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DieAndere
16.08.2007, 20:57
....schwieriges Thema.
Mein Standpunkt: ich bin für mich generell gegen Abtreibungen, wie auch gegen aktive Sterbehilfe.
Ich habe selbst zwei Kinder, Gott sei Dank beide gesund, aber in meiner zweiten SSWin der 20. Woche stellte der Gyni plötzlich fest, daß mein Sohn einen "zu dicken Bauch" habe. Das Gefühl danach war sehr unangenehm; schlaflose Nächte und Rätselei, was wohl dahinter stecken könnte. Trotzdem habe ich nie an eine Abtreibung gedacht.
Ich kann Frauen verstehen, die sich das Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können. Und trotzdem finde ich es gleichzeitig erschreckend.
Dennoch muß man die Sache realitisch betrachten: was man machen kann, wird auch gemacht werden. Und mit Fortschreiten der medizinischen Technik wird es immer ein Für und ein Wider geben: Wo viel Licht, da viel Schatten.
Die Entscheidung über die Abtreibung sollte aber tatsächlich der betroffenen Mutter vorbehalten bleiben; denn ansonsten würde es sicherlich wieder "Engelmacherinnen" geben - also eine medizinische Subkultur, die unkontrolliert im Verborgenen agiert. Da ist mir dann doch die durch den Staat geschützte und gebilligte Abtreibung lieber - auch wenn ich das nicht gut heiße.
Das Argument, dem Behinderten geht es sicherlich nicht gut, lasse ich nicht gelten. Das ist unsere Sicht der Dinge; wir können nicht beurteilen, ob ein behinderter Mensch Freude am Leben hat oder nicht - genauso grauenhaft finde ich die Aussage, daß ein Komapatient ja nichts mitkriegt - und deshalb kann man ihn getrost verhungern und verdursten lassen - siehe Teri Schiavo.
Wenn man sich schon herausnimmt, zu beurteilen, daß ein Behinderter ja keinen Spaß am Leben haben kann, muß man sich auch dazu bekennen, daß der Beweggrund eines solchen Urteils ein sehr egoistischer ist - nämlich das eigene Unvermögen, mit einer solchen Situation um zu gehen.
Menschlich ist das sicherlich verständlich - ob es richtig ist, kann und will ich nicht beurteilen.
Was in meinen Augen gar nicht geht, sind die ganzen sog. sozialen Indikationen. Niemand muß heut zu tage in unseren Breiten mehr ungewollt schwanger werden!

McBeal
16.08.2007, 22:08
Oh mein Gott. Wie grauenvoll. Ich werde solche Entscheidungen nie verstehen können. Wie läuft das in der Klinik ab, wenn ich mich weigern würde? Oder sollte ich mit meiner Einstellung einfach die Gyn meiden?!
Ist ne individuelle Sache. Ich habe für mich beschlossen, dass ich u.a. deshalb auf keinen Fall in die Gyn will. An christlichen Häusern führt man zwar keine Abbrüche selbst durch, wird in dem Fach aber einfach zu oft damit konfrontiert.
In meiner Gyn-Famu bin ich mit ner Hochschwangeren in Kontakt gekommen, die 5 oder 7 Abbrüche (ja, wirklich, Fehlgeburten wurden nochmal extra aufgeführt) hinter sich hatte. Und ich habe sofort heftigste Aversionen gegen sie entwickelt - damit konnte ich so gar nicht umgehen.

LG,
Ally

HorstHützel
17.08.2007, 14:17
Auf jeden Fall muss eine solche Entscheidung einzig und allein der Mutter bzw. den Eltern vorbehalten bleiben.

Als hoffentlich kompetenter und erfahrener Arzt sollte man aber offen und ehrlich sein mit Aussagen bezüglich Prognose, evtl. notwendigen OPs und Behandlungen etc. . Wenn man nicht kompetent + erfahren ist, bzw. man nicht in der Lage ist es den Eltern zu vermitteln, dann ehrlich sein und zu jemandem schicken der es kann.

Die Konsequenz aus diesen Infos müssen dann die Eltern selbst ziehen.

Zu wissen, dass mein Kind schwer fehlgebildet zur Welt kommt und das erste Lebensjahr mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vollenden wird (z.B. Trisomie 18 od. 13) würde mich (wenn ich denn weiblich wäre...) wahrscheinlich doch zu einer Entscheidung gegen das Kind führen.

Bei Trisomie 21 wird es schon schwieriger, aber ich persönlich könnte mir ein Leben mit einem betroffenen Kind nicht vorstellen. Gott sei Dank stecken meine Frau und ich nicht in einer solchen Situation, sondern haben einen gesunden, quietschfidelen 4-jährigen.

Fehlbildungen sind zwar oftmals Teil eines Syndroms, aber selbstverständlich stellt ein fehlender Finger od. Gaumenspalten für mich keinen Grund dar.

HH

Simone_th
17.08.2007, 16:43
Auf jeden Fall muss eine solche Entscheidung einzig und allein der Mutter bzw. den Eltern vorbehalten bleiben.

Als hoffentlich kompetenter und erfahrener Arzt sollte man aber offen und ehrlich sein mit Aussagen bezüglich Prognose, evtl. notwendigen OPs und Behandlungen etc. . Wenn man nicht kompetent + erfahren ist, bzw. man nicht in der Lage ist es den Eltern zu vermitteln, dann ehrlich sein und zu jemandem schicken der es kann.

Die Konsequenz aus diesen Infos müssen dann die Eltern selbst ziehen.

Zu wissen, dass mein Kind schwer fehlgebildet zur Welt kommt und das erste Lebensjahr mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vollenden wird (z.B. Trisomie 18 od. 13) würde mich (wenn ich denn weiblich wäre...) wahrscheinlich doch zu einer Entscheidung gegen das Kind führen.

Bei Trisomie 21 wird es schon schwieriger, aber ich persönlich könnte mir ein Leben mit einem betroffenen Kind nicht vorstellen. Gott sei Dank stecken meine Frau und ich nicht in einer solchen Situation, sondern haben einen gesunden, quietschfidelen 4-jährigen.

Fehlbildungen sind zwar oftmals Teil eines Syndroms, aber selbstverständlich stellt ein fehlender Finger od. Gaumenspalten für mich keinen Grund dar.

HH

Gute Überlegungen, aber wiederum fehlt der Punkt wann und bei welcher Behinderung eine interruptio aus medizinischen Gründen angemessen ist. Den es spielt für alle Betroffenen eine Rolle, ob nach der Diagnose von Trisomie 21 eine interruptio in der SSW 13 durchgeführt wird, oder die Frau das Recht haben soll, in der SSW 25 eine "Totgeburt" einleiten zu lassen, weil das Kind am Down Syndrom leiden würde. Denn wenn es nach der heutigen Lage gerechtfertigt ist, zu so einem späten Zeitpunkt eine Spätabtreibung einzuleiten, weil der Frau nicht zuzumuten ist, ein behindertes Kind zu gebärden (embryopathologische Indikation gibt es ja theoretisch nicht mehr..), dann müsste es auch erlaubt sein, dies bei einer Frau zu tun, die zwar ein gesundes Kind erwartet, deren Lebensumstände aber ein Kind aber zu einer Belastung machen würden, die in etwa so groß ist, wie die Belastung in einem anderen Fall mit einem behinderten Kind. - Diese Fragen muss man sich stellen.

Das Problem der "Überlebenden" eines Abbruchs in diesem Stadium wird durch den Herzstillstand des Fetus vor Einleitung der Geburt zwar rechtlich gelöst. Aber diese Frage sollte gestattet sein: Wäre es nicht sinnvoller, vielleicht wenn man noch ein paar Wochen wartet, eine Lebendgeburt einzuleiten, und das Kind zur Adoption freizugeben? Es gibt ja augenscheinlich Paare, die selbst ein behindertes Kind aufnehmen würden (Oldenburger Fall). Sorry, bin da etwas vorbelastet, aber in finde die heutige Praxis zum k... Eine Frau muss zur Zwangsberatung, wenn sie einen 4 Wochen alten Embryo abtreiben will, daneben werden ohne groß nachzufragen Kinder, ja ich gebrauche den Begriff Kinder, da häufig mit intensivmedizinischer Betreuung ausserhalb des Mutterleibes bereits lebensfähig, abgetrieben, nur weil sie behindert sind...

Sorpresa
17.08.2007, 18:07
...dann müsste es auch erlaubt sein, dies bei einer Frau zu tun, die zwar ein gesundes Kind erwartet, deren Lebensumstände aber ein Kind aber zu einer Belastung machen würden, die in etwa so groß ist, wie die Belastung in einem anderen Fall mit einem behinderten Kind.

mit entsprechendem psychiatrischen gutachten werden auch schwangerschaftsabbrüche bei gesunden kindern vorgenommen unabhängig vom schwangerschaftsalter.
bewertungen spar ich mir an der stelle.


Wäre es nicht sinnvoller, vielleicht wenn man noch ein paar Wochen wartet, eine Lebendgeburt einzuleiten, und das Kind zur Adoption freizugeben? Es gibt ja augenscheinlich Paare, die selbst ein behindertes Kind aufnehmen würden (Oldenburger Fall). Sorry, bin da etwas vorbelastet, aber in finde die heutige Praxis zum k... Eine Frau muss zur Zwangsberatung, wenn sie einen 4 Wochen alten Embryo abtreiben will, daneben werden ohne groß nachzufragen Kinder, ja ich gebrauche den Begriff Kinder, da häufig mit intensivmedizinischer Betreuung ausserhalb des Mutterleibes bereits lebensfähig, abgetrieben, nur weil sie behindert sind...

ich denke die problematik ist einfach viel komplexer. du kannst net schreiben können die das net kriegen und zur adoption freigeben. das darfst du vielleicht so manchmal denken, aber sei mal in dieser situation und bekomm dann das kind und gebs weg. sicher sind beide optionen belastend, aber die entscheidung hierüber steht dir nicht zu. nicht als arzt und nicht als mensch.

man sollte besonders als arzt hier ohne zu verurteilen und ohne benachteiligung in jeder hinsicht agieren, wie in anderen situationen auch, was man denkt sei dabei dahingestellt.

das manche gerne kinder hätten und andere keine haben können ist nunmal ungleich verteilt, aber thats life.

Simone_th
17.08.2007, 18:23
1. Ja, mit entsprechenden Gutachten geschieht dies, und häufiger als man denkt. Jedoch geschieht dies meistens unter vorgehaltener Hand und niemand spricht gern darüber, da es bei psychiatrischen Gutachten dann schnell heisst, sei ein Gefälligkeitsgutachten. Aber gerade das war ja mein Einwurf: Wenn Abtreibung ok, weil behindertes Kind eine Belastung für Mutter wäre, dann auch ok, wenn in einem andern Fall ein gesundes Kind eine Belastung wäre. Wenn ich aber jetzt mal eine (sagen wir mal fiktive) Geschichte von einer Frau erzähle, die in der 20. Woche einen Abbruch nach einem psychiatrischen Gutachten durchführen lässt dann wird sofort ein Aufschrei durchs Forum gehen, wie man so etwas machen kann... während es bei einem behinderten Kind viele ok finden.
2. Das mit der Adoption war nur ein Gedankengang, jedoch nicht nur ganz theoretisch: Der - zugegebenermassen seltene - Fall: Abbruch 25. Woche wegen Trisomie 21: Ist es tatsächlich für die betroffene Frau weniger belastend, wenn das Kind lebend auf die Welt kommt, es anschliessend stirbt, evtl.vor ihren Augen, als wenn man zum gleichen Zeitpunkt eine Geburt auslösen würde, mit dem Versuch, das Kind am leben zu erhalten, zu versorgen und zur Adoption freizugeben?

HorstHützel
18.08.2007, 21:00
2. Das mit der Adoption war nur ein Gedankengang, jedoch nicht nur ganz theoretisch: Der - zugegebenermassen seltene - Fall: Abbruch 25. Woche wegen Trisomie 21: Ist es tatsächlich für die betroffene Frau weniger belastend, wenn das Kind lebend auf die Welt kommt, es anschliessend stirbt, evtl.vor ihren Augen, als wenn man zum gleichen Zeitpunkt eine Geburt auslösen würde, mit dem Versuch, das Kind am leben zu erhalten, zu versorgen und zur Adoption freizugeben?

Echt eine schwierige (unlösbare?) Problematik.
Ich denke nicht, das irgend jemand entscheiden kann und darf, was für die betroffene Frau und ihre Familie "weniger" belastend ist.

HH

funny
22.08.2007, 10:44
fuer mich geht es bei dieser frage aber auch mindestens ebensosehr um die frage, ob man sich ein leben MIT dem behinderten kind vorstellen kann, und nicht nur darum ob das leben fuer das kind lebenswert waere. ich glaub auch, dass die meisten entscheidungen pro oder contra kind bekommen auch auf dieser ebene gefaellt werden, ist bei mir jedenfalls so.


Gebe ich dir Recht. Wer weiß schon, ob ein schwer behindertes Kind glücklich und zufrieden sein kann. Ich kann es mir vorstellen. Ich kann mir auch das Gegenteil vorstellen. Aber niemand ausser dem Kind WEIß es. Deshalb würde ich das nicht als Entscheidungsgrundlage nehmen, obwohl ich die Argumentation nachvollziehen kann.

Ich kann mir ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen. Allerdings sehe ich die große Gefahr, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Behinderung in dem Maße schwindet, in dem man durch Pränatal-Diagnostik "vorbeugen" hätte können. So nach dem Motto "Meine Güte, hätte man das denn nicht feststellen können?"

Ich habe mal eine Reportage dazu gesehen. Der Vater eines schwer behinderten Kindes hat mal gesagt, dass jeder gerne ein "erstklassiges Kind", also ein Kind "erster Güte" haben will und er verstehen kann, wenn man ein behindertes abtreibt. Dennoch bereut er seine Entscheidung nicht. Das Wort "erstklassig" hat mich dennoch erschrocken. Klingt sehr materialistisch und leistungsbezogen.

Yersinia I.
31.08.2007, 15:27
"Niemand muss in unseren Breiten ungwollt schwanger werden...?" - Hallo?? Schon mal was vom Pearl-Index gehört? Das aber nur nebenbei.

Ich selber hätte nur ungern ein Kind mit schwerer Behinderung (wobei geistige für mich noch schwieriger als körperliche Behinderung wäre).

1) Ich möchte meinen Beruf nicht aufgeben. Das würde mich zu einem unzufriedenen Menschen machen, das weiß ich genau. Von einer depressiven Mutter hat kein Kind was. Und gerade mit einem behinderten Kind braucht man sehr viel emotionale Stabilität. Schon gesunde, "normale" Kinder bringen einen oft genug an den Rand der Verzweiflung!

2) Ich habe schon 2 Kinder, denen ich gern genauso viel Zuwendung geben möchte, wie dem 3. Kind. Das wäre mit einem sehr pflegebedürftigen 3. Kind nicht mehr möglich.

Das Problem betrifft mich selbst gerade - ich bin schwanger in der 15. Woche und war froh, dass alles in Ordnung war (Sono, NT und so). Wäre dabei und bei weiteren Untersuchungen festgestellt worden, dass schwere Behinderungen vorliegen, hätte ich mich wahrscheinlich für eine Interruptio entschieden. (Natürlich unter Einbeziehung meines Partners.) Und zu dieser Entscheidung stehe ich auch.

Mein ältester Sohn war übrigens ungeplant - haha, der Pearl-Index! - ich war 19, und es war eine gute Entscheidung, ihn zu bekommen, auch wenn es oft schwierig war. Das würde ich zB auch nie von einer Minderjährigen verlangen, ein ungewolltes Kind großzuziehen - damit verbaut man ihr viel Perspektive, und dem Kind gegenüber ist es möglicherweise auch nicht fair.

Eilika
31.08.2007, 16:10
2) Ich habe schon 2 Kinder, denen ich gern genauso viel Zuwendung geben möchte, wie dem 3. Kind. Das wäre mit einem sehr pflegebedürftigen 3. Kind nicht mehr möglich.
ich habe mich nicht zum Thema geäußert und ich werde mich nicht zum Thema äußern, ich möchte nur zu diesem einen Punkt etwas sagen. Ich habe zwei jüngere Brüder und der jüngste ist mehrfach schwer behindert. Und ich hatte nie das Gefühl, dass sich meine Eltern weniger um uns gekümmert haben, als möglich wäre. Ich hatte nie das Gefühl, zurückstecken zu müssen oder weniger Zuwendung zu bekommen...
Eilika, die ihre Meinung zum Thema als solches mal für sich behält...

Roxane
16.09.2007, 19:33
Hilfe, was für Zyniker hier teilweise herumlaufen. Gerade unter Medizinern, die eigentlich mehr Einblick haben sollten, hätte ich anderes erwartet.

Klassischer Fall Morbus Down - 90% der Schwangeren treiben nach Pränataldiagnostik ab. Wie soll man das medizinisch rechtfertigen können? Die Kinder sind weitgehend selbstständig, können zur Schule gehen, arbeiten, etc. pp. Ich will nichts beschönigen, zweifelsohne werden sie nie so autonom sein wie ein vollkommen gesunder Mensch - aber hey, was macht Ihr, wenn Euer 10-Jähriges Kind morgen einen Unfall erleidet und schwerbehindert ist?

Man kann nicht immer als Grund vorschieben, es sei die alleinige Entscheidung einer Frau. Juristisch mag das ein Argument sein, moralisch und medizinisch hingegen nicht. Gerade als Mediziner sollte man sich doch der Tatsache bewusst sein, dass das nicht einfach ein Zellklumpen ist, sondern ein Lebewesen, bei dem sich Organe, Extremitäten entwickeln und zum Teil schon in der Sono sichtbar werden. Ebenso sollte einem bewusst sein, dass Trisomie 21 nicht gleichbedeutend mit unwürdigem Leben ist. Diese Kinder gelten durchaus als Sonnenscheine, die viel Fröhlichkeit verbreiten können und durchaus mit ihrem Leben zufrieden sein können.

Es gibt sicherlich wirklich schwere Behinderungen, bei denen das Kind nur wenige Stunden oder Tage die Geburt überleben wird. Hier würde ich einer Frau nicht unbedingt die psychische Belastung zumuten wollen, eine Schwangerschaft neun Monate lang auszutragen, um dann den sicheren Tod ihres Kindes zu erleben, Beispiel Anenzephalie. Morbus Down, Spina bifida occulta etc. sind aber definitiv keine Krankheiten, die einen Abbruch medizinisch und moralisch vertretbar machen.

Aber was red ich hier, wenn doch Umfragen ergeben haben, dass 20% aller Frauen angeben, dass sie ein Kind, von dem sie wüssten, dass es zur Fettsucht neigt, abtreiben würden.

Die moderne Medizin mit ihren Methoden ist ein Segen - Pränataldiagnostik und Sono können bei erkannter Fehlbildung helfen, die Geburt optimal vorzubereiten und die werdende Mutter in spezialisierte Zentren einzuweisen. Sie ist aber auch ein Fluch, denn sie sorgt für Dammbrüche, die schon heute nicht mehr aufzuhalten sind. Es wird der Tag kommen, an dem man Adipositas, Kleinwuchs, Anlagen für eine hässliche Nase etc. pp. vorgeburtlich diagnostizieren wird können - und viele Frauen dann als Konsequenz abtreiben.

Weil die Kinder nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, weil sie gerade nicht in die Lebensplanung passen. Wir Mediziner können vielleicht Dinge analysieren, die wir vor zehn Jahren noch nicht analysieren konnten. Aber wir können - und ich möchte fast sagen, glücklicherweise - das Leben nicht vollständig kontrollieren. Wenn ich kein drittes Kind möchte, dann kann ich es abtreiben. Das wird mir jedoch keine Garantie gewährleisten, dass das zweite oder erste Kind keinen schweren Unfall erleidet und zum Vollpflegefall wird. Ich kann mir oder ihm ein extrem gut ausgerüstetes Auto kaufen mit allen möglichen Sicherheitsvorkehrungen, auch das wird mir nicht die Sicherheit geben, nicht doch plötzlich mir nichts dir nichts an Leukämie zu erkranken, wie kürzlich eine 22-Jährige Patientin bei uns auf Station.

Dr. Jekyll
16.09.2007, 20:10
Ich finde krass, dass man nicht mal mehr solche Gedanken äußern kann! ICH gebe mir selbst das Recht dazu, darüber zu richten, was ICH mit meinem Bauch und meinem Leben anfangen will. Denn an MIR als Mutter bleibt das alles hängen! DAS ist mein Recht und das werde ich verteidigen. Und mal ehrlich, glaubst du, daß ein schwerbehindertes Kind viel vom Leben hat? Klar, neben all den Operationen, den Nadeln, den Leuten, die ihm jede Intimsphäre nehmen MÜSSEN, um es zu versorgen....
Wenn ich als Mutter nicht mal drüber nachdenke, was ich meinem Kind und mir antue, wer soll es dann tun???????? Mannomann, wie mich solche Äußerungen ankotzen!!! Hast du schon mal ein Baby mit Fallotscher Tetralogie elend verrecken sehen? Hast du schon mal Kinder mit schweren Krankheiten betreut und leiden sehen? Hast du mal mit Eltern solcher Kinder ausführlich geredet, sie betreut, wenn die Kleinen krank sind? Hast du? Falls nicht, dann solltest du das tun und DANN reden wir weiter!

P.S. Und wer gibt dir das Recht, über mich zu richten??



das sehe ich genauso. nicht ALLES um JEDEN preis. das wird sowohl bei neugeborenen, als auch bei sehr alten problem ein weiter wachsendes problem werden.


und jeder sollte seine meinung frei äußern dürfen, ohne dass man angegriffen wird.

ich kann genausogut mütter verstehen, die ihr behindertes kind abtreiben lassen, da kann ich als aussenstehnder nicht auf diese mütter verbal einschlagen.

Sorpresa
17.09.2007, 09:01
@roxane:
es geht doch nich darum was ein kind vielleicht irgendwann mal an krankheiten haben wird, das ist nunmal nicht zu beeinflussen zum glück.

aber wenn du schon vorher weißt es wird nicht gesund sein dann sind das andere voraussetzungen.
dein leben wird sich völlig ändern, klar kann ein solches kind der totale sonnenschein sein, aber du musst dein leben völlig auf das kind einstellen.
da hängt so viel dran, dass du wirklich nicht über betroffene und abtreibende in dem fall urteilen kannst.
vielleicht solltest du etwas komplexer denken lernen ehe du so eine festgefahrene meinung vertrittst ohne wahrscheinlich über andere probleme in der hinsicht nachzudenken.
dass man selektiert irgendwann oder gesunde kinder nicht bekommt, darüber brauchen wir glaub ich hier net zu diskutieren...

Solara
17.09.2007, 21:35
Hier würde ich einer Frau nicht unbedingt die psychische Belastung zumuten wollen, eine Schwangerschaft neun Monate lang auszutragen, um dann den sicheren Tod ihres Kindes zu erleben, Beispiel Anenzephalie. Morbus Down, Spina bifida occulta etc. sind aber definitiv keine Krankheiten, die einen Abbruch medizinisch und moralisch vertretbar machen.



Es ist irrelevant, ob du einer Frau ein Austragen eines zB Anenzephalie-Kindes nicht zumuten würdest - es ist allein die Entscheidung der Eltern bzw. letztendlich der Mutter, ob sie eine vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft möchte, oder ob sie dem Kind selbst die Entscheidung überlassen möchte ...

little_lunatic
17.09.2007, 23:37
da ich keine eigenen kinder haben moechte wird mich das thema vermutlich nie betreffen aber....
einfach mal theoretisch und als brainstorming....
wenn ich wuesste, dass das Kind 5 Ohren haben wird (oder hasenohren :-) ) wär mir das recht. stört nicht und schränkt im leben auch nicht heftig ein.
aber ich seh auch das problem wo und wer die grenze "lebenswert" setzt. ich würds nicht generalisieren weil es individuelle ansicht ist.
ich sag mal so: Mein Bauch und meine Plazenta gehoert mir und ich bin letztlich die die hoffentlich anwesend ist bei der entscheidung kind oder nicht kind.
ich selbst hab zum beispiel einen gendefekt und musste mir anhöhren dass ich ein "missglückter 2. versuch" sei. da war vor der geburt eine vererbungswahrscheinlichkeit von 50:50. (das soll jetzt keineswegs heißen, dass ich mich schwerbehindert fühle. das ist dann schon nochmal eine andere hausnummer)
Einerseits kann man ja generell sagen mit einer Wahrscheinlichkeit von x wird ihr Kind schwerbehindert. Und wenn ich entscheide schwanger zu werden (mal abgesehen von ungeplanten schw.sch.) geh ich ein gewisses risiko ein.
und weil ich weiß dass ich neben dem gendefekt noch andere erkrankungen vererben kann sag ich schon vorher nein. dann geh ich lieber den doch recht umständlichen weg einer adoption wenn überhaupt. vielleicht ist die frage auch WARUM will jemand ein kind kriegen. wegen dem wunsch Mutter zu sein? wegen dem Wunsch ein Kind zu haben? wegen dem Wunsch einem Kind das Leben zu schenken? oder letztlich dem "natuerlich" genannten wunsch "die eigene Rasse zu erhalten"? wenn man nach letzterem ginge gibt es da ja auch die "natürliche selektion", d.h. der stärkere Überlebt bzw. das sich durchsetzende erbgut. schwerbehinderte pflanzen sich - blöd formuliert - in geringerer quote fort oder wie war das? ... einfach mal ein paar diskussionsanregungen und gedanken.

long story short: Kinderkriegen sollte imho kein Lottospielen sein.

hennessy
18.09.2007, 07:56
ich hab nur mal so kursorisch die postings hier überflogen, weil ich mir schon dachte, dass die Diskussion zum Großteil theoretisch geführt würde.
Man kann hin und her überlegen, was würde man machen. Aber alles ist Schall und Rauch, wenn man nicht selbst betroffen ist. Erst dann müssen Entscheidungen getroffen werden und erst dann wird man vielleicht die eine oder andere Überraschung erleben. Weil man unmittelbar in der Situation drin sitzt und nicht nur als Zuschauer. Und dann werden neue Situationen generiert, von denen man früher fest überzeugt war, ganz anders zu entscheiden.

Mirona
18.09.2007, 18:31
Ich würde mir überlegen, ob ich mir mit dieser Behinderung gewünscht hätte von meinen Eltern am Leben gelassen zu werden und dann die Entscheidung treffen. Nichts gegen kleine Sachen, aber bei den richtig grossen Fehlbildungen, fragt man sich ja auch was man dem Kind für ein Leben ermöglicht. Und seien wir realistisch- ständige und lebenslange Ausgrenzung aufgrund der Behinderung durch das soziale Umfeld sind ja schon für gesunde Kinder schwer zu ertragen.

annekii
18.09.2007, 19:23
Ich würde mir überlegen, ob ich mir mit dieser Behinderung gewünscht hätte von meinen Eltern am Leben gelassen zu werden und dann die Entscheidung treffen. Nichts gegen kleine Sachen, aber bei den richtig grossen Missbildungen, fragt man sich ja auch was man dem Kind für ein Leben ermöglicht. Und seien wir realistisch- ständige und lebenslange Ausgrenzung aufgrund der Behinderung durch das soziale Umfeld sind ja schon für gesunde Kinder schwer zu ertragen.

Das kannst Du als Außenstehende nicht beurteilen. Du kannst nur beurteilen, ob DU ein solches Kind begleiten kannst. Aber ob es glücklich ist oder nicht, merkt nur das Kind und seine nahen Verwandten. Ich habe so ein Kind, das sicher viele von Euch zu schlimm behindert finden, um damit ein glückliches Leben zu führen. Sie ist schwerstmehrfachbehindert wegen einer Hirnfehlbildung mit neurodegenerativer Erkrankung, Sonde, Tracheostoma, nachts Beatmung, kein Greifen, Fixieren, Sitzen, usw., Epilepsie. Und sie ist ein tolles kleines Mädchen, das mit Freude in den Kindergarten geht, trotz dass sie zwischendurch krampft, abgesaugt werden muss oder die Spastik schmerzen kann.

Und wer uns kennenlernt, lernt eine lebenslustige Familie kennen, in der jedeR etwas für sich und alle was zusammen haben. Es war und ist schon eine ziemliche Aufgabe, aber man wächst rein.

Jede Familie muss das selbst entscheiden, ob sie so etwas leisten kann. Wir können das sicher kein zweites Mal dazu leisten.
Und ich kann gut verstehen, wenn man sich nicht vorstellen kann, so etwas zu schaffen. Aber ich mag nicht hören, dass jemand findet, dass mein Kind besser nicht leben würde.

Und MISSbildung hört sich richtig ätzend an.

LG
Annekii

schwarzwald
18.09.2007, 19:26
Und wer uns kennenlernt, lernt eine lebenslustige Familie kennen, in der jedeR etwas für sich und alle was zusammen haben. Es war und ist schon eine ziemliche Aufgabe, aber man wächst rein.

Jede Familie muss das selbst entscheiden, ob sie so etwas leisten kann. Wir können das sicher kein zweites Mal dazu leisten.
Und ich kann gut verstehen, wenn man sich nicht vorstellen kann, so etwas zu schaffen. Aber ich mag nicht hören, dass jemand findet, dass mein Kind besser nicht leben würde.


Absolut meine Meinung ! :-top
Und Annekii ich kann dich gut verstehen...

Sirat
18.09.2007, 21:59
ich hab nur mal so kursorisch die postings hier überflogen, weil ich mir schon dachte, dass die Diskussion zum Großteil theoretisch geführt würde.
Man kann hin und her überlegen, was würde man machen. Aber alles ist Schall und Rauch, wenn man nicht selbst betroffen ist. Erst dann müssen Entscheidungen getroffen werden und erst dann wird man vielleicht die eine oder andere Überraschung erleben. Weil man unmittelbar in der Situation drin sitzt und nicht nur als Zuschauer. Und dann werden neue Situationen generiert, von denen man früher fest überzeugt war, ganz anders zu entscheiden.

So ist es ---