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Endoplasmatisches Reticulum
12.07.2021, 12:43
Naja, klingt schon ein bisschen so, als würdest du es ihnen missgönnen ;) Wie gesagt: Der Durchschnittsdeutsche denkt, die Pfleger würden sich 80h/Woche ohne Schlaf zum Hungerlohn für ihre Patienten abrackern. Dass viele Pfleger beim Stundenlohn teilweise besser wegkommen als die WBA wird vergessen. Ärzte sind die Götter in weiß, die mit 35 mit dem Porsche zur geerbten Praxis fahren.
Nee. Missgönnen hieße "Ich habe nichts, also sollen andere auch nichts haben." Ich sage "Wenn andere bekommen, will ich auch." Jemandem Neid vorwerfen ist im Wesentlichen ein Ad-Hominem-Angriff. Daher hatte ich in meinem Beispiel explizit Ärze und Pfleger aus dem Modell gestrichen. Würde der Durchschnittsdeutsche in meinem abstrakten Beispiel sagen, dass Gruppe B unfair behandelt wird? Ich denke schon. Würde der Durchschnittsdeutsche es absolut gerechtfertigt finden, wenn sich Gruppe B beschwert? Ich denke auch. Wenn sich dieses Empfinden schlagartig ändert in Abhängigkeit der Gruppenlabel, dann haben wir ein Problem, das doch etwas komplexer ist, als dass man es einfach als Charakterschwäche der benachteiligten Gruppe abtun sollte.
Übertriebene Tariferhöhungen werden die aktuelle Situation nur verschärfen, weil als Gegenregulation einfach die Arbeit weiter verdichtet wird. Den einzigen Hebel sehe ich in der Einhaltung der Arbeitszeitgesetze und in einer deutlichen Verteuerung von Nacht-, Bereitschaftsdienstzeit und der Überstunden.
Ich denke, die Arbeitsverdichtung kommt so oder so. Die Häuser haben fette rote Zahlen gemacht und werden die auf die Schultern der Ärzteschaft ausbreiten. Wir brauchen als Ärzte nicht als einzige bescheiden tun aus Angst vor Dingen, die unausweichlich sind. Und wenn ich eh buckeln muss bis ich kotze, dann finanziere ich damit lieber mein eigenes gut verhandeltes Gehalt als das anderer Berufsgruppen, die im Umkehrschluss herzlich wenig Aktionismus für mich als Arzt übrig haben.
Aber wenn du einen gescheiten Nacht-, Feiertags- bzw. Überstundenzuschlag wie in der Industrie (mag eigentlich Industrievergleiche nicht) bekommen würdest, lohnt es sich finanziell mehr als 3% Tariferhöhung. Außerdem gäbe es einen Anreiz für den AG, das zu vermeiden.
Habe im Studium in den Ferien jedes Jahr in einem Chemiekonzern in der Produktion gearbeitet. Die Leute haben sich um die Feiertagsnachtschichten geprügelt.
Ich sehen das aber wie du, ER, die Arbeitsbedingungen werden eher schlechter. Noch kann man in der Niederlassung eine gediegene Nische finden. Aber das wird sich auch ändern. Durch die steigende Zahl angestellter Ärzte wird die Kontrolle und Abschöpfung abgegeben - ich nehme mich da nicht raus. Gehöre zu denjenigen, die die Selbstständigkeit scheuen.
GelbeKlamotten
12.07.2021, 13:34
Übertriebene Tariferhöhungen werden die aktuelle Situation nur verschärfen, weil als Gegenregulation einfach die Arbeit weiter verdichtet wird. Den einzigen Hebel sehe ich in der Einhaltung der Arbeitszeitgesetze und in einer deutlichen Verteuerung von Nacht-, Bereitschaftsdienstzeit und der Überstunden.
Sehe ich nicht so. Einfach weil die körperliche Belastbarkeit des Personals natürliche Grenzen hat. Man sieht in Abteilungen, in denen mehr als 60 Wochenstunden die Regel sind, dass eine zusätzliche Eskalation durch zB Schwangerschaften oder längere Krankmeldungen das Fass dann doch zum überlaufen bringt und dann irgendwann doch Massenkrankmeldungen und Kündigungen losgehen. Der Regler „Arbeitsverdichtung“ steht vielerorts schon relativ nah am Anschlag und kann eben dank unüberwindbarer natürlicher Grenzen nicht beliebig weitergedreht werden.
Denke auch, dass die meisten am Anschlag arbeiten. Aber man kann immer noch einen Tropfen rausquetschen. Habe schon mehrfach Phasen erlebt, wo wir dachten alles fällt zusammen. Aber der GAU ist (leider) immer ausgeblieben.
Nee. Missgönnen hieße "Ich habe nichts, also sollen andere auch nichts haben." Ich sage "Wenn andere bekommen, will ich auch." Jemandem Neid vorwerfen ist im Wesentlichen ein Ad-Hominem-Angriff. Daher hatte ich in meinem Beispiel explizit Ärze und Pfleger aus dem Modell gestrichen. Würde der Durchschnittsdeutsche in meinem abstrakten Beispiel sagen, dass Gruppe B unfair behandelt wird? Ich denke schon. Würde der Durchschnittsdeutsche es absolut gerechtfertigt finden, wenn sich Gruppe B beschwert? Ich denke auch. Wenn sich dieses Empfinden schlagartig ändert in Abhängigkeit der Gruppenlabel, dann haben wir ein Problem, das doch etwas komplexer ist, als dass man es einfach als Charakterschwäche der benachteiligten Gruppe abtun sollte.
Ich meine das nicht böse. Ich kann dein Empfinden ja gut nachvollziehen. Wir sitzen im selben Boot und Debatten über Wording sollten da keine Rolle spielen.
Ich denke, die Arbeitsverdichtung kommt so oder so. Die Häuser haben fette rote Zahlen gemacht und werden die auf die Schultern der Ärzteschaft ausbreiten.
Ja, sehe ich auch so.
Sehe ich nicht so. Einfach weil die körperliche Belastbarkeit des Personals natürliche Grenzen hat. Man sieht in Abteilungen, in denen mehr als 60 Wochenstunden die Regel sind, dass eine zusätzliche Eskalation durch zB Schwangerschaften oder längere Krankmeldungen das Fass dann doch zum überlaufen bringt und dann irgendwann doch Massenkrankmeldungen und Kündigungen losgehen. Der Regler „Arbeitsverdichtung“ steht vielerorts schon relativ nah am Anschlag und kann eben dank unüberwindbarer natürlicher Grenzen nicht beliebig weitergedreht werden.
Könnte man meinen. Habe aber zu oft mitbekommen, dass die Chefs es dann doch bis an die absolute Grenze treiben.
Dass die Pflege im Moment die weit bessere Lobby hat, stimmt sicherlich. Die Frage ist doch, wie könnte man die Lobbyarbeit auf ärztlicher Seite verbessern?
Puh. Im ersten Schritt müsste man die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekommen (bekommt man, denke ich, am ehesten durch einen großangelegten Streik). Dann muss man die Öffentlichkeit auf seine Seite bekommen - am besten durch eine charismatische, junge Führungspersönlichkeit, die dann in den Talk Shows schildert, was in den Krankenhäusern alles schiefläuft. Material bietet allein dieses Forum genug. Wird das passieren? Eher nicht. Ich resigniere leider auch immer mehr. Vor ein-zwei Jahren habe ich mir noch die Option der Niederlassung als Karotte vor die Nase gehalten, aber auch da verschlechtern sich die ja die Perspektiven immer mehr. Aber zum Jammern gibts schon genug Threads :D
medicinentia
12.07.2021, 18:03
Wie steht’s eigentlich um Alternativen zum MB ? Gibts da was brauchbares ? Oder müssten das dann die Assis erst selbst noch erfinden / gründen :D
Kleines Detail: Als Spitzenverdiener können wir ab Herbst auch mit einer saftigen Steuererhöhung rechnen (die kommt auch unter Kanzler Laschet - sein Gerede, der wirtschatliche Aufschwung werde die Covid-Schulden abbauen, erinnert frappierend an Helmut Kohl nach der Wende, der dann auch die Steuern erhöht hat).
Dazu kommen dann 4-5% Inflation.
Vielleicht knacken wir das Reallohn-Minus von 10% dieses Jahr. Glaube ich zwar nicht ganz, aber möglich ist es.
Aber hey, wir arbeiten ja aus Berufung heraus.
Matzexc1
12.07.2021, 19:00
Dazu kommen dann 4-5% Inflation.
Hast du eine Quelle oder ist das mehr Vermutung?
Vielleicht knacken wir das Reallohn-Minus von 10% dieses Jahr. Glaube ich zwar nicht ganz, aber möglich ist es.
Aber hey, wir arbeiten ja aus Berufung heraus.
Aber auch nur bis ich meine FA-Urkunde habe. Danach sieht dieses Land für den Rest meines Lebens keine Steuern mehr von mir... Außer vllt MW-Steuer, wenn ich meine Eltern besuche. ;-)
Matzexc1
12.07.2021, 19:05
Aber auch nur bis ich meine FA-Urkunde habe. Danach sieht dieses Land für den Rest meines Lebens keine Steuern mehr von mir... Außer vllt MW-Steuer, wenn ich meine Eltern besuche. ;-)
*gefaelltmir*
Es droht nur eine Steuer nach Staatsbürgerschaft, die Idee ist gerade bei Grün verbreitet
Theoretisch hast du Recht - bei den meisten Freunden und Bekannten sowie in meinem eigenen Haus hat das mit den Überstunden rein gar nichts gebracht. Warum sollte es auch? Die gängige Praxis war ja davor schon illegal und das wurde in der Breite ignoriert
Dann kann man einfach so weitermachen.
Genau. Aber genauso "sinnvoll" es ist wenn das Arbeitszeitgesetz nicht eingehalten wird auf die Bundesregierung zu schimpfen, genauso "sinnvoll" ist es den Marburger Bund dafür verantwortlich zu machen wenn gute Regelungen nicht eingehalten werden. Aber niemand hier kommt auf die Idee bzgl. Arbeitszeitgesetz auf die Bundesregierung zu schimpfen, aber viel zu viele sind der Meinung dass der MB die Regelungen nicht gut durchsetzt... muss man jetzt nicht verstehen...
Den einzigen Hebel sehe ich in der Einhaltung der Arbeitszeitgesetze und in einer deutlichen Verteuerung von Nacht-, Bereitschaftsdienstzeit und der Überstunden.
Und genau das hat der MB getan. Die Bereitschaftsdienstzeiten verteuert. 10% mehr für jede einzelne Stufe. Hinzu kommen Zuschläge für kurzfristiges Einspringen, wenn man mehr Bereitschaftsdienste macht etc. Ich finds cool.
Dass die Pflege im Moment die weit bessere Lobby hat, stimmt sicherlich. Die Frage ist doch, wie könnte man die Lobbyarbeit auf ärztlicher Seite verbessern?
Indem man die Arbeit des MB wertschätzt zum Beispiel?
Dazu kommen dann 4-5% Inflation.
Hast du eine Quelle oder ist das mehr Vermutung?
Die Berechnung der Inflationsrate soll geändert werden dass Wohnen mehr miteinfließt. Und zack hast du mehr Inflation ;-)
Nefazodon
12.07.2021, 19:52
*gefaelltmir*
Es droht nur eine Steuer nach Staatsbürgerschaft, die Idee ist gerade bei Grün verbreitet
Abwarten. Das dürfte real nicht ganz so leicht umzusetzen sein. Vor allem müssten da, damit es wirklich greift, ggf. auch andere europäische Länder mitspielen.
Halte das erstmal nur für ein "Schreckgespenst".
Aber was genau hat das mit dem Marburger Bund zu tun???:-notify
*gefaelltmir*
Es droht nur eine Steuer nach Staatsbürgerschaft, die Idee ist gerade bei Grün verbreitet
Wie in den USA ;-).
*gefaelltmir*
Es droht nur eine Steuer nach Staatsbürgerschaft, die Idee ist gerade bei Grün verbreitet
Im Gegensatz zur USA hat die deutsche Bürokratie aber keine Möglichkeit die z.B. in Neuseeland oder Australien einzutreiben. Können sich natürlich aufprustern und 150% Steuern verlangen, aber jucken tut es mich nicht. Zur Not besuchen meine Eltern eben mich und nicht umgekehrt...
Achso: Noch ein Nachtrag: Auch wenn hier auf dem Marburger Bund viel geschimpft wird. Es wurde viel erreicht. Ich kann nur jedem, der nach Tarif in den Spitälern arbeitet, empfehlen sich dort zu engagieren. Ich war selbst mal etwas enttäuscht von der Rechtsabteilung dort und bin danach ausgetreten. Aber das ist jetzt vergeben. Inzwischen arbeite ich nicht mehr nach Tarif.
Nefazodon
12.07.2021, 20:03
Wie in den USA ;-).
Die USA haben aber mit vielen Ländern Doppelbesteuerungsabkommen, um eben eine Doppelbesteuerung zu vermeiden.
Und sollte jemand doch in einem anderen Land steuerpflichtig sein (Edit: z.B. in Deutschland), kann er sich das auf die Steuer in den USA anrechnen lassen.
Und so wäre es bei einer Besteuerung die nach Staatsbürgerschaft geht und nicht territorial in D wohl auch.
Alles andere würde vor den Gerichten landen.
Also alles halb so wild meiner Meinung nach.
Achso: Noch ein Nachtrag: Auch wenn hier auf dem Marburger Bund viel geschimpft wird. Es wurde viel erreicht. Ich kann nur jedem, der nach Tarif in den Spitälern arbeitet, empfehlen sich dort zu engagieren. Ich war selbst mal etwas enttäuscht von der Rechtsabteilung dort und bin danach ausgetreten. Aber das ist jetzt vergeben. Inzwischen arbeite ich nicht mehr nach Tarif.
Und, bist Du wieder Mitglied? Oder lohnt es sich für dich subjektiv nicht mehr, da Du ja nicht mehr tarifgebunden arbeitest?
Würdet ihr summa summarum also sagen dass man beitreten soll oder nicht? Bin kein Mitglied und schon seit einiger Zeit am Überlegen ob sich die Beitragskosten lohnen oder nicht.
Endoplasmatisches Reticulum
12.07.2021, 20:26
Nichts ließe sich leichter implementieren als eine automatisierte Zeiterfassung. Elektronisch mit Chipkarte. Ohne Anwesend-Status kein Login ins KIS, keine Schließberechtigung für Türen, keine Möglichkeit als Operateur/Assi vom Pflegepersonal eingetragen zu werden. Bekommen haben wir "Elektronische Erfassung, oder ähnlich genau" und Oberärzte die meinen, eine Excel-Tabelle in Oberarzthand, die dann einmal im Monat ins Dienstplanprogramm übertragen wird oder nicht, wäre ja "elektronisch". Schon ist der Schwarze Peter wieder bei den Assis und im Forum ließt man: Wehrt euch doch, wenn's euch nicht passt.
Ich weiß nicht, in welchen Krankenhäusern die Menschen arbeiten. In allen Häusern, in denen ich in den letzten 2-3 Jahren hospitiert habe, haben die Assistenten mir erzählt, dass Überstunden unverändert ein ziemliches Problem sind. Und eine irgendwie geartete Anwesenheitserfassung abseits von zu genehmigenden Überstundenzetteln habe ich auch noch nicht gesehen. Ich glaube, da rührt viel Missverständnis hier im Forum her. Es gibt wohl einfach Leute, die erleben, dass so etwas umgesetzt wird. Die verstehen das Probelm nicht und meinen, die Assis wären weltfremde Motzer. Und es gibt Leute, die noch nie etwas von einer Umsetzung irgendwelcher Tarifvereinbarungen gespürt haben. Die verstehen das Gerede von "Es tut sich doch ganz viel" nicht. Die Wahrheit liegt vermutlich mal wieder in der Mitte. Und ist wohl auch regional geprägt, mit Tälern in den Ballungsgebieten?
Nefazodon
12.07.2021, 20:27
Würdet ihr summa summarum also sagen dass man beitreten soll oder nicht? Bin kein Mitglied und schon seit einiger Zeit am Überlegen ob sich die Beitragskosten lohnen oder nicht.
Ich persönlich finde: JA!
Der Marburger Bund ist die einzige Adresse, die überhaupt *versucht* ärztliche Arbeitsbedingungen zu verbesser und sich für die Assistenzärzte einsetzt. Und wie anignu und Valoron schon gesagt haben: Es wurde auch etwas erreicht. (Auch wenn da sicherlich noch Luft nach oben ist und mehr wünschenswert wäre).
Allein das ist mir meine Beiträge wert.
Hast du eine Quelle oder ist das mehr Vermutung?
Die Großhandelspreise ziehen aktuell massiv an (+10% im Vergleich zum selben Monat im Vorjahr), in den USA wird mit 4-5% Inflation gerechnet. Auch die Preise für Rohmaterialien gehen durch die Decke. Mal sehen.
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