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Anditi
04.05.2004, 08:44
Sie waren den ganzen Abend auf der Bank gesessen. Die Sonne hatten sie an diesem Abend nicht untergehen gesehen, da sie sich hinter den immer noch dich-ten Regenwolken verborgen hatte. Am Anfang hatten sie ein wenig gefroren, aber schließlich hatten sie sich gemeinsam in Max Jacke eingewickelt und sich gegen-seitig warm gehalten. Viel hatten sie nicht miteinander gesprochen. Immer wieder hatten sie sich die Frage gestellt, warum das, was sie an diesem Abend betrauer-ten, überhaupt geschehen war. Auf der anderen Seite des Tales lag die Ortschaft Ebendorf. Hinter einem der erleuchteten Fenster saßen Evas Eltern und trauerten um ihre Tochter. Kurz hatte Max darüber nachgedacht, ob er je Kinder haben würde. Wie würde es ihm ergehen, wenn er eines verlieren würde. Er meinte, den Schmerz der Eltern nachvollziehen zu können.
Von seinem Traum hatte er Ines nichts erzählt. Die Ereignisse hatten ihr schon zu sehr zugesetzt. Er wollte sie nicht noch mehr belasten. Er würde schon einen Weg finden um damit klarzukommen. Während es langsam dunkel wurde, gingen am Fuß des Hügels die Straßenlaternen an. Sie tauchten die ganze Umgebung in ein helles orange. Auch der Kirchturm wurde von zwei Scheinwerfern angestrahlt. Max fuhr erschrocken zusammen, als die Turmuhr laut elf Uhr zu schlagen be-gann. Bald müsste er zum Krankenhaus zurückkehren und seine beiden Patienten aufnehmen. Ines saß noch immer stumm an ihn gelehnt da.
„Ich muss dann bald fahren.“
„Ja?“
„Willst du mitfahren?“
„Nein, ich glaub ich bleib da.“
„Sicher?“
„Ja. Aber wenn du willst, kannst du nachher noch mal herkommen.“
„Ich überleg es mir.“
„Wenn, dann sag es mir bitte gleich, ich geh sonst nämlich schlafen.“
Max dachte nach. Wenn er sich morgen doch zum Hochwassereinsatz meldete, so konnte er sich noch einen weiteren Tag vernehmen und nach Evas Begräbnis einen Tag länger bleiben.
„Nein, ich glaub, ich wird morgen Dienst machen und stattdessen nach dem Be-gräbnis da bleiben. Natürlich nur, wenn es dir recht ist.“
Sie nickte. „Natürlich, kein Problem.“
„Gut, dann machen wir das so.“
Sie standen auf. Vorsichtig suchten sie ihren Weg durch die nasse Wiese. Als sie sich umdrehten konnten sie im schwachen Licht der Kirchturmbeleuchtung er-kennen, dass die Bank dort, wo sie gesessenen waren, getrocknet war. Als sie die Dienststelle fast erreicht hatten blieb Max stehen. Er sah Ines an.
„Ich bin froh, dass ich das nicht alleine durchmachen muss.“
„Ich auch!“ Sie musste lächeln.
Sie hielten sich kurz bei den Händen.
„Machs gut!“ flüsterte sie. Dann küsste sie ihn auf die Wange, ließ seine Hände los und ging davon. Für einige Sekunden sah ihr Max nach und überlegte, ob er ihr etwas nachrufen sollte oder nicht. Dann ging er wortlos zu seinem Fahrzeug, startete den Motor und nachdem er das Licht aufgedreht hatte, verließ er den Hof Richtung Krankenhaus.

EDIT am 28.07.2005 um 22:13

Anditi
05.05.2004, 09:31
Karl Eggl saß am Fenster seines Wohnzimmers und starrte in den wolkenverhan-genen Abend hinaus. Auf dem Fensterbrett stand eine Kerze. Die Flamme fla-ckerte leise vor sich hin und Karl Eggl strich mit der Hand sachte über den höl-zernen Rahmen eines Bildes, dass er neben die Kerze gestellt hatte. Es zeigte sein Patenkind bei ihrer Firmung vor knapp einem Jahr. Es war beim gemeinsamen Essen in seinem Garten entstanden und sie trug ein sonnengelbes, leichtes Som-merkleid. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Karl Eggl dachte gerne an jenen Tag zurück. Es war wunderbar warm gewesen und es hatte beste Stimmung ge-herrscht. Doch heute? Heute war es genau eine Woche her, dass sich sein Paten-kind, Eva Glatterbeck, nur wenige Meter von hier entfernt mit einer Pistole ins Herz geschossen hatte.
Als Kommandant des Polizeireviers hatte er die Untersuchungen zu Evas Tod persönlich geleitet. In keinem anderen Fall hatte er bislang so intensiv nach Hin-weisen auf den Hintergrund einer Tat gesucht wie diesmal. Diesmal war es ihm unmöglich gewesen, einen professionellen Abstand zu dem Geschehenen zu hal-ten. Er dachte an den unglückseligen Abend zurück. Er war auf einer Fortbildung in Wien gewesen und als er gegen neun Uhr nach Mistelbach zurückgekommen war aus reiner Routine noch einmal an den Posten gefahren. Der Journaldienst hatte ihn sofort darüber informiert, dass sich eine Schülerin erschossen hatte. Kurz hatte er darüber nachgedacht, seinen Stellvertreter arbeiten zu lassen und am nächsten Tag um einen ausführlichen Bericht einzufordern. Doch dann war er doch selber zur Unglückstelle gefahren. Vor Ort hatte sich bereits eine große Gruppe von Schaulustigen angesammelt und einige seiner Kollegen waren gerade dabei, eine großräumige Absperrung zu errichten. Auf der Wiese stand der Ret-tungshubschrauber aus Wien. Der Pilot ließ den Motor gerade warmlaufen und der Sanitäter war gerade dabei, zu überprüfen, ob alle Klappen und Türen ordent-lich geschlossen waren. Etwas abseits stand ein Rettungswagen mit laufendem Motor und immer noch drehenden Blaulichtern. Die beiden Sanitäter, die mit dem Wagen gekommen waren, saßen darin. Einige Meter daneben lag mit einer schwarzen Plastikfolie zugedeckt ein toter Mensch. Die Konturen des Körpers zeichneten sich deutlich unter der Folie ab. Karl Eggl war über das Absperrband geklettert und in die Richtung der Leiche gegangen. Er hatte es nicht wirklich eilig. Der größte Teil der Arbeit war bereits getan. Er wollte sich nur vergewis-sern, dass alles seine Richtigkeit hatte. Er spürte wie der Pilot hinter ihm begann, die Leistung seiner Maschine zu steigern. Schließlich zog er sie langsam in die Höhe. Der Wind der Rotorblätter trug die schwarze Plastikfolie in die Höhe. Da erkannte er sie. Dort lag nicht irgendeine Schülerin. Dort lag seine Eva!
Seine Eva, die für ihn immer mehr gewesen war, als ein Patenkind. Eigentlich war sie die Tochter die er nie haben durfte. Denn eigentlich, und dass hatte ihr Karl Eggl nie erzählt, hätte er ihr Vater sein können. Es war ziemlich genau neun Monate vor ihrer Geburt gewesen, dass ihn ihre Mutter mit einem anderen betro-gen hatte. Maria hatte ihn nach Evas Geburt auch geheiratet. Sie wollte ihre Tochter nicht ohne Vater aufziehen. Ob sie mit ihm glücklich geworden war, das wagte Karl Eggl zu bezweifeln. Leopold Glatterbeck war ein kalter Geschäfts-mann. Manchmal nahm er es auch mit den Gesetzen nicht so genau. Als er vor einigen Jahren gegen ihn wegen Betrugs ermitteln sollte, hatte Karl Eggl die Un-tersuchungen auf die Bitte seiner früheren Freundin abgebrochen. Jedenfalls war er sich sicher, dass er der bessere Vater für Eva gewesen wäre. Aber Maria hatte seine Angebote stets ausgeschlagen. Als Polizist konnte er einfach nicht mit dem luxuriösen Leben, das ihr Leopold Glatterbeck bot, mithalten. Nach Evas Geburt hatte ihn Maria darum gebeten, ihr Taufpate zu sein. Vielleicht wusste sie, wes-sen Kind Eva wirklich war. Sie hatte es Karl Eggl nie verraten.
Karl Eggl war sich sicher, dass er sich immer gut um Eva gesorgt hatte. Immer wenn ihre Eltern wegen Leopolds Geschäften ins Ausland gereist waren, hatte sie bei ihm Übernachten dürfen. Er dachte wehmütig an die Zeit zurück, als er an ihrer Bettkante gesessen war und ihr eine Einschlafgeschichte vorgelesen hatte. Meistens war sie schon nach einigen Seiten eingeschlafen. Dann hatte er sie sanft auf die Stirn geküsst und war aus dem Raum gegangen. Bevor er das Licht aus-gedreht hatte, hatte er sie immer noch einen kurzen Moment lang betrachtet. Sie schien ihm wie ein Engel, wenn sie so dalag und ihre blonden Haare auf den wei-ßen Bezug des Kopfkissens fielen.
Später hatte sie sich langsam von ihm entfernt, aber das war in Karl Eggls Augen kein Problem gewesen. Er war froh, dass sie sich neue Freunde suchte. Natürlich hatte er alles was sie tat, genau beobachtet und war froh darüber, dass sie im Ver-gleich zu vielen anderen auf dem Boden blieb. Auch als sie bereits die Haupt-schule ging, war sie weiter ministrieren gegangen, obwohl sie ihm einige Male erzählt hatte, dass sich ihre Klassenkollegen darüber lustig gemacht hatten. Sie hatte stets ihre eigene Meinung gehabt. Eine Eigenschaft, von der sich Karl Eggl sicher war, dass er großen Anteil daran hatte. Als sie ihn schließlich gefragt hatte, ob er auch ihr Firmpate sein wollte, war er glücklich gewesen.
Wieder betrachtete er das Foto. Auch damals, am Tag ihrer Firmung, war sie wieder sein Engel gewesen. Doch vor einer Woche, da lag sie als gefallener En-gel vor ihm. Mit einem Loch mitten im Herzen, tot. Damals hatte Karl Eggl für einige Sekunden die Fassung verloren. Er hatte nicht glauben können was er sah. Doch er war Polizist, er hatte es glauben und akzeptieren müssen. So professio-nell als möglich hatte er die Tatortermittlungen durchgeführt und sich Bericht erstatten lassen. Die Waffe war eine alte Polizeiwaffe. Woher Eva sie hatte, wuss-te niemand. Für einen Moment hatte Karl Eggl Leopold Glatterbeck in Verdacht gehabt, illegale Waffen zu Hause zu haben. Dann hatte er jedoch beschlossen, diesen Verdacht als das Produkt seiner Abneigung gegen Leopold, ins Reich der Phantasie zu verweisen. Das schwierigste war gewesen, seine Gefühle zu verber-gen. Niemand durfte wissen, dass er das Mädchen kannte. Zumindest nicht offi-ziell. Er war sich sicher, dass sie von einigen der Kollegen bereits erkannt worden war, da er sie immer wieder auch auf den Posten mitgenommen hatte. Aber wenn seine persönliche Beziehung zu ihr bekannt wurde, dann wurde er von den Er-mittlungen ausgeschlossen. Karl Eggl wusste das.
Die Ermittlungen in der letzten Woche waren schleppend verlaufen. Weder hatten sie herausfinden können, woher Eva die Waffe hatte, noch hatten sie einen Grund für die Tat gefunden. Dann war auch noch das Hochwasser gekommen und Karl Eggl hatte einige seiner Mitarbeiter in die Katastrophengebiete entsenden müs-sen. Nun war bereits eine Woche verstrichen und noch immer waren sie der Lö-sung keinen Schritt näher gekommen. Es sah so aus, als ob niemand an Evas Tod Schuld haben würde. Das konnte nicht sein. Das wiedersprach seinem Rechtsver-ständnis. Einen Schuldigen gab es immer. An der Hilfeleistung konnte es nicht gelegen sein. Die Sanitäter hatten ihr nötigstes gegeben. Das hatte ihm der Obdu-zent bestätigt. Etwas anderes, das der Obduzent gesagt hatte, hatte ihn ebenfalls stutzig gemacht. Eva soll am Tag ihres Todes eine Abtreibung durchgeführt ha-ben. Das verwirrte ihn. Das würde ja heißen, dass sie schwanger gewesen war. Das konnte er sich nicht vorstellen. Es erschien ihm geradezu unmöglich. Sie hatte doch nicht einmal einen Freund gehabt. Und mit wem hatte sie vor ihrem Tod noch Sex gehabt. Karl Eggl fühlte sich elend. Offensichtlich hatte er sein Patenkind nicht so gut gekannt, wie er es gerne gehabt hätte. Hätte er mehr über sie gewusst, hätte er sie vielleicht beschützen können. Aber es war nicht seine Schuld. Die Schuld musste bei jemandem anderen liegen.
Er stand auf und ging durch den Raum. Er war froh darüber, Eva nie von der Schuhschachtel erzählt zu haben, die am Boden seines Kleiderkastens stand. Dar-in befand sich seine alte Dienstwaffe. Er hatte sich, als er seine neue bekommen hatte, nicht davon trennen können. In diesem Moment beschlich ihn ein schreck-licher Gedanke. Was, wenn Eva aus irgendeinem Grund doch von der Schuh-schachtel gewusst hätte. Mit schnellen Schritten ging er in sein Schlafzimmer. Mit jedem Schritt ging er schneller. Er riss die Türen zu seinem Schrank förmlich auf. Die Schuhschachtel stand an ihrem angestammten Platz. Alles schien in Ord-nung zu sein. Doch Karl Eggl wollte Gewissheit haben. Er hatte ein ungutes Ge-fühl in der Magengegend. Es war doch unmöglich, dass sie von der Pistole ge-wusst hatte. Er hatte die Waffe nie mit einem einzigen Wort erwähnt. Er war sich sicher, dass sie sicher in der Schachtel lag. Eingewickelt in altes Zeitungspapier, dass sie nicht auf den ersten Blick zu sehen war. Doch schon als er die Schachtel in die Höhe hob, fühlte er, dass sie viel zu leicht war.

EDIT am 28.07.2005 um 22:12

RS-USER-schmoelzi
05.05.2004, 09:45
Das wars? Das war echt alles? Kann nicht sein, oder?

ambulancedriver
05.05.2004, 09:50
Ich will mehhhhhhhhhhhhhhhr!!!! :D :D

Schreib doch bitte schneller!!! :compy:

RS-USER-Kräuterhexe
05.05.2004, 17:35
Hörst Du schon das schabende Geräusch?
Das sind meine Fingernägel auf der Tischplatte!!!:) :D

Echt klasse!
Hut ab!

Anditi
06.05.2004, 12:29
11.
Er saß vor der leeren Schachtel und starrte vor sich hin. Es war seine eigene Waf-fe gewesen, mit der sich Eva erschossen hatte. Warum hatte er sich die Waffe nicht schon früher genauer angesehen. Und warum hatte er sie überhaupt zuhause aufgehoben? War es am Ende etwa seine Schuld, dass sie sich umgebracht hatte. Karl Eggl schüttelte den Kopf. Er hatte doch immer nur das Beste für sie gewollt. Und nun hatte sie sich mit seiner Waffe umgebracht. Warum. Er faltete die Hände und begann zu beten. Er war immer ein gläubiger Mensch gewesen. Doch nach einigen Sekunden hielt er innen. Gab es überhaupt einen Gott? Einen Gott, zu dem man sich mit der Bitte um Hilfe wenden konnte. Was war das für ein Gott, der all das, was rund um ihn geschah, zuließ.
Karl Eggl stand auf. Er musste mit jemandem reden. Mit jemandem, dem er ver-trauen konnte. Er dachte nach. Niemand viel ihm ein. Immer wieder sah er sich vor dem Kasten stehen und die leere Schachtel herausnehmen. Er hatte sie fallen gelassen, als er gesehen hatte, dass sie leer war. Er gehofft, dass er das Aufschla-gen der Pistole auf dem Boden hören würde, als er die Schachtel ungläubig um-gedreht hatte. Aber es war still geblieben. Nichts war zu Boden gefallen. Er hatte die Schachtel sogar geschüttelt. Nur das Zeitungspapier in das die Pistole einge-wickelt gewesen war, fiel langsam aus der Schachtel.
Nervös lief er im Zimmer auf und ab. Es war nicht seine Schuld. Es war nur seine Waffe gewesen. Er hatte sie Eva nie gezeigt. Sie hatte sie von alleine gefunden. Nein, er trug nicht die Schuld an der Tragödie, es war jemand anderer. Warum hatte niemand eingegriffen. Warum war die Rettung nicht schneller gerufen wor-den. Er musste an die Worte des Obduzenten denken.
„Als sie eintrafen, war nichts mehr zu machen!“ hatte er ihm jedes Mal geantwor-tet, wenn er gefragt hatte, ob die Sanitäter nicht doch mehr hätten machen kön-nen. Die Worte klangen in seinem Ohr. „Als sie eintrafen,…“
Das hieß doch eigentlich, dass sie nicht schnell genug gekommen waren. Karl Eggl hatte die beiden Sanitäter gesehen. Ihre Schuld war es sicher auch nicht. Augenzeugen hatten angegeben, dass der Fahrer des Rettungswagens fast schon gemeingefährlich schnell zu dem Einsatz gefahren war. Aber konnte es nicht sein, dass jemand anders die Hilfeleistung durch inkompetentes Verhalten verzögert hatte. Er stand auf. Wenn die Schuld für Evas Tod an jemandem festgemacht werden konnte, dann war es der Disponent. Wahrscheinlich hatte er den Notruf nicht ernst genug genommen. Er griff zu seiner Jacke und drehte das Licht ab. Er musste dringend auf den Posten. Die Kerze auf dem Fensterbrett erlosch, als er die Türe hinter sich mit Schwung schloss.

Max fühlte sich elend. Während der gesamten Begräbniszeremonie hatte er von dem Platz an dem er und Ines gestanden waren, über die niedrige Friedhofsmauer hinweg zu der Hecke hinüberblicken können, hinter der sie Evas Leiche gefunden hatten. So sehr er sich auch bemüht hatte, der Zeremonie und den Grabreden zu folgen, so sehr waren seine Blicke immer wieder auf die andere Seite der Mauer gewandelt. Um sich abzulenken hatte er versucht, zu erkennen in welchem Ver-hältnis die Trauergäste zu Eva gestanden hatten. Die große Gruppe Jugendlicher, von denen einige eher gelangweilt wirkten, waren wohl Evas Klassenkollegen gewesen, die vermutlich von ihren Lehrern gezwungen worden waren. Wären sie nicht gekommen, wäre die Menge der Trauergäste sehr gering gewesen. Außer Ines und Max die in ihren Dienstuniformen mit einer schwarzen Schleife am Arm erschienen waren, hatten sich nur noch Evas Eltern, eine ältere Dame die vermut-lich Evas Großmutter war und einige wenige andere Erwachsene, vermutlich Bekannte und Verwandte der Eltern. Auch der Kommandant des Polizeipostens war unter den Trauergästen. Offensichtlich hatte Ines recht gehabt mit der Ver-mutung, dass er sie gekannt hatte. Max war sich nicht sicher, ob in den Augen des Mannes nicht auch eine Träne hatte entdecken können. Es sah so aus als sei Eva ihm sehr nahe gestanden. Später hatte er versucht, zu erraten, welche der Klas-senkolleginnen wohl Karin Kämmerhöfer war. Es war ihm nicht gelungen. Zwar hatten einige in der Gruppe einen sehr betroffenen Eindruck gemacht, aber keine vermittelte ihm das Gefühl, der Toten besonders nahe gestanden zu sein.
Er versuchte den Worten des Pfarrers zu folgen. Die Stimme des alten Mannes zitterte. Ihn schien das, was geschehen war, doch sehr mitzunehmen. Manchmal musste er seine Rede für einige Sekunden unterbrechen um Kraft zum weiterre-den zu finden. Er sprach davon, dass alle Anwesenden durch Evas Tod etwas verloren hatten. Max dachte nach. Auch er hatte durch ihren Tod etwas verloren. Er fühlte sich seines Schlafes beraubt. Eva raubte ihm seinen Schlaf. Eigentlich hatte er wütend darüber sein müssen. Aber konnte man jemandem, der bereits tot war, etwas nachtragen? Er hatte durch den Tod schon viel mehr verloren. Er musste wieder an Melanie denken. Er vermisste sie. Gerade jetzt hätte er jeman-den gebraucht, an den er sich anlehnen konnte. Ines stand neben ihm. Irgendwie war sie ein sehr schwacher Hoffnungsschimmer in all der Verwirrung, in der sich Max gerade befand. Er fühlte sich hilflos in seiner Situation gefangen. Manchmal fühlte er sich, als würde er ertrinken. In diesen Situationen schien ihm Ines der einzige Rettungsanker zu sein. Doch es war ein sehr unsicherer Rettungsanker, an den er sich klammerte. Er wusste nicht, was er von ihrer Beziehung halten sollte. Manchmal erschien es ihm, als würde sie nur darauf warten, dass er sich ihr nä-herte. Doch dann kam es ihm wieder so vor als würde sie bewusst Abstand von ihm halten. Er traute sich nicht, sich an sie anzulehnen. Was, wenn sie sich da-durch bedrängt fühlte und sich von ihm zurückzog. Dann würde er ganz alleine dastehen. Mit seinen Eltern konnte er nicht reden. Die würden ihn nicht verste-hen. Und was von den anderen Kollegen zu halten war, dass hatte ihm der Frei-willige Wiesinger sehr eindrucksvoll gezeigt. Nein, wie er es drehte und wendete, seine einzige Stütze war Ines. Aber er war sich nicht sicher ob er sie belasten konnte.
„Wir wollen nun noch einigen Worten Karin lauschen, die sich von Eva verab-schieden will“, hörte Max den Pfarrer sagen. Mit einem Mal schlug seine Melan-cholie in Anspannung um. Vielleicht konnte er aus ihren Worten etwas zwischen den Zeilen heraushören, das ihm half, die Gründe für Evas Handeln zu verstehen. Eines der Mädchen aus der Gruppe der Jugendlichen machte einige Schritte nach vorne. Sie hatte lange, dunkle Haare, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Ihre großen, runden Augen waren eigenartig ausdruckslos. Mit zittrigen Händen zog sie einen Zettel aus der Tasche. Dann begann sie zu lesen.
„Eva! Du bist nicht mehr da. Warum? Warum bist du gegangen, ohne dich zu verabschieden? Du bist fort. Du bist…“ ihre Stimme versagte für einige Augen-blicke. „ Du bist fort und ich habe dich gehen lassen. Ich sehe dich nie wieder. Ich würde gerne sagen: Lebe wohl. Aber es geht nicht. Weil du nicht mehr lebst. Eva, ich frage dich warum hast du mir nichts gesagt? Ich …“ Erneut versagte ihre Stimme. Sie wurde von Tränen gebeutelt. „Ich wäre für dich da gewesen. Weißt du nicht mehr, was wir uns versprochen haben. Dass wir uns nie alleine lassen werden? Eva, du hast mich alleine gelassen! Aber ich bin dir nicht …“ Sie konnte nicht mehr. Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen und Max konnte erkennen, wie ihre Knie weich wurden. Einmal noch sammelte sie alle ihre Kraft und bevor sie die Tränen endgültig überwältigten sagte sie leise: „Ruhe in Frie-den“. Dann ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Für einige Momente befürchtete Max sie könnte ihn Ohnmacht fallen. Dann hätten er und Ines eingreifen müssen. Dabei waren sie in den roten Uniformen ohnehin schon auffälliger als ihnen lieb war.
Der Pfarrer begann den Sarg zu segnen und schließlich wurde der hölzerne Schrein langsam ins Grab hinunter gelassen. Die Trauergäste zogen in einer lang-samen Prozession am Grab vorüber. Jeder blieb bei der Grube für einige Augen-blicke stehen und warf eine kleine Blume hinein. Es schien, als könnte keiner der Anwesenden bergreifen, was geschehen war. Max und Ines standen nebeneinan-der vor dem Grab. Als er sie von der Seite ansah, konnte er sehen, dass ihr die Tränen in den Augen standen. Max warf seine Blume auf den Sarg. Dann ging er langsam weiter. Ines folgte ihm in einigem Abstand. Er ging auf Evas Eltern zu und schüttelte ihnen wortlos die Hand. Leopold Glatterbeck wirkte im Gegensatz zu seiner Frau wie versteinert. Während sie ihre Tränen nur schwer zurückhalten konnte, blickte er nur gerade vor sich hin. Als Max Maria Glatterbeck die Hand gab, hielt sie ihn für einen Moment fest. Sie sah ihm in die Augen
„Danke.“
„Wofür“
„Dafür, dass sie alles versucht haben.“
Max wusste nicht was er sagen sollte. Eigentlich kam es ihm mehr wie ein Vor-wurf vor. Es stimmte, er hatte alles versucht, aber es war nicht genug gewesen. Es kam ihm nicht so vor, als würde sie es ernst meinen. Noch einmal schüttelte er ihr die Hand. Dann ging er weiter.
Etwas abseits sah er den Priester stehen. Er ging auf ihn zu.
„Entschuldigen sie, haben sie einen Moment Zeit?“
„Natürlich, worum geht es?“
„Wissen sie, ich verstehe das nicht?“
„Was?“
„Warum sich das Mädel erschossen hat. Es lässt mir keine Ruhe.“
„Sie hätten es nicht verhindern können, junger Mann.“
„Das weiß ich schon, aber trotzdem hab ich das Gefühl versagt zu haben. Ich versteh es einfach nicht!“
„Niemand von uns versteht es.“
„Ich habe auch mit ihren Eltern geredet, konnte aber nichts herausfinden. Sie war ja auch Ministrantin, sie haben sie sicher auch gut gekannt.“
„Ja das habe ich. Sie war ein wundervoller Mensch.“
„Das haben mir ihre Eltern auch erzählt. Aber es passt einfach nicht damit zu-sammen, dass sie schwanger war.“
Der Pfarrer fuhr unmerklich zusammen.
„Auch Maria Magdalena wurde später heilig gesprochen.“
„Wie meinen sie das?“
„Das kann ich ihnen nicht sagen.“
„Wieso?“
“Die Beichte eines Gläubigen ist bei mir gut in meinem Herzen aufgehoben.“ Der alte Mann lächelte. Ein jüngerer Geistlicher trat an sie heran.
„Hubertus, ich möchte dir den jungen Mann vorstellen, der versucht hat, unsere Eva unter uns zu halten.“ Der Pfarrer machte eine Handbewegung zu Max hin. Der junge Priester gab ihm die Hand. Er musterte Max aufmerksam. Fast schon prüfend.
„Stimmt davon habe ich gehört.“ Sein Blick wanderte über Max Schulter in Rich-tung Ausgang. „Ich bin Kaplan Hubertus. Gott wird ihnen ihren Einsatz danken.“
Max begann, sich unwohl zu fühlen. Das, was er gerade erlebte, stand im totalen Gegensatz zu dem Gottesbild, dass er sich selbst aufgebaut hatte. Er blickte sich um. Ines stand neben dem Gittertor des Friedhofs und wartete auf ihn.
„Danke. Ich muss los“ Er beeilte sich, den beiden die Hand zu geben. Der alte Mann hielt seine Hand kurz fest und sah ihm in die Augen. „Gott segne sie, jun-ger Mann.“ Dann ließ er die Hand los.
„Grüßen Sie ihre Kollegin von mir.“ Der Kaplan machte eine Kopfbewegung in Ines Richtung. Max beeilte sich, von den beiden fort zu kommen. Er musste nachdenken. Das ging hier nicht. Auf einmal hatte der Friedhof etwas Beängsti-gendes, Beklemmendes bekommen. Das dauernde Gerede über Gott ging ihm auf die Nerven. Das was da geschehen war, das hatte nichts mit Gott zu tun. Es war real. Es war tatsächlich passiert. Und es musste einen Grund dafür geben. Er nahm Ines bei der Hand und zog sie vom Friedhofsgelände fort. Vor dem Tor blieb er stehen.
„Ich soll dich von diesem Aushilfspfarrer grüßen lassen.“
„Danke.“ Das er merklich irritiert war, ignorierte sie.
Er holte tief Luft. „Los, lass uns abhauen. Schnell.“
„Was ist denn los mit dir?“ Ines sah ihn fragend an.
„Nichts, ich konnte nur dieses andauernde Gottesgequatsche nicht mehr hören.“ Er hielt inne. „Gott, Gott, Gott! Wo ist denn dieser beschissene Gott? Ich sag dir jetzt was. Es gibt keinen Gott.“
Ines sah sich erschrocken um. Einige Leute waren stehen geblieben und starrten sie an.
„Reiß dich zusammen!“ knurrte sie. „Wir sind ohnehin schon auffällig genug.“
„Geht schon wieder“, murmelte er.
Noch einmal sah er sich um. Die Leute waren kopfschüttelnd weitergegangen. Er nahm Ines bei der Hand. „Gehen wir eine Runde spazieren?“
„Nein, mir ist kalt. Ich würde lieber nach hause gehen. Kommst du mit?“
„Ja, heute hab ich Zeit“
Gerade als sie losgehen wollten gemerkten sie, wie der Wind einige der Wolken sachte zur Seite geschoben hatte und einige Sonnenstrahlen bahnten sich zum ersten Mal seit der Flut den Weg durch die Wolkendecke. Dabei sah es so aus, als würden die Lichtstrahlen genau auf den Friedhof fallen. Max schüttelte den Kopf. Das war eine Einbildung. Da war nichts Übernatürliches. Alles, was sich rund um ihn herum ereignete war real und war passiert, weil es einen logischen Grund dafür gab. Da war er sich sicher. Absolut sicher. Er schwor sich, zu versuchen, diesen Grund herauszufinden, so unmöglich es ihm jetzt auch erscheinen mochte. Es ging darum, zu beweisen, dass nicht er und Ines Schuld an Evas Tod hatten. Er wusste, dass er die Tragödie nicht verhindern hätte können. Aber er wollte es sich beweisen.

EDIT am 28.07.2005 um 22:11

Anditi
07.05.2004, 10:48
Es dauerte einige Sekunden bis Max wusste, wo er war. Er lag auf Ines Couch. Sie lag, in eine Decke gewickelt, neben ihm und schlief. Von seinem erschrocke-nen Erwachen hatte sie nichts mitbekommen. Max atmete auf. Er wollte nicht, dass sie von seinen Albträumen erfuhr. Er wollte ihr gegenüber nicht schwach wirken. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Er sah sich in dem Raum um. Am Fußende des Bettes standen auf dem Couchtisch zwei leere Weinfla-schen. Sie waren gestern nach Evas Begräbnis gemeinsam in Ines Wohnung ge-gangen und hatten versucht, gemeinsam eine Erklärung für Evas Selbstmord zu finden. Es war ihnen nicht gelungen. Sie hatten Theorien aufgestellt und disku-tiert. Sie hatten versucht, aus den wenigen Informationen, die sie hatten, Hypo-thesen zu zimmern. Aber egal, wo sie begannen und welchen Weg sie wählten, sie kamen immer wieder zu dem Schluss, dass sie die Erklärung einfach nicht finden konnten. Irgendwann waren sie schließlich dazu übergegangen, sich selbst und ihre Situation zu bedauern. Schließlich hatte Ines begonnen, von Bernd, ih-rem letzten Freund zu erzählen. Max war still dagesessen und hatte ihr zugehört. Das Thema war ihm unangenehm. Er wollte nicht wieder an Melanie erinnert werden. Er hatte daran gedacht, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie an jenem schicksalhaften Novembertag nicht gestorben wäre, wenn er nicht zu Toi-lette gegangen wäre. Er war sich noch immer sicher, dass es seine Schuld war, dass sie gestorben war. Er hatte sie alleine gelassen, er hatte ihr nicht gesagt, dass er gleich wieder kommen würde. Für sie, und da war sich Max sicher, musste es gewirkt haben, als würde er sie aufgeben. Er musste daran denken, was Karin an Evas Grab gesagt hatte. „Warum bist du gegangen, ohne dich zu verabschie-den?“. Die gleiche Frage würde er wohl Melanie stellen, wenn er noch einmal die Gelegenheit dazugehabt hätte. Sie fehlte ihm. Er hatte Ines reden gehört, ohne wirklich zu verstehen, wovon sie sprach. Hin und wieder hatte er sich bemüht, ein interessiertes „Da hast du natürlich vollkommen recht“ ins Gespräch einzuwer-fen, aber er zweifelte daran, ob er Ines wirklich etwas vormachen konnte. Sie hatte zu reden aufgehört und sah in nachdenklich an.
„Woran denkst du?“
„Nichts, ich höre dir zu.“
„Nein das tust du nicht.“
„Gut, dann tu ich es nicht.“
„Worüber denkst du nach.“
Max hatte beschlossen, ihr seinen letzten Gedanken zu verraten. Den, dass froh darüber war, sie kennen gelernt zu haben.
„Also um ehrlich zu sein, …“
„Ja?“ Fragend hatte sie ihn angesehen.
„Um ehrlich zu sein, möchte ich dir etwas sagen.“
Sie hatte die Augenbrauen hochgezogen.
„Eine Sache in dieser verdammten Scheißsituation gibt es, die mich doch irgend-wie freut“, fuhr er fort.
„Jetzt bin ich aber wirklich neugierig.“
Max war sich für einen Augenblick lang nicht sicher gewesen, ob er ihr es wirk-lich sagen sollte. Doch dann sah er sie an. „Ich habe dich kennen gelernt.“
Er hatte sich viele mögliche Reaktionen ausgemalt, doch damit, dass sie sich einfach stumm aufstehen und in der Küche verschwinden würde, damit hatte er nicht gerechnet. Hatte er etwas falsch gemacht? Wo war der Fehler? Was hatte er falsches gesagt. Er hatte gehört, wie sie in der Küche hantierte. Schließlich war sie mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurückgekommen.
„Das stimmt. Das sollten wir feiern.“ Danach hatte sie eine Kerze auf den Tisch gestellt und angezündet. Nachdem sie das Licht ausgeschalten hatte, hatte sie die Flasche gekonnt geöffnet und eingeschenkt. Max war die ganze Zeit perplex auf der Couch gesessen. „Jetzt komm schon, lass uns anstoßen.“
Schweigend hatten sie dagesessen und den Wein getrunken. Das flackernde Licht der Kerze tanzte durch den Raum und sie hatten sich an der Hand gehalten. Schließlich war die Flasche leer gewesen. Nach kurzer Zeit war Ines aufgestan-den und hatte eine Neue geholt. Der Alkohol hatte begonnen, Wirkung zu zeigen. Ines war aufgestanden und hatte eine CD eingelegt. Eng aneinandergeschmiegt hatten sie begonnen, zur Musik zu tanzen. Irgendwann hatten sie sich geküsst. Wieder hatte Max gespürt, wie seine Knie weich wurden, doch diesmal schaffte er es, die Kontrolle über sich zu behalten. Nach einer Weile hatten sie die Couch ausgezogen und es sich darauf bequem gemacht. Aus ihren zärtlichen Küssen war bald eine leidenschaftliche Schmuserei geworden.
Später, als Ines bereits eingeschlafen war, war Max noch stumm da gelegen und hatte zur Decke gestarrt. Er hatte sich elend gefühlt. Er war Melanie untreu ge-worden. Er hatte mit Ines geschlafen. Er hatte sein Versprechen gebrochen. Die Schuldgefühle, die er Melanie gegenüber hatte, waren mit einem Mal in ihm hochgekocht. Das Mädchen in seinem Traum hatte absolut Recht. Er war ein Versager. Und ein ganz mieser noch dazu. In diesem Moment hatte er sich nichts mehr gewünscht, als dass er die vergangenen zwei Stunden ungeschehen hätte machen können. Irgendwann war es ihm dank des vielen Rotweins, den er an diesem Abend getrunken hatte, doch noch gelungen, einzuschlafen.
Die Erinnerung an den vergangenen Abend hatte Max vollends aufgeweckt. Er lag da und betrachtet Ines. Immer noch schien sie fest zu schlafen. Da begann sein Handy zu läuten. Er sah auf die Uhr. Es war kurz nach sechs Uhr morgens. Er hatte sich für diesen Tag frei genommen. Wer sonst, außer Hoffmann würde ihn um diese Zeit anrufen? Er begann, seine Hose zu suchen. Max versuchte sich daran zu erinnern, wo er sie am Abend davor hingelegt hatte. Das Klingeln wurde lauter. Schließlich hatte er die Hose gefunden. Er zog das Telefon aus der Tasche und warf einen Blick auf das Display. Es war Hoffmann.

EDIT am 28.07.2005 um 22:10

RS-USER-DerDings
09.05.2004, 10:25
meeeeeeeeeeeehr ! meeeeeeeeeeeeeeeeehr !!!!!!!!!!

DerHobbit
09.05.2004, 22:28
ja wann geht´s weiter?

Anditi
10.05.2004, 11:13
Mit großer Freude habe ich festgestellt, dass wir am WE die 1000 Hits Schallmauerdurchbrochen haben. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei euch allen für euer Interesse bedanken. Zum Dank gibts heute ein bisschen was längeres.

Falls das hier Klosterneuburger Kollegen lesen: Nein, ich spiele auf ÜBERHAUPT NIEMANDEN an, für alle anderen: VIEL SPASS BEIM LESEN


12.
„Ich hab frei!“ knurrte Max ins Telefon noch bevor Hoffmann überhaupt die Chance gehabt hatte, etwas zu sagen.
„Erstens, guten Morgen und zweitens, leider nicht.“
„Was soll das heißen: Leider nicht?“
„Ganz einfach, du würdest gut daran tun, heute Dienst zu machen, ob es dir passt oder nicht.“
„Und warum.“
„Einfach ausgedrückt, der Rest ist krank.“
„Krank?“
„Von den sieben Leuten, die um sechs Dienst hätten, sind fünf krank. Wir haben gerade einmal den Notarztwagen besetzt.“
„Das ist nicht gut.“
„Das ist wirklich nicht gut.“ Hoffmann wirkte bereits ein wenig gereizt. „Deshalb würde ich mich außerordentlich darüber freuen, wenn auch du dich bereit erklä-ren würdest, auszuhelfen.“
Max hatte den sarkastischen Unterton in Hoffmanns Stimme nicht überhört. Es war wohl besser, wirklich nach Klosterneuburg zu fahren.
„OK, ich komm. Gib mir zwei Stunden.“
„Wofür? Das letzte Mal hast du drei Minuten gebraucht.“
„Ich bin nur leider nicht in Klosterneuburg.“
„Verstehe. Aber beeil dich!“
„Mach ich.“
Hoffmann hatte aufgelegt. Max setzte sich an die Bettkante und dachte nach. Sollte er Ines aufwecken. Er wollte sie nicht noch einmal vor den Kopf stoßen. Vielleicht wollte sie aber auch ausschlafen. Er zögerte. Dann rüttelte er sanft an ihrer Schulter. Sie erwachte und sah ihn an.
„Mhmm….?“
„Guten Morgen!“
„Wie spät ist es?“ Sie sah müde aus.
„Kurz vor sechs.“
„Warum bist du schon wach? Komm leg dich noch mal hin.“
„Ich kann nicht. Der Hoffmann hat gerade angerufen. Ich muss nach Klosterneu-burg.“
„Wieso das denn, ich hab geglaubt, du hast frei.“
„Das hab ich auch geglaubt, aber jetzt sind so viele Leute krank, dass er mir nicht freigeben kann.“
„Die machen mit dir auch was sie wollen.“
„Nein, ist nicht so schlimm, ist ja nur eine Ausnahme.“
„Verstehe.“
„Darf ich deine Dusche benutzen?“
„Natürlich, du kennst dich ja aus.“
Er stand auf, sammelte seine Kleider ein und ging in die Dusche.
Als er nach zehn Minuten frisch gewaschen wieder das Wohnzimmer betrat, hatte sich Ines in eine Decke gerollt und war wieder eingeschlafen. Er küsste sie sanft auf die Stirn und verließ dann so leise wie möglich die Wohnung.

Max hatte das leise Knacken in seinem linken Knöchel gehört. Fast im gleichen Augenblick durchzuckte ihn ein stechender Schmerz. Er bemühte sich, das Gleichgewicht zu halten. Der Tragstuhl mit der Patientin, den er gerade mit sei-nem Sanitäter zum Auto trug, war durch sein Umknicken gefährlich ins Wanken geraten. Für einen kurzen Moment hatte Max geglaubt, gleich würde er samt seiner Last zur Seite umfallen. Er versuchte sich auf dem anderen Bein zu stabili-sieren. Der Sanitäter hatte gemerkt, dass Max Probleme hatte und war stehen geblieben.
„Geh weiter, es wird nicht leichter!“ zischte er und hoffte inständig, dass die Pati-entin ihn nicht gehört hatte.
Jeder Versuch seinen Fuß zu belasten, wurde mit einem stechenden Schmerz bestraft. Er sah auf, noch waren es zirka fünf Meter bis zum Gartentor vor dem das Auto stand. Den Sessel ab zustellen und zu schieben kam nicht in Frage. Mit dem Gewicht der Patientin würde der Sessel im vom Dauerregen aufgeweichten Boden hoffnungslos einsinken. Wieder wagte er einen vorsichtigen Schritt. Am liebsten hätte er vor Schmerzen laut aufgeschrieen. Aber was würde das helfen. So begnügte er sich damit, die Zähne zusammen zu beißen und so leise als mög-lich vor sich hin zu fluchen. Jeder Schritt brannte wie Feuer in seinem Knöchel. Sie hatten das Auto erreicht und hoben den Sessel mit der Patientin ins Auto. Max humpelte zur Fahrertür und setzte sich hinter das Steuer. Vorsicht drückte er das Kupplungspedal durch. Der Schmerz war erträglich. Er wartete, bis der Sani-täter sich und die Patientin angeschnallt hatte. Dann startete er den Motor und fuhr vorsichtig los. Jedes Mal wenn er auf das Pedal trat, wurde der Schmerz stärker. Inständig hoffte Max, dass er sich nicht ernsthaft verletzt hatte. Es würde vermutlich nur eine Zerrung oder Stauchung sein, die nach einigen Stunden Küh-lung soweit nachlassen würde, dass er wieder Schmerzfrei gehen könnte. Die Ampel vor ihm sprang auf Rot um. Um anzuhalten hätte Max mit beiden Füssen mit voller Kraft in die Pedale steigen müssen. Aus Angst vor den Schmerzen schaltete er stattdessen das Blaulicht ein und betätigte die Sirene. Die Autofahrer vor ihm blieben überrascht stehen. Einer der Fahrer tippte sich an die Stirn. Der Sanitäter klopfte nervös an die Trennscheibe zwischen Fahrerabteil und Patien-tenraum.
„Was ist denn los? Hab ich was verpasst?“
„Nein, alles in Ordnung.“
„Wieso fährst du dann blau?“
„Weil ich meinen Fuß bald nicht mehr bewegen kann, darum. Außerdem ist es sowieso meine Entscheidung!“
„Was ist mit deinem Fuß?“
„Nichts, ich bin nur vorhin beim Tragen umgeknickt und jetzt brennt mein Knö-chel wie die Hölle.“
„Warum hast denn nichts gesagt, ich kann doch auch autofahren.“
„Du bist aber kein Fahrer und jetzt kümmere dich lieber um deine Patientin.“
Max schob die Trennscheibe wieder zu. Viel zu schnell fuhr um die letzte Kurve Richtung Krankenhauseinfahrt. Der Wagen neigte sich bereits gefährlich nach außen und um das Gewicht abzufangen, lenkte Max weiter auf die andere Stra-ßenseite. Der arglose Fahrradfahrer der ihm dort entgegen kam, konnte sich gera-de noch auf den Gehsteig in Sicherheit bringen. Mit dem rechten Fuß versuchte Max das Kupplungspedal zu erreichen. Es gelang ihm nur mit Mühe und das Getriebe krachte laut, als er bei halb durchgedrückter Kupplung in den zweiten Gang hinunter schaltete. Der Motor heulte auf, aber Max hatte erreicht, was er wollte. Er fuhr nun bedeutend langsamer. Er betätigte die Fernbedienung für die Einfahrtschranke auf dem Krankenhausgelände. Als er den Wagen schließlich vor dem Krankenhaus zum Halten brachte, glaubte er sein Knöchel würde vor Schmerzen zerspringen. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Wenn Hoffmann von dieser Fahrt erfahren würde, dann gab es Ärger.
Vorsichtig kletterte er aus dem Auto und humpelte Richtung Eingang. Sein Sani-täter, der eben aus dem Auto ausgestiegen war, sah ihm verständnislos nach. Dann bat er den Fahrer des Ambulanzwagens, der hinter ihnen vorgefahren war um Hilfe.
Max hinkte durch die Rettungspassage in die Ambulanz. Er setzte sich in einen freien Rollstuhl auf dem Gang und hantelte sich weiter zum Dienstzimmer der Ambulanzschwester. Er betrachtete seinen Fuß. Die Schwellung war deutlich zu erkennen. Vielleicht hätte er in der Früh doch kurz nach Hause fahren sollen und sich die hohen Schuhe holen sollen. So war er mit den Schuhen, die er auch am Vortag bei Evas Begräbnis getragen hatte, unterwegs gewesen. Er hatte das Dienstzimmer erreicht und klopfte vorsichtig an die Türe. Max wusste, dass er dort jemanden antreffen würde. Es war eines der ungeschriebenen Gesetze der Ambulanz dass die Schwestern und der chirurgische Oberarzt zu dieser Zeit ihre Kaffeepause einhielten, egal wie voll der Wartesaal war. Ein anderes Gesetz war er gerade im Begriff zu brechen. Die Kaffeepause zu stören war strengsten unter-sagt. Niemand erwiderte sein Klopfen. Er klopfte lauter. Diesmal wurde die Tür geöffnet. Die Schwester die ihm öffnete, war unter den Sanitätern auch als der „Drache“ bekannt. Sie hatte eine sehr direkte Art, mitzuteilen, wenn sie mit etwas unzufrieden war.
„Ja?“ Sie sah Max fragend an.
„Ich stör euch ja nur ungern, aber könnte sich mal wer meinen linken Knöchel ansehen? Ich bin da irgendwie umgeknickt.“
„Du weißt, wo die Anmeldung ist, dort trägst dich ein und dann kommst dran.“
„Ehrlich gesagt, mir wär’s lieber wenn wir das gleich erledigen könnten. Der Hoffmann bringt mich sonst um.“
„Das können wir natürlich nicht verantworten…“
„Also?“
“Gleich…“
Sie schloss die Türe. Max begann mit seinem Rollstuhl vor und zurück zu fahren. Was, wenn der Knöchel wirklich gebrochen war? Vielleicht hatte er am Ende sogar einen Bänderriss. Dann würde eine Operation unausweichlich sein. Auf jeden Fall würde eine solche Verletzung einen Krankenstand von mehreren Wo-chen bedeuten. Er begann zu rechnen. Jetzt war es Mitte August. In etwas mehr als fünf Wochen würde sein Zivildienst zu Ende gehen. Wenn er wirklich operiert werden müsste, würde er vorher gar nicht mehr aus dem Krankenstand zurück-kommen. Hoffmann würde wenig begeistert sein. Da war sich Max sicher.
Die Türe des Dienstzimmers öffnete sich und der diensthabende Oberarzt kam heraus.
„Na, dann wollen wir uns den Patienten einmal ansehen.“
An der übertriebenen Freundlichkeit des Arztes erkannte Max, dass schlimmes auf ihn zukam. Der Arzt begann auf der Schwellung herum zu drücken und fragte hin und wieder mit einem leicht ironischen Grinsen, ob der Druck Schmerzen verursachte. Am liebsten hätte Max vor Schmerzen aufgeschrieen aber er biss sich auf die Zunge. Das war eindeutig die Rache für das Stören der Kaffeepause. Aber diesen billigen Triumph würde er dem Folterknecht in weiß, der da vor ihm stand, nicht gönnen. Schließlich ließ der Oberarzt von ihm ab.
„Ein Röntgen müssen wir schon noch machen, obwohl es eigentlich schon jetzt klar ist, womit wir es hier zu tun haben.“
„Und, womit haben wir es hier zu tun?“
„Ganz ehrlich, ich vermute eine Fraktur….“
Was genau der Arzt vermutete hörte Max schon nicht mehr. Also doch eine Frak-tur. Er rollte vorsichtig den Gang Richtung Röntgenabteilung entlang. Sein Sani-täter kam ihm mit dem leeren Tragsessel entgegen.
„Also, was ist?“
„Der Kiesner meint, der Knöchel ist gebrochen. Aber jetzt machen wir erst mal ein Röntgen.“
„Na gut, ich sag dann mal dem Hoffmann Bescheid.“
„OK, danke. Aber bitte kein Wort wegen der Fahrt und weil ich vorher einfach abgehaut bin.“
„Nein, versprochen.“
„Danke, man sieht sich.“
„Gute Besserung.“ Der Sanitäter ging weiter Richtung Ausgang. Er hoffte, dass Hoffmann seinen Unmut über Max Verletzung nicht an ihm auslassen würde.
Die Röntgenaufnahmen bestätigten, was Dr. Kiesner bereits vermutet hatte. Max Knöchel war gebrochen. Eine Operation war zwar nicht notwendig, aber Max würde zumindest eine Woche mit Liegegips ans Bett gefesselt sein und mindes-tens drei weitere Wochen einen Gehgips tragen müssen. Wenn die Heilung opti-mal verlief, dann würde er in der letzten Septemberwoche wieder in den Dienst zurückkehren können.
Während er auf der Liege im Gipszimmer darauf wartete dass sich der Drachen an seinem Bein zu schaffen machte, dachte er an Ines. Da sie kein Auto hatte und er für die nächsten vier Wochen kaum aus dem Haus gehen würde, würde es wohl eine Weile dauern, bis sie sich wieder sehen würden. Der Gedanke daran schmerzte ihn. Wehmütig dachte er an den vergangenen Abend zurück. Er sah auf die Uhr. Es war kurz nach elf. Gerade einmal zwölf Stunden waren vergangen seit sie erschöpft an seiner Seite eingeschlafen war. Es war das erste Mal seit fast einem Jahr gewesen, dass ihn jemand so liebevoll behandelt hatte, wie Ines es am Abend davor getan hatte. Nun machte sich der Drache weit weniger liebevoll an seinem verletzen Knöchel zu schaffen.

EDIT am 28.07.2005 um 22:09

Anditi
12.05.2004, 13:12
Xaver Hummel war Aushilfsbriefträger. Normalerweise studierte er an der Uni-versität Wien Publizistik. Und obwohl er schon das schon seit einigen Jahren tat, wollte sich der Studienerfolg nicht so recht einstellen. Vielleicht lag es auch dar-an, dass er wegen seiner zahlreichen Nebenjobs einfach nicht zum Lernen kam. Aber die Jobs konnte er nicht so einfach kündigen, er brauchte das Geld dringend. Nicht das Xaver Hummel süchtig gewesen wäre. Er war, obwohl sein Äußeres anderes vermuten ließ, noch nie mit Drogen in Berührung gekommen und auch das Rauchen hatte er sich bald wieder abgewöhnt. Er war auch nicht spielsüchtig oder in dunkle Machenschaften verstrickt. Sein Laster war ein Anderes. An man-chen Tagen sah er die Welt nur mit einem Auge. Xaver Hummel war nicht krank, er sah scharf und hatte noch nie in seinem Leben die Praxis eines Augenarztes von innen gesehen. Nein, Xaver Hummel war leidenschaftlicher Hobbyfotograf. Er fotografierte alles, ihm vor die Linse kam. Es war fast schon eine Besessen-heit, mit der er versuchte, seine Umwelt auf Film festzuhalten. Drei seiner letzten vier Beziehungen waren daran zerbrochen, dass er mehr darauf aus war, seine Partnerin andauernd zu fotografieren, als auch nur einmal mit ihr zu schlafen. Die letzte Beziehung war daran zerbrochen, dass er seine Freundin als nicht mehr fotogen empfand, nachdem sie sich die Haare gefärbt hatte. Xaver Hummel war mehr als nur Hobbyfotograf. Er war fast schon ein Fanatiker. Er brauchte immer die modernste Ausrüstung, immer die neuesten Geräte. Manchmal engagierte er sich auch ein Model für Aktaufnahmen. Das war natürlich nicht billig und wenn er dann auch noch den Abend mit der Schönheit verbrachte, schlug sich zumin-dest ein exquisites Abendessen zu Buche Das verschlang seine ohnehin bereits geringen Einkünfte bis auf den letzten Cent. Jeden Euro, den er nicht zum Über-leben brauchte, investierte er in die Fotografie. Deshalb war er auch gezwungen, jeden Job anzunehmen, der ihm angeboten wurde. Die Arbeit als Briefträger war gut bezahlt und Xaver Hummel war viel unterwegs. An manchen Tagen nahm er sogar eine seiner Kameras mit auf seine Tour durch die Gartenviertel von Klos-terneuburg. Fast täglich boten sich ihm neue Motive. Ob es nun Hausfrauen bei der Arbeit waren oder spielende Katzen, Blumen oder Mitarbeiter der Müllabfuhr in ihren orangefarbenen Uniformen, Xaver Hummel hielt es mit seiner Kamera fest. Er war fest davon überzeugt, dass seine Arbeit später einmal als Kunst ange-sehen werden würde. Vielleicht lag es auch an seinem Desinteresse, dass er in seinem Publizistikstudium kaum etwas weiterging. Er hatte ohnehin nur um sei-ner Mutter Willen mit dem Studium angefangen. Es war ihr sehnlichster Wunsch, dass aus ihrem Sohn etwas Besonderes wurde. Publizistik hatte er nur gewählt, weil er geglaubt hatte, dass es ihm später beim Veröffentlichen seiner Bilder hilf-reich sein würde. Mittlerweile zweifelte er bereits stark an seiner Entscheidung. Seine Mutter war immer schon dagegen gewesen. Sie hatte sich ihren Sohn viel-mehr als einen berühmten Arzt oder erfolgreichen Anwalt vorgestellt. Dass Xaver Hummel nicht viel davon hielt, interessierte sie wenig.
An diesem Morgen bereute Xaver Hummel wieder einmal, dass er seine Kamera Zuhause gelassen hatte. Der Altweibersommer hatte sich in seiner vollen Pracht eingestellt und es schien so, als würde die Natur nach dem verregneten August noch einmal ein kräftiges Lebenszeichen von sich geben. An solchen Tagen war Xaver Hummel froh, dass er die Gabe besaß sich selbst Kleinigkeiten genau-estens einzuprägen. Oft konnte er bestimmte Situationen auch noch Wochen da-nach bis ins kleinste Detail genau wiedergeben. Leider gelang ihm das nur bei Dingen die ihn interessierten. Der Stoff seiner letzten Prüfung war nicht darunter gefallen. Nur mit Mühe und äußerster Anstrengung hatte er es gerade noch zu einer positiven Note geschafft. Die Prüfung war bereits Anfang Juni gewesen aber Xaver Hummel standen immer noch die Schweißperlen auf der Stirn, wenn er an die stechenden Blicke des Prüfers dachte. Da war der Briefträgerjob schon um einiges angenehmer. Außerdem war es ein interessanter Job. Man lernte viele Menschen kennen und mit manchem Adressaten hatte er schon ein nettes Ge-spräch geführt. Hin und wieder wurde er auch von älteren Damen auf einen Kaf-fee eingeladen oder mit frischgemachten Palatschinken verwöhnt. Natürlich inte-ressierte ihn auch, was in den Briefen stand, die er austrug. Er wusste, dass er die Briefe nicht öffnen oder gar lesen durfte, aber oft verriet schon die Miene des Empfängers viel über den Brief. Xaver Hummel hatte schon viele verschiedene Briefe zugestellt. Da gab es Absender, die ihre Nachrichten in rosafarbene Ku-verts steckten und so stark mit Parfum bearbeiten, dass die Umschläge noch nach drei Tagen Postverkehr danach rochen. Auch Rechnungen und Mahnungen, Ur-laubsgrüße und Patezetteln stellte Xaver Hummel zu. Hin und wieder gab es auch Briefe, die persönlich zuzustellen waren. So auch an diesem Tag. Es war ein ein-geschriebener Brief an Herrn Maximilian Partovec, aufgegeben vom Landesge-richt in Korneuburg. Der Brief schien wichtig zu sein, denn er war mit einer Rei-he von Stempeln und Vermerken aus denen Xaver Hummel nicht schlau wurde sowie der Aufschrift „Persönlich“ versehen. Xaver Hummel kam der Name auf dem Kuvert bekannt vor. Der Name war, soweit er sich erinnern konnte, ein paar Mal im Zusammenhang mit dem Selbstmord eines jungen Mädchens in Mistel-bach im Weinviertel vor einigen Wochen gefallen. Er hatte die Geschichte in den Zeitungen damals ziemlich genau verfolgt, da er selber aus Gaubitsch, einem Ort nicht weit entfernt von Mistelbach stand. Seine Mutter hatte gesagt, dass es kein Wunder wäre, wenn sich die heutigen Jugendlichen umbringen würden, wo sie doch keine Orientierung mehr hätten. Dabei hatte sie ihren Sohn strafend angese-hen. Er hatte sehr genau verstanden, dass sie damit mehr auf ihn als auf die tote Schülerin angespielt hatte.
Er war sich sicher, dass der Brief, den er zustellen sollte, im Zusammenhang mit den Vorfällen in Mistelbach zu tun hatte. Xaver Hummel betätigte die Türglocke am Gartentor. Irgendwo im Haus hörte er die Glocke scheppern. Er wartete und schließlich drückte er den Klingelknopf erneut. Nichts rührte sich. Niemand schien zu Hause zu sein. Er wollte sich gerade daran machen, einen Benachrich-tigungszettel auszufüllen, als sich die Türe öffnete. Er erkannte den jungen Mann, der da auf zwei Krücken gestützt im Türrahmen stand sofort. Es war der Sanitä-ter, der damals versucht hatte, die Schülerin wiederzubeleben.
„Maximilian Partovec?“
„Ja, der bin ich.“
„Ich habe hier einen persönlichen Brief für sie vom Landesgericht in Korneu-burg.“
„Landesgericht?“
„Ja, wenn sie hier bitte unterschreiben.“ Er hielt das Auftragsbuch über die Gar-tentüre. Der junge Mann, der Maximilian Partovec hieß humpelte auf seinen Krü-cken zum Zaun und nahm das Buch. Während er unterschrieb, balancierte er auf einem Bein, um das andere, das in einen Gipsverband gehüllt war nicht belasten zu müssen. Er gab das Buch zurück und Xaver Hummel reichte den Brief über den Zaun.
„Danke schön.“
„Auf Wiedersehen!“ Xaver Hummel deutete auf den Gipsverband. „Und gute Besserung!“
„Danke.“ Dann war Maximilian Partovec, mit dem Brief zwischen den Zähnen, wieder ins Haus gehumpelt.
Xaver Hummel hätte gerne gewusst, was in dem Brief stand. Aber am dem er-staunten Gesicht von dem jungen Mann mit dem Namen Maximilian Partovec hatte er erkannt, dass der es auch nicht wusste.

EDIT am 28.07.2005 um 22:08

Anditi
13.05.2004, 13:59
13.
Eine Woche bevor sein Zivildienst endete, kehrte Max aus dem Krankenstand zurück. Er hatte sich nicht erwartet, dass Hoffmann ihm für diese Woche freige-ben würde. Zulange war er in Krankenstand gewesen und außerdem hatten sich bereits einige andere Zivildiener, die mit Max ihren Dienst quittierten, Urlaub genommen. Max war daher nichts anderes übrig geblieben, als mit für eine Wo-che noch einmal in seine Uniform zu schlüpfen. Oft hatte er während seines Krankenstandes darüber nachgedacht, ob er nach dem Zivildienst weiter als Frei-williger arbeiten wollte oder nicht. Schließlich hatte er sich dagegen entschieden. Zu sehr hatte er jedes Mal, wenn er an den Rettungsdienst dachte, an das tote Mädchen in Mistelbach denken müssen. Das beklemmende Gefühl der Hilflosig-keit das jedes Mal in ihm hoch kroch, wenn er sich an den warmen Freitagabend in Mistelbach erinnerte, ließ ihn verzweifeln. Überhaupt hatte er immer mehr das Gefühl bekommen, dass er mit seiner Arbeit nichts ausgerichtet hatte. Es war nicht nur dieser eine Vorfall der ihm immer in seinen Träumen heimsuchte und ihn nicht mehr schlafen ließ. Vielmehr zog sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit durch das ganze letzte Jahr während dem er beim Rettungsdienst unterwegs ge-wesen war. Er hatte erlebt, wie sich der Zustand von krebskranken Patienten von einer Woche auf die andere Woche regelmäßig verschlechterte obwohl sie täglich zur Bestrahlung oder Chemotherapie geführt wurden. Er hatte gesehen, wie Men-schen in Altersheimen von ihren Angehörigen abgeschoben und vergessen stumm vor sich hinvegetiert hatten. Er war in Häusern gewesen, in denen man vom herr-schenden Luxus geradezu erschlagen wurde und oft am gleichen Tag war er zu jenen gefahren, die oft in den erbärmlichsten Verhältnissen lebten. Er hatte sich an das sechszehnjährige Mädchen im Rollstuhl erinnert, dass sie regelmäßig zur Rehabilitation geführt hatten. Nach einem Autounfall hatte sie ein Bein verloren. Der Fahrer des Wagens, der bei einem riskanten Überholmanöver auf der Auto-bahn mit mehr als zweihundert Stundenkilometern die Kontrolle über sein Fahr-zeug verloren hatte und in den Straßengraben gerast war, war mit einer leichten Gehirnerschütterung und einigen Kratzern davongekommen. Der Beifahrer, der ihn zu dem Manöver angefeuert hatte, hatte sich das Schlüsselbein gebrochen. Nur das Mädchen auf der Rückbank, das ihre Freunde noch Sekunden vorher gebeten hatte, doch ein bisschen aufzupassen, war für den Rest ihres Lebens ge-zeichnet. Es waren die Unmöglichkeit zu helfen und die Ungerechtigkeit, die Max zum Verzweifeln brachten. Über all dem stand der Selbstmord der kleinen Eva. Nach Melanies Tod hatte Max versucht, seine Schuldgefühle dadurch zu kompensieren, indem er versuchen wollte, möglichst vielen anderen Menschen zu helfen und ihr Leid zu lindern. Es war ihm nicht gelungen. Das sollte nun ein Ende haben. Er würde am Ende der Woche seine Uniform bei Hoffmann im Büro abgeben und sich nie wieder in seinem Leben in einen Rettungswagen setzen. Zumindest nicht als Helfer. An manchen Tagen kam es ihm vor, als würde er all seine Kraft für die Menschen, die da bei ihm im Auto saßen aufwenden, und ih-nen trotzdem nicht helfen können.
Zwei oder dreimal hatte er auch Ines angerufen. Sie konnte oder wollte sich nicht die Zeit nehmen, ihn zu besuchen. Max war es egal gewesen. Er wusste, dass das was in der Nacht nach Evas Begräbnis geschehen war, ein einmaliges Ereignis gewesen war. Je näher er und Ines sich kamen, desto mehr entfernten sie sich von einander. Auch sie hatte eine Einladung vom Gericht bekommen. Beide waren als Zeugen vorgeladen worden. Gegen den Disponenten, der an dem schicksalhaften Abend Dienst hatte, war Anklage wegen fahrlässiger Gemeingefährdung mit Todesfolge erhoben worden. Max war der Ansicht gewesen, dass der Disponent alles richtig gemacht hatte. Auch Ines war, als Max sie am Telefon danach ge-fragt, dieser Meinung gewesen. Wer die Anzeige erstattet hatte, war den beiden nicht bekannt. Vielleicht der junge Mann, der ihnen den Weg gezeigt hatte. So gut wie möglich hatte sich Max an den Abend zurück zu erinnern versucht, aber jedes Mal vermischte sich die Erinnerung mit dem Traum, der ihn nicht mehr los ließ. Die Verhandlung würde Anfang November stattfinden. Den genauen Termin hatte sich Max aufgeschrieben. Er wollte nicht andauernd daran denken müssen. Ob er Ines vor der Gerichtsverhandlung noch einmal sehen würde, da war sich Max mehr als unsicher.
Über das, was Max nach seinem Zivildienst machen würden darüber hatten sie nie gesprochen. Vielleicht lag es auch daran, dass Max selber noch nicht wusste, was er in Zukunft machen würde. Seine Eltern erwarteten, dass er zu studieren beginnen würde. Max hatte allerdings keinerlei Vorstellungen davon, in welchem Fach er sich inskribieren sollte. Hatte er früher einmal mit dem Gedanken ge-spielt, Medizin zu studieren, so war ihm doch in den letzten Wochen das Interesse daran gründlich vergangen. Auch ansonsten interessierte ihn im Moment sehr wenig. Er war viel zu sehr mit sich selber beschäftigt. Oft war er stundenlang in seinem Zimmer auf seinem Bett gelegen und hatte zu Decke gestarrt. Immer öfter war es dabei vorgekommen, dass er nur nach einigen Gläsern aus der Rumfla-sche, die er am ersten Tag nachdem er seinen Gehgips bekommen hatte heimlich gekauft hatte, einschlafen konnte. Nach der zweiten oder dritten Woche gehörten die zwei Gläser Rum schon zu seinem Abendritual wie das Zähneputzen danach. Der Alkohol ließ ihn wenigstens für einige Stunden ruhig schlafen. Früher oder später kam der Traum dann aber doch noch jede Nacht. Dazu kam die Ungewiss-heit, wie es nach dem Zivildienst weitergehen würde. Eines Abends, kurz bevor ihm der Gips abgenommen werden sollte, hatte Max aus diesem Grund einen schweren Streit mit seinem Vater. Die beiden hatten sich gegenseitig angeschrie-en und schließlich war Max, die Wohnzimmertüre mit einem lauten Knall zu-schlagend davon gehumpelt. Er hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen und hatte die Flasche, die noch zu einem Viertel gefüllt war, in einem Zug ausgetrun-ken. Danach hatte er sich aufs Bett geworfen und mit den Fäusten auf den Polster geschlagen. Er füllte sich unverstanden und alleine gelassen. Zweimal hatte er Ines Nummer gewählt und gleich wieder aufgelegt. Schließlich war aufgestanden und auf den Balkon gegangen. Trotz seines Gipsfußes war er auf den Sessel ge-klettert, der neben der Brüstung stand. Er breitete die Armen aus und schwang sie wie Flügel auf und nieder. Er atmete tief ein und aus. Der Alkohol hatte ihn etwas schwindlig gemacht. Er sog den warmen Wind, der durch das Donautal wehte in sich auf. Der Zorn und die Einsamkeit wurden weniger. Es war ihm, als würden sie vom Wind und vom Rum, der sich immer weiter in seiner Blutbahn ausbreite-te, davongetragen. Als er wieder vom Sessel steigen wollte, spürte er, wie er lang-sam das Gleichgewicht verlor. Und noch bevor er, vom Alkohol benebelt, etwas dagegen tun konnte, fiel er auch schon.

EDIT am 28.07.2005 um 22:07

RS-USER-schmoelzi
13.05.2004, 14:17
Whow! Meines erachtens einer der besten Teile daraus.


Ü-berhaupt hatte er immer mehr das Gefühl bekommen, dass er mit seiner Arbeit nichts ausge-richtet hatte. [...] Vielmehr zog sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit durch das ganze letzte Jahr während dem er beim Rettungsdienst unterwegs gewesen war.
Genau das dachte ich auch, als ich nach einem VU ewig lang reanimierte und es nicht im geringsten nutzte. Nur bringt das nichts. Wenn man von 100 nur einen rettet, ist das schon Grund genug, nicht an der "Arbeit" zu zweifeln.

DerHobbit
14.05.2004, 11:39
*aufdennächstenteilgespanntbin*

Anditi
14.05.2004, 11:43
Am nächsten Morgen hatte Max das Cut an der Stirn dass er sich bei dem Sturz zugezogen hatte, lange im Badezimmerspiegel angesehen. Es war weder beson-ders groß noch besonders tief aber es hatte doch gereicht um auf dem gelben Polsterüberzug eine dunkelrote Blutflecken zu hinterlassen. Er hatte es, als er merkte, dass er den Sturz nicht mehr verhindern konnte, gerade noch geschafft, sich Richtung Haus zu drehen. Dadurch hatte er einen sicher folgenschweren Sturz über die Brüstung verhindern können. Zwar wäre er nur sechs Meter tief gefallen, auf der Terrasse, die sich direkt unter dem Balkon befand aber hart auf-geschlagen. Als er dann auf den Balkon gefallen war, hatte er sich die Stirn an der Tischkante aufgeschlagen. Die Schmerzen und das Blut waren ihm nicht aufge-fallen. Zu sehr hatte ihn der Alkohol benebelt. Obwohl er den harten Boden unter sich gespürt hatte, war es ihm vorgekommen, als würde er fliegen. Er hatte die Augen geschlossen. Plötzlich hatte er Ines gesehen. Doch als sie zu sprechen begann, hatte sie Melanies Stimme. „Lass mich heute nicht alleine!“ sagte sie. Je länger er sie betrachtete, desto mehr sah sie aus wie Melanie. Er zog sie langsam an sich doch als er sie küssen wollte, löste sie sich aus seinen Armen und schweb-te langsam davon. Mit einem Mal fühlte er sich schwer und traurig. Rund um ihn herum war es dunkel geworden. Schließlich war er aufgewacht. Er wusste nicht, wie lange er auf dem Balkon gelegen war, bevor er sich mühsam und zitternd wieder aufgerichtet hatte und in sein Zimmer zurückgetorkelt war. Die Wunde hatte er am nächsten Morgen so gut es ging desinfiziert und versorgt. Ob die Kopfschmerzen von dem Sturz oder vom Alkohol kamen wusste er nicht. Seiner Mutter, die ihrem Entsetzen über die Blutflecken auf dem Kissen mit einem schrillen Schrei Ausdruck verliehen hatte, hatte er erklärt, dass er sich im Schlaf am Eck des Nachtkästchens angeschlagen hatte. Sie hatte ihm mit hochgezogenen Augenbrauen zugehört, ihm die Geschichte dann aber vermutlich doch geglaubt, da sie nicht weiter nachfragte, sondern mit dem blutigen Überzug aus dem Zim-mer gegangen war. Später hatte Max unter dem Bett die geleerte Flasche gefun-den. Er hatte sie eilig entsorgt. Als die Flasche am Boden des Altglascontainers klirrend zersprang beschloss Max endgültig, dass er mit dem Rettungsdienst auf-hören würde. Immerhin hatte er ja nur deswegen mit dem Trinken angefangen. Er würde sich einen gut bezahlten Job suchen und wenn er genügend Geld beisam-men hatte, eine lange Reise unternehmen. Vielleicht würde er auch für einige Zeit ins Ausland ziehen. Max war sich ziemlich sicher, dass seine Eltern auch von diesen Plänen nicht sehr begeistert sein würden, aber sie mussten sie akzeptieren. Er war schließlich schon erwachsen. Und ein Studium konnte er danach immer noch beginnen. Sobald er es sich leisten könnte, würde er ausziehen. Und wenn es nur eine kleine Wohnung war, wie jene in der Ines wohnte. Alles erschien ihm in diesem Moment besser als weiterhin bei seinen Eltern zu wohnen. Es kam ihm vor, als würden sie ihn keine Minute aus den Augen lassen und für alles was er tat, eine Rechtfertigung verlangen. Vom Altglascontainer war er direkt zum na-hen Supermarkt gehumpelt und hatte sich eine Zeitung gekauft, in der Hoffnung gleich beim ersten Versuch einen interessanten Job zu finden.

Es war kurz nach drei Uhr Nachmittag als Max mit seinem Krankenwagen vor dem Altersheim hielt. Gemeinsam mit seinen Sanitätern lud er die Patientin aus dem Wagen aus und erklärte den beiden dann, auf welcher Station die Patientin zu übergeben wäre. Danach setzte er sich wieder hinter das Lenkrad und drehte das Radio lauter. Er sah auf die Uhr. Noch etwas mehr als hundert Stunden bis zum Ende seines Zivildienstes. Max fieberte diesem Zeitpunkt ungeduldig entge-gen. Er markierte das Ende einer, ohnehin schon viel zu langen Ära. Es war Zeit, dass er etwas anderes machte. Irgendeine Beschäftigung, die möglichst wenig mit Rettungsdienst zu tun hatte.
Das Lied im Radio war zu Ende und der Radiosprecher kündigte eine Werbepau-se an. Max begann einen anderen Sender zu suchen. Die meisten anderen Pro-gramme spielten ebenfalls gerade Werbung und so wählte Max den einzigen Sen-der, auf dem Musik gespielt wurde. Ein zweiter Krankenwagen bog in die Ein-fahrt zum Altersheim. Der Fahrer parkte neben Max. Die Sanitäter stiegen aus und luden die leere Trage aus. Dann verschwanden sie im Haus. Max ließ das Beifahrerfenster hinunter und grüßte den Kollegen.
„Holen oder Bringen?“
„Holen.“
„Na perfekt, wir haben grad wen gebracht und sind jetzt leer.“
„Einwandfrei disponiert“, erwiderte der Kollege und lachte ironisch.
„Was hörst denn du da für einen Blödsinn?“
„Überall sonst ist Werbung…“
„Tja, deswegen hat unsereiner auch einen CD-Spieler im Auto.“ Der Kollege grinste.
„Na, dann lass Mal hören!“ Max nickte auffordernd mit dem Kopf. Der Kollege drehte die Musik lauter. Bon Jovis „It’s my life!“ schallte durch die Altersheim-vorfahrt, in die gerade ein dritter Wagen einbog. Max griff zum Funkgerät.
„Hey, Kurtl, wenn’st dich beeilst, kommst noch zu recht zu unserer Party!“
„Na bestens!“
„Party, wo?“ Der Fahrer eines weiteren Fahrzeuges meldete sich zu Wort.
„Vorm Caritasheim! Kommst auch vorbei, wir sind schon drei!“
„Nein, leider. Wir sind zu weit weg. Aber, wisst ihr, was fünfzig Meter lang ist und drei Zähne hat?“
„Der ist alt!“ meldete sich Kurt zu Wort.
Noch ehe Max etwas erwidern konnte, meldete sich der Disponent zu Wort.
„Sechs-Eins, bevor sie sich jetzt auf die Tanzfläche begeben sagen sie mir lieber, ob sie schon einsatzbereit sind.“
„So gut wie…“
„Nicht verstanden, wiederholen!“
„Ich bin einsatzbereit, sobald mein Team die Patientin erfolgreich an die bestbie-tende Schwester verschachert hat.“ Max wusste, dass er gerade gegen die Funk-disziplin verstieß und auch dabei war, den Disponenten zu verärgern aber es kümmerte ihn nicht. Immerhin würde es für ihn in wenigen Tagen vorbei sein.
„Ok, du Schlauberger, dann kaufst du jetzt dein Team frei, machst was der liebe Disponent sagt und wenn du wieder da bist, kannst du gleich mal bei mir im Büro antanzen, Partytiger!“ Das war Hoffmann. Offensichtlich war auch er gerade unterwegs oder hatte das Gespräch in der Leitstelle mitangehört. Max schlug mit der Hand auf die Konsole. Einen von Hoffmanns Wutanfällen brauchte er so kurz vor dem Ende auch nicht mehr. Einfach nur den Mund halten, das wär’s gewese-ne. Aber jetzt war es zu spät. Die Blamage war perfekt. Die Kollegen in den an-deren beiden Fahrzeugen versuchten vergeblich ein Grinsen zu unterdrücken. Seine Sanitäter kamen aus dem Haus und verstauten den Tragsessel im Auto. Über das Funkgerät meldete sich Max einsatzbereit. Der Disponent meldete sich umgehend.
„Sechs-Eins, fahren sie in die Stromsiedlung in Kritzendorf und holen sie das Kind ins Krankenhaus. Kommen.“ Der Disponent war hörbar verärgert.
„Frage: Einsatzadresse? Kommen!“ Max bemühte sich, den Tonfall des Dispo-nenten zu treffen. Wenn er schon eine Rüge bekommen sollte, dann würde er sich jetzt so richtig austoben.
„Webelweg 23! Klosterneuburg Ende!“
„Und wie heißt das Kind?“ Max ignorierte, dass der Disponent das Gespräch bereits beendet hatte.
„Das ist mir nicht bekannt! Klosterneuburg Ende!“ Diesmal betonte der Dispo-nent das Wort Ende besonders.
„Und was hat das Kind?“ Wieder ignorierte Max den Disponenten.
„Starke Bauchschmerzen und angeblich Blut im Stuhl. Und falls sie mich jetzt nach der Blutgruppe fragen sollten, die weiß ich auch nicht!“ Innerlich trium-phierte Max. Er hatte den Disponenten rasend gemacht. Jetzt war es auch schon egal, ob er von Hoffmann nur wegen des Nichteinhaltens der Funkdisziplin oder auch deswegen gerügt wurde. Wenigstens hatte er die Schmach ausbessern kön-nen, vor Kollegen von Hoffmann gedemütigt zu werden.
„Die wollt ich auch gar nicht wissen. Aber trotzdem ein herzliches Dankeschön. Sechs-Eins Ende!“ sagte Max mit überlegener Stimme ins Mikrofon. Dann legte er den ersten Gang ein, startete den Motor, hob grüßend die Hand und fuhr Rich-tung Stromsiedlung davon.

EDIT am 28.07.2005 um 22:06

DerHobbit
16.05.2004, 13:26
*aufdennächstenteilwart*

RS-USER-Baer
16.05.2004, 16:35
Schon seit zwei Tagen kein Nachschub, BuHu:( :( :( :( :(

DerHobbit
16.05.2004, 23:19
ja i kann schon fast nicht mehr schlafen vor lauter spannung *ggg*

Anditi
17.05.2004, 06:29
Beim folgenden Teil wurden Namen und angegebene Orte aus Gründen der Schweigepflicht verändern. Nichtsdesto trotz ist mir dieser Einsatz ziemlich genau so passiert...

Das Haus mit der Adresse Webelweg 23 fand Max erst, nachdem er das dritte Mal daran vorbeigefahren war. Ein kleines Mädchen war heftig winkend aus einem der Gebüsche am linken Straßenrand herausgelaufen gekommen. Sie schien sehr aufgeregt zu sein. Max hielt an und sah sich um. Tatsächlich war hinter den Büschen, aus denen das Mädchen gekommen war, ein altes und verfal-lenes Haus zuerkennen. Der Schlamm, den das Hochwasser angespült hatte, lag getrocknet und unangenehm riechend im Garten der das auf Stelzen errichtete Haus umgab. Die Fassade des Hauses war zersplittert und Max glaubte erkennen zu können, dass einige der Fenster zerbrochen waren und nur notdürftig mit ei-nem Stück Pappe geflickt worden waren. Er zweifelte daran, dass das Mädchen dieses Haus meinte. Gemeinsam mit seinen Sanitätern folgte er dem Weg, den ihnen das Mädchen wies. Sie war, so schätze Max, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Ihre Kleidung sah schäbig und abgetragen aus. Ihr Haar war unfrisiert und wirr. Wenn sie sprach, zog sie jedes Mal den Kopf an die Brust, so dass es schwer war, überhaupt zu hören, was sie sagte. Sie führte die Sanitäter über einige Stie-gen auf eine kleine Terrasse. Das erste was Max auffiel waren die fein säuberlich aufgeschlichteten Weinflaschen die in einer Ecke der Terrasse standen. Er sah sich weiter um. Die gläserne Terrassentüre war zersprungen. Der Schaden schien bereits älter zu sein, da die Kanten des Glases bereits stumpf aussahen. Im Haus saß, auf einer kleinen Kommode direkt neben der Türe ein Junge. Er schien zu weinen. Max schätze ihn auf elf oder zwölf Jahre. Es war eher ungewöhnlich, dass Burschen in diesem Alter weinten. Offensichtlich war er es, der ins Kran-kenhaus gebracht werden sollte. Er ging auf den Jungen zu.
„Hallo, ich bin der Max!“
„Hallo.“
„Was ist denn los?“
„Mir tut der Bauch so weh.“ Der Junge weinte tatsächlich. Die Schmerzen schie-nen ziemlich stark zu sein. Er krümmte sich nach vorne um die Schmerzen erträg-licher zu machen.
„Wo tut’s denn genau weh?“
„Da!“ Der junge für mich seiner Hand fast über den gesamten Bauch. So kamen sie nicht weiter.
„Darf ich dich kurz einmal untersuchen?“ fragte Max. Der Junge nickte. Max begann auf dem Bauch des Jungen herumzudrücken. Die Bauchdecke war leicht angespannt. Schließlich drückte Max auf die Stelle an der er den Blinddarm ver-mutete. Eine Blinddarmentzündung war seiner meiner Meinung nach die wahr-scheinlichste Erklärung für die Schmerzen.
„Tut’s jetzt mehr weh?“ Er drückte mit zwei Fingern auf die Bauchdecke. Der Junge schüttelte den Kopf. Max sah sich das Kind an. Die Lippen waren trocken und die Haut sah blass aus. Er versuchte mit der Hand zu fühlen ob das Kind Fieber hatte.
„Wann hast du denn das letzte Mal etwas gegessen?“
Noch bevor der Junge etwas sagen konnte meldete sich seine Schwester zu Wort.
„Der Fredi hat das letzte Mal vor vier Tagen etwas gegessen. Und getrunken hat er auch schon seit zwei Tagen nichts mehr. Was ist mit ihm? Bitte helft ihm.“ Max beschloss nach weitern Symptomen zu suchen. Die Idee, dass es sich um eine Blinddarmentzündung handeln könnte, verwarf er endgültig. Aber zunächst wollte er den Jungen von seinen Schmerzen befreien. Auf der Trage ihm Auto konnte sie ihn so hinlegen, dass seine Schmerzen erträglich waren. Dann würden sie auch seinen Kreislauf und seinen Blutdruck überprüfen. Er sah seine Sanitäter an. Am einfachsten würde es sein, wenn er den Jungen zum Auto tragen würde. Gerade als er das Kind hochheben wollte, hörte er hinter sich eine Stimme. „Das ganze Häusel hat er mit Blut vollgeschissen.“
Max drehte sich um. Der Mann der hinter ihm stand machte einen genauso ver-wahrlosten Eindruck wie das Haus und die beiden Kinder. Außerdem roch er bereits stark nach Alkohol.
„Sind sie der Vater des Jungen?“
„Ja der bin ich. Und wissen sie schon, was er hat?“
„Nein, das weiß ich nicht. Wir bringen ihn jetzt ins Krankenhaus, dort werden die Ärzte schon rausfinden, was er hat.“
„Ins Krankenhaus?“ Der Mann sah ihn mit einer Mischung aus Verblüffung und Erschrecken an. „Muss das wirklich sein?“
„Ihr Sohn ist meiner Meinung nach ernsthaft krank und braucht dringend Hilfe.“
„Na, dann soll ein Arzt herkommen. Deswegen muss man doch nicht gleich ins Krankenhaus zu fahren.“
„Schreiben sie mir nicht vor, was ich zu tun habe. Ich weiß es selber.“ Max fun-kelte den Mann aggressiv an. Dann hob er den Jungen hoch und trug ihn über die schmale Stiege über die sie gekommen waren zum Auto. Der Vater folgte mit einigen Meter Abstand.
Nachdem sie den Jungen mit angewinkelten Beinen auf die Trage gelagert hatten, bat Max einer der Sanitäter, den Blutdruck des Kindes zu messen. Er selber woll-te herausfinden versuchen, womit sie es zu tun hatten. Er sah die Schwester an.
„Weißt du, was dein Bruder zuletzt gegessen hat?“
Das Mädchen sah zwischen ihrem Vater und dem Sanitäter hin und her. Sie schien zu zögern. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was der Fredi als letztes gegessen hat.“ Max kam es so vor, als hätte sie vor dem Mann, der da neben ihm stand, Angst. Er stieg ins Auto und kniete sich neben die Trage.
„Was hast du denn als letztes gegessen?“
„Eine Wurst, glaub ich.“ Der Junge dachte nach. „Ja, eine Wurst. Aber die hat so komisch geschmeckt. Der Papa hat gemeint, vielleicht war sie ja nicht mehr ganz frisch.“ Das war zumindest einmal ein Anhaltspunkt. Offensichtlich lag es an der verdorbenen Wurst, die der Junge zu sich genommen hatte. Max schloss auf eine Lebensmittelvergiftung. Das Kind musste dringend in ein Krankenhaus. Obwohl Max wusste, dass das Klosterneuburger Krankenhaus keine internistischen Kin-dernotfälle aufnahm, beschloss er trotzdem zunächst einmal dorthin zu fahren. Den Notarztwagen wollte er nicht rufen, da die Gefahr bestand, dass die Kinder von der dann anwesenden großen Anzahl von Sanitätern erschreckt werden wür-den. Er stieg aus, ging um das Auto herum und warf die Heckklappe zu. Dann bedeutete er dem Vater in das Auto einzusteigen. Der Mann sah ihn verständnis-los an.
„Muss ich wirklich mitfahren? Die Kleine weiß doch eh, wann ihr Bruder Ge-burtstag hat.“
„Hören Sie, “ Max wurde aggressiv, „da drinnen liegt ihr Sohn und windet sich vor Schmerzen und sie wollen ihn nicht einmal ins Krankenhaus begleiten. Was sind sie eigentlich für ein Vater?“ Max hatte fast geschrieen. Widerwillig stieg der Mann ein und Max schloss die Schiebetüre. Er nahm hinter dem Lenkrad platz und befahl durch das Loch in der Trennwand seinen Beifahrern sich anzu-schnallen. Dann schloss er die Scheibe und griff zum Funkgerät. Die Kinder soll-ten nicht hören, was er mit dem Disponenten zu besprechen hatte.
„Klosterneuburg für Sechs-Eins, kommen.“
„Klosterneuburg hört, kommen.“
„Sechs-Eins fährt mit Sondersignalen nach Krankenhaus Klosterneuburg Interne Ambulanz, wenn sie uns bitte mit einem zirka zehn bis zwölfjährigen Kind mit Verdacht auf Lebensmittelvergiftung anmelden. Bitte um Bestätigung der An-meldung, kommen.“
Max hatte sich bemüht, sich strengstens an die Funkdisziplin zu halten, um den Disponenten nicht noch mehr zu verärgern.
„Klosterneuburg hat verstanden, Ende.“
Max wendete den Wagen. Am Ende der schmalen Gasse drehte er das Blaulicht auf. Er klopfte zweimal mit den Fingerknöcheln gegen das Trennglas und deutete mit dem Finger zum Dach. Der Sanitäter, der direkt hinter ihm saß wusste be-scheid. Er beugte sich zu dem Jungen und begann ihm etwas zu erklären. Der Junge nickte. Auch die Schwester hatte zugehört. Als Max an der ersten größeren Kreuzung die Sirene betätigte erschrak nur der Vater.

EDIT am 28.07.2005 um 22:05

RS-USER-Baer
17.05.2004, 16:15
Lecker:rolleyes: :rolleyes:

Bin schon gespannt wie es weitergeht.