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Anditi
07.10.2004, 15:08
Nach langer Zeit hab ich mich dann doch wieder einmal aufgerafft, mich von der Muse küssen lassen und ein neues Kapitel geschrieben.

Ich verspreche hiermit hoch und heilig die verehrte Gemeinde nicht wieder 3 Monate auf eine Fortsetzung warten zu lassen! :D

Titel gibts im übrigen immer noch keinen! Also: Kreativlinge vor!

LG Anditi

16.
Max betrachtet das kleine Buch, das vor ihm auf seinem Schreibtisch lag. Auf dem Einband war das Bild von zwei Engeln abgedruckt, die auf einer Wolke kauerten. Max kannte das Bild. Er hatte es schon früher einige Male gesehen. Allerdings konnte er sich gerade nicht daran erinnern, wer es gemalt hatte. Es war ein bekannter Maler, das wusste er, aber wer genau, das war ihm entfallen. Viel-leicht war Rubens gewesen. Der hatte doch immer diese rundlichen Gesichter gemalt. Picasso war es jedenfalls nicht gewesen, da war sich Max sicher. Soviel war aus dem Kunstunterricht in der Schule hängen geblieben.
Er drehte das Buch zwischen seinen Fingern. Es war ein bisschen größer als ein halbiertes Schulheft, in etwa so groß wie ein Foto. Der Einband war aus starkem Karton, auf den das Einbandbild aufgeklebt worden war. Der Karton ragte soweit über die Kanten der Seiten hinaus, dass durch die zwei Löcher die in den Einband gestanzt waren, ein kleines Vorhängeschloss eingehängt werden konnte.
Natürlich hätte Max das Schloss mit einer Zange leicht öffnen können. Er hatte sich auch bereits eine Beißzange aus dem Werkzeugkasten seine Vaters geholt. Doch er war unschlüssig. Wenn das Schloss einmal geknackt war, würde es kein Zurück geben. Man las nicht einfach ein fremdes Tagebuch. Auch nicht, wenn die Schreiberin, die dem Papier, in der Hoffnung die beiden Kartondeckel würden sie auf ewig für sich behalten, ihre intimsten Geheimnisse anvertraut hatte, bereits tot war. War das Verbrechen deshalb nicht gleich ein noch größeres? Max war skep-tisch. Er griff zur Beißzange und stand auf. Er würde nicht in anderer Leute Erin-nerung lesen als wäre es die Tageszeitung. Und er würde sich den Zugang zu diesen Erinnerungen auch nicht wie ein Dieb frei zwicken.
Er dachte an die vergangenen Stunden zurück. Aufgestanden war er kurz nach sechs Uhr. Er war müde gewesen und hatte schlecht geschlafen. Vielleicht waren es zwei oder drei Stunden gewesen denn seine Alpträume hatten ihm wieder ein-mal den Schlaf geraubt. Diesmal hatte sich die Wiese in einen Gerichtssaal ver-wandelt und an der Stelle, an der ihm alle „Mörder“ zugeschrieen hatten, hatte er diesmal auch einen Richter erkennen können. Irgendwann hatte er Licht gemacht und begonnen einen Krimi des schwedischen Autors Henning Mankell zu lesen. Der Name des Buches war „Die falsche Fährte“. Max hatte sich gefragt, ob er sich nicht auch auf einer falschen Fährte befand. Vielleicht traf ihn an dem was geschehen war, gar keine Schuld. Er hoffte, dass das Gerichtsverfahren gegen den Disponenten, das für diesen Tag angesetzt war, Klarheit bringen würde. Gleich im ersten Kapitel des Romans schilderte der Autor, wie sich ein junges Mädchen auf einem Feld mit Benzin übergießt und sich anzündet. Der Brechreiz war plötz-lich gekommen, genau an der Stelle, als das Mädchen wie eine lebendige Fackel über das Feld zu laufen begann. Er hatte das Buch weggeworfen und war auf die Toilette gehastet. Mehrmals übergab er sich und jedes Mal wenn er dachte, es sei vorbei, hatte sich das Bild vor seinen Augen neu aufgebaut und mit seinen eige-nen Erinnerungen vermischt. Fast eine ganze Stunde hatte er kauernd und ent-kräftet zitternd vor der Kloschüssel verbracht. Dann hatte er sich aufgerafft und war in sein Bett zurückgestolpert. Dort war er liegengeblieben und hatte, von einigen kurzen, traumlosen Minuten Schlafe unterbrochen, darauf gewartet, dass der Wecker läuten würde. Danach war er aufgestanden, hatte geduscht und sich angezogen. Kurz vor sieben hatte er die Haustüre aufgeschlossen und war in sein Auto gestiegen. Gleich nach der ersten Kreuzung hatte er umgedreht und war nach Hause zurück gefahren. Hektisch hatte er auf seinem Schreibtisch nach der Vorladung des Gerichtes gesucht. Er wusste, dass sie irgendwo in dem Stapel, der vor ihm lag, sein musste. Schließlich war er fündig geworden und aus dem Zim-mer gehastet, nur um im Türrahmen noch einmal innezuhalten und in den Hosentaschen nach der Geldbörse zu suchen. Dann hatte er die Haustüre zugeworfen und war mit quietschenden Reifen davongefahren.
Immer noch lag das Tagebuch vor ihm auf dem Tisch. Max saß da und hielt die Zange in der einen und das kleine Buch mit dem Vorhängeschloss in der anderen. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er das Schloss wirklich durchschneiden soll-te. Irgendwie wurde er den Gedanken nicht los, dass er damit nicht nur das kleine Schloss sondern viel mehr zerstören würde. Was genau, das wusste er nicht und er war sich auch nicht sicher, ob er es überhaupt wissen wollte. Ines hatte schon recht gehabt, als sie ihn davor gewarnt hatte. Tagebücher waren die wohl selt-samste Sorte von Büchern, die es überhaupt gab. Sie wurden geschrieben, damit sie nie wieder gelesen würden. Ihr Zweck war es, Geheimnisse zu hüten und nicht, sie wildfremden Menschen, die ihnen mit einer Beißzange zu Leibe rück-ten, zu verraten. Und doch war sich Max sicher, so nahe an der Wahrheit zu sein. So nahe an der Wahrheit, nach der er seit dem verhängnisvollen Augustabend suchte. Erneut versuchte er die Zange anzusetzen aber wieder sträubte sich etwas in ihm. War es immer rechtens, mit allen Mitteln nach der Wahrheit zu suchen. Er wusste, dass er nicht der einzige war der so dachte.
Kurz vor acht war er vor dem Landesgerichtsgebäude in Korneuburg eingetrof-fen. Obwohl er sich zweimal verfahren hatte und danach noch zehn Minuten nach einem Parkplatz gesucht hatte, hatte er es geschafft, pünktlich zu sein. Die Ver-handlung war um Punkt acht Uhr angesetzt. Im Gerichtsgebäude hatte er sich rasch zu Recht gefunden und den Verhandlungssaal, der in Wahrheit nicht größer war als sein Wohnzimmer zwei Minuten vor acht betreten. Die Einrichtung des Raumes war bei weitem nicht so pompös wie sie in den Gerichtssendungen im Fernsehen immer dargestellt wurde. Der Mistelbacher Kollege, gegen den ver-handelt werden sollte, war bereits anwesend. Er war steif auf seinem Sessel ge-sessen und hatte gedankenverloren in den Raum gestarrt. Sein Anwalt saß neben ihm und blätterte einige Akten durch. Der Staatsanwalt hatte es sich an seinem Tisch bequem gemacht und saß mit verschlossenen Augen und verschränkten Händen da. Max hatte sich gefragt, ob er schlief.
Die Tür war aufgegangen und die Richterin hatte den Raum betreten. Sie sah nicht besonders alt aus. Max schätzte, dass sie maximal dreißig Jahre alt sein konnte. Vielleicht war sie erst ganz kurz Richterin, vielleicht war es sogar ihre erste Verhandlung überhaupt. Sie nahm Platz und eröffnete die Verhandlung. Der Staatsanwalt verlas die Anklageschrift. Der Vortrag war gespickt mit Paragra-phen und lateinischen Ausdrücken. Das einzige, was Max aus der sicher fünf Minuten dauernden Ansprache heraushören konnte wusste er ohnehin schon. Dem Kollegen wurde fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Warum, dass verstand er nicht. Die Antwort des Verteidigers war kurz und bün-dig. Sein Mandat, sei schuldlos und daher freizusprechen. Er habe alle Regeln und Vorgaben eingehalten und das bestmögliche getan. Danach bekam der Kolle-ge selber das Wort. Die Richterin fragte ihn nach seinem Namen und seinen per-sönlichen Daten. Die Antworten waren kurz und emotionslos. Sie enthielten nur die nötigen Informationen und kein Wort mehr.
„Ihr Name ist Johannes Gallenschlegel?“
„Ja.“
„Sie wurden am 25.11.1973 geboren?“
„Ja.“
„Sie sind verheiratet?“
„Ja.“
„Der Name ihrer Frau ist Anna Maria Gallenschlegel, geborene Fischl?“
„Ja.“
„Haben sie Kinder?“
„Ja, zwei. Hermann und Helene.“
„Sie hatten am Abend des 8. August 2002 Dienst als Leitstellendisponent in der Rettungsleitstelle Mistelbach?“
„Ja.“
„Ist das ihr Hauptberuf?“
„Nein, ich bin Busfahrer beim Bahnbus.“
„Seit wann sind sie Rettungsdisponent?“
„Seit sieben Jahren.“
„Würden sie sich selber als erfahren bezeichnen?“
„Ja.“ Hier hatte er kurz gezögert und Luft geholt.
„Können sie beschreiben, was sich am Abend des 8. August zugetragen hat?“
Johannes Gallenschlegel sah seinen Anwalt an. Dann fuhr er fort. „Die genauen Daten entnehmen sie bitte dem Protokoll. Ich bin kurz nach sieben Uhr auf der Dienststelle eingetroffen und habe mit dem Kollegen der Tagdienst hatte, eine vorschriftsmäßige Dienstübergabe gemacht. Kurz vor halb acht hat der Notruf geläutet und es wurde ein schwerer Verkehrsunfall auf der Brünnerstraße mit mehreren Schwerstverletzten gemeldet. Deshalb habe ich beide im Haus befind-lichen Fahrzeuge zu diesem Einsatz disponiert.“
„Mussten sie nicht damit rechnen, dass sich noch weitere Notfälle ereignen könn-ten?“
„Natürlich, aber erstens war noch ein KTW im Einsatz, der gerade einen Trans-port durchführte und danach einsatzbereit gewesen wäre und zweitens wollte ich gleich danach ein zusätzliches Team alarmieren um ein weiteres Fahrzeug zu besetzen.“
„Erklären sie uns bitte, was ein KTW ist.“
„Ein Krankentransportwagen.“
„Wo war dieses Fahrzeug unterwegs?“
„In Richtung Ernstbrunn.“
„Wie lange schätzten sie, würde es dauern, bis es wieder einsatzbereit sein wür-de?“
„Zirka zehn Minuten.“
„Sie sagten, sie wollten eine zusätzliche Mannschaft alarmieren. Warum haben sie das nicht gemacht?“
„Weil ein zweiter Notruf hereinkam.“
„Der Notruf um den es hier geht?“
„Ja.“
“Wissen sie noch, was der Anrufer ihnen gesagt hat?“
„Es gibt eine Tonbandaufzeichnung des Gespräches. Ich selber kann es nicht hundertprozentig wiedergeben.“
Die Richterin hatte nicht locker gelassen. „Was hatte der Anrufer gesagt?“
„Das in einem Gebüsch bei der Kirche ein lebloses Kind liegt. Ein Mädchen.“
„Hat er die Pistole erwähnt?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Was haben sie daraufhin getan?“
„Ich habe zunächst kurz überlegt, eines der Fahrzeuge zurückzubeordern.“
„Wie viele Minuten sind zwischen deren Alarmierung und dem zweiten Notruf vergangen?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Was haben sie stattdessen getan?“
„Ich hab den Notarzthubschrauber aus Wien alarmiert.“
„Warum?“
„Die Lage am Ort des Verkehrsunfall war unklar, im zweiten Fall lag auf jeden Fall eine Lebensbedrohung vor.“
„Danach haben sie die zufällig im Haus anwesenden Sanitäter Max Partovec und Ines Schlag gebeten, ebenfalls zum Notfallort zu fahren?“
„Ja.“
„Wie haben sie das gemacht?“
„Ich habe die beiden aufgesucht und darum gebeten.“
„Sie haben den Leitstellenraum verlassen?“
„Ja.“ Wieder hatte Johannes Gallenschlegel eine kurze Pause eingelegt, bevor er geantwortet hatte.
„Hat das Telefon in der Zeit, in der sie nicht in der Leitstelle waren, geläutet?“
„Nein.“
„Woher wissen sie das, sie waren ja im Haus unterwegs?“
„Ich hätte es gehört.“
Die Richterin hatte noch einige Fragen gestellt. die hauptsächlich mit technischen Details zu tun hatten. Max konnte sich nur an die letzte Frage erinnern, die sie ihm gestellt hatte.
„Kannten sie Eva Glatterbeck?“
Johannes Gallenschlegel hatte nur kurz, fast unmerklich genickt.
„Woher?“
„Sie war meine Nichte. Meine Frau ist die Schwester ihrer Mutter.“
„Fühlen sie sich schuldig im Sinne der Anklage?“
„Ich fühle mich schuldig, weil ich den Tod meiner Nichte nicht verhindern konn-te, aber ich habe nicht fahrlässig gehandelt. Sie können mir glauben, niemand in diesem Raum fühlt sich heute so miserabel wie ich!“
Max hatte sich im Raum umgesehen. Zwei Reihen vor ihm saßen Evas Eltern. Während Evas Mutter fast ununterbrochen vor sich hin weinte und sich fast im Minutenabstand geräuschvoll die Nase putzte saß ihr Vater daneben und schwieg. Er hatte auf Max den Eindruck gemacht, als würde ihn das, was gerade hier von-statten ging überhaupt nicht berühren. Neben den beiden saß der Kommandant des Polizeipostens. Er war in seiner Ausgehuniform erschienen und neben Evas Mutter Platz genommen. Hin und wieder hatte er ihr durch das Haar gestrichen und ihr etwas ins Ohr geflüstert. Einige Male hatte er auch einen kurzen Blick auf Evas Vater geworfen, fast schien es, um sich zu vergewissern, ob er den Trost, den er seiner Frau spendet, nicht bemerkte. Dahinter saßen die Sanitäter, die an diesem Abend Dienst gehabt hatten. Die waren nun einzeln aufgerufen worden. Ines hatte sich zu ihnen gesetzt. Sie hatte Max beim hereinkommen zwar kurz zugenickt, sonst aber keines Blickes gewürdigt.
Ob Ines auch ein Tagebuch führte? Und was hatte sie darin über Max geschrie-ben? Kam er überhaupt darin vor. Max bereute, dass er Ines nach der Verhand-lung nicht darauf angesprochen hatte, warum der Kontakt zwischen ihnen so plötzlich abgerissen hatte. Er hatte ihr zwar in den wenigen Sätzen, die sie im Anschluss vor der Türe gewechselt hatten, angedeutet, dass er gerne länger mit ihr reden würde, aber sie war sehr kurz angebunden gewesen. Als er ihr gesagt hatte, dass er sich von dem Prozess mehr erwartet hätte, und dass er auf der Suche nach Antworten schon ziemlich verzweifelt war, hatte sie bloß kurz genickt und ihn angesehen. „Die Wahrheit kann manchmal sehr schmerzhaft sein.“ Dann hatte sie sich umgedreht und war gegangen. Max war schweigend auf dem Gang stehen geblieben und hatte ihr nachgesehen bis sie um die Ecke ins Stiegenhaus verschwunden war.
Max war sich sicher, dass Ines auch ein Tagebuch führte und dass die Wahrheit, die ihr so wehtat, darin aufgeschrieben war. Sie wusste, was Mädchen in ihre Tagebücher schreiben. Wahrscheinlich hatte sie Max deshalb davor gewarnt, in Evas Tagebuch zu lesen. „Tu es nicht!“ hatte sie zu ihm vor dem Gerichtssaal gesagt, „tu es nicht, du wirst dich nur darüber ärgern es getan zu haben.“
Etwa eine Stund davor war Max als Zeuge einvernommen worden. Er bemühte sich, alle Fragen der Richterin so genau wie möglich zu beantworten, obwohl er krampfhaft versuchte, sich möglichst wenig an die Situation zu erinnern. Manchmal musste er aufpassen, dass sich seine Schilderung nicht mit den Bil-dern, die ihn in der Nacht verfolgten, vermischte. Irgendwann fragte ihn die Rich-terin, ob er glaubte, dass der Disponent als richtig gemacht hatte. Max hatte ge-nickt und mit einem lauten „Ja!“ geantwortet. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits zu der Überzeugung gekommen, dass der Prozess eine einzige Farce war. Offen-sichtlich ging es vor allem dem Staatsanwalt darum, einen Schuldigen zu finden. Die Wahrheit, so fand Max, interessierte niemanden. Die Richterin erschien ihm überfordert und die Schöffen uninteressiert. Als der Postenkommandant verhört worden war und gegen die mangelnde Professionalität bei der Rettung gewettert hatte, hatten sie nicht einmal mit der Wimper gezuckt während Max am liebsten fast aufgesprungen wäre und gegen die kollektiven Anschuldigungen protestiert hätte. Max hatte sich fest vorgenommen, bei seiner Aussage den Disponenten um jeden Preis zu entlasten.
„Waren sie als Zivildiener nicht der Klosterneuburger Dienststelle zugeteilt?“ hatte ihn die Richterin gefragt.
„Ja, das ist korrekt.“
„Warum haben sie sich am Abend des 8. August dann aber auf der Mistelbacher Dienststelle aufgehalten?“
„Ich habe zwei Patienten zu einer Behandlung ins Krankenhaus Mistelbach ge-bracht und auf das Ende der Behandlung gewartet um sie anschließend wieder nach Hause zu führen.“
„Wie lange sollte die Behandlung dauern?“
„Bis Mitternacht.“
„Um welche Behandlung handelte es sich dabei?“
„Dialyse.“
„Das heißt, diese Fahrten werden regelmäßig durchgeführt?“
„Ja, dreimal in der Woche.“
„Und es ist durchaus üblich, dass der Fahrer während der Wartezeit auf die Dienstelle fährt.“
„Ja.“
„Danke.“
Max wusste nicht, ob seine Aussagen für den Disponent gut oder schlecht gewe-sen waren. Nachdem die Richterin noch einige Fragen zum Ablauf des Einsatzes gestellt hatte, beendete sie die Einvernahme. Danach hatte sie nochmals dem Staatsanwalt das Wort erteilt. Dieser fühlte sich in seiner Anklage bestätigt. Er forderte die rücksichtslos die Höchststrafe und folgte dabei den Argumenten des Polizisten, der gemeint hatte, es müsse endlich einmal etwas gegen die Unprofes-sionalität bei der Rettung getan werden. Ein Exempel zu statuieren wäre da genau richtig. Der Verteidiger hatte sich ebenfalls bestätigt gefühlt und plädierte auf einen Freispruch. Johannes Gallenschlegel hatte nicht viel zu sagen. Was er aber gesagt hatte, war Max unter die Haut gegangen. Er konnte sich noch genau an dessen Worte erinnern.
„Sie können mich verurteilen oder nicht, es ist mir egal. Ich konnte den Tod mei-ner Nichte nicht verhindern. Ich bin ein gebrochener Mann und werde immer damit leben müssen. Aber ich bitte sie, denken sie an meine Frau und meine Kin-der. Schicken sie mich nicht ins Gefängnis. Nehmen sie zwei Kindern nicht ihren Vater und einer guten, anständigen Frau nicht ihren liebenden Mann.“ Er war dabei aufgestanden. Als er zu Ende gesprochen hatte, war er kraftlos in seinen Sessel zurückgefallen und hatte die Augen geschlossen. Die Richterin und die Schöffen hatten sich zur Beratung zurückgezogen. Die Besprechung dauert nur kurz. Als die Türe des Saals aufging, befürchtete Max das Schlimmste. Er hörte der Richterin nicht zu, als sie begann, ihr Urteil zu begründen. Für ihn galt nur der erste Satz.
„Der Angeklagte Johannes Gallenschlegel wird vom Vorwurf der fahrlässigen Gemeingefährdung mit Todesfolge mangels eindeutigen Verschuldens freige-sprochen!“
Am liebsten wäre Max aufgesprungen und hätte vor Freude aufgeschrieen. Ganz anders die Reaktion des Polizeikommandanten. Man konnte ihm förmlich anse-hen, dass er über das Urteil frustriert war. Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht und kaum hatte die Richterin den Raum verlassen stürmte er zum Staatsanwalt und begann wild gestikulierend zu diskutieren. Der Verteidiger schüttelte seinem Mandanten die Hand. Ines hatte sich kurz zu Max umgedreht und hatte mit dem Daumen nach oben gezeigt und dabei gelächelt. Dann war sie gemeinsam mit ihren Kollegen aufgestanden und war nach vorne gestürmt und hatte ihren so-eben freigesprochenen Kollegen umarmt. Dieser war nur sprachlos dagestanden und hatte glücklich gelächelt. Nach einigen Minuten war er kurz zu Evas Eltern getreten und hatte ihnen die Hand geschüttelt. Danach hatte er den Raum verlas-sen. Am Gang war er stehen geblieben und hatte sich eine Zigarette angezündet. Max war neben ihn getreten und hatte ihm die Hand gereicht.
„Gratuliere, du bist frei!“
„Danke, aber frei werde ich wahrscheinlich nie mehr sein.“
„Ich hab eigentlich gehofft, heute mehr darüber zu erfahren, warum das alles eigentlich passiert ist.“
„Ich glaub, ich will erst gar nicht wissen!“
„Kannst du in der Nacht noch ruhig schlafen?“
„Nein, aber glaubst du, ich könnte es, wenn ich wüsste, warum sie das getan hat?“
“Ich weiß es nicht. Aber ich will die Wahrheit trotzdem wissen.“
„Ich geb’ dir was. Es hat Eva gehört und es hat mir heute Glück gebracht.“
Max hatte das kleine Buch, das ihm Johannes Gallenschlegel in die Hand drückte nur kurz betrachtet.
„Wo hast du das her?“ hatte er gefragt. Anstelle einer Antwort hatte sein Gegen-über seine Zigarette ausgedämpft und in angesehen.
„Danke für deine Aussage. Sie hat mir heute sicher geholfen. Mach’s gut!“ Dann hatten sie die Hände geschüttelt und Johannes Gallenschlegel hatte sich umge-dreht und war davongeeilt. Während Max ihm noch nachgestarrt hatte, war Ines von hinten an ihn herangetreten.
„Hi! Wie geht’s?“
„Euer Dispo hat mir gerade Evas Tagebuch gegeben!“
„Wirst du es lesen?“
„Ja!“ hatte er genickt.
Wieder griff Max zur Beißzange. Mit einem metallischen Klicken gab der Bügel des Schlosses nach.

EDIT am 28.07.2005 um 19:58

David Seemayer
07.10.2004, 16:08
Endlich, wieder Neues! Echt wahnsinn was du schreibtst!!!

Hab' das Kapitel regelrecht verschlungen!

DerHobbit
07.10.2004, 18:42
spitze anditi


*aufdennächstenteilschongespanntbin*


*ggg*

SanMax
11.10.2004, 14:59
sehr gut!
ich kannst kaum erwarten, bis es weitergeht...
vielleicht kann man sogsar erfahren, was in dem Buch drinnen steht..................?

RS-USER-titan_cb
11.10.2004, 15:46
jeepeeaiei ... endlich ... da bin ich sooo ein lesemuffel, und wenn mir mal was wirklich gefällt, muß i immer warten ... aber jetzt ist mien lesedurst für ein paar tage befriedigt *G*

DANKE!!

RS-USER-First_Responder
12.10.2004, 16:18
hab erst gestern den thread entdeckt ab ich brauch
mehr mehr mehr mehr mehr mehr mehr!!!!!!!!!!!!!

DerHobbit
12.10.2004, 16:37
FR nicht so hastig unser Starautor braucht sein ruhe *ggg*

SanMax
14.10.2004, 09:43
das stimmt, er brauch Ruhe,
aber bitte nicht zu lange *fleh*

DerHobbit
14.10.2004, 11:04
also beim letztenmal hat er 3 monate gebraucht *gggg*

Schim
14.10.2004, 11:50
Das wäre allerdings hart... :(

DerHobbit
14.10.2004, 18:38
da kannst du geduld üben *ggg*


da es ja heißt geduld ist ein tugend sind wir dem himmel schon wieder einen schritt näher *lol*

SanMax
14.10.2004, 22:46
ja, Gelduld ist auch eine Tugend,
das werde ich mal den Leuten erzählen, die meinen, Pünktlichkeit sei eine Tugend :cool:

Anditi
01.11.2004, 11:15
17.
Fast schon ehrfürchtig waren Max Bewegungen als er das kleine Buch, das da vor ihm lag, aufschlug. Er kam sich vor wie ein Dieb, der durch das dunkle Haus seines Opfers schleicht und jede noch so kleine Schublade öffnet, um sie zu durchwühlen. Sorgfältig las er Seite für Seite und blätterte erst um nachdem er sich vergewissert hatte, nichts übersehen zu haben.
Evas Schrift war noch nicht ausgeschrieben und leicht lesbar. Genau so hatte sich Max immer eine klassische Mädchenschrift vorstellt. Die Buchstaben sahen noch immer genauso aus, wie er sie in der Volkschule gelernt hatte, nur dass sie alle noch runder geworden waren und sich nach links neigten. Seine Handschrift hin-gegen war krakelig und meistens nur schwer zu entziffern. Manchmal hatte er Mühe, seine eigenen Notizen zu lesen. Formulare füllt er nur in Blockbuchstaben aus, sonst waren sie unleserlich. Melanie hatte einmal gesagt, an seiner Schrift könnte man schon seinen späteren Beruf erkennen. Wer so undeutlich schrieb, der musste einfach Arzt werden. Dann hatte sie gelacht und ihn auf die Stirn geküsst. Damals war sie noch gesund gewesen und hatte gerade ihr erstes Jahr auf der Krankenpflegeschule begonnen. Sie wäre eine gute Krankenschwester geworden. Max hatte immer bewundert, wie sie sich um die anderen sorgte und wie sie es mit wenigen Worten verstanden hatte, in jedes noch so ernste Gesicht ein Lächeln zu zaubern. Das fehlt ihm. Wie sehr hätte er jetzt jemanden gebraucht, der ihn zum Lächeln brachte. Er seufzte auf. Die Konzentration war verflogen. Die Zei-len verschwammen vor seinen Augen und Max merkte, wie er langsam müde wurde. Er sah auf die Uhr, Es war kurz vor Mitternacht. Der Tag war anstrengend gewesen und schlecht geschlafen hatte er auch. Trotzdem wollte er seine Lektüre zu Ende bringen, bevor er schlafen ging. Mühevoll stand er von seinem Schreib-tisch auf und ging in die Küche. Er holte die eine Flasche Cola aus dem Kühl-schrank und begann sich ein Glas zu füllen. Ob er auf etwas Interessantes stoßen würde? Das Glas war fast voll und mit einem Ruck riss Max die Flasche in die Höhe. Die Kohlensäure im Glas schäumte auf und der Schaum ran über den Rand an der Außenseite des Glases hinunter. Max fluchte. Nachdem sich der Schaum gesetzt hatte hob er das Glas in die Höhe und wischte die Arbeitsplatte mit einem feuchten Schwammtuch ab. Dann ging er zurück in sein Zimmer und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Das Buch lag offen da und Max begann den nächsten Eintrag zu lesen.
3. Mai
Ich war mit dem Rene im Kino. Wir haben uns so einen komischen Weltallfilm angesehen. Ich wollte ja eigentlich spazieren gehen, aber der Rene wollte ins Kino und sich den Film ansehen. Eigentlich haben wir von dem Film eh nicht viel mitgekriegt. Wir haben die ganze Zeit geknutscht. Er ist so süß. Ich bin total ver-knallt in ihn. Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich glaub er ist der Richtige. Die Karin sagt, er ist ein Arschloch. Aber die ist sicher bloß sauer, weil ich ihn habe. Er hat gesagt ich bin seine Süße. Heute war der schönste Abend meines Lebens.
Max blätterte um. Auf der nächsten Seite war mit dickem rotem Filzstift war der Name Rene quer über die ganze Seite geschrieben worden. Der freigebliebene Platz war mit roten Herzen ausgefüllt worden. Dieser Rene schien einen ziemli-chen Eindruck auf Eva gemacht zu haben.
Ob es in Melanies Tagebuch auch so eine Seite gegeben hatte, auf in großen roten Buchstaben der Name Max stand. Er wusste, dass sie ein Tagebuch geschrieben hatte. Er wusste sogar, wo sie es immer aufbewahrt hatte. Sie hatte es immer zu ihren Schulheften und später zu ihren Skripten gelegt. Da sie immer in ein schlichtes liniertes Schulheft schrieb, war es absolut unauffällig gewesen. Einmal hatte sie es Max sogar gezeigt. Sie hatte gemeint, wenn er wollte, könne er sogar darin lesen. Damals hatte er dankend abgelehnt. Wenn er jetzt die Möglichkeit gehabt hätte, nachzusehen, ob es in ihrem Heft eine Seite mit roten Buchstaben gab, er hätte es getan. Sicher sogar.
Auf den nächsten Seiten beschrieb Eva in fast immer den gleichen Worten ihre Abende mit ihrem unbekannten Freund Rene. Manchmal las er die Sätze gleich mehrmals. Irgendwo zwischen den Zeilen musste doch etwas angedeutet sein. Doch mit jedem Mal las er die Zeilen schneller und ungenauer.
19.Mai
Habe Krach mit Mama und Papa gehabt. Sie war dagegen, dass ich heute mit Rene ins Kino gehe. Er hat gesagt, ich bin dafür noch nicht reif. Reif, wofür. Zum Knutschen. Sie war ja auch erst achtzehn als ich auf die Welt gekommen bin. Die soll sich nicht so aufführen. Ich bin ja kein kleines Kind mehr, ich kann ja auf mich aufpassen. Papa hat auch gemeint, ich soll nicht immer so frech sein. Der soll sein Maul halten. Der ist ja eh nie zuhause. Ich freu mich schon im Sommer wenn die zwei dann weg sind und ich endlich meine Ruhe habe. Die zwei sind so nervig. Dauernd wollen sie wissen was ich mache. Sogar wenn ich in die Kirche gehe. Der Papa hat auch gesagt, er wird mir verbieten zu ministrieren, wenn ich dort so was lerne. Der spinnt doch. Die spinnen alle. Die Karin spinnt auch. Sie sagt immer noch, dass der Rene ein Arschloch ist. Aber das stimmt nicht. Ich habe heute fast eine Stunde mit ihm telefoniert. Er kann so toll zuhören. Ich kann ihm einfach alles erzählen. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, hat er mir eine Überraschung versprochen.
Die heile Welt, von der Evas Eltern erzählt hatten, war offensichtlich doch nicht so heil. Aber kam es nicht in allen Familien einmal vor, dass die Eltern Streit mit ihren Kindern hatten. Das War doch ein Teil des Erwachsenwerdens. Manchmal konnte so ein Streit ganz schön wehtun, das wusste Max aus eigener Erfahrung. Er hatte oft mit seinen Eltern gestritten. Manchmal war es darum gegangen, wie lange er am Abend wegbleiben durfte, manchmal um darum, dass er zu spät heimgekommen war. In den meisten Fällen waren aber seine schulischen Leis-tungen, die nicht immer den Vorstellungen seiner Eltern entsprochen hatten, der Grund gewesen.
Etwas verwirrte Max. Eva hatte geschrieben, dass ihr Vater ihr damit gedroht hatte, ihr das Ministrieren zu verbieten. Es musste ihr schon sehr wichtig gewesen sein, wenn es von ihrem Vater als Druckmittel eingesetzt werden konnte. Mit Sicherheit war sie genauso gläubig gewesen wie ihre Eltern zu sein schienen. Max machte sich nicht weiter dazu Gedanken. Eltern mussten eben drohen. Viel-leicht konnten sie sich nur so durchsetzen. Besonders starke Persönlichkeiten waren sie ja nicht gerade. Anderen Jugendlichen wurde eben das Ausgehen ge-strichen.
22.Mai
Heute Abend gehe ich zu Rene. Er hat mir eine Überraschung versprochen. Ich freue mich schon. Ich hab ihn so lieb.
Er hatte ihr eine Überraschung versprochen. Was wohl damit gemeint war. Ver-sprechen konnte man ja vieles. Max dachte daran, was er in der letzten Zeit alles versprochen und nicht gehalten hatte. Erst letzte Woche, am Friedhof, hatte er Klara versprochen, sie anzurufen. Bislang hatte er sich nicht dazu durchringen können. Obwohl er es selbst wollte. Er hatte versprochen, Melanie treu zu blei-ben, geschafft hatte er es nicht. Er fühlte sich deswegen schuldig, obwohl er die-ses Versprechen ja eigentlich nur sich selbst gegeben hatte. Er hatte Ines am Gang des Gerichtes versprochen, Evas Tagebuch nicht zu lesen. Dieses Verspre-chen hatte er nicht einmal vierundzwanzig Stunden gehalten. Ob dieser Rene sein Versprechen gehalten hatte? Hatte dieser Rene am Ende etwas mit Evas Selbst-mord zu tun. Max war sich nicht sicher, ob er weiterlesen sollte. Er es Ines ja versprochen. Aber es war ohne bereits ein gebrochenes Versprechen. Vielleicht kam er der Antwort, die er so krampfhaft und verbissen suchte, ohne dass er ü-berhaupt wusste, zu welcher Frage sie eigentlich passte, ja doch noch einen Schritt näher.
23. Mai
Rene ist ein Arschloch. Ein Riesenarschloch! Er hat mir versprochen, dass es nicht wehtut. Er hat gesagt, dass er aufpassen wird. Ich fühle mich schlecht. Ich glaube ich war noch nicht bereit. Er war auch sicher nicht der Richtige. Als ich zu ihm gekommen bin, haben in seinem Zimmer ur viele Kerzen gebrannt. Das waren sicher dreihundert. Das hat voll romantisch ausgeschaut. Der Rene hat mich umarmt und mich geküsst. So richtig mit Zunge. Das war auch noch gar nicht so schlimm. Dann hat er gesagt, dass das der erste Teil der Überraschung ist. Wir haben uns auf sein Bettgelegt und herumgeknutscht. So wie jedes Mal. Aber dann hat sich die Hose ausgezogen. Ich hab ja eigentlich damit gerechnet. Aber wie er es dann wirklich gemacht hat, da war ich wie versteinert. Dann hat er mit der Hand unter meinen Rock gegriffen und mich dort gestreichelt. Dazwi-schen hat er mich immer wieder kurz geküsst aber irgendwie habe ich ihn glaub ich gar nicht interessiert. Der war heute überhaupt so anders als sonst. Ich hab ihn wahrscheinlich nie interessiert. Der wollte doch von Anfang an nur das eine. Irgendwann hat er gesagt ich soll jetzt nicht so tun, es tut schon nicht weh, er verspricht es mir. Dann er mir den Rock und die Unterhose ausgezogen. Eigent-lich hat er fast schon angerissen. Ich hab ihn machen lassen. Was hätte ich den tun sollen. Dann hat er noch gesagt, ich werde schon nicht schwanger, er passt schon auf. Das Schwein! Auf einmal hat es nur mehr wehgetan. Ich habe ge-schrieen. So weh hat es getan. Es hat auch geblutet. Sonst ist glaub ich nichts passiert. Der Rene hat dann noch gesagt, dass es eh nicht so schlimm war. Dann ist er aufgestanden und ist duschen gegangen. Ich habe gewartet, bis er sich ein-gesperrt gehabt hat und dann habe ich mir meinen Rock angezogen und bin ge-gangen. Einfach so. Ich glaube meine Unterhose habe ich vor seinem Bett liegen gelassen. Ich will ihn nie wieder sehen! Deswegen war ich heute auch nicht in der Schule. Der Mama habe ich gesagt, dass ich Regelschmerzen hab. Sie hat gefragt, wie es beim Rene war. Ich hab gesagt, es war nichts Besonderes. Ich geh jetzt dann in die Abendmesse. Vorher werde ich beichten. Ich will den Rene wirk-lich nie wieder sehen.
Max hielt inne und las die letzten Zeilen noch einmal. War die Lösung so einfach. Eine enttäuschte große Liebe, ein unglückliches erstes Mal zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. War das wirklich alles?
Für einen Augenblick lang glaubte Max, am Ziel angekommen zu sein, für den Bruchteil einer Sekunde kam es ihm vor, als hätte er alles durchschaut. Es lag doch alles so klar auf der Hand. Sie war von der großen Liebe enttäuscht worden, und zu allem Überdruss war sie auch noch schwanger von ihm geworden. Ir-gendwann war ihr wahrscheinlich alles zu viel geworden. Vermutlich hatte sich die Schwangerschaft nicht mehr verstecken lassen. Vielleicht hatte dieser Junge, Rene, sie unter Druck gesetzt, das Kind abtreiben zu lassen. Es passte alles zu-sammen. Er stand auf und ging im Raum umher. Max konnte es einfach nicht glauben. Er wollte Gewissheit, wollte wissen ob er mit seiner Theorie richtig lag. Er blätterte um.
24.Mai
Ich war heute beim Herrn Pfarrer beichten. Er hat gesagt, ich bin jetzt unrein und ich soll zur Jungfrau Maria beten, dass sie sich meiner erbarmt und mir mei-ne Sünde vergibt. Dabei kann ich doch gar nichts dafür. Es war doch Rene. Der Herr Kaplan hat das auch gesagt. Und er hat auch gesagt, dass ich immer zu ihm kommen kann, wenn ich mit wem reden will. Die Mama hat gesagt, ich soll wegen der Schmerzen zum Arzt gehen. Dabei hab ich ja gar keine Schmerzen. Ich werde trotzdem gehen. Damit die Mama keinen Verdacht schöpft. Ich hab keine Ahnung was ich tun soll. Irgendwann muss ich ja wieder in die Schule gehen. Aber ich will den Rene nicht mehr sehen. Bevor ich ihn noch mal anschau, bring ich mich um. Ehrlich.
Max spürt wie tief in ihm etwas triumphierte. Seine Theorie stimmte. Es war ebenso simpel wie brutal. Eine enttäuschte Liebe hatte all das ausgelöst. Wahr-scheinlich hatte sie am Anfang gar nicht gewusst, dass sie schwanger war. Wann hatte sie es herausgefunden. Und wie. Hatte sie es geahnt und einen Test ge-macht? Oder war einfach ihre Monatsblutung ausgeblieben? Vielleicht eine Kombination aus beidem? War es überhaupt wichtig.
25. Mai
Heute hat der Rene elf Mal auf meinem Handy angerufen. Ich hab nicht abgeho-ben. Dann hat er mir ein SMS geschickt. Ich hab es nicht gelesen sondern gleich gelöscht. Dann hat mir noch mal angerufen aber hat seine Nummer ausgeschal-ten und da hab ich natürlich abgehoben. Er hat gesagt, dass es ihm Leid tut, was er gemacht hat. Der hat ja keine Ahnung, wie das wehtut. Er hat gesagt, dass er getrunken hat, weil er Angst gehabt hat. Das glaub ich ihm nicht. Der war ein-fach nur geil auf mich. Der wollte einfach nur ------------------------------. Und jetzt versucht er halt was gut zu machen. Aber nicht mit mir. Ich werde allen sagen, was er für ein Arschloch ist. Morgen gehe ich wieder in die Schule. Alle sollen es wissen.
Sie versuchte die tapfere zu sein. Die, der Verletzungen nichts ausmachten. Eine die nach außen hart war. Max begann zu ahnen, dass seine Theorie zusammenzu-brechen begann. Aber er klammerte sich daran, dass sie das alles nur vorgab und doch so verletzt war. Außerdem hatte er sie geschwängert. Seine Annahme war richtig. Eigentlich las er ja nur noch weiter um sich zu bestätigen, um sich zu beweisen, das nun alles vorbei war. Dass die Frage, die große Frage nach dem Warum endlich geklärt war. Endlich ein dieser Fragen weniger in seinem Leben. Es waren ohnehin noch immer so viele Fragen offen. Wenigstens könnte er jetzt wieder ruhig schlafen.
Max ging in die Küche und wusch sein Glas aus. Dann überlegte er es sich anders und holte die Colaflasche aus dem Kühlschrank und füllte das Glas wieder an. Er sah auf die Uhr. In wenigen Minuten würde es drei Uhr sein. In ein paar Stunden würde er Johannes Gallenschlegel anrufen und ihm sagen, dass er das Rätsel ge-löst hatte. Der Gedanke durchzuckte ihn wie ein Blitz. Johannes Gallenschlegel. Er hatte doch das Tagebuch auch gelesen. Warum war es ihm nicht aufgefallen, was Max eben herausgefunden hatte. Oder war die Theorie, die er sich gerade aufgebaut hatte am Ende doch falsch? Max ließ die verbliebenen Seiten durch die Finger gleiten. Es waren vielleicht noch fünf oder sechs Seiten. Zusammen waren es vielleicht zwanzig Einträge. Er las weiter.
30. Mai
Heute habe ich während der Englischschularbeit meine Regel bekommen. Das war total blöd weil wir bei der Schöffelbeck bei der Schularbeit nicht rausgehen dürfen. Sie sagt immer, wir müssen wissen, wann wir auf die Toilette müssen, weil wir keine kleinen Kinder mehr sind. Nach der Stunde bin ich dann gleich aufs Klo gelaufen. Mir war voll schlecht und ich hab mich dann von der Mama abholen lassen. Alle in der Klasse haben das mitbekommen. Das war mir total peinlich. Und dann hat der Rene auch noch rumgebrüllt, dass ich bluten würde, weil ich es verdiene. Ich wollte ihm in die Eier hauen, aber mir war zu schlecht. Warum haben Frauen das. Das ist ungerecht.
Mit einem lauten Krachen hörte Max seine Theorie in sich zusammenfallen. Sie war von Rene nicht schwanger. Es war nichts passiert. Zumindest nicht bis zum 30. Mai. Also später. Aber wann? Max überflog die restlichen Einträge. Der letz-te Eintrag stammte vom 28. Juni.
Heute war Zeugnisverteilung. Ich hab eh gewusst, dass es nicht so toll wird. Aber durch ist durch. Der Papa hat zwar gesagt, dass ich besser sein kann, wenn ich will und wenn ich mehr lerne, aber das sagt der immer. Die Mama war eh stolz auf mich. Viel hat sie aber nicht gesagt, weil sie packen hat müssen, weil sie mit dem Papa nach London geflogen ist. Er hat dort irgendwas zu erledigen. Und weil die Mama gesagt hat, sie will auch einmal nach London hat er sie mitge-nommen. Dabei hat er im letzten Urlaub gesagt, er fliegt nie mehr mit der Mama wohin, weil sie immer so hysterisch ist. Manchmal glaub ich, dass es besser ist, wenn sich die beiden scheiden lassen. Aber die Mama traut sich nicht, glaub ich. Warum weiß ich nicht. Vielleicht hat sie Angst vor dem Papa. Ich hab auch manchmal Angst vor ihm. Vor allem wenn ich weg gehen will, da ist er immer so komisch. Ich sag ihm nicht, dass ich heute mit der Karin auf ein Clubbing gehe. Das verbietet er mir sicher und dann darf ich nicht bei der Karin schlafen son-dern muss zum Onkel Karli. Aber ich glaub, den mag der Papa auch nicht. Aber der ist ihm lieber als die Karin. Er sagt, die Karin ist eine --------------------, die sich jedem an den Hals wirft. Hoffentlich bleibt er lang in London.
Von der angeblich heilen Welt der Familie Glatterbeck war nichts übrig geblie-ben. Von Max Theorie auch nicht. Offensichtlich war Rene doch nicht so wichtig. Zumindest kam er in den letzten Einträgen nicht mehr vor. Beim letzten Eintrag war Max etwas aufgefallen. Eva hatte immer mit einer Füllfeder geschrieben. Alle Schreibfehler hatte sie nicht einfach durchgestrichen, sondern sorgfältig mit einem Tintenlöscher ausgebessert. Der linke Rand sah auf jeder Seite aus, wie mit einem Lineal gezogen. Vielleicht hatte sie sich sogar wirklich einen Bleistiftstrich gezogen, an dem sie ihre Zeilen ausgerichtet hatte. Das kleine Buch erinnerte Max vielmehr an ein Schulheft als an ein Tagebuch. Die Seiten waren nicht um-geknickt und hatten auch kaum Falten. Nur die Seite, auf der der letzte Eintrag stand, war anders. Sie war eingerissen. Nicht viel, nur ein halber Zentimeter am oberen Rand. Mehr war es nicht. Max besah das Buch genauer. Zwei Seiten war fein säuberlich heraus gerissen worden. Eva hatte sich wirklich Mühe gegeben. Als wollte sie keine Spuren hinterlassen. Als hätte sie das, was sie auf die heraus-gerissenen Seiten geschrieben hatte, vergessen machen wollen. Max strich mit den Fingern über die Seiten. Als er über den letzten Eintrag strich, spürte er, dass das Papier uneben war. Offensichtlich hatte sie bei einer Eintragung den Stift fester aufs Papier gedrückt als sonst. Er kam sich vor, wie ein Detektiv in einem Fernsehkrimi. Er hatte doch noch eine Spur gefunden. Aufgeregt suche Max in seinen Schreibtischladen nach einem Bleistift. Er legte die Mine flach auf das Papier und begann über die Unebenheiten zu schraffieren. Dort wo das Papier eingedrückt war, blieben weiße Flecken über, die am Ende einige Wörter in Evas Handschrift ergaben. Mit Mühe konnte Max sie zwischen den Buchstaben des anderen Eintrags entziffern.
8. August
Bin bei H. gewesen. Es tut nicht mehr so weh.

EDIT am 28.07.2005 um 20:03

Anditi
01.11.2004, 11:17
Wups, da hat die Zensur zweimal zugeschlagen.... Aber die bösen Worte brauch da halt, weil das in das das Tagebuch einer 15-jährigen ist... Pech gehabt...:rolleyes: :mad: :rolleyes: :cool:

RS-USER-First_Responder
01.11.2004, 12:36
Suuuper!!!!

:jump: :jump: :jump: :jump: :jump: :jump: :jump:


mehr, mehr, mehr!!!!

RS-USER-titan_cb
01.11.2004, 14:12
jipiiii ...
:jump: :jump:

SanMax
11.11.2004, 11:31
sehr gelungen,
jetzt ist die Spannung quasi am Anschlag...

Sanitätsdrache
13.11.2004, 10:03
Hi!

Gibt es den Roman inzwischen als PDF?

Gruß Drache

P.S

Ich bin begeistert!!!!!

nefgeländefahrer
14.11.2004, 11:47
werde mich mal ender woche hinsetzen und den roman als pdf zusammensetzen, wenn unser autor nichts dagegen hat...

Anditi
14.11.2004, 11:58
Spar dir die Mühe NEF! Sollte ich diese Woche, das letzte noch fehlende Kapitel fertig kriegen, gibts dann auch den kompletten Roman als PDF.

Kann das natürlich auch schon mit dem bisherigen machen, da brauchst nicht zsammsammeln, ich habs als .doc am rechner.

Könnt ihr noch ne woche warten?

Greetz Anditi