Anditi
07.10.2004, 15:08
Nach langer Zeit hab ich mich dann doch wieder einmal aufgerafft, mich von der Muse küssen lassen und ein neues Kapitel geschrieben.
Ich verspreche hiermit hoch und heilig die verehrte Gemeinde nicht wieder 3 Monate auf eine Fortsetzung warten zu lassen! :D
Titel gibts im übrigen immer noch keinen! Also: Kreativlinge vor!
LG Anditi
16.
Max betrachtet das kleine Buch, das vor ihm auf seinem Schreibtisch lag. Auf dem Einband war das Bild von zwei Engeln abgedruckt, die auf einer Wolke kauerten. Max kannte das Bild. Er hatte es schon früher einige Male gesehen. Allerdings konnte er sich gerade nicht daran erinnern, wer es gemalt hatte. Es war ein bekannter Maler, das wusste er, aber wer genau, das war ihm entfallen. Viel-leicht war Rubens gewesen. Der hatte doch immer diese rundlichen Gesichter gemalt. Picasso war es jedenfalls nicht gewesen, da war sich Max sicher. Soviel war aus dem Kunstunterricht in der Schule hängen geblieben.
Er drehte das Buch zwischen seinen Fingern. Es war ein bisschen größer als ein halbiertes Schulheft, in etwa so groß wie ein Foto. Der Einband war aus starkem Karton, auf den das Einbandbild aufgeklebt worden war. Der Karton ragte soweit über die Kanten der Seiten hinaus, dass durch die zwei Löcher die in den Einband gestanzt waren, ein kleines Vorhängeschloss eingehängt werden konnte.
Natürlich hätte Max das Schloss mit einer Zange leicht öffnen können. Er hatte sich auch bereits eine Beißzange aus dem Werkzeugkasten seine Vaters geholt. Doch er war unschlüssig. Wenn das Schloss einmal geknackt war, würde es kein Zurück geben. Man las nicht einfach ein fremdes Tagebuch. Auch nicht, wenn die Schreiberin, die dem Papier, in der Hoffnung die beiden Kartondeckel würden sie auf ewig für sich behalten, ihre intimsten Geheimnisse anvertraut hatte, bereits tot war. War das Verbrechen deshalb nicht gleich ein noch größeres? Max war skep-tisch. Er griff zur Beißzange und stand auf. Er würde nicht in anderer Leute Erin-nerung lesen als wäre es die Tageszeitung. Und er würde sich den Zugang zu diesen Erinnerungen auch nicht wie ein Dieb frei zwicken.
Er dachte an die vergangenen Stunden zurück. Aufgestanden war er kurz nach sechs Uhr. Er war müde gewesen und hatte schlecht geschlafen. Vielleicht waren es zwei oder drei Stunden gewesen denn seine Alpträume hatten ihm wieder ein-mal den Schlaf geraubt. Diesmal hatte sich die Wiese in einen Gerichtssaal ver-wandelt und an der Stelle, an der ihm alle „Mörder“ zugeschrieen hatten, hatte er diesmal auch einen Richter erkennen können. Irgendwann hatte er Licht gemacht und begonnen einen Krimi des schwedischen Autors Henning Mankell zu lesen. Der Name des Buches war „Die falsche Fährte“. Max hatte sich gefragt, ob er sich nicht auch auf einer falschen Fährte befand. Vielleicht traf ihn an dem was geschehen war, gar keine Schuld. Er hoffte, dass das Gerichtsverfahren gegen den Disponenten, das für diesen Tag angesetzt war, Klarheit bringen würde. Gleich im ersten Kapitel des Romans schilderte der Autor, wie sich ein junges Mädchen auf einem Feld mit Benzin übergießt und sich anzündet. Der Brechreiz war plötz-lich gekommen, genau an der Stelle, als das Mädchen wie eine lebendige Fackel über das Feld zu laufen begann. Er hatte das Buch weggeworfen und war auf die Toilette gehastet. Mehrmals übergab er sich und jedes Mal wenn er dachte, es sei vorbei, hatte sich das Bild vor seinen Augen neu aufgebaut und mit seinen eige-nen Erinnerungen vermischt. Fast eine ganze Stunde hatte er kauernd und ent-kräftet zitternd vor der Kloschüssel verbracht. Dann hatte er sich aufgerafft und war in sein Bett zurückgestolpert. Dort war er liegengeblieben und hatte, von einigen kurzen, traumlosen Minuten Schlafe unterbrochen, darauf gewartet, dass der Wecker läuten würde. Danach war er aufgestanden, hatte geduscht und sich angezogen. Kurz vor sieben hatte er die Haustüre aufgeschlossen und war in sein Auto gestiegen. Gleich nach der ersten Kreuzung hatte er umgedreht und war nach Hause zurück gefahren. Hektisch hatte er auf seinem Schreibtisch nach der Vorladung des Gerichtes gesucht. Er wusste, dass sie irgendwo in dem Stapel, der vor ihm lag, sein musste. Schließlich war er fündig geworden und aus dem Zim-mer gehastet, nur um im Türrahmen noch einmal innezuhalten und in den Hosentaschen nach der Geldbörse zu suchen. Dann hatte er die Haustüre zugeworfen und war mit quietschenden Reifen davongefahren.
Immer noch lag das Tagebuch vor ihm auf dem Tisch. Max saß da und hielt die Zange in der einen und das kleine Buch mit dem Vorhängeschloss in der anderen. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er das Schloss wirklich durchschneiden soll-te. Irgendwie wurde er den Gedanken nicht los, dass er damit nicht nur das kleine Schloss sondern viel mehr zerstören würde. Was genau, das wusste er nicht und er war sich auch nicht sicher, ob er es überhaupt wissen wollte. Ines hatte schon recht gehabt, als sie ihn davor gewarnt hatte. Tagebücher waren die wohl selt-samste Sorte von Büchern, die es überhaupt gab. Sie wurden geschrieben, damit sie nie wieder gelesen würden. Ihr Zweck war es, Geheimnisse zu hüten und nicht, sie wildfremden Menschen, die ihnen mit einer Beißzange zu Leibe rück-ten, zu verraten. Und doch war sich Max sicher, so nahe an der Wahrheit zu sein. So nahe an der Wahrheit, nach der er seit dem verhängnisvollen Augustabend suchte. Erneut versuchte er die Zange anzusetzen aber wieder sträubte sich etwas in ihm. War es immer rechtens, mit allen Mitteln nach der Wahrheit zu suchen. Er wusste, dass er nicht der einzige war der so dachte.
Kurz vor acht war er vor dem Landesgerichtsgebäude in Korneuburg eingetrof-fen. Obwohl er sich zweimal verfahren hatte und danach noch zehn Minuten nach einem Parkplatz gesucht hatte, hatte er es geschafft, pünktlich zu sein. Die Ver-handlung war um Punkt acht Uhr angesetzt. Im Gerichtsgebäude hatte er sich rasch zu Recht gefunden und den Verhandlungssaal, der in Wahrheit nicht größer war als sein Wohnzimmer zwei Minuten vor acht betreten. Die Einrichtung des Raumes war bei weitem nicht so pompös wie sie in den Gerichtssendungen im Fernsehen immer dargestellt wurde. Der Mistelbacher Kollege, gegen den ver-handelt werden sollte, war bereits anwesend. Er war steif auf seinem Sessel ge-sessen und hatte gedankenverloren in den Raum gestarrt. Sein Anwalt saß neben ihm und blätterte einige Akten durch. Der Staatsanwalt hatte es sich an seinem Tisch bequem gemacht und saß mit verschlossenen Augen und verschränkten Händen da. Max hatte sich gefragt, ob er schlief.
Die Tür war aufgegangen und die Richterin hatte den Raum betreten. Sie sah nicht besonders alt aus. Max schätzte, dass sie maximal dreißig Jahre alt sein konnte. Vielleicht war sie erst ganz kurz Richterin, vielleicht war es sogar ihre erste Verhandlung überhaupt. Sie nahm Platz und eröffnete die Verhandlung. Der Staatsanwalt verlas die Anklageschrift. Der Vortrag war gespickt mit Paragra-phen und lateinischen Ausdrücken. Das einzige, was Max aus der sicher fünf Minuten dauernden Ansprache heraushören konnte wusste er ohnehin schon. Dem Kollegen wurde fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Warum, dass verstand er nicht. Die Antwort des Verteidigers war kurz und bün-dig. Sein Mandat, sei schuldlos und daher freizusprechen. Er habe alle Regeln und Vorgaben eingehalten und das bestmögliche getan. Danach bekam der Kolle-ge selber das Wort. Die Richterin fragte ihn nach seinem Namen und seinen per-sönlichen Daten. Die Antworten waren kurz und emotionslos. Sie enthielten nur die nötigen Informationen und kein Wort mehr.
„Ihr Name ist Johannes Gallenschlegel?“
„Ja.“
„Sie wurden am 25.11.1973 geboren?“
„Ja.“
„Sie sind verheiratet?“
„Ja.“
„Der Name ihrer Frau ist Anna Maria Gallenschlegel, geborene Fischl?“
„Ja.“
„Haben sie Kinder?“
„Ja, zwei. Hermann und Helene.“
„Sie hatten am Abend des 8. August 2002 Dienst als Leitstellendisponent in der Rettungsleitstelle Mistelbach?“
„Ja.“
„Ist das ihr Hauptberuf?“
„Nein, ich bin Busfahrer beim Bahnbus.“
„Seit wann sind sie Rettungsdisponent?“
„Seit sieben Jahren.“
„Würden sie sich selber als erfahren bezeichnen?“
„Ja.“ Hier hatte er kurz gezögert und Luft geholt.
„Können sie beschreiben, was sich am Abend des 8. August zugetragen hat?“
Johannes Gallenschlegel sah seinen Anwalt an. Dann fuhr er fort. „Die genauen Daten entnehmen sie bitte dem Protokoll. Ich bin kurz nach sieben Uhr auf der Dienststelle eingetroffen und habe mit dem Kollegen der Tagdienst hatte, eine vorschriftsmäßige Dienstübergabe gemacht. Kurz vor halb acht hat der Notruf geläutet und es wurde ein schwerer Verkehrsunfall auf der Brünnerstraße mit mehreren Schwerstverletzten gemeldet. Deshalb habe ich beide im Haus befind-lichen Fahrzeuge zu diesem Einsatz disponiert.“
„Mussten sie nicht damit rechnen, dass sich noch weitere Notfälle ereignen könn-ten?“
„Natürlich, aber erstens war noch ein KTW im Einsatz, der gerade einen Trans-port durchführte und danach einsatzbereit gewesen wäre und zweitens wollte ich gleich danach ein zusätzliches Team alarmieren um ein weiteres Fahrzeug zu besetzen.“
„Erklären sie uns bitte, was ein KTW ist.“
„Ein Krankentransportwagen.“
„Wo war dieses Fahrzeug unterwegs?“
„In Richtung Ernstbrunn.“
„Wie lange schätzten sie, würde es dauern, bis es wieder einsatzbereit sein wür-de?“
„Zirka zehn Minuten.“
„Sie sagten, sie wollten eine zusätzliche Mannschaft alarmieren. Warum haben sie das nicht gemacht?“
„Weil ein zweiter Notruf hereinkam.“
„Der Notruf um den es hier geht?“
„Ja.“
“Wissen sie noch, was der Anrufer ihnen gesagt hat?“
„Es gibt eine Tonbandaufzeichnung des Gespräches. Ich selber kann es nicht hundertprozentig wiedergeben.“
Die Richterin hatte nicht locker gelassen. „Was hatte der Anrufer gesagt?“
„Das in einem Gebüsch bei der Kirche ein lebloses Kind liegt. Ein Mädchen.“
„Hat er die Pistole erwähnt?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Was haben sie daraufhin getan?“
„Ich habe zunächst kurz überlegt, eines der Fahrzeuge zurückzubeordern.“
„Wie viele Minuten sind zwischen deren Alarmierung und dem zweiten Notruf vergangen?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Was haben sie stattdessen getan?“
„Ich hab den Notarzthubschrauber aus Wien alarmiert.“
„Warum?“
„Die Lage am Ort des Verkehrsunfall war unklar, im zweiten Fall lag auf jeden Fall eine Lebensbedrohung vor.“
„Danach haben sie die zufällig im Haus anwesenden Sanitäter Max Partovec und Ines Schlag gebeten, ebenfalls zum Notfallort zu fahren?“
„Ja.“
„Wie haben sie das gemacht?“
„Ich habe die beiden aufgesucht und darum gebeten.“
„Sie haben den Leitstellenraum verlassen?“
„Ja.“ Wieder hatte Johannes Gallenschlegel eine kurze Pause eingelegt, bevor er geantwortet hatte.
„Hat das Telefon in der Zeit, in der sie nicht in der Leitstelle waren, geläutet?“
„Nein.“
„Woher wissen sie das, sie waren ja im Haus unterwegs?“
„Ich hätte es gehört.“
Die Richterin hatte noch einige Fragen gestellt. die hauptsächlich mit technischen Details zu tun hatten. Max konnte sich nur an die letzte Frage erinnern, die sie ihm gestellt hatte.
„Kannten sie Eva Glatterbeck?“
Johannes Gallenschlegel hatte nur kurz, fast unmerklich genickt.
„Woher?“
„Sie war meine Nichte. Meine Frau ist die Schwester ihrer Mutter.“
„Fühlen sie sich schuldig im Sinne der Anklage?“
„Ich fühle mich schuldig, weil ich den Tod meiner Nichte nicht verhindern konn-te, aber ich habe nicht fahrlässig gehandelt. Sie können mir glauben, niemand in diesem Raum fühlt sich heute so miserabel wie ich!“
Max hatte sich im Raum umgesehen. Zwei Reihen vor ihm saßen Evas Eltern. Während Evas Mutter fast ununterbrochen vor sich hin weinte und sich fast im Minutenabstand geräuschvoll die Nase putzte saß ihr Vater daneben und schwieg. Er hatte auf Max den Eindruck gemacht, als würde ihn das, was gerade hier von-statten ging überhaupt nicht berühren. Neben den beiden saß der Kommandant des Polizeipostens. Er war in seiner Ausgehuniform erschienen und neben Evas Mutter Platz genommen. Hin und wieder hatte er ihr durch das Haar gestrichen und ihr etwas ins Ohr geflüstert. Einige Male hatte er auch einen kurzen Blick auf Evas Vater geworfen, fast schien es, um sich zu vergewissern, ob er den Trost, den er seiner Frau spendet, nicht bemerkte. Dahinter saßen die Sanitäter, die an diesem Abend Dienst gehabt hatten. Die waren nun einzeln aufgerufen worden. Ines hatte sich zu ihnen gesetzt. Sie hatte Max beim hereinkommen zwar kurz zugenickt, sonst aber keines Blickes gewürdigt.
Ob Ines auch ein Tagebuch führte? Und was hatte sie darin über Max geschrie-ben? Kam er überhaupt darin vor. Max bereute, dass er Ines nach der Verhand-lung nicht darauf angesprochen hatte, warum der Kontakt zwischen ihnen so plötzlich abgerissen hatte. Er hatte ihr zwar in den wenigen Sätzen, die sie im Anschluss vor der Türe gewechselt hatten, angedeutet, dass er gerne länger mit ihr reden würde, aber sie war sehr kurz angebunden gewesen. Als er ihr gesagt hatte, dass er sich von dem Prozess mehr erwartet hätte, und dass er auf der Suche nach Antworten schon ziemlich verzweifelt war, hatte sie bloß kurz genickt und ihn angesehen. „Die Wahrheit kann manchmal sehr schmerzhaft sein.“ Dann hatte sie sich umgedreht und war gegangen. Max war schweigend auf dem Gang stehen geblieben und hatte ihr nachgesehen bis sie um die Ecke ins Stiegenhaus verschwunden war.
Max war sich sicher, dass Ines auch ein Tagebuch führte und dass die Wahrheit, die ihr so wehtat, darin aufgeschrieben war. Sie wusste, was Mädchen in ihre Tagebücher schreiben. Wahrscheinlich hatte sie Max deshalb davor gewarnt, in Evas Tagebuch zu lesen. „Tu es nicht!“ hatte sie zu ihm vor dem Gerichtssaal gesagt, „tu es nicht, du wirst dich nur darüber ärgern es getan zu haben.“
Etwa eine Stund davor war Max als Zeuge einvernommen worden. Er bemühte sich, alle Fragen der Richterin so genau wie möglich zu beantworten, obwohl er krampfhaft versuchte, sich möglichst wenig an die Situation zu erinnern. Manchmal musste er aufpassen, dass sich seine Schilderung nicht mit den Bil-dern, die ihn in der Nacht verfolgten, vermischte. Irgendwann fragte ihn die Rich-terin, ob er glaubte, dass der Disponent als richtig gemacht hatte. Max hatte ge-nickt und mit einem lauten „Ja!“ geantwortet. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits zu der Überzeugung gekommen, dass der Prozess eine einzige Farce war. Offen-sichtlich ging es vor allem dem Staatsanwalt darum, einen Schuldigen zu finden. Die Wahrheit, so fand Max, interessierte niemanden. Die Richterin erschien ihm überfordert und die Schöffen uninteressiert. Als der Postenkommandant verhört worden war und gegen die mangelnde Professionalität bei der Rettung gewettert hatte, hatten sie nicht einmal mit der Wimper gezuckt während Max am liebsten fast aufgesprungen wäre und gegen die kollektiven Anschuldigungen protestiert hätte. Max hatte sich fest vorgenommen, bei seiner Aussage den Disponenten um jeden Preis zu entlasten.
„Waren sie als Zivildiener nicht der Klosterneuburger Dienststelle zugeteilt?“ hatte ihn die Richterin gefragt.
„Ja, das ist korrekt.“
„Warum haben sie sich am Abend des 8. August dann aber auf der Mistelbacher Dienststelle aufgehalten?“
„Ich habe zwei Patienten zu einer Behandlung ins Krankenhaus Mistelbach ge-bracht und auf das Ende der Behandlung gewartet um sie anschließend wieder nach Hause zu führen.“
„Wie lange sollte die Behandlung dauern?“
„Bis Mitternacht.“
„Um welche Behandlung handelte es sich dabei?“
„Dialyse.“
„Das heißt, diese Fahrten werden regelmäßig durchgeführt?“
„Ja, dreimal in der Woche.“
„Und es ist durchaus üblich, dass der Fahrer während der Wartezeit auf die Dienstelle fährt.“
„Ja.“
„Danke.“
Max wusste nicht, ob seine Aussagen für den Disponent gut oder schlecht gewe-sen waren. Nachdem die Richterin noch einige Fragen zum Ablauf des Einsatzes gestellt hatte, beendete sie die Einvernahme. Danach hatte sie nochmals dem Staatsanwalt das Wort erteilt. Dieser fühlte sich in seiner Anklage bestätigt. Er forderte die rücksichtslos die Höchststrafe und folgte dabei den Argumenten des Polizisten, der gemeint hatte, es müsse endlich einmal etwas gegen die Unprofes-sionalität bei der Rettung getan werden. Ein Exempel zu statuieren wäre da genau richtig. Der Verteidiger hatte sich ebenfalls bestätigt gefühlt und plädierte auf einen Freispruch. Johannes Gallenschlegel hatte nicht viel zu sagen. Was er aber gesagt hatte, war Max unter die Haut gegangen. Er konnte sich noch genau an dessen Worte erinnern.
„Sie können mich verurteilen oder nicht, es ist mir egal. Ich konnte den Tod mei-ner Nichte nicht verhindern. Ich bin ein gebrochener Mann und werde immer damit leben müssen. Aber ich bitte sie, denken sie an meine Frau und meine Kin-der. Schicken sie mich nicht ins Gefängnis. Nehmen sie zwei Kindern nicht ihren Vater und einer guten, anständigen Frau nicht ihren liebenden Mann.“ Er war dabei aufgestanden. Als er zu Ende gesprochen hatte, war er kraftlos in seinen Sessel zurückgefallen und hatte die Augen geschlossen. Die Richterin und die Schöffen hatten sich zur Beratung zurückgezogen. Die Besprechung dauert nur kurz. Als die Türe des Saals aufging, befürchtete Max das Schlimmste. Er hörte der Richterin nicht zu, als sie begann, ihr Urteil zu begründen. Für ihn galt nur der erste Satz.
„Der Angeklagte Johannes Gallenschlegel wird vom Vorwurf der fahrlässigen Gemeingefährdung mit Todesfolge mangels eindeutigen Verschuldens freige-sprochen!“
Am liebsten wäre Max aufgesprungen und hätte vor Freude aufgeschrieen. Ganz anders die Reaktion des Polizeikommandanten. Man konnte ihm förmlich anse-hen, dass er über das Urteil frustriert war. Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht und kaum hatte die Richterin den Raum verlassen stürmte er zum Staatsanwalt und begann wild gestikulierend zu diskutieren. Der Verteidiger schüttelte seinem Mandanten die Hand. Ines hatte sich kurz zu Max umgedreht und hatte mit dem Daumen nach oben gezeigt und dabei gelächelt. Dann war sie gemeinsam mit ihren Kollegen aufgestanden und war nach vorne gestürmt und hatte ihren so-eben freigesprochenen Kollegen umarmt. Dieser war nur sprachlos dagestanden und hatte glücklich gelächelt. Nach einigen Minuten war er kurz zu Evas Eltern getreten und hatte ihnen die Hand geschüttelt. Danach hatte er den Raum verlas-sen. Am Gang war er stehen geblieben und hatte sich eine Zigarette angezündet. Max war neben ihn getreten und hatte ihm die Hand gereicht.
„Gratuliere, du bist frei!“
„Danke, aber frei werde ich wahrscheinlich nie mehr sein.“
„Ich hab eigentlich gehofft, heute mehr darüber zu erfahren, warum das alles eigentlich passiert ist.“
„Ich glaub, ich will erst gar nicht wissen!“
„Kannst du in der Nacht noch ruhig schlafen?“
„Nein, aber glaubst du, ich könnte es, wenn ich wüsste, warum sie das getan hat?“
“Ich weiß es nicht. Aber ich will die Wahrheit trotzdem wissen.“
„Ich geb’ dir was. Es hat Eva gehört und es hat mir heute Glück gebracht.“
Max hatte das kleine Buch, das ihm Johannes Gallenschlegel in die Hand drückte nur kurz betrachtet.
„Wo hast du das her?“ hatte er gefragt. Anstelle einer Antwort hatte sein Gegen-über seine Zigarette ausgedämpft und in angesehen.
„Danke für deine Aussage. Sie hat mir heute sicher geholfen. Mach’s gut!“ Dann hatten sie die Hände geschüttelt und Johannes Gallenschlegel hatte sich umge-dreht und war davongeeilt. Während Max ihm noch nachgestarrt hatte, war Ines von hinten an ihn herangetreten.
„Hi! Wie geht’s?“
„Euer Dispo hat mir gerade Evas Tagebuch gegeben!“
„Wirst du es lesen?“
„Ja!“ hatte er genickt.
Wieder griff Max zur Beißzange. Mit einem metallischen Klicken gab der Bügel des Schlosses nach.
EDIT am 28.07.2005 um 19:58
Ich verspreche hiermit hoch und heilig die verehrte Gemeinde nicht wieder 3 Monate auf eine Fortsetzung warten zu lassen! :D
Titel gibts im übrigen immer noch keinen! Also: Kreativlinge vor!
LG Anditi
16.
Max betrachtet das kleine Buch, das vor ihm auf seinem Schreibtisch lag. Auf dem Einband war das Bild von zwei Engeln abgedruckt, die auf einer Wolke kauerten. Max kannte das Bild. Er hatte es schon früher einige Male gesehen. Allerdings konnte er sich gerade nicht daran erinnern, wer es gemalt hatte. Es war ein bekannter Maler, das wusste er, aber wer genau, das war ihm entfallen. Viel-leicht war Rubens gewesen. Der hatte doch immer diese rundlichen Gesichter gemalt. Picasso war es jedenfalls nicht gewesen, da war sich Max sicher. Soviel war aus dem Kunstunterricht in der Schule hängen geblieben.
Er drehte das Buch zwischen seinen Fingern. Es war ein bisschen größer als ein halbiertes Schulheft, in etwa so groß wie ein Foto. Der Einband war aus starkem Karton, auf den das Einbandbild aufgeklebt worden war. Der Karton ragte soweit über die Kanten der Seiten hinaus, dass durch die zwei Löcher die in den Einband gestanzt waren, ein kleines Vorhängeschloss eingehängt werden konnte.
Natürlich hätte Max das Schloss mit einer Zange leicht öffnen können. Er hatte sich auch bereits eine Beißzange aus dem Werkzeugkasten seine Vaters geholt. Doch er war unschlüssig. Wenn das Schloss einmal geknackt war, würde es kein Zurück geben. Man las nicht einfach ein fremdes Tagebuch. Auch nicht, wenn die Schreiberin, die dem Papier, in der Hoffnung die beiden Kartondeckel würden sie auf ewig für sich behalten, ihre intimsten Geheimnisse anvertraut hatte, bereits tot war. War das Verbrechen deshalb nicht gleich ein noch größeres? Max war skep-tisch. Er griff zur Beißzange und stand auf. Er würde nicht in anderer Leute Erin-nerung lesen als wäre es die Tageszeitung. Und er würde sich den Zugang zu diesen Erinnerungen auch nicht wie ein Dieb frei zwicken.
Er dachte an die vergangenen Stunden zurück. Aufgestanden war er kurz nach sechs Uhr. Er war müde gewesen und hatte schlecht geschlafen. Vielleicht waren es zwei oder drei Stunden gewesen denn seine Alpträume hatten ihm wieder ein-mal den Schlaf geraubt. Diesmal hatte sich die Wiese in einen Gerichtssaal ver-wandelt und an der Stelle, an der ihm alle „Mörder“ zugeschrieen hatten, hatte er diesmal auch einen Richter erkennen können. Irgendwann hatte er Licht gemacht und begonnen einen Krimi des schwedischen Autors Henning Mankell zu lesen. Der Name des Buches war „Die falsche Fährte“. Max hatte sich gefragt, ob er sich nicht auch auf einer falschen Fährte befand. Vielleicht traf ihn an dem was geschehen war, gar keine Schuld. Er hoffte, dass das Gerichtsverfahren gegen den Disponenten, das für diesen Tag angesetzt war, Klarheit bringen würde. Gleich im ersten Kapitel des Romans schilderte der Autor, wie sich ein junges Mädchen auf einem Feld mit Benzin übergießt und sich anzündet. Der Brechreiz war plötz-lich gekommen, genau an der Stelle, als das Mädchen wie eine lebendige Fackel über das Feld zu laufen begann. Er hatte das Buch weggeworfen und war auf die Toilette gehastet. Mehrmals übergab er sich und jedes Mal wenn er dachte, es sei vorbei, hatte sich das Bild vor seinen Augen neu aufgebaut und mit seinen eige-nen Erinnerungen vermischt. Fast eine ganze Stunde hatte er kauernd und ent-kräftet zitternd vor der Kloschüssel verbracht. Dann hatte er sich aufgerafft und war in sein Bett zurückgestolpert. Dort war er liegengeblieben und hatte, von einigen kurzen, traumlosen Minuten Schlafe unterbrochen, darauf gewartet, dass der Wecker läuten würde. Danach war er aufgestanden, hatte geduscht und sich angezogen. Kurz vor sieben hatte er die Haustüre aufgeschlossen und war in sein Auto gestiegen. Gleich nach der ersten Kreuzung hatte er umgedreht und war nach Hause zurück gefahren. Hektisch hatte er auf seinem Schreibtisch nach der Vorladung des Gerichtes gesucht. Er wusste, dass sie irgendwo in dem Stapel, der vor ihm lag, sein musste. Schließlich war er fündig geworden und aus dem Zim-mer gehastet, nur um im Türrahmen noch einmal innezuhalten und in den Hosentaschen nach der Geldbörse zu suchen. Dann hatte er die Haustüre zugeworfen und war mit quietschenden Reifen davongefahren.
Immer noch lag das Tagebuch vor ihm auf dem Tisch. Max saß da und hielt die Zange in der einen und das kleine Buch mit dem Vorhängeschloss in der anderen. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er das Schloss wirklich durchschneiden soll-te. Irgendwie wurde er den Gedanken nicht los, dass er damit nicht nur das kleine Schloss sondern viel mehr zerstören würde. Was genau, das wusste er nicht und er war sich auch nicht sicher, ob er es überhaupt wissen wollte. Ines hatte schon recht gehabt, als sie ihn davor gewarnt hatte. Tagebücher waren die wohl selt-samste Sorte von Büchern, die es überhaupt gab. Sie wurden geschrieben, damit sie nie wieder gelesen würden. Ihr Zweck war es, Geheimnisse zu hüten und nicht, sie wildfremden Menschen, die ihnen mit einer Beißzange zu Leibe rück-ten, zu verraten. Und doch war sich Max sicher, so nahe an der Wahrheit zu sein. So nahe an der Wahrheit, nach der er seit dem verhängnisvollen Augustabend suchte. Erneut versuchte er die Zange anzusetzen aber wieder sträubte sich etwas in ihm. War es immer rechtens, mit allen Mitteln nach der Wahrheit zu suchen. Er wusste, dass er nicht der einzige war der so dachte.
Kurz vor acht war er vor dem Landesgerichtsgebäude in Korneuburg eingetrof-fen. Obwohl er sich zweimal verfahren hatte und danach noch zehn Minuten nach einem Parkplatz gesucht hatte, hatte er es geschafft, pünktlich zu sein. Die Ver-handlung war um Punkt acht Uhr angesetzt. Im Gerichtsgebäude hatte er sich rasch zu Recht gefunden und den Verhandlungssaal, der in Wahrheit nicht größer war als sein Wohnzimmer zwei Minuten vor acht betreten. Die Einrichtung des Raumes war bei weitem nicht so pompös wie sie in den Gerichtssendungen im Fernsehen immer dargestellt wurde. Der Mistelbacher Kollege, gegen den ver-handelt werden sollte, war bereits anwesend. Er war steif auf seinem Sessel ge-sessen und hatte gedankenverloren in den Raum gestarrt. Sein Anwalt saß neben ihm und blätterte einige Akten durch. Der Staatsanwalt hatte es sich an seinem Tisch bequem gemacht und saß mit verschlossenen Augen und verschränkten Händen da. Max hatte sich gefragt, ob er schlief.
Die Tür war aufgegangen und die Richterin hatte den Raum betreten. Sie sah nicht besonders alt aus. Max schätzte, dass sie maximal dreißig Jahre alt sein konnte. Vielleicht war sie erst ganz kurz Richterin, vielleicht war es sogar ihre erste Verhandlung überhaupt. Sie nahm Platz und eröffnete die Verhandlung. Der Staatsanwalt verlas die Anklageschrift. Der Vortrag war gespickt mit Paragra-phen und lateinischen Ausdrücken. Das einzige, was Max aus der sicher fünf Minuten dauernden Ansprache heraushören konnte wusste er ohnehin schon. Dem Kollegen wurde fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Warum, dass verstand er nicht. Die Antwort des Verteidigers war kurz und bün-dig. Sein Mandat, sei schuldlos und daher freizusprechen. Er habe alle Regeln und Vorgaben eingehalten und das bestmögliche getan. Danach bekam der Kolle-ge selber das Wort. Die Richterin fragte ihn nach seinem Namen und seinen per-sönlichen Daten. Die Antworten waren kurz und emotionslos. Sie enthielten nur die nötigen Informationen und kein Wort mehr.
„Ihr Name ist Johannes Gallenschlegel?“
„Ja.“
„Sie wurden am 25.11.1973 geboren?“
„Ja.“
„Sie sind verheiratet?“
„Ja.“
„Der Name ihrer Frau ist Anna Maria Gallenschlegel, geborene Fischl?“
„Ja.“
„Haben sie Kinder?“
„Ja, zwei. Hermann und Helene.“
„Sie hatten am Abend des 8. August 2002 Dienst als Leitstellendisponent in der Rettungsleitstelle Mistelbach?“
„Ja.“
„Ist das ihr Hauptberuf?“
„Nein, ich bin Busfahrer beim Bahnbus.“
„Seit wann sind sie Rettungsdisponent?“
„Seit sieben Jahren.“
„Würden sie sich selber als erfahren bezeichnen?“
„Ja.“ Hier hatte er kurz gezögert und Luft geholt.
„Können sie beschreiben, was sich am Abend des 8. August zugetragen hat?“
Johannes Gallenschlegel sah seinen Anwalt an. Dann fuhr er fort. „Die genauen Daten entnehmen sie bitte dem Protokoll. Ich bin kurz nach sieben Uhr auf der Dienststelle eingetroffen und habe mit dem Kollegen der Tagdienst hatte, eine vorschriftsmäßige Dienstübergabe gemacht. Kurz vor halb acht hat der Notruf geläutet und es wurde ein schwerer Verkehrsunfall auf der Brünnerstraße mit mehreren Schwerstverletzten gemeldet. Deshalb habe ich beide im Haus befind-lichen Fahrzeuge zu diesem Einsatz disponiert.“
„Mussten sie nicht damit rechnen, dass sich noch weitere Notfälle ereignen könn-ten?“
„Natürlich, aber erstens war noch ein KTW im Einsatz, der gerade einen Trans-port durchführte und danach einsatzbereit gewesen wäre und zweitens wollte ich gleich danach ein zusätzliches Team alarmieren um ein weiteres Fahrzeug zu besetzen.“
„Erklären sie uns bitte, was ein KTW ist.“
„Ein Krankentransportwagen.“
„Wo war dieses Fahrzeug unterwegs?“
„In Richtung Ernstbrunn.“
„Wie lange schätzten sie, würde es dauern, bis es wieder einsatzbereit sein wür-de?“
„Zirka zehn Minuten.“
„Sie sagten, sie wollten eine zusätzliche Mannschaft alarmieren. Warum haben sie das nicht gemacht?“
„Weil ein zweiter Notruf hereinkam.“
„Der Notruf um den es hier geht?“
„Ja.“
“Wissen sie noch, was der Anrufer ihnen gesagt hat?“
„Es gibt eine Tonbandaufzeichnung des Gespräches. Ich selber kann es nicht hundertprozentig wiedergeben.“
Die Richterin hatte nicht locker gelassen. „Was hatte der Anrufer gesagt?“
„Das in einem Gebüsch bei der Kirche ein lebloses Kind liegt. Ein Mädchen.“
„Hat er die Pistole erwähnt?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Was haben sie daraufhin getan?“
„Ich habe zunächst kurz überlegt, eines der Fahrzeuge zurückzubeordern.“
„Wie viele Minuten sind zwischen deren Alarmierung und dem zweiten Notruf vergangen?“
„Ich weiß es nicht mehr.“
„Was haben sie stattdessen getan?“
„Ich hab den Notarzthubschrauber aus Wien alarmiert.“
„Warum?“
„Die Lage am Ort des Verkehrsunfall war unklar, im zweiten Fall lag auf jeden Fall eine Lebensbedrohung vor.“
„Danach haben sie die zufällig im Haus anwesenden Sanitäter Max Partovec und Ines Schlag gebeten, ebenfalls zum Notfallort zu fahren?“
„Ja.“
„Wie haben sie das gemacht?“
„Ich habe die beiden aufgesucht und darum gebeten.“
„Sie haben den Leitstellenraum verlassen?“
„Ja.“ Wieder hatte Johannes Gallenschlegel eine kurze Pause eingelegt, bevor er geantwortet hatte.
„Hat das Telefon in der Zeit, in der sie nicht in der Leitstelle waren, geläutet?“
„Nein.“
„Woher wissen sie das, sie waren ja im Haus unterwegs?“
„Ich hätte es gehört.“
Die Richterin hatte noch einige Fragen gestellt. die hauptsächlich mit technischen Details zu tun hatten. Max konnte sich nur an die letzte Frage erinnern, die sie ihm gestellt hatte.
„Kannten sie Eva Glatterbeck?“
Johannes Gallenschlegel hatte nur kurz, fast unmerklich genickt.
„Woher?“
„Sie war meine Nichte. Meine Frau ist die Schwester ihrer Mutter.“
„Fühlen sie sich schuldig im Sinne der Anklage?“
„Ich fühle mich schuldig, weil ich den Tod meiner Nichte nicht verhindern konn-te, aber ich habe nicht fahrlässig gehandelt. Sie können mir glauben, niemand in diesem Raum fühlt sich heute so miserabel wie ich!“
Max hatte sich im Raum umgesehen. Zwei Reihen vor ihm saßen Evas Eltern. Während Evas Mutter fast ununterbrochen vor sich hin weinte und sich fast im Minutenabstand geräuschvoll die Nase putzte saß ihr Vater daneben und schwieg. Er hatte auf Max den Eindruck gemacht, als würde ihn das, was gerade hier von-statten ging überhaupt nicht berühren. Neben den beiden saß der Kommandant des Polizeipostens. Er war in seiner Ausgehuniform erschienen und neben Evas Mutter Platz genommen. Hin und wieder hatte er ihr durch das Haar gestrichen und ihr etwas ins Ohr geflüstert. Einige Male hatte er auch einen kurzen Blick auf Evas Vater geworfen, fast schien es, um sich zu vergewissern, ob er den Trost, den er seiner Frau spendet, nicht bemerkte. Dahinter saßen die Sanitäter, die an diesem Abend Dienst gehabt hatten. Die waren nun einzeln aufgerufen worden. Ines hatte sich zu ihnen gesetzt. Sie hatte Max beim hereinkommen zwar kurz zugenickt, sonst aber keines Blickes gewürdigt.
Ob Ines auch ein Tagebuch führte? Und was hatte sie darin über Max geschrie-ben? Kam er überhaupt darin vor. Max bereute, dass er Ines nach der Verhand-lung nicht darauf angesprochen hatte, warum der Kontakt zwischen ihnen so plötzlich abgerissen hatte. Er hatte ihr zwar in den wenigen Sätzen, die sie im Anschluss vor der Türe gewechselt hatten, angedeutet, dass er gerne länger mit ihr reden würde, aber sie war sehr kurz angebunden gewesen. Als er ihr gesagt hatte, dass er sich von dem Prozess mehr erwartet hätte, und dass er auf der Suche nach Antworten schon ziemlich verzweifelt war, hatte sie bloß kurz genickt und ihn angesehen. „Die Wahrheit kann manchmal sehr schmerzhaft sein.“ Dann hatte sie sich umgedreht und war gegangen. Max war schweigend auf dem Gang stehen geblieben und hatte ihr nachgesehen bis sie um die Ecke ins Stiegenhaus verschwunden war.
Max war sich sicher, dass Ines auch ein Tagebuch führte und dass die Wahrheit, die ihr so wehtat, darin aufgeschrieben war. Sie wusste, was Mädchen in ihre Tagebücher schreiben. Wahrscheinlich hatte sie Max deshalb davor gewarnt, in Evas Tagebuch zu lesen. „Tu es nicht!“ hatte sie zu ihm vor dem Gerichtssaal gesagt, „tu es nicht, du wirst dich nur darüber ärgern es getan zu haben.“
Etwa eine Stund davor war Max als Zeuge einvernommen worden. Er bemühte sich, alle Fragen der Richterin so genau wie möglich zu beantworten, obwohl er krampfhaft versuchte, sich möglichst wenig an die Situation zu erinnern. Manchmal musste er aufpassen, dass sich seine Schilderung nicht mit den Bil-dern, die ihn in der Nacht verfolgten, vermischte. Irgendwann fragte ihn die Rich-terin, ob er glaubte, dass der Disponent als richtig gemacht hatte. Max hatte ge-nickt und mit einem lauten „Ja!“ geantwortet. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits zu der Überzeugung gekommen, dass der Prozess eine einzige Farce war. Offen-sichtlich ging es vor allem dem Staatsanwalt darum, einen Schuldigen zu finden. Die Wahrheit, so fand Max, interessierte niemanden. Die Richterin erschien ihm überfordert und die Schöffen uninteressiert. Als der Postenkommandant verhört worden war und gegen die mangelnde Professionalität bei der Rettung gewettert hatte, hatten sie nicht einmal mit der Wimper gezuckt während Max am liebsten fast aufgesprungen wäre und gegen die kollektiven Anschuldigungen protestiert hätte. Max hatte sich fest vorgenommen, bei seiner Aussage den Disponenten um jeden Preis zu entlasten.
„Waren sie als Zivildiener nicht der Klosterneuburger Dienststelle zugeteilt?“ hatte ihn die Richterin gefragt.
„Ja, das ist korrekt.“
„Warum haben sie sich am Abend des 8. August dann aber auf der Mistelbacher Dienststelle aufgehalten?“
„Ich habe zwei Patienten zu einer Behandlung ins Krankenhaus Mistelbach ge-bracht und auf das Ende der Behandlung gewartet um sie anschließend wieder nach Hause zu führen.“
„Wie lange sollte die Behandlung dauern?“
„Bis Mitternacht.“
„Um welche Behandlung handelte es sich dabei?“
„Dialyse.“
„Das heißt, diese Fahrten werden regelmäßig durchgeführt?“
„Ja, dreimal in der Woche.“
„Und es ist durchaus üblich, dass der Fahrer während der Wartezeit auf die Dienstelle fährt.“
„Ja.“
„Danke.“
Max wusste nicht, ob seine Aussagen für den Disponent gut oder schlecht gewe-sen waren. Nachdem die Richterin noch einige Fragen zum Ablauf des Einsatzes gestellt hatte, beendete sie die Einvernahme. Danach hatte sie nochmals dem Staatsanwalt das Wort erteilt. Dieser fühlte sich in seiner Anklage bestätigt. Er forderte die rücksichtslos die Höchststrafe und folgte dabei den Argumenten des Polizisten, der gemeint hatte, es müsse endlich einmal etwas gegen die Unprofes-sionalität bei der Rettung getan werden. Ein Exempel zu statuieren wäre da genau richtig. Der Verteidiger hatte sich ebenfalls bestätigt gefühlt und plädierte auf einen Freispruch. Johannes Gallenschlegel hatte nicht viel zu sagen. Was er aber gesagt hatte, war Max unter die Haut gegangen. Er konnte sich noch genau an dessen Worte erinnern.
„Sie können mich verurteilen oder nicht, es ist mir egal. Ich konnte den Tod mei-ner Nichte nicht verhindern. Ich bin ein gebrochener Mann und werde immer damit leben müssen. Aber ich bitte sie, denken sie an meine Frau und meine Kin-der. Schicken sie mich nicht ins Gefängnis. Nehmen sie zwei Kindern nicht ihren Vater und einer guten, anständigen Frau nicht ihren liebenden Mann.“ Er war dabei aufgestanden. Als er zu Ende gesprochen hatte, war er kraftlos in seinen Sessel zurückgefallen und hatte die Augen geschlossen. Die Richterin und die Schöffen hatten sich zur Beratung zurückgezogen. Die Besprechung dauert nur kurz. Als die Türe des Saals aufging, befürchtete Max das Schlimmste. Er hörte der Richterin nicht zu, als sie begann, ihr Urteil zu begründen. Für ihn galt nur der erste Satz.
„Der Angeklagte Johannes Gallenschlegel wird vom Vorwurf der fahrlässigen Gemeingefährdung mit Todesfolge mangels eindeutigen Verschuldens freige-sprochen!“
Am liebsten wäre Max aufgesprungen und hätte vor Freude aufgeschrieen. Ganz anders die Reaktion des Polizeikommandanten. Man konnte ihm förmlich anse-hen, dass er über das Urteil frustriert war. Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht und kaum hatte die Richterin den Raum verlassen stürmte er zum Staatsanwalt und begann wild gestikulierend zu diskutieren. Der Verteidiger schüttelte seinem Mandanten die Hand. Ines hatte sich kurz zu Max umgedreht und hatte mit dem Daumen nach oben gezeigt und dabei gelächelt. Dann war sie gemeinsam mit ihren Kollegen aufgestanden und war nach vorne gestürmt und hatte ihren so-eben freigesprochenen Kollegen umarmt. Dieser war nur sprachlos dagestanden und hatte glücklich gelächelt. Nach einigen Minuten war er kurz zu Evas Eltern getreten und hatte ihnen die Hand geschüttelt. Danach hatte er den Raum verlas-sen. Am Gang war er stehen geblieben und hatte sich eine Zigarette angezündet. Max war neben ihn getreten und hatte ihm die Hand gereicht.
„Gratuliere, du bist frei!“
„Danke, aber frei werde ich wahrscheinlich nie mehr sein.“
„Ich hab eigentlich gehofft, heute mehr darüber zu erfahren, warum das alles eigentlich passiert ist.“
„Ich glaub, ich will erst gar nicht wissen!“
„Kannst du in der Nacht noch ruhig schlafen?“
„Nein, aber glaubst du, ich könnte es, wenn ich wüsste, warum sie das getan hat?“
“Ich weiß es nicht. Aber ich will die Wahrheit trotzdem wissen.“
„Ich geb’ dir was. Es hat Eva gehört und es hat mir heute Glück gebracht.“
Max hatte das kleine Buch, das ihm Johannes Gallenschlegel in die Hand drückte nur kurz betrachtet.
„Wo hast du das her?“ hatte er gefragt. Anstelle einer Antwort hatte sein Gegen-über seine Zigarette ausgedämpft und in angesehen.
„Danke für deine Aussage. Sie hat mir heute sicher geholfen. Mach’s gut!“ Dann hatten sie die Hände geschüttelt und Johannes Gallenschlegel hatte sich umge-dreht und war davongeeilt. Während Max ihm noch nachgestarrt hatte, war Ines von hinten an ihn herangetreten.
„Hi! Wie geht’s?“
„Euer Dispo hat mir gerade Evas Tagebuch gegeben!“
„Wirst du es lesen?“
„Ja!“ hatte er genickt.
Wieder griff Max zur Beißzange. Mit einem metallischen Klicken gab der Bügel des Schlosses nach.
EDIT am 28.07.2005 um 19:58