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ImaginaryElement
13.01.2022, 23:13
Liebe Community,
nach langem Überlegen habe ich diesen Post nun online gestellt mit folgendem Hauptproblem: Ich fühle mich unglücklich als Arzt in der Klinik.
Zu meiner Person: Ich habe das Studium aus eher praktischen als altruistischen Gründen getroffen: Jobsicherheit, viele Fachbereiche, in die man gehen kann, freie Standortwahl, gutes Abi + keine Ahnung als frischer Abiturient, was wirklich zu einem passt, und dann natürlich die Erwartung der Eltern, dass man etwas Vernünftiges und Gutes für einen selbst und die Gesellschaft tut. Dass ich Menschen dadurch helfe, war mir da eher zweitrangig, da ich auch Menschen kenne, die nicht Arzt sind und die ich trotzdem für sehr tolle und vernünftige Menschen halte. Ein weiterer wichtiger Faktor war noch, dass ich ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu meinem Hausarzt habe, und ich gerne so werden wollte wie er.
Bereits während der ersten Kliniksemester nach dem Physikum habe ich immer wieder gezweifelt, ob Medizin das Richtige für mich ist. Das Lernen war in Ordnung, wenn auch natürlich manchmal anstrengend, aber es gab kein Fach, wo ich so richtig drin aufgegangen bin. Ich habe gelernt, weil es nun mal zum Leben eines Studenten und für die spätere Zukunft dazu gehört und nicht alles im Leben Spaß machen kann. In meiner Freizeit habe ich so wenig wie möglich mit Medizin zu tun gehabt, wie es ging, weil ich mich lieber mit anderen Dingen beschäftigt habe. Wenn ich nun zurückblicke, glaube ich auch, dass meine Freunde einen Großteil dazu beigetragen haben, dass ich nicht abgebrochen habe, denn ohne das gemeinsame Leiden und die gemeinsame Freude hätte das Fach alleine mich nicht gehalten.
Nach den ersten Famulaturen dachte ich mir, ich müsse mich vielleicht einfach an den Klinikalltag gewöhnen, dann würde ich es nicht mehr so müßig finden und mein wahres Interesse an der Medizin würde sich dann mit mehr Erfahrung ergeben bzw. mein Interesse würde dann steigen. Ich absolvierte auch eine Famulatur in einem patientenferneren Fach wie der Radiologie, und habe ein Forschungssemester für eine experimentelle Doktorarbeit eingelegt, aber auch da hat sich das Gefühl nicht eingestellt, dass dies das Richtige für mich sei.
So war ich dann irgendwann im PJ. Auch hier blieb das Gefühl, dass ich den Arbeitsalltag in der Klinik nicht besonders mag, aber ich dachte mir, das läge bestimmt an mangelnder Erfahrung oder den Fächern (Innere, Chirurgie, Wahlfach Derma). Da ich aber sowieso Allgemeinmedizin anstrebte, und mir das von den Famulaturen neben der Radiologie auch eher am besten gefiel, dachte ich mir, ich schaffe das schon irgendwie.
Und nun arbeite ich seit ca. 3 Monaten in der Inneren Medizin in einem kleinen Akutkrankenhaus, um Allgemeinmediziner zu werden, und frage mich, was ich hier tue. Meine Kollegen sind sowohl von den Ärzten als auch den Pflegern super nett, die Einarbeitung ist langsam, erstmal Stationsarbeit 2-3 Monate mit 8-12 Patienten im Schnitt, dann Einarbeitung in die Ambulanz, und dann nach ca. 1 Jahr Einarbeitung und Rotation in die Intensiv. Rücksprache mit erfahrenen Kollegen oder Oberärzten ist fast jederzeit möglich. Und trotzdem fühle ich mich nicht wohl.
So langsam muss ich mir denke ich eingestehen, dass die Arbeit für den Patienten mich einfach ermüdet. Ich finde es sehr anstrengend, für andere Menschen da und verantwortlich sein zu müssen und Lösungsansätze für ihre vielen Probleme zu finden, die oft ja nicht nur einfach das Krankheitsbild selbst sind, sondern Versorgungsproblem, Angehörige und ihre Meinungen, vielleicht noch 5 weitere Komorbiditäten per Überdiagnostik zu finden wegen Geld fürs Krankenhaus, Unterlagen von 5 verschiedenen Praxen anfordern, ein Brief nach dem anderen durchhauen, schon wieder eine Viggo, PC will nicht … und dann auch immer die Überstunden.
Trotz bester Startvoraussetzungen funktioniert mein Motto im Leben diesmal nicht, dass alles, was menschenmöglich ist und wo Wille gegeben ist, klappen kann und wird in einem solch reichen Land wie Deutschland. Aber ich bin wirklich einfach nur noch müde und werde immer gleichgültiger.
Das merkt mittlerweile sogar mein Umfeld. Meine Familie fragt sich, weshalb ich seit einiger Zeit sehr viel unzufriedener wirke, und können das nicht richtig nachvollziehen, wenn ich versuche, meine Gefühle und Gedanken zur jetzigen Tätigkeit in Worte zu fassen. Ich habe schließlich einen ethisch hochwertigen Job, mit dem ich Menschen direkt helfen könne, ein gutes Gehalt, Jobsicherheit, nette Kollegen, eine Familie, einen Freund, gute Freunde, eine schöne Wohnung…kurzum, ein oberflächlich gesehen ziemlich perfektes Leben, um das mich wahrscheinlich 99% der Menschheit beneiden würde. Und dann jammere ich auf hohem Niveau, weil ich zu hohe Erwartungen an meine Arbeit stellen würde oder mir Mitgefühl für die Menschen fehle.
In rationalen Momenten denke ich eigentlich nicht, dass ich faul oder nicht belastungsfähig genug bin oder mir Empathie fehlt. Aber manchmal kommen doch die Zweifel…und daraus entwickeln sich weitere Zweifel. Im Endeffekt, wenn ich dann aus meinem Gedankenkarussell ausbreche, komme ich aber zu dem Schluss, dass ich die Arbeit trotzdem nicht mag, und dass das Warum beinahe nebensächlich ist. Trotzdem begleiten mich mittlerweile oft zu den fachlichen Inkompetenzgefühlen im Krankenhausalltag noch die Inkompetenzgefühle, dass ich nach all den Jahren Studium immer noch nicht weiß, was ich wirklich will.
Das Jahr Innere werde ich auf jeden Fall abschließen, da es mir für vieles anerkannt werden kann. Ich habe bereits nach klinikfern(er)en Fächern wie Labormedizin, Radiologie, Humangenetik, Hygiene-/Umweltmedizin gegooglet, aber habe irgendwie auch Angst, dass ich dann eins dieser sehr speziellen Fächer anfange und das Gras auf der anderen Seite doch nicht grüner ist. Was ist, wenn ich zu viel herumprobiere, das richtige Fach nie finde und in meinem Lebenslauf dann ein komplettes Durcheinander von Abbruch und Anfang steht?
Geht es hier jemandem so ähnlich wie mir? Habt ihr irgendwelche Tipps für einen Menschen, der kein richtiges Interesse an seinem Job entwickelt?
Viele Dank, dass ihr bis hierhin gelesen habt...
cartablanca
14.01.2022, 06:37
Nimm dir ein halbes Jahr frei in dem du Sachen ausprobierst und arbeite fürs Geld am Wochenende als Ärztin.
Bonnerin
14.01.2022, 06:45
Ich kann den "rant" gut nachvollziehen.
Aber: Wenn du sagst, dass du wirklich keinen Patientenkontakt willst, weil du dadurch einfach "fertig" bist, sind Humangenetik (was ohnehin recht schwer ist, um ne Stelle zu kriegen) und auch Radiologie (v.a. auch mit dem interventionellen Kram) eher nicht die richtigen Fächer für den Exit. Auch Transfusionsmedizin (dafür müsstest du aber 18 Monate stationär arbeiten) würde ich hierzu zählen. Also dann eher Patho, Laboratoriumsmedizin, Mibi/Viro oder eben Hygiene/Umweltmedizin.
Ich habe selber im Studium nie so ganz gewusst, welches Fach ich will und am Ende (nachdem ich es im PJ als Wahlfach hatte) Anästhesie angefangen. Habe aber rasch gemerkt, dass auch das eigentlich überhaupt nicht die richtige Wahl ist und mich halt irgendwie durch das Jahr geschleppt. Hatte Kontakt mit der Ärztekammer aufgenommen um nachzufragen, ob bei uns in Nordrhein Anästhesie als stationäres Fach der unmittelbaren Patientenversorgung für Laboratoriumsmedizin, Mibi/Viro oder Hygiene gilt. Tut es.
Habe dann mit mir gehadert, erstmal nach Hospitationen gesucht und Corona-bedingt nichts gefunden. Mehr oder minder zufällig habe ich mich dann aber einfach auf eine Stelle für Laboratoriumsmedizin beworben (5 Monate Vorlauf, bis ich anfangen konnte) und am Ende hat es da auf beiden Seiten gepasst. In diesen Fächern ist es generell so, dass man sich hauptsächlich entscheiden muss zwischen Uniklinik (in seltenen Fällen auch andere KH - Frankfurt Hoechst hat auch ein eigenes Labor) oder dem ambulanten Sektor bei einem Privatunternehmen (in seltenen Fällen auch noch inhabergeführte Labore). Wenn man Privatwirtschaft in der Medizin grundsätzlich ablehnt wird es schwierig. Aber wie User Locustus001 (FA Laboratoriumsmedizin) mal meinte, es kommt auf das singuläre Labor an und nicht wirklich auf die Kette.
Arbeiten tue ich jetzt seit 6 Monaten in der Laboratoriumsmedizin. Das Team ist extrem nett und man hat auch durchaus zu 98% Zeit, sich in kompliziertere Zusammenhänge einzulesen und/oder die Kolleg:innen zu fragen. Die Fachärzt:innen bei uns sind auch immer gewillt, Befunde mit einem durchzugehen oder Fragen zu beantworten.
Momentan ist die Arbeit sehr corona-geprägt, wir haben viele PCRs, die ärztlicherseits beinahe rund um die Uhr validiert werden. Dazu (und für die Rufbereitschaftsdienste) haben alle bei uns einen Laptop und ein Smartphone für das Homeoffice. Für den Extra-Aufwand wegen Covid (also arbeiten außerhalb der regulären Arbeitszeiten) gibt es eine sehr gute Vergütung. Ansonsten haben wir generell ein Gleitzeitsystem, man kommt regelhaft zwischen 8 und 12 Uhr und arbeitet 8h + Pause. Mitragspause ist immer möglich, pünktlich gehen wirklich fast immer. Und im Zweifelsfall kommt man halt wann anders mal später oder geht abgesprochen früher...Wochenende ist abseits von Rufbereitschaft grundsätzlich frei, und man hat eimfach ein sozial deutlich kompatibeleres Arbeitsleben.
Hauptarbeit in der Laboratoriumsmedizin ist natürlich Befundvalidation, also man sollte schon ausreichend gerne am PC sitzen/arbeiten, weil man das tagtäglich macht. Dazu kommen dann Sachen wie Immunfixationen, Blots, Hb-Elektrophoresen, die man manuell auswertet, oder man ist auch mal im Labor um Differential-Blutbilder zu mikroskopieren. Kontakt mit den Einsendern hat man regelhaft per Telefon, gelegentlich per Mail. Da gibts aber auch Beiträge vom Locustus001 zu.
Ich persönlich werde definitiv im Verlauf noch die ZB Medizininformatik machen (war eh immer mein Plan) um mich noch etwas technisch breiter aufzustellen (die Labortechnikfirmen suchen ja im Zweifelsfall auch Personal). Die bietet mein AG grundsätzlich nicht an, aber man kann ja immer nachverhandeln. Ob ich das für immer machen will? Keine Ahnung. Aber ich persönlich bin deutlich zufriedener als in der Klinik, mir geht es psychisch auch deutlich besser. Ich würde den Wechsel jederzeit wieder machen.
Ich weiß nicht, ob es für dich das richtige Fach wäre (oder ein anderes Laborfach). Du hast aber in dem Jahr ausreichend Zeit, dich umzugucken und gegebenenfalls halt zu hospitieren. Den Lebenslauf verbauen tust du dir nicht. In wirklich jedem Bereich wird es dir nicht schaden, 6 Monate Erfahrung in der Mibi/Viro oder der Laboratoriumsmedizin zu haben.
Espressa
14.01.2022, 07:00
Ich liebe zb die Histopatho, wenn man sich durchringen kann die Zeit in der Makro zu überstehen, ist das sicher auch ein cooler Job.
Proben mikroskopieren den ganzen Tag…
Arrhythmie
14.01.2022, 07:07
Ich liebäugel ebenfalls mittlerweile mit Labormedizin (und das wo ich früher unbedingt Chirurgin werden wollte...), ziehe ein Jahr Klinik durch, damit ich eben das anrechenbare Jahr habe und dann schauen wir mal....
cartablanca
14.01.2022, 09:06
Kann ich voll verstehen. Ich hab aus ähnlichen Motiven angefangen und irgendwann keine Lust mehr gehabt. Mach Praktika und probier Hobbies sus. Arbeite ehrenamtlich. Bedenke aber, dass die meisten Jobs irgendwann nur noch Routine sind.
schnurrbart_93
14.01.2022, 09:54
Seit dem Studium habe ich das gleiche Problem, obwohl ich schon seit 1,5 Jahren als Assistenzarzt tätig bin. Zuerst habe ich in der Neurologie gearbeitet (aber in der neurologischen Rehabilitation), was ich ab und zu stressig fand, obwohl wir keine Akutfälle behandelt haben und keine Aufnahmen in den Nachtdiensten hatten. Mit der Zeit fühlte ich mich irgendwie zu gestresst und dann habe ich mir gedacht, dass ich etwas anderes machen sollte, etwas, wo es keinen Kontakt zu Patienten gibt. Und so habe ich das gemacht - ich habe zur Pathologie gewechselt (bin jetzt seit 6 Monaten in der Patho). Pathologie ist zwar sehr interessant, man lernt sehr viel aus allen medizinischen Bereichen, man kann viel forschen, aber es gibt keinen Kontakt zu Patienten. Das klingt jetzt sehr komisch, aber jetzt fehlt mir das wieder und ich kann es mir doch nicht vorstellen, dass ich mein ganzes Leben ohne Patienten arbeite. Ich wechsle in 2 Monaten zur Psychiatrie, was mich während des Studiums auch sehr interessiert hat. Ich habe auch das gefühl, dass ich nie die richtige Fachrichtung finden werde. Mal sehen, was passiert. Hoffentlich ist das die richtige Fachrichtung für mich. :)
Ich würde dir empfehlen, etwas anderes zu probieren. Du wirst sicherlich die richtige Fachrichtung finden, in welcher du dich wohlfühlst. ;)
Ist ja lustig. Pathologie und Psychiatrie waren auch meine heissen Kandidaten.
Leucovorin
14.01.2022, 18:29
Ich frage mich, warum du überhaupt in der Inneren in einer Klinik anfängst?? Deine Schilderungen sprechen ja total dagegen. Dir gefiel von Anfang an das Klinikleben nicht! Somit ist die Situation gewissermaßen zu erwarten gewesen. Ich mochte übrigens auch nie diesen Innere Medizin Stationsalltag.
Es gibt doch soviele andere bessere Fächer: Labor, Arbeitsmedizin, Patho, Transfusion...
Zum Thema "Keine Lust mehr Arzt zu sein": Das Schöne ist, du musst auch nicht. Du bist offensichtlich noch recht jung und hast jede Möglichkeit, dich nochmal komplett umzuorientieren.
Was mir in deinem Posting komplett fehlt, ist die Frage, was du stattdessen gerne machen würdest. Du schreibst, dass du Angst hast, durch Ausprobieren zum Dauer-Abbrecher zu werden. Das ist verständlich. Aber du *musst* andere Dinge ausprobieren, wenn du eine andere Perspektive bekommen möchtest.
Du bist freier als du denkst:
1) Du kannst dem Arztberuf entsagen, jetzt oder nach 1 Jahr Innere, und dir zum Beispiel 1 oder 2 Jahre Zeit nehmen, was völlig anderes zu machen. Du kannst dir bewußt Zeit für neue Erfahrungen nehmen. Wenn du es nicht spontan jetzt machst, sondern in 1 Jahr planst, dann hast du Zeit, dir gute Möglichkeiten zu überlegen, wie du neue Erfahrungen machst, die dich weiter bringen. Bis dahin wirst du auch etwas Geld angespart haben. Deinen Lebenslauf machst du dir dadurch ebenfalls nicht kaputt: In die Medizin zurück kannst du immer. Und die Begründung, dass es dir nach 1 Jahr Innere in Covid-Zeiten erst mal gereicht hat, greift egal was du danach machst.
2) Du kannst jetzt oder später auf Teilzeit gehen und *nebenher* andere Dinge ausprobieren. Angefangen von einem Nebenjob in der Gastro über Hospitationen in anderen medizinischen Bereichen bis hin zu einem weiteren Studium oder einfach einem anderen Job. Verschiedene Modelle sind denkbar, wie nur vormittags im KH arbeiten und nachmittags was anderes, oder Freiwochen einfordern oder vereinbaren, dass du da 1 Jahr arbeitest, aber im Anschluß oder zwischendurch sämtliche Dienste und Überstunden, die du geleistet hast, abbummeln willst, statt sie ausgezahlt zu bekommen. Es wirkt nicht so, als würdest du da lange arbeiten wollen, und deinem Chef und Kollegen bist du sowieso egal, du bist da als Innere-Assistent im 1. Jahr eben der Honk, der die Drecksarbeit wegmachen soll, du hast im Moment quasi nichts zu verlieren (das ändert sich mit fortschreitender Weiterbildung).
3) Alternativ könntest du dich nach einem Job als Arzt umschauen, der dir mehr Freiräume ermöglicht als dein bisheriger Job in der Inneren. Stationsarzt oder Dienstarzt in einer Belegklinik (wobei ich für Dienste in einer Belegklinik schon empfehlen würde, mind. 1 Jahr klinische Erfahrung zu sammeln, damit einem im Dienst in der Belegklinik kein folgenreicher Anfänger-Fehler im Dienst unterläuft), Arbeit in einem Blutspendedienst oder als Studienarzt mit festlegbaren Arbeitszeiten. Aktuell könntest du sogar irgendwas im Zusammenhang mit Covid machen (tageweise im Gesundheitsamt aushelfen?) und das hinterher als Engagement in der Pandemie verkaufen, obwohl es dir eigentlich nur darum ging, Freiräume für dich selbst zu schaffen. Aus meiner Sicht sind solche Tricksereien aber gar nicht nötig, sondern es ist dein Recht, Dinge auszuprobieren, und dafür werden zukünftige Arbeitsstellen und Chefs, zu denen du paßt, auch Verständnis haben.
4) Vor allem bist du im Kopf viel freier als du denkst. Du scheinst es im Moment nur gar nicht zu nutzen. Besorg dir einen guten Job-Coach, der das systematisch mit dir durch geht, dir die richtigen Fragen stellt, mit dir erforscht, warum es dir so geht wie es dir geht (Erwartungen von den Eltern deutest du bspw. schon an), und dir das Selbstverständnis ermöglicht, dass du es in der Hand hast, was zu ändern, und dass du das auch darfst. Vermutlich kann ein Coach dir helfen, Schritte zu unternehmen, mit denen du weiter kommst auf dem Weg zu dir selbst und zu deinem Beruf. Was willst *du* eigentlich? Du brauchst eine positive Aussage. Nicht "ich will kein Arzt mehr sein", sondern "ich will ****". Dabei kann ein Coach dir helfen; es gibt Techniken, dahin zu kommen.
Ergänzend noch: Der Arztberuf hat sehr viele Möglichkeiten, auf unterschiedliche Art zu arbeiten. Du musst nicht deine bisherige Ausbildung über den Haufen werfen, um akzeptable Arbeitsbedingungen zu finden. Aber vielleicht willst du trotzdem was komplett anderes. Meine Meinung: Die Facharzt-Ausbildung ist härter als man denkt. Okay, das sage ich natürlich ausgerechnet als Internist. So mancher Augenarzt würde mir vielleicht widersprechen. Ich finde es aber jedenfalls ein durchaus akzeptables Konzept, trotz absolviertem Medizin-Studium zu entscheiden, dass man nicht als Arzt arbeiten will.
D.Hollywood
14.01.2022, 22:04
Abgesehen davon, dass ich deine Haltung zum Klinikalltag nachvollziehen kann. Aber dieses „mein Beruf macht mich glücklich, ist mein Lebensinhalt“ gibt es glaube ich nicht. Bei dir ist das Problem ja nicht, dass du total überarbeitet und gestresst bist, sondern die Erwartung, ein Beruf oder eine bestimmte Tätigkeit würde dich glücklich machen? Und ich glaube das muss man wo anderes finden…
Nichtsdestotrotz kommt dem natürlich hinzu, dass es vielleicht wohl einfach wirklich nicht dein Fach is. Ich zum Beispiel wäre im OP auch unglücklich… jetzt nach dem Stellenwechsel geht es mir deutlich besser. Aber Arbeit und Weiterbildung ist halt nur das eine.
Ich habe mich in deinem Post in weiten Teilen wiedergefunden. Ist die Allgemeinmedizin denn gar keine Option mehr für dich? Ich bin dort mittlerweile gelandet und ziemlich glücklich mit dieser Entscheidung. Viele Gestaltungsmöglichkeiten, Berücksichtigung eigener Interessenschwerpunkte, extrem dankbare PatientInnen. Meine Woche sieht so aus, dass ich Montags, Dienstags, Mittwochs (halber Tag) Sprechstunde mache, Donnerstags (halber Tag) Haus- und Heimbesuche fahre und Freitags (halber Tag von Zuhause) mit Weiterbildung und administrativen Dingen beschäftigt bin. Entsprechend de facto 2 1/2 Tage pro Woche in der Praxis bei deutlich höherem Grundgehalt als in der Klinik, nie (!) nach 19 Uhr Zuhause, Mittwochs und Donnerstags um 14 Uhr, nie (!) am Wochenende mit der Arbeit beschäftigt. Mangel und Förderung machens möglich. Mein Chef als Eigentümer der Praxis ist ebenfalls weit weg von den Belastungen eines Oberarztes in der Klinik. Wenn ich ein Thema spannend finde, bleib ich dran, gehe in die Tiefe, spreche mit SpezialistInnen aus der Klinik...Schulter und Hüfte beispielsweise landen hingegen wesentlich schneller beim Orthopäden. Im Team macht der eine gerne Kinder, der andere gerne Derma und die Anmeldung weiß das und ordnet entsprechende zu. Du begegnest PatientInnen, die nicht den Stressoren des Klinikalltags (fremde Umgebung, schlechtes Essen, mieslauniges Personal, halbtägiges Warten auf den 2-Minuten-Auftritt des Arztes) ausgesetzt sind und sich zum Teil sogar auf ihre Begegnung mit "ihrem Hausarzt" freuen.
Die neue WBO sieht nur noch ein Jahr Innere stationär vor. Insofern hättest du es nach diesem Jahr "geschafft" und könntest die restliche Zeit durch Praxen aller Art ziehen.
Ich denke, dass du zu hohe Erwartungen an den Job und zu hohe Erwartungen an dich selbst hast.
Ich glaube, dass man sich immer wieder vor Augen halten muss, dass ein Job eben nur ein Job ist - man gibt Zeit und Arbeit, und bekommt dafür Geld. Es ist nicht die Aufgabe eines Jobs, dich glücklich zu machen, dein Leben perfekt zu machen, usw. Und es ist auch nicht deine Aufgabe, alle Probleme aller Patienten zu lösen.
Du wirkst auf mich wie jemand, der es nicht schafft, sich vom Job zu distanzieren, der es nicht schafft, am Abend abzuschalten, bei dem der Job das ganze Leben dominiert. Das soll natürlich nicht der Fall sein.
Du hast dir außerdem mit der Inneren das extremste Fach ausgesucht, gerade dann, wenn man keine wirkliche Begeisterung für den Klinik-Alltag hat.
Wie sieht es mit Allgemeinmedizin aus? Ist das nach wie vor etwas, was du dir vorstellen kannst, oder nicht?
Psychiatrie ist natürlich tatsächlich immer eine faszinierende Alternative.
pineapple
15.01.2022, 08:40
Ich habe mich in deinem Post in weiten Teilen wiedergefunden. Ist die Allgemeinmedizin denn gar keine Option mehr für dich?
Die neue WBO sieht nur noch ein Jahr Innere stationär vor. Insofern hättest du es nach diesem Jahr "geschafft" und könntest die restliche Zeit durch Praxen aller Art ziehen.
Dafür die WBO anschauen, ist glaube ich unterscgiedlich
Leucovorin
15.01.2022, 14:59
ich habe den Eindruck der Thread müsste eher: Keine Lust mehr in der Inneren Akut-Klinik zu arbeiten heißen. Und Angesicht ihrer PJ-Studiumserfahrung wundert es kaum, dass der TE an diesem Punkt jetzt ist. Einfach sammeln und schaun, was man machen möchte. Wenn
ImaginaryElement
15.01.2022, 16:08
Erst einmal vielen vielen Dank für eure zahlreichen und auch teils sehr ausführlichen Antworten! Eure Erfahrungsberichte, wie ihr euren Weg gefunden habt/gerade auf dem Weg seid, und auch einfach das Wissen, dass es einigen von euch ebenfalls so ging, hilft mir bereits ungemein, einen anderen Blickwinkel auf die Sache zu bekommen. Und auch vielen Dank für eure aufmunternden Worte!
In diesen Fächern ist es generell so, dass man sich hauptsächlich entscheiden muss zwischen Uniklinik (in seltenen Fällen auch andere KH - Frankfurt Hoechst hat auch ein eigenes Labor) oder dem ambulanten Sektor bei einem Privatunternehmen (in seltenen Fällen auch noch inhabergeführte Labore).
Ein guter Hinweis, inwiefern unterscheiden sich die beiden Sektoren? Könnte man von einem Sektor nicht in den anderen wechseln? Unterscheidet sich die Arbeit? Ich habe eine Seite gefunden jungelabormedizin.de, evtl. findet sich die Antwort zu meiner Frage dort.
Hauptarbeit in der Laboratoriumsmedizin ist natürlich Befundvalidation, also man sollte schon ausreichend gerne am PC sitzen/arbeiten, weil man das tagtäglich macht.
Ich liebe es, am PC zu sitzen, also eigentlich genau mein Ding.
Was mir in deinem Posting komplett fehlt, ist die Frage, was du stattdessen gerne machen würdest. Du schreibst, dass du Angst hast, durch Ausprobieren zum Dauer-Abbrecher zu werden. Das ist verständlich. Aber du *musst* andere Dinge ausprobieren, wenn du eine andere Perspektive bekommen möchtest.
Vor allem bist du im Kopf viel freier als du denkst.
Das ist ein gutes Zitat...ich bin irgendwie alleine nicht mehr weitergekommen in meinem Denken. Und mich hat die Angst, mit dem ausprobieren etwas "Falsches" zu tun, gewissermaßen gelähmt...war mir bis jetzt gar nicht so klar. Aber auch hier hast du und habt ihr wieder Recht, wenn ich weiter kommen möchte, muss ich mir die richtigen Fragen für mein Leben stellen und etwas tun.
Ich denke, dass du zu hohe Erwartungen an den Job und zu hohe Erwartungen an dich selbst hast.
Du wirkst auf mich wie jemand, der es nicht schafft, sich vom Job zu distanzieren, der es nicht schafft, am Abend abzuschalten, bei dem der Job das ganze Leben dominiert. Das soll natürlich nicht der Fall sein.
Wie sieht es mit Allgemeinmedizin aus? Ist das nach wie vor etwas, was du dir vorstellen kannst, oder nicht?
Das mit der Erwartungshaltung stimmt, das mit dem Distanzieren war mir bisher nicht so bewusst...es hängt mir schon lange hinterher, ob ich wirklich das beste Therapiekonzept verfolgt habe. Habt ihr irgendwelche Ratschläge, wie mir das vielleicht besser gelingt, abzuschalten und meine Erwartungen runterzuschrauben?
Und bzgl. Allgemeinmedizin: Ich weiß es nicht...es kommen ja viele Menschen mit Hausarzteinweisung in die Klinik, und hier sind wir eine der ersten Anlaufstellen, bevor es in eine größere Klinik geht. Wenn ich manchmal sehe, was hier für Fälle rumlaufen und immer wiederkehren, weiß ich nicht, ob ich die dauerhaft betreuen möchte...so hart das auch klingt. Aber ich höre von vielen Ärzten, wie auch im Post von Haffi, dass die meisten, die dort landen, sehr zufrieden sind.
Noch einmal vielen vielen Dank für eure Beiträge! Ich hab neuen Mut gefasst. :)
Mir geht es genau so, kann dich insofern gut verstehen. Bin auch nie in Medizin aufgegangen, die Famulaturen hab vollständig dort ertragen wo ich die Promotion gemacht habe, damit ich möglichst viel Zeit davon für letztere verwenden kann, was auch gut ging. PJ dort wo es die meisten Zusatzleistungen wie Gehalt, Unterkunft etc gab. Meine Interessen waren in anderen Bereichen, hab parallel auch noch was anderes studiert, Freunde waren auch fast alle Nichtmediziner. Die Kommilitonen waren mir zu überwiegend zu konformistisch, hatten auch ganz andere Interessen, und schienen das Fach zu mögen und Ziele in dem Bereich zu haben.
Aktuell habe ich auch die Schnauze gestrichen voll, jeder Tag ist eine einzige Quälerei, kann keinem einzigen Aspekt der Tätigkeit noch was abgewinnen, ertrage das Ganze auch nur noch, mit massiv negativen Auswirklungen auf Gesundheit und Lebensqualität. Letztere ist praktisch nichtexistent aktuell.
Die größte Inkompetenz dabei ist es gefühlt nicht zu wissen was die Alternative sein kann oder soll. Wissen was man will, wo man eventuell Chancen hätte auf einen Quereinstieg, wie man den schaffen oder gestalten soll. Wenn man innerlich so leer ist fällt man automatisch auf die default-Option, das "einfach alles so weiterlaufen lassen weil einem nichts besseres einfällt" zurück.
Wie wir entkommen können? Schwer zu sagen. Für alle möglichen Sachen bewerben und schauen wo man einen Job kriegen würde? Ist derzeit die Option die mir am besten erscheint. Einfach bei stepstone etc suchen und Bewerbungen schreiben.
Leucovorin
16.01.2022, 20:14
Wie wir entkommen können? Schwer zu sagen. Für alle möglichen Sachen bewerben und schauen wo man einen Job kriegen würde? Ist derzeit die Option die mir am besten erscheint. Einfach bei stepstone etc suchen und Bewerbungen schreiben.
Bei dir verstehe ich wirklich nicht, warum die Chirurgie gemacht hast.
Meine Empfehlung für dich wäre einen Facharzt in einem konservativen Fach zu machen angesichts der nun sehr langen Zeit in Weiterbildung. Oder du gibst es ganz auf und schaust bei Stepstone....was denn da so rumfleucht an Stellen.
Bonnerin
16.01.2022, 20:49
Ein guter Hinweis, inwiefern unterscheiden sich die beiden Sektoren? Könnte man von einem Sektor nicht in den anderen wechseln? Unterscheidet sich die Arbeit? Ich habe eine Seite gefunden jungelabormedizin.de, evtl. findet sich die Antwort zu meiner Frage dort.
Naja, an den Unikliniken ist es regelhaft so, dass es verschiedene Institute gibt (Klinische Chemie, Mibi, Viro, Transfusionsmedizin) und man schauen muss, alles voll zu kriegen. Im ambulanten Setting ist das bei kleineren Laboren mit sehr eingeschränkten Weiterbildungsbildungszeiten natürlich ähnlich. Bei den Laboren mit vollen 48 Monaten sind regelhaft alle Bereiche vorhanden und man rotiert recht geplant in alles rein. Viro ist tatsächlich so ein Zwischending, einen Großteil der Viro machen bei uns die Labormediziner, nicht die Mikrobiologen. Das ist aber von Labor zu Labor etwas anders...
Grundsätzlich geht Wechseln auch immer. Aber Locustus001 hatte es mal schön formuliert "es ist ein sehr kleiner Bereich". Also halt nicht wie Innere, wo man - übertrieben sagt - 10000 Mal wechseln kann, es gibt halt doch nicht sooooo unfassbar viele Optionen.
Bei dir verstehe ich wirklich nicht, warum die Chirurgie gemacht hast.
Und ich versteh nicht warum mbs Chirurgie nicht fertig macht. Wenn man irgendwann im WBJ 5+ ist, sollte es irgendwie funktionieren dass man die letzten verbleibenden Eingriffe bekommt um sein Zeug irgendwie abzuschließen...
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