Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Parallelen zwischen Medizin und Militär
Endoplasmatisches Reticulum
15.08.2023, 21:28
Realität ist übrigens (siehe hebdo), dass JEDER Job beschissene Bedingungen, miese Chefs, Überarbeitung, Überstunden usw. bieten kann.
Motte & Bailey. Mal wieder.
Tramaldol
16.08.2023, 01:19
Natürlich ist das deutsche Gesundheitswesen schon rein historisch aus dem preußischen Gesundheitswesen herausgewachsen und der preußische Staat war bekanntlich durch und durch militärisch und hierarchisch struktuiert. Daher auch die Bezeichnungen wie Oberarzt, Assistenzarzt, Geschäftsführender Oberarzt, Leitender Oberarzt. Sicherlich hat das abgenommen seit 1950, aber die Strukturen sind noch gut zu sehen.
Das findet man weder so im französischen Raum noch im angloamerikanischen Raum. Expats/Internationals fällt das hier sofort auf, wenn sich denn mal jmd. mit Ihnen unterhält. Diese etwas pedantisch-unhöflich-provinzielle Art ist natürlich nicht gerade ein Willkommensgeschenk, wenn man auf ausländische Fachkräfte angewiesen ist.
Und natürlich gibt es auch in anderen Branchen Überstunden, Hierarchien hier und da, cholerische Chefs. Wenn man Karriere machen will, erträgt man das. Falls nicht, lässt man sich das in der Regel nicht gefallen. Das ist schon ein Unterschied. Mir ist das insbesondere bei meiner Arbeit in den theoretischen Instituten an der Med. Fak. aufgefallen, wo hauptsächlich Biologen unterwegs waren, die neben Forschung auch Lehre für Medizinstudenten betrieben haben. Der Umgangston ist doch ein anderer und doch sind die Arbeitsbedinungen mancher Doktoranden schon fragwürdig, die halbtags angestellt sind, aber ganztags kommen. Und natürlich laufen Experimente nicht am Wochenende oder nachts. Eine Arbeitskraft für Routinearbeiten, die da keine Karriere im Auge hat, macht das natürlich nicht mit. Die Biologen aus der Forschung haben sich gewundert, dass Chirurgen sich untereinander anschreihen. Im theoretischen Institut würde man danach wahrscheinlich 1/2 Jahr nicht mehr miteinander reden. In der Chirurgie gehts einfach weiter.
Es gibt auch Leute (z.B. ein australischer Consultant), der die Hierarchie sich als ideal vorstellte, wegen schnellerer Entscheidungsfindung und weniger Diskussionen. Andererseits hat er sich gewundert, dass hier so wenig Pflegekräfte pro Patient eingesetzt werden seitens der Leitung. Im Großen und Ganzen hält sich die Begeisterung für die starren Strukturen doch in Grenzen.
Insgesamt kann man schon konstatieren, dass die Arbeit an deutschen Krankenhäusern oder im Gesundheitswesen jetzt nicht der Super-Knüllerjob ist, den jeder will und es sehr schwer geworden ist über die Jahre Personal zu finden.
fightinglizard
16.08.2023, 11:26
Na, ich finde es höchstgefährlich wie unsere Arbeitsbedingungen hier von machen schöngeredet werden.
Die alte Leier, jeder Job ist schlecht, jeder kann einen schlechten Chef haben, bla bla bla. Wem hilft das weiter?
Natürlich sind die Strukturen und Hierarchien in der Medizin deutlich starrer und steiler als in den allermeisten anderen Berufen. In der Milliarden-Anwaltskanzlei wird das auch so sein, das ist aber die Ausnahme unter den Juristen. Und diese Juristen machen ganz große Karriere und lachen über unser Gehältchen.
In der Chirurgie beispielsweise sind die Arbeitsbedingungen aber flächendeckend mies!
Haben diejenigen, die hier so zufrieden mit unseren Arbeitsbedingungen sind mal größere Krankenhäuser ausprobiert, wo die offene Cholezystektomie nicht das höchste der Kunst ist und für die Laparoskopie der Chefarzt reinkommen muss?
Wir Weiterbildungsassistenten werden in der Früh durch die Station gescheucht, im Minutentakt werden die Patienten abgearbeitet, pünktlich auf die Minute sind wir dann in der Besprechung, in der Reihe wird sich aufgestellt und komplexe Patienten und OPs vorgestellt. Dann geht es auf Station und sobald der OP anruft rennen wir in die Umkleide, wehe der Oberarzt kommt und es ist noch nicht abgedeckt. Dann hinstellen, Haken halten und 6h in Folterposition stehen, keine Toilette, kein Schluck Wasser und ganz sicher kein Gejammer! OP fertig, helfen beim Umlagern, schneller Kaffee und zack nächste OP.
Währenddessen klingelt das Telefon zisch mal, Hallo? Ja, verstanden. Wird erledigt. Mentale Notiz. Hoch auf Station, abarbeiten.
Jetzt Visite! Stationsarbeit nicht fertig? Wieso nicht? Jetzt Visite, Stationsarbeit später fertig machen.
Feierabend?
Fehlanzeige, ab jetzt wird unentlohnt gearbeitet. Schnell noch ins Büro vom Oberarzt, über Forschung sprechen. Zuhause was essen, ins Bett und los geht es am nächsten Morgen, 0500 aufgestanden.
Das ist nicht die Ausnahme. Das ist die Regel des chirurgischen Alltages an Maximalversorgern.
Passiert das auch in normalen Berufen? Wohl kaum.
Endoplasmatisches Reticulum
16.08.2023, 11:58
Dieses Gegenhalten bei Systemkritik und negativen Erfahrungsberichten ist gefühlt ein eher neues Phänomen hier im Forum. Kommt mir zumindest so vor. Vor allem verplumpt die Diskussionskultur unter ständiger Anekdotenevidenz, Framing ("Gemecker", "Heulen", "Jammern") und Überzeichnung ("Überall ist alles schlecht", "24/7 Sonnenschein").
"Die" Realität ist doch, dass die Realität eines Schreibers mit derjenigen eines anderen Schreibers sehr wenig zu tun haben kann, auch ohne dass einer von beiden lügt, doof ist oder selbst das Problem sein muss. Ich beneide ja ein wenig Menschen, die offenischtlich ein unterm Strich sehr positives Berufsleben als Arzt haben oder hatten. Aber diese momentan oft vorgetragenen Unterstellungen, abweichende Erfahrungen würden mehr über die Person aussagen, die davon berichtet, als über die für mich deutlich sichtbaren Branchendefizite, teile ich in keiner Weise.
Der Umstand, dass immer nur die eine Seite ständig auf individuelle Abwertung der anderen Seite zurückgreift, spricht für mich Bände für den maroden Zusammenhalt unter Ärzten. Das verdeutlicht wieder nur, was für eine Farce das sonst ebenfalls immer schnell rausgeschossene Lieblingsmantra Nr. 2 vom gemeinsamen Mobilisieren und Wehren ist.
fightinglizard
16.08.2023, 12:07
Der Umstand, dass immer nur die eine Seite neuerdings ständig auf individuelle Abwertung der anderen Seite zurückgreift, spricht für mich Bände für den maroden Zusammenhalt unter Ärzten. Das verdeutlicht wieder nur, was für eine Farce das sonst ebenfalls immer schnell rausgeschossene Lieblingsmantra Nr. 2 vom gemeinsamen Mobilisieren und Wehren ist.
Das gemeinsame Mobilisieren und Wehren gibt es nicht und wird es unter uns leider auch nicht geben. Zu verbissen ist jeder auf sein eigenes Wohl und zu sehr werden die schlechten Bedingungen als "Etappe" im Arbeitsleben gesehen, die vorübergehen wird. Dann springt man zur nächsten Etappe und irgendwann belächelt man diejenigen, die sich nun da befinden wo wir alle mal waren. Die würden zu viel jammern, sich zu viel beschweren, wir hätten das doch auch durchgestanden. Wisst ihr noch damals? Wir haben nach dem 24 Stunden Dienst sogar weitergearbeitet!
Die Pflege? Da wird eine Überlastungsanzeige nach der nächsten geschrieben. Wir sind unterbesetzt heißt es, deshalb läuft heute dies und das nicht. Super, finde ich gut. Nur weiß der Krankenhausvorstand eins: Wenn die Pflege es nicht macht, machen wir Ärzte es! Wie beim Streik damals. Dann fahren wir halt die Patienten, wir instrumentieren im OP und die Medikamente holen wir auch aus der Apotheke.
Andere Berufe würden dir den Vogel zeigen.
Blaulicht86
16.08.2023, 12:17
Ich frage mich eher, wo das ganze Drama herkommt. Inclusive offenbar unrealistischer Erwartungen das Berufsleben betreffend (bin da ganz bei Hebdo). Eine Handvoll unzufriedener Menschen flutet das Forum geradezu und überall mit Horrorberichten. Ständig. Jeden Thread! Das ist ganz sicher auch kein Abbild der Realität. Denn wie überall liest man nur die Meckernden, die Zufriedenen brauchen nichts loswerden. :-meinung
Wir haben einen großen, breit gemischten Freundeskreis und auch die Familienmitglieder machen alle Unterschiedliches. Mit mir will keiner tauschen, obwohl ich nicht wie eine Heulboje rumlaufe und meistens sag ach passt schon. Sie kriegen es ja mit wann und wielange man arbeitet, einspringt, keine Zeit am We hat oder einfach müde wirkt. Sie wundern sich über unsere Strukturen, sagen wir können uns das nicht vorstellen weil wir nichts vergleichbares kennen. Fragen mich es muss doch auch bei euch ein Arbeitsschutzgesetz geben? Wie ist das möglich dass ihr so viel und unter solchen Umständen arbeitet? Wundern sich wie unübersichtlich unsere Lohnabrechnungen sind. Wie altbacken hierarchisch und nicht mehr zeitgemäß der Umgang ist. Wie veraltet teils die Systeme sind mit denen man arbeitet. Sie sagen wenn wir mal im Krankenhaus sind und Ärzte sehen tun die uns leid. Die Handwerker vom Hausbau sagen mit ihnen will ich aber nicht tauschen wenn sie mitkriegen wie man aus dem Nachtdienst kommt um sich dann um die Alltags Dinge kümmert.
Wenn man mitleidig von Berufsgruppen angeschaut wird, die selbst anstrengenden Tätigkeiten nachgehen (Handwerker, Juristen, Teamleiter), heißt das was.
Das ist die Realität von mir und meinem Umfeld.
Schließe vielleicht nicht von deiner Stelle auf andere. Du kennst das Pensum und den Anspruch der anderen nicht. Spreche ihnen ihre Leistung nicht ab, die Berichte als Drama zu bezeichnet ist höhnisch, und unkollegial. Vielleicht auch einfach nur dumm weil du es nicht besser weißt, ich weiß es nicht. Freu dich halt über deine Stelle, ist doch schön wenn du was gefunden hast wo es dir gut geht. Wir gönnen es dir.
Uninteressante Äußerung meinerseits
ehem-user-19-05-2025-1430
16.08.2023, 13:21
Tatsächlich habe ich bereits mehrfach den Gedanken eines Vergleichs Medizin <-> Militär gehabt. Auch da ich Soldaten in der Familie habe, die wesentlich erholter und ausgeglichener wirken als ich :) nach 2 Monate Ausland ohne Kamfpeinsatz erstmal 2 Monate in Reha etc.
Ich sehe die Sache auch so wie die meisten hier, dass die Bedingungen grottig sind. Ich denke nur für sich persönlich muss man irgendwann die Konsequenz ziehen anstatt nur zu lamentieren. Gut als Allgemeinmedizin-affiner mensch hat man es da leichter, das gebe ich zu. Aber gleichzeitig aus karrieristischer motivation alles mit sich machen lassen und sich dann wundern, dass sich nichts ändert....bringt halt auch nichts. Take it or leave it :)
Tramaldol
16.08.2023, 13:47
Das gemeinsame Mobilisieren und Wehren gibt es nicht und wird es unter uns leider auch nicht geben. Zu verbissen ist jeder auf sein eigenes Wohl und zu sehr werden die schlechten Bedingungen als "Etappe" im Arbeitsleben gesehen, die vorübergehen wird. Dann springt man zur nächsten Etappe und irgendwann belächelt man diejenigen, die sich nun da befinden wo wir alle mal waren. Die würden zu viel jammern, sich zu viel beschweren, wir hätten das doch auch durchgestanden. Wisst ihr noch damals? Wir haben nach dem 24 Stunden Dienst sogar weitergearbeitet!
Die Pflege? Da wird eine Überlastungsanzeige nach der nächsten geschrieben. Wir sind unterbesetzt heißt es, deshalb läuft heute dies und das nicht. Super, finde ich gut. Nur weiß der Krankenhausvorstand eins: Wenn die Pflege es nicht macht, machen wir Ärzte es! Wie beim Streik damals. Dann fahren wir halt die Patienten, wir instrumentieren im OP und die Medikamente holen wir auch aus der Apotheke.
Andere Berufe würden dir den Vogel zeigen.
Ich finde das Framing hier von immer denselben Leuten, die dann auch garnicht im Krankenhaus, geschweige denn Chirurgie tätig sind, nicht angebracht.
Aber es ist schon so. Für Assistenzärzte interessiert sich niemand. Sie selbst auch nicht, sie wollen den Status möglichst bald verlassen zum FA. Und dann kann man sich Niederlassen oder Ambulant arbeiten oder in der Verwaltung/Abrechnung tätig sein. Sie stehen ganz unten in der Hierarchie und wen wundert's das sie zum größten Teil unzufrieden sind. Das deckt sich auch mit den Umfragen von ÄK usw. die unter Assis geführt werden. Ja und man kann die deutsche Geschichte und das alte Königreich Preußen nicht leugnen. Das ist schon ziemlicher Blödsinn solche offensichtlichen Überbleibsel bzw. historisch gewachsenen Strukturen zu verneinen. Dass es zum Teil erhebliche Defizite im Krankenhauswesen/Gesundheitswesen gibt, was Organisation, Verwaltung und Digitalisierung angeht, düfte auch allen bekannt sein.
Zum Pflegestreik: Naja, also in unserer Uniklinik haben jetzt nicht andere Berufsgruppen die Arbeit der Streikenden großflächig übernommen. Die Stationen waren geschlossen. Und ehrlich gesagt: Gut so! Im Vergleich zu vergleichbaren Krankenhäusern im Ausland (USA, Australien, GB, Frankreich) ist die Pflege hier schlecht besetzt und übernimmt eher nicht-medizinische Aufgaben, die auch Service-Kräfte machen könnten. Jetzt sind schon andernorts Pflegekräfte nicht besonders glücklich, hier erhalten sie noch on Top einige Schmankerl. Da kann ich den Streik schon verstehen.
fightinglizard
16.08.2023, 14:12
Zum Pflegestreik: Naja, also in unserer Uniklinik haben jetzt nicht andere Berufsgruppen die Arbeit der Streikenden großflächig übernommen. Die Stationen waren geschlossen. Und ehrlich gesagt: Gut so! Im Vergleich zu vergleichbaren Krankenhäusern im Ausland (USA, Australien, GB, Frankreich) ist die Pflege hier schlecht besetzt und übernimmt eher nicht-medizinische Aufgaben, die auch Service-Kräfte machen könnten. Jetzt sind schon andernorts Pflegekräfte nicht besonders glücklich, hier erhalten sie noch on Top einige Schmankerl. Da kann ich den Streik schon verstehen.
Du verstehst mich falsch, ich bin absolut für den Streik gewesen. Ich fand nur den Umgang der Pflege in UNSEREM Haus gegenüber uns Ärzten absolut frech. Wir wurden als die Übeltäter hingestellt und mitbestreikt. Der Umgangston war unter allerster Sau.
Der Streit hatte die richtige Motivation, aber unsere Pflege war zutiefst asozial.
Aber klar, diejenigen, die hier alles beschönigen sind teilweise schon seit Jahren in der Praxis oder Oberärzte an kleinen Häusern und haben nicht den geringsten Hauch einer Ahnung was bei uns los ist. Teilweise an kleinen Häusern begonnen, oder gar in patientenfernen Gebieten gearbeitet.
Und uns Assistenzärzten, die sich zum Teil krank arbeiten, dann vorwerfen, wir würden hier dramatisieren, das ist ganz ganz niedriges Niveau.
Für Assistenzärzte interessiert sich niemand. Sie selbst auch nicht, sie wollen den Status möglichst bald verlassen zum FA. Und dann kann man sich Niederlassen oder Ambulant arbeiten oder in der Verwaltung/Abrechnung tätig sein. Sie stehen ganz unten in der Hierarchie und wen wundert's das sie zum größten Teil unzufrieden sind.
Da steckt für mich viel Wahres drin.
Ich bin der erste aus meiner Familie, welcher studiert hat (und damit auch der erste Arzt). Also quasi keine wirklichen Erfahrungswerte/konkreten Vorstellungen.
PJ Chirurgie und später Assistenzarztzeit waren dann sicherlich nicht oberhammerschrecklich, aber ich hatte mir relativ schnell entsprechende Abhaklisten (für die 70 Tertialtage) angefertigt bzw. nicht weiter hinterfragt, als man mir als ersten oder zweiten Arbeitsgegenstand das DECT-Telefon in die Hand gedrückt hat und mir das Dienstzimmer+Bett zeigte. "Das ist halt so." "Gehört zum Arztsein". "Da muss man durch."
Ich denke, so lange die Assistenzzeiten reine "Durchgangsstationen" sind, wird sich da nicht nachhaltig etwas ändern.
Philip_MHH
16.08.2023, 14:25
Umgekehrt kannst du doch aber auch niemandem vorwerfen, dass er als assi oder auch später an ein kleines peripheres Haus gehst. Bei der Stellensuche ist jeder seines Glückes Schmied und kann wechseln, wenn die Bedingungen nicht passen. In allen Fächern gibt es bessere oder schlechtere Abteilungen/Kollegen/Chefs etc. Global muss sicher sagen, die Bedingungen und Bezahlung müssten besser sein. Ja. Aber insgesamt ist das so heterogen, dass man schon eine Verbesserung finden kann. Oder eben Mitgestalten. Ein gewisses Maß an Hierarchie finde ich sogar eher positiv, zu flache Hierarchie trägt nicht unbedingt zu Produktivität bei.
Und zum Thema Uniform: das beste was es gibt. Ich bin so froh, dass ich nicht jeden Tag den Kleiderschrank aufmachen muss und schauen was ich heute anziehe, passt die Krawatte besser oder doch das andere Hemd… Ich mag, dass ich einfach in den Schrank greife in der umkleide und das nehme was ich immer nehme
Tramaldol
16.08.2023, 15:51
Ich fand nur den Umgang der Pflege in UNSEREM Haus gegenüber uns Ärzten absolut frech. Wir wurden als die Übeltäter hingestellt und mitbestreikt. Der Umgangston war unter allerster Sau.
Der Streit hatte die richtige Motivation, aber unsere Pflege war zutiefst asozial.
Naja, sie verdienen nicht viel und wenn man immer nett und freundlich ist, kriegt man nicht was man will. Überall gibt's Probleme mit Pflege. Man gewöhnt sich dran und arrangiert sich beidseitig.
][truba][
16.08.2023, 16:32
Ich hab die ersten zwei Jahre in ner größeren Chirurgie (>70 Betten) mit HPB Chirurgie + Ösophagus Chirurgie verbracht. Sogar in Berlin und ich hatte wirklich eine gute Stelle. Da gab es in der Woche mal zwei bis drei Überstunden (vor allem wenn man mal in der Notaufnahme eingeteilt war), nette Kollegen und einen guten Umgangston. Die Dienste waren aber natürlich anstrengend. Es gibt also durchaus aus gute Stellen, nur findet man da eben selten nen Job weil da keiner weg geht.
Leider wird die flächendeckende Realität eher das Gegenteil sein. Würde ich mir nicht mehr antun (hatte danach eine Stelle dieser Art. Da hab ich es nur 12 Monate ausgehalten).
fightinglizard
16.08.2023, 18:01
Umgekehrt kannst du doch aber auch niemandem vorwerfen, dass er als assi oder auch später an ein kleines peripheres Haus gehst. Bei der Stellensuche ist jeder seines Glückes Schmied und kann wechseln, wenn die Bedingungen nicht passen. In allen Fächern gibt es bessere oder schlechtere Abteilungen/Kollegen/Chefs etc. Global muss sicher sagen, die Bedingungen und Bezahlung müssten besser sein. Ja. Aber insgesamt ist das so heterogen, dass man schon eine Verbesserung finden kann. Oder eben Mitgestalten. Ein gewisses Maß an Hierarchie finde ich sogar eher positiv, zu flache Hierarchie trägt nicht unbedingt zu Produktivität bei.
Und zum Thema Uniform: das beste was es gibt. Ich bin so froh, dass ich nicht jeden Tag den Kleiderschrank aufmachen muss und schauen was ich heute anziehe, passt die Krawatte besser oder doch das andere Hemd… Ich mag, dass ich einfach in den Schrank greife in der umkleide und das nehme was ich immer nehme
Niemand wirft irgendjemandem etwas vor. Nein, nicht jeder kann wechseln und nicht jeder möchte wechseln. Jeder hat einen Anspruch auf einen Arbeitsplatz an dem in Deutschland geltende Gesetze eingehalten werden. Den Assi jetzt dafür verantwortlich zu machen, dass sein Arbeitgeber auf Arbeitsschutzgesetze pfeift, ist aber fehl am Platz. Und dass dieses Pfeifen auf Gesetze in unserer Branche durchweg als Berufsrisiko gesehen wird ist ebenso schlimm.
Klar, wenn man jung und ungebunden ist, keine Karriere mit Chefarztposition oder leitender Position anstrebt, dann kann man durch Deutschland hüpfen wie man lustig ist. Sonst wird es schwierig, gerade wenn man forscht und durch häufige Arbeitgeberwechsel nichts publizieren kann oder wenn man familiär o.Ä. gebunden ist.
@truba: das ist super. Wirklich. Bei uns > 70 Betten, ist das aber leider nicht so. Wir machen am Tag 2-3 Überstunden, manchmal 4. Und nach dem Dienst 2 Stunden länger da bleiben gehört bei uns auch zum guten Ton.
Meine Theorie ist, dass Kleidungszwänge und Auswendiglernen von sinnlosen Fakten dazu dienen, maximalen Gehorsam zu erzwingen und jegliches Hinterfragen gnadenlos abzutrainieren. Dass es nicht um "Schutz" oder "Hygiene" geht sieht man schon allein daran, dass es vielerorts erlaubt ist, weiße Privatkleidung zu tragen, aber keine dunkle.
Und auch in Praxen ist oft ein "vertrauenserweckendes", einheitliches Erscheinungsbild gefordert. Wie bei den Verkäufern in Supermarktketten. Kontrolliert wird das von einer so genannten "Hygieneschwester", die Akademiker nach Belieben herumkommandieren darf und allein ein Büro der Größe hat, die einem Gemeinschaftsbüro von zwei Oberärzten entsprechen. Alles schon gesehen.
Dass morgendliche Visiten, vor allem mit Ranghöheren, fast schon an Messen oder militärische Aufmarsche erinnern ist auch nichts Neues. In der Psychiatrie dürfte das nicht anders sein. Hab noch nie einen Psychiater ohne Kittel gesehen, und in manchen Helioskliniken müssen die dasselbe einheitliche Outfit wie alle anderen Abteilungen tragen. Von Betriebsärzten werden auch Kittel als Mindeststandard erwartet, ansonsten noch Schutzwesten etc, oder das Polo des Arbeitgebers, das alle tragen zu müssen scheinen. Dass das mit Hygiene nichts zu tun hat liegt auf der Hand, aber Individualität wird abtrainiert, und das ist wahrscheinlich die Hauptsache.
Klar ist auch nicht alles in anderen Branchen so frei wie es manchmal scheint. Anzugspflicht bei Bankern oder Beratern, oder auch nur der Wunsch des Arbeitgebers nach "Corporate Identity", die es erfordert, dass alle einheitlich auftreten. Aber niemand dürfte dort seinen Job verlieren, weil er sich nicht an Kleidungsvorschriften hält; bei Kollegen habe ich es schon gesehen, oder denke dass das der Grund war.
Ein Freund, promoviert in Informatik, jammert regelmäßig darüber, dass er sich von frischen Uniabsolventen herumkommandieren lassen muss, zugegeben. Aber seit er im Homeoffice ist scheint es erträglicher geworden zu sein. Und wer kann in der Medizin Homeoffice machen? Virtuelle Sprechstunden wären möglich, haben sich aber nach wie vor noch nicht durchgesetzt.
Die Impfpflicht ist das nächste - habe alle Impfungen machen lassen, aber ich kann verstehen, wenn es jemand nicht will. Ein Bediensteter im Gesundheitswesen hat diese Wahl aber nicht. Er oder sie darf nicht mal über seinen oder ihren Körper frei verfügen.
Egal was ein Mediziner macht, oder in welchem Fach, man ist nicht mehr Herr über sich selbst. Oder bekommt massive Probleme, wenn man es sein will.
Anders sind die Abläufe in manchen Chefvisiten nicht zu erklären. Es ist schon grenzwertig, wenn Oberärzte dem Chef die Kladde mit Patientenkurven zum Unterschreiben hinhalten müssen, am besten noch inklusive Kugelschreiber. Und Zimmer betreten und verlassen geht auch nach ungeschriebenen Regeln.
So groß ist der Unterschied zum Militär da scheinbar wirklich nicht; in manchen Fächern ist es extremer als in anderen, aber mein Eindruck ist, dass jedes medizinische Fachgebiet in gewisser Weise restriktiver ist als Berufe in anderen Branchen.
Wie wäre es eigentlich, wenn man als Assistenzarzt einfach akzeptiert, dass es diese Lehrzeit gibt - oder aber sich rechtzeitig informiert und diesen Berufsweg nicht wählt? Ich selbst habe meine 5-jährige Assi-Zeit überwiegend genossen, weil ich sehr viel gelernt habe. Dafür habe ich auch 70-h-Wochen und mehr hingenommen bei sehr gutem Verdienst. Diese Basisausbildung möchte ich nicht missen, denn sonst würde ich heute nicht da stehen, wo ich bin.
@mbs: Ich trage schon lange keine Berufskleidung mehr, die brauche ich nicht als Statussymbol.
Und Visiten laufen bei mir nicht als militärischer Akt, sondern ziemlich unspektakulär, sogar ohne Anwesenheitspflicht von Assis. Wissensweitergabe immer nur als Angebot, niemals als Zwang. Was jemand lernen will, dafür trägt er ausschließlich selbst die Verantwortung, zumindest als erwachsener Mensch.
Wie wäre es eigentlich, wenn man als Assistenzarzt einfach akzeptiert, dass es diese Lehrzeit gibt - oder aber sich rechtzeitig informiert und diesen Berufsweg nicht wählt? Ich selbst habe meine 5-jährige Assi-Zeit überwiegend genossen, weil ich sehr viel gelernt habe. Dafür habe ich auch 70-h-Wochen und mehr hingenommen bei sehr gutem Verdienst. Diese Basisausbildung möchte ich nicht missen, denn sonst würde ich heute nicht da stehen, wo ich bin.
@mbs: Ich trage schon lange keine Berufskleidung mehr, die brauche ich nicht als Statussymbol.
Und Visiten laufen bei mir nicht als militärischer Akt, sondern ziemlich unspektakulär, sogar ohne Anwesenheitspflicht von Assis. Wissensweitergabe immer nur als Angebot, niemals als Zwang. Was jemand lernen will, dafür trägt er ausschließlich selbst die Verantwortung, zumindest als erwachsener Mensch.
Das ist mit Verlaub, eine verbrecherische Ansicht. In Deutschland hat man sich an das Arbeitszeitgesetz zu halten. Dieses ja du wusstest auf was du dich einlässt ist einfach nur ekelhaft.
Endoplasmatisches Reticulum
16.08.2023, 20:33
Einfach ignorieren. Rafiki hat gerade eine Edgelord-Phase. Mehr als Trollposterei kam da schon länger nicht mehr. Wobei ich seine Therapieempfehlung, wenn man viele 24h-Dienste körperlich belastend findet, und die Mär, nach ein paar Jährchen würde man als Arzt locker-flockig eine halbe Mille aufwärts im Jahr bei einer 40-Stunden-Woche verdienen, noch ganz lustig fand. Da war das jetzt im Verhältnis ein eher öder Take.
Das Arbeitszeitgesetz sieht zahlreiche, auch sehr unangenehme Ausnahmen explizit für Ärzte vor und ist damit in meinen Augen eine schlechte Diskussionsgrundlage.
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