Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : RTW / NEF: Bewußtlose Person an katholischer Kirche
Sebastian1
31.05.2012, 22:21
Ehrlich gesagt reicht mir der aktuelle Status dann auch. Du scheinst mit dem Midazolam i.v. deutlich zurückhalternder zu sein, aber der Erfolg gibt dir recht, und ist ja auch "nur" ein schlankes, junges Mädel, nicht die nette Polytoxikomanin von nebenan ;)
Solange allerdings auch auf fiese Reize (Druck unter den Kieferwinkel, Kniff in die Nasenscheidewand) nicht eine halbwegs gerichtete Abwehrreaktion da ist, wäre ich zumindest darauf bedacht, eine funktionierende Absaugung dabei zu haben.
Einladen, Voranmeldung unter Hinweis auf Wiederaufnahme an das bekannte Krankenhaus mit Hyperventilation und Bewusstseinsstörung unklarer Genese.
Und auch, wenn du schreibst, dass wir keine Infos mehr bekommen: Den Freund nochmal dazubitten und nochmal ganz ruhig und freundlich unter dem Hinweis, dass es nur um medizinische Infos geht und kein Ärger zu erwarten ist, fragen, ob die Möglichkeit besteht, dass irgendwas an Substanzen eingenommen wurde (da habe ich schon die abenteuerlichsten Antworten bekommen, bis hin zum Rauchen von Antibiotika inder der Ansicht, das würde irgendwie kicken...).
Ja, Body-Check ist völlig unauffällig verlaufen! Alles gut, am ehesten hat sie dort gesessen, wo sie gefunden wurde, als sie anfing...
Reklamation finde ich gut! Ist ja auch eindeutig. Morgens entlassen, Abends wieder aufgenommen! :-)
Die Augen sind mittlerweile unauffällig! MW, isokor, stehen schön mittig. Mittlerweile kommt auch eine gewisse Abwehr gegen Schmerzreize in Form von wegziehen der Extremitäten.
Also ab auf die Trage und in den RTW. Dort angekommen fragt der Transportführer:
Wie siehts denn aus, DOC? Fährst Du mit, oder sollen wir die Gute einfach in die Klinik fahren? Ist ja alles gut?!
@ Seb: Der Freund weiß tatsächlich nichts mehr. Er hat wohl angeboten zur Klinik nachzukommen. Er weißt nochmal auf den Betreuerhintergrund hin. Medikamente / Drogen habe sie sicher nicht genommen. Die ist in einer Jugendorganisation der Stadt, die über das Wochenende wohl ein Treffen hatte. Und außer dem Tavor, das sie vom KH bekommen hat, nimmt sie keine Medis. Und das Tavor hat er ihr gegeben...
Hellequin
31.05.2012, 22:27
Ich wäre jetzt mal ganz pragmatisch und würde in dem entsprechenden Krankenhaus wo sie war anrufen. Evtl. kennt man dann die Entlassdiagnose und weiß in welche Richtung das ganze geht und zum anderen kann man sie gleich anmelden.
Und bei Transport den jungen Mann mit transportieren, eine Fremdanamnese ist bei sowas meistens Gold wert.
WackenDoc
31.05.2012, 22:32
Ich würde mitfahren- ist immerhin ne ungeklärte Bewußtlosigkeit.
^^ Naja, das KH ist DER Maximalversorger der Region. Da den entsprechenden Arzt zu erreichen, der morgens die Entlassung / den Fall mitbekommen hat, und das Ganze IM Dienst... kann klappen, muss aber nicht. Weiteres dazu später! :-)
Der junge Mann kommt ja nach, muss aber noch nach Hause, der ist nämlich auch nicht viel älter als die Patientin...
Ich würde mitfahren- ist immerhin ne ungeklärte Bewußtlosigkeit.
Na gut, aber sie wird ja etwas besser. Abwehrreflexe kommen ja wieder. Andererseits hat sie ja mittlerweile 2,5mg Tavor + 2mg Dormicum intus. Also ich bin da auch eher zurückhaltend mit dem "freimelden". Also fahren wir mit...
Mit Sondersignal oder ohne? Wie gesagt, Fahrzeit ca. 20 Minuten mit, ca. 30 Minuten ohne Signale...
Sebastian1
31.05.2012, 22:38
@ Seb: Der Freund weiß tatsächlich nichts mehr. Er hat wohl angeboten zur Klinik nachzukommen. Er weißt nochmal auf den Betreuerhintergrund hin. Medikamente / Drogen habe sie sicher nicht genommen. Die ist in einer Jugendorganisation der Stadt, die über das Wochenende wohl ein Treffen hatte. Und außer dem Tavor, das sie vom KH bekommen hat, nimmt sie keine Medis. Und das Tavor hat er ihr gegeben...Jo, ist ja auch oft so. Aber gerade in dem Alter kommt dann halt doch öfter mal noch die Auskunft, die den entscheidenden Hinweis gibt. Wenn Eltern / Freunde / sonstwer danebenstehen frag ich schon gar nicht mehr, da wird eh nix gesagt und ich bring die Leute auch noch in die Bredouille...
Begleiten würde ich auf jeden Fall, und wenn nicht gerade Al-Kaida in Wanne-Eickel landet, bin ich auch nict abkömmlich bei unklaerer Bewusstlosigkeit und fraglich vorhandenen Schutzreflexen. Ich glaube zwar nicht dran, dass da im Moment bzw auf dem Transport was eklatantes passiert, ausschliessen kann ich das aber nicht. Fahrt daher auch mit SoSi. Fortgeführtes Monitoring (EKG/RR/SpO2) und einsatzbereite Absaugung hätte ich gerne, dazu noch weiteres Midazolam in der Jackentasche für den Bedarfsfall. Dann kann es meinetwegen gerne losgehen.
Gut. Also ab ins Auto, Überwachung ist ja dran und bleibt auch dran. RR auf Intervallschaltung 5 Minuten eingestellt, EKG weiterhin schöner SR mit 75/min, SO2 100%. So richtig wach ist sie weiterhin nicht, aber halt mit angedeuteten Schutzreflexen.
Übrigens: als Tipp, wenn die Sättigung nicht so will wie man selbst: Einfach den Sensor mal um 90° versetzt aufsetzen, dann ist der Lack nicht im Sensorbereich und oftmals (nicht immer) funktioniert die Sättigung wieder einwandfrei! - So auch hier!
Wir erklären dem Transportführer, dass wir mitfahren, das Ganze mit Sondersignal. Absaugung ist ja eh in Griffweite verbaut und einsatzbereit. Mit Euch fährt hinten der RA im Anerkennungsjahr. Es geht erstmal die Serpentinenstrecke runter ins Tal, um auf der anderen Seite wieder hochzufahren. Dazwischen eine nervende Ortsdurchfahrt mit deutlich langsameren Abschnitten...
Aber soweit kommen wir erst gar nicht! Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!
Nach ca. 2 Minuten Fahrzeit, wo wir uns über die Differentialdiagnosen unterhalten haben, ein kurzer Blick auf die Überwachung und was soll ich sagen: die Sättigung liegt bei 53%!!! Kurzer Blick auf die Signalintensität: ausreichend. Sättigung fällt weiter. Blick ins Gesicht: aschgrau, Lippen livide verfärbt. Blick in die Augen: streng nach unter verdreht, Pupillen nicht mehr sichtbar! Sättigung mittlerweile bei 45%!
Und nu? Wir befinden uns mitten in den Serpentinen auf dem Weg nach unten! HILFE!!!
Relaxometrie
01.06.2012, 05:50
O2 auf 100%, Esmarch-Handgriff, absaugen, Lunge auskultieren. Im Zweifel (wenn es auf der Buckelpiste zu laut ist) mal kurz anhalten. Krampft die Patientin auch wieder?
O2 auf 100%? Wie jetzt? Die hat ohne Sauerstoff eine Sättigung von 100% gehabt. Auskultation? Nix, die atmet schlichtweg nicht mehr. Esmarch hat auch keinen Effekt. Mittlerweile stehen wir in einer Einfahrt. Krampft sie? Keine Ahnung. Zucken tut sie nicht, die Pupillen sind nicht mehr zu sehen, Blickrichtung streng nach unten...
Und nu?
Hellequin
01.06.2012, 07:29
Was sagt den der EKG-Monitor?
Im EKG keine Änderung. 75/min. SR. Sättigung 43%. Und vom Aussehen her passt das. Dunkelblaue Lippen, das Gesicht aschgrau. Und sie atmet definitiv nicht mehr. Kein beschlagenes Uhrenglas, kein warmer Atem auf dem Handrücken, keine Thoraxbewegungen, auskultatorisch kein AG!
Hellequin
01.06.2012, 08:06
Erhöhter oder schlafer Muskeltonus? Ich würde aber nebenbei mal hektisch ans Zwischenfenster klopfen, damit der RTW rechts ranfährt, und mit Maskenbeatmung anfangen und falls noch nicht geschehen eine Intubation richten lassen.
Edit: Falls uns nicht noch was besseres als Auslöser für den Atemstillstand einfällt, würde ich eine Flumazenilgabe erwägen.
Eher ein schlaffer Muskeltonus. Der rechte Arm fällt auch gerne mal von der Trage und baumelt dann dort rum. Wurde daraufhin mit im Gurt fixiert.
BTW: Der RTW steht ja schon. Der Kollege hat sehr wohl mitbekommen, dass da hinten irgendwie alles den Bach runtergeht.
Nun gut, der Ambubeutel ist ja schnell bei der Hand und sie lässt sich... wunderschön beatmen. Kein Gegenpressen, nix im Rachen, was Probleme bedeuten würde, einfachste Maskenbeatmung, wie man sie im Kinder-OP nach adäquater Narkose hinbekommen würde...
Die Sättigung steigt ebenso schnell, wie sie abgefallen ist, wieder auf 100%, und das mit Raumluftbebeutelung. Also bitten wir den RA, der gerade den O2-Schlauch an den Beutel frickeln will, doch einfach mal das Anexate aufzuziehen.
Wieviel von der Ampulle wollen wir denn geben?
Zur Erinnerung: in der Patientin sind 2,5mg Tavor und 2mg Dormicum.
Ein Blick zum Monitor lässt uns direkt wieder etwas ruhiger werden: Die Sättigung bleibt bei unverändert einfachster Beutelbeatmung stabil bei 100%, der Thorax hebt und senkt sich seitengleich, EKG unverändert mit einem SR und 75/min. Der Druck ist ebenfalls stabil bei 130/70mmHg. Die Pupillen sind immer noch streng nach unten gerichtet.
Mittlerweile steht der RA mit aufgezogenem Anexate vor Euch.
Also, wie viel darfs denn sein?
Sebastian1
01.06.2012, 09:31
Ehrlich gesagt würde ich es nicht geben. Auch bei einem schmalen Persönchen finde ich die Dosis nicht ausreichend als Erklärung. Dem Gesamtstatus würde ich eher als trigger sehen, sie zu intubieren, wenn sie es sich gefallen lässt ohne weitere Medikamente.und wenn das klappt, dann ist das Problem eher nicht bei den Benzos zu suchen.
Wenn dus geben willst dann gibste 0,2-0,3mg & titrierst dich durch weitere gaben bis an 1 mg heran. Stopp, wenn sie atmet & bevor sie anfaengt, den wagen auseinander zu nehmen.
Hellequin
01.06.2012, 10:29
Meine Überlegung wäre folgende: Mit einem psychogenen Anfall lässt sich der Atemstillstand nicht erklären (falls doch Chapeau!), epileptogen passt auch nicht (nach Brutus weiteren Angaben müsste es ja dann eher komplex-fokal sein und das macht eigentlich keinen Atemstillstand). Bleibt noch eine Benzoüberdosis (DD bei uns unbekannten Beikonsum oder doch bereits mehr eingenommenen Tavor) oder irgendwas unschönem von dem wir noch nicht wissen. Ist es die Benzoüberdosis sollte sich eine Besserung einstellen, ist es was anderes sollte das Anexate nicht viel verändern und wir machen mit Plan B wie Intubation weiter.
Sebastian1
01.06.2012, 10:56
Ich erinnere mich an einen pharmaKurs, in dem sinngemäß gesagt wurde, dass man sich schon vor einen lkw werfen müsse, der benzos geladen hat, um sich damit umzubringen. Etwas plakativ vielleicht, aber aus der Tachypnoe in die Apnoe durch zusätzliche 2,5 Dormicum? Never ever. Bis zum Beweis des Gegenteils hat sie für mich irgendwas zentrales als Ursache, und da habe ich dann lieber die Benzos noch drin. Ich bin für intubation, raus ziehen kann ich den Schnorchel immer noch, wenn es den doch eine Intox war.
Gut, fangen wir also mit 2ml Anexate an = 0,4mg. Nach ca. einer Minuten später noch mal 1ml. An der Situation ansich hat sich bis dato nix geändert. Die Patientin ist immer noch tief bewußtlos, unter Beatmung 100%, keinerlei Gegenwehr spürbar. RKG und RR weiter gleich.
Und nun? Bis zum KH sind es noch gut 20 Minuten, wir stehen hier aber soweit ganz gut in der Einfahrt, da kann erstmal nix passieren. Intubation? Weiter bebeuteln? Irgendwas Medikamentöses? Weiter fahren? Andere Vorschläge?
Edit: Zum Thema Intox. Ich halte 2mg auch für keine geeignete Dosis für eine Intox. Die Leutchen, die es (erfolgreich oder nicht) versucht haben, die waren mit Dosen um 200mg Dormicum / 400mg Oxazepam oder ähnlichem unterwegs. Das jemand nach 2mg eine Apnoe in den Raum wirft ist mir noch nicht untergekommen. Gut, wir hatten da letztens eine Omma von 95 Jahren, die hat nach 2mg aufgehört und nach erneuten 1mg durfte man sie reanimieren, aber die war multimorbide und Z.n. OP / Unfall...
Aber hier war es erstmal das naheliegendste. Daher auch die Entscheidung zum Anexate.
Das war übrigens auch erst das 2. oder 3. Mal, dass ich das Zeuch überhaupt benutzt habe. Ich sehe es nämlich sonst auch eher so wie Sebastian. Lieber schlafend ins KH, als einen zerlegten RTW...
Hellequin
01.06.2012, 11:45
Edit: Zum Thema Intox. Ich halte 2mg auch für keine geeignete Dosis für eine Intox.
2mg Midazolam + 2,5mg Tavor um genau zu sein;-)
Klar ist das keine Riesendosis, ich hatte aber auch schon mal einen der auf Größe/Körpergewicht umgerechnet nicht viel mehr gehabt hat und dann auch spontan das atmen eingestellt hat.
Letztendlich ahben wir jetzt aber die Erkenntnis das es kein Benzointox ist. Ist differentialdiagnostisch auch schon mal was wert. Wir machen weiter mit Plan B, intubieren und dann schnellstmöglich den Maximalversorger anfahren. Während Brutus intubiert, soll der RA vorne im Wagen mal das Krankenhaus updaten.
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