Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Guter Zeitpunkt zum Auswandern
Relaxometrie
13.05.2012, 09:50
Erzählt man hier, dass man in .de im Dienst weniger bekommt als zur regulären Arbeitszeit, erntet man entweder Entsetzen oder schallendes Gelächter...
Die Reaktionen sind ja auch richtig.
Wie sieht es in Schweden denn mit der allgemeinen Stimmung in den Krankenhäusern aus? Hier in Deutschland scheint es mir doch so zu sein, daß die Dinge, die ich bisher beobachtet habe, eher der Normalfall, denn die Ausnahme sind:
Chaos auf den Stationen, überlastetes Pflegepersonal, durch generellen Personalabbau an vielen Stellen kommen alle Berufsgruppen an die Grenzen des Machbaren, oder sind schon an den Grenzen angekommen.
Die Verwaltungen verschanzen sich dennoch hinter Qualitätsmanagement, Zertifizierungswahn und Leitbildern.
habichnicht
13.05.2012, 09:58
Ich glaube, ich rede mehr über das Auswandern, als daß ich es konkret angehe. Trotzdem drängt sich mir das Thema immer wieder mal auf.
Du wankst - äh zögerst - doch schon seit etlichen Jahren. Ich versteh das nicht. Wenn ich Mediziner wäre, wäre ich schon längst nach Schweden ausgewandert. Schlimmer als hier kann es doch nirgends sein - nicht mal in Schwedisch-Lappland.
Relaxometrie
13.05.2012, 10:41
Du wankst - äh zögerst - doch schon seit etlichen Jahren. Ich versteh das nicht. Wenn ich Mediziner wäre, wäre ich schon längst nach Schweden ausgewandert. Schlimmer als hier kann es doch nirgends sein - nicht mal in Schwedisch-Lappland.
wäre, hätte, könnte, sollte...........im Konjunktiv lebt es sich leicht :-nix
wäre, hätte, könnte, sollte...........im Konjunktiv lebt es sich leicht :-nix
Einfach mal ausprobieren? Für z.B. ein Jahr?
Schlimmer als hier kann es doch nirgends sein - nicht mal in Schwedisch-Lappland.
Ist das Dein Ernst?
ehemalige Userin 24092013
13.05.2012, 18:46
Gnuff hat Recht Relaxo; einfach mal probieren für ein Jahr. Das liesse sich ja vll noch in die WB/FA Ausbildung mit integrieren oder?
Du hast sicherlich einen reichhaltigen Erfahrungsschatz, wie Dir die Arbeit als Assistenzarzt in Deutschland gefällt? Erzähl doch mal.
Wie du schon richtig vermutet hast, habe ich keinerlei Erfahrung als Assistenzarzt in Deutschland. Allerdings meine ich zu wissen - im Gegensatz zu vielen anderen Kommilitonen und Ärzten - worauf ich mich eingelassen habe, als ich mit dem Studium begonnen habe. Gerade letzte Woche hat mir eine PJlerin auf der Dermatologie erzählt, dass sie nur vielleicht mit Derma anfängt, wenn sie überhaupt weiter Medizin machen will... work-life-balance sei nicht so dolle aber bei den Hautärzten wäre es noch ok.
Mein Vater ist Arzt, meine Schwester befindet sich im PJ, ich habe 8 Monate Zivi in der Grundpflege gemacht und eine Hand voll Freunde, die entweder kurz vor dem Ende des Studiums stehen oder sich am Anfang der Assistenzzeit befinden. Das mögen vielleicht nicht genug Informationen sein, um die durchschnittliche Situation als Assistenzarzt in Deutschland zu bewerten aber ich glaube es reicht, damit ich eine realistische Vorstellung davon habe, wie sich der Arbeitsalltag gestaltet.
Mir ist bewusst, dass man gut die Hälfte der Zeit damit verbringt zu dokumentieren, dass wenn auch der Libero im OP ist, man nicht einfach die Station verlassen kann, obwohl man Feierabend hat, dass die Pflege unterbesetzt ist, dass nach zich Stunden operieren niemand am Ende der Schleuse steht und Beifall klatscht, dass einem für Vernünftige Medizin nicht genug Zeit zur Verfügung steht, UND... dass man Ende immerhin noch genug Geld bekommt.
Ich möchte nicht verneinen, dass Deutschland einiges aufzuholen hat und Defizite wett machen muss, allerdings bin ich ebenso der Meinung, dass man eine gewisse Schuld und Verantwortung hat gegenüber den Menschen, die in Deutschland leben. Man hat viel Geld in euch investiert, um euch gut auszugebilden, und dafür steht ihr jetzt in der Pflicht auch davon etwas wieder zurückzugeben. Meinetwegen kann man nach ein paar Jahre woanders hingehen aber direkt nach dem Studium oder Facharzt zu sagen: "Danke für die Ausbildung. Ich geh woanders hin.", ist einfach nur asozial.
Seit der Europäischen Arbeitszeitdirektive hat sich doch schon einiges getan. Früher haben die Ärzte nach einem 24h-Dienst noch weiter gearbeitet. Inzwischen soll es schon viele Kliniken geben, die sich daran halten.
Man muss sich nur mal überlegen, dass Ärzte aus dem Ausland kommen, um hier zu arbeiten, und wir gehen dann selbst ins Ausland. Wie arrogant ist das denn. Warum hat man als Individuum jetzt auf einmal etwas besseres verdient. Ich meine, wenn es in Schweden so viel besser ist, müssten wir doch alle dort hin gehen... aber dann lachen die schwedischen Ärzte vielleicht auch nicht mehr. (@gnuff)
Offensichtlich sollte die Regierung den Arztberuf so gestalten, dass niemand auf die Idee kommen würde ins Ausland zu gehen, aber bevor dies Geld aus dem Hut gezaubert wird sollte man sich vielleicht mal vor dem Studium darüber informieren, was für einen Arbeitsalltag ich später haben werde. Dann steh ich nämlich nicht wie in Vollidiot im PJ da, und denke: "Das hab mir eigentlich alles ganz anders vorgestellt."
habichnicht
14.05.2012, 06:03
@Evil: Klar. ;-)
habichnicht
14.05.2012, 06:56
Nicht alle Vårdcentral haben Notdienst. Oft läuft der Notdienst über die Notaufnahmen der Krankenhäuser, oder es gibt eine bestimmte Vårdcentral die dann eben auch nachts offen hat.
Das klingt logisch. In anmajans Beitrag hingegen sehe ich einige Widersprüche:
[….]Ich fange also im September in einer gemütlichen Sjukstuga an. Die Weiterbildungszeit ist auch 5 Jahre und wesentlich besser als hier in D. Ich muss viel können und werde gut ausgebildet (wurde mir zumindest versprochen);-))) Das finde ich aber auch spannend....durch die großen Entfernungen muss man als Allgemeiner eben auch mal ne kleine Augen-oder Ohr-OP machen können oder die Radiusfraktur richten....da wird nicht immer alles gleich weitergeschickt, weil die Menschen dann 100km fahren müssten... [….]
Feste Arbeitszeiten, keine Dienste, […..]
Sie schreibt, sie müsse keine Dienste machen. Andererseits berichtet sie von einer Arbeitsstelle, an der sie eine sehr umfassende Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin an einer gemütlichen Sjukstuga bekommen soll, wo auch Arbeiten gemacht werden, die hierzulande eher in Kliniken gemacht werden, weil ihre schwedischen Patienten sonst 100 km weit fahren müssten. Und da gibt es keine Dienste?
Also: Eine gemütliche Sjukstuga ohne Dienste, aber eine komplette fünfjährige, sehr umfassende (einschließlich Augen- und HNO-OPs, unfallchirurgischer Tätigkeit) Weiterbildung zum Allgmeinmediziner? :-nix
BTW: Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen einer Vårdcentral und einer Sjukstuga? Ich kenne nur Vårdcentralen.
Es gibt keinen Unterschied. Die Begriffe sjukstuga, vårdcentral und hälsocentral werden synonym verwandt. Sjukstuga ist ein älterer Begriff, meist sind das die abgelegener liegenden Einheiten die oft auch ein paar Bettenplätze haben.
Allgemeinmediziner rotieren in .se genau wie in .de in ihrer Ausbildung auch in die Klinik und absolvieren dort die entsprechenden Fachrichtungen.
Relaxometrie
14.05.2012, 18:07
Wie du schon richtig vermutet hast, habe ich keinerlei Erfahrung als Assistenzarzt in Deutschland.
Nur ganz kurz:
Dann warte mal ab, wie sich die ersten Jahre Deiner Berufstätigkeit so gestalten und dann reden wir nochmal :-))
Im besten Fall kommt Dir Dein Geschreibsel dann naiv-unwissend vor und Du wirst selbst darüber lachen oder staunen.
Zwischen Deinen romantisch-theoretischen Vorstellungen, und dem tatsächlichen tagtäglichen Eingebundensein in dem kranken Gesundheitssystem, liegen Welten.
Ich habe mir lange überlegt, ob ich auf diesen Blödsinn antworten soll oder nicht. Ich denke aber, dass man solch steinzeitlichen Gedanken etwas entgegenhalten muss.
Wie du schon richtig vermutet hast, habe ich keinerlei Erfahrung als Assistenzarzt in Deutschland. Allerdings meine ich zu wissen - im Gegensatz zu vielen anderen Kommilitonen und Ärzten - worauf ich mich eingelassen habe, als ich mit dem Studium begonnen habe. Gerade letzte Woche hat mir eine PJlerin auf der Dermatologie erzählt, dass sie nur vielleicht mit Derma anfängt, wenn sie überhaupt weiter Medizin machen will... work-life-balance sei nicht so dolle aber bei den Hautärzten wäre es noch ok.
Das beweisst gar nichts, lediglich, dass weder Du noch Deine Kommilitonin die leiseste Ahnung haben wie die Realität aussieht.
Mein Vater ist Arzt, meine Schwester befindet sich im PJ, ich habe 8 Monate Zivi in der Grundpflege gemacht und eine Hand voll Freunde, die entweder kurz vor dem Ende des Studiums stehen oder sich am Anfang der Assistenzzeit befinden. Das mögen vielleicht nicht genug Informationen sein, um die durchschnittliche Situation als Assistenzarzt in Deutschland zu bewerten aber ich glaube es reicht, damit ich eine realistische Vorstellung davon habe, wie sich der Arbeitsalltag gestaltet.
Das kommt darauf an wie Deine Vorstellung aussieht, im Ansatz aber nicht verkehrt...
Mir ist bewusst, dass man gut die Hälfte der Zeit damit verbringt zu dokumentieren, dass wenn auch der Libero im OP ist, man nicht einfach die Station verlassen kann, obwohl man Feierabend hat, dass die Pflege unterbesetzt ist, dass nach zich Stunden operieren niemand am Ende der Schleuse steht und Beifall klatscht, dass einem für Vernünftige Medizin nicht genug Zeit zur Verfügung steht, UND... dass man Ende immerhin noch genug Geld bekommt.
Wieso um alles in der Welt soll es normal sein, dass man am Ende des Arbeitstages nicht gehen kann? Das begreife ich einfach nicht. Lassen wir Niedergelassene mal aussen vor, so ist ein Arzt ein Angestellter mit einem Arbeitsvertrag in dem eine bestimmte Anzahl zu leistender Wochenstunden festgelegt sind. Ein Vertrag! Den haben beide Seiten unterschrieben! Ein Vertrag! Also eine bindende Übereinkunft! WTF ist daran so schwer zu kapieren? Es ist nicht normal, dass man nicht gehen kann wenn die Arbeitszeit vorbei ist!
Ich möchte nicht verneinen, dass Deutschland einiges aufzuholen hat und Defizite wett machen muss, allerdings bin ich ebenso der Meinung, dass man eine gewisse Schuld und Verantwortung hat gegenüber den Menschen, die in Deutschland leben. Man hat viel Geld in euch investiert, um euch gut auszugebilden, und dafür steht ihr jetzt in der Pflicht auch davon etwas wieder zurückzugeben. Meinetwegen kann man nach ein paar Jahre woanders hingehen aber direkt nach dem Studium oder Facharzt zu sagen: "Danke für die Ausbildung. Ich geh woanders hin.", ist einfach nur asozial.
Ich bin asozial? Danke auch! Verzeih' mir, aber für mich ist ein System asozial, das mich zwingt drei von vier Wochenenden Dienst zu haben, ein System, das meine Kinder zwingt quasi ohne ihren Papa aufzuwachsen. DAS ist asozial. Ich schulde diesem Land gar nichts. Dieses Geschwafel von der Verantwortung ist unter aller Kanone. Wer etwas will, soll dafür sorgen, dass die Bedingungen stimmen. Jeder BWL-Student der nach dem Studium bei einer US-Grossbank anfängt gilt als toller Hecht, nur die Ärzte sollen bitte schön ihrer patriotischen Pflicht demütig nachkommen, ich glaub es hackt!
Seit der Europäischen Arbeitszeitdirektive hat sich doch schon einiges getan. Früher haben die Ärzte nach einem 24h-Dienst noch weiter gearbeitet. Inzwischen soll es schon viele Kliniken geben, die sich daran halten.
Wenig hat sich getan, viel heisse Luft ist produziert worden... aber das wirst Du schon noch herausfinden.
Man muss sich nur mal überlegen, dass Ärzte aus dem Ausland kommen, um hier zu arbeiten, und wir gehen dann selbst ins Ausland. Wie arrogant ist das denn. Warum hat man als Individuum jetzt auf einmal etwas besseres verdient. Ich meine, wenn es in Schweden so viel besser ist, müssten wir doch alle dort hin gehen... aber dann lachen die schwedischen Ärzte vielleicht auch nicht mehr. (@gnuff)
Was ist daran arrogant? Ich habe absolut nichts besseres verdient, ich sehe lediglich mehr Vorteile hier als dort, diese Vorteile habe ich mir hart erarbeitet. Schweden ist nicht das Land in dem Milch und Honig fliesst, hier muss man auch arbeiten. Mir passt eben besser wie man arbeitet.
Offensichtlich sollte die Regierung den Arztberuf so gestalten, dass niemand auf die Idee kommen würde ins Ausland zu gehen, aber bevor dies Geld aus dem Hut gezaubert wird sollte man sich vielleicht mal vor dem Studium darüber informieren, was für einen Arbeitsalltag ich später haben werde. Dann steh ich nämlich nicht wie in Vollidiot im PJ da, und denke: "Das hab mir eigentlich alles ganz anders vorgestellt."
Dieses "Geld" (das es nicht nur um Geld geht ist allen klar die wissen wie man Realität schreibt) wird aber nur aus dem Hut gezaubert werden, wenn irgendwer "der Regierung" klarmacht dass Handlungsbedarf besteht, und das funktioniert nur über eine Abstimmung mit den Füssen. "Dä Mädäzän muss bätter schmecken, sonst wärkt sie nächt!"
Darüber hinaus habe ich exakt gewusst worauf ich mich einlasse. Ich habe Deutschland eine Chance gegeben (vier Jahre lang) und Deutschland hat diese Chance vergeigt. Dass Du mich jetzt für asozial hältst ist mir die Sache durchaus wert.
Relaxometrie
14.05.2012, 18:31
Ich hoffe, daß der Thread jetzt nicht im Zoff versinkt. Trotzdem:
@ gnuff :-top
Ich bin sehr gerne bereit mich sachlich über dieses Thema zu unterhalten. Ich beantworte gerne Fragen zum Thema. Aber ans Bein pinkeln lasse ich mir nicht so ohne weiteres...
In den meisten Punkten stimme ich gnuff zu, aber nicht vollständig:
Verzeih' mir, aber für mich ist ein System asozial, das mich zwingt drei von vier Wochenenden Dienst zu haben, ein System, das meine Kinder zwingt quasi ohne ihren Papa aufzuwachsen. DAS ist asozial. Ich schulde diesem Land gar nichts. Dieses Geschwafel von der Verantwortung ist unter aller Kanone. Wer etwas will, soll dafür sorgen, dass die Bedingungen stimmen. Jeder BWL-Student der nach dem Studium bei einer US-Grossbank anfängt gilt als toller Hecht, nur die Ärzte sollen bitte schön ihrer patriotischen Pflicht demütig nachkommen, ich glaub es hackt!
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Wenig hat sich getan, viel heisse Luft ist produziert worden... aber das wirst Du schon noch herausfinden.
Also, ganz so schwarz sieht es nun nicht mehr aus, ich kenne mehrere Kliniken, wo das mittlerweile deutlich anders ausschaut. An meiner letzten Stelle in einer allgemeinen Inneren in einem kleinen Haus hatte ich pro Monat 4 Dienste (1-2 am WE), gute Bezahlung und 9-10 Wochen Urlaub bei ca 8 - 10 Überstunden pro Monat, die voll abgegolten wurden.
Insofern ist die Aussage "in Deutschland ist es ja soooo schlimm, und Ärzte sind hier nur arme geknechtete Sklaven" nicht wirklich zutreffend. Ich kenne auch mindestens 1 Assistenzarzt, der ein dickes teures SUV fährt ;-)
Sicher, in Schweden ist es noch besser, aber warum soll ich wo hingehen, wo es weder gescheites Bier noch bezahlbaren Wein gibt und das halbe Jahr dunkel ist :-))
In den meisten Punkten stimme ich gnuff zu, aber nicht vollständig:
Also, ganz so schwarz sieht es nun nicht mehr aus, ich kenne mehrere Kliniken, wo das mittlerweile deutlich anders ausschaut. An meiner letzten Stelle in einer allgemeinen Inneren in einem kleinen Haus hatte ich pro Monat 4 Dienste (1-2 am WE), gute Bezahlung und 9-10 Wochen Urlaub bei ca 8 - 10 Überstunden pro Monat, die voll abgegolten wurden.
Insofern ist die Aussage "in Deutschland ist es ja soooo schlimm, und Ärzte sind hier nur arme geknechtete Sklaven" nicht wirklich zutreffend.
Das will ich auch gar nicht sagen, aber in meiner letzten Klinik in .de war es eben so. Da habe komplett in die ScheiXXe gegriffen und das hat mir den Rest gegeben. Ich hätte sicherlich auch in .de eine vernünftige Stelle gefunden, aber da kamen noch ein paar andere Faktoren ins Spiel (grosse Affinität zu Schweden allgemein, besseres Schulsystem, Schnee, Snowmobile, Schnee... habe ich Schnee erwähnt?)
Ich kenne auch mindestens 1 Assistenzarzt, der ein dickes teures SUV fährt ;-)
ok, grosser Nachteil von Schweden, bei mir hat es nur für zwei billige SUVs gereicht... verdammt...
Sicher, in Schweden ist es noch besser, aber warum soll ich wo hingehen, wo es weder gescheites Bier noch bezahlbaren Wein gibt und das halbe Jahr dunkel ist :-))
Bier: check! Wein: check! Dunkel = romatisch & cool! UND wir haben Schnee! :-top
Eigentlich wollte ich lediglich ein wenig provozieren, um eine kleine Diskussion zu entfachen und dem ein oder anderen hier ein stichhaltiges Argument zu entlocken. Offensichtlich bin ich übers Ziel hinausgeschossen und habe Worte benutzt, die übertrieben oder einfach unpassend waren. Dafür entschuldige ich mich gerne. Ich wollte niemanden auf den Schlips treten. Streichen wir mal das asozial, das arrogant und den Vollidioten und ersetzten sie durch egoistisch, egoistisch und Träumer. (bevor jetzt wieder aufgeschrien wird: Egoismus muss ja nicht negativ sein.)
Trotzdem finde ich es schade, dass man sich hier in erster Linie darauf stürzt, dass ich selber die Situation nicht aus eigener Erfahrung kenne und ergo keine Ahnung habe und demnach meine Klappe zu halten habe. (erinnert mich an eine Diskussion über Studiengebühren, wo einer meinte, dass allen die nicht selber für ihr Studium arbeiten müssen keine Meinung zu steht)
Nur mit Polemik zu antwortet zeugt nicht gerade davon, dass ihr stichhaltige Argumente parat habt, um die Thesen, die ich hier in den Raum geworfen habe, zu wiederlegen.
Auf der Station, wo ich gearbeitet habe, kam es nun mal dazu, dass alle im OP waren und der Stationsarzt eigentlich feierabend hatte. Natürlich hätte er einfach gehen können, dann wäre die Station allerdings unbetreut gewesen und das wollte er offensichtlich nicht verantworten bzw. zu lassen. Also sind sie immer geblieben und haben Überstunden gemacht. Das kam ab und zu vor... keine Regelfall. (ca. 1x die Woche)
Was mich eigentlich interessiert:
Angenommen jemand geht direkt nach dem Studium oder nach ein paar Monaten Assizeit ins Ausland.
Wie begründet derjenige denn sachlich, dass er in keinerlei Schuld steht nach dem Studium und auch keine Verantwortung übernehmen muss, dass die Versorgung in Deutschland gesichert ist. Es ist weltweit einfach ein enormes Privileg für die Kosten hier in Deutschland studieren zu dürfen. Meiner Meinung nach muss dann auch etwas zurückgeben... Warum nicht?!
edit: solara hat richtigerweise auf einen wiederspruch hingewiesen...
Auf der Station, wo ich gearbeitet habe, kam es nun mal häufiger dazu, dass alle im OP waren und der Stationsarzt eigentlich feierabend hatte. Natürlich hätte er einfach gehen können, dann wäre die Station allerdings unbetreut gewesen und das wollte er offensichtlich nicht verantworten bzw. zu lassen. Also sind sie immer geblieben und haben Überstunden gemacht. Das kam ab und zu vor... keine Regelfall.
!
Was denn nun, häufiger oder ab und zu?
Warum muss der Stationsarzt in seiner Freizeit arbeiten, nur weil zu wenig Leute eingestellt sind um die Arbeit zu bewältigen?
Nicht der Stationsarzt hat zu verantworten, dass die Station den ganzen Tag unbetreut ist sondern der Arbeitgeber.
Auch ich bin sehr gespannt, was du selbst, wenn du denn in vielen Jahren selber in die klinische Tätigkeit einsteigen wirst, schreiben wirst zu diesen Thema. Sehr gespannt!!
Keenacat
15.05.2012, 10:13
Eigentlich wollte ich lediglich ein wenig provozieren, um eine kleine Diskussion zu entfachen und dem ein oder anderen hier ein stichhaltiges Argument zu entlocken.
Du weißt schon, wie man das im Web allgemein nennt? (http://de.wikipedia.org/wiki/Troll_%28Netzkultur%29)
Ich bin direkt nach dem Studium nach Stockholm. Noch in München habe ich die Legitimation beantragt (1000 mal Danke für deine Hilfe damals, Gnuff!!!! ), welche 5 Tage später bei mir eintraf. Parallel zum Hammerexamen habe ich mir innerhalb von ca. 3 Monaten mit einem Computerprogramm Schwedisch beigebracht. In Stockholm angekommen, habe ich mich beim Skatteverket mit einem Kontoauszug, aus dem hervorging, dass ich über 10.000 Euro verfüge, angemeldet. So bekam ich meine Personennummer, welche mir alle Türen zur Krankenversicherung und Hilfe beim Arbeitsamt öffnete.
Das Arbeitsamt erstellte einen Handlungsplan für mich. Ich bekam finanzielle Unterstützung und einen 6 monatigen täglichen Sprachkurs für Ärzte an der Folkuniversitetet inkl. Praktika an Krankenhäusern.
Habe mich parallel viel online über das Arbeitsamt beworben (hatte eine Referenz aus dem PJ) und zuletzt eine Stelle als Underläkare (unklassifizierte Assistenzarztstelle, also ohne Weiterbildung und niedrigere Bezahlung) in Norrtälje angeboten bekommen.
Gleichzeitig bekam ich in Dänemark eine Weiterbildungsstelle zum Turnusarzt über 1 Jahr angeboten. Dazu kamen noch 3 Monate Sprachkurs vor Arbeitsantritt mit vollen Gehalt und Einarbeitung in den Arbeitsalltag. Es war eine Stadt mit ca. 70.000 Einwohnern und Einzugsgebiet von 200.000. Ich arbeitete v.a. in der Notaufnahme- 6 Monate Innere und 6 Monate Chirurgie. Es gab eine sehr gute Weiterbildung- insgesamt ca. 20 Weiterbildungstage mit bezahlten Hotelaufenthalten und Reisekosten.
Die Stimmung war gut. Hierarchie existiert aber auch da, wenn auch unausgesprochen. Manchmal gingen mir diese pseudopädagogischen Evulationsgespräche fast jede Woche auf den Sack. Auch da geht es viel um hohen Patientendurchsatz bei möglichst wenig Personal und erwünschtem jährlichen Wachstum bei zunehmenden Sparmassnahmen. Also genauso schizophren wie hier. Bezahlung ist völlig angemessen- ca. 3000 Euro Netto als Anfänger bei garantierter 37-h Woche. Dienste werden ca. 1,5-fach bezahlt ab 20 Uhr bis 8 Uhr. Freitag bis Sonntag noch etwas mehr.
Das mit der Sprache ging schon, ich fühlte mich gut integriert. Allerdings war es immer wieder schmerzhaft, bei Kaffeerunden und ähnlichem aus sprachlichen Gründen nicht mithalten zu können. Lächerlich wird es bei ernsthaften Problemen, welche man mit seinen Vorgesetzten besprechen möchte. Es war nicht leicht, sich adäquat auszudrücken und ernstgenommen zu fühlen. Die ersten Jahre ist es sehr schwer sein Selbstbewusstsein so zu erhalten. Die Skandinavier gründen schon sehr früh Familien (mit ca. 24/25) und ich war in meiner Weiterbildungsgruppe von 30 Ärzten zum Schluss die einzige Person ohne Kinder bzw. Schwangerschaft und dazu noch ohne Partner. Da sich in Skandinavien viele in ihrer Freizeit auf ihre gegründeten Familien und Studienfreunde zurückbesinnen, ist es definintiv ein Problem für ausländische Singles. Die meiste Zeit verbrachte ich mit ausländischen Ärzten aus Deutschland, Österreich und Tschechien. In allem somit trotzdem eine schöne Zeit.
Ich habe aus diesen Gründen die angebotene nächste Weiterbildungsstelle abgelehnt, bin nach ca. 1,5 Jahren zurück nach Deutschland, mache gerade Auszeit und bewerbe mich jetzt für mein Wunschfach. Und hoffe mal einfach, dass alles gut wird, dieses System mich nicht kaputtmacht.
Ich bin froh wieder hier zu sein, meine Muttersprache zu sprechen. Ich liebe Schweden. Und ich liebe Deutschland. Deutschland ist ein gutes Land, ich sehe das jetzt jeden Tag und geniesse es. Ich sehnte mich oft nach dem Kulturangebot. Hier gibt es auch viel mehr Singles und damit gute Freunde in der Freizeit. Ich mag den deutschen Humor, den Individualismus (nein, in Skandinavien geht es nicht individualistischer zu. Man fällt sehr schnell auf, wenn man in irgendwas nicht der Norm entspricht- das wird subtil sanktioniert), den hohen Lebensstandard auch in kleineren Städten.
Die Dänen grinsten die ganze Zeit, ähnlich wie die Amis. Skandinavier haben`s leichter, und es dreht sich viel um lifestyle. Ich kann inzwischen besser damit umgehen, dass in Deutschland nicht alle so freundlich sind- sie haben es schlicht schwerer. Aber es sind keine schlechten Menschen. Deutschland ist extrem respektiert für seine harte Arbeit und den Ernst, den wir in der Krise durchhalten. Ich war überrascht, wie viel Skandinavier sich ernsthaft vorstellen konnten, mal hier zu wohnen und zu arbeiten (jetzt nicht gerade aus dem medizinischen Bereich...). Sie stellen sich dieses Land als stark, tolerant und lebenswert vor. Alles scheint hier zu funktionieren und wir haben Merkel. Die Leute besuchen Berlin und sehen glückliche, offene junge Menschen, die so leben können, wie sie wollen- egal wie angepasst/ unangepasst sie sind. Sie labern die ganze Zeit etwas von "kontinentaler Kultur".
Ich will damit nur sagen, dass wir alle unsere Projektionen und Träume haben. Die heile Welt ist immer woanders. Keiner möchte Schmerzen, aber Arbeiten ist nun mal oft ******* und die Globalisierung mit Ausbeutung, Burnout und Entfremdung ist auch und gerade in den drei nordischen Ländern angekommen. Für einheimeische Ärzte läuft es noch gut, für ausländische Ärzte nur, wenn sie eigene Familie haben, sonst fühlt man sich leicht isoliert. Freunde sind unbezahlbar.
Das alles kostete mich unglaublich viel Kraft, aber ich bin so froh es gemacht zu haben. Ich spreche nun beide Sprachen fließend, kann jederzeit wieder da arbeiten (vielleicht mit family später :)) und weiß nun die deutsche Kälte, die keine ist, zu schätzen. Ich hasse positives Denken in allen Lagen- danke Dänemark für diese Erkenntnis.
Alles ist möglich.
Für 1-2 Jahre? Macht es!!!
Ihr habt Familie oder Partner, der auch ein Jobangebot hat? Es wird sicher gut! Alle deutschen Familien, die ich traf, waren deutlich zufriedener. Zurück kann man immer und die Erfahrung ist unbezahlbar.
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