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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der tausendste Thread zu Überstunden



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Endoplasmatisches Reticulum
27.11.2022, 16:34
Die Frage war nach „ständig über 70 h“.
Das war eine ergänzende Ausführung, kein Widerspruch.

Ein Problem sehe ich in der Struktur der ärztlichen Ausbildung. Dienste gehören dazu, aber kommen fast überall zumindest anteilig on top. Bei 4 Diensten in Bereitschaft pro Monat hat man schon jede Woche an die 8 Stunden auf der 40-Stunden-Woche obendrauf und dabei noch keine einzige Überstunde geleistet. Bei Wochenenddiensten ggf. noch mehr. Da wird der Puffer schnell dünn.

Konsequent mit Freizeitausgleich abfeiern wollen dann wieder viele Assis nicht, weil sie dann weniger Geld verdienen und/oder tagsüber so viel fehlen, dass die ohnehin mieserable Ausbildung komplett zum erliegen kommt. Schon hat man einen perfiden Teufelskreis.

ehem-user-16-12-2022-1308
27.11.2022, 17:29
Danke erstmal für die Antworten. Ich habe neulich diese Doku über eine AÄ der Chirurgie im 6 WJ gesehen, die ihre ärztliche Tätigkeit beendet. Vielleicht habt ihr die auch gesehen, sie ist im Reportagen-Thread auch verlinkt. Diese Ärztin hatte dauernd 60-70 Stunden pro woche, ausnahmsweise auch mal 100 Stunden und war mehrfach nach 24 Stunden Diensten noch 3 Stunden anwesend. Sie sah Mitt 33 aus wie 45. Wenn man sich die MB-Umfrage ansieht, dann finde ich es schon erschreckend, dass 2/3 anscheinend solche Arbeitszeiten haben. Ich würde mir das auch nicht gefallen lassen, aber wenn das im Umkreis in jeder Klinik so ist, wird das mit dem "mit den Füßen abstimmen" sehr schwierig. Eine manipulationsfreie elektronische Zeiterfassung ist ja wohl immer noch die Ausnahme. Mir war vor meinem Studium schon klar, dass man viel arbeiten muss, aber nicht, dass es so krass ist, wie bei dieser Ärztin in der Doku. Darunter haben viele Ärzte kommentiert, dass das die Realität ist und bei ihnen genauso

ehem-user-16-12-2022-1308
27.11.2022, 17:38
Es hat da auch ein Leiharbeiter-Pfleger kommentiert, dass fast überall die AÄ keine Überstunden aufschreiben "dürften", obwohl unzählige gemacht werden. Natürlich steht sowas nicht im Arbeitsvertrag

Feuerblick
27.11.2022, 17:41
Das Problem ist, dass Ärzte sich das mit dem Argument „Ich hab ja gewusst, dass ich viel arbeiten muss“ gefallen lassen. Muss man nicht! Es ist halt nur unbequem, unbequem zu sein. :-nix

ehem-user-16-12-2022-1308
27.11.2022, 17:48
Das Problem ist, dass Ärzte sich das mit dem Argument „Ich hab ja gewusst, dass ich viel arbeiten muss“ gefallen lassen. Muss man nicht! Es ist halt nur unbequem, unbequem zu sein. :-nix

Das Problem ist, dass man oft als einzige umbequem ist und es in den anderen Kliniken genau so läuft

][truba][
27.11.2022, 17:52
Wie ich an deinem Standort sehen kann, hast du das absolute "Glück" in einer Stadt zu wohnen, wo sklavenähnliche Arbeitszeiten noch eher zum häufigeren Phänomen gehören. Jeder denkt ja, Berlin wäre irgendwie speziell (was ich als Brandenburger nicht so richtig nachvollziehen kann) und man müsste unbedingt hier wohnen. Dementsprechend gibt es hier zwar oft offene Stellen aber diese "Angst" der Leute, schnell ersetzt werden zu können, führt hier zu ziemlichen Duckmäusertum.
Ich kann aber sagen in 2 aus 3 Kliniken/Abteilungen in denen ich gearbeitet hab, gab es "normale" Arbeitszeiten. Mehr als 40h waren es in jedem Fall aber das hielt sich alles in Grenzen (alles chirurgische Fachrichtungen). Nur eine war mind. 55h die Woche bis hoch auf 90h. Die hab ich dann aber relativ schnell verlassen. Aus anderen Abteilungen/Kliniken hört man aber wirklich oft gruseliges.

Hier muss man vermutlich für ne gute Abteilung lange suchen und Glück haben dass mal was frei wird (denn in den besseren Abteilungen wird die Fluktuation nicht sehr hoch sein).

Feuerblick
27.11.2022, 18:05
Das Problem ist, dass man oft als einzige umbequem ist und es in den anderen Kliniken genau so läuft
Das Problem ist, dass viele es erst gar nicht versuchen, weil sie sich genau das einreden. Wenn mal einer anfängt, machen andere mit.

][truba][
27.11.2022, 18:15
Naja, das halte ich aber nun für eine Verallgemeinerung. In meiner alten Abteilung hat keiner der anderen Assistenten mitgemacht.
Aber es gibt sie auch, die Abteilungen wo nur einer mal anpacken muss und sich die anderen auch trauen. Würde aber nicht sagen, dass das die Regel ist.

Feuerblick
27.11.2022, 18:29
Ich wollte auch nur sagen, dass man sich nicht mit dem Argument „bringt nix“ alles gefallen lassen muss. Hast du ja auch nicht. ;-)

ehem-user-16-12-2022-1308
27.11.2022, 18:48
[truba][;2248868']Wie ich an deinem Standort sehen kann, hast du das absolute "Glück" in einer Stadt zu wohnen, wo sklavenähnliche Arbeitszeiten noch eher zum häufigeren Phänomen gehören. Jeder denkt ja, Berlin wäre irgendwie speziell (was ich als Brandenburger nicht so richtig nachvollziehen kann) und man müsste unbedingt hier wohnen

Ich war nur zum Studium in Berlin. Wohne jetzt wieder in einer kleineren Stadt im Ruhrgebiet (komme daher). Die Arbeitsbedingungen an der Charité und z.T. Vivantes sind schon schlimm. Bezogen sich die 55 Stunden bei den normaleren Kliniken auf die Arbeitszeit inkl. ÜS und Diensten? 55 -60 ist ja was anderes als über 80.

][truba][
27.11.2022, 18:52
55h (mindestens) war ne Woche ohne Dienst. Mit Diensten ging es dann nochmal bis zu 90h hoch. War einer der von dir genannten Arbeitgeber.

Im Ruhrgebiet gibt es ja eine hohe Dichte an Kliniken. Da wird sich sicher etwas finden lassen, wo akzeptable Zustände herrschen.

ehem-user-16-12-2022-1308
27.11.2022, 18:52
Welche Fachrichtungen mit Patientenkontakt sind eigentlich familienfreundlicher? Es wird ja oft von der Chirurgie als "familienunfreundlicher" Fachrichtung gesprochen. In welchen Fächern ist es denn tendenziell besser möglich eine gewisse Work-Life-Balance zu finden? Ich weiss, dass es auch viel von der jeweiligen Abteilung abhängt

ehem-user-16-12-2022-1308
27.11.2022, 18:53
[truba][;2248879']55h (mindestens) war ne Woche ohne Dienst. Mit Diensten ging es dann nochmal bis zu 90h hoch. War einer der von dir genannten Arbeitgeber.


Wieviel Stunden hattest du circa bei den beiden Stellen die normalere Arbeitszeiten hatten inkl. ÜS und Dienste?

][truba][
27.11.2022, 18:57
Bei den anderen Stellen gab/gibt es wenige Überstunden. So vielleicht zwischen 2-3 pro Woche maximal.
Kann man sich ja dann selbst ausrechnen wie es mit Diensten ist. Gibt es ja unterschiedliche Geschmäcker. Ich hab oft drum gebeten eine Woche mal jeden zweiten Tag Dienst zu haben und dafür 2 Wochen im Monat nur "normale" Arbeitszeit. Da kommt man dann auch mal so auf 70h. Aber insgesamt war das ja von mir gewollt. Gab auch Kollegen die haben lieber jede Woche einen gemacht.

Miss_H
27.11.2022, 19:06
Dass deutlich mehr als 12 h pro 24 h Schicht gearbeitet wird ist meiner Erfahrung nach in der Inneren eher die Regel als die Ausnahme.
Spannend. Ich kenne mehrere Kliniken in denen die Internisten die einzigen sind, die keine 24 Stunden Dienste haben.

Welche Fachrichtungen mit Patientenkontakt sind eigentlich familienfreundlicher? Es wird ja oft von der Chirurgie als "familienunfreundlicher" Fachrichtung gesprochen. In welchen Fächern ist es denn tendenziell besser möglich eine gewisse Work-Life-Balance zu finden? Ich weiss, dass es auch viel von der jeweiligen Abteilung abhängt
Ich würde sagen es hängt wirklich mehr von der Abteilung als vom Fach ab. Was ist denn langfristig dein Plan (meist weiß man das zum Berufsstart noch nicht)? Willst du langfristig in der Klinik bleiben? Dann sind operative Fächer oder Fächer mit wenig Oberärzten eher schlecht, da man dann ständig Hintergrunddienst hat und entsprechend eingeschränkt ist. Als "Altassistent" (fortgeschrittene WB bzw. FA) mit Teilnahme an den Vordergrunddiensten kann man sich häufig eine gute Position rausverhandeln. Ansonsten sind Teilzeitmodelle eben auch sehr von der Abteilung abhängig. Wenn man weiblich ist und während der WB Kinder bekommen möchte, dann sollte man bedenken, dass manche Aufgaben in Schwangerschaft und Stillzeit nicht mehr möglich sind (wobei auch dies auch in jeder Klinik oder Abteilung anders ist). Und zu guter Letzt wird man nur darin gut was man gerne macht und sollte beachten, dass man auch ungewollt kinderlos bleiben kann.

cartablanca
27.11.2022, 19:51
[truba][;2248879']55h (mindestens) war ne Woche ohne Dienst. Mit Diensten ging es dann nochmal bis zu 90h hoch. War einer der von dir genannten Arbeitgeber.

Im Ruhrgebiet gibt es ja eine hohe Dichte an Kliniken. Da wird sich sicher etwas finden lassen, wo akzeptable Zustände herrschen.

Das ist das was ich meine. In anderen Ländern würden 90 Stunden Wochen von Menschenrechtsorganisationen als Verletzung der Menschenrechte angeprangert werden. In D gilst du als priviligiert damit.

Spriggan
27.11.2022, 19:53
Ich arbeite an einer psychiatrischen Klinik und hier gibts es Überstunden aufgrund der meist guten Planbarkeit des Tages und relativ wenigen Notfällen im Stationsgeschehen (von der Akutpsychiatrie mal abgesehen) selten. Auch die Hierarchien finde ich meist recht angenehm. Es gibt mehrere Kollegen aus somatischen Bereichen (Innere, Chirurgie) die zu uns gewechselt sind. Aber man muss es halt auch (zumindest etwas) mögen...

][truba][
27.11.2022, 19:57
Der Unterschied zu deinem vorherigen (sehr unpassenden) Vergleich aber ist, dass ich die Wahl hatte ob ich das ertragen muss oder nicht. Und ich habe mich dagegen entschieden und gekündigt. Ganz easy.

ehem-user-16-12-2022-1308
27.11.2022, 20:17
Ich arbeite an einer psychiatrischen Klinik und hier gibts es Überstunden aufgrund der meist guten Planbarkeit des Tages und relativ wenigen Notfällen im Stationsgeschehen (von der Akutpsychiatrie mal abgesehen) selten. Auch die Hierarchien finde ich meist recht angenehm. Es gibt mehrere Kollegen aus somatischen Bereichen (Innere, Chirurgie) die zu uns gewechselt sind. Aber man muss es halt auch (zumindest etwas) mögen...

Das habe ich auch schon von mehreren gehört, dass das Arbeiten da angenehmer ist, vor allem der interdisziplinäre Aspekt mit therapeutischen Berufen wird oft gelobt

ehem-user-16-12-2022-1308
27.11.2022, 20:20
[truba][;2248887']Der Unterschied zu deinem vorherigen (sehr unpassenden) Vergleich aber ist, dass ich die Wahl hatte ob ich das ertragen muss oder nicht. Und ich habe mich dagegen entschieden und gekündigt. Ganz easy.

Dein Lohn war wohl auch etwas höher als bei den Arbeitern in Qatar ;)