Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Guter Zeitpunkt zum Auswandern
Thomas24
15.05.2012, 14:02
Was mich eigentlich interessiert:
Angenommen jemand geht direkt nach dem Studium oder nach ein paar Monaten Assizeit ins Ausland.
Wie begründet derjenige denn sachlich, dass er in keinerlei Schuld steht nach dem Studium und auch keine Verantwortung übernehmen muss, dass die Versorgung in Deutschland gesichert ist. Es ist weltweit einfach ein enormes Privileg für die Kosten hier in Deutschland studieren zu dürfen. Meiner Meinung nach muss dann auch etwas zurückgeben... Warum nicht?!
edit: solara hat richtigerweise auf einen wiederspruch hingewiesen...
Das ist ein interessanter Gedanke, aber woraus leitest du ihn ab?
Das Privileg eines weitgehend kostenfreien Studiums besteht ja nicht nur für Ärzte, sondern für alle anderen Studiengänge auch. Sind deiner Meinung Absolventen anderer Studiengänge daher ebenfalls in der Pflicht, dem Land/ der Gesellschaft „etwas zurückzugeben“?
Wo ist da die Grenzziehung? Stehen deiner Meinung nach auswandernde Kulturwissenschaftler, Betriebswirte und Ingenieure ebenfalls in einem besonderen Schuldverhältnis gegenüber Deutschland? Oder etwa nur wir Mediziner? Und falls ja, warum? Gilt denn nicht gleiches Recht für alle?
Wie sähe es denn beispielsweise aus, wenn aufgrund der wirtschaftlichen Lage und der Arbeitsmarktsituation keine ausbildungsadäquate Beschäftigungsmöglichkeit in D besteht. Soll der Absolvent dann immer noch auf der heimischen Scholle kleben bleiben, und seine hypothetische Schuld abtragen (womit?), oder sollte er nicht besser berufliche Alternativen in Erwägung ziehen oder ins Ausland gehen?
Als es noch weit mehr frischgebackene Ärzte als Stellen gab, und diese Zeiten sind noch nicht all zu lange her- da hieß es sinngemäß immer: „jammert und nörgelt doch nicht immer rum, unternehmt etwas und liegt uns nicht auf der Tasche…“.
Als dann (nicht nur) die ärztliche Mobilität zunahm, und auch zunehmend alternative Tätigkeiten jenseits der kurativen Tätigkeit ausgeübt werden, gerne auch im nahen/ fernen Ausland, dann war das wohl wieder nicht richtig- á la: „ihr schuldet dem Land etwas“.
Eine etwas schizophrene Situation damals, nicht wahr?
Entweder man übernimmt die Prämisse, dass der Arztberuf eben kein Beruf wie jeder andere ist, sondern aufgrund seiner besonderen gesellschaftlichen Bedeutung auch eine besondere Verantwortung gegenüber dieser resultiert. Dann aber frage ich mich, ob dieses Merkmal nicht auch auf eine Vielzahl anderer Berufsbilder übertragen werden kann- so nehmen Müllwerker, Beschäftigte im ÖPNV, Krankenschwestern etc. ebenfalls essentiell wichtige Funktionen wahr. Aber niemand würde auf die Idee kommen, es für unschicklich zu halten, wenn diese Berufsgruppen für bessere Arbeitsbedingungen eintritt, oder wenn Angehörige dieser Berufe das Land verlassen, schließlich wurden auch Sie nahezu kostenfrei im Bildungssystem oder beruflich ausgebildet.
Oder man ist der Meinung, dass der Arztberuf letztlich ein Beruf, wie jeder andere auch ist- und in diesem Fall, muss man uns alle Rechte, wie Sie allen anderen Berufsgruppen selbstverständlich zugesprochen werden, auch einräumen. So auch die Freizügigkeit.
Desiderius
15.05.2012, 21:20
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Desiderius
15.05.2012, 21:21
Ich bin direkt nach dem Studium nach Stockholm. Noch in München habe ich die Legitimation beantragt (1000 mal Danke für deine Hilfe damals, Gnuff!!!! ), welche 5 Tage später bei mir eintraf. Parallel zum Hammerexamen habe ich mir innerhalb von ca. 3 Monaten mit einem Computerprogramm Schwedisch beigebracht. In Stockholm angekommen, habe ich mich beim Skatteverket mit einem Kontoauszug, aus dem hervorging, dass ich über 10.000 Euro verfüge, angemeldet. So bekam ich meine Personennummer, welche mir alle Türen zur Krankenversicherung und Hilfe beim Arbeitsamt öffnete.
Das Arbeitsamt erstellte einen Handlungsplan für mich. Ich bekam finanzielle Unterstützung und einen 6 monatigen täglichen Sprachkurs für Ärzte an der Folkuniversitetet inkl. Praktika an Krankenhäusern.
Habe mich parallel viel online über das Arbeitsamt beworben (hatte eine Referenz aus dem PJ) und zuletzt eine Stelle als Underläkare (unklassifizierte Assistenzarztstelle, also ohne Weiterbildung und niedrigere Bezahlung) in Norrtälje angeboten bekommen.
Gleichzeitig bekam ich in Dänemark eine Weiterbildungsstelle zum Turnusarzt über 1 Jahr angeboten. Dazu kamen noch 3 Monate Sprachkurs vor Arbeitsantritt mit vollen Gehalt und Einarbeitung in den Arbeitsalltag. Es war eine Stadt mit ca. 70.000 Einwohnern und Einzugsgebiet von 200.000. Ich arbeitete v.a. in der Notaufnahme- 6 Monate Innere und 6 Monate Chirurgie. Es gab eine sehr gute Weiterbildung- insgesamt ca. 20 Weiterbildungstage mit bezahlten Hotelaufenthalten und Reisekosten.
Die Stimmung war gut. Hierarchie existiert aber auch da, wenn auch unausgesprochen. Manchmal gingen mir diese pseudopädagogischen Evulationsgespräche fast jede Woche auf den Sack. Auch da geht es viel um hohen Patientendurchsatz bei möglichst wenig Personal und erwünschtem jährlichen Wachstum bei zunehmenden Sparmassnahmen. Also genauso schizophren wie hier. Bezahlung ist völlig angemessen- ca. 3000 Euro Netto als Anfänger bei garantierter 37-h Woche. Dienste werden ca. 1,5-fach bezahlt ab 20 Uhr bis 8 Uhr. Freitag bis Sonntag noch etwas mehr.
Das mit der Sprache ging schon, ich fühlte mich gut integriert. Allerdings war es immer wieder schmerzhaft, bei Kaffeerunden und ähnlichem aus sprachlichen Gründen nicht mithalten zu können. Lächerlich wird es bei ernsthaften Problemen, welche man mit seinen Vorgesetzten besprechen möchte. Es war nicht leicht, sich adäquat auszudrücken und ernstgenommen zu fühlen. Die ersten Jahre ist es sehr schwer sein Selbstbewusstsein so zu erhalten. Die Skandinavier gründen schon sehr früh Familien (mit ca. 24/25) und ich war in meiner Weiterbildungsgruppe von 30 Ärzten zum Schluss die einzige Person ohne Kinder bzw. Schwangerschaft und dazu noch ohne Partner. Da sich in Skandinavien viele in ihrer Freizeit auf ihre gegründeten Familien und Studienfreunde zurückbesinnen, ist es definintiv ein Problem für ausländische Singles. Die meiste Zeit verbrachte ich mit ausländischen Ärzten aus Deutschland, Österreich und Tschechien. In allem somit trotzdem eine schöne Zeit.
Ich habe aus diesen Gründen die angebotene nächste Weiterbildungsstelle abgelehnt, bin nach ca. 1,5 Jahren zurück nach Deutschland, mache gerade Auszeit und bewerbe mich jetzt für mein Wunschfach. Und hoffe mal einfach, dass alles gut wird, dieses System mich nicht kaputtmacht.
Ich bin froh wieder hier zu sein, meine Muttersprache zu sprechen. Ich liebe Schweden. Und ich liebe Deutschland. Deutschland ist ein gutes Land, ich sehe das jetzt jeden Tag und geniesse es. Ich sehnte mich oft nach dem Kulturangebot. Hier gibt es auch viel mehr Singles und damit gute Freunde in der Freizeit. Ich mag den deutschen Humor, den Individualismus (nein, in Skandinavien geht es nicht individualistischer zu. Man fällt sehr schnell auf, wenn man in irgendwas nicht der Norm entspricht- das wird subtil sanktioniert), den hohen Lebensstandard auch in kleineren Städten.
Die Dänen grinsten die ganze Zeit, ähnlich wie die Amis. Skandinavier haben`s leichter, und es dreht sich viel um lifestyle. Ich kann inzwischen besser damit umgehen, dass in Deutschland nicht alle so freundlich sind- sie haben es schlicht schwerer. Aber es sind keine schlechten Menschen. Deutschland ist extrem respektiert für seine harte Arbeit und den Ernst, den wir in der Krise durchhalten. Ich war überrascht, wie viel Skandinavier sich ernsthaft vorstellen konnten, mal hier zu wohnen und zu arbeiten (jetzt nicht gerade aus dem medizinischen Bereich...). Sie stellen sich dieses Land als stark, tolerant und lebenswert vor. Alles scheint hier zu funktionieren und wir haben Merkel. Die Leute besuchen Berlin und sehen glückliche, offene junge Menschen, die so leben können, wie sie wollen- egal wie angepasst/ unangepasst sie sind. Sie labern die ganze Zeit etwas von "kontinentaler Kultur".
Ich will damit nur sagen, dass wir alle unsere Projektionen und Träume haben. Die heile Welt ist immer woanders. Keiner möchte Schmerzen, aber Arbeiten ist nun mal oft ******* und die Globalisierung mit Ausbeutung, Burnout und Entfremdung ist auch und gerade in den drei nordischen Ländern angekommen. Für einheimeische Ärzte läuft es noch gut, für ausländische Ärzte nur, wenn sie eigene Familie haben, sonst fühlt man sich leicht isoliert. Freunde sind unbezahlbar.
Das alles kostete mich unglaublich viel Kraft, aber ich bin so froh es gemacht zu haben. Ich spreche nun beide Sprachen fließend, kann jederzeit wieder da arbeiten (vielleicht mit family später :)) und weiß nun die deutsche Kälte, die keine ist, zu schätzen. Ich hasse positives Denken in allen Lagen- danke Dänemark für diese Erkenntnis.
Alles ist möglich.
Für 1-2 Jahre? Macht es!!!
Ihr habt Familie oder Partner, der auch ein Jobangebot hat? Es wird sicher gut! Alle deutschen Familien, die ich traf, waren deutlich zufriedener. Zurück kann man immer und die Erfahrung ist unbezahlbar.
Du sprichst mir aus dem Herzen!! ich habe im Ausland studiert und erlebt z.T die selben Sachen. Deutschland wir gerne verteufelt, aber wie schon gesagt , " das Grass ist beim Nachbarn immer grüner" ;-) Ich bin auch froh in Deutschland arbeiten zu koennen und so schlimm ist es nicht, gibt schlimmeres... (sorry etwas off topic)
Meridion
17.05.2012, 09:40
Vorneweg: Ich arbeite in Deutschland und bleib auch in Deutschland. Das hat aber was mit dem bei vielen Medizinern völlig im Nebel des Provinziellen entschwundenen Begriff der Heimatverbundenheit zu tun hat. Ich würd einfach nach zwei Monaten an Heimweh sterben...
Aber.
Das Argument, Du hättest keinen blassen Schimmer von der Realität, ist keine reine Polemik. Klar, es greift Deine Glaubwürdigkeit an. Aber auf der anderen Seite stellt es schlichtweg einen Sachverhalt heraus: Ohne Verantwortung, flexibel im Studium, wahrscheinlich weitgehend ungebunden zu beobachten, wie andere viel zu tun haben, ist etwas völlig anderes, als regelhaft um 17:30 Uhr dazustehen und nen Notfall zu bekommen den niemand sonst versorgen kann, oder noch 5 Briefe schreiben zu müssen, weil es sonst am nächsten Morgen Anschiss gibt, oder nicht vom Tisch zu können um die 4-jährige Tochter weinend vor dem Kinderhort abzuholen weil erwartet wird, dass man ja bitteschön Engagement zeigen sollte.
In der Situation spielen Gefühle ne große Rolle, Überforderung, Ärger, Enttäuschung. Da gehts nicht darum, 'mal' Überstunden zu machen, da gehts darum seelisch gesund zu bleiben.
Die Arbeitszeitenregelungen, die gesetzlich verankert sind, gelten auch für Mediziner. Aus einem bestimmten Grund. Menschen sind erheblich unterschiedlich belastungsfähig. Eine Regelarbeitszeit garantiert, dass ein gesunder, normaler Erwachsener in der Lage ist, einen Beruf auszuüben ohne krank zu werden.
Meiner Ansicht nach und zugegebenermaßen überspitzt gesagt grenzt es an Diskriminierung ähnlich der von Frauen oder ethnischen Minderheiten, wenn die Mitarbeiter nach biologischer Belastungsfähigkeit raus- und reinselektioniert werden. Wenn geschaut wird, wer kann am längsten und die kürzesten fliegen raus.
Meiner Ansicht nach leitet sich die gesamtgesellschaftliche Schuld daraus ab: Der Gesellschaft klar zu machen, dass weder Hilfsarbeiter noch Arzt für eine Erwerbstätigkeit über ihre Grenzen geprügelt werden dürfen. Weder für 3, noch für 30 Euro in der Stunde.
Meridion
P.S.: Kleine Anekdote. Als ich im PJ war, gabs eine Assistenzärztin, bei der morgens bei den Visiten mehrfach auffiel, dass Briefe nicht geschrieben waren (die dann nachgefaxt werden mussten), dass geplante Untersuchungen einen Tag später liefen. Irgendwann hatte sie eine Abmahnung bekommen, woraufhin sie in einem Streitgespräch mit dem Oberarzt klar machte, dass sie eine kleine Tochter zuhause hat, die nur bis kurz nach Dienstschluss versorgt ist. Da kam _der_ Satz schlecht hin: "Hören sie mal, sie sind Ärztin". DAS ist die Realität, bin ich ner Gesellschaft auch nur nen Huster schuldig, die mit dem Wert Familie so umgeht??
Keenacat
17.05.2012, 12:53
Meiner Ansicht nach leitet sich die gesamtgesellschaftliche Schuld daraus ab: Der Gesellschaft klar zu machen, dass weder Hilfsarbeiter noch Arzt für eine Erwerbstätigkeit über ihre Grenzen geprügelt werden dürfen. Weder für 3, noch für 30 Euro in der Stunde.
:-dafür :-meinung *gefaelltmir*
:-love
Zudem würde ich ja gerne mal wissen, wie sich die Hunderttausende Euros an Schulden gegenüber der Gesellschaft berechnen. Was war denn so teuer an meinem Studium? Die baufällige Bib mit dem miesen Buchbestand? Die Profs, die ohnehin als Oberärzte eingestellt sind und die 2h Lehre im Monat (wenn überhaupt) nebenbei abhaken? Oder vielleicht doch die Praktika, in denen noch nicht mal jeder ein eigenes Mikroskop hat und die Präparatekästen eher Scherbenhaufen sind?
Meridion
17.05.2012, 14:10
Zudem würde ich ja gerne mal wissen, wie sich die Hunderttausende Euros an Schulden gegenüber der Gesellschaft berechnen. Was war denn so teuer an meinem Studium? Die baufällige Bib mit dem miesen Buchbestand? Die Profs, die ohnehin als Oberärzte eingestellt sind und die 2h Lehre im Monat (wenn überhaupt) nebenbei abhaken? Oder vielleicht doch die Praktika, in denen noch nicht mal jeder ein eigenes Mikroskop hat und die Präparatekästen eher Scherbenhaufen sind?
Ja abgesehen davon ist das eine Solidarleistung. Wenn man anfängt, alles mit Leistung- und Gegenleistung zu berechnen kommt man ganz fix auf die Frage, in was für einer Gesellschaft man gerne leben möchte. In einer mit privatisierten Straßen, privatisierter Polizei, privatisierten Schulen und Universitäten, privatisierten Kliniken, ohne Vesicherungspflichten, ohne Transferleistungen, ohne Netz und doppelten Boden? - Wild-Wild-West-Deutschland wo jeder noch mit seiner Hände arbeit und im Schweiße seines Angesichts mit einer handvoll Dollar ein Vermögen machen kann?
Steht ja jedem frei der Meinung zu sein. Aber solange ich zwölfhundert Euro Steuer im Monat und noch ein paar mehr Ocken Pflichtversicherung zahle, und Milliarden über Milliarden in Solidarleistungen fließen, vom unverschuldet in Not geratenen Steinkohle oder Autoindustrie-Kumpel, dessen Berufszweig grade wegbricht, bis zu Bürgschaften die niemand zahlen kann an Quasi-Insolvente Eurostaaten... Solange nehme ich mir das Recht heraus eine Ausbildung - die für mich nicht mal kostenlos war, sondern genau in meinem Studienzeitraum Studiengebühren gekostet hat - als ausgleichsfreie Solidarleistung im Rahmen meiner deutschen Staatsbürgerschaft zu betrachten, für die ich niemandem auch nur die Bohne etwas schuldig bin.
M
Feuerblick
17.05.2012, 14:59
Eines sollte man nie vergessen als Student und meinetwegen auch noch als PJ: Es ist ein himmelweiter Unterschied, die Arbeit von Assistenzärzten zu sehen oder darüber zu hören und selbst Assistenzarzt zu SEIN! Du kannst alles in der Theorie und durch Anschauung meinen zu kennen... und sobald du selbst derjenige bist, der den Job MACHEN muss, wirst du dich umgucken, wie wenig du wirklich vom Job wusstest :-nix
Ich könnte auch nicht auswandern, dazu liebe ich meine Heimat (besonders die Ecke, in der ich geboren und aufgewachsen bin) viel zu sehr. Und natürlich ist hierzulande nicht alles sch****, aber ich kann gut verstehen, wenn man beschließt, dem System, bei dem es an vielen Ecken klemmt, den Rücken zu kehren und in ein Land zu gehen, in dem (noch?) einiges besser ist als hierzulande. "Schuldig" ist man seinem Land sicher nichts - oder zahlt ihr alle keine Steuern? ;-)
In der Folge geht es u.a. (neben anderen Auswanderern) um einen dt. Allgemeinmediziner der jetzt in Australien lebt und arbeitet:
http://www.vox-now.de/goodbye-deutschland/teil-1-auswandern-nach-australien.php?film_id=69412&player=1&season=0
LasseReinböng
22.05.2012, 20:42
Mich zieht es eher in den europäischen Süden: Frankreich, Spanien, Italien. 2 oder 3 SUVs, Haus + Pool wie in dem obigen Film sind ganz nett, aber ich will vor allem Lebenskultur.
Ich habe mal in einer Praxis eines deutschstämmigen Arztes in Frankreich famuliert: 10-15 Patienten am Tag...et c'est fini. In Deutschland kloppt man 50-100 Patienten täglich durch die Praxis, um ein vergleichbares Einkommen zu erzielen.
Leider hat man als Assistenzarzt so gut wie keine Chance, ins System zu kommen und es ist ungewiss, was die Finanzkrise noch anrichten wird.
WackenDoc
22.05.2012, 21:48
Was für eine Fachrichtung war das denn?
Sind da irgendwelche aufwändigen Untersuchungen mit drin? Oder was macht der dann den ganzen Tag? Ist das dann ne reine Bestellsprechstunde? Was ist mit den ganzen Akutkranken, die noch zu den geplanten Terminen dazu kommen?
Aber mir fällt bei uns tatsächlich auf, wie oft die Patienten zum Arzt gehen- ich bin jetzt seit fast 4 Monaten in der Praxis und einige Patienten hab ich bestimmt schon 10x gesehen.
LasseReinböng
23.05.2012, 12:03
Es war Dermatologie mit reiner Bestellsprechstunde. Naturgemäß gab es da keine aufwendige apparative Diagnostik...aber auch keine Bestrahlungskabinen für PUVA o.ä., kein Laser usw.
Praxen in Frankreich kommen eher spartanisch daher, häufig ganz ohne Arzthelferin. Auch die Terminvergabe erfolgt in Frankreich meist über professionelle Büros, da sitzt niemand in der Praxis an einer Anmeldung, um Anrufe entgegenzunehmen, es gibt keine "Anmeldung".
In der Praxis wo ich war gab es lediglich ein Arztzimmer mit Liege und ein kleiner Wartebereich. Und das war nicht in der Provinz bei den Schtis sondern im Großraum Paris.
Blutentnahmen finden nicht in der Praxis, sondern direkt in den Laboratorien, wo die Parameter bestimmt werden, statt.
Auch Allgemeinärzte sind vergleichsweise sehr spartanisch eingerichtet, nicht in jeder Praxis gibt es Sono, Röntgen usw.
So gesehen sind die Investitions- und Betriebskosten ein Bruchteil von dem, was in Deutschland üblich ist, zudem zahlen die Patienten m.W. für jeden Besuch eine Pauschale direkt in der Praxis, um sich dann den Betrag anschliessend von der Kasse erstatten zu lassen. Das reduziert die Zahl der Arztbesuche natürlich deutlich.
Zur Allgemeinmedizin kann ich wenig sagen, aber hier ist ein interessanter Artikel im DÄ-Online eines deutschen Allgemeinmediziners in Frankreich:
http://www.aerzteblatt.de/archiv/50664
Das ist ja interessant! Ich wusste gar nicht, dass es in Frankreich keine Arzthelferinnen gibt, sondern das man sich, wenn überhaupt, eine Sekretärin in die Praxis setzt. Aber wenn ich es mir so recht überlege, frage ich mich manchmal ja schon, was man denn mit >5 Helferinnen will...? Bei meinem ehemaligen Hausarzt (habe mittlerweile gewechselt), saßen vorne an der Anmelde immer 3-4 Helferinnen, von denen sich 2-3 in den Haaren rumfummelten oder ganz apathisch aus´m Fenster starrten (ich übertreibe ein bisschen, aber nur ein bisschen), während im Prinzip nur eine den Laden vorne geschmissen hatte :-nix Dieses Szenario konnte man dann auch die ganze Wartezeit über beobachten (Wartezimmer war verglast :-)) ). Da wo ich jetzt bin, sitzt eine Helferin vorne und mehr habe ich bisher noch nicht entdecken können.
Aber auch schön, dass der Praxisinhaber dem Vertreter seine Wohnung inkl. gefülltem Kühlschrank überlässt. Das nenn ich doch mal kooperativ :-))
Könnte mir aber insgesamt schon vorstellen, dass es auf Dauer ein wenig eintönig ist, wenn man, aufgrund von "Gerätemangel" und in gewisser Weise ja auch "Personalmangel", die Patienten anderweitig überweisen muss...:-nix
Interessanter Artikel @LasseR. :-top
Praxen in Frankreich kommen eher spartanisch daher, häufig ganz ohne Arzthelferin. Auch die Terminvergabe erfolgt in Frankreich meist über professionelle Büros, da sitzt niemand in der Praxis an einer Anmeldung, um Anrufe entgegenzunehmen, es gibt keine "Anmeldung".
In der Praxis wo ich war gab es lediglich ein Arztzimmer mit Liege und ein kleiner Wartebereich. Und das war nicht in der Provinz bei den Schtis sondern im Großraum Paris.
Blutentnahmen finden nicht in der Praxis, sondern direkt in den Laboratorien, wo die Parameter bestimmt werden, statt.
Auch Allgemeinärzte sind vergleichsweise sehr spartanisch eingerichtet, nicht in jeder Praxis gibt es Sono, Röntgen usw.
So gesehen sind die Investitions- und Betriebskosten ein Bruchteil von dem, was in Deutschland üblich ist, zudem zahlen die Patienten m.W. für jeden Besuch eine Pauschale direkt in der Praxis, um sich dann den Betrag anschliessend von der Kasse erstatten zu lassen. Das reduziert die Zahl der Arztbesuche natürlich deutlich.
Zur Allgemeinmedizin kann ich wenig sagen, aber hier ist ein interessanter Artikel im DÄ-Online eines deutschen Allgemeinmediziners in Frankreich:
http://www.aerzteblatt.de/archiv/50664
Ich hab vor Jahren mal in Frankreich famuliert. Die sehr gut gehende gastroenterologische Gemeinschaftspraxis hatte mehrere Arzthelferinnen. Man muß sagen, daß gerade *mein* Arzt sehr viel gearbeitet hat, insgesamt haben aber auch die anderen beiden (mit deutlich weniger Arbeit) einen recht hohen Lebensstandard gepflegt.
Ich hab damals mit einem Freund dort gleichzeitig famuliert, wir haben noch einen anderen deutschen Arzt kennengelernt, der dorthin ausgewandert ist. Und das Krankenhaus hat uns fast *angefleht*, wir sollten doch gerne deutsche Ärzte *vorbeischicken* (sehr gerne auch Anästhesisten, die haben da einen bißchen anderen Arbeitsalltag/ Anforderungsbereich btw). Man muß dazu sagen, daß dort (Südfrankreich) auch viel touristisches Klientel (und eingewandertes fremdsprachiges Patientengut) zu finden ist, man würde sich mit Deutsch und Englisch allein (bzw. rudimentäres Französisch ist wahrscheinlich schon von Vorteil ;-)) dort gut durchschlagen können. Es läuft auch viel über Beziehungen.
Da ich durch den noch aufrechterhaltenen Kontakt eigentlich keine Probleme hätte, dort unten anzufangen, bleibt das auch immer noch Plan B. Allerdings: so ganz ganz sicher bin ich mir nicht, und es ist halt nicht meine Muttersprache, das würde mir schon sehr fehlen :-nix aber ansonsten ist es dort unten wunderwunderschön :-)
Relaxometrie
23.05.2012, 19:14
sehr gerne auch Anästhesisten, die haben da einen bißchen anderen Arbeitsalltag/ Anforderungsbereich btw)
Vergleiche von Ländern/ Anforderungsbereichen finde ich immer interessant. Was machen die französischen Anästhesisten anders/anderes, als bei uns?
SchweizerKäse69
24.05.2012, 22:48
Wie du schon richtig vermutet hast, habe ich keinerlei Erfahrung als Assistenzarzt in Deutschland. Allerdings meine ich zu wissen - im Gegensatz zu vielen anderen Kommilitonen und Ärzten - worauf ich mich eingelassen habe, als ich mit dem Studium begonnen habe. Gerade letzte Woche hat mir eine PJlerin auf der Dermatologie erzählt, dass sie nur vielleicht mit Derma anfängt, wenn sie überhaupt weiter Medizin machen will... work-life-balance sei nicht so dolle aber bei den Hautärzten wäre es noch ok.
Mein Vater ist Arzt, meine Schwester befindet sich im PJ, ich habe 8 Monate Zivi in der Grundpflege gemacht und eine Hand voll Freunde, die entweder kurz vor dem Ende des Studiums stehen oder sich am Anfang der Assistenzzeit befinden. Das mögen vielleicht nicht genug Informationen sein, um die durchschnittliche Situation als Assistenzarzt in Deutschland zu bewerten aber ich glaube es reicht, damit ich eine realistische Vorstellung davon habe, wie sich der Arbeitsalltag gestaltet.
Mir ist bewusst, dass man gut die Hälfte der Zeit damit verbringt zu dokumentieren, dass wenn auch der Libero im OP ist, man nicht einfach die Station verlassen kann, obwohl man Feierabend hat, dass die Pflege unterbesetzt ist, dass nach zich Stunden operieren niemand am Ende der Schleuse steht und Beifall klatscht, dass einem für Vernünftige Medizin nicht genug Zeit zur Verfügung steht, UND... dass man Ende immerhin noch genug Geld bekommt.
Ich möchte nicht verneinen, dass Deutschland einiges aufzuholen hat und Defizite wett machen muss, allerdings bin ich ebenso der Meinung, dass man eine gewisse Schuld und Verantwortung hat gegenüber den Menschen, die in Deutschland leben. Man hat viel Geld in euch investiert, um euch gut auszugebilden, und dafür steht ihr jetzt in der Pflicht auch davon etwas wieder zurückzugeben. Meinetwegen kann man nach ein paar Jahre woanders hingehen aber direkt nach dem Studium oder Facharzt zu sagen: "Danke für die Ausbildung. Ich geh woanders hin.", ist einfach nur asozial.
Seit der Europäischen Arbeitszeitdirektive hat sich doch schon einiges getan. Früher haben die Ärzte nach einem 24h-Dienst noch weiter gearbeitet. Inzwischen soll es schon viele Kliniken geben, die sich daran halten.
Man muss sich nur mal überlegen, dass Ärzte aus dem Ausland kommen, um hier zu arbeiten, und wir gehen dann selbst ins Ausland. Wie arrogant ist das denn. Warum hat man als Individuum jetzt auf einmal etwas besseres verdient. Ich meine, wenn es in Schweden so viel besser ist, müssten wir doch alle dort hin gehen... aber dann lachen die schwedischen Ärzte vielleicht auch nicht mehr. (@gnuff)
Offensichtlich sollte die Regierung den Arztberuf so gestalten, dass niemand auf die Idee kommen würde ins Ausland zu gehen, aber bevor dies Geld aus dem Hut gezaubert wird sollte man sich vielleicht mal vor dem Studium darüber informieren, was für einen Arbeitsalltag ich später haben werde. Dann steh ich nämlich nicht wie in Vollidiot im PJ da, und denke: "Das hab mir eigentlich alles ganz anders vorgestellt."
also wenn ich so was wieder lese... als ob wir im Studium herumgegammelt haben. Das Studium ist auch harte Arbeit und wir haben auf viel Geld verzichtet um die lange und quälende Ausbildung hinter uns zu haben. Und hinterher soll ich also aus Pflicht mich in Deutschland verarschen lassen, ja alles klar. Heute lache ich über Deutschland, habe ca. die gleiche Arbeitszeit und deutlich mehr als 50% mehr Nettogehalt in der Tasche. Nicht alle wollen nach Schweden und da können sie mir 100% mehr Gehalt geben. Das Land ist so was von feministisch = antimänner, da gehe ich sicherlich nicht hin... neben dem schlechten Klima.
Ja, ich habe mich auch vor dem Studium schon Gedanken gemacht, wie der Alltag aussieht. Das Fazit war ganz einfach: Da mir die Welt offen steht, stehen die Länder in Konkurrenz zueinander und ich picke mir das beste Angebot heraus. Welch eine schöne Position, denn normalerweise verarschen die Regierungen die Bürger. Viel Spass mit den überhöhten Steuern für die Rückzahlung der Schulden, die durch die Banksters entstanden sind.
Grüsse aus einem Land, wo Ärzte ca. max. 25% an den Staat abgeben (Krankenversicherung inkl.)
SchweizerKäse69
24.05.2012, 23:02
P.S.: Kleine Anekdote. Als ich im PJ war, gabs eine Assistenzärztin, bei der morgens bei den Visiten mehrfach auffiel, dass Briefe nicht geschrieben waren (die dann nachgefaxt werden mussten), dass geplante Untersuchungen einen Tag später liefen. Irgendwann hatte sie eine Abmahnung bekommen, woraufhin sie in einem Streitgespräch mit dem Oberarzt klar machte, dass sie eine kleine Tochter zuhause hat, die nur bis kurz nach Dienstschluss versorgt ist. Da kam _der_ Satz schlecht hin: "Hören sie mal, sie sind Ärztin". DAS ist die Realität, bin ich ner Gesellschaft auch nur nen Huster schuldig, die mit dem Wert Familie so umgeht??
genau richtig. Sie bekommt dasselbe Gehalt wie andere und soll gefälligst genau dieselbe Leistung bringen wie ihre Kollegen. Und dieses Gejammer mal wieder ist ziemlich unprofessionell, das interessiert niemanden. Ist ihre Aufgabe Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Und wenn sie familiärer eingestellt ist, hat sie einfach den falschen Job ausgesucht. Desweiteren müssen dann Kollegen ihre Arbeit für sie machen, wenn sie zu lahm ist und das ist unkollegial, denn sie sind auch überlastet.
Relaxometrie
25.05.2012, 05:50
genau richtig. Sie bekommt dasselbe Gehalt wie andere und soll gefälligst genau dieselbe Leistung bringen wie ihre Kollegen. Und dieses Gejammer mal wieder ist ziemlich unprofessionell, das interessiert niemanden. Ist ihre Aufgabe Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Und wenn sie familiärer eingestellt ist, hat sie einfach den falschen Job ausgesucht. Desweiteren müssen dann Kollegen ihre Arbeit für sie machen, wenn sie zu lahm ist und das ist unkollegial, denn sie sind auch überlastet.
Dein vorheriges Posting fand ich noch gut. Aber das, was Du hier schreibst???
Mit Deiner Kritik "hat sie einfach den falschen Job ausgesucht", trägst Du massiv dazu bei, daß sich die Zuständen, die eben viele Ärzte zu Recht aus Deutschland auswandern lassen, beibehalten werden. Am Verhalten der Ärztin, die ein Kind hat und pünktlich geht, zeigt sich, daß unbezahlte Überstunden (wie Du sie forderst) schlicht und ergreifend auf Dauer nicht erstrebenswert sind. Nur macht fast jeder Jasager das Spielchen mit, und DAS ist es, was das marode System am Laufen hält. Warum sollte der Arztberuf einer sein, in dem man auf Familie verzichtet, die völlig chaotische Desorganisation des Krankenhausalltags auch noch ins Privatleben übernimmt ("frei habe ich erst dann, wenn das überbordende Abeitspensum erledigt ist") und der Zeitpunkt des Feierabends chronisch fremd-/chaosbestimmt ist???
astrophys
25.05.2012, 06:23
Das Fazit war ganz einfach: Da mir die Welt offen steht, stehen die Länder in Konkurrenz zueinander und ich picke mir das beste Angebot heraus.
Eben! Warum sollte ich mir nicht die besten Angebote rauspicken? Wenn das Studium in D gut und umsonst ist, dann studiere ich hier. Selbstverständlich gehe ich nach dem Studium in das Land, das mir das höchste Salär verspricht! Warum denn auch nicht? Und falls sich das ändert, ziehe ich halt weiter. So einfach ist das.
Keenacat
25.05.2012, 10:41
genau richtig. Sie bekommt dasselbe Gehalt wie andere und soll gefälligst genau dieselbe Leistung bringen wie ihre Kollegen. Und dieses Gejammer mal wieder ist ziemlich unprofessionell, das interessiert niemanden. Ist ihre Aufgabe Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Und wenn sie familiärer eingestellt ist, hat sie einfach den falschen Job ausgesucht. Desweiteren müssen dann Kollegen ihre Arbeit für sie machen, wenn sie zu lahm ist und das ist unkollegial, denn sie sind auch überlastet.
Dinge, auf die ich bereit bin zu wetten:
[x] Der Chäs hat selbst keine Kinder
[x] Der Chäs hat auch sonst keinen zu versorgen, zum Beispiel pflegebedürftige Eltern, Geschwister oder Lebensgefährten
[ ] Der Chäs hat ein intensives Sozialleben mit vielen Kontakten außerhalb der Arbeit
[x] Der Chäs hält sich selbst für äußerst wichtig und ausgefuchst, weil er/sie Arzt ist
[ ] Der Chäs ist nicht egozentrisch
[x] Der Chäs lebt, um zu arbeiten
[ ] Arbeiten mit dem Chäs is angenehm
[ ] Der Chäs hält alle Menschen für gleich wertvoll
Allerdings ist von jemandem, der "feministisch = antimänner" schreibt, nicht viel mehr zu erwarten. :-love
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