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nie
23.05.2021, 15:20
Den Oberarzt trotzdem anrufen?

Mir doch egal ob er aus dem Bett geklingelt werden will. Ist sein Job, bekommt er Geld dafür. Und was soll er machen? Noch mehr meckern?

daCapo
23.05.2021, 15:31
Ich frage mich auch, was ich anstelle Ärztin in dem verlinkten Fall getan hätte. Den Dienst verweigert, weil ich aufgrund der strukturellen Bedingungen in dieser Klinik zwangsläufig in Situationen komme, die ich alleine nicht handeln kann?

Ihre prekäre Arbeitssituation wurde in der Urteilsfindung berücksichtigt als
schwacher Trost.

HoldenHQ
23.05.2021, 15:36
Ihre prekäre Arbeitssituation wurde in der Urteilsfindung berücksichtigt als
schwacher Trost.

Das man eine traumatisierte Ärztin am nächsten Tag noch dazu bringt, eine falsche Erklärung zu unterschreiben finde ich am erschreckendsten.

cartablanca
23.05.2021, 15:39
Im Fall meiner Bekannten war es so, dass der OA auf sie Druck ausgeübt hat, nach dem Motto "Wehe Sie klingeln mich heute nacht wieder aus dem Bett!". Natürlich hat er das nicht voran public gesagt, so dass sie keine Zeugen hatte und Aussage gegen Aussage steht. Ich frage mich auch, was ich anstelle Ärztin in dem verlinkten Fall getan hätte. Den Dienst verweigert, weil ich aufgrund der strukturellen Bedingungen in dieser Klinik zwangsläufig in Situationen komme, die ich alleine nicht handeln kann?

Einen bedside Test durchführen. Ja wenn man nicht mehr kann, krank melden. Mit schlechter Laune oder völlig erschöpft zur Arbeit gehen kann sich speziell in diesem Job als Bumerang erweisen.

cartablanca
23.05.2021, 15:45
Was auch maximal nervt, ist dass aufgrund dieses Datenschutzgedöns die Namen nicht mehr auf den Konserven stehen, sodass man eine 11 stellige Nummer abgleichen muss, was nach 14 Stunden Arbeit richtig Spaß macht. Mal wieder ein Beispiel dafür wie man mit Regelwut Dinge nur verschlimmbessert. Hauptsache der Großteil der Bevölkerung stellt sein gesamtes Privatleben in social media öffentlich aber auf den Namen auf der Konserve oder den Patientenplan im Stationszimmer kommt es an. Weil ist ja nicht so als ob das 60 Jahre lang kein Problem war.

daCapo
23.05.2021, 16:07
Was auch maximal nervt, ist dass aufgrund dieses Datenschutzgedöns die Namen nicht mehr auf den Konserven stehen, sodass man eine 11 stellige Nummer abgleichen muss, was nach 14 Stunden Arbeit richtig Spaß macht. Mal wieder ein Beispiel dafür wie man mit Regelwut Dinge nur verschlimmbessert. Hauptsache der Großteil der Bevölkerung stellt sein gesamtes Privatleben in social media öffentlich aber auf den Namen auf der Konserve oder den Patientenplan im Stationszimmer kommt es an. Weil ist ja nicht so als ob das 60 Jahre lang kein Problem war.

Achso sowas ist das. Bestimmt irgendein Rentner mit zuviel Tagesfreizeit hat sich beklagte, dass sein Name auf der Konserve steht...dabei ist es ein extrem wichtiges Sicherheitsmerkmal. Habe leider das Gesetz nicht mitbekommen und gedacht, dass Ist unterschiedlich je nach Institut.

HoldenHQ
23.05.2021, 16:11
wenn man nicht mehr kann, krank melden. Mit schlechter Laune oder völlig erschöpft zur Arbeit gehen kann sich speziell in diesem Job als Bumerang erweisen.

Man kann sich aber nicht ständig krank melden, ohne Konsequenzen zu spüren

daCapo
23.05.2021, 16:40
Man kann sich aber nicht ständig krank melden, ohne Konsequenzen zu spüren

Dann kannst du mit den Vorgesetzten das diskutieren oder auch Mal wechseln...

cartablanca
23.05.2021, 16:44
Was willst du denn sonst machen? Du kannst die Situation verändern. Du kannst dich der Situation entziehen. Oder du hälst es aus. Mehr gibts da nicht. Situation verändern kann man durch Gespräch mit Vorgesetzten und Einschalten der Behörden erreichen (theoretisch). Der Situation entziehen kannst du indem du dich krank meldest, Urlaub einreichst oder aber wechselst. Man kann ja auch innerhalb eines Krankenhauses um eine Rotation bitten. Dann kannst du es noch aushalten bis du Burnout kriegst oder nicht, aber irgendwann voller Verbitterung auf die ganzen Jahre zurück blickst, die man dir genommen hat. In jedem Fall sollte man in so einer Situation schon mal vorbereiten zu wechseln. Das heißt nicht konkrete Schritte unternehmen. Einfach mal schauen wo es in der Umgebung stellen gibt, mit Leuten reden und evtl. schon mal Bewerbungen vorbereiten.

daCapo
23.05.2021, 17:28
Situation verändern kann man durch Gespräch mit Vorgesetzten und Einschalten der Behörden erreichen (theoretisch).

Theoretisch gibt es auch einen Betriebsrat. Wird auch eher negativ aufgenommen, wenn du da hingehst...
Auch an diesem Franziskus Krankenhaus in Köln (https://www.express.de/koeln/skandal-im-st--franziskus-hospital-aerztin-vertauscht-blut--patient-tot--5188892) wird es einen Betriebsrat gegeben haben, und trotzdem gab es entsprechende prekäre Organisationsstrukturen. Und die Dienstzeiten wurden nur unzureichend angepasst laut dem Urteil.

>>Zunächst war sie nach einer – in dieser Form eigentlich nicht mehr zulässigen – 63-Stunden-Woche zu einem weiteren 24-Stunden-Notdienst eingeteilt, der sie als Berufsanfängerin mit Notfallpatienten mehr oder weniger allein ließ.

Die nach bereits mehr als 12-stündiger ununterbrochener Dienstzeit übermüdete und am Rande der Erschöpfung stehende Angeklagte wurde darüber hinaus mit Aufgaben betraut, die sie nach ihrem Ausbildungsstand nicht hätte wahrnehmen dürfen. Die Vornahme von Bluttransfusionen setzt nämlich eine besondere Schulung voraus, die umgangssprachlich „Blutführerschein“ genannt wird und in der der junge Arzt mit den besonderen Abläufen und Sicherheitsmaßnahmen bei Bluttransfusionen vertraut gemacht wird. Diese Schulung hatte die Angeklagte zum Zeitpunkt der hier abzuurteilenden Vorfälle noch nicht erhalten; gleichwohl wurde sie durch die Klinikverwaltung durch die Diensteinteilung in eine Situation gebracht, in der die Vornahme solcher Transfusionen während eines Notdienstes praktisch zwangsläufig anfallen musste. Dass die Angeklagte sich hiergegen nicht zur Wehr gesetzt hat, mag ihr vorgeworfen werden. Angesichts ihrer beruflichen Situation erscheint dieser mangelnde Mut allerdings nachvollziehbar.

Auch dass sie während ihres Einsatzes durch das Labor zwei quasi identisch aussehende Blutkonserven für zwei verschiedene Patienten mit verschiedenen Blutgruppen gleichzeitig erhielt, erhöhte angesichts ihres angegriffenen Allgemeinzustandes die Wahrscheinlichkeit für Fehler ganz erheblich.

In Wahrnehmung dieser organisatorischen Mängel hat die Krankenhausverwaltung entsprechend reagiert:

Eine gleichzeitige Aushändigung mehrere Blutkonserven ist heute ausgeschlossen.

Außerdem hat die Klinik ihre organisatorischen Fehler auch hinsichtlich der Belastung der Ärzte und ihrer Ausbildung erkannt:

Die Arbeitsverträge wurden zwischenzeitlich so geändert, dass die unzulässig langen Dienstzeiten verkürzt wurden – wenn auch nur in unzureichendem Maße.>>


Der Chefarzt ist verantwortlich für die Organisationsstrukturen. Ich gehe mal davon aus, dass einfach die Organisation&Strukturen geändert wurden als Konsequenz. Und das auch noch unzureichend, wie im Urteil zu lesen. Bemerkenswert.
https://www.iww.de/cb/recht/strafrecht-transfusionszwischenfall-wegen-arbeitsueberlastung-chefarzt-in-organisationsverantwortung-f66830

https://arge-medizinrecht.de/wp-content/uploads/2018/05/ag-medstrafrecht-18-ftagung-dr-dorn-01.pdf
<<<Mögliche Strafbarkeit der Geschäftsführung: Ggf. nach§§ 222, 14 StGB wegenfahrlässiger Tötung
Hier: in Nebentäterschaft zur behandelnden Ärztin, da sich die vonder Geschäftsführung zu vertretenden Organisationsentscheidungenbzw. -versäumnisse ebenfallskausal im Tod des Patientenzurechenbar ausgewirkt haben.
Hier können Geldbußen von bis zu einer Million Euroverhängtwerden, für die eine Haftpflichtversicherung jedenfalls nicht eintretenwürde

Die Tragweite des Problems erschließt sich offenbar weniger bei einem Blick auf die Rechtslage in der Theorie als vielmehr bei einer Analyse derRechtspraxis:„Insofern ist rechtspraktisch in der Tat zu konstatieren, dass in der Spitze Führungsverantwortliche von Kliniken von strafrechtlicherVerfolgung – schon im Sinne dahingehender Ermittlungen –regelmäßig ausgenommen sind.“>>>

Fazit: In der Praxis wird die Geschäftführung regelmäßig nicht belangt.



Der Situation entziehen kannst du indem du dich krank meldest, Urlaub einreichst oder aber wechselst. Man kann ja auch innerhalb eines Krankenhauses um eine Rotation bitten. Dann kannst du es noch aushalten bis du Burnout kriegst oder nicht, aber irgendwann voller Verbitterung auf die ganzen Jahre zurück blickst, die man dir genommen hat. In jedem Fall sollte man in so einer Situation schon mal vorbereiten zu wechseln. Das heißt nicht konkrete Schritte unternehmen. Einfach mal schauen wo es in der Umgebung stellen gibt, mit Leuten reden und evtl. schon mal Bewerbungen vorbereiten.


Ganz genau, nämlich für Veränderung und die rechtskonforme Organisation ist die Leitung verantwortlich und erhält hierfür das dicke Geld, verantwortlich dafür ist explizit nicht der Arzt in Weiterbildung.
Wenn es bei dem Arbeitgeber noch mehr solche "Probleme" und "Verhältnisse" gibt (kann durchaus mal vorkommen, wenn man 20 Jahre nix verändert/anpasst), ist es wahrscheinlich am besten sich was anderes zu suchen und vorher bei den neuen Arbeitgebern rauszufinden, wie die Strukturen sind.

In meiner ersten Famulatur Cardio-Innere haben mir die Ärzte gesagt, sie arbeiten von 8 bis ca. 21 Uhr-22 Uhr (vor allem wegen organisatorischer Mängel der Klinik), manchmal auch 24 Uhr. Damals für 1900 Netto. Zwar fand ich die Theorie und Vorlesungen der Inneren Medizin im Studium sehr interessant, aber die Praxis ist war dann doch sehr ernüchternd fachlich und noch mehr organisatorisch. Hatte das für mich eigentlich komplett ausgeschlossen.

HoldenHQ
23.05.2021, 17:44
In meiner ersten Famulatur Cardio-Innere haben mir die Ärzte gesagt, sie arbeiten von 8 bis ca. 21 Uhr-22 Uhr (vor allem wegen organisatorischer Mängel der Klinik), manchmal auch 24 Uhr. Damals für 1900 Netto. Zwar fand ich die Theorie und Vorlesungen der Inneren Medizin im Studium sehr interessant, aber die Praxis ist war dann doch sehr ernüchternd fachlich und noch mehr organisatorisch. Hatte das für mich eigentlich komplett ausgeschlossen.

Das mal eine Geschäftsführung belangt wurde, habe ich noch nie gehört. Anscheinend kam sie ja auch in dem oben erwähnten Fall ungeschoren davon, während die Ärztin vor Gericht stand und glDa ücklicherweise nicht noch zusätzlich bestraft wurde. ständig von 8 bis nach 22 regelhaft zu arbeiten dürfte eine ähnliche Wirkung haben, wie ein Arzt mit 1,00 Promille Alkohol. Innere hab ich für mich-obwohl sehr intreressantes Fach-Mittlerweile ausgeschlossen. In meinen Famulaturen habe ich ähnliches erlebt wie du. 6 Jahre würde ich es in der Inneren nicht aushalten. Dann lieber ein kleineres Fach mit weniger Gehalt/Einkommen

HoldenHQ
23.05.2021, 17:48
Auch in diesem Fall ist nicht gegen die Geschäftsführung des Krankenhauses ermittelt worden, obwohl nach den Feststellungen des Amtsgerichts wesentliche organisatorische Mängel gegeben waren:
 Möglichkeit der gleichzeitigen Aushändigung mehrerer Blutkonserven
 GestaltungderArbeitsverträgeerlaubteüberlangeArbei tszeiten.
 Am Tag nach dem Geschehen zwang die Geschäftsführung die Angeklagte dazu, eine wahrheitswidrige Erklärung zu unterzeichnen, nach der sie bestätigte, die Fortbildung hinsichtlich der Gabe von Blutkonserven erhalten zu haben.

Ohne Worte. Warum hat man die Geschäftsführung als Mittäter nicht belangt?

cartablanca
23.05.2021, 17:51
Auch in diesem Fall ist nicht gegen die Geschäftsführung des Krankenhauses ermittelt worden, obwohl nach den Feststellungen des Amtsgerichts wesentliche organisatorische Mängel gegeben waren:
 Möglichkeit der gleichzeitigen Aushändigung mehrerer Blutkonserven
 GestaltungderArbeitsverträgeerlaubteüberlangeArbei tszeiten.
 Am Tag nach dem Geschehen zwang die Geschäftsführung die Angeklagte dazu, eine wahrheitswidrige Erklärung zu unterzeichnen, nach der sie bestätigte, die Fortbildung hinsichtlich der Gabe von Blutkonserven erhalten zu haben.

Ohne Worte. Warum hat man die Geschäftsführung als Mittäter nicht belangt?

Soweit ich weiß muss auch ein ärztlicher Mitarbeiter die Einweisung vornehmen. Habe aber schon selbst erlebt, dass es ein nicht ärztlicher Labormitarbeiter ist. Ich glaube, dann ist die Einweisung auch ungültig.

daCapo
23.05.2021, 17:57
Dann lieber ein kleineres Fach mit weniger Gehalt/Einkommen

Das ist doch nicht richtig...es gibt kleinere Fächer mit sogar besseren Einkommen. Einfach mal Google Fragen.

Das ist meine Meinung zu Innere, muss man nicht teilen:
Innere Theorie ist zwar interessant, in der Praxis aber dann doch alles sehr anders.
Ewige Diskussionen um Calciumwerte und Details, eigenwillige Oberärzte, die einem Extraarbeit machen, die sie selbst wahrscheinlich nie machen würden und Tabletten, die der Patient vllt ab und zu nimmt, vom Hausarzt direkt abgesetzt werden oder bis die Packung zu Ende ist trotz ausführlicher Aufklärung. Arbeit, die kein Ende nimmt. Patienten mit zuvielen Comorbiditäten, um wirklich noch was rumzureißen wie es in der Chirurgie geht.

daCapo
23.05.2021, 17:59
Soweit ich weiß muss auch ein ärztlicher Mitarbeiter die Einweisung vornehmen. Habe aber schon selbst erlebt, dass es ein nicht ärztlicher Labormitarbeiter ist. Ich glaube, dann ist die Einweisung auch ungültig.

Das sollte im Idealfall der Transfusionbeauftrage machen und zwar bevor der neue Mitarbeiter die Transfusionen anhängt. Hat bei mir die Klinik immer gemacht. Gab so Einführungstage...mit Transfusionsfortbildung, Brandschutz, Arbeitsschutz, wie schreibe ich Briefe usw. usw.
In der kleinen Inneren Abteilung hat es der Transfusionsbeauftrage gemacht. Da die Kollegin schwanger war, war Transfusionen und alle Blutabnahmen und Zugänge meine Aufgabe auf der gesamten Station.

urinbeutel
23.05.2021, 18:01
Puh, hat jemand ne Idee, wo man am besten sein Innere Jahr für Allgemeinmedizin macht ohne komplett zerstört zu werden?

daCapo
23.05.2021, 18:03
Puh, hat jemand ne Idee, wo man am besten sein Innere Jahr für Allgemeinmedizin macht ohne komplett zerstört zu werden?

PJ Berichte, Mund-zu.-Mund Propaganda, kununu, glassdoor...Strukturen vorher anschauen bei Hospitation und dort Fragen stellen und mit den anderen Ärzten in Weiterbildung sprechen.
1 Jahr kann man eigentlich überall schaffen....Zur größten Not 6 Monate da und 6 Monate dort.
Möglich ist auch noch Geriatrie, die für Allgemeinmedizin eine WB Berechtigung haben.

daCapo
23.05.2021, 18:06
Ohne Worte. Warum hat man die Geschäftsführung als Mittäter nicht belangt?

In der Rechtspraxis unüblich, obwohl theoretisch Mio-Strafen möglich sind. Man begnügt sich damit, dass die mangelhaften Strukturen abgestellt werden. Wirklich eine Schande meiner Ansicht nach.

HoldenHQ
23.05.2021, 18:19
IWirklich eine Schande meiner Ansicht nach.

Definitiv! Allerdings hätte ich mich wahrscheinlich nicht zur Unterschrift nötigen lassen. Aber wenn man in so einer Ausnahmesituation ist, ist es verständlich, dass man da vorschnell unterschreibt

daCapo
23.05.2021, 18:20
Definitiv! Allerdings hätte ich mich wahrscheinlich nicht zur Unterschrift nötigen lassen. Aber wenn man in so einer Ausnahmesituation ist, ist es verständlich, dass man da vorschnell unterschreibt

Das ist auch positiv für die Angeklagte bei der Urteilsfindung berücksichtigt worden.