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Speranza100
18.06.2023, 18:21
Wollte dem noch hinzufügen: Sobald die Aussteuerung im Raum steht ticken die Uhren oft anders für Betroffene Patienten, das Arbeitsamt macht mehr "Druck" als die Krankenkasse nach meinem EMpfinden (nach 78 Wochen), und dann werden Pat bei mir eigentl immer mit AMtsarzt und ähnlichem konfrontiert. Ich sage das auch denen, bei denen absehbar ist, dass eine Arbeitsfähigkeit mutmaßl nicht in der Krankengeldzeit wiederhergestellt sein wird, dass die Zeit nach der Aussteuerung häufig deutlich angespannter sein wird. Dass jemand über 2 Jahre AU ist ohne entsprechende Beguachtung oder Auflagen wie Reha vor Rente kommt bei mir - bisher - zumindest nach der Aussteuerung nicht vor. (Und Patienten sind sich oft nicht bewusst sind, was Aussteuerung heisst und dass es eben nicht "immer so" weiter gehen wird)

anignu
18.06.2023, 21:34
Und Patienten sind sich oft nicht bewusst sind, was Aussteuerung heisst
Das war mir bis eben auch nicht klar... hat mich nie betroffen, kenn keinen den sowas betrifft und hat mit meinem Job in der Klinik null zu tun.

mbs
26.06.2023, 15:32
Im entsprechenden Fall ist mir auch nicht ganz klar warum das durchgeht und keiner nachfragt. Wahrscheinlich traut sich niemand, der Krankmeldung eines Facharztes für Psychiatrie zu widersprechen. Oder wie würdest du dir das sonst erklären?

Frisko
27.06.2023, 07:22
Du hast es dir doch schon selbst beantwortet. Wenn niemand kontrolliert, dann geht das halt durch.
Wobei der Patient ja scheinbar in weiterführender fachärztlicher Behandlung ist, da seh ich dann das Problem nicht. Und eine depressiv erkrankten Patienten in eine Therapie zu "zwingen" geht halt mal gar nicht.

Und das große Missbrauchpotenzial seh ich jetzt in der Praxis auch nicht. Der größte Teil meiner Patient*innen ist eher tierisch genervt, sich mit einem offensichtlichen Infekt an Tag 1 in eine vollbesetzte Arztpraxis zu schleppen. In anderen Ländern gilt AU Pflicht ab 7 Tage. Würden wir das einführen, hätten wir wahrscheinlich keinen Ärzt*innen-Mangel mehr...

Thomas24
27.06.2023, 08:51
Du hast es dir doch schon selbst beantwortet. Wenn niemand kontrolliert, dann geht das halt durch.
Wobei der Patient ja scheinbar in weiterführender fachärztlicher Behandlung ist, da seh ich dann das Problem nicht. Und eine depressiv erkrankten Patienten in eine Therapie zu "zwingen" geht halt mal gar nicht.

Und das große Missbrauchpotenzial seh ich jetzt in der Praxis auch nicht. Der größte Teil meiner Patient*innen ist eher tierisch genervt, sich mit einem offensichtlichen Infekt an Tag 1 in eine vollbesetzte Arztpraxis zu schleppen. In anderen Ländern gilt AU Pflicht ab 7 Tage. Würden wir das einführen, hätten wir wahrscheinlich keinen Ärzt*innen-Mangel mehr...

AU ab dem 7 Tag können wir natürlich gerne machen, dann aber im Gegenzug auch bitte die Lohnfortzahlung erst ab dem Zeitpunkt der AU...

Christoph_A
27.06.2023, 09:12
Wobei ne AU ab dem 1. Tag wirklich lächerlich ist. Ab dem 3. Tag reicht meiner Meinung nach vollständig aus und langt den meisten Arbeitnehmern auch bei Bagatellinfekten.

Frisko
27.06.2023, 10:20
Schwedisches Prinzip. Am ersten Tag Arbeitgeber Bescheid geben. Ab einer Woche ärztliches Attest.
Für einen Tag gibt es keine Bezahlung. Ab Tag zwei bis 14 (?) 80 % vom Arbeitgeber, danach Krankengeld.

Ich versteh immer diesen Generalverdacht nicht. Als wenn ab morgen alle erstmal drei Tage frei nehmen, wenn die AU-Pflicht fällt. Ich hab häufiger das Problem, dass Menschen offensichtlich krank zur Arbeit gehen und DRINGEND mal krankgeschrieben werden müssten, es aber aufgrund des kranken und aufgezwungenem Pflicht- und Schuldgefühls nicht tun und dann erst recht ausfallen.

Speranza100
27.06.2023, 13:28
Nach 78 Wochen gibt es (soweit gesetzlich versichert) kein Krankengeld, völlig egal ob jemand weiter krankgeschrieben wird oder nicht, auch egal von wem. Dann geht es um rechtzeitige (!) Beantragung von ALG1 (siehe zB Info bei VDK) welches einem noch im Anschluss ggf 12 Monate zusteht, aber spätestens dann wird entschieden innerhalb der Beziehung von AlG1 ob eine Erwerbsunfähigkeitsrente beantragt wird oder eben nicht. Hierbei auch immer die Nahtlosigkeitsregel beachten.
Es gibt keine Möglichkeit daran vorbei weiter Krankengeld zu beziehen. Zumindest ist das mein sozialmedizinischer Stand. Wenn jemand andere Infos hat gerne.
Man kann auch beim Arbeitsamt nicht dauerhaft ALG1 bekommen, max 12 Monate ALG 1 mit fortlaufender AU. Dann entweder Rente oder wieder Arbeiten. Daher @mbs: vielleicht ist derjenige anderweitig Berufsunfähig versichert und bezieht mittlerweile EU Rente und du weisst es nicht. Alles vorausgesetzt die Person ist gesetzlich versichert.

Miss_H
27.06.2023, 16:15
AU ab dem 7 Tag können wir natürlich gerne machen, dann aber im Gegenzug auch bitte die Lohnfortzahlung erst ab dem Zeitpunkt der AU...
So ein Schwachsinn. Falls du das für deine Mitarbeiter möchtest, dann solltest du doch über deine Qualität als Arbeitgeber oder die Bezahlung des Personals nachdenken.

Thomas24
28.06.2023, 08:58
Schwedisches Prinzip. Am ersten Tag Arbeitgeber Bescheid geben. Ab einer Woche ärztliches Attest.
Für einen Tag gibt es keine Bezahlung. Ab Tag zwei bis 14 (?) 80 % vom Arbeitgeber, danach Krankengeld.

Das wäre mal eine Option, aber für pragmatische und unbürokratische Lösungen ist Deutschland ja weltweit berühmt...



Ich versteh immer diesen Generalverdacht nicht. Als wenn ab morgen alle erstmal drei Tage frei nehmen, wenn die AU-Pflicht fällt. Ich hab häufiger das Problem, dass Menschen offensichtlich krank zur Arbeit gehen und DRINGEND mal krankgeschrieben werden müssten, es aber aufgrund des kranken und aufgezwungenem Pflicht- und Schuldgefühls nicht tun und dann erst recht ausfallen.

Naja, hatten mal den ein oder anderen Azubi, der gerne an Montagen "unpässlich" war. Aber zu doof war, die Insta Fotos vom Feiern am Wochenende vor den MFA Kolleginnen und Kollegen zu blockieren.

Thomas24
28.06.2023, 09:07
So ein Schwachsinn. Falls du das für deine Mitarbeiter möchtest, dann solltest du doch über deine Qualität als Arbeitgeber oder die Bezahlung des Personals nachdenken.

War offensichtlich nicht ganz Ernst gemeint. Aber Ironie bleibt im Internet halt verborgen :-keks
Subjektiv habe ich aber den Eindruck, dass sich in einigen Internet Bubbles das "mir steht alles zu- Und zwar jetzt und sofort- aber im Gegenzug biete ich nur meine Mindestperformance" Mindset ausbreitet. Das finde ich toxisch. Ein Arbeitsverhältnis sollte ein partnerschaftliches Verhältnis aus Geben und Nehmen sein.

Im übrigen zahlen wir bittedanke a) weit übertariflich und bieten allerlei b) sonstige Incentives an, strukturierte Aufstiegsperspektiven inkl. wie großzügige Kostenübernahme bei Aufstiegsweiterbildungen, ordentliche Igel Umsatzbeteiligung und Boni, Anwerbeprämien für Mitarbeiter, 13 Monatsgehalt etc. Die geringe Fluktuation und der niedrige Krankenstand (bis auf gewisse trinkfeste Azubis und einige gesundheitlich vorbelastete Mitarbeiter, die dafür nichts können), spricht für uns würde ich sagen.

Miss_H
29.06.2023, 22:31
Subjektiv habe ich aber den Eindruck, dass sich in einigen Internet Bubbles das "mir steht alles zu- Und zwar jetzt und sofort- aber im Gegenzug biete ich nur meine Mindestperformance" Mindset ausbreitet. Das finde ich toxisch.
Und ich finde es toxisch jedem Arbeitnehmer die von dir genannte "Arbeitsweise" zu unterstellen.


Ein Arbeitsverhältnis sollte ein partnerschaftliches Verhältnis aus Geben und Nehmen sein.
Wir tauschen Lebenszeit gegen Geld. Nüchtern betrachtet ist es nicht mehr.


Die geringe Fluktuation und der niedrige Krankenstand (bis auf gewisse trinkfeste Azubis und einige gesundheitlich vorbelastete Mitarbeiter, die dafür nichts können), spricht für uns würde ich sagen.
Aber wieso willst du dann keine AU ab Tag 7? Deine Azubis werden auch nicht mehr Motivation haben nur weil sie verkatert zur Arbeit kommen und die vorbelastet Mitarbeiterin wird sich wahrscheinlich sowieso eine AU holen, auch wenn sie nicht zwingend notwendig ist.

Endoplasmatisches Reticulum
30.06.2023, 07:39
Und ich finde es toxisch jedem Arbeitnehmer die von dir genannte "Arbeitsweise" zu unterstellen.
Hachja, die wonnigen Chefschneeflöckchen im Krankenhaus. Formen systematisch junge Menschen mit Talent, Vision und Feuer zu resignierten, gedankenleeren, emotional völlig von ihrer Arbeit entfremdeten, massenproduzierten Automaten ohne jede Form von Ambition, Vorsatz und Freude, und halten dann Wutreden auf ganze Generationen mit angeblich vermessenen Erwartungen und fehlender Leidenschaft.

Kein Mitleid. Man erzieht sich die Arbeitnehmer, die man verdient.

Christoph_A
30.06.2023, 08:46
@ ER: Falsch. Man stellt die Arbeitnehmer ein, die einem nach dem bestehenden Setting und Angebot am besten passen und formt sie sich dann idealerweise zurecht. Thomas24 hat nichts falsches gesagt, auch wir hatten schon genug Bewerbungen von "Schneeflöckchen" respektive mit Versuchen einer Abkassiermentalität für Minimalperformance. Das Gute an der Niederlassung ist ja, daß man diese Leute zügig wieder los wird. im Krankenhaus ist das schwieriger. Wobei da ein Fehlgriff für den Chef keine direkten monetären Folgen hat. Wenn wir jemand mit falscher Jobeinstellung oder fehlendem Fit zum Team einstellen, haben wir im worst case inklusive Arbeitnehmeranteil an den Lohnnebenkosten 250k Euro verbrannt.
Zurück zur AU: Ich bleibe dabei, ab erstem Tag finde ich nicht notwendig, aber spätestens ab 3. Tag sollte eine da sein.

Endoplasmatisches Reticulum
30.06.2023, 09:03
Nö, nicht falsch. Ich sehe aber auch nicht, inwiefern dein Beitrag im Widerspruch zu meinem steht. Die Aussagen können nebeneinander stehen.

Wer bei einem Vertrag den eigenen Nutzen maximieren möchte, ist kein Schneeflöckchen. Ihr verschenkt eure Ressourcen ja auch nicht aus Altruismus. Wenn ihr darüber hinaus zu beobachten meint, dass die Bewerber aus den Klinikschmieden immer öfter für euch negativen Stereotypien entsprechen, dann kann man die Strukturen, Entscheider und Einflussnehmer an den Kliniken nicht aus der Verantwortung nehmen, die euch eure Bewerber basteln und prägen. Das fände ich äußerst eindimensional.

Christoph_A
30.06.2023, 10:20
Keine Sorge, mit meinen Bewerbern und v.a. Angestellten bin ich durchaus noch zufrieden. Und die mit uns auch. Also alles gut. Wie gesagt, man muß halt etwas Auslese betreiben und gottseidank haben wir ja immer noch ein paar Bewerber zur Auswahl. Unterscheidet einen dann doch von einer Kreisklinik in Wildost, wo das einzige Einstellungskriterium rudimentäre Deutschkenntnisse und ne Aprobation sind.
Schneeflöckchen mag ich gerne, aber am liebsten im Winter und eingewalzt unter den Skiern, ganzjährig brauch ich das nicht.

Cor_magna
30.06.2023, 12:55
Man kann Arbeit so oder so sehen. Sowohl als Arbeitsnehmersicht als auch Arbeitgebersicht gibt es da verschiedenste Sichtweisen. Ich finde man sollte abwägen, welche Sichtweise den größten gemeinsamen Nutzen und Benefit in Bezug auf Arbeitsleistung und Wohlbefinden bringt.

Deswegen sehe ICH persönlich Arbeit als gemeinsame Leistung bzw partnerschaftliches Verhältnis an, in der ich meine Arbeitskraft/Leistung so gut es mir möglich ist zum Wohle der Firma (und der Patienen) einsetze, aber dann auch entsprechene Gegenleistung in Form von Geld/ Wertschätzung/ Ausbildung erwarte. Auf Gegenseitigkeit beruhend also. Ich denke auf dieser Gedankenbasis kann man am besten zusammenarbeiten. Oder zumindest wünsche ich es mir so (aktuell arbeite ich in einer Praxis in der das auch so gelebt wird).

Wenn man natürlich vom Arbeitgeber (zb Krankenhaus) verheizt wird bis zum geht nicht mehr, und der Arbeitgeber einen als Leibeigenen betrachtet, ohne Rücksicht auf Wohlbefinden oder Weiterbildung ("Hauptsache der Laden läuft, alles andere ist egal"),dann ist es möglicherweise sinnvoller eher eine Söldnermentalität (Zeit gegen Geld und dann raus hier) an den Tag zu legen, alleine schon aus Eigenschutz. Ob so Arbeit Spaß macht ist dann halt fraglich. Ich für meinen Teil habe Spaß daran meine Arbeit gut zu machen und was zu leisten. Aber das ist halt auch nur möglich, wenn einem das vom Arbeitgeber entsprechend ermöglicht wird und bestenfalls honoriert wird...

Endoplasmatisches Reticulum
30.06.2023, 15:21
Welche Klinik interessiert sich dafür, was sie einem Bewerber bietet? Geben und Nehmen steht da doch zu 99 % nichtmal im Intranet-Duden. Es wird ein Arbeitseinsatz erwartet, als wäre man Teilhaber der Buckeln-wie-im-Lazarett gGmbH, aber man wird behandelt wie ein Azubi auf Almosen, der dankbar zu sein hat, einen befristeten Vertrag angeboten zu kriegen. Selbst Kliniken am Arsch der Welt haben noch nicht gelernt, was sie bei ärztlichen Stellenausschreibungen in die "Was wir bieten"-Rubrik schreiben sollen. Das höchste der Gefühle sind Tariflohn und in der mongolischen Tundra vielleicht noch ein vages "Hilfe bei der Wohnraumbeschaffung", wo man dann halt erst beim Anruf in der HR abgeschmettert wird, weil das Angebot natürlich wieder nur für Pfleger und ausländisches Personal gilt.

Ich behaupte ketzerisch: Die Menschen haben vielleicht auch einfach immer weniger Bock, sich verarschen zu lassen, weil sie in der Klinik immer mehr verarscht werden. Das treibt den Wunsch nach Rekompensation. Immerhin ist das Durchstehen dieser üblen aber erzwungenen Zeit gewissermaßen eine Investition ins Später, deren Früchte man natürlich auch irgendwann mal ernten möchte. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Der Oberarzt will operieren und keinen Vordergrunddienst mehr machen, der Facharzt will vielleicht in die Niederlassung und da endlich eine adäquate Work-Life-Balance bei fairer Bezahlung.

Schneeflöckchen, wie ich dieses Gaslighting hasse. Wir reden hier nicht von TikTokern mit blauen Haaren, die Panikattacken kriegen, wenn man ihre 24 Pronomen in der falschen Reihenfolge auflistet. Die Einzigen im Kliniksetting, die ich bisher kennengelernt habe und auf die so eine Bescheibung wirklich gepasst hätte, waren gewisse Chef- und Oberärzte, insbesondere an Unikliniken. Kaiser mit Clownsnasen, die partout nicht verstehen konnten, dass sie splitterfasernackt sind und das Umfeld nicht aus Demut den Blick meidet, sondern aus Scham.

Ob Leute wie Thomas - denen ich gerne glaube, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen - den Fallout der ihnen vorgeschalteten Kliniklandschaft ausbaden sollten, das kann man natürlich diskutieren. Andererseits ... wann ist die Welt schon fair? Bloß eine etwaige Verwunderung über diesen Umstand verstehe ich wenig.

Evil
30.06.2023, 15:23
Wir tauschen Lebenszeit gegen Geld. Nüchtern betrachtet ist es nicht mehr.
Die Aussage ist ziemlicher Unsinn. Deine Lebenszeit interessiert deinen Arbeitgeber nicht die Bohne, der will Leistung von Dir, jedenfalls im niedergelassenen Bereich.
Oder um es anschaulich auszudrücken: Du sollst Deinen Hintern auf der Arbeit nicht plattsitzen, sondern bewegen ;-)

Endoplasmatisches Reticulum
30.06.2023, 15:40
Die Aussage ist ziemlicher Unsinn. Deine Lebenszeit interessiert deinen Arbeitgeber nicht die Bohne, der will Leistung von Dir, jedenfalls im niedergelassenen Bereich.
Das ist kein Widerspruch. Leistung ist Arbeit pro Zeit.