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lupina81
06.09.2012, 12:20
Sorry, hab schon wieder zuviel Ablenkungen gehabt ..

Nundann ließ sich der gute Mann nicht davon überzeugen, dass es viel schöner wäre, wenn er nicht immer rumschreien und Streß machen würde. Ich habe ihm kurz nochmal seine entsprechend der Unfallkinetik möglichen und potentiell lebensgefährlichen Verletzungen erläutert. Bei jedem Versuch der Untersuchung und der Frage nach Schmerzen hat er alles angespannt und entweder gelacht oder geschrien .. versucht da mal einen brettharten Bauch auszuschließen ;-). Ich habe also zum Eigenschutz des Patienten mal eine kleine Wohlfühlnarkose gestartet: 25 mg S-Ketamin und 2 mg Dormicum bei knapp 80 kg Körpergewicht. Nicht zu viel und nicht zu wenig .. plötzlich wurde er ruhig und ließ sich untersuchen. Orientierend fand ich erstmal tatsächlich nichts. Aber ihr kennt ja wahrscheinlich das ungute Gefühl, wenn ihr vor einem völlig zerstörtem Auto steht und der Patient neben euch. Man kann (und will) einfach nicht glauben, dass der nix hat. Voranmeldung nun in der Uniklinik: "Ungefähr 30-jähriger Mann, als Fahrer VU Frontalanprall Baum, Kfz Verformung > 50 cm. Arbeitsdiagnose Polytrauma. Nicht eingeklemmt. Kreislaufstabil. Skalpierungsverletzung und Verdacht offene Oberschenkelfraktur links. Ansonsten orientierend keine Verletzungen. Nicht intubiert/beatmet. Eintreffzeit 02:30 Uhr." Fehlt noch was?

lupina81
06.09.2012, 12:32
"Wenn der nun mit Dormicum oder ähnlichem sediert wird, und man deswegen eine neurologische Verschlechterung nicht mitbekommt, ist ihm auch nicht geholfen.
Mh, da denke ich kommt es halt auf die Dosis an. Ich kenne auch Chirurgen, die keine Analgesie wollen, um den Bauch besser beurteilen zu können. Ich habe schon Fälle erlebt, da war die plötzliche Aufregung und das Rumgetobe die neurologische Verschlechterung. Bildgebung gibt es sowieso. Nur den Patientenzustand sollte man durch eine zu großzügige Analgesie/Narkose nicht verschlechtern. Vorgestern habe ich einen großzügig sedierte Patientin mit einem GCS von 6 zum CCT schutzintubiert. Die BGA der Aufnahme ergab ein CO2 von knapp 12 kPa (Norm > 6 kPa arteriell). Das CT ergab nix. Das Notarztprotokoll wies 10 mg Morphin bei "körperlicher Unruhe" einer 60 kg Patientin aus ..

Brutus
11.09.2012, 20:10
Mh, da denke ich kommt es halt auf die Dosis an. Ich kenne auch Chirurgen, die keine Analgesie wollen, um den Bauch besser beurteilen zu können. Ich habe schon Fälle erlebt, da war die plötzliche Aufregung und das Rumgetobe die neurologische Verschlechterung. Bildgebung gibt es sowieso.
Dosis? Immer ganze Ampulle! Der Hersteller wird sich schon was dabei gedacht haben! :D


Nur den Patientenzustand sollte man durch eine zu großzügige Analgesie/Narkose nicht verschlechtern. Vorgestern habe ich einen großzügig sedierte Patientin mit einem GCS von 6 zum CCT schutzintubiert. Die BGA der Aufnahme ergab ein CO2 von knapp 12 kPa (Norm > 6 kPa arteriell). Das CT ergab nix. Das Notarztprotokoll wies 10 mg Morphin bei "körperlicher Unruhe" einer 60 kg Patientin aus ..
Wobei ich 10mg bei 60kg ja jetzt nicht sooo übertrieben finde. Warum habt ihr denn kein Narcanti gegeben, wenn ihr eine Überdosierung vermutet habt?

Erzählst Du uns noch den Ausgang der Geschichte? Wäre schön zu hören, was die Einzelnen hatten und wie sie weiter versorgt wurden...

Miss
11.09.2012, 20:27
. Vorgestern habe ich einen großzügig sedierte Patientin mit einem GCS von 6 zum CCT schutzintubiert. Die BGA der Aufnahme ergab ein CO2 von knapp 12 kPa (Norm > 6 kPa arteriell). Das CT ergab nix. Das Notarztprotokoll wies 10 mg Morphin bei "körperlicher Unruhe" einer 60 kg Patientin aus ..
Hmh, so viel ist das doch wirklich nicht. Zwar wäre das auch nicht das erste Medikament, welches mir bei alleiniger (?) körperlicher Unruhe einfiele... :-nix

Das ist ja echt immer schwierig, gerade wenn man noch keine 10 Jahre RD-Erfahrung hat. Mein erstes Verkehrsunfallsopfer z.B. - hatte erstaunlich wenig Verletzungen, war klar (naja, halt alkoholisiert), als wir kamen, hat auf einmal dann nur noch Quatsch erzählt -1mg Dormicum, nix war mehr. Hab ich letztendlich dann im Wagen sofort intubiert, weils total seltsam war...
Frag mich immer noch, ob das nicht totaler Quatsch war :-nix

Klar, man will, daß die Leute gut beurteilbar sind, aber Schmerzen und Stress sollen sie auch nicht haben, die Einrichtung und das Personal auch lieber heile lassen *seufz*

lupina81
21.09.2012, 16:58
So, der Patient ist mittlerweile aus der Reha wieder zu Hause ;-) .. Bitte entschuldigt die "etwas" prolongierte Antwortzeit.

Also, wo waren wir: Patient ist mit Uhrzeit beim Maximalversorger angekündigt. Exakt zum angesagten Zeitpunkt fahren wir die Einfahrt hoch und .. es war (bis auf eine aus dem Schlaf geschreckte) Aufnahmeschwester niemand da. Das Eingangsschild bestätigte uns nochmal das richtige Krankenhaus. Ob wir der Verkehrsunfall seien? "Jap." Dann würde sie jetzt mal die Ärzte anrufen. "Nett von Ihnen". Was war passiert? Die Leitstelle hat offenbar zusätzlich zu unserem Anruf (und zwar danach!) eine Eintreffzeit 20 Minuten später benannt. Nach knapp 5 Minuten kam die 1. Schwester mit dem Schlüssel für den Schockraum. Patient wach, etwas weinerlich. RR 140/90 mmHg, HF 90 rhythmisch, neurologisch unauffällig, keine Schmerzen. Immerhin. Nachdem der Assistenzarzt der Anästhesie knapp 30 Minuten versucht hat eine Arterie zu legen (Warum?) ging es ins CT. Polytraumaspirale. Ergebnis: Keine knöchernden Traumafolgen, keine Organverletzungen, allenfalls gering ausgeprägte Lungenkontusion beidseits. Tja .. viel Lärm um Nichts? Meiner Meinung nach nicht. Jeder, der "draußen" ist, weiß wie blöd man sich fühlt, wenn man vor einem Schrotthaufen von Auto steht und alle erdenklichen Verletzungen prognostiziert und der Traumaleader ein dann bemitleidenswert anschaut und mit Blick auf den "Nix" Befund tief einatmet ..

Mein Abschlusssatz für diesen Fall: JEDER Patient sollte in Zusammenschau der Unfallkinetik und damit zu erwartenden Verletzungen nach einem festgelegten Algorithmus behandelt werden. Gelangweilte Routine kann Leben kosten.

lupina81
21.09.2012, 17:07
Wobei ich 10mg bei 60kg ja jetzt nicht sooo übertrieben finde. Warum habt ihr denn kein Narcanti gegeben, wenn ihr eine Überdosierung vermutet habt?

Ganz ehrlich? Ich mags kaum sagen: das mit dem Morphin wurde leider erst nach der Intubation bekannt, da der Notarzt oft bei den Übergaben nicht mehr dabei ist und ich mir das Protokoll in diesem akuten Fall nicht angesehen habe. Die Übergabe des Rettungsstellen-Arztes war halt: Patient unruhig aufgefunden, zunehmend eingetrübt. Verdacht cerebraler Notfall. Dann läuft halt leider (noch) ein Versorgungsreflex ab. Und der Patient ist ja letztendlich auch nicht wegen dem Morphin sondern wegen der zunehmenden CO2 Retention bei Bradypnoe eingetrübt.

Miss
21.09.2012, 17:09
Und der Patient ist ja letztendlich auch nicht wegen dem Morphin sondern wegen der zunehmenden CO2 Retention bei Bradypnoe eingetrübt.
Wobei es da ja durchaus einen Zusammenhang geben könnte... :-nix

Danke für die abschließende Berichterstattung! :-top

lupina81
21.09.2012, 17:12
Wobei es da ja durchaus einen Zusammenhang geben könnte...
Durchaus, aber von der Pupillengröße zumindest nicht mehr antagonisierbar.