Die anderen Tage waren dann für so genannte Consultorios reserviert, es gab eine Akne-Sprechstunde, eine Psoriasis-Sprechstunde, eine Präkanzerosen-Sprechstunde, etc. und sogar, was mich doch sehr erstaunt hat, eine eigene Leprasprechstunde! Meine "Aufgabe" dabei war es im Allgemeinen zuzuhören und ab und zu Neoplasien mit Kryotherapie zu behandeln. Was mich im Klinik-Alltag immer wieder aufs Neue schockierte, waren die häufig sehr weit fortgeschrittenen Krankheitsstadien der Patienten zum Zeitpunkt ihrer ersten Vorstellung im Krankenhaus. Ich kann mich noch gut erinnern, wie entsetzt ich war, als ein älterer Mann mit einem faustgroßen brokoli-artig wachsenden Tumor auf der linken Wange kam und erzählte, daß dieser nun schon seit mehr als zwei Jahren dort wachsen würde, er bisher aber keinen Arzt konsultiert habe. Zwar ist die Behandlung in den öffentlichen Krankenhäusern in Brasilien frei, leider scheint das aber einem Großteil der ärmeren Bevölkerung nicht bekannt zu sein, so daß sie aus Angst vor finanziellen Belastungen häufig abwarten, bis ihre Krankheit so weit fortgeschritten ist, daß sie gezwungen sind, einen Arzt aufzusuchen. Auch wenn die meisten der Consultorios zwar oft nicht besonders spektakulär waren, habe ich dennoch den Eindruck, von ihnen noch am stärksten profitiert zu haben, da ich dabei viele unterschiedliche Krankheitsbilder sehen konnte. Zudem konnte ich noch durch die Arzt-Patienten-Gespräche mein Portugiesisch-Verständnis entscheidend verbessern. Im Gegensatz zu meinen Gastschwestern kann nämlich der größte Teil der brasilianischen Bevölkerung, wenn überhaupt, nur sehr schlecht Englisch, und auch die meisten Ärzte in der Dermatologie haben sich meist derart für ihre schlechten Englisch-Kenntnisse geschämt, daß sie mir nur selten etwas erklärt haben.
Daher habe ich es auch schnell bereut, in meiner Vorbereitung auf Brasilien nicht mehr Portugiesisch gelernt zu haben. Ich hatte mich darauf verlassen, daß Spanisch und Portugiesisch ähnlich seien und ich deshalb keine Probleme mit dem Verständnis haben würde. Das stimmte zwar insoweit, als ich Geschriebenes mühelos verstanden habe, da aber die Aussprache der beiden Sprachen (plus Dialekte, Umgangssprache, etc...) doch sehr stark voneinander abweicht, habe ich zumindest die ersten beiden Wochen leider nur wenig von den Gesprächen verstanden. Ich kann daher nur jedem, der eine Famulatur in Brasilien plant, raten, sich so viel wie möglich mit der brasilianischen Sprache zu befassen und insbesondere das Hörverständnis mittels CDs etc. zu trainieren..
Rückblick:
Unglaubliche Gastfreundschaft im Lande von Samba und Zuckerhut
Trotz der anfänglichen Sprachprobleme im Krankenhaus würde ich nicht sagen, daß meine Famulatur vergeblich war. Auch, da es mir dabei nun einmal nicht nur um die Arbeit im Krankenhaus, sondern eigentlich vielmehr um die Erfahrungen ging, die der ganze Austausch sonst noch mit sich brachte.