Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Im Amt bleiben oder in die Klinik?
silver-sk
03.02.2022, 17:43
Hallo zusammen,
Ich habe im 2021 Studium & Promotion abgeschlossen und habe meine erste Stelle in einem Gesundheitsamt zur Unterstützung während der Corona-Pandemie als „Corona-Arzt“ angenommen. Die Stelle war auf 6 Monate befristet.
Als es im Sommer noch relativ langweilig war, wurde das Arbeitsaufkommen zum Winter (wie wahrscheinlich bekannt) immer heftiger. Aber genau in dieser Zeit konnte ich glänzen, sodass ich sehr schnell einen unbefristeten Vertrag für die Abteilung Hygiene, Infektionsschutz und Umweltmedizin auf TVöD E14 bekommen habe. Die ärztliche Leitung versicherte mir zusätzlich auch schon die Verbeamtung nach 1-2 Jahren Berufserfahrung. Ich mag das gesamte Team und auch ich erfahre sehr viel Lob und Wertschätzung von allen Mitarbeiter*innen, unabhängig von der Hierarchiestufe.
Aktuell fühle ich mich wirklich wohl im Amt. Ich nehme aktuell zwar nur COVID-Aufgaben wahr, könnte aber prinzipiell schon in die anderen Bereiche der Abteilung hineinschnuppern. Leider ist dies aufgrund der Omikron-Welle nicht wirklich möglich.
Ich habe diese Stelle angetreten, um das lokale Gesundheitsamt kurzfristig zu unterstützen. Ich hätte zuvor nie gedacht, dass ich mal in einem Amt arbeiten werde. Eigentlich wollte ich unmittelbar nach dem Examen zwei Jahre Innere hinter mich bringen um anschließend den Facharzt für Allgemeinmedizin zu absolvieren. Doch durch den nun unterschriebenen, unbefristeten Vertrag bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich mein „gemachtes Nest“ aufgeben soll. Ich habe keine Wochenenddienste, keine Nachtschichten, Freitag mache ich meistens zwischen 12-13 Uhr Feierabend. 2-3 Tage die Woche arbeite ich aus dem Homeoffice. Gleitzeit mit Arbeitsbeginn zwischen 6-10 Uhr. Überstunden kann ich ohne Diskussion entweder in Freizeitausgleich oder Auszahlung abbauen. Im Endeffekt kann ich kommen und gehen wann ich will. Ich mag das Team und das Team mag mich.
Ich bin echt unschlüssig, ob ich das Amt kurz- oder langfristig verlassen soll. Rein theoretisch habe ich hier nach wenigen Monaten Berufserfahrung einen Job bis zur Rente erhalten. Ich bin gehaltstechnisch sowie Work-Life-Balance-technisch zufrieden. Prinzipiell könnte ich hier den Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin oder fürs öffentliche Gesundheitswesen anstreben. Zeitliche befristete Abordnungen in die nächstgelegene Uniklinik zur Erlangung der Facharztreife wurden mir auch schon angeboten.
Wahrscheinlich gibt es hier im Forum nicht so viele Ärzt*innen die im Amt arbeiten, aber die Frage die ich mir hier tatsächlich stelle ist: Lohnt es sich bei diesen Bedingungen überhaupt noch in die Klinik zu gehen und sich als Assistenzarzt arbeitskrafttechnisch „ausbeuten“ zu lassen? Ich könnte in 1-2 Jahren verbeamtet sein, ich weiß nicht ob ich mir diese Chance entgehen lassen soll… Ich würde wirklich gerne ein paar Meinungen dazu hören.
Vielen Dank euch! :)
Bonnerin
03.02.2022, 18:36
Ich würde an deiner Stelle das Angebot annehmen und da den FA für Hygiene und Umweltmedizin machen. Danach dann schauen, ob man TvÖD E15 rausschlagen kann oder eventuell dann woanders als FA hingehen, wo man mehr Geld bekommt. Damit ist man dann auch von eventueller "Corona-Konjunktur" unabhängig.
Feuerblick
03.02.2022, 18:36
Hast du denn Lust auf den Klinikwahnsinn? Hast du das Gefühl, irgendwas zu verpassen?
Ich würde an deiner Stelle einfach mal abwarten, wie dir das „normale“ Amtsleben gefällt und was die zeitlich befristeten Abordnungen an die Uniklinik mit dir machen. Wenn du bei den Abordnungen feststellst, dass du lieber Klinik willst, dann mach es. Du bist ja nicht Leibeigener des Amtes. Wenn dir das normale Amtsleben jenseits von Pandemie und Chaos gefällt, dann bleib ruhig da. Es ist ja nicht verwerflich, eine Nische zu finden, in der man sich wohlfühlt. Auch wenn diese Nische nicht dem Klischee vom Leben als Assistenzarzt entspricht.
Matzexc1
03.02.2022, 18:56
Ich rate auch diesen Weg zu gehen wenn dir die Nische passt und du dir vorstellen kannst das bis zur Rente zu machen.
Wenn nicht: Mit dem FA für Hygiene und Umweltmedizin wirst du ein gesuchter Mitarbeiter sein
Nemesisthe2nd
03.02.2022, 19:02
Eine Stelle in der Inneren wirst du immer finden. So wahnsinnig erstrebenswert sind Nachtdienste und der Stress in der Klinik nicht.
Also wenn die Stelle insgesamt gut ist und du zufrieden bist mach es bloß weiter.
Jule-Aline
04.02.2022, 05:01
Alternativ kannst Du den Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen machen
][truba][
04.02.2022, 05:04
Du hast was gefunden wo du abseits der Klinik, Wochenenend- und Nachtdiensten, Kostendruck "von oben", nörgelnden Angehörigen und/oder Patienten, Schwestern und anderen Kollegen glücklich bist? Herzlichen Glückwunsch. Ich würd dort bleiben.
(P.S.: Es gibt natürlich auch sehr positive Seiten in der Klinik. Ich mag es im Moment aber o.g. Punkte sind die Hauptstressoren)
Bleib wo du bist. Als Neu-Assi in der Inneren bist du nachts der Depp vom Dienst und schreibst tagsüber eh nur Briefe, da führst du im Amt den Papierkrieg zu deutlich komfortableren Bedingungen. Habe nach deinem Post auch gleich geschaut, ob unser Gesundheitsamt Leute sucht.
Ich würde auch bleiben, auf jeden Fall. Dir gefällt der Job, die Kollegen, du bist mit dem Gehalt zufrieden. Da werde ich ja fast neidisch ;). Zumal eine Verbeamtung längst nicht mehr selbstverständlich ist. Mit der entsprechenden Qualifikation, ein bis zwei Fachärzten, die du da machen kannst oder so, steigst du ggfs. bis zum Amtsleiter auf. A15/A16 oder ggfs. sogar B2 ist schon ein sehr gutes Gehalt.
HenrikNL
04.02.2022, 07:54
Hallo zusammen,
Ich habe im 2021 Studium & Promotion abgeschlossen und habe meine erste Stelle in einem Gesundheitsamt zur Unterstützung während der Corona-Pandemie als „Corona-Arzt“ angenommen. Die Stelle war auf 6 Monate befristet.
Als es im Sommer noch relativ langweilig war, wurde das Arbeitsaufkommen zum Winter (wie wahrscheinlich bekannt) immer heftiger. Aber genau in dieser Zeit konnte ich glänzen, sodass ich sehr schnell einen unbefristeten Vertrag für die Abteilung Hygiene, Infektionsschutz und Umweltmedizin auf TVöD E14 bekommen habe. Die ärztliche Leitung versicherte mir zusätzlich auch schon die Verbeamtung nach 1-2 Jahren Berufserfahrung. Ich mag das gesamte Team und auch ich erfahre sehr viel Lob und Wertschätzung von allen Mitarbeiter*innen, unabhängig von der Hierarchiestufe.
Aktuell fühle ich mich wirklich wohl im Amt. Ich nehme aktuell zwar nur COVID-Aufgaben wahr, könnte aber prinzipiell schon in die anderen Bereiche der Abteilung hineinschnuppern. Leider ist dies aufgrund der Omikron-Welle nicht wirklich möglich.
Ich habe diese Stelle angetreten, um das lokale Gesundheitsamt kurzfristig zu unterstützen. Ich hätte zuvor nie gedacht, dass ich mal in einem Amt arbeiten werde. Eigentlich wollte ich unmittelbar nach dem Examen zwei Jahre Innere hinter mich bringen um anschließend den Facharzt für Allgemeinmedizin zu absolvieren. Doch durch den nun unterschriebenen, unbefristeten Vertrag bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich mein „gemachtes Nest“ aufgeben soll. Ich habe keine Wochenenddienste, keine Nachtschichten, Freitag mache ich meistens zwischen 12-13 Uhr Feierabend. 2-3 Tage die Woche arbeite ich aus dem Homeoffice. Gleitzeit mit Arbeitsbeginn zwischen 6-10 Uhr. Überstunden kann ich ohne Diskussion entweder in Freizeitausgleich oder Auszahlung abbauen. Im Endeffekt kann ich kommen und gehen wann ich will. Ich mag das Team und das Team mag mich.
Ich bin echt unschlüssig, ob ich das Amt kurz- oder langfristig verlassen soll. Rein theoretisch habe ich hier nach wenigen Monaten Berufserfahrung einen Job bis zur Rente erhalten. Ich bin gehaltstechnisch sowie Work-Life-Balance-technisch zufrieden. Prinzipiell könnte ich hier den Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin oder fürs öffentliche Gesundheitswesen anstreben. Zeitliche befristete Abordnungen in die nächstgelegene Uniklinik zur Erlangung der Facharztreife wurden mir auch schon angeboten.
Wahrscheinlich gibt es hier im Forum nicht so viele Ärzt*innen die im Amt arbeiten, aber die Frage die ich mir hier tatsächlich stelle ist: Lohnt es sich bei diesen Bedingungen überhaupt noch in die Klinik zu gehen und sich als Assistenzarzt arbeitskrafttechnisch „ausbeuten“ zu lassen? Ich könnte in 1-2 Jahren verbeamtet sein, ich weiß nicht ob ich mir diese Chance entgehen lassen soll… Ich würde wirklich gerne ein paar Meinungen dazu hören.
Vielen Dank euch! :)
wieviel verdienst du monatlich (ungefähr)? wenn ich fragen darf?
weil ich bin auf der Suche nach einer Fachrichtung wo man zum einen gewissermaßen entspannter arbeitet und zB keine Wochenenddienste zu leisten sind, aber mir ist deine Fachrichtung nie eingefallen bisher :)
und war deine Promotion ausschlaggebend dafür dass du den Job bekamst?
agouti_lilac
04.02.2022, 08:13
Ich rate dir auch, diesen Job zu behalten. Traumhaft, ich bin neidisch! Und super für das Familienleben, sollte das mal anstehen! Gleitzeit, Homeoffice... :-love.
wieviel verdienst du monatlich (ungefähr)? wenn ich fragen darf?
weil ich bin auf der Suche nach einer Fachrichtung wo man zum einen gewissermaßen entspannter arbeitet und zB keine Wochenenddienste zu leisten sind, aber mir ist deine Fachrichtung nie eingefallen bisher :)
und war deine Promotion ausschlaggebend dafür dass du den Job bekamst?
TVöD E14 ziemlich genau
Die TvöD-Bezahlung ist im Allgemeinen ja nicht sooo super. Ich würde dir schon raten, auf die zeitnahe Verbeamtung zu bestehen. Viele Ämter zahlen mittlerweile auch schon TV-Ärzte Uni. Oder, wenn es erstmal beim TvöD bleibt, zumindest eine Zulage. Wäre zumindest einen Versuch wert, wenn du da ein gutes Standing hast.
silver-sk
04.02.2022, 13:12
Zuerst einmal vielen vielen Dank für eure Antworten! Ihr habt mir meine Unsicherheit schon zu einem großen Teil genommen. :)
Hast du denn Lust auf den Klinikwahnsinn? Hast du das Gefühl, irgendwas zu verpassen?
Das Wort Klinikwahnsinn passt wirklich gut haha. Also ich vermisse das PJ überhaupt nicht.
Ich rate auch diesen Weg zu gehen wenn dir die Nische passt und du dir vorstellen kannst das bis zur Rente zu machen.
Wenn nicht: Mit dem FA für Hygiene und Umweltmedizin wirst du ein gesuchter Mitarbeiter sein
Ja mit dem Fa für Hygiene und Umweltmedizin liebäugele ich gerade am meisten.
Ich rate dir auch, diesen Job zu behalten. Traumhaft, ich bin neidisch! Und super für das Familienleben, sollte das mal anstehen! Gleitzeit, Homeoffice... :-love.
Familie ist noch nicht geplant, aber den Gedanken hatte ich auch schon. Die Zeit die man mit seinen Kindern verbringt ist wahrscheinlich mehr wert als die Zeit am Arbeitsplatz.
Die TvöD-Bezahlung ist im Allgemeinen ja nicht sooo super. Ich würde dir schon raten, auf die zeitnahe Verbeamtung zu bestehen. Viele Ämter zahlen mittlerweile auch schon TV-Ärzte Uni. Oder, wenn es erstmal beim TvöD bleibt, zumindest eine Zulage. Wäre zumindest einen Versuch wert, wenn du da ein gutes Standing hast.
Was heißt nicht so super... Ich komme aus einer relativ armen Familie und fühle mich fast schon reich. :D Klar gibts als Assi im KH ein bisschen mehr, dafür habe ich aber schon ziemlich viele Vorteile, was die Work-Life-Balance angeht. Ich denke, das wiegt sich in diesem Fall gegenseitig auf. Die Verbeamtung hat natürlich ihren Reiz. Ich werde vermutlich erst einmal ein Jahr voll machen, bevor ich eine Gehaltserhöhung ansprechen werde (Fachkräftezulage, Bezahlung nach TV-Ärzte o.ä.).
silver-sk
04.02.2022, 13:17
wieviel verdienst du monatlich (ungefähr)? wenn ich fragen darf?
weil ich bin auf der Suche nach einer Fachrichtung wo man zum einen gewissermaßen entspannter arbeitet und zB keine Wochenenddienste zu leisten sind, aber mir ist deine Fachrichtung nie eingefallen bisher :)
und war deine Promotion ausschlaggebend dafür dass du den Job bekamst?
TVöD E14, meine Promotion war (zumindest meines Wissens nach) nicht ausschlaggebend für die Jobzusage.
HenrikNL
04.02.2022, 14:21
Also würdest du sagen dein Job läuft oft nach Schema F und ist wesentlich entspannter als zB Augenheilkunde oder Dermatologie?
Und kann man mit dem Wissen und Zertifikat als Facharzt in der Umweltmedizin und Hygiene bzw. Öffent. Gesundheitswesen ins Ausland gehen, zB Norwegen bzw. Dänemark und darauf aufbauen oder ist es ein landesspezifisches Gebiet und man müsste dann von vorne anfangen?
Feuerblick
04.02.2022, 15:10
Woher kommt eigentlich immer das Gerücht, Augenheilkunde sei ein entspannter Job?
Hallo- bei mir sieht es aktuell ähnlich aus, bin ebenfalls durch Corona in den öffentlichen Dienst gekommen und aktuell zufrieden.
Fazit nach über einem Jahr- die meisten Aufgaben sind sinnbefreit und müssten nicht von einem Arzt erledigt werden. Aber ich liebe mein eigenes Büro, regelmäßige Homeofficetage und nach der Arbeit komplett abschalten zu können. Ich habe Gleitzeit und kann spontan Urlaub nehmen. Mein Team ist älter und weniger mein Ding, auch die Wertschätzung könnte besser sein. Manchmal ärgere ich mich etwas über Hierachien oder veralterte Arbeitsabläufe- ist aber eher ein Luxusproblem.
Ich verdiene ziemlich genauso viel wie in der Klinik ohne Dienste und bin damit zufrieden. In Österreich habe ich keine Möglichkeit eines FA für Hygiene und Umweltmedizin (denke ich?), dachte aber schon an den Master of Public Health. Während Corona werde ich sicher nicht in die Klinik wechseln, wenn meine Kinder größer sind werde ich nochmal drüber nachdenken... :-)
HenrikNL
04.02.2022, 15:43
@feuerblick tja wenn du was dazu zu erzählen hast, erzähl mal :)
Feuerblick
04.02.2022, 15:46
@feuerblick tja wenn du was dazu zu erzählen hast, erzähl mal :)
Du könntest auch einfach mal die Forensuche nutzen. Da steht ganz viel zum schamanischen Alltag. Und nein, weder in der Klinik noch in der Praxis kommt man zum Däumchendrehen. Das einzig Entspanntere im Vergleich zur Inneren oder zur Chirurgie: Wirkliche zeitkritische Notfälle sind sehr, sehr selten.
Und nun zurück zum Thema.
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