Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Katastrophen-Arztbriefe
Leute, ich war ewig nicht mehr hier, aber ich muss jetzt echt mal was loswerden.
Eine Sache, die mir zunehmends gegen den Strich geht ist die Folgende:
Für Arztbriefe geben sich immer mehr Kollegen immer weniger Mühe. Der Brief wird in der Regel einfach mal so im Vorbeigehen hingeschmiert...
Rechtschreibung? Völlig überbewertet.
Satzbau? Braucht kein Mensch.
Strukturierung? Unnötig.
Formatierung? Noch nie gehört.
Letzteres nervt mich am allermeisten. Am besten Word in drei verschiedenen Schriftarten und Schriftgrößen. Den Text dann an drei verschiedene Tabs eingerückt. Und die Überschriften möglichst fett, kursiv UND unterstrichen. Damit die auch keiner übersieht. Sicher ist sicher...
Und wisst ihr was das Allerschlimmste ist: Wenn ich das Kind nach Hause entlasse, muss ich auch noch MEINEN Namen unter dieses Armutszeugis setzen. Ich mache mir manchmal echt die Mühe, alles nochmal zu überarbeiten, aber irgendwie fehlt mir langsam dafür die Lust und vor allem die Zeit.
Passend dazu: Letztens hat ich ne Niedergelassene am Apparat, die sich nochmal nach einigen Befunden zu einem Kind erkundigen wollte. Kurz vor Ende des Gesprächs fragt die mich tatsächlich, ob die Kollegen, die den Brief verfasst haben, der deutschen Sprache nicht so mächtig sind.
Ich lass das mal so stehen.
Wie löst ihr das? Bin ich der Einzige, den das so dermaßen ärgert??
Kinder, ich fühl mich grad wie der Choleriker aus der heute-show...
Relaxometrie
28.01.2013, 22:57
Ich verstehe, daß (dass <--- für Dich :-) ) Du von den schlechten Briefen genervt bist. Aber das ist wohl fast schon normal. In fast jedem Brief sind ja zumindest Schlampereien oder Flüchtigkeitsfehler enthalten. Einige Briefe sind dann aber noch schlimmer, bzw. echte Katastrophen.
Das scheint eine logische Konsequenz daraus zu sein, daß immer häufiger nicht-Muttersprachler bei uns arbeiten, aber auch, daß die Arbeitsbelastung so hoch ist, daß man sich um vermeintliche Nebensächlichkeiten, wie einen korrekten Brief, nicht auch noch kümmern möchte.
Das scheint eine logische Konsequenz daraus zu sein, daß immer häufiger nicht-Muttersprachler bei uns arbeiten...
Um das klarzustellen: Bei uns sind alle Assis Muttersprachler. Daran scheiterts also nicht... :-))
Feuerengelchen
28.01.2013, 23:48
Ist es bei euch in der Klinik nicht üblich, dass die Briefe vom zuständigen OA nochmal durchgeschaut und ggf gleich im PC geändert und freigegeben werden können bevor das "Vorläufig"-Prädikat gelöscht wird?
Ich habs an vielen meiner Praktikums/Famulatur/PJ-Stellen so oder ähnlich mitbekommen (zB ausgedruckte Version mit Korrektur vom OA nach der Morgenbesprechung wieder zurückgekriegt).
Ist es bei euch in der Klinik nicht üblich, dass die Briefe vom zuständigen OA nochmal durchgeschaut und ggf gleich im PC geändert und freigegeben werden können bevor das "Vorläufig"-Prädikat gelöscht wird?
Ich habs an vielen meiner Praktikums/Famulatur/PJ-Stellen so oder ähnlich mitbekommen (zB ausgedruckte Version mit Korrektur vom OA nach der Morgenbesprechung wieder zurückgekriegt).
Doch doch. Aber in der Regel bekommen die Patienten ja nen vorläufigen Brief mit, ohne OA-Korrektur. Und ehrlich gesagt korrigiert der OA bei der Fülle an Briefen auch nicht jede Formatierung.
Der Fehler liegt schon am Anfang der Kette.
Aber ich seh schon, den Nerv des Medi Learn - Forums hab ich damit nicht getroffen. Ich ärger mich derweil weiter...
Wir haben einen Schreibdienst, der die Briefe schreibt und formatiert.
Wenn der Brief oberärztlich vidiert ist geht er zum ausdrucken wieder an den Schreibdienst zurück, der ganz doll schimpft, wenn da irgendwas umformatiert ist - da gibt es glaub sogar ne Dienstanweisung wie so ein Arztbrief auszusehen hat.
So ein typographisches Debakel würde bei uns nicht rausgehen...
Kackbratze
29.01.2013, 05:35
In allen meinen Abteilungen wurden die Briefe vorher korrigiert. Nur erfahrene Altassistenten mit erwiesenen Typo- und Orthographiekenntnissen durften "vorläufige" Briefe rausgeben.
Und auch das Recht wurde bei Schlendrian schnell wieder zurückgezogen.
Kenne ich. Bei uns schreibt der Nachtdienst die Briefe und der Frühdienst entlässt und setzt auch seinen Namen drunter. Da ich auch keinen Mist rausgebe, haben sich dann oft Entlassungen verzögert oder Eltern mussten sich den Brief am nächsten Tag abholen. Aber Blödsinn gebe ich, gerade bei Neo-ITS-Kindern, nicht raus. Meistens waren es ausländische Kollegen und dann sehe ich auch vieles ein, aber nicht fachliche Fehler à la "Fruhgeborenes der 41+3. SSW" oder "Genitale weiblich-infantil" bei eindeutig männlichem Kind. Leider haben wir aber auch Muttersprachler, die viel Blödsinn verzapfen oder bei denen sich jede Epikrise so anhört, als hätte das Kind nichts gehabt. Mehr als es selbst richtig zu machen und nochmal drüber zu schauen, fällt mir aber leider auch nicht ein.
LG
Ally
John Silver
29.01.2013, 11:12
Jaaa, Arztbriefe sind ein Thema für sich.
Mit dem Format haben wir keine groben Probleme, da das PC-System das Format vorgibt. Dennoch schimpft unser Chef lauthals, wenn Leute mit Mätzchen wie Fett- und Kursivmarkierungen anfangen. Er will ein einheitliches Bild, und das ist m.E. Auch richtig so. Der Arztbrief ist eine Visitenkarte der Klinik; wenn dieser schlecht ist, entsteht ein entsprechender Eindruck.
Man sollte nie darauf vertrauen, dass Rechtschreibung, Grammatik und Stil bei Kollegen, deren Muttersprache Deutsch ist, irgendwelchen höheren Ansprüchen genügen. Allein schon die allgegenwärtigen Stilmonster wie "Die ausführliche Anamnese des Patienten bitten wir als bekannt voraussetzen zu dürfen" wecken bei mir immer die Lust, den betreffenden Kollegen mal das eine oder andere Buch wie "Man spricht deutsh" um die Ohren hauen.
Was mir auch gehörig auf den Zeiger geht, ist das übliche Gewäsch wie "Nach entsprechender präoperativer Vorbereitung haben wir die Operation durchgeführt". Nee, echt wahr? Wenn schon im Abschnitt "Therapie" steht, dass man die und die OP an dem und dem Tag durchgeführt hat, wozu soll dieser sinnlose Satz gut sein? Solche Sätze stehen in vielen Briefen zuhauf, offenbar weil die Kollegen meinen, ohne mindestens 10 Sätze im Verlauf sehe der Brief leer aus. Mal davon abgesehen, dass die Niedergelassenen diesen Briefteil eh nie lesen, soll ein Brief auch präzise und klar wesentliche Informationen überliefern. Gewäsch stört die Präzision, sonst hat es keine Funktion. Außerdem ist besonders peinlich, wenn man 10 Sätze Gewäsch produziert, und dann eine wirklich wesentliche Information auslässt.
Ich bin auch ein Gegner von Textbausteinen und vorgefertigten Briefen. Diese führen regelmäßig dazu, dass man beim Drüberlesen unaufmerksam wird, und dadurch vergisst, wichtige Passagen zu korrigieren und zu ergänzen. Dann steht in einem Brief einer weiblichen Patientin nach einer Leistenhernien-OP regelmäßig drin, der ipsilaterale Hoden sei postoperativ in Ordnung gewesen. Schön für die Frau. Das ist dann eher unter "lustige kleine Fehler" zu verbuchen und führt zu keinem Problem; wenn jedoch wichtige Informationen aus dem Verlauf wie eine neu aufgetretene allergische Reaktion auf ein Medikament, Transfusion oder Revisionseingriff fehlen, ist es nicht mehr lustig, weil ein solcher Informationsverlust u.U. Zu einem handfesten Problem führen kann.
Was meiner Meinung nach sehr stark vernachlässigt wird, ist die Tatsache, dass man insbesondere Anfängern das Briefeschreiben ebenso wie alles andere erst beibringen muss, wenn man möchte, dass diese Tätigkeit gut und im eigenen Sinne ausgeführt wird. Meinstens wird nur durchgestrichen, gemeckert und zurück zur Korrektur geschickt; ein Anfänger versteht aber meistens mangels Erfahrung nur begrenzt, was warum korrigiert werden soll. Dann wird es gemacht, aber nicht verstanden, und der Fehler wird wiederholt. Und die Schuld liegt nicht beim Anfänger. Das Trial&Error-System ist nicht sonderlich effektiv. Ich versuche immer, Anfängern detailliert zu erklären, was warum drin stehen sollte, und was man getrost weglassen kann. (Leider führt es häufig genug zu kindlichen Trotzreaktionen wie "Du bist doch kein Oberarzt, warum spielst Du Dich so auf!". Nun ja, wer nicht will, der hat schon - und dann ist doch immer ein Stückchen Schadenfreude dabei, wenn ich maximal 1 Brief pro Monat korrigieren muss, während die betreffenden Kollegen mit schöner Regelmäßigkeit hohe Stapel in ihren Fächern vorfinden, mit dicken fetten Strichen des Chef'schen Kugelschreibers).
Feuerengelchen
29.01.2013, 12:07
Wenn ich so zurückdenke an meine ersten Briefein den Famulaturen, dann hat mir das eigentlich nie jemand wirklich beigebracht (außer wie ich die Vorlage im PC für den jeweiligen Patienten anlege und abspeichere). Da fand ich es dann schon in gewisser weise schlimm, wenn nicht mal ein Feedback zum Bessermachen kam, sondern der Brief schon komplett umgestellt vom OA zurückkam. Erst in meinem Pädi-PJ haben sich die Assis nach Schreiben der Briefe wirklich lieb darum gekümmert und auch gesagt warum etwas wichtig oder unwichtig ist oder was man WARUM ändern sollte.
Ich habe im übrigen als Student schon mal 5€/geschriebenen Brief bekommen und mir mein Taschengeld mit Nachhilfe-Unterricht im deutsche-Briefe-schreiben für Nicht-Muttersprachler aufgebessert :)
LasseReinböng
29.01.2013, 14:12
Das sprachliche Niveau mancher Arztbriefe ist tatsächlich ziemlich niedrig. Da gerieren sich viele Ärzte gerne so elitär und verfassen dann Schriftstücke, die kein Handwerksbetrieb in Deutschland an den Kunden raussenden würde.
Allerdings hat man oft auch nicht die Zeit, in Ruhe und mit Verstand einen Arztbrief zu schreiben. Bei meiner letzten Stelle haben die meisten Kollegen erst nach offiziellem Dienstschluss mit den Briefen beginnen können, da ist dann auch klar, daß man es irgendwann nicht mehr einsieht, um 20.30 Uhr noch an Formulierungen zu feilen, zumal auch der empfangende Kollege meist gar nicht die Zeit hat, auf sowas zu achten, der muß schnell die wichtigen Infos raussaugen und das wars.
Was die Korrektur durch OA und CA anbelangt - die bezog sich in meinem Haus primär auf inhaltliche Dinge, weniger auf Stil oder Orthographie. So haben sich dann die erfahreneren Kollegen in diesen Sparten auch recht wenig Mühe gegeben...waren dafür aber auch eher zuhause. ;-)
Der beste Brief ist der, der keine ausformulierten Sätze enthält. Diagnose, Therapie, kurzer (!!!) Verlauf, aber auch nur, wenn wirklich erwähnenswert, Procedere, Ende. Kein Schwein hat Lust ellenlange Epikrisen zu lesen.
Feuerblick
29.01.2013, 15:07
...und vor allem auch keine ZEIT...
Thomas24
29.01.2013, 15:11
Gut, das ist bei uns aber eh eine Sondersituation- im Regelfall ist der "schamanische Brief" eine Seite lang. Maximal zwei.
Was die Korrekturen angeht, muss ich zugeben, dass meine Aufmerksamkeitsspanne spätestens ab 60 Briefen/ Tag stark nachlässt...
den schamanischen brief versteht auch kein mensch ^^
da liest man eh nur die "beurteilung" ;-)
LasseReinböng
29.01.2013, 15:59
LA: o.B. RA: o.B.
Thomas24
29.01.2013, 16:04
Das geht auch kürzer: BA :-D
Ausserdem nicht: o.B., sondern allenfalls o.p.B.
Feuerblick
29.01.2013, 16:05
Naja... Schamanen verstehen schamanische Arztbriefe, lesen aber keine ellenlangen Epikrisen. Und die noch viel längeren internistischen Briefe erst recht nicht. Da lesen WIR dann nur die Beurteilung und die Therapieempfehlung :-))
Ausserdem nicht: o.B., sondern allenfalls o.p.B.
Exakt, wollte ich auch schon anmerken.
Den nicht-zitierten Teil verstehe ich nicht *g*
LasseReinböng
29.01.2013, 16:10
Das geht auch kürzer: BA :-D
Ausserdem nicht: o.B., sondern allenfalls o.p.B.
o.B. = nicht untersucht :-D
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