gerade echte Denker schwer haben.
Das dürfte in der Medizin ähnlich sein, zumindest in den Psycho-Fächern.
Das stimmt für Mediziner aber nur insofern, als dass es bei Unistellen, echten Aufsteigs-Sprungbrettern und ähnlich renommierten Angelegenheiten so ist. Wer ohne sowas leben kann, hat mit einem Medizinstudium immer noch einen akademischen, und einigermassen gut bezahlten Job in Aussicht. In manchen Nischenfächern kommen sogar stille Grübler vergleichsweise gut weg.
Geisteswissenschaftler hingegen sind nicht selten "top oder flop" ausgeliefert - entweder gleich was gut abgesichertes im öffentlich finanzierten Lehrbetrieb - oder gar nichts bzw. kreative Selbstausbeutung und geringqualifizierte Brotjobs, wo man als Studierter teils auch noch schief angeguckt wird.
So schlimm ist es bei uns dann doch nicht, und darum bleibe ich bei meiner Empfehlung. :-bee
ehem-user-02-08-2021-1033
26.02.2012, 15:51
Hör auf die Alten: wenn das Medizinstudium für Dich gut machbar ist, dann sichere Dir diesen Beruf. Mit einem guten Händchen wird Dir das später gewisse Freiräume schaffen, insbesondere wenn Du nicht auf Deutschland als Arbeitsort fixiert bist.
Es gibt aber sicherlich auch andere Berufe, in denen man Freizeit hat und sogar in Deutschland arbeiten kann.
Lehramt, im Fach Deutsch z.b., kann auch sehr nett sein. Das sage ich frei von Ironie.
Ich kenne einen wirklich brillanten hoch gebildeten Kopf, der an der Uni NULL geworden ist weil er wohl zuviel wirklich herausgefordert hat, und ebenso eine eher mässig intellektuelle Schnackerin die im Rennen um eine Juniorprofessur sehr gut platziert ist. Das ist die Realität dieser Fächer, in der es sobald es an die Jobs geht, ironischerweise gerade echte Denker schwer haben.
Drittmittel, Publikationen, repräsentatives und sicheres Auftreten etc... könnten hier einige relevante Stichworte sein.
Denglisch:
"Softskills"
Vielleicht komme ich zu sehr aus der Pragmatiker Ecke, aber sicherlich macht mir Medizin Spass.
Nur kann ich in den derzeitigen Arbeitsbedingungen und den meisten Arbeitsumfeldern des "durchschnittlichen" Arztes keine überdurchschnittliche intellektuelle oder emotionale Befriedigung sehen.
Sicherlich ist es kein schlechter Beruf. Aber unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ist es sicherlich nicht der "beste" Beruf der Welt...
Drittmittel, Publikationen, repräsentatives und sicheres Auftreten etc... könnten hier einige relevante Stichworte sein.
Denglisch:
"Softskills"
Und Klartext: "fachfremdes Gedöns sticht Begabung".
Ist zwar so, muss man aber innerlich noch lange nicht akzeptieren. Es sei denn man frisst einfach was einem an Bildungsökonomisierung so vorgesetzt wird, aber als Elite wird einem das hoffentlich nicht unterlaufen. ;)
Mir wärs jedenfalls lieber, es würden sich mehr "echte Typen" durchsetzen.
Was ist denn für dich ein "echter Typ"? Nach welchen Kriterien beurteilst du das? Und woher weißt du, dass die nicht einfach auch nur eine Form des Vorurteils sind, bloße Konvention?
Und Klartext: "fachfremdes Gedöns sticht Begabung".
Ist zwar so, muss man aber innerlich noch lange nicht akzeptieren. Es sei denn man frisst einfach was einem an Bildungsökonomisierung so vorgesetzt wird, aber als Elite wird einem das hoffentlich nicht unterlaufen.Nee, es ist ja eher so, dass je anspruchsvoller die Tätigkeit ist und je höher man in der Hirarchie steigt, man es immer weniger weit mit einer Begabung auf nur einem einzigen Themengebiet bringt.
Jeder Chefarzt muss - neben seinen medizinisch-fachlichen Fähigkeiten - anders als z.B. der Assistenzarzt auch was von Abrechnungswesen, Gesundheitsökonomie, Marketing, etc. verstehen.
Genauso wird auch ein genialer Ingenieur sicherlich nicht in den Vorstand berufen, wenn er sonst nichts rundrum kann, v.a. keine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse hat.
In Führungpositionen braucht man neben der fachlichen Kompetenz eben auch andere Dinge um den Job richtig auszufüllen - hat man die nicht, dann hat man eben schlechte Karten.
Diesen hin- und hergerissenen Geisteszustand kenne ich nur allzu gut. Man macht ein super Abi, alle reden auf einen ein und meinen, alles am besten zu wissen und einem Tipps für eine große Karriere geben zu können (von den Eltern über die Freunde bis hin zum Schulleiter), nur man selbst weiß nicht, was man studieren soll. Geisteswissenschaften interessieren am meisten, werfen aber eher wenig ab, Naturwissenschaften versprechen gute Aussichten, wecken aber keinerlei Begeisterung. Ich glaube, da finden sich wirklich viele drin wieder...
Ich habe gegen alle Widerstände ein Lehramtsstudium angefangen und auch abgeschlossen und parallel dazu mit dem Medizinstudium angefangen. Ja, es war viel Arbeit, ich hatte wenig soziale Kontakte, ich habe es weitgehend für mich behalten und bin immer von A zu B geschwankt - besser tierisch viel arbeiten als eine Entscheidung zu treffen.
Nein, ich werde dir keine Tipps geben, wohl aber Denkanstöße zu Aspekten, die dir erst dann klar werden, wenn du voll in einem Studiengang drinsteckst. Das sind keine Pauschalisierungen, sondern lediglich meine Erfahrungen. An anderen Universitäten und für andere Menschen kann das ganz und gar anders aussehen:
* Studenten unterschiedlicher Fachbereiche haben tendenziell eher wenig Verständnis füreinander. In deinem Fall halten viele deiner Kommilitonen Philosophiestudenten sicher für Gammler mit wenig Lust auf realistische, harte Arbeit. Umgekehrt wirst du in den Geisteswissenschaften viele Studenten finden, die Mediziner für arrogante Streber aus betuchtem Hause halten. Zumindest mich haben diese Klischees immer gestört. Egal wo ich war, ich habe immer das jeweils andere Fach verteidigt. Du wirst damit rechnen müssen, schief angesehen zu werden, wenn du sagst, dass du aus der Medizin kommst.
* Du wirst dich in dem von dir als so attraktiv wahrgenommenen Studium kaum vor dem Master deinen persönlichen Interessen widmen können. Im Bachelor sind die Studieninhalte weitgehend vorgegeben. Natürlich kannst du sehr individuell deine Module aussuchen und Schwerpunkte setzen, aber an großen Unis wirst du auch pragmatisch wählen müssen, um in der Regelstudienzeit zu bleiben. Evt. gibt es gar keinen Professor, dessen Forschungsschwerpunkte mit deinen Interessen zusammenfallen.
* Ja, zusammenfassend betrachtet machte mir das sprachwissenschaftliche Studium viel mehr Spaß. Ich habe viel geackert und es kann vorkommen, dass du in den Semesterferien drei Hausarbeiten a 25 Seiten oder im Bachelor nach einem Semester neun Klausuren schreiben musst. Wer mir das nicht glaubt, soll sich entsprechende Studienordnungen herunterladen. Auch MC-Klausuren sind nicht mehr selten. Das variiert von Fach zu Fach extrem, die Historiker schrieben an meiner Uni im Bachelor so gut wie keine Klausuren, sondern nur Hausarbeiten u.Ä. Wer sich an seine Facharbeit aus der Schule erinnert, weiß, wie das in etwa aussieht - macht Spaß, ist aber auch Detektivarbeit und Feilerei an Formulierungen. Perfektionistisch veranlagte Menschen können sich hier austoben und wirklich selbst denken.
* Ich habe mich durch den naturwissenschaftlichen Vergleich teilweise von den Gesellschaftswissenschaften distanziert. Vieles, was da geforscht wird, fällt in die Grauzone der Pseudowissenschaft, gerade dort, wo empirische/quantitative Verfahren gänzlich ausgeklammert werden. Die Forschung wandelt sich aber seit mehreren Jahren, rein theoretische Arbeiten werden weniger. Umgekehrt wird aber z.B. in Biochemie auch viel Trash veröffentlich, so ist es also nicht.
* Die Berufsaussichten sind sehr unterschiedlich. Willst du nicht ins Lehramt (und das ist entgegen so einiger beliebter Vorurteile in den ersten Jahren verdammt viel Arbeit), bist aber sehr gut oder hast dich sonstwie einem Professor empfohlen (z.B. als Hiwi), bekommst du auch eine Promotion angeboten. Das Problem ist die Zeit danach. Es wird dir nichts anderes übrigbleiben als als akademischer Nomade von Uni zu Uni zu ziehen und befristete Verträge anzunehmen. Es gibt Menschen, die das nicht stört, aber ich könnte keine Nacht ruhig schlafen mit dem Wissen: "Wenn du nicht 12 Jahre nach Verleihung des Doktortitels einen Lehrstuhl hast, musst du die Uni verlassen." Gerade in dem Fachbereich hat man es dann nicht leicht. Ingenieure gehen in die freie Wirtschaft, wohin gehst du?
* Wie wichtig sind dir Einkommen und Prestige? Ich wusste vor dem Abi nicht, dass sie mir mal so wichtig werden würden.
Das sind nur einige Denanstöße, es gibt viele mehr. Ich hoffe, du entscheidest nicht voreilig. Vll. fährst du tatsächtlich probeweise über einen bestimmten Zeitraum zweigleisig. Guck dir das andere Milieu an und frag dich, ob du dich da tummeln möchtest und ob du es deinem Umfeld und dir gegenüber rechtfertigen kannst.
Wer Fragen hat, darf mir PMen.
KoelnerMedizin
06.03.2012, 14:13
Ich kann im Übrigen WackenDoc gut verstehen! Inwiefern es schwierig ist, nachzuvollziehen, in welchem Rahmen sich die Medizin mit der Zeit gewandelt hat, ist mir unklar. Die heutige universitäre Spitzenmedizin basiert auf empirischer Wissenschaft, experimentelle Medizin hat einen enormen Stellenwert und gerade was Therapieleitlinien anbelangt, so hat sich doch einiges getan. Erkrankungen werden wissenschaftlich erfasst und präziser therapiert, es ist nicht mehr notwendig vage Vermutungen philsophischer Natur über den kranken Menschen zu stellen, das war früher nötig, als die entsprechende Technik und Wissen noch nicht zur Verfügung standen, der Arzt war Heiler und Halbgott, derjenige der sich so intensiv mit dem Tod befassen muss, und solang er keine greifbaren Ursachen kennt, halfen ihm irrationale philosophisch angelehnte Theorien, auf deren Basis er eine Therapie zu entwickeln versuchte (Auch die Bürokratisierung und Ökonomisierung waren nie so extrem wie heute!).
Das ist - wie bereits dargestellt - nicht mehr so. Ich kann mir immernoch nicht erklären, wie das Medizinstudium einem auf diesem Weg (Der Hang zum Philosophieren und Schriftstellerei) eine Hilfe sein soll. Und gerade - ich greife das Wort ungern auf - in Zeiten eines Ärztemangels, der ja NICHT auf die Anzahl der Studienabsolventen, sondern auf deren spätere Tätigkeit (ärztlich oder eben nicht) bzw. deren Verteilung zurückzuführen ist, sollte man doch noch mal genauer bedenken, ob das Medizinstudium wirklich so geeignet ist (Ein Studienplatz kostet den Staat auch noch eine Menge Geld!), wenn man die ärztliche Tätigkeit mit allen ihren Komponenten, die sich gewandelt haben, auch akzeptiert.
Unsere Hobbyphilosophen und kleinen Dichter hier können ja tun und lassen was sie wollen, aber das Argument, die großen Schriftsteller und Philosophen aus vergangener Zeit seien ja auch häufig Mediziner gewesen, ist hinfällig, da es einmal auf falschen Annahmen beruht (wie bereits dargelegt) und zum anderen, man sich die Inspiration bzw. die Rechtfertigung für die Wahl des Fachs Medizin nicht von anderen prominenten Personen holen sollte bzw. damit nicht argumentieren sollte und die absolute Überzeugung für den ARZTberuf in den Vordergund stellen, was eine Auseinandersetzung mit diesem Berufsbild in der GEGENWART vorraussetzt.
Und da ist es wieder, dieses wunderbare Argument: "Wenn du später nicht am Krankenbett stehst und Leben rettest, bist du falsch in diesem Studium und nimmst "richtigen" Studenten den Studienplatz!"
Kann man diesen Quatsch nicht einfach mal bleiben lassen?!
Das finde ich allerdings auch. Es gibt so ein paar Berufsgruppen, die von der Gesellschaft nicht als bezahlungswürdige Arbeitnehmer wahrgenommen werden, sondern am besten ehrenamtlich arbeiten und ihr gesamtes Privatleben dafür aufgeben sollen: Ärzte, Lehrer, Pfarrer, Sozialarbeiter, etc. Total schwachsinnig.
KoelnerMedizin
07.03.2012, 14:03
Und da ist es wieder, dieses wunderbare Argument: "Wenn du später nicht am Krankenbett stehst und Leben rettest, bist du falsch in diesem Studium und nimmst "richtigen" Studenten den Studienplatz!"
Kann man diesen Quatsch nicht einfach mal bleiben lassen?!
Nö, diesen Quatsch kann man nicht einfach mal bleiben lassen. Und von "wegnehmen" war nicht die Rede! Es geht nur darum, dass das Medizinstudium an sich auf ärztliche Tätigkeit vorbereitet, und wissenschaftstheoretische bzw. medizinhistorische/-ethische Fragestellungen fast gar nicht zum Tragen kommen.
Nee aber davon war die Rede:
Und gerade - ich greife das Wort ungern auf - in Zeiten eines Ärztemangels, der ja NICHT auf die Anzahl der Studienabsolventen, sondern auf deren spätere Tätigkeit (ärztlich oder eben nicht) bzw. deren Verteilung zurückzuführen ist, sollte man doch noch mal genauer bedenken, ob das Medizinstudium wirklich so geeignet ist (Ein Studienplatz kostet den Staat auch noch eine Menge Geld!)
Und es ist eigentlich Sonnenklar das ein Abiturient seine Studienwahl völlig unabhängig von irgendwelchen gesundheitspolitischen "Konsequenzen" oder irgendwelchen Metaüberlegungen etc. treffen kann.
Es geht nur darum, dass das Medizinstudium an sich auf ärztliche Tätigkeit vorbereitet, und wissenschaftstheoretische bzw. medizinhistorische/-ethische Fragestellungen fast gar nicht zum Tragen kommen.
Nö, darum geht es (mir) eben überhaupt nicht.
Es ist in diesem Zusammenhang völlig irrelevant, ob medizinethische Fragen im Studium zum Tragen kommen, wenn man die Philosophie in der Wissenschaft bzw. im Umgang mit seinen Patienten spürt und daraus lernen kann. Aber dieses Argument habe ich glaube ich in meinem vorherigen Post recht ausführlich dargelegt.
Ich gedenke im Übrigen sehr wohl, eine klassische ärztliche Tätigkeit aufzunehmen, und gerade darin eine Bereicherung meines persönlichen Strebens nach Erkenntnis zu finden. Was meiner Ansicht nach rein gar nichts mit Therapieleitlinien und präziserer Wissenschaft als früher zu tun hat.
Wie gesagt - meine persönliche Einstellung, die niemand teilen muss, der ein oder andere in diesem Thread aber vielleicht versteht.
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