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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Organspende: Widerspruchsregelung angedacht



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Flemingulus
06.09.2010, 16:44
Das da ist ein ganz interessantes (aber wie ich finde durchaus debatables) Paper: klick (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19014536)

Ich zitiere mal die Conclusion:

"This international comparative study shows that implementing policies for organ donation and putting effort into the procurement of donors does seem to have a positive impact on donor procurement in most countries. The success of donor policies is, however, blurred by the success of policies on traffic safety and CVA treatment and is therefore not revealed by the actual donation rates PMI.
Our results also demonstrate that in some countries donor policy had greater impact than in others. A gap is emerging between successful and less successful countries in this respect. Because there is insufficient information about which specific policy measures are implemented per country per year, it is not possible to determine which measures cause a significant increase in the donor efficiency rates by proxy.
The differences between countries and between years cannot be explained by differences in consent system between countries. Factors other than the consent system seem to be responsible for the differences between countries regarding the impact of their donor policy. These are for instance differences between countries regarding the measures they undertake to optimize the process of donor procurement (in hospitals), to increase the donor pool (by using older donors or non heart beating donors) or to inform the public about the relevant aspects of organ donation."

Die Niere
06.09.2010, 20:25
Leider kann ich die Studie oder Statistik nicht liefern, weiss aber auch einem Vortrag, dass auch die Rolle der Religion eine grosse Rolle spielt. So haben Länder mit mehr Mitbürgern katholischen Glaubens eine höhere Spenderquote...vielleicht finde ich ja noch etwas zum untermauern.

Ich bin für ein Stufenmodell: Probieren wir doch erstmal massive Aufklärung aus und wenn das dann nicht klappt bin ich für die von Flemingel so schön "Entscheidungsregelung " (nicht verschärfte) Methode. Das israelische Modell lehne ich absolut ab!

gruesse, die niere

PS: Vielen Dank an F für das Paper...

PPs:

Ich glaube beim derzeitigen Stand der Diskussion wäre vielleicht mal eine moderierend eingebastelte Abstimmung gar nicht unhilfreich, wer von uns Kombattanten im ersten Anlauf welche Regelung präferieren würde. Dein Wunsch ist mir Befehl :-)

Feuerblick
06.09.2010, 20:34
Auch wenn es nur um Hornhäute ging (etwas andere Situation, mehr Bedenkzeit für die Angehörigen) und nur eine kleine Gruppe befragt wurde, so gab es letztens eine ganz gute Studie an der Uni Augenklinik Münster: Dort wurden Patienten befragt, ob sie einer Hornhautspende zustimmen würden oder nicht. Bei allen, die verneinten, wurde weitergefragt, woran es liegen könnte. Anscheinend hatten Religion, Geschlecht, Alter etc nichts mit der Entscheidung für oder gegen eine Hornhautspende zu tun. Vielmehr zeigte sich bei allen Ablehnenden, dass sie einfach nicht ausreichend über Möglichkeiten, Vorgehen und vor allem Nutzen für den Empfänger informiert waren. Mit zusätzlicher Information waren deutlich mehr Menschen zu einer Spende bereit.
Muss mal schauen, ob das schon irgendwo veröffentlicht wurde, habe das Anfang des Jahres auf einem Kongress gehört.

airmaria
06.09.2010, 21:23
ich staune gerade, dass in holland anscheinend bereits seit 2008 ein bonussystem gilt, wo es für erklärte organspender 10% ermässigung der krankenkassenprämien gibt...
frei nach krüppelkatze: die holländer sind moralschweine!

was weniger erstaunlich ist, dass es am ende nur ums geld geht: hier eine schöne grafik über die bereitschaft zum organverkauf in abhängkeit von preis und relation zum einkommen (fast die hälfte aller befragten mit einem jährlichen einkommen unter 20.000 doller würden eine niere per lebendspende für 100.000 dollar verticken):
überrascht nicht, ist wohl einfach menschlich...
airmaria

Keenacat
07.09.2010, 17:02
frei nach krüppelkatze: die holländer sind moralschweine!

Öhm... :-???
Es ging zuletzt um Bonus auf der Organtransplant-Warteliste, nicht um Ermäßigung der Krankenkassenprämie, du Scherzkeks. Dezenter Unterschied, vielen Dank für die völlig falsche Darstellung meiner Meinung. Zu Ermäßigungen auf die Kassenbeiträge hab ich, wenn ich mich recht erinnere, höchstens am Rand was gesagt (und mir darüber hinaus auch noch keine ausreichende Meinung gebildet).

LieberInvasiv
07.09.2010, 17:23
Ich kann nichts verkehrtes am israelischen Bonussystem erkennen und bin daher dafür.
Es ist jedem selber überlassen ob er bereit ist zu spenden oder nicht (auch wenn ich hier aufgrund des Desinteresses und der offenkundigen Dummheit eines Gooßteils der Bevölkerung die Wiederspruchsregelung befürworte).
Aber wenn man sich gegen eine Spende entscheidet, dann muss man auch mit den Konsequenzen leben - denn mit dieser Entscheidung verwehrt man (unabhängig von den Gründen) ja unter Umständen auch einem anderen Menschen das Überleben. :-meinung

airmaria
07.09.2010, 19:02
...vielen Dank für die völlig falsche Darstellung meiner Meinung.

sorry, ich habe lediglich dieses statement:

Ich bin immer noch dagegen, die Leute, die explizit nicht spenden wollen, ÜBERHAUPT zu sanktionieren. :-nix Fänd ich ganz und gar überhaupt nicht in Ordnung, das.
Wenn ich medizinisch tätig werde, muss mir wirklich scheixxegal sein, wer der Mensch ist und was er in seinem Leben so getan hat. Ich darf eigentlich nur fragen, was er in der Situation möchte und was ich als Arzt verantworten kann. Mit dieser Sanktioniererei kommt man ethikmäßig in Teufels Küche. Ich wüsste nicht, wie man das rechtfertigen kann.
Ist schließlich keine "Eine Hand wäscht die andere"-Veranstaltung, wenn ich mich recht erinnere. Schöne Grüße von der Ärztekammer.


umgesetzt, denn ob ich nun auf der einen seite die nichtspender sanktioniere, oder die spendewilligen bevorzuge... kommt am ende aufs gleiche raus!
dennoch habe ich der form halber dieses rote wörtchen dort hinzugenommen:


frei nach krüppelkatze: die holländer sind moralschweine!
...um die restmöglichkeit einer falschen unterstellung auszuschliessen.

aufgrund der aktuellen stimmungslage bin ich jedoch gerne bereit, mich in aller form von dieser aussage zu distanzieren. man streiche in obigem von mir selbst zitierten satz "krüppelkatze", setze "einer person mit schiefer moralvorstellung".
airmaria

Flemingulus
07.09.2010, 21:07
(auch wenn ich hier aufgrund des Desinteresses und der offenkundigen Dummheit eines Gooßteils der Bevölkerung die Wiederspruchsregelung befürworte)

Hm. Also ich frag mich jetzt halt nur: würdest Du Dich denn als weniger dumm einschätzen als den "Großteil der Bevölkerung"? Wenn dem so sein sollte, muss man Dir ja einen gewissen Elitarismus unterstellen. Und wenn dem wiederum so sein sollte (alles nur mal eine Denkübung und kein persönlicher Angriff und daher vor Konjunktiven strotzend), dann hörte ich aus Deinem "einem anderen Menschen das Überleben verwehren", ziemlich falsche Töne heraus.

Wäre dann also die Forderung nach einer "optimierten" Spendepraxis nur Eigeninteresse, damit Du später mal nicht selbst in Organverlegenheit kommst? Halte ich für eine unwahrscheinliche Motivation. Nur frage ich mich, was denn dann Leute mit einer eher pessimistischen Einschätzung ihrer Mitmenschen so sehr motiviert, sich für mehr "Gerechtigkeit" einzusetzen.

Ich hängs jetzt an Deiner Bemerkung auf, aber Du bist wie gesagt gar nicht gemeint. Ich habe nur den Verdacht, dass viele Anhänger "radikalerer" Lösungen den Begriff "Gutmensch" als schimpflich oder zumindest lächerlich ansehen würden. Warum sind sie dann, obwohl ihnen alles Mutter-Theresa-hafte fremd zu ein scheint, mit so viel Verve weltverbessernd unterwegs?

Geht es dabei darum, die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen? Eine Art pädagogischer Ehrgeiz? Vielleicht ist's ja dann das, worauf ich etwas allergisch und polemisierlustig reagiere.

airmaria
07.09.2010, 21:50
vielleicht nervt manche auf der anderen seite auch einfach nur der ubiquitäre zwang nach political correctness, anstelle vernünftiger handfester aussagen...
back to topic: beim jetzigen umfragestand unserer riesigen feldstudie sieht es auf jeden fall verdammt stark nach einer abwendung von der aktuellen organspenderegelung aus!
airmaria

Hypnos
07.09.2010, 21:53
vielleicht nervt manche auf der anderen seite auch einfach nur der ubiquitäre zwang nach political correctness, anstelle vernünftiger handfester aussagen...
back to topic: beim jetzigen umfragestand unserer riesigen feldstudie sieht es auf jeden fall verdammt stark nach einer abwendung von der aktuellen organspenderegelung aus!
airmaria

Glücklicherweise sind wir nicht sonderlich repräsentativ:-))

Ehemaliger User 05022011
07.09.2010, 22:16
Ich kann nichts verkehrtes am israelischen Bonussystem erkennen und bin daher dafür.
Es ist jedem selber überlassen ob er bereit ist zu spenden oder nicht (auch wenn ich hier aufgrund des Desinteresses und der offenkundigen Dummheit eines Gooßteils der Bevölkerung die Wiederspruchsregelung befürworte).
Aber wenn man sich gegen eine Spende entscheidet, dann muss man auch mit den Konsequenzen leben - denn mit dieser Entscheidung verwehrt man (unabhängig von den Gründen) ja unter Umständen auch einem anderen Menschen das Überleben. :-meinung

seh ich auch so - m.E. ist es sogar auch berechtigt zu fragen, warum ein Mensch der entschieden hat keine Organspende im Falle eines Fall zu leisten, Anspruch auf ein Organ eines Spenders haben soll - ich denke wenn man sich gegen Organspende entscheidet, dann sollte man auch konsequent sein und auch die Spenden anderer ablehnen

Flemingulus
07.09.2010, 23:23
ich staune gerade, dass in holland anscheinend bereits seit 2008 ein bonussystem gilt, wo es für erklärte organspender 10% ermässigung der krankenkassenprämien gibt...

Anzahl der Organspender in den Niederlanden:

2005: 217
2006: 200
2007: 257
2008: 201
2009: 215
Jan.-Juli 2010: 115

Scheint ja mächtig was gebracht zu haben, das tolle Bonussystem.

Ehemaliger User 05022011
07.09.2010, 23:30
Anzahl der Organspender in den Niederlanden:

2005: 217
2006: 200
2007: 257
2008: 201
2009: 215
Jan.-Juli 2010: 115

Scheint ja mächtig was gebracht zu haben, das tolle Bonussystem.

vielleicht liegt es an einem niedrigen Kassenbetrag, so dass 10 % für viele keine relevante Größe ist :-)) - aber es bestätigt auf alle Fälle schon mal meine Meinung, dass man lieber dazu übergehen sollte, Leuten die einer Organspende nicht zustimmen zu sagen "sorry dann könnt ihr im Fall der Fälle auch kein Organ von einem Spender bekommen"

airmaria
08.09.2010, 07:39
Scheint ja mächtig was gebracht zu haben, das tolle Bonussystem.

ich persönlich bin ja auch für sanktionierung :-))
auch die deutschen haben teilweise ein bonussystem:
http://www.presse.dak.de/ps.nsf/sbl/930259165B2BD4FDC1256DFE004A36B4
...wobei die grossspurig altruistisch angehauchte rubrik "Anderen helfen" mehr verspricht, als die schlappen 250 punkte im vergleich zu mancher vierfachen belohnung vermitteln mögen, beispielsweise aufgrund von tai chi besuchen.
egal, es geht ums prinzip: die punkte haben einen direkten materiellen gegenwert, im prämienshop einlösbar... somit betreiben wir also auch quasi einen "niederen organhandel", so rein moralisch betrachtet.
airmaria

Ehemaliger User 05022011
08.09.2010, 08:09
@airmaria da hast du ja mal wieder einen wahren Skandal aufdeckt ;-)nur 250 Punkte für einen Organspendeausweis, na nun müssen wir uns nicht mehr wundern, dass das in Deutschland nichts wird mit der Spendenbereitschaft :-))

Die Niere
08.09.2010, 08:37
Es herrscht hier mal wieder ein teilweise haarsträubender Diskussionsstil, der einem ziemlich die Lust nimmt. :-(


vielleicht liegt es an einem niedrigen Kassenbetrag, so dass 10 % für viele keine relevante Größe ist :-)) - aber es bestätigt auf alle Fälle schon mal meine Meinung, dass man lieber dazu übergehen sollte, Leuten die einer Organspende nicht zustimmen zu sagen "sorry dann könnt ihr im Fall der Fälle auch kein Organ von einem Spender bekommen"Wenn aber schon der geldwerte Vorteil in der Gegenwart kein adäquates Motivationsmittel zu sein scheint, wird der virtuelle Vorteil, in der Zukunft vielleicht mal ein Organ zu bekommen, keinen durchschlagenden Erfolg haben,

gruesse, die niere

Ehemaliger User 05022011
08.09.2010, 09:00
_______________

Hippietyp
08.09.2010, 09:07
Mein Biolehrer damals hat das Thema mit uns besprochen, sowohl vom biologisch-theoretischen als auch vom ethischen und rechtlichen Gesichtspunkt her. Nach der Unterrichtseinheit konnte sich jeder einen Spenderausweis mitnehmen oder es sein lassen.
Ungefähr zwei Drittel entschieden sich für den Ausweis- ich halte dieses Modell einer verpflichtenden Lehreinheit für sinnvoll.
Problem dabei ist das dreigliedrige Schulsystem (das sowieso krank ist, aber das nur nebenbei).

Ehemaliger User 05022011
08.09.2010, 09:09
Es herrscht hier mal wieder ein teilweise haarsträubender Diskussionsstil, der einem ziemlich die Lust nimmt. :-(

Wenn aber schon der geldwerte Vorteil in der Gegenwart kein adäquates Motivationsmittel zu sein scheint, wird der virtuelle Vorteil, in der Zukunft vielleicht mal ein Organ zu bekommen, keinen durchschlagenden Erfolg haben,

gruesse, die niere
durchschlagenden Erfolg erwarte ich mir auch nicht, aber es würde den Leuten vielleicht die Augen öffnen, wie absurd es eigentlich ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung für Organspenden sind, selbst aber keine Bereitschaft dafür zeigen

airmaria
08.09.2010, 09:34
Wenn aber schon der geldwerte Vorteil in der Gegenwart kein adäquates Motivationsmittel zu sein scheint...
öhm, diese aussage auf unreflektierte zahlen aus holland, welche sicherlich multifaktoriell beeinflusst sind, zu stützen, genügt wohl nicht den umständen, zumal die vorangehende wissenschaftliche arbeit über die motivation selbst zur lebend-nierenspende einen sehr klaren zusammenhang zwischen geld und motivation hinsichtlich der organspendewilligkeit beweisen konnte.
airmaria