Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Rettungsdienstroman
Der Einsatz war, wie erwartet nicht im Klosterneuburger Krankenhaus zu Ende gewesen. Die Internistin hatte nur bestätigt, was Max bereits vermutet hatte. Der Junge musste dringend in ärztliche Behandlung. Sie hatte einen Transportauftrag ausgefüllt und war dann wieder verschwunden. Max hatte sich erhofft, dass sie dem Jungen zumindest eine Infusion geben würde um den Flüssigkeitsmangel auszugleichen. Er dachte nach. Zwei Krankenhäuser standen zu Auswahl. Beide waren zirka eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt. Entweder würde er nach Wien ins Universitätsklinikum fahren oder nach Tulln, das ebenfalls über eine Kinder-station verfügte. Schließlich entschloss er sich nach Tulln zu fahren, da sie dieses Krankenhaus auch ohne Voranmeldung anfahren durften. Außerdem, und das erschien Max äußerst wichtig, war die Abteilung kleiner. Den Kindern würde dort sicher mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als an der Universitätsklinik. Er schob die Trage mit dem Jungen Richtung Auto. Der Vater, der gleich nach der Ankunft im Spital verschwunden war, um eine Zigarette zu rauchen, kam auf ihn zu.
„Na eben, dacht ich’s mir doch, dass das nicht so schlimm sein kann. Das war vollkommen unnötig!“ Er sah Max triumphierend an.
„Irrtum, wir fahren gleich weiter nach Tulln auf die Kinderabteilung.“
„Nach Tulln, wieso nach Tulln? Alle Kinder aus Klosterneuburg kommen doch ins AKH, oder nicht? Das sollten sie eigentlich wissen!“
„Die diensthabende Ärztin hat gesagt, Tulln, also fahren wir auch nach Tulln.“ Ohne den Mann eines weiteren Blickes zu würdigen, verlud er die Trage wieder im Auto.
„Und wie bitte schön soll ich aus Tulln wieder nach Hause kommen?“
„Das ist nicht mein Problem!“ Max merkte, dass ihn der Mann aggressiv machte.
„Sie könnten mich ja gleich wieder mitnehmen, wenn sie zurück fahren.“
„Das glaube ich allerdings nicht. Und wenn sie nicht gleich einsteigen, dann fah-ren wir ohne sie weiter, aber glauben sie nicht, dass sie dann weniger Probleme haben.“
Widerwillig stieg auch der Vater ein. Max hatte dem Disponenten über Funk Bescheid gesagt und war dann losgefahren.
Wieder zwei Stunden. Es war Freitagnachmittag, kurz nach fünf Uhr. Die beiden Kinder hatten sie auf der Kinderstation des Tullner Krankenhauses abgegeben. Danach hatten sie die Heimfahrt angetreten. Ohne zu wissen, warum, wählte er den Weg durch den Wienerwald. Eine kurvenreiche Strecke, die sich vor allem unter Motorradfahrern großer Beliebtheit erfreute. Max passierte die Dopplerhüt-te, eine auf einer Sonnenterasse gelegene Jausenstation, die es als Unfallmelde-stelle für Bikerunfälle in Rettungsdienstkreisen zu trauriger Berühmtheit gebracht hatte. Er fuhr in die nächste Serpentine ein und während er die Rechtskurve be-hutsam auslenkte, wurde er links von einem dunkelroten Blitz überholt. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte er in diesem Blitz den Fahrer eines besonders kraft-vollen Motorrades. Ein gelber Linienbus kam ihnen entgegen. Der Motorradfah-rer veriss den Lenker nach links und einen Wimpernschlag später befand er sich genau an jener Stelle, die Max anvisiert hatte um dem für die engen Kurven viel zu langen Bus Platz zu machen. Grotesk, dachte Max. Von der Rettung niederge-fahren. Instinktiv zog er den Wagen noch weiter nach rechts. Der Motorradfahrer vor ihm gab Gas, legte sich in die Kurve und kaum eine Sekunde später entfernte sich das Röhren des Motors auch schon deutlich. Max tippte sich mit dem Finger an die Stirn. Es war endgültig genug. Nur noch zwei Wochen.
Aber zunächst galt es einmal, Hoffmanns Rüge unbeschadet zu überstehen. Da-nach würde er ein detailliertes Einsatzprotokoll schreiben und an den behandeln-den Arzt faxen. Dieser hatte ihn um eine ausführliche Beschreibung der Zustände in denen die Kinder lebten, gebeten. Er wollte den Fall an die Jugendfürsorge weitergeben. Dafür brauchte er aber mehr Informationen als bloß ein paar Ver-dachtsmomente. Die konnte ihm Max geben. Immerhin war er ja vor Ort gewe-sen. Max hoffte, dass die Behörden den Fall ernst nehmen würden. Vor allem das Verhalten des Vaters war ihm zutiefst zuwider gewesen. Darüber würde er be-sonders ausführlich schreiben. Inständig hoffte er, dass Hoffmann das Warten bereits aufgeben hatte und nach Hause gefahren war. Das automatische Garagen-tor öffnete sich und Max fuhr in die Garage. Er stellte den Motor ab und bat seine Sanitäter, mit dem Ausfüllen der Protokolle auf ihn zu warten. Immerhin bestand ja die Hoffnung, dass Hoffmann sich kurz fassen würde. Er ging an der Leitstelle vorbei in Richtung Hoffmanns Büro. Die Türe war geöffnet. Max klopfte vorsich-tig an den Türrahmen. Hoffmann sah auf.
„Partovec“, seufzte er.
„Ja ich weiß, die Funkerei war unnötig.“
„Dann ist’s ja gut, aber eigentlich wollte ich mit dir über etwas anderes spre-chen.“
„So?“
„Hast du dir schon überlegt, was du nach dem Zivildienst machst?“
„Nein, keine Ahnung.“ Max war verzweifelt. Jetzt fing Hoffmann auch noch damit an. Das durfte doch nicht wahr sein. „Einen Job suchen wahrscheinlich…“
„Eigentlich wollt ich nur wissen, ob du Zeit hast, noch ein paar Monate weiter zu fahren? Die neuen Zivis müssen ausgebildet werde und ein paar freiwillige Prak-tikanten haben wir auch, die brauchen auch wen zum Üben. Du wirst ganz normal angestellt. Gehaltsstufe 2, mehr kann ich dir nicht bieten, da du keine Zusatzaus-bildung hast.“
„Naja, eigentlich wollte ich aufhören. Aber wenn das so ist, dann denke ich noch mal drüber nach.“ Unwillkürlich musste er grinsen.
„Ich würd’ es halt gerne bald wissen…“
Max dachte einige Augenblicke nach. Er hatte ja vermutlich wirklich nichts Bes-seres zu tun. Dass er sofort eine andere Arbeit finden würde war unwahrschein-lich. So war er wenigstens versichert. Und es war ein Job. Ausbildung brauchte er auch keine mehr machen. Verdienen würde er auch. Es war zwar nicht viel, aber da er ja noch zu Hause wohnte würde es schon reichen. Wenn er sparsam war, konnte er vielleicht sogar etwas vom Trinkgeld, das er in diesem Fall ja auch weiterhin bekommen würde, zur Seite legen.
„OK, ich mach’s.“ Im gleichen Moment als Max Hoffmann zusagte, war er sich sicher, dass er seine Entscheidung schon bald bereuen würde.
EDIT am 28.07.2005 um 22:04
Heute is es genau ein Monat her, dass ich den Roman online gestellt habe. Mittlerweile sind es auch ziemlich genau 1500 Zugriffe, was, wenn man meine eigenen Zugriffe nicht herausrechnet, 20 Zugriffe pro Tag bedeutet. DANKE. Und nein, ich bin üherhaupt kein Zahlenfanatiker :D
14.
Seine Augen mussten sich erst an das Dunkel gewöhnen, als Max begleitet von zwei Kollegen den Raum betrat. Lediglich das blitzende Licht des Stroboskops und einige bunt blinkende Scheinwerfer erhellten den Raum immer wieder für einige Sekundenbruchteile. Die ohrenbetäubende Technomusik, die den Raum erfüllte verschlimmerte die Situation noch zusätzlich. Max sah seine beiden Kol-legen an. Philipp war so wie Max bis vor kurzem Zivildiener gewesen. Er hatte sich entschlossen, als freiwilliger Mitarbeiter im Rettungsdienst zu bleiben. Max wusste, dass er mit Philipp auch in solchen Extremsituationen gut zusammenar-beiten konnte. Wie sich Klara, die Praktikantin, bei diesem Einsatz verhalten würde, stand nicht fest. Max hatte zwar schon einige Dienste mit ihr absolviert, die aber allesamt sehr ruhig verhielten. Ein Oberschenkelhalsbruch im Altersheim war der absolute Höhepunkt gewesen.
Angestrengt starrten die drei Sanitäter in das Dunkel hinein. Laut Einsatzbe-schreibung sollten irgendwo in diesem Raum drei reglose Personen liegen. Im blitzenden Licht des Stroboskops glaubte Max in einer der Ecken des Raumes einen der Notfallpatienten ausgemacht zu haben. Er zeigte mit dem Finger in die Richtung und Philipp nickte.
„Auf die Plätze, fertig, los!“ knurrte er gequält fröhlich. Dann schaltete er die Handlampe ein und machte sich auf den Weg. Während ihm Max, die Praktikan-tin vor sich herschiebend folgte, dachte er daran, dass es vielleicht sinnvoller gewesen wäre, die Handlampe schon vorher einzuschalten. Er drehte sich noch einmal zur Tür um und erkannte an den Umrissen in Türrahmen, dass soeben ein zweites Team eingetroffen war. Er überlegte kurz, sich für die Kollegen bemerk-bar zu machen, verzichtete aber dann darauf, da er annahm, dass die Reflektor-streifen der Uniformen ohnehin auffällig genug waren. Max ging vorsichtig wei-ter. Er versuchte sich ein wenig in dem Raum umzusehen. Allzu viele Leute schienen nicht hier zu sein. Trotzdem wäre er fast mit einem der Tanzenden zu-sammengestoßen. Durch die Musik hindurch versuchte Max auf sein Funkgerät zu hören ob noch weitere Teams zur Verstärkung unterwegs waren. Es gelang ihm nicht. Er stolperte. Die Praktikantin war abrupt stehen geblieben. Philipp hatte sich bereits niedergekniet und hatte mit der Kontrolle der Lebensfunktionen begonnen. Max hoffte inständig, dass es die Person vor ihm bloß zuviel Alkohol erwischt hatte und bewusstlos war.
„Kein Bewusstsein!“ hörte er Philipp schreien. Die Musik, die aus dem Lautspre-cher direkt neben ihm kam, machte jede Kommunikation fast unmöglich. Philipp öffnete die schäbige, abgetragene Kleidung des Patienten. Dann kontrollierte er die Atmung.
„Keine Atmung!“ schrie er.
Max riss der Praktikantin, die wie erstarrt die Situation beobachtet hatte, den Defibrilator aus der Hand und kniete sich neben Philipp. Dabei gelang es ihm, einige kurze Blicke auf das Gesicht der reglosen Person zu werfen. Es war ein-deutig eine junge Frau. Sie hatte kurze blonde Haare und ihre Augen waren ei-genartig leer. Ein eiskalter Schauer lief Max über den Rücken.
„Nicht schon wieder!“ hörte er sich flüstern während er den Defibrilator einschal-tete. Auf die mechanische Stimme, die aus dem Gerät kam, zu hören, war unmög-lich. Er musste sich an den drei farbigen Leuchtdioden orientieren, mit denen der Status des Gerätes angezeigt wurde. Philipp griff zu den Klebeelektroden und platzierte sie auf den vorgesehenen Stellen auf dem Brustkorb der jungen Frau. Eines der Lämpchen auf dem Gerät blinkte auf. Max drückte eine der Tasten, um die Herzströme zu analysieren. Ein anderes Lämpchen blinkte auf und Max ver-suchte zu entziffern, was ihm das Gerät auf dem kleinen Display mitzuteilen ver-suchte.
Langsam kam auch wieder Leben in die Praktikantin. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte kniete sie sich neben den Kopf der jungen Frau und begann den Beatmungsbeutel und die Sauerstoffflasche für die Beatmung herzurichten. Das ging ihr hier alles ein bisschen zu schnell. Vor wenigen Tagen erst hatte sie in der Ausbildung gelernt, wie eine Reanimation ablief. Jetzt war sie schon mit-tendrin. Sie versuchte sich zu konzentrieren. Bei der lauten Musik und den grel-len Lichtblitzen ein fast aussichtsloses Unternehmen. 15 Liter Sauerstoff in der Minute, daran konnte sie sich erinnern. Aber sonst. Wo war der Beatmungsbeu-tel? Stimmt, im Koffer. Beatmungsmaske auf den Beutel stecken. So ging das. Sie drehte die Sauerstoffflasche. Das Gas zischte aus dem Beutel. Gerade als sie versuchte die Beatmungsmaske auf das Gesicht der jungen Frau zu setzen, hörte sie Max schreien.
„Alle weg!“
Dann drückte er auf den Auslöser des Defibrilators. Die Praktikantin hatte gerade noch ihre Hände in die Höhe geworfen. Das Gerät analysierte die Auswirkungen des Stromstoßes. Max blickte wieder angestrengt auf die Anzeige. Dann griff er mit einer Hand an den Hals der jungen Frau und versuchte einen Puls zu ertasten. Währenddessen begann die Praktikantin mit der Beatmung. Da er keinen Puls hatte fühlen können, suchte Max den Druckpunkt für die Herzmassage und be-gann dann mit den Wiederbelebungsmaßnahmen. Dabei blickte er auch immer wieder in das Gesicht des Opfers. Mit einem Mal kam es ihm vor, als würde er wieder auf dem Mistelbacher Kirchenhügel sein. Die Musik war in seinem Kopf längst in weite Ferne gerückt. Das Mädchen, das hier vor ihm lag war nicht ir-gendeine Jugendliche, die sich in ihrem Übermut eine Überdosis Drogen verab-reicht hatte. Nein, hier lag wieder Eva. Diesmal durfte er nicht versagen. Er blick-te auf. Dort, beim Kopf, mit der Beatmungsmaske in der Hand kniete nicht Klara. Es war Ines. Er war sich ganz sicher. Sein Blick wanderte zwischen ihr, dem De-fibrilator, dem Gesicht des Mädchens und seinen Händen hin und her. Zwischen seinen Händen quoll Blut hervor. Er war sich ganz sicher. Am Display des De-fibrilators er kannte er, dass es wieder Zeit für eine Kreislaufkontrolle war. Er griff an die Schlagader. Nichts! Max war verzweifelt. Noch einmal versuchte er, den Puls zu ertasten. Er durfte nicht versagen. Hier lag Eva. Die fünfzehnjährige Eva, die versucht hatte, sich mit einem Pistolenschuss ins Herz das Leben zu nehmen. Das Leben, das eigentlich noch vor ihr lag. Er durfte sie nicht sterben lassen. Wieder suchte er den Druckpunkt. Kaum hatte die Praktikantin die Beat-mung beendet, führte er die Massagestöße wieder mit voller Kraft aus. Er fühlte, dass sein Kreislauf schwächer wurde. Der Schweiß rann ihm von der Stirn. Das Bild, das er sich vor seinen Augen aufgebaut hatte, begann zusammenzubrechen. Unwillkürlich verlangsamte er die Frequenz der Reanimation. Wieder forderte ihn das Gerät zur Kreislaufkontrolle auf. Als er abermals zur Halsschlagader grei-fen wollte, spürte er, dass ihn von hinten jemand an der Schulte berührte. Er sah sich um. Es war Philipp. Max war verwirrt. Philipp war doch gar nicht dabei ge-wesen. Er war doch hier mit Ines. Alleine. Was machte Philipp hier?
„Wechsel?“ fragte Philipp.
Max rückte wortlos zur Seite. Er stand auf und lehnte sich an die Wand. Die Kol-legen versuchten weiterhin, dem reglosen Körper dort auf dem Boden Leben einzuhauchen. Während er die Augen schloss, dachte Max daran, dass er wieder versagte hatte.
„Danke, das war’s!“ hörte er jemanden rufen. Mit einem Mal verstummte die Musik und Max bemerkte, dass das Licht anging. Langsam öffnete er die Augen und es dauerte einige Sekunden, bis er wieder wusste, wo er war. Er sah sich um. Jetzt war wieder im Übungsraum. Auf dem Boden lag die Übungspuppe. Der Übungsdefibrilator lag neben ihr und forderte immer noch mit mechanischer Stimme eine Kreislaufkontrolle ein. Max betrachtete die Puppe. Bei Licht be-trachtet hatte sie nicht die geringste Ähnlichkeit mit Eva. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Beine waren schwach und er setzte sich vorsichtig auf den Boden. Mit einem Mal stand Klara neben ihm.
„Hey, was ist denn mit dir los?“
„Nichts, gar nichts, alles in Ordnung.“
„Sicher? Du bist weiß wie die Wand.“ Philipp stand nun ebenfalls neben ihm.
„Nein, nein, geht schon. War nur die schlechte Luft.“
„Brauchst ein bisschen Sauerstoff?“ Philipp musste grinsen.
„Danke, nein. Ich bin schon in Ordnung.“ Max stand auf. Mit demonstrativ siche-ren Schritten machte er sich auf den Weg zur Toilette. Er musste sich übergeben.
EDIT am 28.07.2005 um 20:12
DerHobbit
23.05.2004, 23:12
wann gibt es wieder lesestoff
Original geschrieben von DerHobbit
wann gibt es wieder lesestoff
sorry, aber auch ich muss hin und wieder lernen :D Deshalb is auch übers we nicht viel weiter gegangen,aber ein bisschen was gibts.
Fast eine halbe Stunde war Max am Boden der Toilette gesessen und hatte sich mit beiden Händen am Rand der Kloschüssel festgehalten. Dem Reiz, sich zu übergeben, der ihn im Übungsraum befallen hatte, hatte er nicht nachgegeben. Er war einfach nur dagesessen und nach Luft gerungen. Die stickige, vom Geruch von getrocknetem Urin durchsetzte, Luft hatte ihn niedergedrückt. Das elektri-sche Licht war bereits nach wenigen Minuten erloschen und zwei oder dreimal hatte jemand versucht, die Türe zu öffnen. Max war im Dunkeln gesessen und gezittert. Der Vorfall gerade eben hatte ihm Angst gemacht. Nichts wünschte er sich in diesem Moment so sehr, als alles was in diesem Sommer geschehen war, zu vergessen. Aber er konnte es nicht. Auch nach drei Monaten schreckte er noch jede Nacht aus dem Schlaf hoch wenn der Traum wiederkam an dessen Ende er sich selbst in einer Wiese knien sah, ein totes Mädchen in seinen Armen, von dem er eigentlich nicht mehr als den Namen wusste. Nichts wünschte er sich mehr, als endlich wieder einmal ausschlafen zu können. Er hatte nie jemandem von diesem Traum erzählt. Es war noch immer sein Geheimnis. Er konnte auch niemandem davon erzählen. Damit würde er sich zum Gespött der Kollegen ma-chen. Wenn er seinen Eltern davon erzählen würde, sie würden ihn nur zum Psy-chiater schicken, der dann wiederum von einer Abgrenzungsproblematik spre-chen würde und ihn am Ende noch in eine Anstalt einweisen würde. Und genauso wenig, wie er über seinen Traum sprechen durfte, konnte er den Kollegen die Wahrheit darüber sagen, was gerade bei der Reanimationsübung geschehen war. Er war froh, dass ihm die Ausrede mit der schlechten Luft eingefallen war. Viel-leicht konnte wirklich einen Kreislaufkollaps vortäuschen. Allerdings würde er erklären müssen, warum er sich danach in der Toilette verkrochen hatte, wo die Luft sicher noch schlechter war, anstelle für einige Minuten hinaus zu gehen. Max wusste nicht, wie lange er schon so auf dem Boden saß. Seine Uhr hatte er vor der Reanimation abgelegt, da das Uhrband etwas zu locker war und immer wieder nach unten rutschte und ihn beim Ausführen der Herzmassage behinderte. Er hielt sich mit beiden Händen an der Klobrille fest und stand langsam auf. Für einen Moment hatte er Angst, dass seine Beine gleich wieder den Dienst versagen würden. Er richtete sich ganz auf und stützte sich mit der Hand gegen den Tür-rahmen. Nachdem er sich sicher war, dass er nicht gleich wieder das Gleichge-wicht verlieren würde, schloss er die Tür auf und ging in den kleinen Waschraum, der vor der Toilette war. Mit kaltem Wasser begann er sich das Gesicht zu wa-schen. Sollten die Kollegen ruhig glauben, dass er sich wirklich übergeben hatte. Das würde seine Geschichte, dass er einen Kreislaufkollaps gehabt hatte, nur bestätigen. Er stützte sich am Waschbecken ab und betrachtete sich im Spiegel. Seine Haare standen wirr und zersaust vom Kopf und immer noch erschien im seine Haut sehr blass. Mit einem Papierhandtuch wischte er sich die letzten Was-sertropfen aus dem Gesicht. Dann zerknüllte er es und warf es in den Papierkorb. Entschlossen richtete er sich auf und verließ den Waschraum.
Als er die Türe hinter sich geschlossen hatte, sah er sich um. Der Gang war men-schenleer. Entweder waren die Übungsteilnehmer bereits nach Hause gegangen oder noch bei der Nachbesprechung. Max atmete auf.
„Wusste ich doch, dass du nicht ewig da drinnen bleiben wirst“, hörte er jeman-den sagen. Noch einmal sah er sich um. Klara saß mit dem Rücken an die Wand gelehnt neben der Waschraumtüre auf dem Boden.
„Was machst du noch hier?“
„Ich hab auf dich gewartet.“
„Auf mich, wieso?“
„Ich glaub’ dir die Geschichte mit der schlechten Luft nicht.“
Max seufzte. Er hätte nicht geglaubt, dass er so einfach zu durchschauen war.
„Wieso, es war echt nur die Luft!“ beeilte er sich zu versichern.
„Und warum sperrst du dich dann eine halbe Stunde auf dem Klo ein?“
„Weil mir schlecht war und ich Angst hatte, brechen zu müssen.“
„Also ganz ehrlich, von dem Gestank da drinnen würde mir nur noch mehr schlecht werden.“ Sie deutete mit dem Finger auf die Türe. Max zuckte mit den Schultern. Sein Alibi war noch viel schlechter als er gedacht hatte. Klara sah ihn an.
„Willst du’s mir erzählen?“
„Nein, eigentlich nicht. Ich will da nicht noch mehr Leute reinziehen.“
„Wo willst du mich nicht reinziehen?“
„Vergiss es, es ist nicht so wichtig.“
„Und warum sperrst du dich dann deswegen eine halbe Stunde im Klo ein, wenn es eh nicht so wichtig ist?“
Er versuchte ihrem Blick auszuweichen. Es kam ihm vor, als würde sie ihn mit ihren großen, grünen Augen wie mit einem Röntgenstrahl durchleuchten und nach den dunklen Flecken suchen, die er so verzweifelt zu verstecken und zu verdrängen versuchte. Melanie hatte ihn immer wieder auf dieselbe Art angese-hen und durchschaut. Ihr hatte er nie etwas vormachen können. Wenn sie erkann-te, dass er ihr etwas verheimlichte, dann hatte sie ihr dunkelblondes Haar mit zwei Fingern über ihr rechtes Ohr gestrichen und ihn schweigend angesehen. Er fühlte sich Klaras Blicken hilflos ausgesetzt. Fast kam es ihm vor als wollte er sich nicht dagegen wehren. Doch mit einem Mal riss sie ihn aus seinen Gedan-ken.
„Ich weiß nicht, was dich bedrückt, aber ich glaub, du solltest mal mit jemandem darüber reden.“
„Danke, aber ich glaub ich komm mit meinen Problemen selber schon ganz gut zurecht!“ Fast hätte er sie angeschrieen. „Aber danke, dass du auf mich gewartet hast.“
„OK, hab schon verstanden, wenn’s dir damit besser geht, bitte!“ Ihre Stimme klang frostig.
„Entschuldige, aber ich hab im Moment ziemlich viel um die Ohren.“
„Schon in Ordnung. Eigentlich wollt ich dich eh was ganz anderes fragen.“
„So, was denn?“
„Hast du am fünften November Zeit für einen Tagdienst?“
„Nein, da hab ich einen Gerichtstermin.“
„Gerichtstermin. Doch nichts schlimmes, hoff ich.“
„Wie man’s nimmt. Der Grund ist schlimm genug, aber ich glaub es wird schon gehen.“
„Worum geht’s?“
„Wegen der Sache im Sommer.“
„Was war im Sommer? Wegen dem Hochwasser?“
„Nein, kurz davor. Wegen einer Schießerei.“
„Eine Schießerei? In Klosterneuburg?“
„Nein, in Mistelbach. Ich bin damals eingesprungen und jetzt haben’s den Dispo-nenten angezeigt, weil er angeblich zu langsam reagiert hat.“
„Ach, du meinst die Sache mit dem Kind, das sich da erschossen hat. Irgendwer hat mal gesagt, dass da auch von uns wer dabei war, aber ich hab nicht gewusst, dass das du warst.“
„So jetzt weißt du’s und das reicht dann auch schon wieder. Wenn du willst kön-nen wir uns aber auch einen anderen Termin ausmachen.“
Klara schwieg. Als er sie ansah und sie mit der rechten Hand ihr Haar über dem Ohr nach hinten strich, wusste er, dass sie in diesem Moment erraten hatte, wa-rum Max vorhin im Übungssaal wirklich zusammengebrochen war.
Max hatte Klara fast alles erzählt. Sie waren gemeinsam in ihre Wohnung gefah-ren und Klara hatte eine kleine Jause gerichtet. Danach hatten sie es sich in ihrem Wohnzimmer bequem gemacht. Max hatte sich mit dem Rücken auf die Couch gelegt und fast die ganze Zeit während er erzählte an die Decke gestarrt. Nur hin und wieder hatte er zu Klara hinunter gesehen, die mit dem Rücken an die Couch gelehnt auf dem Boden saß und zuhörte. Dabei hatte sie ihre langen, fast schon schwarzen, gelockten Haare, die sie normalerweise zu einem Zopf zusammenge-bunden hatte, zwischen den Fingern gedreht, nur um sie danach wieder glatt zu-streichen zu versuchen. Er hatte ihr fast alles erzählt. Von dem Moment in dem der Disponent an die Türe des kleinen Fernsehzimmers geklopft hatte, von der misslungenen Reanimation und der Heimfahrt danach. Er hatte ihr seinen Traum geschildert, der ihn verfolgte und er hatte ihr vom Begräbnis und den eigenartigen Andeutungen des Pfarrers erzählt. Auch davon, dass er zu trinken begonnen hatte und dabei fast vom Balkon gestürzt war, hatte er ihr berichtet. Obwohl es ihm peinlich war, hatte er kein Problem, darüber zu sprechen. Er hatte sich bemüht, ihr jedes noch so kleine Detail zu schildern. Warum er Ines Rolle in seiner Ge-schichte wesentlich kleiner darstellte, als sie tatsächlich war, das wusste er nicht. Vielleicht hatte er Angst, dass Klara eifersüchtig auf Ines war. Warum er diese Angst hatte, wusste er nicht. Vielleicht hatte war es auch die Angst vor der un-vermeidlichen Frage, warum er sich Ines nicht anvertraut hatte.
Klara schien nicht zu bemerken, dass Max ihr eine sehr unvollständige Geschich-te erzählte. Und wenn sie es bemerkt hatte, dann hatte ließ sie es sich nicht an-merken. Sie hatte ihn kein einziges Mal unterbrochen. Sie war einfach nur stumm dagesessen und hatte mit ihren Haaren gespielt. Manchmal, wenn Max sie ange-sehen hatte, hatte sie die Augen geschlossen. Trotzdem hatte er immer das Gefühl gehabt, dass sie ihm zuhören würde. Mit jedem Wort seiner Erzählung hatte er sich ein bisschen leichter gefühlt. Nach zwei Stunden war er am Ende gewesen. Er war einfach nur stumm liegen geblieben und hatte das Gefühl der Leichtigkeit, dass ihn durchströmte genossen. Am liebsten wäre er einfach liegen geblieben. Sie hatte weiter geschwiegen. Schließlich war sie aufgestanden und hatte sich neben ihm auf die Couch gesetzt.
„Ich würde dir gerne helfen, aber ich weiß nicht, wie ich das tun soll.“
„Das hast du schon gemacht, es hat gut getan, das alles einmal jemandem zu er-zählen.“
„Ich hoffe es geht dir jetzt besser.“
„Das tut es. Glaube mir!“
Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht.
„Ich sollte jetzt besser gehen“, murmelte er.
„Wenn du willst, kannst du da schlafen.“
„Nein, lieber nicht, ich will dich nicht noch mehr belasten.“
„Du belastest mich nicht.“
Er hatte sich aufgerichtet und sich neben sie gesetzt. Sie sah ihn an.
„Trotzdem würde ich lieber nach Hause fahren.“
„Ruf mich an, wenn du wen zum zuhören brauchst.“
„Mach ich, danke. Und danke auch, dass du mir heute zugehört hast.“
Danach war er aufstanden und war in der Garderobe in seine Jacke geschlüpft. Sie war ihm in der Flur gefolgt und als er gerade dabei war, die Wohnung zu verlassen, hatte sie ihn an der Jacke zurückgehalten.
„Schlaf gut. Und träume nicht“
„Hoffentlich, aber ich glaube, dass es mir heute zum ersten Mal seit langem wie-der gelingen wird.“
„Na dann, gute Nacht!“ Er hatte die Wohnung verlassen und erst einen Stock tiefer hatte er gehört, wie sie die Türe leise wieder geschlossen hatte. Wieder hatte er auf die Uhr gesehen. Jetzt war es wenige Minuten nach Mitternacht. In einer halben Stunde würde er in seinem Bett liegen und zum ersten Mal seit lan-gem keine Angst vor dem Einschlafen haben.
Es war exakt zwölf Minuten nach fünf Uhr morgens, als Max erschrocken er-wachte. Er hatte doch wieder geträumt. Doch diesmal hatte das tote Mädchen nicht mehr Melanies Züge gehabt. Es hatte ausgesehen wie Klara.
EDIT am 28.07.2005 um 20:10
Und mehr hab ich im Moment nicht, aber ich werd schaun, dass ich heute wieder was schreibe, versprochen... :D
RS-USER-Rypper2K
24.05.2004, 13:27
Auch von mir mal ein echtes Kompliment, macht richtig Spaß die Geschichte immer weiter zu lesen :)
Ich hab den Roman erst gestern gefunden,
bin aber total begeistert.
Sowas wär gut als Pflichtlektüre für Sanis, zum PTSD erklären.
Du solltest echt öfter schreiben, reist einen total mit, hab' auf zwei mal durchgelesen.
Ich hoffe, da kommen noch ein Paar Kapitel...
DerHobbit
24.05.2004, 23:48
@ Anditi: werds verkraften *gg*
hab ja gerade mit dem ersten teil von harry potter zu lesen begonnen also wird mir sicher nicht langweilig *gg*
DerHobbit
11.06.2004, 11:35
*malvorsichtignachfragwannesweitergeht?*
Original geschrieben von DerHobbit
*malvorsichtignachfragwannesweitergeht?*
Sorry, wird noch ein bisschen dauern, da ich im Moment wieder mehr um die Ohren hab als in Finnland aber ich werde mich bemühen, dass bald wieder etwas dazu kommt! Fest versprochen!
DerHobbit
13.06.2004, 15:01
passt schon bist ja entschuldigt *ggg*
war nur mal gespannt ob sich wieder mal was neues ergenhan hat
*abjetztbravwartentubiswasneueskommt*
*fingerhintermrückenkreuz*
Schlauchschlepperin
29.06.2004, 11:09
<----- ganz gespannt ist wann es weitergeht...
Ist bis jetzt superklasse und spannend!!!
:RS:
RS-USER-titan_cb
30.06.2004, 00:20
SCHEIßE >> hab den Roman erst jetzt gefunden ... und in einem Zug durchgelesen ... und an der spannendsten stelle is fertich ... naja ... hoffentlich kommt bald was ... is ja ne extremst spannende und sehr lebendig geschriebene Story ... :RS:
RS-USER-titan_cb
12.07.2004, 22:27
wo bleibt die Fortsetzung *langsamböseschau*
DerHobbit
12.07.2004, 22:39
Original geschrieben von titan_cb
wo bleibt die Fortsetzung *langsamböseschau*
tua nid gspässig dua nid dumm
lass doch demm anditi etwas mehr zeit hat ja schliesslich auch noch ein leben neben dem RS-Roman *ggg*
15.
In panischer Angst hatte er im Dunkeln nach seinem Handy getastet. Mit dem Handrücken wischte er es vom Nachtkästchen und es fiel zu Boden. Mit beiden Händen begann er den Boden vor seinem Bett abzutasten. Als er das Telefon schließlich gefunden hatte, versuchte er mit zittrigen Fingern Klaras Nummer zu wählen. Mehrmals verwählte er sich. Erst nachdem er Licht gemacht hatte und einige Sekunden gewartet hatte, bis sich seine Augen an das Licht gewöhnt hat-ten, gelang es ihm schließlich doch noch, die Tasten in der richtigen Reihenfolge zu drücken. Er konnte das Klingelsignal hören. Klara hob nicht ab. Die Tonband-stimme, die dem Anrufer höflich mitteilt, dass der Angerufene im Moment nicht erreichbar sei, meldete sich. Er legte auf und drückte auf die Wiederwahltaste. Wieder hörte er es läuten. Er fragte sich, aus welchem Grund er plötzlich so pani-sche Angst um Klara bekommen hatte. Es war ihm wie ein schlechtes Omen vor-gekommen, dass sie in diesem Traum erschienen war. Immerhin waren alle, die bislang in diesem Albtraum vorgekommen waren, tot. Vielleicht hatte er auch Angst davor, dass er endgültig die Kontrolle über seine Gefühle verlieren würde. Dabei war er sich nicht einmal sicher, welche Gefühle er für Klara hegte. Er fühl-te sich zu ihr hingezogen. Zu ihr hatte er sofort Vertrauen gehabt. Er fragte sich, warum er dieses Vertrauen nicht auch zu Ines gehabt hatte. Hätte er genauso rea-giert, wenn Ines in dem Traum vorgekommen wäre. Drehte er endgültig durch? Abermals war das Tonband zu hören. Max wurde immer unruhiger. Mit einem Mal war er sich sicher, dass etwas passiert war. Noch einmal drückte er die Wie-derwahltaste. Das Klingelsignal ertönte. Max zählte die Pieptöne mit. Die Stille zwischen den einzelnen Signalen erschien ihm unendlich lang. Was konnte Klara zugestoßen sein? Vor seinem geistigen Auge tauchte immer wieder das Schluss-bild seines Traumes auf. Er versuchte vergeblich einen klaren Kopf zu bewahren und logisch zu denken. Was sollte passiert sein? Sicher war alles in Ordnung. Bestimmt machte er sich unnötige Sorgen. Wahrscheinlich schlief sie gerade tief und fest und würde ziemlich ungehalten sein, wenn er sie durch seine Anrufe wecken würde. Erneut hörte er das Tonband und er legte auf. Einmal würde er es noch versuchen. Vielleicht sollte er zuvor an der Dienststelle anrufen, ob jemand etwas von ihr gehört hatte. Wenn ihr etwas zugestoßen war, würden es die Kolle-gen bereits wissen. Er verwarf den Gedanken. Es war zwanzig Minuten nach fünf. Der Nachtdienst würde tief und fest schlafen, da war er sich sicher. Außer-dem ging es ihn ja eigentlich überhaupt nichts an. Trotzdem ließ ihm dieses unbe-stimmte Kribbeln in seiner Magengrube keine Ruhe. Was, wenn er doch recht hatte und sie seine Hilfe brauchte. Wieder wählte er Klaras Nummer. Das erste Klingelsignal ertönte. Danach war Stille. Max beschloss zu ihrer Wohnung zu fahren, wenn sie sich wieder nicht melden würde. Die Überzeugung in ihm, dass ihr etwas passiert war, wuchs mit jeder zehntel Sekunde in der das Telefon stumm blieb. Wieder läutete es. Dann klickte es im Hörer und Klara hob ab. Ihre Stimme klang müde, aber nicht verärgert. Max atmete auf
„Tut mir leid, ich war grad duschen! Was ist denn dringendes los, dass du mich um diese Zeit gleich viermal anrufst?“
„Nichts!“ Max machte eine kurze Pause und dachte nach. Warum sollte er Klara nicht die Wahrheit sagen. „Doch, es ist etwas. Ich hab wieder geträumt!“
NEUER KAPITELTEL
„Weißt du noch?“ Max trat verlegen von einem Bein auf das andere.
„Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal über den Weg gelaufen sind?“
Ihm war kalt. Er hatte seine Hände tief in seinen Jackentaschen vergraben. Trotz-dem fühlten sich seine Finger kalt an.
„Weißt du noch, wie das alles angefangen hat? Ich meine so richtig.“
Sein Blick war stoisch auf den Boden gerichtet. Bloß nicht aufsehen. Bloß nicht gesehen werden. Ein kalter Wind fuhr durch die kahlen Bäume und die letzten Blätter, die noch an den Ästen hingen gaben mit einem leisen Rascheln ihren Widerstand auf und ließen sich von der stürmischen Luft davon tragen. Ein Schwarm Krähen flog unter lautem Gekreische von einem Bäume auf nur um sich gleich auf dem nächsten wieder nieder zulassen.
„Natürlich weißt du es noch, auch wenn du mir jetzt nicht antworten wirst. Es war wunderschön. Ich weiß es auch noch. Die alte Eiche. Wir sind auf der alten kaputten Bank gesessen und haben auf die vielen Lichter hinuntergeschaut. Du hast gesagt, dass du die Grenze zwischen Himmel und Erde gar nicht erkennen kannst. Wir sind da gesessen, ohne ein Wort. Einfach so. Du warst da. Wunder-bar.“
Max zuckte mit den Schultern. „Ja, ich kann mich noch genau daran erinnern. Ob du es glaubst oder nicht, ich weiß es noch genau. Als ob es gestern gewesen wä-re.“
Er wusste, dass er keine Antwort kriegen würde. Trotzdem hielt er inne, als wür-de er auf eben diese Antwort warten. Irgendwo im Hintergrund hörte er die Schritte einer kleinen Gruppe Menschen auf einem Kiesweg. Er hörte Stimmen. Die Menschen, die da einige Meter von ihm entfernt über den Kiesweg gingen, unterhielten sich. Worüber, dass konnte Max nicht verstehen. Einige Wortfetzen trug der Wind zu ihm herüber.
„Dann wäre das für heuer auch erledigt.“
„Ja, hoffentlich.“
Jemand lachte. Die Gruppe ging weiter. Von Max hatten sie keine Notiz genom-men. Die Krähen flogen erneut von ihrem Ast auf. Ein kurzer Flug über den Platz, dann kehrte wieder Ruhe ein.
„Weißt du, dass du mir fehlst?“ Wieder ein Schulterzucken. „Aber das weißt du natürlich selbst. Du weißt ja alles.“ Er zog die Hände aus den Taschen und be-gann, die Handflächen aneinander zu reiben. Er hatte nicht daran gedacht, Hand-schuhe mitzunehmen. Für Ende Oktober war es seiner Meinung nach entschieden zu kalt.
„Früher wäre mir das nicht passiert. Ich meine, dass ich die Handschuhe vergesse. Ich werde alt.“ Er lachte gekünstelt. Eine seltsame Situation. Hier stand er und versuchte zu lachen, während der dicke Knoten in seinem Hals immer größer wurden und die Tränen unter seinen Lidern sich bei der ersten Gelegenheit ihren Weg nach draußen bahnen würden. Nein, Weinen war heute strengstens verboten. Nicht heute. Es war an der Zeit, dass er sich wieder in den Griff bekam. So konn-te das unmöglich weitergehen.
„Sag mal, gibt es einen Gott? Ich meine so richtig. Einen der entscheidet, was mit uns passiert. Oder ist ihm das am Ende ganz egal, was wir tun. Eigentlich musst du es wissen. Wer sonst? Aber natürlich wirst du es mir nicht sagen. So wie du mir gar nichts sagst. Weißt du, wie weh das tut?“
Er zog durch die Nase auf. Irgendwo hatte er sicher ein Taschentuch eingesteckt. Suchen wollte er es nicht. Nochmals zog er durch die Nase auf. Also doch nach dem Taschentuch suchen. Er schnäuzte sich. Bloß nicht krank werden. Das konn-te er sich im Moment nicht leisten.
„Nächste Woche muss ich zum Gericht. Wegen der Sache im Sommer. Du weißt schon, die Kleine, die sich erschossen hat. Damals hätte ich dich gebraucht. Nicht, dass ich auf dich böse bin, nein glaub mir, das könnte ich gar nicht. Aber du verstehst sicher, was ich meine.“
Max schwieg. Totale Stille. Nur der Wind fuhr weiter durch die Äste um auch die letzten Blätter in die Ferne davonzutragen. Er sah auf. Plötzlich kam es ihm vor als könnte er in ihre Augen sehen. Nur für einige Augenblicke, nicht mal für eine Sekunde, dann war das Gefühl auch schon wieder weg.
„Ich träume jede Nacht von ihr. Ich sehe sie sterben. Und ich kann ihr nicht hel-fen. Wahrscheinlich weißt du das sowieso. Ich komme mir dann immer so alleine vor. Natürlich, die Ines war schon da. Und sie hat mir auch geholfen. Aber es war plötzlich vorbei. Funkstille. Kein Wort mehr. Keine Ahnung warum. Ich werde das wohl nicht verstehen. Du vielleicht, ich nicht.“
Mit einem Mal kam er sich schäbig vor. Warum musste er jetzt mit Ines anfan-gen. Vielleicht lag es daran, dass sie ihn letzte Woche kurz angerufen hatte. Mit-ten in der Nacht, kurz nach drei Uhr morgens. Sie hatten nur kurz miteinander gesprochen. Sie war aufgeregt gewesen. Nervös, fast schon hysterisch. Max hatte das Gefühl gehabt, dass sie ihm etwas erzählen hatte wollen. Etwas Wichtiges. Es ging um ihren Bruder. Hubert, oder so. Zumindest hatte er so verstanden. Max kam es vor, als würde sie ihm wirre, unzusammenhängende Sätze auftischen und darauf warten, dass er das Puzzle selbst zusammensetzte. Sie erzählte irgendwas von einer Blume. Einer Paradiesblume. Was sie genau damit meinte, hatte sie ihm nicht erklärt. Was war eine Paradiesblume? Sie war überhaupt sehr eigenartig gewesen. Irritiert, verstört, vielleicht auch ein wenig verängstigt. Er hatte ihr ver-sprochen sie zurückzurufen. Ganz sicher. Doch am nächsten Morgen hatte er darauf vergessen. Am Abend hatte er sie nach mehreren vergeblichen Versuchen doch noch erreicht. Sie war sehr kurz angebunden gewesen. „Vergiss es einfach!“ Mehr war ihr nicht über die Lippen gekommen. Es hatte enttäuscht geklungen. Max wurde das Gefühl nicht los, einen Fehler gemacht zu haben. Aber welchen? Sie war es doch gewohnt, dass er sich mit seinen Rückrufen manchmal ein biss-chen Zeit ließ. Warum hatte sie diesmal so eingeschnappt reagiert? Hatte er etwas gesagt, was sie falsch verstanden hatte?
„Du brauchst nicht eifersüchtig sein, nur weil ich an Ines denke. Da war nichts.“ Er holte tief Luft. Eiskalt fuhr der Luftzug durch seine Nase und seinen Rachen. Warum diese Lügen?
„Das ich gerade gelogen habe, ist dir schon klar. Natürlich war da was. Wir haben miteinander geschlafen. Aber nur einmal. Und es war eine Extremsituation.“
Ohne es zu merken, hatte sich Max in die Ecke geredet. Zumindest kam es ihm so vor. Er spürte den Drang, sich zu verteidigen. Nur, wofür eigentlich?
„Eine gute Ausrede. Eine Extremsituation. Aber sie wollte es. Sie hat mich über-rascht. Natürlich, du hast schon Recht, ich hab auch darüber nachgedacht. Und es hat mir gefallen. Lach nicht. Ich bin ein Mann.“ Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem künstlichen Lächeln. „Außerdem war ich betrunken.“
Sein Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Jemand rief ihn an. Jetzt nicht. Jetzt hatte er etwas Wichtigeres zu klären. Der Anrufer gab auf. Vielleicht sollte er doch kurz nachsehen, wer ihn gerade gestört hatte. Es hätte wichtig sein können. Hoffmann zum Beispiel, möglicherweise aber auch Ines. Aber nein, wenn es wichtig war, würde es der Anrufer sicher nochmals probieren.
„Weißt du noch, wir haben uns mal ausgedacht haben, was einmal aus uns wer-den wird? Das es so kommt, wie es gekommen ist, darauf wären wir nie gekom-men.“
Eigentlich war im letzten Jahr gar nichts so gekommen, wie Max sich das vorge-stellt hatte. Einen schönen Traum hatte er gelebt, geplatzt wie eine Seifenblase.
„Weißt du noch, das Haus, dass wir uns vorgestellt haben. Groß, mit viel Platz für mindestens drei Kinderzimmer, eine Küche so groß wie ein halbes Fußballfeld und ein offener Kamin im Wohnzimmer. Das habe ich mir gewünscht. Weißt du noch, wie du mich ausgelacht hast und gesagt hast, ich bin ein kitschverliebter Träumer. Ein Träumer bin ich immer noch. Aber meine Träume sind nicht mehr kitschig. Leider.“
Wieder läutete sein Handy. Wütend griff er in die Hosentasche. Konnte er nicht wenigstens jetzt einmal Ruhe haben? Wer auch immer es war, er konnte sich auf etwas gefasst machen. Max war sauer. Ohne wirklich auf die Anzeige zu schauen, hob er ab.
„Ja, was gibt’s, verdammt?“
„Max?“
„Ja, was ist los?“
„Entschuldige, ich wollte dich nicht stören. Wo bist du denn?“ Klara wirkte ver-wirrt.
„Nicht so wichtig. Nein du störst nicht. Ich hab nur geglaubt, es ist meine Mutter, die nervt schon den ganzen Tag.“ Warum er log, wusste Max nicht. Seine Mutter hatte ihn den ganzen Tag nicht angerufen.
„Ich wollt nur fragen, ob du heute Abend vielleicht mit ins Kino gehen möch-test.“
„Nein, heute ist’s ganz schlecht.“
„Kein Zeit?“
„Hmm, auch, ja.“
„Wann hättest du denn mal Zeit?“
„Keine Ahnung. Nur momentan ist’s ganz schlecht.“
„Verstehe.“ Er wusste, dass sie ihn keinen Moment lang verstanden hatte.
„Ich ruf dich nächste Woche an.“
„In Ordnung.“ Sie klang enttäuscht.
„Also, tschüss dann!“
„Tschüss!“ Sie legte auf.
„Die Klara!“ sagte er entschuldigend, während er das Handy zurück in die Hosen-tasche steckte. „Ich hab sie ganz gern, weißt du. Sie ist ein nettes Mädel.“
Er fror immer noch. Der Wind wurde stärker. Max sah auf die Uhr. Es war kurz vor fünf. Bald würde es zu dämmern beginnen. In einer Stunde würde sein Nachtdienst beginnen. Er begann in seinen Jackentaschen zu kramen. Mit klam-men Fingern zog er eine kleine rote Kerze aus der Tasche und ein Feuerzeug her-aus.
„Weißt du, du fehlst mir sehr. Aber weißt du, was mir noch mehr fehlt? Du kannst es dir sicher denken. Die Antworten, die ich von dir nicht mehr bekom-me.“
Er versuchte mit dem Feuerzeug die Kerze anzuzünden. Aber immer wenn er es schaffte, dem Feuerstein doch noch ein paar Funken zu entlocken und eine kleine Flamme zu entfachen, blies der Wind die Flamme gleich wieder aus.
„Das weißt du natürlich alles, genauso wie du weißt, dass ich mich in die Klara verliebt hab. Du weißt das, aber es braucht dir nichts auszumachen. Weil du weißt ja, dass ich viel zu feig bin, ihr was zu sagen.“
Er formte mit seiner Hand einen Windschutz. Er drehte erneut am Feuerstein. Die kleine Flamme loderte auf. Jetzt nur schnell den Docht anzünden. Nur noch zwei Sekunden, dann war es geschafft.
„Weißt du noch, wie ich an eurem Tisch gestanden bin und herumgetänzelt bin und mich nicht getraut habe, zu fragen, ob wir uns zu euch an den Tisch setzen dürfen? Natürlich, so etwas vergisst man nicht so leicht. Jetzt geht’s mir wieder genauso. Aber ich hab’s dir ja versprochen. Obwohl, du weißt ja, dass ich im Versprechen Halten nicht gerade ein Profi bin.“
Er öffnete das kleine Messingtürchen der Windlaterne und stellte die Kerze hin-ein. Fast hätte er sich die Finger verbrannt, aber das hätte er vermutlich nicht einmal mehr gespürt. Der Wind pfiff ihm um die Ohren. In der Ferne hörte er eine Turmuhr schlagen. Fünf Uhr. Jetzt hieß es zum Punkt zu kommen.
„Melanie, du weißt dass ich dich geliebt habe und dich immer lieben werde. Und dass ich es mir nie verzeihen werde, dass ich dich alleine gelassen habe. Genau ein Jahr ist das heute her. Es tut mir, leid, dass ich dich in der ganzen Zeit nie besucht habe. Ich konnte einfach nicht anders.“
Max schluckte. Noch hatte er seine Gefühle unter Kontrolle. Aber er wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er einfach losheulen würde.
„Ich habe dich wieder alleine gelassen. Es wird nicht mehr vorkommen. Ich komme jetzt öfters. Versprochen.“ Er bemühte sich, zu lachen. Der Erfolg war mäßig. Die Gesichtsmuskeln taten ihm weh. Wozu lachen, dachte er. „Du weißt, dass ich dir etwas vorspiele. Und mir auch.“
Er zuckte mit den Schultern. Seine Finger waren kalt. Wieder rieb er sie aneinan-der und blies seinen Atem in die kleine Höhle, die sich bildete, wenn er seine Finger verschränkte.
„Weißt du, ich fühle mich auch alleingelassen. Es ist nicht deine Schuld, das weiß ich auch. Aber versteh bitte, ich will auch wieder Antworten auf meine Fragen haben.“
Die Tränen kamen auf einmal und ohne Vorwarnung. Sie störten ihn nicht ein-mal. Auf seinen unterkühlten Wangen fühlten sie sich warm und weich ab. Er ließ sie einfach fließen. Dagegen anzukämpfen hatte wenig Sinn. Er nahm seine Müt-ze vom Kopf.
„Ich muss jetzt gehen. Dienst. Aber das weißt du sowieso.“ Wieder lächelte durch die Tränen. Der Wind fuhr durch seine Haare und er spürte wie seine Ohren kalt wurden. Er machte einige Schritte auf den Grabstein zu und strich mit einer Hand zärtlich über die eingravierten Buchstaben auf dem kalten Stein, gerade so als würde er nicht den Grabstein sondern Melanie streicheln.
„Lebe Wohl!“ Grotesk, durchfuhr es ihn. „Lebe Wohl!“, das kann man doch zu einer Toten nicht sagen.
„Ich komme wieder. Ich werde dich nicht wieder ein Jahr warten lassen. Das verspreche ich dir. Ganz fest. Und bis dahin,…“ er legte seine Hände auf seine Brust, „...bis dahin, werde ich dich hier drinnen tragen.“
Er setzte die Mütze wieder auf. „Bis bald!“ Die Tränen trockneten langsam und er spürte, dass ihm das Lächeln diesmal leichter fiel. Noch einmal strich er kurz mit den Fingern über Melanies Namenszug, dann drehte er sich um und ging ohne sich noch einmal zurück zu sehen Richtung Ausgang.
Es war zwanzig Minuten nach fünf, als er den Friedhof verließ. Am Abend würde er Klara anrufen. Ganz sicher.
EDIT am 28.07.2005 um 20:05
Mehr is im Moment leider nicht, weil wie schon erwähnt, ich hab ja sonst auch noch ein leben! Tja, aber wie gesagt, mal schauen, vielleicht geht ja bald mal wieder was.
So nebenbei, vielleicht weiss ja irgendwer von euch einen passenden Titel für den Roman. Ich muss ehrlich zugegeben, dass mir der noch fehlt! LG Anditi
RS-USER-schmoelzi
14.07.2004, 09:52
Sehr fein, in diese Richtung wieder etwas zu lesen.
Tja, der Titel und die Namen sind IMHO auch immer am schwirigesten zu finden.
RS-USER-titan_cb
14.07.2004, 11:38
hab mich riesig gefreut, dass es mal wieder weiter gegangen ist ....
.... warte schon verzweifelt auf Nachschlag *G*
Zum Titel: wie wärs mit "Ein Rettungsdienstroman" :D 8)
DerHobbit
14.07.2004, 16:49
danke anditi
lass doch einfach den titel den wir haben *ggg*
kleiner schwimmender Sani
29.07.2004, 11:37
Alter schalter,
hab die Geschichte gestern entdeckt und heute alles gelesen. teilweise starker Tobak.Aber recht gut die Nebenwirkungen im RD beschrieben. MEIN RESPEKT
*schreitganzlautnachmehr* :jump:
haste janz jut jemacht
der kleene schwümmende D:-) Sani D:-)
DerHobbit
13.08.2004, 23:26
hallo anditi
wollt mal fragen wann es wiedermal nachschub gibt *ggg*
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