Anmelden

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : DER Wein-Experten-Thread ;o)



Seiten : 1 2 3 4 [5] 6 7 8 9

Flemingulus
28.07.2014, 15:45
Da wir das Thema weiter oben kurz angerissen aber noch nicht bis zur Erschöpfung gedanklich auseinandergedröselt haben :-)) geb ich jetzt hier noch meinen Senf zum Thema Korkenzieher zum Besten. :-)

Das Wichtigste, warauf man m. E. beim Korkenzieher achten sollte, ist die Wendel, mit der der Korken durchbohrt und anschließend hoffentlich am Stück aus der Flasche gezogen werden soll. Diese Wendel sollte auf jeden Fall eine Seele haben. Mit diesem technischen Begriff ist gemeint, dass sich die Wendel spiralig um ein "leeres" Zentrum herumwindet (genauso wie in Espressas Foto), so dass das
Ganze aussieht, wie eine Metallfeder oder meinethalben wie eine DNA-Single-Helix. Keinesfalls soll sich das Korkenziehergewinde um einen zentralen Dorn herumwinden (so wie bei einer Schraube), das wäre dann die Variante ohne Seele und ist völlig abzulehnen. Viele billige Flügelkorkenzieher haben so eine Schraube ohne Seele und taugen daher nix. Der Grund ist, dass diese "seelenlosen" Schrauben, den Korken nicht so fest zu fassen bekommen und bei alten Stopfen häufig unter wildem Gekrümel "ausbrechen", während die Flasche nach wie vor verschlossen ist... hmpfl...

Als nächstes halte ich irgendeine Art von trickreicher Mechanik für sinnig, die den Kraftaufwand beim Stopfenziehen reduziert. Die einfachen T-Korkenzieher (Flasche zwischen die Beine geklemmt und unter wildem Gegrunze am Korken ziehen) sind daher meine Sache nicht.

Die häufigste Lösung zum Reduzieren des Kraftaufwandes ist irgend eine Art von Hebel wie beim guten alten Kellnermesser. Beim Kellnermesser empfiehlt sich jedoch ein Modell mit Gelenkhebel, so dass man zweimal ansetzen kann und den Korken beim Rausziehen nicht so biegen muss (alte, lange Korken brechen sonst, bei fehlender Übung leicht entzwei... sehr ärgerlich sowas... ). Ein alternatives Hebelprinzip ist im Flügelkorkenzieher verwirklicht. Geht auch sehr gut, aber häufig sind das (siehe oben) sehr billige Modelle, bei denen bei der Wendel gespart wurde.

Eine meiner Lieblingsvarianten ist ein Glockenkorkenzieher mit einem "verriegelbaren" Quergriff, mit dem man nach Umklappen über ein Hohlgewinde den Korken lüpfen kann, sobald der Quergriff auf der Glocke aufsitzt (:-)) ich lieeeebe ja technische Beschreibungen, die ohne zugehörige Abbildung absolut unverständlich sind). Nicht ganz ideal sind einfache Glockenkorkenzieher bei denen man den Korken komplett durchbohren muss, da hierbei Bröselchen in den Wein plumpsen (wobei das keine Katastrophe ist, nur ein minimaler Schönheitsfehler).

Und natürlich besitze ich auch einen Gasdruck-Korkenheber, aber irgendwie habe ich bei dessen Verwendung immer Angst und ich würde es nicht allgemein empfehlen ;-)

McDübel
31.07.2014, 20:38
Hab mir gerade mal das Gewinde angesehen. Hab da nie drauf geachtet und is mir bisher auch nie aufgefallen. Aber ich habe demnach einen mit Seele (Holzgriff), einen ohne Seele (Flügelkorkenzieher <-- den benutze ich eigentlich immer :-))) und einen Federzungenkorkenzieher (weiß gar nicht, wo der herk...? nanu :-oopss).

Flemingulus
02.08.2014, 19:27
Hab mir gerade mal das Gewinde angesehen. Hab da nie drauf geachtet und is mir bisher auch nie aufgefallen. Aber ich habe demnach einen mit Seele (Holzgriff), einen ohne Seele (Flügelkorkenzieher <-- den benutze ich eigentlich immer :-))) und einen Federzungenkorkenzieher (weiß gar nicht, wo der herk...? nanu :-oopss).

Für einfache Plastikkorken und ungealterte, kurze Naturkorken mags der seelenlose Korkenzieher tun, aber ich warne davor, mit diesem Instrument einem Wein mit Korkverschluss nach > 10 Jahren Flaschenalterung zu Leibe rücken zu wollen... ;-) Wobei ich grundsätzlich im Zusammenhang mit Korken immer nur das Hohelied auf den Schraubverschluss singen kann: Wenn ein Wein nicht jahrelang reifen soll sondern für baldigen Genuss nach Flaschenabfüllugn bestimmt ist, halte ich die Schraublösung für die beste Variante... und beim Edelschraubverschluss (Stelvin) werden sogar einige Jährchen Garantie auf hinreichende Dichtigkeit gegeben. :-)

Muriel
02.08.2014, 21:28
Geht es dir absolut die Dichtigkeit, wenn du sagst, der Schraubverschluss sei eher für den baldigen Genuss sinnig? Werden diese Verschlüsse denn wirklich undicht? So praktikabel sie auch sein mögen, irgendwie sind sie mir beim Wein zu unidyllisch ;-) sehr schick fand ich mal einen Glasstopfen.

McDübel
03.08.2014, 10:31
Wenn ich das richtig kapiere, ist ja diese Dichtigkeit der Schraubverschlüsse das "Problem" für lagerungsfähige Weine. Diese können mit den Verschlüssen nämlich nix anfangen, da kein Luftaustausch stattfindet und somit auch theoretisch kaum Tannin mehr gebraucht wird. Was dann aber auch wiederum bedeutet, dass dem (Rot-)Wein zusätzliches Aroma genommen wird. Oder?

Muriel
03.08.2014, 10:33
So herum macht es natürlich deutlich mehr Sinn ;-)

McDübel
03.08.2014, 11:00
Naja, ich redete von diesen Stelvin-Verschlüssen. Einfache Schraubverschlüsse lassen da wohl zu viel Sauerstoff durch, gelten also als undicht...

Flemingulus
03.08.2014, 11:37
Naja... das Problem Schraubverschluss vs. Naturkork im Hinblick auf Dichtigkeit und Weinreifung ist einigermaßen kompliziert.

Auf der Seite der Schraubverschlüsse hängt das von der Einlage (Zinn [= teurer aber dicht] vs. Aluminium [= billiger aber weniger dicht]) und vom Luftdepot zwischen Verschluss und Wein (bei Drehverschluss ist häufig aber nicht immer mehr Luft zwischen Wein und Verschluss als bei Korken) ab. Auf der Seite des Weins hängt das u. a. vom Kupfergehalt (beeinflusst die Reifung), vom Phenolgehalt (ebenfalls Einfluss auf Reifung), von der Schwefelung (Schutz vor Oxidation) und der Lagerung (Temperatur & Druckschwankungen [Flugzeug!], Lichteinfall) ab.

Unterm Strich sind gute Schraubverschlüsse relativ sicher und machen keinen Korkschmecker (klassischer Trichloranisol-vermittelter Korkschmecker und untypische Korkschmecker... btw: das hat alles nichts (!!!) mit Korkbröseln im Wein zu tun... "guter" Kork ist gegenüber Wein absolut Geschmacksneutral).

Bei sehr langer Lagerung hab ich wegen der Länge der Abdichtungsstrecke zwischen Flasche und Verschluss (beim Korken mehere Zentimeter, beim Schraubverschluss nur die Einlage auf der Flaschenöffnung) einfach beim Korken ein besseres Gefühl.

Die Reifung des Weins aber nur auf "das Atmen" (oder eben nicht atmen) durch die Verschlüsse zu reduzieren, greift wegen der komplexen Vorgänge bei der Lagerung deutlich zu kurz - hier würde ich mich bei den Verschlüsseln beim derzeitigen Kenntnisstand nicht festlegen wollen. Es ging mir primär um das Leckage-Risiko (wohl wissend, dass sehr guten Drehverschlüssen schon ein hohes Maß an Dichtigkeit attestiert wird, hab da aber bereits dreimal schlechte Erfahrungen gemacht, bei Naturkork erst einmal).

Espressa
09.08.2014, 18:19
Da wären wir wieder; ein Korken der so schön erscheint
27551
...erweist sich als:
27552
Aber ich trink jetzt ja eh nicht mehr... ;-)
27553

Flemingulus
17.08.2014, 19:42
Sumpfige Korken sind ein Problem bei Oldies... wenn sichs arg weich beim Anbohren anfühlt, ist es (entgegen den sonst. Empfehlungen) geschickter den Korken ganz durchzubohren (wobei dann ein paar Brösel in den Wein plumpsen). Erhöht die Chance, den Korken am Stück rauszubekommen. Aber ich hab auch schon so manchen Korken bei frustranen Bergungsaktionen total zerstört. Im Hinblick auf die Trinkbarkeit des Weins ist die Anmutung des Korkens jedoch kein besonders leistungsstarker Prädiktor. Was sich aber in Bezug auf die Prognose lohnt, ist vor dem Flaschenöffnen mal zu peilen, wie der Füllstand ist.
Bei Weinen > 30 Jahre gilt:
Füllung bis in den Flaschenhals => Ein Wunder oder eine plumpe Fälschung :-));
Füllung bis zur "oberen Schulter" (wo die Bordeaux-Flasche vom Hals in die Schulter übergeht) => perfekt akzeptabel;
Füllung bis zur "mittleren Schulter" => gewisses Risiko, aber durchaus noch Normalbefund;
untere Schulter (noch im "gebogenen" Teil aber schon "in der Kurve") => hohes Risiko, kann aber manchmal noch formidabel sein, ein Versuch lohnt sich;
tiefer als untere Schulter (im "geraden" Teil der Flasche) => dürfte schrecklich sein.

Flemingulus
10.10.2014, 11:56
Hier mal wieder ein paar Erfahrungen der letzten Zeit. :-)

Chapel Down NV Reserve, Tenterden, England
Ein klassischer englischer Schaumwein aus Kent auf Basis der in der Champagne erprobten Rebsorten und mit absolut vergleichbarem Qualitätsanspruch.
Verkostung:
Recht hellfarbig, sehr schönes, gleichmäßiges, feines und anhaltendes Perlen. In der Nase deutlich an guten, jahrgangslosen Schampus erinnernd, am Gaumen auch nicht unähnlich der französischen Konkurrenz mit einer herrlich-belebenden Fruchtigkeit. Durchaus sportliche, dabei aber reif wirkende Säure, langer, feiner Nachhall. Ein sehr schöner Blubberer :-) Like! 16/20 FP.

2013er Juwel of Nasik Zinfandel Rosé, Sula Vineyards, Indien
Von einem aufstrebenden Weinerzeuger, der auf 600 m Höhe internationale Rebsorten in einer Region ca. 180 km nordöstlich von Mumbai anbaut.
Verkostung:
Zeigt ein etwas bedenkliches, beinahe ins neonfarbige tendierendes Pink (ob der wohl im Dunkeln leuchtet?). In der Nase künstlich wirkendes Granatapfel- und Erdbeer-Aroma. Am Gaumen mittleres bis leichtes Gewicht, ganz angenehme Balance von Fruchtsüße und Säure, der mit 11% erfreulich niedrige Alkoholgehalt ist gut eingebunden, ansonsten nicht sehr tiefgründig und etwas harter Abgang. Insgesamt ein bisschen sehr bemüht auf Fruchtigkeit getrimmt und recht kommerziell. Kann man drauf aufbauen, aber da ist noch deutlich Luft nach oben. 11/20 FP.

2007er Chateau Musar, Libanon
Ein "moderner" Klassiker, bereitet seit fast 80 Jahren bemerkenswerte Rotweine auf Basis von Cabernet Sauvignon, Cinsault, Carignan und evtl. etwas Syrah, Grenache oder Mourvedre (?) mit Traubengut von Vertrags-Weinbauern aus der Bekaa-Ebene. Unbeirrt von den zahlreichen Kriegen und Konflikten der Region hat die Familie Hochar Jahr für Jahr Qualitätsweine erzeugt, die in guten Jahrgängen zu den am besten haltbaren Rotweinen überhaupt zählen. Der Weinstil wirkt meist wie eine (durchaus polarisierende) Mischung aus einem Bordeaux Cru Classé mit einem Schuss Burgunderwein und einer Nuance Amarone. Typisch sind die samtig weichen Tannine, ein etwas anachronistisches Maß an flüchtiger Säure und gewisse, an hochreife Zuckermelonen erinnernde, lösungsmittelartige bis aldehydische Aromen.
Verkostung:
Noch ein Baby (der derzeit jüngste im Handel angebotene Musar-Jahrgang), daher noch einige Entwicklung in den nächsten Jahren zu erwarten. Mitteltiefe Farbe, noch zurückhaltende Nase mit den üblichen roten Beerenaromen plus einem Hauch reifer Melone (s. o.). Am Gaumen ein feines Cabernet-Aroma, recht weiche Tannine, ein bisschen ledrig (4-Ethylphenol?) und ein Hauch Bitterkeit (wird vielleicht durch Lagerung noch etwas runder). Etwas leichter als die bisher von mir verkosteten 03er und 04er von Musar, die ich diesem Jahrgang (zumindest z. Zt.) vorziehen würde. Mittellanger Abgang mit fruchtiger Beerennote, feinen Gewürznelkentönen einer gut eingebundenen Säure. Technisch 14/20 Pkt. plus 2 Bonuspunkte für das Je-ne-sais-quoi an geschmacklicher Komplexität, das ich bei Ch. Musar so liebe, ergibt 16/20 FP.

EDIT: hab die Punktewertung für den englischen Blubberer und den Ch. Musar mal um einen Punkt angehoben, da ich sonst unterhalb von deren Niveau nicht so gut differenzieren kann... mein Punktesystem ist offenkunding noch in der Eichphase... ;-)

McDübel
09.11.2014, 17:47
Schon mal jemand "Omerto" (http://www.marchecassenoisette.com/wp-content/uploads/2013/08/Marche_casse_noisette_Omerto.jpg) probiert?

Der Kanadier Pascal Miche stellt aus Tomaten "Wein" her. Dazu musste er lediglich die Behörden davon überzeugen, dass Tomaten Früchte, Beeren sind und nicht einfach nur Gemüse. :-)) Gibbet in den Variationen "mild, süß" und "trocken".

Flemingulus
12.12.2014, 16:31
Hier mal zwei Rarae Aves, die in letzter Zeit dran glauben mussten... :-)

2013er Kechri Retsina "Tear of the Pine"

Die altehrwürdige Sitte, rauhe Weine durch die Zugabe von Pinienharz haltbarer und genießbarer zu machen hat ihren Ursprung in der Antike, als Harz zum Abdichten von Lager- und Transportgefäßen für Wein verwendet wurde. Der Retsina von Kechri gilt als einer der besten Weine dieser Art und zeichnet sich durch einen hochwertigen Grundwein aus der Griechischen Star-Rebsorte Assyrtika und die Verwendung eines ziemlich niedrigen Harz-Anteils aus.

Glanzheller, mitteltiefer Gelbton, recht hoher Extrakt (Schlierenbildung). Geruch nach Zitrusfrüchten und… tadah! … Harz. Im Geschmack ein eigentlich ziemlich feiner Weißwein, der für mein subjektives Empfinden durch eine kräftige Nuance Klostein-Aroma verunstaltet wird. Grundsätzlich sollte jeder Weinfreund diesen Stil mal probiert haben und zwar möglichst zu griechischen, gemischten Vorspeisen mit gefüllten Weinblättern, Feta, Oliven, Taramosalata, Auberginenpüree usw. Aber meins ist das eher nicht so und für diesen, erkennbar ambitionierten, Retsina gabs deshalb nur subjektive 12/20 FP

2011er Georg Breuer Orleans Rüdesheim

Der Orleans (auch: gelber Orleans) ist eine mittelalterliche Rebsorte, die im besten Fall aromatische, lange haltbare Weine ergibt, aber ziemlich hohe Ansprüche an Standort bzw. Klima stellt. Weil Orlean-Trauben im kühlen Deutschland oft nicht richtig reif wurden und entsprechend sauer und hart am Rebstock hingen, wurden sie früher oft am Rand von Rebzeilen angepflanzt, um etwaige Traubendiebe abzuschrecken. In der Neuzeit ist der Orleans praktisch ausgestorben und heute (noch) eine ausgesprochene Rarität. Dieser Orleans stammt von einem der besten Rheingauer Weingüter, das nach dem viel zu frühen Tod von Bernhard Breuer von dessen Tochter Theresa Breuer in den letzten Jahren sehr erfolgreich auf Kurs gehalten wurde.

Schönes Goldgelb. In der Nase recht verhalten, etwas Grapefruit und, an einen klassischen Chablis erinnernde, kalkige Noten. Geschmacklich irgendwie seltsam verwässert dabei ziemlich starke phenolische Noten, wieder zitrussige Anklänge nach Grapefruit, recht zupackende Säure. Im recht langen Abgang nicht ganz sauber wirkende vegetabile Aromen, ein bisschen an einen Gemüseladen mit nicht mehr ganz taufrischer Ware erinnernd. Das Gesamturteil ist so lala… der Geruch war für mich besser als der Geschmack. 13,5 Pkt plus 0,5 Bonuspunkte aus Sympathie und für den ganz leckeren Geruch => 14/20 FP

Coxy-Baby
12.12.2014, 16:37
Ich trinke ja keinen Wein, aber alleine die Beschreibungen machen diesen Thread lesenswert.

Flemingulus
12.12.2014, 16:44
:-) Dankeschön für die Blumen!!! Und ich liebe ja Wein-Abstinenzler... hätten die Chinesen doch nur die Finger vom verderblichen Rebsaft gelassen, dann könnt ich mir auch heute noch die aktuellen Bordeaux-Jahrgänge leisten... hmpfl!

Flemingulus
02.03.2015, 16:31
2005er Chardonnay von Grgich-Hills
In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts war Mike Grgich für die Weine des kalifornischen Weinguts Chateau Montelena mitverantwortlich. Zu der Zeit galten französische Spitzengewächse als das absolute Nonplusultra, während Kalifornische Weine, zumindest von vielen europäischen Weinsnobs, noch als überambitionierte Parvenüs ohne echte Klasse angesehen wurden. Im Jahr 1976 geriet diese Vorstellung schmerzhaft (aus französischer Perspektive) ins Wanken, als im berühmten "Urteil von Paris" hochrenommierte französischen Weine mit stilistisch ähnlichen Vertretern aus Kalifornien in einer Blindprobe verglichen wurden. Die meisten teilnehmenden Juroren waren Franzosen. Bei den Weißweinen errang Kalifornien mit dem von Grgich erzeugten 1973er Chardonnay den ersten Platz und bei den Roten triumphierte der 1973er Stag's Leap Winery: 2:0 für Kalifornien. Für die französischen Weintester war dieser Ausgang ein zutiefst schmerzhafter Schock. Mike Grgich machte sich in der Folgezeit mit seinem Weingut Grgich-Hills selbständig und erzeugt seither absolut zuverlässige und sehr alterungsfähige Rot- und Weißweine.

Recht tiefe, strahlend goldgelbe Farbe. Wie zu erwarten "spitzbogige" Schlierenbildung an der Glaswand als Hinweis auf hohen Glyzeringehalt. Im Geruch einladende aber nicht überbordende Noten von Apfelschale und geröstetem Toastbrot, am Gaumen sehr cremig und sahnig-weich, sehr reife Säure, kaum Bitterkeit, Aromen von gebuttertem Apfelkompott, an gereiften Cognac erinnernder Barriqueton, feiner Nachhall. Der am nächsten Tag verkostete Rest (hatte die Nacht in der angebrochenen Flasche im Kühlschrank verbracht) hatte vielleicht eine Nuance mehr Bitterkeit war aber sonst nahezu unverändert in Geruch und Geschmack. Sehr schöner Wein! 17/20 FP

1988er Sercial Madeira Colheita von Cossard-Gordon
Die meisten Nichtabstinenzler kennen Madeira nur als billigen Koch-"Wein" aus dem Supermarktregal. Sowas ist natürlich keinesfalls zum Trinken geeignet sondern allenfalls diskutabel als Zutat für eine basale Version einer Sauce Madère (wunderbar zu gesottener Kalbszunge aber auch zu kurz gebratenem Steak eine interessante Alternative zur üblichen Pfeffersoße) oder aber, um in Tateinheit mit einem Schuss Sahne eine Tomatensuppe etwas aufzupeppen. Madeira zum Trinken gibts aber auch und hierbei handelt es sich überwiegend um Jahrgangslose Weine mit einer groben Altersangabe auf dem Etikett (Typisch sind 5, 10, 20, 30 oder 40 Jahre). Pi mal Daumen kann hierbei gelten: je älter desto besser (und teurer). Dann gibt es noch Madeiras mit Jahrgangsangabe, wobei man zwischen Colheitas (wie dem Trinkbeispiel, siehe unten) und den klassischen Vintage-Madeiras unterscheiden muss. Erstere sind etwas preiswerter und dürfen max. 15 % von Weinen aus anderen Jahrgängen enthalten. Sowohl Colheitas als auch klassische Vintages enthalten außerdem eine Angabe zur Rebsorte, die gleichzeitig den Süßegrad beschreibt (Sercial – trocken; Verdelho – halbtrocken bis halbsüß; Bual – süß, Malmsey – ganz doll süß). Es gibt noch ein paar andere, teilweise sehr gesuchte Rebsorten, aber die sind nicht häufig aufzutreiben. Interessant sind Jahrgangsmadeiras u. a. wegen ihrer verblüffenden Haltbarkeit. Gute Colheitas überstehen ohne weiteres 30, 40 Jahre in der Flasche. Und wenn man sich über klassische Vintage-Madeiras unterhält, kommt auf die Angabe "neulich hatte ich einen 40er Sercial" die Rückfrage nach dem Jahrhundert. Die älteste Flasche, die ich in der Hand hatte (leider ohne probieren zu dürfen) war ein 1795er Terrantez (eine der etwas apokrypheren Rebsorten). Madeiras aus dem 19. Jahrhundert gibt es noch durchaus im "normalen" Handel und Vertreter aus dem frühen 20. Jahrhundert dürfen vielfach (es gibt natürlich beträchtliche Jahrgangsunterschiede) noch als Jungspunde gelten. Nunja… zurück zur Wirklichkeit:

Bernsteinfarbein, zum Rand hin grüngelblich. Nicht ganz klar wirkendes, etwas stumpfes Erscheinungsbild, aber keine mit bloßem Auge erkennbaren Schwebstoffe. Im Geruch deutliche oxidierte "Sherry-Nase" und etwas Nüsse und getrocknete Aprikosen. Im Mund weniger scharf und Säure-betont als gedacht (Sercial gilt als furztrockener Wein mit schnittiger Säure), wieder typische Sherry-Noten (Amontillado-Sherry) und Anklänge an Orangenschale und Salzbutter. Deutlich alkoholbetonter, dabei aber sauberer, mittellanger Abgang. Insgesamt sehr angenehm zu trinken und keinesfalls "müde" oder überreif, aber doch ein wenig verhalten, als ob dieser Sercial durch einen Schuss eines mildere Weins etwas "geglättet" worden ist. Zu einem Kühlschranktörtchen von zweierlei Lachs (pochiert und gebeizt) ein gar köstlicher, harmonischer Begleiter. Für sich 14,5/20, zum Lachs aber 16,5/20 FP.

Pol Roger Extra Cuvée de Réserve Riche
Bei diesem Schäumer der distinguierten Marke Pol Roger handelt es sich um einen jahrgangslosen demi-sec Champagner, wobei die Bezeichnung demi-sec trockener klingt als sie gemeint ist. Grundsätzlich sind Schampusse dieser Kategorie mit einer deutlicher Restsüße ausgestattet und durchaus als Begleiter leichter Desserts geeignet. Übrigens ist dieser Champagnerstil weitaus altehrwürdiger als die zuckerarmen Ausdrucksformen ("Brut", "Ultra-Brut" oder "Zero Dosage"). In der Belle Epoque, als der Champanger perfektioniert und Teil eines luxuriösen Lebensgefühls der Schönen und Reichen wurde, war der "trockenste" Stil etwa mit dem heutigen demi-sec vergleichbar und besonders bei gutsituierten Engländern als Muntermacher während der ausgedehnten abendlichen Dinnermenüs beliebt.

Die Flasche wurde in drei Anläufen niedergemacht. Zunächst wurde er, ein bisschem im Geist der goldenen 20er, in weiten Sektschalen mit Biscuits Roses de Reims im Anschluss an ein reichhaltiges Menü serviert. Durch die weite Glasform sehr auf der schäumenden Seite und, da untertemperiert (ca. 5 °C) ausgeschenkt, zunächst recht verschlossen in der Nase. Insgesamt sehr weicher, weiniger Stil, ein opulenter, sinnenfroher Genuss, der jede intellektuelle Analyse verunmöglicht. Eigentlich ganz wunderbar, wäre da nicht eine etwas irritierende Mummsekthaftigkeit, das Bild neobiedermeierlicher Kampfmuttis heraufbeschwörend, die aufs Stillende anstoßen. Der in erschreckend kurzer Zeit auf halben Pegelstand abgesunkene Restflascheninhalt wurde mit einem dichten Bügelverschluss vor dem Ausgasen geschützt und in den Kühlschrank transferiert. Nächster Versuch: ca. 18 h später als Aperitif aus normalen Sekttulpen genossen. Feines, anhaltendes Perlen, etwas offener im Geruch, leichte Nussigkeit und ein Anflug von Dosenananas, sehr schöner Aperitif. Der letzte Rest musste dann ein paar Stunden später zu einem lauwarmen Käsekuchen dran glauben. Da war er am besten. Immer noch sehr gleichmäßiges, lebendiges Bitzeln, neben Birne-Apfel-Ananas auch Anklänge an feine Mandelmadeleines, im Mittelgaumen eine schmeichelnde Cremigkeit, dann eine ganz sachte Adstringenz und schließlich ein langes, von sehr reifer, weiniger Säure getragenes Finale. Zum Käsekuchen 17/20 FP.

Flemingulus
02.03.2015, 16:31
Ups... doppelpost... die Technik....

tortet
02.03.2015, 20:23
Mummsekthaftigkeit triffts... ich finde, Mumm schmeckt recht metallisch. Eine schöne Zusammenstellung ist das... woher beziehst Du Deine Testobjekte? Besonders der Indische Rose würde mich interessieren?

Flemingulus
03.03.2015, 11:52
woher beziehst Du Deine Testobjekte? Besonders der Indische Rose würde mich interessieren?

Testobjekte finden i. d. R. via lokale Weinhändler, Supermärkte und Internet-Weinshops den Weg in unseren "Keller". Und dann hüpfen gerne ein paar Flaschen Wein in unser Heimreisegepäck, wenn wir uns im nahen oder ferneren Ausland aufhalten. :-) Der indische Wein ist uns bei einer Englandreise in einem ortsansässigen M+S-Supermarkt begegnet und war, vor Ort zu indischem Essen genossen, einen Versuch wert, ohne sich aber für den Status als Mitbringsel zwecks heimatlichem Weiterstudium zu qualifizieren.

Hoppla-Daisy
10.03.2015, 19:22
Funkel und ich genossen im Urlaub einen herrlichen Federspiel Riesling aus der Wachau .... Muss mal schauen, ob man den übers Internet beziehen kann. Immer diese Klöster, die Wein produzieren.....