PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wann beginnt menschl. Leben?



Seiten : 1 2 3 4 5 6 [7]

Simone_th
18.03.2008, 11:21
Naja, wie gesagt: Was wären die Alternativen? Der Frau, die ungewollt schwanger wurde (ob sie nun nicht verhüten wollte, zu blöd dazu war oder was auch immer) das Recht über ihren eigenen Körper absprechen und sie staatlich dazu zwingen, das Kind zu bekommen, damit sie es nach der Geburt zur Adoption freigeben kann? Sozusagen als Strafe dafür, dass sie nicht die Pille nehmen wollte? Na, ich weiss nicht. Ob das für Frau und Kind so die richtige Vorgehensweise wäre?

Solche Fälle sehe ich als Grundsätzliches Problem, losgelöst von irgendeiner theoretischen Frage nach Beginn des menschlichen Lebens, nach dem Motte "selber schuld". Oder was macht Ihr, wenn ein Mann mit 50kg Übergewicht, der am Tag 60 Zigaretten raucht mit einem, sagen wir es mal salopp, Herzinfarkt, eingeliefert wird. Fragen wir uns auch nicht manchmal, der ist "selbst schuld"? Hätte Sport machen sollen, nicht, oder wenigstens nicht soviel rauchen?
Das bringt diesem Mann aber nicht viel, sondern er braucht die bestmögliche Behandlung. Sicher, man wird ihm, sofern er überlebt, nahelegen, seinen Lebensstil zu ändern.
Gleich ist das mit einer Frau, die zu ihrer dritten Interruptio kommt, und offen sagt, sie hätte nicht die Pille genommen, ihr Schatz mag keine Gummis und dann ist es passiert. Auch in diesem Fall sind wir in der Pflicht, ihr die bestmögliche Behandlung zu bieten, die interruptio gleich gewissenhaft durchzuführen wie bei einer jungen Frau, die trotz korrekter Einnahme der Pille (soll es ja geben...) schwanger geworden ist, also ihre "guten Gründe" hat.
Es ist uns aber nicht nur freigestellt, wir sind sogar dazu ethisch verpflicht, so sehe ich das, der Frau mitzuteilen, wie sie in Zukunft eine neue Wiederholung verhindern.
Klar, der Vergleich hinkt ein wenig, da bei einer ungewollten Schwangerschaft selten unmittelbare Lebensgefahr besteht.

Was mich persönlich an der Situation in D stört, ist die Trennung von Beratung und Eingriff. Zwangsweise hatte eine Frau vor einer interruptio eine Beratung, in der Regel etwa eine Stunde. So sehen sich viele Ärzte von der Pflicht freigestellt, über das medizinische hinaus mit der betreffenden Frau zu diskutieren, dazu fehlt einfach auch die Zeit... Fragen über den ethisch-moralischen Komplex bleiben ausgeklammert. Umgekehrt sehen die Frauen die Ärzte dann als Dienstleister, sie kommen, mit ihrer persönlichen Vorstellung von Arzt des Eingriffes. Oder was will man einer Frau sagen, die schon bei der Vereinbarung eines Termins sagt: "ich will ne Abtreibung, mit Vollnarkose". Bevor man mit ihr überhaupt ins Gespräch kommt? Die zur Nachuntersuchung dann aber nicht kommen und 3 Monate später die beste Freundin vorschicken, sie soll für sie "das letzte Ultraschallbild" abholen. Man bleibt da ein raus, man ist der Dienstleister für eine Handlung, man hat keine Ahnung, was in der Frau wirklich im Innern vorgeht, weil eben, die Beratung und der Eingriff getrennt.

Simone_th
18.03.2008, 14:59
Natürlich gibt es die.
Und nach 7 I's hatte die mehr Glück als Verstand, dass sie überhaupt noch schwanger wurde, denn das ist ein weiteres Argument was man bei "Interruptio statt Verhütung" nicht aus den Augen verlieren sollte: Je mehr Interruptiones, desto schwieriger kann es werden überhaupt nochmal später eine Schwangerschaft zu behalten.
24% der HSG's die wir in meiner Ex Abteilung machten waren Zn multi Interruptiones: Meist war nämlich der uterotubare Winkel dicht, verzogen, vernarbt etc, andere hatten intrauterine Adhäsionen oder das Cavum war verödet und ähnliche Scherze.

Tja und dann wir ein Riesenbahai losgetreten mit Micro Chir und wasweissich, damit es nun ein "Wunschkind" werden soll. Vorher war man freilich zu bräsig gescheit zu Verhüten ... so sieht das aus.

grüsse, Avalanche

Naja, umgekehrt ausgedrückt, 76% hatten keine mehrfachen interruptiones aufzuweisen. Dennoch, Risiko gibt es, wobei man folgendes beachten sollte:
- Frauen mit mehreren interruptiones sind, sag ich mal so, auch sonst eher "unvorsichtig", was ihre Gesundheitsvorsorge angeht.
- durch die ganzen ehtischen Diskussion habe ich manchmal das Gefühl, das wichtigste, nämlich eine möglichst schonende interruptio wird nicht beachtet. Thema: Mifegyne zur Vorbereitung einer interruptio (nach SSW 8!). Thema Durchführung von interruptiones durch Nicht-Gynäkologen.
- Frauen mit interruptiones befinden sich bei einem späteren Kinderwunsch tendenziell in einem höhren Alter als die Vergleichsgruppe.

Tatsache ist aber: Selbst bei einer Bereinigung der Statistik um andere Faktoren weisen Frauen mit einer interruptio oder mulit int. ein niedrigeres Geburtsgewicht auf.

McBeal
18.03.2008, 16:12
Solche Fälle sehe ich als Grundsätzliches Problem, losgelöst von irgendeiner theoretischen Frage nach Beginn des menschlichen Lebens, nach dem Motte "selber schuld". Oder was macht Ihr, wenn ein Mann mit 50kg Übergewicht, der am Tag 60 Zigaretten raucht mit einem, sagen wir es mal salopp, Herzinfarkt, eingeliefert wird. Fragen wir uns auch nicht manchmal, der ist "selbst schuld"? Hätte Sport machen sollen, nicht, oder wenigstens nicht soviel rauchen?
Das bringt diesem Mann aber nicht viel, sondern er braucht die bestmögliche Behandlung. Sicher, man wird ihm, sofern er überlebt, nahelegen, seinen Lebensstil zu ändern.

M.M. nach hinkt dieser Vergleich gewaltig. Ja, dieser Mann ist genauso selbst Schuld, schadet damit aber nur sich selbst. Die Frau, die eine Interruptio möchte, bringt damit ihren Embryo um.

Und ich muss mich Muriel anschließen: das mit der Verantwortung kann ich so bei Avalanche unterschreiben!

LG,
Ally

Simone_th
18.03.2008, 16:27
Stimmt nur, wenn du den Embryo als ein eigenständiges, schützenswertes Lebewesen betrachtest und nicht als Teil des Körpers der Frau.

edit: alle Vergleiche hinken. Ich persönlich spreche einem Embryo nur einen minimalen Schutz zu, der, auf jeden Fall innerhalb des ersten Trimenons unter dem Recht der Frau auf eigene Entscheidung ihres Körpers steht. Meine Meinung.

Kackbratze
18.03.2008, 16:54
Also bei geborenen Kindern sind die Eltern verantwortlich und bei ungeborenen Kindern die Gesellschaft, sehe ich das richtig?
Oder wie sonst wird plötzlich beim Embryo so ein Bohei gemacht und bei vernachlässigten udn ausgesetzten Kindern nur das müde Lächeln der Nachbarn im Fernsehen gezeigt?!?

Eine Abtreibung beinhaltet ja per se ein rechtswidriges Verhalten wohingegen vernachlässigte Kinder nach oberflächlicher ÜBerprüfung durch das Jugendamt wieder "freigegeben" werden zur Fehlbehandlung durch die Eltern....

ehemalige Userin 24092013
18.03.2008, 17:18
Also bei geborenen Kindern sind die Eltern verantwortlich und bei ungeborenen Kindern die Gesellschaft, sehe ich das richtig?
Oder wie sonst wird plötzlich beim Embryo so ein Bohei gemacht und bei vernachlässigten udn ausgesetzten Kindern nur das müde Lächeln der Nachbarn im Fernsehen gezeigt?!?

Eine Abtreibung beinhaltet ja per se ein rechtswidriges Verhalten wohingegen vernachlässigte Kinder nach oberflächlicher ÜBerprüfung durch das Jugendamt wieder "freigegeben" werden zur Fehlbehandlung durch die Eltern....


DANKE Bratze!!!!!
:-meinung

Feuerblick
18.03.2008, 17:29
Tja, bei ersterem kannst du außer dich in moralischer Entrüstung zu suhlen nichts tun. Beim zweiten Fall müsstest du ja evtl. eingreifen, das Jugendamt verständigen, Anzeige erstatten, wenn es in deinem direkten Umfeld passiert. Wie unbequem! Da regen wir uns lieber über etwas auf, auf das wir keinen direkten Einfluss haben...:-))

McBeal
18.03.2008, 17:44
Also bei geborenen Kindern sind die Eltern verantwortlich und bei ungeborenen Kindern die Gesellschaft, sehe ich das richtig?
Oder wie sonst wird plötzlich beim Embryo so ein Bohei gemacht und bei vernachlässigten udn ausgesetzten Kindern nur das müde Lächeln der Nachbarn im Fernsehen gezeigt?!?

Eine Abtreibung beinhaltet ja per se ein rechtswidriges Verhalten wohingegen vernachlässigte Kinder nach oberflächlicher ÜBerprüfung durch das Jugendamt wieder "freigegeben" werden zur Fehlbehandlung durch die Eltern....
Ich sehe nicht, dass jemand, der sich hier gegen Abtreibung geäußert hat, Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern gutgeheißen hat.
Natürlich sollte unsere Gesellschaft sich mehr um ihre Kinder sorgen. Das Thema Kinderfeindlichkeit in D hatten wir ja schon in einigen Threads. Und dass man, wenn man solche Fälle in seinem Umfeld bemerkt oder vermutet, etwas unternehmen sollte, müsste hier jedem klar sein...

LG,
Ally

Simone_th
18.03.2008, 17:44
Tja, bei ersterem kannst du außer dich in moralischer Entrüstung zu suhlen nichts tun. Beim zweiten Fall müsstest du ja evtl. eingreifen, das Jugendamt verständigen, Anzeige erstatten, wenn es in deinem direkten Umfeld passiert. Wie unbequem! Da regen wir uns lieber über etwas auf, auf das wir keinen direkten Einfluss haben...:-))

Und schimpfen über die Bösen Frauen, die so etwas machen, über die Bösen Ärzte die so etwas durchführen... über diese Bösen 120 000 in der jährlichen Statistik, selbst würde man so etwas ja nie machen lassen... wenigstens so lange man selbst nicht betroffen ist.

Muriel
18.03.2008, 23:10
Sorry, aber ich habe keine Lust, mich hier rechtfertigen zu müssen, weil ungeborenes Leben für mich den gleichen Stellenwert hat wie geborenes.

McBeal
19.03.2008, 05:19
Sorry, aber ich habe keine Lust, mich hier rechtfertigen zu müssen, weil ungeborenes Leben für mich den gleichen Stellenwert hat wie geborenes.
Danke. Ich nämlich auch nicht.

LG,
Ally

Avalanche
19.03.2008, 06:59
Tja, bei ersterem kannst du außer dich in moralischer Entrüstung zu suhlen nichts tun.
Naja bei den vernachlässigten Kindern kann man sich über das "müde Lächeln der Nachbarn", insuffiziente Jugendämter und Eltern und darüber, dass "etwas dagegen tun" ja unbequem sei, moralisch entrüsten.
Unterm Strich kommt eine Nullsumme moralischer Entrüstungen raus, die genau das tut was sie soll: Endlichkeit vermeiden, denn nun kann man sich ja gottseidank über etwas so Produktives streiten wie wessen moralische Entrüstung denn die moralischere ist. Bis zum St Nimmerleinstag.

Der ganze Disput geht also gar nicht um Moral, sondern eher ums "recht haben" in einer Sache wo niemand jemals ganz recht hat, weil wir halt weder den Himmel noch die Hölle sondern die Erde auf Erden haben ;-)
S.zB.: Odo Marquard, Philosophie des Stattdessen, Reclam.

ciao, Avalanche

Kackbratze
19.03.2008, 08:06
Der ganze Disput geht also gar nicht um Moral, sondern eher ums "recht haben" in einer Sache wo niemand jemals ganz recht hat, weil wir halt weder den Himmel noch die Hölle sondern die Erde auf Erden haben

AMEN! :-top

Simone_th
19.03.2008, 11:59
Ja, dieser Thread hat zwar sehr viele Kommentare, aber die Frage, die am Anfang gestellt wurde, wird dabei, ich nehme mich da nicht aus, leider ignoriert.
Es geht um die Frage, wann menschliches Leben beginnt. Dies kann jeder beantworten, auch begründen. Die zweite Frage ist, die davon abhängig ist, ob und bis wann ein Schwangerschaftsabbruch möglich/erlaubt sein sollte. Und ich habe eingeworfen, als dieser Thread aufgefrischt wurde, ob eine restriktive gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruches, eben wie in Spanien, nicht das Gegenteil erreicht, indem nicht mehr zwischen einem Abbruch in der 7. und 27. Woche unterschieden wird, mit den bekannten Konsequenzen.

Vielleicht, um den Versuch zu unternehmen auf das eigentlich Thema zurückzukommen, wiederhole ich meine Postition:
Unmittelbar nach der Befruchtung handelt es sich um menschliches Leben. Einem Embryo abzusprechen, er sein kein lebender Organismus, kann wohl niemand. Und ein menschlicher Embryo, ist nun einmal menschlich, und kein Känguruh oder Hühnerembryo. In der Konsequenz stellt sich dann bei mir die Frage, bis wann dieses "Leben" schützenswert ist. Das Gesetz sieht, im Gegensatz zur Stammzellenfrage, zwischen Befruchtung und vollendeter Nidation keinen Schutz vor. Pille und Pille danach ist auf ihre nidationshemmende Wirkung umstritten, unbestreitbar handelt es sich aber bei der "Spirale danach" um ein Mittel der Interzeption, die Einnistung soll verhindert, bzw. unterbunden werden. Der Gesetzgeber sieht dabei keinen Schutz vor, die Einnistung kann willkürlich unterbunden werden. Abgesehen vom Standpunkt der katholischen Kirche, die hier wenigstens konsequent ist, sehen es die meisten "Abtreibungsgegner" als völlig legitim an, diese Mittel anzuwenden. Aus meiner Sicht weniger aus stimmiger ehtischer Überzeugung, sondern nur um allgemein verbreiteten Verhütungsmethoden (Spirale, Pille) eine Legitimität zuzusprechen. Die (potentiell) nidationshemmende Wirkung dieser Präparate könnte man ansonsten schlecht mit einem absoluten Schutz des menschlichen Lebens in Einklang bringen. Also gibt es eine Tendenz, dem menschlichen Leben erst nach der Einnistung einen bestimmten Schutz zuzusprechen.

Wenn also, ich bin froh wenn jemand hier offen sagt er sehe das menschliche Leben auch vor der Nidation als schützenswert an, dazu steht. Das kann man als persönliche Meinung akzeptieren und ist konsequent.

Selbst aber eine Grenze mit der Nidation zu ziehen und nicht zu akzeptieren, wenn andere Standpunkte auf eine andere Grenze hin plädieren, ist scheinheilig, so lange es nicht begründet wird. Persönlich sehe ich die Grenze der Nidation als willwürklich an, um einiges willkürlicher als die 12-Wochen-Frist.
Macht es denn ethsich gesehen einen Unterschied, eine Nidation zu unterbinden, oder sofort nach Bestätigung der Schwangerschaft (Urin, nicht US!) einen Abbruch mittel Mifegyne einzuleiten? In meinen Augen auf keinen Fall.

Die Frage ist, wie der Status des menschlichen Embryos in noch späteren Stadien zu beurteilen ist, eine Abwägung zwischen seinem Lebensrecht und dem Recht der Frau auf Selbstbestimmung über ihren Körper, über ihr Leben.
Als Grenze die Erkennbarkeit von Herztönen zu ziehen ist ebenfalls falsch, man könnte sonst jedes andere beliebige Organ nehmen. Ich habe den für mich stimmigen Ansatz gewählt, das Leben eines Föten über das Recht der Selbstbestimmung der Frau erst dann zu stellen, sobald dieser bei einer Frühgeburt wenigsten kurz überleben könnte. Dann sehe ich die Entwicklung von einem Embryo zu einem Menschen als abgschlossen und einen Abbruch nicht mehr vertretbar. Darauf würde ich persönlich folgern, eine interruptio soll bis zu einer Schwangerschaftsdauer von 16-18 Wochen erlaubt sein, um noch einen bestimmten "Puffer" zu bieten, aber auch weil es medizinisch vertretbar ist, bis etwa in die 16.-18. Woche eine Kürettage durchzuführen.

Doctöse
19.03.2008, 13:41
Ungeborenes Leben hat für mich ebenfalls den gleichen Stellenwert wie geborenes.
Wenn ich irgendwann feststelle, dass ich schwanger bin, dann ist das NICHT mehr nur mein Körper. Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper als Begründung für eine Interruptio einzusetzen erinnert mich irgendwie an eine krankhafte Auslegung der Emanzipation. :-kotz

Ich habe bezogen auf andere Frauen nichts gegen Interruptios, wenn Gründe wie Krankheiten, Gefährdung der Frau, finanzielle Not, etc. vorliegen, aber das mit der Selbstbestimmung über den eigenen Körper an sich zu begründen, finde ich mit Verlaub gesagt, pervers.

Simone_th
19.03.2008, 14:33
Was ist denn finanzielle Not? Verhungern? Familie kann sich mit Kind keinen Zweitwagen leisten? Oder was dazwischen?
Es geht um Selbstbestimmung, eben auch die Selbstbestimmung über den eigenen Lebenswandel, den Lebensstandard. Natürlich, man kann das unter finanzielle Not zusammenfassen (Ausbildung, kein festes Einkommen), aber das ist heuchlerisch, weil dann auf andern Kontinenten die Frauen gar keine Kinder mehr gebären könnten, weil es ihnen noch viel schlechter geht. Es geht um die Bestimmung der Frau, ob sie
1. eine Schwangerschaft weiter fortsetzen will, mit allen körperlichen Folgen
2. sie zu diesem, eigentlich ungewollten, Zeitpunkt ein Kind in die Welt setzen will.

Doctöse
19.03.2008, 14:54
Immer die Frau. Die Tatsache, dass man das Kind nicht fragen kann, macht die Sache natürlich viel einfacher. Erinnert mich schon wieder alles zu sehr an Alice Schwarzer und Konsorten.
Ich bin froh, dass es Gynäkologen gibt, die das Thema nicht nur aus einer Sichtweise betrachten, sonst fänd ich den Job doch arg zum kotzen.

Simone_th
19.03.2008, 15:16
Immer die Frau. Die Tatsache, dass man das Kind nicht fragen kann, macht die Sache natürlich viel einfacher. Erinnert mich schon wieder alles zu sehr an Alice Schwarzer und Konsorten.
Ich bin froh, dass es Gynäkologen gibt, die das Thema nicht nur aus einer Sichtweise betrachten, sonst fänd ich den Job doch arg zum kotzen.

Ich finde, ein Gynäkologe hat berechtigterweise das Recht, diese Art von Eingriffen zu verweigern, weil mit einem Zwang niemandem geholfen wäre.
Wo beginnt denn für dich das "Leben" schützenswert zu sein? Befruchtung? Einnistung?
Wenn die Grenzen so eng siehst, dann würde mich deine Meinunge zu folgenden Themen interessieren:
- Ist eine Kupferspirale, sagen wir mal mulitload, ethisch vertretbar, egal ob als Dauerverhütung oder als Notfallverhütung?
- Ist eine Minipille ethsich vertretbar?
- Ist eine Mikropille, Kombinationspräparat, ethisch vertretbar, da deren Wirkung, wenn auch seltener, nach der Befruchtung zur Geltung kommt?
- Ist eine Notfallkontrazeption mit reinen Levonorgestrel-Präparaten ethisch vertretbar, weil, wenn auch umstritten, vielleicht mit einer nidationshemmenden Wirkung zu rechnen ist?

Oder beginnt das Leben erst nach der Nidation schützenswert zu sein? Wenn ja, weshalb?

Doctöse
19.03.2008, 15:43
Ich finde, ein Gynäkologe hat berechtigterweise das Recht, diese Art von Eingriffen zu verweigern, weil mit einem Zwang niemandem geholfen wäre.
Find ich super, dass du das so siehst :-top

Ansonsten hast du mich anscheinend nicht so richtig verstanden. Ich ziehe für mich persönlich die Grenze enger, als für andere. Ich bin aber der Meinung, dass andere Frauen (nicht alle!) oftmals einfach nicht soweit denken, was aber durch die "Beratungsstellen" auch nicht erreicht wird. Denn da gebe ich dir Recht, so wie es derzeit läuft, der Pakt mit diversen Kliniken und auch die lange Wartezeit, das ist nicht richtig.

Zu den von dir angeführten Mitteln: Wenn man damit eine Schwangerschaft gar nicht erst eintreten lässt (sei es durch Ovulationshemmer oder Nidationshemmer oder Barrieremethoden), ist es für mich ok. Die Natur selbst verhindert ja oft genug eine Nidation.
Eine "Pille danach" kommt für mich persönlich nicht infrage, was aber damit zu tun hat, dass die Pille danach doch in dem Wissen eingenommen wird, nicht adäquat verhütet zu haben (die berühmten Kondomplatzer lassen wir da mal raus ;-)). Ich würde jedoch keiner Frau diese Pille verweigern, es ist immer noch "angenehmer", auch für die Frau, als irgendwann in der xten Woche abzutreiben (wir erinnern uns an den Rattenschwanz an Hürden, und die zusätzlich folgende Zeitverzögerung).

Es geht mir auch nicht um den Schutz des Lebens um jeden Preis. Was ich kritisiere, dass ist die oftmals egoistische Einstellung, die sich aber leider auch teilweise durch falsche und zu wenig Aufklärung und Aufzeigung von Möglichkeiten der Unterstützung ergibt, teilweise durch die Einstellung "ist mir alles egal, ist mein Körper". Eine Interruptio mit einem Stigma zu behaften ist dabei aber genauso falsch, wie sie mit einer Lapalie wie Pickelausdrücken gleichsetzen zu wollen.
Den Königsweg gibt es da wohl nicht. :-nix

Simone_th
19.03.2008, 16:12
Es geht ja bei meinen Post um die Betonung der Freiheit, jemanden zu einem Eingriff zwingen zu wollen, hinter dem er nicht steht, ist falsch. Leider in der Realität doch ab und zu üblich, wenn auch nicht mit direktem gesetzlichen Gruck.

Eine "Pille danach" sehe ich persönlich nur als absolute Notlösung, erstens aufgrund der hohen Hormondosis (ca. 50 Minipillen auf einmal), zweitens weil die Sicherheit nicht gegeben ist. Neuste Studien sprechen ihr eine Interzeptionswirkung ab, also "lohnt" sich derer Einsatz nur in bestimmten Fällen. Zwischen einer möglichst raschen (und einfachen) Abgabe, um die Sicherheit zu erhöhen, und einem zu leichtfertigen Umgang mit diesem Präparat liegt grundsätzlich ein Widerspruch. Eine befreundte Apothekerin aus der Schweiz hat mir erzählt, bei ihr (Bahnhofsapotheke) stünden die Frauen ab Sonntag Mittag Schlange, für die "Pille danach" (Abgabe in der Schweiz in Apotheken ohne Rezept), weshalb einige sonntags geöffnete Apotheken zusäzliches Personal angestellt haben (Abgabe nur durch Apotheker selbst nach 15minütigen Beratungsgespräch). Da entsteht der Eindruck, die Frauen verzichten auf Verhütung, weil man für 15Euro irgendwas am Tag darauf sie nachholen kann. Eine echte Kontrolle wie häufig eine Frau diese Pille nimmt, gibt es nicht. Die Umstellung von Duofem auf Unofem scheint ein kleines Detail, aber da es nunmehr eine einzige kleine Pille ist, statt das 12-Stunden Prozedere mit 2 Pillen, haben viele das Gefühl, es sei absolut harmlos.
Dennoch: Wenn eine Frau schon ungeschützten Verkehr hatte und eine Schwangerschaft unerwünscht ist, halte ich es für angebracht, ihr die Pille danach auch zu verschreiben. Wir können Ratschläge geben, aber die Welt ändern, auf keinen Fall.
Wobei, ein kleines technisches Detail, ich persönlich eher dazu raten würde, was natürlich in den wenigsten Fällen akzeptiert wird, zur Notfallkontrazeption eine Spirale zu setzen, weil diese mit hoher Sicherheit eine Interzeption bewirkt, also als wirksamer anzusehen ist.

Mit meinem Rückgriff auf das Problem der Verhinderung der Nidation durch bestimmte Mittel wollte ich darauf hinweisen, wie willkürlich die Grenze ist.
Du persönlich begründest die Anwendung (potentiell) nidationshemmender Mittel ethisch mit den vielen in der Natur verhinderten Nidationen. Wenn das so ist, dann könnte man damit, wenigstens in den ersten Wochen, auch eine interruptio begründen. Beispiel, Anwendung von Mifegyne unmittelbar nach erstem positiv ausgefallenen Schwangerschaftstest, weil ja eben in der Natur in vielen, sehr vielen Fällen es doch in den ersten Wochen zum Abgang kommt.


Du meinst am Ende, der eigene Körper der Frau wird dann überbewertet. Ich habe es sicher überspitzt formuliert, aber es drückt meine Meinung aus, wenn ich sage, eine Frau soll das alleinige Recht haben, über Fortgang oder Abbruch ihrer Schwangerschaft zu entscheiden. Andere Lösungen sind falsch, wie will man, in einer Indikationslösung mit sozialer Indikation entscheiden, wann genau die (finanziellen) Umstände der Frau schwerer wiegen, als das Leben des Embryos? Oder gesundheitliche Indikationen. Habe deshalb gerade das Beispiel Spanien zitiert: Die Folge ist, jede Frau, die es will, bekommt diese Indikation, mit Verweis auf Gefährdung der seelischen Gesundheit, das begingt: Spanien hat einen höhere Abtreibungsquote als Deutschland und es ist, und Spätabtreibungen sind an der Tagesordnung (Stichwort Abtreibungstourismus aus Frankreich, GB und DK nach Spanien).

Gerade deshalb finde ich, sollte es eine wirklich ehrlich Fristenlösung geben, mit voller Entscheidungsfreiheit für die Frau.
Sicher, unverantwortliche Individuuen wird es immer geben. Da können wir höchsten in den einzelnen Fällen auf die Vernunft der Frauen appellieren.


Übrigens, eine nette Frage: Da sich alle über Frauen mit multi interruptiones aufregen: weshalb gibt es keine Handhabe des Staates, wenn diese nicht zu verhindern, so doch wenigstens die Kostenübernahme zu verweigern? Persönlich wäre ja sogar ich dafür, einer Frau die innerhalb eines Jahrzehnts eine 2. oder 3. interruptio verlangt, die Kostenübernahme zu verweigern. Vielleicht würde das einige zum Nachdenken bringen. Aber so lange die Pille 54 Euro im Halbjahr kostet, ein Abbruch aber übernommen wird, wird es immer wieder solche hartgesottene Fälle geben.... Und ich würde mich dagegen wehren, diese Frauen nur der Kategorie Plattenbau-HarzIV-Mandy zuzuordnen. Das ist ein übles Vorurteil.

Am Ende ist es aber eben die eigene Weltanschauung wie man dazu steht. Ich persönlich hatte bei interruptiones im ersten Trimenon nicht den Gedanken, damit ein hoch zu bewertendes Leben zu vernichten, sondern sehe es vielmehr als eine Beendigung eines für die Frau unerwünschten Zustand an. Die überwiegende Mehrheit der Frau, von genannten Ausnahmen abgesehen, hat sich diesen Schritt sehr gut überlegt und in ihrer Verantwortung die für sie momentan beste Lösung getroffen.

Leider erlauben die herrschenden Umstände keine ausgewogene Auseinandersetzung mit diesem Thema, da gerade, wie die Posts wieder zeigen, unter "Kollegen" eine Frau, die zugeben würde, bereits einmal abgetrieben zu haben, verurteilt wird, denn sie ist A: zu dumm zum verhüten, B: egoistisch und kaltblütig. Unter diesen Umständen wagt keine Frau offen zu sagen, bereits einmal abgetrieben zu haben, auch damit sich andere, die vor der Entscheidung stehen oder mal stehen werden, sich offen mit der Angelegenheit auseinandersetzen können.