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Anditi
26.04.2004, 11:24
Und hier ist Teil 8:

5.
Flug SU263 der russischen Fluglinie Aeroflot war pünktlich. Entgegen den sons-tigen Gepflogenheiten bei der russischen Fluglinie hatten weder technische Prob-leme noch überzählige Gepäckstücke, deren Besitzer nicht eingecheckt hatten, eine Verspätung verursacht. In der letzten Zeit kam das öfter vor, da nach den schweren Terroranschlägen der letzten Jahre die Sicherheit besonders groß ge-schrieben wurde. Behauptete man jedenfalls. Dazu kam noch ein leichter Rü-ckenwind, der den russischen Airbus vorwärts blies. Die Flugroute führte von Moskau nach Wien und der Flug dauerte rund vier Stunden. Um 22:15 wurde Flug SU263 in Wien erwartet. Jetzt war es 22:04 Uhr. Die Maschine befand sich gerade im tschechischen Luftraum und der Pilot leitete den Landeanflug auf Wien ein. Ein Gongschlag und das Aufleuchten der Anschallzeichen über den Sitzen deutete den Passagieren an, sich auf die Landung vorzubereiten und die Sicher-heitsgurte anzulegen. In wenigen Minuten würde Flug SU263 von Moskau nach Wien von der tschechischen Flugsicherung an die österreichischen Kollegen in Wien übergeben werden. Flug SU263 war reine Routine. Fast jedenfalls.
Es gab nicht viel, was geeignet war um Alexander Ivanowitsch Tejdetel aus der Ruhe zu bringen. Aber diesmal! Die beiden Passagiere in leichtem Sommerge-wand ohne Gepäck, die auf den besten Plätzen der First Class saßen, gaben dem Chefsteward von Flug SU263 Rätsel auf. Den ganzen Flug über waren sie nicht aufgestanden, nicht einmal um auf die Toilette zu gehen. Sie hatten nicht einmal die Sicherheitsgurte gelöst. Das ihnen angebotene Zwei-Hauben-Menü mit feins-tem russischem Kaviar hatten sie ebenso ausgeschlagen wie den Begrüßungssekt vor dem Start. Sie hatten einfach den ganzen Flug lang dagesessen und geschwie-gen. Hin und wieder war aus ihrer Richtung ein Schluchzen gekommen, dass vermutlich von der Frau kam, die am Fenster saß. Ihr Sitznachbar, offensichtlich ihr Mann, saß mit versteinerter Miene da. Zwei oder dreimal hatte sich Tejdetel sogar dabei ertappt, dass er ein Auge darauf geworfen hatte, ob er überhaupt noch atmete. Tejdetel hatte in seiner Zeit bei der Aeroflot schon viel erlebt. Schon mehrmals hatte er mit randalieren Passagieren, die zuviel vom russischen Bord-wodka erwischt hatten, zu tun gehabt. Einmal war er sogar schon Geisel bei einer Flugzeugentführung gewesen. Aber diese beiden gaben ihm Rätsel auf. Im Laufe des Fluges hatte Tejdetel sogar einen Blick in die Passagierliste geworfen. Die beiden reisten mit österreichischen Pässen und hießen laut der Liste Leopold und Maria Glatterbeck. Tejdetel tat sich schwer, die Namen der beiden auszuspre-chen. Gepäck hatten sie keines eingecheckt. Offensichtlich hatten sie wirklich nicht mehr bei sich, als das was sie in den Staufächern über ihren Köpfen verstaut hatten. In Moskau hatten sie den Transitbereich gar nicht verlassen. Sie waren direkt aus einer aus Seoul kommenden Maschine der KoreanAir in den russischen Airbus umgestiegen. Tejdetel beschloss, dass sie ungefährlich waren. Aber er würde sie im Auge behalten, man konnte ja nie wissen, in Zeiten wie diesen. Ü-ber der Kleinstadt Mistelbach leitete der Pilot die letzte Phase des Sinkfluges ein und durch die Fenster des Flugzeuges konnte man in der Ferne die Lichter von Wien erkennen. Leopold und Maria Glatterbeck saßen weiterhin wie versteinert in ihren Sitzen. Alexander Ivanowitsch Tejdetel traf die letzen Vorkehrungen zur Landung und nahm dann ebenfalls Platz. Es war 22:06. Flug SU263 war pünkt-lich.

Max brachte den Ambulanzwagen mit quietschenden Reifen im Halteverbot vor der Ankunftshalle des Wiener Flughafen zum stehen. Ein Stau auf der Wiener Süd-Ost-Tangente hatte ihre Fahrt aufgehalten. Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war kurz nach halb elf. Sie hatten also kaum noch Zeit. Zwar war der Wiener Flughafen dafür bekannt, dass das Entladen der angekommenen Flugzeuge im internationalen Vergleich besonders lange dauerte, aber man konnte ja nie wis-sen. Vielleicht hatten die Gepäckschlichter ja gerade heute einen guten Tag, viel-leicht war das Flugzeug auch früher gelandet als geplant. Max und Ines hatten sich kurzerhand entschlossen, Evas Eltern vom Flughafen abzuholen. Natürlich hochoffiziell in Uniform. Verpassen wollten sie die beiden auf keinen Fall. Aus dem geplanten Besuch bei Evas Freundin Karin war nichts geworden, weil Max den ganzen Nachmittag auf dem Beifahrersitz von Ines Auto geschlafen hatte. Sie hatte nicht versucht, ihn aufzuwecken. Iris hatte den Nachmittag damit verbracht, im Keller die riesigen Umzugskartons nach alten Kleidungsstücken ihres Bruders zu durchsuchen. Er würde wohl kaum danach fragen. Davon einmal abgesehen, sie verschenkte das Gewand ja nicht. Und selbst wenn doch. Er konnte es ja oh-nehin nicht mehr brauchen. Als Max dann gegen fünf Uhr doch erwacht war, hatten sie festgestellt, dass es zu spät war, um Karin noch zu besuchen. Stattdes-sen hatten sie sich eben auf den Weg zum Flughafen gemacht. Warum, das wuss-te keiner der beiden so genau. Vielleicht wollten sie mehr über Evas Familie wis-sen, vielleicht um zu verhindern, dass die Eltern ihnen die Schuld am Tod der Tochter gaben, vielleicht aber auch nur um die eigenen Schuldgefühle zu ver-drängen. Während sie also vor den großen orange karierten Flügeltüren der An-kunftshalle, die sich in unregelmäßigen Abständen öffneten und auch wieder schlossen, warteten, gingen Ines die Erinnerungen an den Vorabend durch den Kopf. Es war zum ersten Mal seit langem gewesen, dass sie neben einem Mann eingeschlafen war. Der letzte war Bernd gewesen und wieder dachte sie mit Grauen an ihn und die Beziehung die sie mit ihm gehabt hatte. Wie hatte sie sich je in ihn verlieben können! Es war ihr schier unerklärlich. Aber noch unerklärli-cher war ihr die Tatsache, dass sie ausgerechnet jetzt wieder an ihn denken muss-te. Es war schon komisch.
Die Flügeltüren öffneten sich wieder einmal und diesmal waren es eindeutig Evas Eltern, die die Halle betraten. Ihre Tochter war Evas Mutter aus dem Gesicht geschnitten gewesen. Die gleichen blonden Haare und der gleiche zierliche Kör-perbau. Im gleichen Moment, in dem Max die beiden erkannte, hatten sie auch die beiden Sanitäter entdeckt. Ihre Blicke trafen sich und ein Schauer überkam Max. Ihre Gesichter waren versteinert, fast wie Masken. Nur in den Blicken der beiden spiegelte sich so viel Leid und Traurigkeit, dass Max am liebsten davon gelaufen wäre. Er machte einen Schritt auf die beiden zu und gab ihnen die Hand. Dann stellte er sich und seine Kollegin vor. Er hatte für einen Moment mit dem Gedanken gespielt, den Eltern zu verschweigen, dass er und Ines es gewesen waren, die Eva erfolglos reanimiert hatten. Doch dann entschied sich dafür, es den beiden zu sagen. Zu seiner Überraschung nahmen sie es kaum zur Kenntnis. Überhaupt machten die beiden einen regelrecht stoischen Eindruck. Als wäre das, was passiert war, keine besondere Überraschung für sie gewesen. Aber dann fiel Ines ein, das sie fast neunundzwanzig Flugstunden hinter sich hatten, denn da alle direkten Flüge aus den Vereinigten Staaten nach Europa hoffnungslos überbucht gewesen waren, hatten sie sich entschlossen, von Detroit über Tokio, Seoul, und Moskau nach Wien zu fliegen. Bei all den Umwegen war dies immer noch die kürzeste Route gewesen und auch hier waren auf dem Flug von Moskau nach Wien nur noch Erste Klasse Plätze frei gewesen.
Max verstaute das Gepäck im Fahrzeug und Evas Eltern nahmen auf dem Rück-sitz Platz. Nachdem auch Ines eingestiegen war, startete Max den Motor und fuhr los. Es war kurz vor elf. Dicke Regentropfen prasselten auf die Windschutzschei-be als Max den Flughafen Richtung Autobahn verließ.

Als sich die Garagentüre hinter ihnen geschlossen hatte und Max das Auto wieder auf seinem Platz abgestellt hatte, waren sich Max und Ines einig. Die Fahrt zum Flughafen hatte ihnen nicht das gebracht was sie sich erhofft hatten. Evas Eltern waren während der ganzen Fahrt recht einsilbig gewesen. Vielmehr als dass Eva eine ganz normale Fünfzehnjährige gewesen war, mit den gleichen Interessen wie fast alle anderen Mädchen in ihrem Alter auch, hatten sie nicht erfahren. In erster Linie hatte sie Burschen im Kopf gehabt. Sagten zumindest ihre Eltern. Natürlich, die schulischen Leistungen hatten darunter gelitten, aber am Schluss des Schul-jahres war es sich knapp ausgegangen. Sport oder ähnliches hatte sie nicht beson-ders interessiert. Eine Träumerin war sie gewesen, sagte ihre Mutter. Sie war oft stundenlang mit ihrem Fahrrad unterwegs gewesen, erzählte der Vater. Abends war sie oft mit ihren Freundinnen ins Kino gegangen. Das einzige was sie we-sentlich von ihren Alterskolleginnen unterschied war bei genauerer Betrachtung eine Kleinigkeit. Regelmäßig hatte sie in der örtlichen Pfarrkirche ministriert. Das war in der heutigen Zeit zwar nicht kein gewöhnlicher Zeitvertreib aber eben auch nicht bemerkenswert ausgefallen. Schenkte man den Erzählungen der Eltern Glauben, dann war Eva also ein ganz normaler, selbstbewusster Teenager gewe-sen, als ihre Eltern eine Woche zuvor in die Vereinigten Staaten aufgebrochen waren. Die Erzählungen der Eltern waren ausschweifend und gleichzeitig nichts-sagend. Wortreich und im gleichen Atemzug tonlos hatten sie von ihrer Tochter erzählt. Davon, dass Eva erst wenige Wochen zuvor besonders fröhlich vom Mi-nistrantenlager an einem Kärntner See zurückgekommen war. Während der gan-zen Fahrt war kein einziges Wort gefallen, das einen Hinweis darauf hätte geben können, warum Eva den Entschluss gefasst hatte, sich das Leben zu nehmen. Die beiden im Fonds hatten ihre Tochter geliebt. Jeder auf seine Art. Denn gemein-sam hatten sie auf den ersten Blick nur wenig. Die Tränen der Mutter waren na-hezu ununterbrochen geflossen und beinahe im Minutentakt hatte sie sich laut-stark geschnäuzt. Ihr Mann war daneben gesessen ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Was auch immer in ihm vorging, er trug es nicht zur Schau. Ob es nun an seinem Naturell lag oder ob es die Trauer war, die seine Zunge zu lähmen schien, war für jemanden, der ihn zum ersten Mal sah, nicht zu erkennen. Dass er auf der Rückbank eines nur von der Armaturenbeleuchtung erhellten PKWs saß, erleichterte die Sache ebenfalls nicht. Ebenso wenig war den beiden anzumerken, wie gut sie ihre Tochter tatsächlich gekannt hatten. War das, was sie erzählten, Evas wirkliches Leben gewesen oder eben nur jenes sorgfältig gestrickte Alibi, dass sich jeder Mensch im Laufe seiner Teenagerzeit zulegt um zu verhindern, dass seine Eltern zu viel Einblick in sein Leben bekommen.
Ministrantin war sie gewesen. Max musste an Melanie denken. Er war nach ih-rem Tod zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder in der Kirche gewesen. Was ihn damals dorthin gezogen hatte, wusste er nicht. Er war zwar als kleines Kind ganz den, damals in seiner Familien vorherrschenden, Regeln entsprechend getauft worden und mit seinen Klassenkollegen zur Erstkommunion gegangen, aber je älter er wurde, desto weniger hatte er mit Dingen wie Kirche, Glauben oder Beten anfangen können. Vielleicht lag es ja auch daran, dass seine Großel-tern sehr gläubige Menschen gewesen waren und er immer, wenn er am Wochen-ende bei ihnen war, mit ihnen die Messe besuchen musste. So kam es, dass jeder Gedanke an Gottesdienste oder ähnliches sofort dazu führte dass sich tief in ihn drinnen Widerstand gegen die Zwänge, die er damit verband, zu regen begann. Mittlerweile war er sich nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt noch etwas glaubte. Manchmal wünschte er sich, er könnte daran glauben, dass Eva, so wie er es im Volkschulreligionsunterricht gelernt hatte, auferstehen würde. Aber so einfach war es eben nicht. Ein Leben nach dem Tod, so etwas konnte es doch nicht geben. Das stand einfach in einem völligen Widerspruch zu jeder wie auch immer gearteten Logik. Gott liebt die Menschen, dass hatte seine Religionslehre-rin, eine alte und vom Leben gezeichnete Ordensschwester, den Kindern so lange einzutrichtern versucht, bis er diesen ewig gleichen Satz, auswendig hersagen hätte können, wenn man ihm um Mitternacht geweckt hätte, nur um ihn ebendie-sen Satz sagen zu hören. Auswendig konnte er ihn immer noch, diesen Satz, aber er war im Laufe seines Lebens immer mehr zu einer sinnlosen Aneinanderreihung von Wörtern verkommen, die mit dem realen Leben nichts zu tun hatten. Dass Gott die Menschen liebte, das vertrug sich einfach nicht mit den Erfahrungen, die er bisher im Leben gemacht hatte. Wenn es denn wirklich einen Gott gab, einen der angeblich sogar ein liebender Gott war, warum hatte er ihm ausgerechnet jenen Menschen genommen, den er am meisten geliebt hatte.
Max schob den Gedanken zur Seite und blickte Ines von der Seite an. Sie war gerade dabei, das Transportprotokoll fertig auszufüllen. Was sie jetzt wohl den-ken mochte. Sie sah von der Schreibarbeit auf. In ihren Augen glänzten einige Tränen. Wortlos legte Max seinen Arm um ihren Hals. Schwungvoll unterschrieb sie den Transport bericht. Dann sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und be-gann zu weinen.

EDIT am 28.07.2005 um 22:24

RS-USER-DerDings
26.04.2004, 12:11
hab den thread jetzt gerade erst entedeckt und die geschichte in einem zug gelesen...


ICH WILL MEHR DAVON !!!!


:):):)

RS-USER-schmoelzi
26.04.2004, 12:15
Ich find diese Abschweife auch immer herrlich, zuerst der S-Bahn Fahrer und jetzt der Steward.
Was ich von dem Rest der Story halte weißt du ja schon. :D

Anditi
26.04.2004, 13:53
Und hier liebe Leute: So far mein Lieblingskapitel

6.
In dieser Nacht kam der Traum zum ersten Mal. Max sah sich selbst auf dem Kirchenhügel stehen. Ein Gewitter hatte sich soeben über der Stadt entladen und nun begannen die Wolken aufzureißen und gaben den Sonnenstrahlen den Weg frei. Die Strahlen brachen sich in den letzten Regentropfen und zeichneten einen Regenbogen auf den Horizont. Max konnte sich nicht erinnern, je so einen Re-genbogen gesehen zu haben. Das nasse Gras fühlte sich warm und weich an sei-nen Füßen an. Zu seinem Erstaunen trug er keine Schuhe obwohl er seine Uni-form angezogen hatte. An den Bäumen rund um die Wiese auf der er stand glit-zerten die Wassertropfen. Jubilierendes Vogelgezwitscher umgab ihn. Es war idyllisch, wie in einem Zeichentrickfilm. Da bemerkte er am anderen Ende der Wiese eine Gestalt, die sich ihm langsam näherte. Je näher die Gestalt kam, desto deutlicher wurde sie. Es war Eva. Unverletzt. Ihr dunkelblondes Haar fiel leicht über ihre Schultern und wenn sie den kopf bewegte, schien es Max als würden die Haare in Zeitlupe den Kopfbewegungen folgen. Es erschien ihm als wäre sie von einer Aura umgeben. Vielleicht sieht so ein Engel aus, schoss es ihm durch den Kopf. Ungefähr zwanzig Meter von ihm entfernt blieb sie stehen. Sie sah in lange an und trotz der großen Entfernung konnte er ihr direkt in die Augen sehen. Sie waren tiefblau und Max glaubte darin einen unendlich großen Schmerz ablesen zu können. Plötzlich hielt sie eine Pistole in der Hand. „Hilf mir!“ sagte sie laut und deutlich und streckte ihm die andere Hand entgegen. Max fing an zu laufen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sie nicht erreichen. Die zwanzig Meter schienen zu einer unüberwindbaren Distanz zu werden. Er lief und lief, doch je schneller er lief desto weiter schien sie ihm entfernt. „Hilf mir!“ sagte das Mädchen wieder. Diesmal klang es flehend! Es erschien Max, als würde er sich langsam an sie herankämpfen. „Hilf mir!“ Nun war es ein Befehl. In seiner Lunge brannte der Atem und er spürte wie ihm langsam die Kraft ausging. Er zwang sich weiterzulaufen. Sie hob langsam die Hand und er sah wie sie sich langsam den Revolver an die Brust setzte. Jetzt war er fast bei ihr. Er streckte die Hand aus um ihr den Revolver zu entreißen. Nur noch wenige Zentimeter. „Hilf mir!“ sagte sie ein letztes Mal. Diesmal sah sie ihn dabei direkt an. Die Vögel hatten längst aufgehört zu zwitschern und die Grashalme über die er lief waren zu Na-deln geworden, die ihm beim Laufen blutige Wunden zufügten. Dann drückte sie ab. Wie in Zeitlupe konnte Max zusehen, wie sie den Abzug drückte. Der Schuss zerriss die Stille die sie umgab und hallte in Max Kopf nach. Ihr Top färbte sich rund um die Einschussstelle blutrot. Max merkte wie sich seine eigene Beklei-dung ebenfalls blutrot färbte. Sie sah ihn an. Nun waren ihre Augen hasserfüllt! „Versager“ sagte sie. Dann brach sie zusammen. In diesem Moment hatte Max sie erreicht. Sie fiel leblos in seine Arme. Er sank in die Knie. Während er sie in den Armen hielt und ihr Gesicht betrachtete, bemerkte er immer mehr Züge von Melanie an ihr. Tränen liefen über seine Wangen. Sie brannten auf der Haut. Er fühlte sich leer und hilflos. „Mörder!“ hörte er hinter sich jemanden rufen. Er blickte sich um. Ein junger Mann lief auf ihn zu. Es war der junge Mann, der ihnen den Weg zur Leiche gezeigt hatte. „Mörder!“ rief er immer wieder. Es wurden immer mehr Menschen rund um ihn herum. Sie kamen immer näher. Aber das schlimmste war, dass sie alle im Chor schrieen. „Mörder! Mörder!“. Max blickte wieder in das Gesicht des Mädchens. Nun konnte er keinen Unter-schied mehr zwischen ihr und Melanie ausmachen. Noch einmal hörte er seine Umgebung „Mörder!“ schreien. Dann spürte einen stechenden Schmerz in seinem Herzen und es war ihm als würde er zusammenbrechen.
Schweißgebadet war Max aufgewacht. Er brauchte einige Sekunden um festzu-stellen, dass er nicht mehr träumte. Er lag da und blickte an die Decke. Ines lag ruhig neben ihm und schlief. Sie schien nicht zu träumen denn sie bewegte sich nicht. Nur ihr Brustkorb hob und senkte sich rhythmisch im Takt ihrer Atemzüge. Für einige Augenblicke spielte Max mit dem Gedanken sie aufzuwecken und ihr von seinem Traum zu erzählen. Dann verwarf er die Idee wieder. Er lauschte für einige Sekunden ihren Atemzügen. Sie waren ruhig und tief. Vorsichtig stand er auf und ging in die Küche. Das grelle Licht der Glühbirne blendete ihn. Er mach-te sich daran, in den Küchenkästen etwas zu trinken zu suchen. Sein Mund war ausgetrocknet und er war durstig. Ihm fröstelte. Schließlich fand er eine Flasche Wodka. Sie war ungefähr zur Hälfte gefüllt. Da er sie auf einem der Kästen ge-funden hatte und sie schon mit einer leichten Staubschicht überzogen war, nahm er an, dass Ines schon länger nichts mehr daraus getrunken hatte. Er nahm sich ein Glas und schenkte ein. Er wollte nicht allzu viel trinken. Nur so viel, dass er die Erinnerung an den Traum hinunterspülen konnte. Er trank das Glas auf einmal aus. Der hochprozentige Alkohol brannte in seiner Speiseröhre. Für einen Mo-ment glaubte er, sich übergeben zu müssen. Er schüttelte sich. Es war als könnte er dadurch die Erinnerung an den Traum von vorhin abschütteln. Dann goss er sich noch einmal Wodka in sein Glas. Diesmal war es etwas mehr, fast die dop-pelte Menge. Er verschloss die Flasche und stellte sie wieder an ihren Platz zu-rück. Er schwenkte sein Glas eine Weile mit der Hand. Dann trank er es mit ei-nem Schluck aus. Sein Körper hatte sich schon an den Alkohol gewöhnt und diesmal brannte es nicht so sehr wie beim ersten Mal. Er spürte wie ihm langsam warm wurde. Er wusch das Glas aus und stellte es wieder in den Kasten zurück. Er drehte das Licht aus und bevor er zurück ins Bett ging wartete er noch einige Augenblicke, damit sich seine Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnen konn-ten.
Als er wieder im Bett lag, sah er Ines für einige Minuten lang an. Sie lag immer noch ruhig da und schlief. Wenn er sich über ihr Gesicht beugte, konnte er ihren Atem spüren. Für einen Moment dachte er daran, sie zu küssen. Schließlich küss-te er sanft ihre Stirn und legte sich danach neben sie. Er nahm sich fest vor, ihr am nächsten Morgen von seinem Traum zu erzählen. Davon, dass er sich heim-lich an ihren Alkoholvorräten bedient hatte, davon würde er ihr nichts erzählen. Auch dass er sie beim Schlafen beobachtet hatte, würde sein Geheimnis bleiben. Er spürte wie der Alkohol ihn müde machte. Bald würde er einschlafen. Er hoffte, dass sein Schlaf diesmal traumlos sein würde.
Er musste an Melanie denken und an das, was Evas Eltern auf der Fahrt vom Flughafen nach Mistelbach gesagt hatten. Dass es ihrer Tochter jetzt besser gehen würde. Max fragte sich, ob es Melanie nun auch besser ging. Merkwürdig, bis-lang hatte er sich nie mit diesem Gedanken befasst. Er erinnerte sich an den Mo-ment, als er von der Toilette zurück kam und auf dem Monitor über Melanies Bett nur mehr eine Nulllinie angezeigt war. Sekunden später waren die Ärzte in das Zimmer gekommen und hatten den Tod festgestellt. Damals war Max tief ent-täuscht gewesen. Melanie war gestorben, weil er sie, wenn auch nur für einen kurzen Moment alleine gelassen hatte. Damals war er fest davon überzeugt gewe-sen, dass er die Schuld an Melanies Tod trug. Deshalb hatte er auch sich damals auch geschworen, sich nie wieder zu verlieben. Er hatte Angst, wieder einen ge-liebten Menschen zu verlieren. Doch jetzt klangen die Worte von Evas Eltern in seinen Ohren. Vielleicht war Melanie wirklich in eine andere, bessere Welt hinü-bergegangen. Sie war gegangen, ohne, dass er sich von ihr verabschieden hatte können. Sie war gegangen, ohne, dass sie sich verabschiedet hatte. Max schloss die Augen. So hatte er das noch nie betrachtet. Er zögerte für einige Sekunden. Schließlich beschloss er, sein Versprechen, dass er sich selbst an Melanies Ster-bebett gegeben hatte, zu brechen. Dann schlief er ein.

EDIT am 28.07.2005 um 22:23

RS-USER-DerDings
26.04.2004, 15:19
*denstauschlauchfestzerr* *aufdievenenklopf*

MEHR ! MEHR ! MEEEEEEEEEEEEHR !!!!!

;) :D :D

Anditi
26.04.2004, 16:34
Am nächsten Morgen hatte Max den Traum vergessen. Vielleicht hatte er ihn auch nur verdrängt. Er wusste es nicht. Als er aufgewacht war, war Ines bereits aufgestanden. Sie stand in der Küche und war dabei, das Frühstück zu richten. Er betrachtete sie. Ihr Haar war noch ungebürstet und stand wirr von ihrem Kopf ab. Außer dem alten, abgetragenen T-Shirt, das sie zum Schlafen trug, hatte sie nichts an. Max ertappte sich bei dem Gedanken, ob sie etwas darunter trug. Er griff sich ans Kinn und fuhr erschrocken zurück. Die harten stacheligen Bartstoppeln erin-nerten ihn daran, dass er sich schon mehrere Tage nicht mehr rasiert hatte. Drau-ßen hatte es wieder zu regnen begonnen. Der Regen fiel dicht und in großen Tropfen. Die Tropfen prasselten gegen die Fensterscheibe und irgendwo in der Ferne grollte der Donner. Der Tag schien wie geschaffen dafür, im Bett zu blei-ben. Trotzdem zwang sich Max aufzustehen. Er schlich in die Küche. Ines, die ihm den Rücken zugewandt hatte, bemerkte ihn erst als er hinter ihr stand und begann, ihr sanft die Schultern zu massieren. Sie erschrak nicht als er sie berühr-te. Hatte sie ihn doch bemerkt oder hatte sie damit gerechnet. Max war sich nicht sicher.
„Du bist verspannt!“ sagte er, während er vorsichtig, fast schon schüchtern, ihre Schultermuskulatur bearbeitete.
„Wundert es dich?“ fragte sie. Sie schloss die Augen und genoss seine zärtliche Behandlung. Sie fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und ließ es so wieder fal-len, dass eine Seite ihres Nackens völlig frei war. Dann griff sie Max zärtlich in den Nacken und zog ihn näher an sich. Max küsste sie in den Nacken. Sie drehte sich um und legte beide Arme um seinen Hals. Dann suchte sie mit ihren Lippen seinen Mund und begann ihn zärtlich zu küssen. Max fühlte sich auf einmal unsi-cher. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er sich genau das gewünscht. Dass sie ihn umarmen und küssen würde. Auf einmal waren die Gedanken an Melanie wieder da. Ines küsste ihn immer noch. Jedes Mal, wenn Max etwas sagen wollte, verschloss sie ihm den Mund mit einem neuen Kuss. Er fühlte sich elend. Obwohl er jetzt wusste, dass sie für ihn ebenso empfand wie er für sie, war er sich alles andere als sicher ob er das wirklich wollte. Sie fuhr mit ihren Händen unter sein T-Shirt und begann seinen Rücken zu streicheln. Max spürte, wie das Blut in seinem Körper immer schneller zu zirkulieren begann. Er versuchte, sich zu ver-bieten, an Melanie zu denken. Es gelang ihm nicht. Trotzdem glitten seine Hände an Ines Rücken hinunter. Eigentlich war es mehr ein zögerliches Vorwärtstasten auf verbotenes Gebiet. Er zog sie fester an sich und seine Finger packten sanft ihre Pobacken. Während er ihr Gesäß massierte, rieben ihre Becken aneinander. Sie spürte seine Erregung und ihre Hände glitten hinunter und unter den Gummi-zug seiner Hose. Er schloss seine Augen und beschloss für sich, diesen Augen-blick zu genießen und alle anderen Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Seine Hände glitten an Ines Oberschenkel weiter bis zu jener Stelle an der das T-Shirt endete und er ihre nackte Haut spürte. Langsam tastete er sich unter ihr T-Shirt. Zentimeter für Zentimeter erforschten seine Finger ihre Oberschenkel. Er fühlte wie sie ihn losließ und die Arme in die Höhe streckte. Offensichtlich wollte sie, dass er ihr das Leibchen auszog. Während er das T-Shirt nach oben wegzog, bemerkte er, dass sie an seinem Körper zu Boden glitt. Dass sie dabei auch seine Hose mitzog, störte ihn nicht. Bis jetzt hatte er die Augen geschlossen gehalten, so als würde er dadurch alles von sich fernhalten, was ihn irritieren könnte. Doch jetzt, da er Ines nicht mehr in den Armen hielt, musste er die Augen öffnen, um sie wieder zu finden. Er zwinkerte und sah sich um. Da lag sie. Vor ihm auf dem Boden. Splitternackt und mit geschlossenen Augen. Sein Blick glitt an ihrem Körper entlang. Sie lag mit angewinkelten, leicht geöffneten Beinen vor ihm. Max sah ihr ins Gesicht. Sie schlug die Augen auf. Max fühlte sich, als würde die Welt mit ihm zusammen untergehen. Hilflos sah er sich nach einem Rettungsan-ker um. Seine Knie wurden weich und er spürte wie das Blut in seine Füße ab-sackte. Die Küche begann sich zu drehen und vor den Augen wurde ihm schwarz. Das letzte was er hörte, bevor er besinnungslos zu Boden fiel, war das Piepen seines Handys.

EDIT am 28.07.2005 um 22:22

So, für heut is wirklich schluss! Und die nächsten zwei Tage wirds nicht soviel geben, weil ich zwei Prüfung hab. Aber ich werd mich bemühen!

Anditi
27.04.2004, 12:37
7.
Die große Flut kam gegen elf Uhr und sollte fast eine Woche anhalten. Um drei-undzwanzig Uhr hatte es stark zu regnen begonnen und schon in den frühen Mor-genstunden verließen die ersten Bäche im Waldviertel ihre angestammten Betten. Um elf Uhr vormittags trat der Kamp über die Ufer um später eine Spur der Ver-wüstung durch das Waldviertel zu ziehen. Bereits eine Woche vorher hatte es hier Überflutungen gegeben. Damals hatten sich die Schäden in Grenzen gehalten. Aber der Boden war feucht wie ein vollgesogener Schwamm und das Wasser, das nun vom Wind gepeitscht in zentimeterdicken Tropfen zu Boden fiel, versickerte nicht, sondern floss in Strömen Richtung Tal. Später würden die Statistiker nahe-zu unglaubliche Niederschlagsmenge errechnen. An manchen Orten regnete es in diesen achtundvierzig Stunden mehr, als ansonsten in einem ganzen Jahr. Auch in vielen anderen Regionen Österreichs hinterließen die Wassermassen Spuren der Verwüstung und vor allem Elend, Leid und Not. In Oberösterreich mussten einige von den Wassermassen Eingeschlossene mit dem Rettungshubschrauber gebor-gen werden. In einigen Orten sah es nach dem Rückgang der Wassermassen aus wie nach einem Krieg. Tausende Menschen waren um ihr gesamtes Hab und gut gebracht worden. Autos und Traktoren, Baumaschinen und Hausrat waren von den Wassermassen wie Spielzeug davon getragen worden. Mindestens zwei Men-schen fanden in den reißenden Fluten den Tod.
Von all dem ahnte Max nichts, als er zitternd in Ines Armen wieder zu sich kam. Sie sah ihn an. Er versuchte in ihren Augen ihre Gedanken zu erkennen. Es ge-lang ihm nicht. Sie sah ihn einfach nur an. Sie strich zärtlich durch seine Haare.
„Es ist gut!“ flüsterte sie. „Es ist gut!“
Sie drückte ihn fester an sich und er bemerkte, dass sie noch immer nackt war. Es schien ihr nichts auszumachen. Ihr Körper wärmte ihn. Trotzdem fröstelte ihm. Hilflos legte er seinen Kopf an ihre Schulter. Die Tränen bahnten sich ihren Weg. „Es tut mir leid!“ schluchzte er. „Ich wollte nicht...“
„Es ist gut!“
„Aber ich wollte...“
„Still, sag nichts!“
Schweigend saßen sie da. Ines streichelte das Häufchen Elend in ihren Armen. Hin und wieder zog Max die Tränen durch seine Nase auf.
„Dir ist kalt!“
„Dir nicht?“
„Du wirst dich erkälten!“
„Du dich auch.“
„Zieh dir was an.“
„Du hast mir die Hose ausgezogen“ Max lächelte. Es kam ihm selbst sehr gequält vor. Was mochte Ines jetzt von ihm denken?
„Gehen wir duschen?“ Sie sah ihn an.
„Gemeinsam?“
„Wenn du möchtest!“ In ihren Augen blitzte der Schalk auf.
„Lieber nicht, sonst...“
„Du zuerst?“
„Ja, danke. Ich hol nur meine Sachen.“ Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Sein Handy beachtete er nicht. Dann verschwand er an Ines, die in der Zwischen-zeit wieder in ihr T-Shirt geschlüpft war, vorbei ins Badezimmer.

Als er frisch geduscht aus dem Badezimmer kam, hatte Ines ein Frühstück auf den Wohnzimmertisch gezaubert. Sie selbst hatte noch immer nicht mehr an als das T-Shirt. Sie stand am Fenster und blickte in den unvermindert starken Regen hinaus.
„Die Dusche ist jetzt frei!“
„Danke.“
„Woran denkst du?“
„An nichts!“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Du hast eine SMS be-kommen.“
„Was steht drin?“
„Hab ich nicht gelesen. Ist ja deines!“
„Danke“ Er nickte ihr zu.
Ines kramte aus einem der Kästen ein paar Kleidungsstücke heraus. Dann zog sie ihr T-Shirt aus, warf es in eine Ecke und ging ins Badezimmer. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Max wartete darauf, dass sie von innen verriegelte. Als er einige Minuten vergeblich auf das metallische Klicken des Riegels gewartet hatte, ging er in die Küche, nahm die Wodkaflasche vom Kasten und tat einen großen Schluck aus der Flasche. Dass der Alkohol in seiner Kehle brannte, machte ihm fast nichts mehr aus. In der Dusche hörte er das Wasser plätschern. Er nahm ei-nen weiteren Schluck, verschloss die Flasche und stellte sie wieder an ihren Platz zurück. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer, nahm sein Handy zur Hand und las die erhaltene Kurznachricht. Der Verfasser hatte sich kurz gefasst. „Hochwas-seralarm! Keine Rückrufe! Sofort an der Dienststelle einfinden!“ Max sah aus dem Fenster. Draußen fiel weiterhin der Regen.

EDIT am 28.07.2005 um 22:21

Anditi
28.04.2004, 08:07
Auf der Straße stand das Wasser an manchen Stellen zentimeterhoch. Mehrmals verlor Max bei der Heimfahrt den Kontakt zur Straße und schwamm auf den Wassermassen auf. Zweimal konnte er nur mit Mühe einen Unfall verhindern. Er dachte an Ines. Das letzte, was er von ihr gesehen hatte, waren ihre Pobacken gewesen. Nachdem er die Alarmmitteilung erhalten hatte, hatte er sich eilig die Uniform angezogen, ihr eine kurze Nachricht auf einen Zettel geschrieben und ihr durch die Badezimmertür ein „Tschüss, ich hab dich lieb!“ zugerufen. Er wäre gerne noch bei ihr geblieben, aber er wusste, dass er Probleme bekommen würde, wenn er sich auf den Alarm hinaus nicht umgehend melden würde. Das, was in der Küche geschehen war, war ihm peinlich. Als er die Augen geöffnet hatte, hatte er nicht Ines vor sich gesehen. Auch nicht Melanie. Er hatte geglaubt, dass tote Mädchen vor sich liegen zu sehen. Erneut kam er mit dem Wagen fast von der Straße ab. Er schämte sich dafür, dass er es nicht schaffte seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Er war ein Mann. Männer durften nicht die Kontrolle verlie-ren. Und er. Er hatte jetzt schon zum zweiten Mal in einem Jahr die Kontrolle verloren. Er versuchte, alle Gedanken an Melanie und das tote Mädchen in sein Unterbewusstsein zu drängen. Jetzt zählte nur der Hochwassereinsatz. Kurz vor der Wiener Stadtgrenze verlor der Fahrer des Wagens vor ihm die Herrschaft über sein Fahrzeug und krachte frontal gegen einen der Alleebäume an der rech-ten Straßenseite. Max schaffte es gerade noch auszuweichen. Kaum dass er sein Auto zum Halten gebracht und die Warnblinkanlage aktiviert hatte, griff er nach dem Erste Hilfe Kasten und dem Pannendreieck. Mit einem Mal waren alle Ge-danken an die Geschehnisse der letzten Tage fort. In seinem Kopf lief ein Film ab. Er wusste genau was er zu tun hatte, hier fühlte er sich wohl. Es störte ihn nicht, dass es weiterhin in Strömen regnete. Hier gab es Regeln, hier hatte er die Kontrolle über das, was passierte. Er sicherte die Unfallstelle vorschriftsmäßig ab und bat einen nachfolgenden Lenker darum, die Rettung zu rufen. Dann ging er zu dem verunglückten Fahrzeug. Der Fahrer war schwer verletzt aber bei Be-wusstsein. Seine Beine waren eingeklemmt und an seiner Stirn klaffte eine tiefe Wunde. Es war unmöglich, eine der Fahrzeugtüren zu öffnen. Max schlug die Heckscheibe ein und kletterte zu dem Verletzten. Dann begann er, die Kopfwun-de zu versorgen. Keine Sekunde dachte er an Melanie, das tote Mädchen oder Ines. Jetzt war er ganz Sanitäter. Dass seine Uniform dabei blutig wurde, störte ihn überhaupt nicht. Die ersten Rettungskräfte trafen ein. Max deckte seinen Pati-enten noch gut zu, bevor er aus dem Fahrzeug kletterte um seinem Kollegen von der Wiener Berufsrettung Platz zu machen. Da er den Unfall gesehen hatte, wur-de er von der eintreffenden Polizei auch als Zeuge vernommen. Während er den Beamten Rede und Antwort stand, sah er zu, wie Feuerwehrmänner den Mann aus dem Auto bargen und auf die Rettungstrage legten. Bevor der Rettungswagen davonfuhr bedankte sich der Fahrer noch bei Max für die ausgezeichnete kollegi-ale Hilfe. Max fühlt sich gut. Er hatte das Richtige getan. Ihm fror. Seine Uni-form war klatschnass und blutverschmiert. Er würde sich an der Dienststelle eine neue geben lassen. Nachdem er das Pannendreieck wieder im Auto verstaut hatte, fuhr er weiter. Jetzt fühlte er sich ruhiger. Das Gefühl, wieder die Kontrolle über sich zu haben, tat ihm gut. Er parkte den Wagen in der Kurzparkzone, schrieb „Rettungssanitäter im Einsatz“ auf die Rückseite einer Benzinquittung und legte den Zettel hinter die Windschutzscheibe. Dann lief er durch den strömenden Re-gen auf die Dienststelle. Er hatte die Kontrolle über sich! Er gab den Türcode am Eingang ein. An der Tür zur Garage begegnete ihm ein freiwilliger Kollege. Er musterte Max von oben bis unten. Dann zog er die Augenbrauen hoch: „Schon wieder Held gespielt?“

EDIT am 28.07.2005 um 22:20

RS-USER-DerDings
28.04.2004, 08:55
bin schon mächtig gespannt wie's weitergeht... auf jeden fall hat michd as motiviert mal wieder an einer meiner geschichten weiterzubasteln...

RS-USER-schmoelzi
28.04.2004, 09:09
Du schreibst auch? Na interessant! Da kommen ja noch richtig literarische Zeiten auf uns zu!

Nur gegen den Roman von Anditi wird schwer ankommen zu sein!

RS-USER-DerDings
28.04.2004, 09:11
eh klar... aber egal wie gut oder schlecht der wird - hauptsache ich hab wieder motivation zu schreiben und kann meine eingerosteten glider und hirnwindungen wieder etwas bemühen und trainieren - dann kann ich irgendwann mit anditi vielleicht sogar mithalten ;) :D

Anditi
28.04.2004, 13:52
8.
Max hatte die Kontrolle über sich nicht lange behalten. Er hatte einfach zuge-schlagen. Wortlos. Sein Gegenüber ging ächzend zu Boden als er von Max Faust in der Magengrube getroffen wurde. Ohne sich umzudrehen ging er weiter. Er betrat das Büro des Dienstführers um sich einsatzbereit zu melden und eine neue Uniform auszufassen. Hoffmann sah ihn fragend an. „Verkehrsunfall beim Her-fahren. Der vor mir, hat mich zum Glück nicht erwischt.“ Hoffmann nickte. Dann gab er Max den Schlüssel zum Materiallager. „Nimm dir eine neue Uniform.“
„Danke“. An der Schwelle des Büros blieb Max stehen. „Bevor du es von wem anderen erfährst: Ich hab den Wiesinger am Gang k.o. geschlagen!“
Hoffmann sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an und schnappte nach Luft. Max rechnete mit einem von Hoffmanns berüchtigten Wutanfällen. Stattdessen blickte ihn sein Chef nur an. „Dann sie zu, dass er wieder auf die Beine kommt. Wir brauchen jetzt jede helfende Hand.“
„Mach ich.“
„Und Partovec, reiß dich zusammen.“
„Ja.“
Im Materiallager suchte sich Max eine neue Uniform zusammen. In seiner Größe gab es kaum Kleidungsstücke. Schließlich hatte er aber eine passende Uniform zusammengesucht. Nur die Hose war ein bisschen zu kurz geraten. Die nassen Sachen hängte er zum trocknen in der Waschküche auf. Dann meldete er sich in der Leitstelle. Gerade wurde ein neues Team zusammengestellt, dass bei der Eva-kuierung des Örtchens Grafenwörth, dass von den Fluten der Donau und des Kamps in die Zange genommen wurde, helfen sollte. Max meldete sich als Fah-rer. Vier andere Sanitäter, darunter auch der wiederhergestellte Wiesinger wurden ebenfalls diesem Fahrzeug zugeteilt. Die wenigen Minuten bis zur Abfahrt wollte Max dafür nutzen, Ines anzurufen. Er wählte ihre Nummer. Sie hob nicht ab. Der Anrufbeantworter meldete sich. Ein kurzer Ton signalisierte Max, dass der Akku nicht mehr lange halten würde. Nochmals wählte er Ines Nummer. Diesmal hob sie ab. „Servus“
„Hi. Tut mir leid, aber ich musste weg.“
„Ich hab es gelesen.“ Ihre Stimme klang seltsam.
„Ich hatte nicht viel Zeit!“
„Als ob es auf die zwei Minuten ankommt!“
„Wie gesagt, es tut mir leid!“
„Trotzdem hättest du kurz hereinschauen können!“ Es klang wie ein Vorwurf.
„Ich wollte dir nur sagen dass ich...“ Das Gespräch brach ab. Der Akku war leer. Max ging in die Garage. Seine Kollegen hatten bereits im Auto Platz genommen. Er setzte sich hinter das Steuer, öffnete mit der Fernsteuerung die Garagentüre und als er die Garage verließ, drehte er das Blaulicht auf.

Max verbrachte fast vierundzwanzig Stunden im Katastrophengebiet. Der Einsatz lenkte ihn seinen Gedanken und Träumen ab. Für wenige Stunden konnte er dass, was auf dem Mistelbacher Kirchenhügel gesehen hatte, verdrängen. Die Bilder die sich stattdessen in seinem Kopf breit machten, waren allerdings nicht weniger schrecklich. Es war nur eine andere Art von Schrecken. Er sah wie Familien ihr Haus in wenigen Minuten verlassen mussten, bei sich nur ihr nötigstes Hab und Gut. Das Hochwasser hatte ihnen keine Zeit zur Vorbereitung gegeben. Niemand hatte damit gerechnet, dass die Flüsse innerhalb so kurzer Zeit zum zweitenmal über die Ufer treten würden. Erst zwei Wochen davor hatte der Kamp Hochwas-ser geführt, doch waren die Schäden damals bei weitem geringer geblieben als dieses Mal.
Als Max die Menschen sah, die verzweifelt versuchten ihr Hab und Gut in Si-cherheit zu bringen, fühlte er sich an die Bilder erinnert, die man sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Bilder von Menschen die auf der Flucht waren, auf der Flucht vor einer großen, unklaren Gefahr. Menschen auf dem Weg in eine Zu-kunft, von der sie nicht im Geringsten wussten, wie sie aussehen könnte.
Max hielt seinen Wagen am Sammelplatz der Einsatzkräfte, der auf einer Anhöhe lag, an. Er betrachtete die unwirklich erscheinende Szenerie. Mitten im strömen-den Regen, fast ringsum umgeben von Wassermassen, standen die Einsatzfahr-zeuge mit ihren drehenden und blitzenden Blaulichtern neben ihren Besatzungen. Die meisten in den braunen und blauen Feuerwehruniformen aber auch viele in den roten der Rettungsorganisationen. Wie ein verlorener Farbklecks in all dem nassen Grau. Unbedeutend. Was konnten sie ausrichten? Nichts. Sicher waren sie im Stande die Menschen vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen, aber konnten sie deren Leben, deren Existenz nicht wirklich retten. Alles was ihnen bleiben würde, wären Erinnerungen.
Da er ein guter Schwimmer war, wurde Max einem Trupp Feuerwehrmänner zugeteilt, die mit ihren Booten von den Wassermassen eingeschlossene Menschen aus ihren Häusern bergen sollten. Ihre erste Aufgabe war die Bergung einer acht-zigjährigen Frau, die noch immer in dem Haus lebte, in dem sie geboren worden war. Als die Feuerwehrleute sie zum Gehen aufforderten, weigerte sie sich mit ihnen zu kommen. Auch Max versuchte sie zu überreden. Auch er blieb ohne Erfolg. Während er immer eindringlicher auf die Frau einredete, stieg das Wasser vor dem Haus weiter. Ein Knall bedeutete ihm, dass das Kellerfenster den Kampf gegen die Fluten verloren hatte. Der Widerstand des Hauses war gebrochen. Max wusste, dass er sich rechtzeitig in Sicherheit bringen musste. Dass bedeutete, dass er die Frau ihrem Schicksal überlassen musste, falls sie sich weiterhin weigerte. Über Funk forderten sie Verstärkung an. Inzwischen drückte das Wasser auch immer heftiger gegen die Haustüre. Max begleitete die gebrechliche Frau in das Obergeschoss. Dort nahm sie in ihrem Schlafzimmer in einem großen, alten, ab-gesessenen Lehnstuhl Platz. Max setzte sich ihr gegenüber auf die Bettkante. Die Feuerwehrmänner hatten das Haus verlassen und warteten in ihrem Boot vor dem Haus. Am Funkempfänger konnte Max durch ein lautes Rauschen verstehen, dass ein Arzt und ein Polizeibeamte zu ihm auf dem Weg waren. Die alte Frau begann ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Während sie erzählte, begann Max die Bande die zwischen der Frau und ihrem Haus geknüpft waren, zu verstehen. Im Erdgeschoss stieg der Arzt zum Fenster in das Haus ein. Der Polizist begleitete ihn. Über ihnen vernahm er das Geräusch eines Hubschraubers. Der Hubschrau-ber schien genau über dem Haus zu stehen. Aus dem Gesicht des Arztes konnte Max erkennen, was nun folgen würde. Der Beamte erklärte der Frau, dass sie das Haus verlassen müsse. Als sie sich abermals weigerte, gab er dem Arzt ein Zei-chen. Dieser begann in seinem Koffer zu kramen und zog schließlich eine Am-pulle und eine Spritze heraus. Max drehte sich um und sah beim Fenster hinaus. Er wollte nicht mit ansehen wie der Arzt die alte Frau mit Medikamente beruhigte um sie schließlich, halb bewusstlos mit dem Bundesheerhubschrauber davonzu-fliegen, während ein Stockwerk tiefer der Widerstand der Haustüre gebrochen wurde, und sich das Wasser mit rasender Geschwindigkeit im Haus ausbreitete. Max kletterte aus dem Fenster zurück ins Boot. Ihm war übel. Rechtlich war das was die beiden taten, natürlich gedeckt. Die alte Frau war eine Gefahr für ihr eigenes Leben gewesen. Deshalb durfte sie der Arzt mit Medikamenten gegen ihren Willen beruhigen. Für einen Moment spielte Max mit dem Gedanken, sich ins Notquartier versetzen zu lassen um dort Suppe auszuschenken.
Doch seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sie einen neuen Auftrag er-hielten. Weitere Häuser mussten evakuiert werden. Der Regen fiel unerbittlich weiter und das baldige Eintreten der Dunkelheit bereitete ihnen Sorgen. Nach und nach waren die meisten Häuser evakuiert worden. Menschen, wie sie unterschied-licher nicht sein konnten, hatten sie in ihrem Boot gehabt. Da waren ebenso Ein-siedler gewesen, die jahrelang von ihrer Umwelt vergessen vor sich hingelebt hatten, wie auch Familien mit Kindern, die sich abwechselnd ängstlich an ihre Eltern oder ihre Stofftiere klammerten. Einmal gelang es Max im letzten Mo-ment, ein Stofftier aus dem Wasser zu fischen, das ein Kind verloren hatte. Durch seine überraschende und heftige Bewegung hatte er fast das Boot zum kentern gebracht. Er fühlte, wie er müde wurde.
Gerade als sie sich zu einer der letzten Evakuierungsfahrten aufmachen wollten, erreichte sie über Funk die Meldung, dass eine junge Frau in einem der Notquar-tiere ihre vierjährige Tochter vermissen würden. Da sie sich in der Nähe des Hau-ses der Familie der jungen Frau befanden, beschlossen sie, dort nach dem kleinen Mädchen sehen. Die Dunkelheit breitete sich langsam wie ein Schleier über die Szenerie. Sie erreichten das Haus. In einem der Zimmer im ersten Stock brannte Licht. Inständig hoffte Max, dass sie das kleine Mädchen dort finden würden. Durch ein Fenster im Erdgeschoss gelangte Max in das bereits überflutete Haus. Er watete mit einem Feuerwehrmann durch das ihm bis zur Hüfte stehende Was-ser zu Treppe. Zwei Stiegen auf einmal nehmend hastete er hinauf. Er stieß die Tür zu dem erleuchteten Zimmer auf und sah sich um. Das Zimmer war leer. Der Feuerwehrmann rief den Namen der Kleinen, aber sie erhielten keine Antwort. Max durchsuchte die Kästen. Vielleicht hatte sich das Kind ja versteckt. Er warf einen Blick und hinter die Vorhänge. Niemand war hier. Immer wieder verhallten ihre Rufe im leeren Raum. Sie begannen die anderen Räume zu durchsuchen. Als Max einen Lichtschalter betätigte, um sich in einem weiteren Zimmer umzuse-hen, gab es einen Kurzschluss. Die Dunkelheit umfing sie. Nochmals riefen sie den Namen des kleinen Mädchens. Antwort bekamen sie keine. Sie verließen das Haus und kehrten zum Sammelplatz der Einsatzkräfte zurück. Eine weitere Suche nach dem Kind war gefährlich und noch dazu sinnlos. Das wussten sie. In der Dunkelheit hatte sie keine Chance, die Kleine in den Wassermassen zu finden. Außerdem konnten sie selber von der unberechenbaren Strömung erfasst werden und kentern. Das Risiko war einfach zu groß. So blieb ihnen nur die Hoffnung, dass das Mädchen doch noch irgendwo auftauchen würde.

EDIT am 28.07.2005 um 22:19

Anditi
29.04.2004, 08:27
Ein Einsatzfahrzeug brachte sie zu einem Notquartier, wo sie verpflegt wurden. Es gab aufgewärmtes Dosengulasch aus Plastiknäpfen, das sie gierig verschlan-gen als hätten sie seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen, und ein Getränke-hersteller hatte zwei Paletten mit Limonaden zur Verfügung gestellt. Max erhielt eine Nachricht von Hoffmann, dass er mit seinem Team über Nacht im Katastro-phengebiet bleiben sollte. Wo sich die anderen Sanitäter aus Klosterneuburg auf-hielten, das wusste Max zu diesem Zeitpunkt nicht. Es kümmerte ihn auch nicht.
Er begann in eine Decke gehüllt mit einigen anderen Tee für die Evakuierten zu kochen. Eine eigenartige Stimmung beherrschte den ganzen Raum, der eigentlich der Turnsaal einer Schule war. In drei Reihen waren je zwanzig Feldbetten aufge-stellt worden, um die die Flutopfer ihre wenigen Habseligkeiten angeordnet hat-ten, die sie hatten retten können. Familien hatten ihre Betten enger zu einander geschoben und sprachen sich gegenseitig Mut zu. Hin und wieder war ein Schluchzen zu hören, das sich von dem allgemeinen Gemurmel abhob. Dazwi-schen konnte man hören, wie Eltern ihre Kinder trösteten oder sie in den Schlaf sangen. Dabei versuchten sie zuversichtlich auszusehen. Doch kaum waren die Kinder eingeschlafen, blitze auch in ihren Augen die Verzweiflung auf. Zwischen den Betten waren die die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen ständig unterwegs um Tee, etwas zu Essen oder psychische Betreuung anzubieten. Max fragte sich, welche Zukunft diese Menschen jetzt wohl haben würden. Mit ein bisschen Glück konnten die meisten die erste Zeit bei Verwandten verbringen, die nicht vom Hochwasser betroffen waren. Was würde mit jenen geschehen, die keine Verwandte mehr hatten? Viele hier hatten nicht nur ihr Haus und viel von ihrem Besitz verloren, sondern auch die Arbeit. Wahrscheinlich würde das Leben dieser Menschen nie wieder so sein, wie vor der Katastrophe.
Im Hintergrund lief ein Radio. Die Nachrichten berichteten ausführlich über das Hochwasser und seine Auswirkungen. Verschiedene Politiker äußerten sich, der Bundeskanzler sprach von geplanten Hilfsprogrammen, die Opposition kritisierte diese. Ein Landespolitiker äußerte die Hoffnung, dass das Land von einer Welle der Hilfsbereitschaft überschwemmt werden würde. Später würde er sich bei den Opfern für seine ungeschickte Wortwahl entschuldigen. Die Einsatzleiter der Rettungsteams kamen zu Wort. Sie alle lobten die Zusammenarbeit der einzelnen Organisation und die Arbeit der Eigenen besonders. Ein Wirtschaftsforscher gab eine Prognose über die materielle Höhe des Schadens ab. Die Umweltschützer hatten die Schuldigen bereits ausgemacht und machten sich daran diese an den Pranger zu stellen. Jeder schien die Situation für seine Zwecke ausnützen zu wol-len. Max wurde wieder schlecht.
Einer der Feuerwehrmänner, die mit ihm auf dem Boot gewesen waren, trat an ihn heran.
„Hey, wir ham’ was zum feiern! Trinkst mit?“
Er zog einen Flachmann aus seiner Jacke.
„Was denn? Feiern?“ Max zog die Augenbrauen hoch
„Die Kleine. Sie ham’s gefunden. Wohlauf. In einem anderen Quartier. Na, je-denfalls, jetzt sind Mutter und Tochter wieder glücklich vereint!“
„Danke!“ Max atmete tief durch.
Dann nahm er den Flachmann und nahm einen großen Schluck. Es war ein billi-ger Whisky. Max tat noch einen Schluck, dann gab er die Flasche zurück.
„Danke.“ sagte er nochmals.
„Dir auch, war gut mit dir arbeiten!“
Der Feuerwehrmann verschwand. Max suchte nach einer Möglichkeit, den Akku seines Handys wieder aufzuladen. Er wollte Ines anrufen. Mit ihr konnte er die Erlebnisse des heutigen Tages besprechen. Die alte Frau fiel ihm wieder ein. Wahrscheinlich lag sie in irgendeinem Krankenhaus, wo sie sich von dem Medi-kamentencocktail erholte, den ihr der Arzt verabreicht hatte. Ob sie ihr Haus, zerstört oder nicht, je wieder sehen würde, war mehr als ungewiss. Wahrschein-lich würde sie in wenigen Tagen an ihrem Gram sterben. In Folge der Aufregung würde es heißen. Max konnte keine Steckdose finden. Zumindest eine Nachricht wollte er Ines schicken. Er versuchte das Handy einzuschalten. Doch kaum hatte er seinen Code eingegeben, schaltete sich das Gerät von selber wieder aus. Max gab auf.
Dann machte er sich daran, herauszufinden, wo seine Kollegen sich aufhielten. Die meisten von ihnen waren in einem anderen Quartier, einige Kilometer strom-aufwärts mit der Versorgung der Opfer beschäftigt. Er würde sich am nächsten Tag zu seinem Auto bringen lassen und sie dann aufsuchen. Ein Gedanke durch-zuckte ihn wie ein Blitz. Die Autoschlüssel! Er griff in seine Hosentasche. Sie war leer. Ebenso wie die andere und die Knietaschen. Die Schlüssel waren nicht da wo sie sein sollten. Max versuchte sich zu erinnern, wo er sie das letzte Mal in der Hand gehabt hatte. Doch nichts. Nochmals durchsuchte er die Taschen. Alles was er fand, war ein nassgewordenes Taschentuch. Dabei fiel ihm auf, dass er noch immer seine nasse Uniformhose trug. Da sie mittlerweile schon fast ge-trocknet war, verzichtete er darauf, um Ersatzkleidung zu bitten. Max versuchte schon, sich Hoffmanns Reaktion auszumalen, wenn er über den Verlust der Auto-schlüssel berichtete, als ihm einfiel, dass er die Schlüssel in die Innentasche sei-ner Jacke getan hatte, um sie, genau wie sein Handy, vor der Nässe zu schützen. Er schüttelte die Jacke und atmete tief durch. Etwas klimperte. Erleichtert griff er in die Tasche und hatte auch wirklich die Schlüssel in der Hand. Er zog die Hose aus, legte sich auf eine der Liegen, die für die Einsatzkräfte bereitgestellt worden waren um etwas zu schlafen.

EDIT am 28.07.2005 um 22:18

Anditi
29.04.2004, 15:32
9.
Am nächsten Morgen war Max erleichtert aufgewacht. Der schreckliche Traum, den er in der Nacht davor gehabt hatte, war nicht wieder gekommen. Zumindest konnte er sich nicht daran erinnern. Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor sechs. Ihm fröstelte. Die Decke mit der er sich während der Nacht zugedeckt hatte, lag neben der Liege auf dem Boden. Offensichtlich hatte er sie während des Schlafes abgeschüttelt. Er griff nach seiner Hose, die mittlerweile völlig getrocknet war. Sie fühlte sich kalt und unangenehm an. Er blickte sich um. Auf der Liege neben ihm lag ein Feuerwehrmann, der tief und fest schlief. Er sah erschöpft aus. Die anderen Liegen waren leer. Entweder hatte niemand darauf geschlafen oder die anderen waren schon aufgestanden und bereits wieder an der Arbeit. Max dachte für einige Augenblicke daran, sich noch einmal niederzulegen und weiterzuschla-fen. Dann schlüpfte aber in seine Hose und stand auf. Er strich sich durch die Haare, und dachte daran, dass er im Moment wohl nicht besonders vorteilhaft aussah. Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass sich kaum jemand darum kümmern würde.
Als er die Teeküche betrat, sah er sich von emsigem Treiben umgeben. Es wurde Kaffee und Tee gekocht, während auf der anderen Seite des Raumes eine Liefe-rung Semmeln in großen grauen Plastikkisten gestapelt wurde. Max dachte dar-über nach, ob es sich dabei wohl um eine Spende handelte oder ob die Semmeln von der Einsatzleitung bestellt worden waren. Er ließ sich eine Tasse Tee geben und sah seinen Kollegen beim Arbeiten zu. Nachdem er die Tasse geleert hatte, suchte er den Einsatzleiter des Notquartiers auf und bat darum, zu seinem Auto zurück gebracht zu werden. Er musste sich allerdings noch einige Zeit gedulden, da zu diesem Zeitpunkt kein Fahrzeug für diesen Zweck zur Verfügung stand. Während Max mit dem Einsatzleiter sprach, meldete ein Feuerwehrmann, dass sich beim Eingang einige Freiwillige eingefunden hätten, um zu helfen. Max folgte dem Einsatzleiter zur Türe. Draußen regnete es immer noch. Allerdings kam es Max so vor, als wäre der Niederschlag nicht mehr so stark. Vor der Türe stand eine Gruppe junger Männer und Frauen. Sie erklärten dem Einsatzleiter, dass sie in den Nachrichten die verheerenden Auswirkungen des Hochwassers gesehen hätten und dass sie helfen wollten. Der Einsatzleiter zögerte zunächst, nahm dann jedoch das Hilfsangebot an. Die freiwilligen Helfer wurden mit Gummistiefeln und Regenschutzhosen ausgestattet und machten sich dann mit einem Feuerwehrtrupp auf, um mit Sandsäcken eine Barriere zu errichten die eine noch größere Ausbreitung der Flut verhindern sollten. Während Max weiter auf das Fahrzeug wartete, dass ihn zu seinem Auto bringen sollte, traf ein Kamera-team des staatlichen Fernsehens ein. Der Reporter interviewte den Einsatzleiter der auf die ausweglose Situation der Opfer hinwies. Dann erzählte er dem Journa-listen von den freiwilligen Helfern, die sich bei ihm gemeldet hatten. Ein schwe-rer Fehler. Zumindest war es das in Max Augen. In kürzester Zeit würde es hier nun von Schaulustigen und Wichtigmachern wimmeln, die unter dem fadenschei-nigen Deckmäntelchen der Hilfsbereitschaft hier her kamen, um dann mit der Schaufel in der Hand den richtigen Helfern im Weg herum zu stehen. Der Repor-ter war von der Idee um einiges begeisterter. Mit flammenden Worten forderte er die Seher auf, sich den Hilfskräften anzuschließen. Danach bedankte er sich für das Gespräch. Max sah, wie er sich danach mit seinem Kameramann aufmachte, um die Opfer zu interviewen. Er drehte sich um und starrte in den Regen hinaus. Jemand trat von hinten an ihn heran. Der junge Feuerwehrmann der hinter ihm stand, war derselbe der auf der Liege neben ihm geschlafen hatte. Der Einsatzlei-ter ließ Max ausrichten, dass er nun zu seinem Auto gebracht werden konnte. Ohne zu zögern, zog Max seine Jacke an, bedankte sich beim Einsatzleiter und stieg in das Auto, das mit laufendem Motor auf ihn wartete.

EDIT am 28.07.2005 um 22:17

Anditi
30.04.2004, 08:02
Max erwachte. Er war schweißgebadet. Seine Bettdecke hatte er von sich gewor-fen, sie lag auf dem Boden. Wieder war der Traum von dem toten Mädchen da gewesen, den er schon zwei Nächte zuvor gehabt hatte. Diesmal waren die Bilder noch klarer und die Stimmen noch lauter gewesen. Erst nach einigen Sekunden hatte er begriffen, dass er wieder nur geträumt hatte. Das Radio spielte leise vor sich hin. Ansonsten war, vom leisen Prasseln des immer noch fallenden Regens abgesehen, nichts zu hören. Es klang allerdings so, als hätte der Regen ein wenig nachgelassen, während Max geschlafen hatte. Ihm fröstelte. Nachdem er einige Minuten im Bett gelegen war und auf die Decke gestarrt hatte, stand er auf um in die Küche zu gehen. So leise als möglich schlich er durch das Vorzimmer um anschließend die Küchentüre hinter sich zu zuziehen. Ohne das Licht aufzudrehen öffnete er einen der Kästen, nahm ein Glas heraus und füllte es mit Wasser. Wäh-rend er trank, blickte er aus dem Fenster. Im schwachen Schein der Straßenlater-ne vor dem Haus konnte er erkennen, dass es immer noch in Strömen regnete. Eine Entspannung der Hochwassersituation war also mehr als unwahrscheinlich. Umso dringender war es, dass etwas Schlaf bekam. Max drehte sich um und warf einen Blick auf die Küchenuhr die tickend über der Türe hing. Es war kurz nach drei Uhr morgens. Vor weniger als elf Stunden hatte Hoffmann ihn und seine Kollegen aus dem Kamptal nach Klosterneuburg zurück beordert, da für den nächsten Tag erwartet wurde, dass sich die Situation in Klosterneuburg ebenfalls verschärfen würde. In diesem Fall würden sie alle verfügbaren Kräfte brauchen. Deshalb hatte sie Hoffmann auch gleich nach ihrer Rückkunft nach Hause ge-schickt. Die Dienstanweisung, die er ausgegeben hatte, war klar. Es hieß Kräfte sammeln. Mit dem Rücken an den Geschirrspüler gelehnt, hatte sich Max auf den Boden gesetzt. Das sagte sich so einfach. Kräfte sammeln. Hoffmann hatte ja keine Ahnung, was Max gerade durchmachte. Die Idee, sich abermals krank zu melden, verwarf Max aber wieder. Seine Kollegen würden dafür wenig Ver-ständnis haben. Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Nachdem er sich im Fernsehsessel seines Vaters niedergelassen hatte, sah er sich in dem dunklen Raum um. Er dachte an Ines. Fest hatte er sich vorgenommen, sie gleich anzuru-fen, nachdem er nach Hause gekommen war. Doch er hatte noch nicht einmal die Haustüre hinter sich geschlossen, als er sich bereits gegen die Vorwürfe seiner Mutter verteidigen musste. Nach einem kurzen, dafür aber umso heftigeren Streit hatte sie ihm wortlos eine Portion Spaghetti auf den Tisch gestellt die er gierig verschlungen hatte. Danach hatte er sein Mobiltelefon an das Netzgerät ange-steckt. Er wählte Ines Nummer. Doch statt des Klingeltons hörte eine mechani-sche Tonbandstimme, die ihn darauf hinwies, dass der gewählte Anschluss im Augenblick nicht verfügbar war. Enttäuscht hatte er das Telefon zur Seite gelegt und sich den Abendnachrichten gewidmet. Das beherrschende Thema war das Hochwasser. Die Bilder aus allen Teilen Österreichs zeigten einmal mehr den Ernst der Situation. Entspannung war keine in Sicht, wie der anschließende Wetterbericht deutlich machte. In der Werbepause vor den Sportnachrichten hatte er abermals versucht, Ines anzurufen. Doch wieder hatte sich nur die Tonbandstimme gemeldet. Daraufhin hatte er das Telefon ausgeschalten und sich dem Fernsehprogramm gewidmet. Kurz nach den Mitternachtsnachrichten war er schließlich schlafen gegangen.
Sein Blick blieb an dem Glaskasten neben dem Fernseher hängen, in dem sein Vater seine Alkoholvorräte aufhob. Max Vater trank selten. Die Flaschen im Kas-ten blieben daher wochenlang unbeachtet. Ein kleiner Schluck würde nicht auffal-len, dessen war sich Max sicher. Nachdem er sich aus dem Sessel erhoben hatte schenkte er sich einen Schluck eines Kirschbrandes aus der hintersten Reihe in sein Glas. Dann leerte er es in einem Zug. Nach kurzem Zögern schenkte er sich erneut ein. Während er trank, sah er, dass sein Handy immer noch ausgeschalten neben dem Fernseher lag. Er schaltete es ein. Er hatte zwei Nachrichten erhalten. Die erste kam von Hoffmann. Alle Mitarbeiter waren aufgefordert, sich um sechs Uhr auf der Dienststelle einzufinden, um gemeinsam der Bevölkerung im Kampf gegen das Hochwasser zu helfen, was Max bereits wusste. Die zweite Nachricht war von Ines. Gespannt wartete Max, während das Gerät die Mitteilung öffnete. Sie war kurz. „Ruf mich an, es ist dringend. LG Ines“. Mehr stand nicht daran. Max sah auf die Leuchtziffern des Videorekorders. Es war kurz nach halb vier. Jetzt schlief Ines bestimmt. Er würde sie morgen anrufen, sobald er eine freie Minute haben würde. In etwas mehr als einer Stunde würde er aufstehen müssen, wollte er wirklich um sechs Uhr auf der Dienststelle sein. Bevor zurück in sein Zimmer ging, stellte er die Flasche zurück in den Glaskasten und wusch in der Küche sein Glas aus. Als er wieder im Bett lag und die Augen schloss, bemerkte er, dass er Angst davor hatte, einzuschlafen. Er befürchtete, dass der Traum dann wiederkommen könnte. Er würde einfach die kommende Stunde im Dunkeln liegen um sich später ausgedehnt zu duschen bevor er wieder in den Dienst ging.

EDIT am 28.07.2005 um 22:16

Anditi
30.04.2004, 11:55
Ein bisserl was zum Lesen fürs WE

Als Max am nächsten Morgen unausgeschlafen und vom immer noch strömenden Regen durchnässt an die Dienststelle kam, konnte er mit Verwunderung feststel-len, dass ihn Hoffmann trotz der angespannten Hochwasserlage im regulären Fahrdienst eingeteilt hatte. Als Max ihn verwundert danach gefragt hatte, hatte Hoffmann nur milde gelächelt und gemeint, dass Max nach all der Aufregung der letzten Tage ein wenig Routine nur zu gut tun würde. Obwohl ihm ein Blick auf die vorgemerkten Fahrten verriet, dass der Tag dadurch um nichts ruhiger verlaufen würde, war aber wenigstens die Wahrscheinlichkeit mit unangenehmen Überraschungen konfrontiert zu werden, dadurch um einiges geringer geworden. Er machte sich daran, sein Auto durchzuchecken. Da seine Schicht erst in zwei Stunden beginnen würde, beschloss er, die Sache gründlich an zugehen. An ein kurzes Schläfchen war nicht zu denken. Was, wenn der Alptraum wiederkäme und er schweißgebadet und schreiend auf der Couch im Bereitschaftsraum erwa-chen würde. Er würde sich nicht nur zum Gespött seiner Zivildienstkollegen ma-chen, sondern auch der zahlreichen Freiwilligen, die darauf warteten, ins Hoch-wasser geschickt zu werden. Er ließ zufrieden die Motorhaube zufallen. Heute hatte er sogar den Ölstand kontrolliert, eine Prüfung, die er eher selten machte. Das Auto war, bis auf eine Rolle Spulenpflaster komplett. Nachdem er diese er-setzt hatte, hatte er auch noch die Bettwäsche auf der Trage neu bezogen. Zwar schien sie frisch zu sein, aber man konnte ja nie wissen! Danach machte er sich auf den Weg zum benachbarten Supermarkt um sich für den Rest des Tages mit Energydrinks einzudecken. Zwei der acht Dosen die er zusammen mit einem trotz der Plastikverpackung bereits reichlich welk aussehenden Topfenstrudels gekauft hatte, leerte er sofort, nachdem er auf die Dienststelle zurückgekehrt war. Die restlichen Dosen schlichtete er sorgfältig in die Fahrertür seines Wagens. Die beiden Zivildiener, die ihm als Sanitäter zugeteilt worden waren, erschienen, wie nicht anders erwartet, erst einige Minuten nach Dienstbeginn. Sie waren erst mit dem letzten Einrückungstermin zur Truppe gestoßen und hatten erst eine Woche davor ihre Sanitätshilfeprüfung absolviert. Unter normalen Umständen hätte Max, der in wenigen Wochen seinen Zivildienst beenden würde, sie das Auto nochmals checken lassen, nur um ihnen zu zeigen, dass Pünktlichkeit wichtig war. Doch an diesem Morgen verzichtete er darauf. Es war ihm egal. Er drückte ihnen lediglich an der Türe der Dienststelle den Auftragszettel für ihren ersten Transport in die Hand und ging danach in die Garage. Es dauerte einige Sekunden bis sich die beiden in der Situation zu Recht gefunden hatten und ihm zum Auto folgten.
Der Tag verlief, wie Max es sich erhofft hatte, unspektakulär. Sie führten fast ausschließlich Routinefahrten durch. Einzig eine dringende Fahrt zum Katheder-wechsel beschäftigte zumindest seine Sanitäter. Max hatte sich auch nicht am anschließenden Fahrzeugputz beteiligt. Er hatte getan, was er konnte. So schnell war er die Strecke vom städtischen Altersheim ins Krankenhaus schon lange nicht mehr gefahren. Es war nicht seine Schuld gewesen, dass die beiden nicht mit der Harnflasche umgehen konnten. Aber ansonsten war der Tag ruhig verlaufen ob-wohl sie, von dem dringend notwendigen Fahrzeugputz einmal abgesehen, den ganzen Tag unterwegs gewesen waren. Auch das Trinkgeld, das sie im Laufe des Tages gemacht hatten, war ansehnlich. Obwohl sie sich im Laufe des Tages nicht nur am Drive- In mit Hamburgern versorgt hatten sondern auch noch jeder eines der berühmten Riesensandwichs aus der Krankenhauskantine verschlungen hat-ten, klimperten immer noch elf Euro in seiner Tasche. Als Max den regennassen Krankentransporter in die Garage lenkte, dachte er zum ersten Mal an diesem Tag daran, Ines anzurufen. Sie hatte geschrieben, dass es dringend war. Noch während er aus dem Auto stieg, griff er zu seinem Handy. Die leeren Getränkedosen schepperten als er die Autotüre hinter sich in Schloss warf. Er wählte Ines Num-mer. Schon nach dem zweiten Klingelzeichen hob sie ab.
„Na endlich!“
„Sorry, ich bin nicht dazu gekommen!“
„Ich hab schon geglaubt, dass du im Hochwasser ertrunken bist!“
„Keine Sorge, ich kann schwimmen.“ Max lacht. Es klang sehr gekünstelt.
„Ich hab echt keinen Bock auf blöde Scherze.“ Sie klang gereizt.
„Also, was ist so dringend?“
„Wenn’s dich eh nicht interessiert, dann brauch ich es dir ja auch nicht erzählen!“
„Nein, bitte, versteh mich nicht falsch, ich hab nur einen langen Tag hinter mir und auch verdammt schlecht geschlafen!“
„Und du glaubst mir, geht es gut?“
„Nein, natürlich nicht, aber…“
„Na egal, was ich dir sagen wollte. Sie haben Evas Leiche freigegeben. Nächsten Dienstag ist das Begräbnis.“
„Und?“
„Was, und? Ich hatte eigentlich vor, da hin zugehen und eigentlich hab ich ge-glaubt, dass es du es vielleicht auch willst.“
„Ja, schon, aber eigentlich hab ich Dienst!“
„Das wär ja kein Hindernis für dich, oder? Wär ja nicht das erste Mal!“
„Na ich schau mal, vielleicht fällt mir ja was ein. Ich sag dir dann Bescheid!“
„Ok! Wie geht’s dir sonst?“
„Beschissen!“
„Wieso?“
„Kann ich dir jetzt nicht sagen, bin noch auf der Dienststelle. Aber ich erzähl’s dir, wenn wir uns wieder sehen. Und dir, wie geht’s dir?
„Geht so, aber ehrlich gesagt, es ging mir schon besser.“
„Willst drüber reden?“
„Im Moment eigentlich nicht wirklich, ein anderes Mal vielleicht.“
„Na ja, wann sehen wir uns wieder?“
„Weiß nicht, wann hast du Zeit?“
„Eigentlich gar nicht, solange wir hier davon schwimmen, aber ich schau was sich machen lässt.“
„Ok, dann schau mal, dass du etwas Schlaf bekommst, du klingst müde.“
„Mach ich.“
„Also dann, träum schön!“
„Tschau!“
Er legte auf. Während des Gespräches war er im Mannschaftsraum auf und ab gegangen. Er dachte daran, was Ines gerade gesagt hatte. Wenn sie wüsste, Wenn sie wüsste, was er zur Zeit jedes Mal träumte, wenn er auch nur für einige Minu-ten einschlief, dann hätte sie ihm wohl nicht gewünscht, dass er träumen sollte. Er ließ sich auf die Couch fallen. Aber noch bevor er sich zurück lehnen und die Augen schließen konnte, wurde er über die Haussprechanlage in die Leitstelle gerufen.

EDIT am 28.07.2005 um 22:15

RS-USER-schmoelzi
30.04.2004, 15:30
Da das Kapitel zu beenden ist schlimm.
Das ist ja noch ärger als Werbung in so manchen Filmen!

Wie kannst du nur! Will mehr, mehr, mehr ...

RS-USER-schmoelzi
30.04.2004, 15:30
Da das Kapitel zu beenden ist schlimm.
Das ist ja noch ärger als Werbung in so manchen Filmen!

Wie kannst du nur! Will mehr, mehr, mehr ...

Anditi
03.05.2004, 11:31
10.
Max schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Warum ließ er sich eigentlich jedes Mal wieder breitschlagen. Eigentlich war sein Dienst bereits zu Ende und außerdem war er todmüde. Trotzdem hatte er ohne zögern noch eine Fahrt ange-nommen. Es war dringend, hatte der Disponent gesagt. Die Patientin hatte einen akuten Gefäßverschluss in einem Unterschenkel und musste schnellstens in eine Spezialklinik am anderen Ende von Wien gebracht werden. Nachdem er die Pati-entin gemeinsam mit seiner Sanitäterin, die die beiden Zivildiener abgelöst hatte, von der Station abgeholt hatte, war er so schnell es das Wetter zuließ Richtung Wien gefahren. Die Kanäle waren mittlerweile hoffnungslos ausgelastet und im-mer wieder kreuzten wahre Flüsse die Straße. Manchmal konnte Max an Stellen an denen er sonst an die Hundert fuhr nur dreißig fahren. Nach wie vor war keine Besserung in Sicht. In der Stadt war die Situation nicht besser. Viele Fahrer pass-ten ihren Fahrstil nicht der Situation an und so kam immer wieder zu Unfällen. Die meisten von ihnen verliefen glimpflich und lediglich Blechschäden waren zu beklagen. Trotzdem stand der Verkehr in der ganzen Stadt fast still. Max quälte sich durch die Staus und während die Sanitäterin im Patientenraum der Patientin zu erklären versuchte, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, betätigte Max ein um das andere Mal die Sirene um sich seinen Weg durch den Stau zu bahnen. Schließlich waren sie nach einer halbstündigen Fahrt am Ziel angekom-men. Obwohl Max mehrmals abrupt hatte bremsen müssen, hatte sich die Patien-tin nicht übergeben müssen. Er war fast schon ein bisschen stolz auf sich gewe-sen. Als sie die Station betraten war die Dienstübergabe gerade in vollem Gange. Keine der Schwestern fühlte sich zuständig. Entweder war sie nicht mehr im Dienst oder eben noch nicht. Schließlich fand Max doch noch einen Ansprech-partner. Der diensthabende Oberarzt verschwand nachdem er einen kurzen Blick auf die Patientin geworfen hatte im Schwesternzimmer. Durch die offene Tür konnte Max hören wie der Oberarzt und die Schwester sich unterhielten.
„Haben wir überhaupt noch ein Bett frei?“
„Nur wenn wir die Tote endlich wegräumen, die noch immer auf dem Gang steht.“
Max sah sich um. Einige Meter weiter stand tatsächlich ein Bett auch dem ein komplett zugedeckter Körper lag. Ihm schauderte. Er hoffte, dass die Patientin das Gespräch zwischen dem Arzt und der Schwester nicht gehört hatte. Aber es war zu spät. Die Patientin richtete sich auf der Liege leicht auf und begann sich zu übergeben.
Schließlich war es doch noch gelungen, ein Bett für die Patientin zu bekommen und nachdem Max frisches Bettzeug von der Stationsschwester erbettelt hatte und die Trage wieder in einem einsatzbereiten Zustand war, machten sie sich auf den Rückweg. Auf halbem Weg hatte sie der Disponent angefunkt und nach ihrem Standort gefragt. Die Patientin würde nicht operiert werden, da der Verschluss bereits zu großen Schaden angerichtet hatte. Die Amputation konnte auch das Klosterneuburger Krankenhaus durchführen. Sie wäre also wieder zurück zu füh-ren. Max hatte dem Disponenten zu verstehen gegeben, dass es vermutlich länger dauernd würde, wenn er zurück fahren würde, als wenn ein Fahrzeug der Wiener Rettung den Transport übernehmen würde. Danach hatte er das Mikrofon wieder an seinen Platz zurückgehängt. Noch einmal schlug er mit der Hand auf das Lenkrad.

EDIT am 28.07.2005 um 22:15

Anditi
03.05.2004, 11:40
Der letzte war ja wohl ein bisschen gar kurz

Max parkte seinen Ambulanzwagen im Hof der Mistelbacher Rettungswache. Er hatte mit einem Kollegen Dienst getauscht, um wieder die Dialysefahrt überneh-men zu können. Er sah auf die Uhr. Es war wenige Minuten vor acht. Für acht Uhr hatte er sich mit Ines verabredet. Er wusste, dass auch sie diesen Abend nicht alleine verbringen wollte. Es war ein kleines, aber trauriges Gedenken, das sie gemeinsam begehen wollten. Vor genau einer Woche hatten die den reglosen Körper eines jungen Mädchens nur wenige hundert Meter von hier in einem Ge-büsch aufgefunden. Max dachte daran, dass er an diesem Abend eigentlich ins Kino hatte gehen wollen. Da der gebotene Film jedoch nicht sein Geschmack gewesen war, hatte er sich spontan dazu entschlossen, den Abend auf der Dienst-stelle tot zu schlagen. Er würde sich in den Fernsehraum im ersten Stock zurück ziehen und vielleicht eine Runde schlafen, vielleicht aber auch durch die Kanäle zappen, um zu sehen, ob auf irgend einem der Sender interessantes Programm geboten wurde. Doch es war komplett anders gekommen. Nicht lange nachdem er sich die Schuhe auszogen gehabt und es sich auf der Couch bequem gemacht hatte, hatte der Disponent an die Türe des Fernsehzimmers geklopft. An seiner Mine hatte Max erkannt, dass es sich um etwas Ernstes handeln musste.
„Sag, kannst du KTW fahren?“ hatte der Disponent gefragt.
Max hatte die Frage im ersten Augenblick für einen Scherz gehalten, doch dazu war der Tonfall der Frage zu ernst gewesen.
„Sicher, wieso?“
„Weil ich dringend einen Fahrer bräuchte. Angeblich liegt oben bei der Kirche ein totes Kind!“
„Verdammt! Schick den NAW!“
„Alle meine Autos sind draußen!“
„Verstehe.“
„Fährst du?“
„Alleine?“
„Nein, eine von unseren Jugendleiterinnen wird mit dir fahren. Sie wartet in der Garage.“
Schon während des Gespräches war Max wieder in seine Schuhe geschlüpft und kaum hatte der Disponent seinen Satz beendet, war er auch schon auf dem Weg zur Garage gewesen.
An das Gespräch mit dem Disponenten konnte sich Max noch genau erinnern. Alles was danach geschehen war, verschwamm in seiner Erinnerung mit dem Albtraum, den er auch in den letzten beiden Nächten gehabt hatte. Er hatte sich jeden Morgen müder gefühlt, als am Abend zuvor. Er musste mit Ines darüber reden. Unbedingt! Vielleicht würde ihm das helfen. Allerdings zweifelte er selber daran. Was sollte Ines schon gegen seine Albträume ausrichten. Damit musste er alleine fertig werden.
Er begann im Hof auf und ab zu geben. Er blickte auf die Uhr. Mittlerweile war es einige Minuten nach acht. Gerade als er beschloss Ines anzurufen, kam sie um die Ecke. Als sie ihn sah blieb sie stehen. Für einige Augenblicke standen die beiden da und sahen sich an. Dann ging Max langsam auf sie zu, um sie schließ-lich schweigend in den Arm zu nehmen. Er konnte sehen, dass sie krampfhaft versuchte, die Tränen zu unterdrücken.
„Hi!“ flüsterte Max.
„Lass mich heute nicht allein!“ Ihre Stimme war tränenerstickt.
„Nein, ich versprech’ es!“
„Aber du musst ja dann nach Klosterneuburg zurück!“ Sie zog durch die Nase auf.
„Da kannst du mitfahren und wir fahren nachher wieder her. Ich hab morgen frei.“
Die Tränen wollten sich ihren Weg nach außen um jeden Preis bahnen.
„Lass es raus“, flüsterte er ihr zu. „Lass es raus.“
Nachdem sie einige Minuten so dagestanden waren, machten sie sich auf den sich auf den Weg. Im Laufe des Nachmittags hatte es auch endlich zu regnen aufge-hört. Die Hochwassersituation hatte sich zwar noch nicht merklich entspannt, aber die Regenpause ließ zumindest hoffen. Der Boden über den sie gingen, war mit Wasser vollgesogen. Der Feldweg, der die Friedhofsmauer entlang führte, war ein großer brauner See. Die Wiese, durch die sie gelaufen waren, um zu dem leblosen Körper zu kommen ähnelte nun mehr einer Moorlandschaft und die Bank auf die sie sich setzten, war vom Regen komplett durchnässt. Es machte ihnen nichts aus. Während sie sich hinsetzten und Max versuchte, souverän den Arm um Ines Schulter zu legen, spürte er wie seine Knie weich wurden. Wäre er doch vor einer Woche nur ins Kino gegangen.

EDIT am 28.07.2005 um 22:14