Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Parallelen zwischen Medizin und Militär
Autolyse
17.08.2023, 21:24
Ich suche hier immer noch die wirklich durchgreifenden Ähnlichkeiten. Soldaten haben alle die gleichen Klamotten an. Wie überraschend, das hat nicht nur Praktikabilitätsgründe, sondern ist völkerrechtliche Verpflichtung, weil reguläre Streitkräfte die Uniform ihrer Konfliktpartei tragen. Im Übrigen wären die Gesellen auf der Walz dann genauso militärisch geprägt, schließlich gilt für die auch eine strenge Vorgabe hinsichtlich der Zunftkleidung.
Drill in der soldatischen Ausbildung hat auch nichts mit Brechen zu tun, sondern dient dem Schutz des Soldaten in Extremsituationen. Je gestresster man ist, desto mehr fällt man in automatisierte Verhaltensweisen zurück. Um ein automatisiertes Bewegungsprogramm einzuüben braucht es aber einige tausend Wiederholungen (~10.000, da mögen die Experten mich korrigieren). Drillmäßig geübt wird aber nicht das Schuhe putzen, sondern das Verhalten im Gefecht, mit dem Ziel, dass der Soldat unter Beschuss handlungsfähig bleibt, denn nur das sichert sein Überleben. Und da gehören viele Dinge zu und das ist nicht das Zerlegen und Zusammensetzen der 80er-Jahre-Wehrpflicht. Gleichzeitig muss das auch langsam beginnen, denn ich kann nicht mit Überschießübungen anfangen.
Was auch überhaupt nicht passt, ist die Tatsache, dass jeder Großkopferte der Medizin seine ärztlichen Laufburschen problemlos ersetzen könnte. Das ist nur nicht wirtschaftlich. Das ist aber militärisch undenkbar. Der Zugführeroffizier kann nicht den GraMaWa-Truppführer (von mir aus auch was beliebiges anderes aussuchen, Scharfschützentruppführer meinetwegen) ersetzen, ist auch nicht seine Aufgabe. Vielmehr wird umgekehrt ein Schuh draus: Der OSG als stellvertretender Gruppenführer muss den Porteepisten zumindest taktisch ersetzen können, wenn der ausfallen sollte. Jetzt versetzen wir das ganze mal in eine technische Staffel: Ich kann als TO gar nicht die Voraussetzungen erfüllen, die man als Prüfer für luftfahrzeugtechnische Prüfungen braucht, wiederum, ist auch nicht meine Aufgabe. Der militärische Führer muss wissen, was das unterstellte Personal leisten kann und es entsprechend einsetzen (und überprüfen, dass der Auftrag umgesetzt worden ist; mit dem kleinen Unterschied, dass es mein Versagen als militärischer Vorgesetzer ist, wenn das Kräftedispositiv nicht passt und ich mich nicht rausreden kann mit "Ja, da hätte der Hauptgefreite Dosenkohl im Alarmposten 4 nur schneller schießen müssen, dieser Lowperformer der Generation Z,"), aber er kann es nicht ersetzen.
Tramaldol
17.08.2023, 23:38
Also Chirurgie ist nunmal kein Bürojob mit HomeOffice. Jeder Chirug guckt sich Wunden an, geht in den OP und sitzt nunmal nicht den ganzen Tag am PC mit Kaffee. Und dafür brauch man nunmal die Bereichskleidung. Bei einer Psychotherapiesitzung ist wegen fehlender Infektionsgefahr natürlich KEINE Bereichskleidung unbedingt notwendig.
Nochmal zu Vergleiche mit der Armee. Natürlich werden Soldaten / Rekruten ersetzt und unliebsame Personen entfernt oder auf die Stille Treppe gesetzt. Sieht man doch jetzt gerade erst wieder im Krieg der Ukraine<>Russland/Wagneraufstand. Das ist für mich eine Ähnlichkeit im Sinne von Wo gehobelt wird, fliegen Spähne.
@MBS: Es ist ja wohl allgemein bekannt seit dem Studium, spätestenst nach dem PJ, dass sich in der Chirurgie gern angegangen wird, ein rauer Umgangston herrscht, "es von Außenstehenden als militärisch beschrieben wird", große Egos mit Geltungsbewusstsein vorhanden sein können, leicht Selbstverliebte Leute tummeln, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Wenn dir das (wie vielen anderen auch) nicht zusagt, warum gehst du überhaupt in dieses Fach? Das weiß man doch eigentlich vorher? Und es ist einer der Hauptgründe sich davon fernzuhalten.
Ich wiederhole mich gerne nochmal: die dauernd vorgebrachte "Bereichskleidung der Chirurgen" existiert in der Form nur so teilweise. In mehreren Kliniken in denen ich gearbeitet hab wurde neben der offiziellen Kleidung regelmäßig von einigen Leuten auch andere Kleidung getragen, ohne dass dies ein Problem war.
Und zu den restlichen Vorurteilen gegenüber der Chirurgie: auch hier werden die Behauptungen nicht wahr nur weil man sie mehrfach wiederholt. Ihr hört aber nicht mehr zu sondern wiederholt nur ständig eure Vorurteile...
Uniformen verleihen auch immer eine gewisse Art der Autorität. Das ist doch nichts schlechtes. Ich finde es gut, dass der Patient erkennen kann, dass ich hier als Arzt arbeite.
Eine weiße Hose + weißes Polo-Shirt hat jetzt aber nicht wirklich viel mit Uniform zu tun. Noch weniger wenn ein Teil der Abteilung stattdessen Kasack in verschiedenen Farben, Hemd oder T-Shirt tragen.
Man würde die Funktionskleidung im OP ja auch nicht Uniform nennen nach dem Motto "oh, seht, alle Leute im OP tragen Uniform, die sollen alle gleichgeschaltet werden"...
Ich verstehe eure Probleme hier so gar nicht.
Ihr werft Berufskleidung mit Hierarchie und Ansehen in der Bevölkerung in einen Topf. Und die vorherrschende Meinung scheint zu sein, dass Medizin sehr streng militärisch gehandhabt wird.
1)Meine Güte, bis auf jene, welche wirklich beim Militär (eher Bundeswehr oder anderer Staaten Heere), möchte ich mal behaupten, hat hier keiner so recht Ahnung, was Militärisches Handeln in der Rangfolge bedeutet. Aber: Ja klar ist Medizin schon seit sehr langer Zeit ein strenger Ausbildungsberuf mit durchaus auch scharfer Handlungsanweisung und Kontrolle. Dies ist sicherlich auch dem Ansehen in der Gesellschaft und der potentiell vitalen Bedrohung der Arbeitstätigkeit am Patienten für diese geschuldet. Der Unterschied gegenüber der militärischen Führung dürfte allerdings auch klar strukturell sein: es gibt in der Medizin keine feste Ausbildung auf Führungsebene (meist) & innerhalb des Militärs kann sich jeder Anwesende auf diese Struktur berufen. In der Medizin wird sicher auch schon mal Raubbau an einer strukturell sicheren Führung betrieben. Dabei gibt es (heutzutage) wirklich alles vertreten: vom sehr Obrigkeitshörigen System über flache Hierarchieebenen und alle Zwischenstufen. Profitieren tut in jedem System und in jeder Ausprägung immer derjenige (m/w/d) der sich hierin zurechtfindet und sich gewünscht verhält.
Arztkleidung ist Berufskleidung. Diese Debatte ist hier durchaus erschöpfend erfolgt. Ich (!!) empfinde meine Arztkleidung nicht als Uniform (für mich: formaler Ausdruck einer im gesellschaftlichen Wesen/Exekutive&Legislative weisungsberechtigten Person) sondern als eine Berufskleidung. Schutzkleidung, standesgerecht (haha, ich laufe weitgehend in einer Art Pyjama herum… mein 3jähriges ich würde sich freuen) und der Arbeit angepasst zum Schutz vor Verschmutzung. Ja, ich werde als Ärztin im Kasak und Hose mit Sneakers erkannt, da braucht es keinen Kittel. Das Auftreten macht es. (Und genausooft macht das Auftreten auch die Musik. Ich habe kein Problem damit, dass Angehörige sich nach abschliessenden Gesprächen im Todesfall oder schwerem Verlauf des Patienten erlauben, mir Trost geben zu wollen, dass ich ihnen diese Nachrichten so gebe wie auch ich das fiese böse A*** bin, welches leiderleider Naloxon gegeben hat… ohhhhh) - hey: auch Garderobieren in Theater, Putzfrauen und Verkäufer/innen tragen eine Berufskleidung. Letztere im schicken Geschäft Kleidung vom durchaus höherem Wert als deren Gehalt es zulassen dürfte. Berufskleidung eben. Uniform ist für mich ein Element der Exekutive und Legislative. Meine Notarztkleidung (wenn die PSA vollständig ist). Da sind Streifen drauf. Zu diesem Zeitpunkt bin ich auch weisungsbefugt im Rahmen der örtlichen Exekutive und kann Handlungen vornehmen, muss dieses auch - und dafür trage ich in der Tat die Uniform. Zum Ausdruck dessen. (Und selbstverständlich der Vorschrift gemäss auch korrekt.) Zu diesem Zeitpunkt kann sich jeder in der Gesellschaft und Exekutive, Legislative auch bezüglich Normen, Gesetze und Vereinbarungen mir gegenüber berufen. No less no more.
3) Das auch immer noch sehr hohe Ansehen der Ärzte in der Bevölkerung hat sicher zu in den vielen Vorbeiträgen beklagter hierarchischer Ausbeutung der Untergebenen im System Krankenhaus/Medizin geführt. Menschen neigen nunmal zu Vorteilsnahme und unter den objektiv gesehenen Privilegien des Arztes im Ansehen in der Gesellschaft gegenüber dem Rest dieser wurde & wird auch gerne ausgenutzt, dass man dem jüngeren noch das Leben schwer machen kann. Da kann man heutzutage im Zeitalter des Ärztemangels und der durchweg durchgreifenden Psychologisierung der Gesellschaft zu einer für sich angenehmen Position und Stelle sorgen.
Also, wo bitte seht ihr Medizin und Militär in einem Topf?
Endoplasmatisches Reticulum
18.08.2023, 13:23
Eine weiße Hose + weißes Polo-Shirt hat jetzt aber nicht wirklich viel mit Uniform zu tun.
Naja, doch schon. In dem Sinne, dass es faktisch eine Uniform ist. Weniger in der Intention, die ich auch eher im funktionalen Gedanken als in der Gleichschaltung sehe. Dabei sei gesagt: Wenn schon Funktionskleidung, dann darf die bitteschön auch funktional sein. Wenn man mich zwingt, ausgelabberte, hauchdünne, unförmige Polohemden ohne Taschen in XXL zu tragen, finde ich das tatsächlich extrem ätzend. Wenn es halbwegs solide verarbeitete und vernünftig passende Kasaks mit 3 Taschen sind: Immer her damit!
(Aber dann revoltieren wieder die Mädels, dass sie "Schwester" genannt werden. Niemandem kann man es Recht machen ...)
Im Krankenhaus ist die Funktionskleidung oft auch Signalkleidung. Die meisten Häuser, die ich kenne, haben über die letzten Jahre mehr und mehr berufspezifische Klamotten eingeführt, an denen man die Funktion einer Person erkennt: Praktikant, Azubi, Pfleger, Hebamme, Physio etc. Kasaks in verschiednen Farben, oder mit verschiedenen Streifen. Verschiedene Kittelvarianten. Da findet schon eine Intersektionalisierung der Angestellten statt, und damit hat man auch automatisch einen klaren Uniformierungscharakter. Juckt mich jetzt nicht, ich fühle mich dadurch nicht degradiert. Aber ganz abstreiten lässt sich das nicht.
(Aber dann revoltieren wieder die Mädels, dass sie "Schwester" genannt werden. Niemandem kann man es Recht machen ...)
Werden sie auch in weiß, im Kittel, mit gut sichbarem Namensschild und wenn sie sich vorher als Ärztin vorgestellt haben :-nix
Alternativ erkennen die Patienten mich auch im Kasak als Ärztin. Das ist das Problem weniger die Kleidung als die Person, die vor mir sitzt.
Und ich persönlich "verschwinde" ja sogar ganz gerne ab und zu zwischen den Pflegekräften. Vor allem während der sonntäglichen Verwandtenflut, die doch alle gerne mal mit "dem Doktor" sprechen wollen.
Naja, doch schon. In dem Sinne, dass es faktisch eine Uniform ist. Weniger in der Intention, die ich auch eher im funktionalen Gedanken als in der Gleichschaltung sehe.
Nochmal: bitte differenziere zwischen Uniform = gleichartige Kleidung zum Auftritt in der ÖFFENTLICHKEIT und Arbeitskleidung/Dienstkleidung/Berufskleidung wie sie in extrem vielen Berufen vorkommt!
Aber ganz abstreiten lässt sich das nicht.
Abstreiten lässt sich, dass das mit Militär zu tun hat.
Funktionskleidung hast du überall wo du nur hinschaust: im Restaurant kann man Kellner, Koch und Küchenhilfe anhand der Kleidung unterscheiden, im Schwimmbad Bademeister, Kassenleute und Putzfrauen, auf der Baustelle kann man die einzelnen Firmen/Gewerke auseinanderhalten usw... Es ist gut so dass die Leute bei der Arbeit eine Kleidung haben durch die man ungefähr den Job erkennen kann. Das hilft ungemein und vermeidet Verwechslungen. Ich würd denen im Schwimmbad aber nicht erklären wollen dass es bei denen läuft wie beim Militär. Da kommt einfach Blödsinn raus.
Und nochwas: wenn wir schon über Militär diskutieren. Beim Militär ist die Rangfolge anhand Markierungen der Kleidung ersichtlich. Verschiedene Streifen oder Sterne. Bei der Polizei ebenso, bei der Feuerwehr sind es im Einsatz verschiedenfarbige Westen und Helmmarkierungen sowie auf der Uniform ebenfalls wieder Streifen in verschiedenen Farben... hat man das in der Medizin auch? Wieviele Stufen gibt es denn dann deiner Meinung nach? Man hat nichts dergleichen! Es gibt in der Abteilung entweder hundertausende Stufen (junger AA, älterer AA, Alt-AA, FA, Alt-FA, FOA, OA, gesch. OA, Pers.-OA, LOA, stellv. CA, CA) oder einfach nur die Gruppen der AA, OA und den CA. Völlig unterschiedlich. Für Außenstehende ist das nicht erkennbar. Die Einstufung ist dann nur über ein Namensschild mit Bezeichnung erkennbar.
JumpRopeQueen
18.08.2023, 14:16
Nur mein persönlicher Senf zur Berufsbekleidung, wobei ich den restlichen Aussagen der o.g. Diskussion wie Überlastung, Überstunden, schlechtes Gehalt etc. schon zustimme: ich arbeite in einer psychosomatischen Reha-Klinik. Bei uns tragen alle Berufsgruppen, außer Physiotherapeuten, ihre private Kleidung. Selbst ein bunter Nagellack ist kein Tabu! In meiner letzten Klinik trugen die Psychosomaten ebenfalls Privatzeug, wohingegen wir Psychiater von der gleichen Klinik einen weißen Arztkittel tragen mussten.
Da mir mein Aussehen sehr wichtig ist, und die Kleidung, die ich trage, erheblich zu meiner Persönlichkeit und Identität beiträgt, habe ich mich bewusst für ein Fach entschieden, wo dies ermöglicht wird (nicht zu vergessen ist natürlich auch das vorhandene Interesse an dem Fach).
Ich habe den Eindruck, dass in Psychosomatik generell ganz anders mit einander und mit dem Patienten umgegangen wird. Noch toleranter und demokratischer als in Psychiatrie. Man ist nicht in dieser klassischen Arztrolle mit den sämtlichen dazu gehörigen Arzt-Attributen, wie die berühmten Chefarzt-Visiten, Überstunden, Durcharbeiten während des Bereitschaftdienstes etc., "verfestigt".
Was soll ich sagen, ich kann die Psychosomatik nur empfehlen, obwohl man in der Niederlassung natürlich nicht den Gewinn eines Radiologes oder Augenarztes erwarten kann, es sei denn man hat eine Privatpraxis und macht sich über diverseste private Leistungen vermögend, was ja nicht unmöglich ist.
Endoplasmatisches Reticulum
18.08.2023, 14:29
Abstreiten lässt sich, dass das mit Militär zu tun hat.
Was ich auch nicht behauptet habe. Aber einen uniformierenden Charakter hat Funktionskleidung nunmal auch. Gleichförmige Kleidung. Gleich-förmig. Uni-form.
Nur mein persönlicher Senf zur Berufsbekleidung, wobei ich den restlichen Aussagen der o.g. Diskussion wie Überlastung, Überstunden, schlechtes Gehalt etc. schon zustimme: ich arbeite in einer psychosomatischen Reha-Klinik. Bei uns tragen alle Berufsgruppen, außer Physiotherapeuten, ihre private Kleidung. Selbst ein bunter Nagellack ist kein Tabu! In meiner letzten Klinik trugen die Psychosomaten ebenfalls Privatzeug, wohingegen wir Psychiater von der gleichen Klinik einen weißen Arztkittel tragen mussten.
Da mir mein Aussehen sehr wichtig ist, und die Kleidung, die ich trage, erheblich zu meiner Persönlichkeit und Identität beiträgt, habe ich mich bewusst für ein Fach entschieden, wo dies ermöglicht wird (nicht zu vergessen ist natürlich auch das vorhandene Interesse an dem Fach).
Ich habe den Eindruck, dass in Psychosomatik generell ganz anders mit einander und mit dem Patienten umgegangen wird. Noch toleranter und demokratischer als in Psychiatrie. Man ist nicht in dieser klassischen Arztrolle mit den sämtlichen dazu gehörigen Arzt-Attributen, wie die berühmten Chefarzt-Visiten, Überstunden, Durcharbeiten während des Bereitschaftdienstes etc., "verfestigt".
Was soll ich sagen, ich kann die Psychosomatik nur empfehlen, obwohl man in der Niederlassung natürlich nicht den Gewinn eines Radiologes oder Augenarztes erwarten kann, es sei denn man hat eine Privatpraxis und macht sich über diverseste private Leistungen vermögend, was ja nicht unmöglich ist.
Du hast dir eine Fachrichtung auf Basis der Kleidung und der Ästhetik ausgesucht?
Wie erwähnt, wenn jemand, der kompetent ist wegen so was gekündigt wird, dann ist das nicht in Ordnung. Ich finde auch, dass sich derjenige Selbstschutz aussuchen dürfen sollte, sofern niemand anders gefährdet wird.
Das fällt zwar nicht unter Völkerrecht, aber irgendein Gesetz gibt es diesbezüglich wahrscheinlich auch.
Das ist ja nicht alles - man darf oft auch keine Entscheidungen treffen, beziehungsweise nur als Chef, und dann auch nur wenn der Geschäftsführer damit einverstanden ist, oder es die Einnahmen nicht relevant beeinträchtigt.
Man hat ein Rad im Getriebe zu sein. Ohne eigenen Motor, damit man nicht asynchron laufen könnte. Um keine "Störung" zu riskieren.
So viel auch zur so genannten "Prozessoptimierung" - der optimale Prozess ist der, den wir "schon immer so gemacht haben". Und 24h arbeiten und länger ist auch in Ordnung; man muss doch sein Leben der guten Sache widmen - dem Wohl des Vaterlandes, beziehungsweise seiner (kranken) Bürger. Die persönliche Gesundheit der Bediensteten ist angesichts des höheren Guts sekundär. Und das Gehalt - relativ zu dem ähnlich qualifizierter mit derselben Zahl an abgeleisteten Stunden - spielt da auch keine Rolle. Das Nichtmaterielle, der Schutz höherer Werte ist doch Lohn genug, oder nicht?
Ärzte haben mit die höchsten Selbstmordraten, und eine reduzierte durchschnittliche Lebenserwartung. Warum wohl?
Man darf keine Entscheidungen treffen? Wo hast du denn gearbeitet?
Mein ganzer Tag besteht darin, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Klar, die wenigsten davon sind jetzt bahnbrechende hochkarätige Medizin aber irgendwer will doch immer, dass man jetzt mal dies und jenes entscheidet. Und wenn ich als fortgeschrittene Assistenzärztin da jetzt jedes Mal den Oberarzt anruft, zeigt der mir doch den Vogel.
Das ist ja nicht alles - man darf oft auch keine Entscheidungen treffen, beziehungsweise nur als Chef, und dann auch nur wenn der Geschäftsführer damit einverstanden ist, oder es die Einnahmen nicht relevant beeinträchtigt.
Man hat ein Rad im Getriebe zu sein. Ohne eigenen Motor, damit man nicht asynchron laufen könnte. Um keine "Störung" zu riskieren.
So viel auch zur so genannten "Prozessoptimierung" - der optimale Prozess ist der, den wir "schon immer so gemacht haben".
Vielleicht wär es heilsam, einfach mal ein paar Jahre in einem anderen Job zu arbeiten. Mal schauen, ob du es dort dann wirklich besser findest ;-)
Tramaldol
18.08.2023, 15:43
@mbs: Sowie du schreibst und denkst, ist Chirurgie nicht das richtige Fach für dich, zumindest scheint es so. Ein echter Mismatch. Du bist da vollkommen falsch aufgehoben von der Mentalität. Das wirkt unglücklich. In der Chirurgie herrscht eine Haudrauf- und Ellebogenmentalität durch und durch. Nix für "empfindliche" Nerven (zumindest würde es so mancher Chirurg so sagen). Schau, dass du in ruhigere Gefilde kommst.
Vielleicht wär es heilsam, einfach mal ein paar Jahre in einem anderen Job zu arbeiten. Mal schauen, ob du es dort dann wirklich besser findest ;-)
Ja, oder Psychosomatik, Labor, Tranfusionsmedizin, Arbeitsmedizin. Leute, es gibt doch soviel mehr in der Medizin als die beiden großen Fächer Chirurgie und Innere, die auch gleichzeitig häufig den höchsten Workload und bescheidene Arbeitsbedingungen bieten. Den höchsten Verdienst bringen sie auch nicht. Also wozu, es sei denn man hängt mit seinem Herz an dem Fach.
Auch da ist man nicht frei. Man ist zum angeblichen Selbstschutz verpflichtet, und Hierarchien existieren auch dort.
Was das Entscheiden angeht, haben auf meiner letzten Klinikstelle sogar die Oberärzte solche immer vom Chef absegnen lassen müssen - der wollte alles wissen, und über alles den Überblick behalten, und hat seinen Leuten offenbar nicht vertraut.
Ich habe zwar auch andere Erfahrungen gemacht, aber insgesamt schien mir das Kontrollbedürfnis je nach Abteilung teilweise schon relativ hoch zu sein.
Ellbogenmentalität habe ich nie in richtig krasser Form erlebt, in keinem Fach sind nur "Unmenschen" - sondern eher, dass ich denke, dass alle Akteure in einem System gefangen sind das keiner so wollen kann. Egal auf welcher Hierarchiestufe. Wie beim Militär; wo die Leute Dinge tun, von denen niemand am Ende mehr weiß wie es so weit kommen konnte, ob das wirklich die Form von System ist in dem wir leben wollen. So viel davon ist schädlich für Mensch, Umwelt, und das, was man im Allgemeinen als "Sinnhaftigkeit" bezeichnet.
Und Ansehen ist relativ; mag sein, dass es früher so was mal gab, aber mittlerweile sind diese Zeiten dann definitiv vorbei.
Was den Rest angeht sei auch nur nochmal gesagt, dass alle Nichtmediziner in meinem Freundeskreis nur mit dem Kopf schütteln, wenn man ihnen vom Klinikalltag und den dortigen Arbeitsbedingungen berichtet. So als wären die, die das mitmachen, entweder nicht mehr ganz bei Verstand oder Masochisten.
Allerdings scheinen sich auch immer mehr dagegen zu wehren oder das System zu verlassen. Es ist am Ende auch ein Markt, und wenn kein Angebot da ist, aber eine hohe Nachfrage, dann wachsen vielleicht auch die individuellen Freiheiten und Zugeständnisse, zu denen Arbeitgeber bereit sind. Momentan sind wir aber noch nicht so weit wie mir scheint.
Feuerblick
18.08.2023, 16:26
Ich wollte gerade fragen, in welchem Job (Selbständigkeit mal ausgenommen) man frei und nach eigenem Geschmack Entscheidungen jedweder Art treffen darf. Als Angestellter hat man immer irgendeinen Chef und dass Entscheidungen die Einnahmen der Firma nicht beeinträchtigen sollten, ist wohl selbstverständlich. Ich empfehle dringend einen Blick über den Tellerrand. :-meinung
Alternativ Facharzt und dann selbständig machen. Okay, dann gängelt die KV, aber irgendwas is ja immer.
JumpRopeQueen
18.08.2023, 17:27
Du hast dir eine Fachrichtung auf Basis der Kleidung und der Ästhetik ausgesucht?
Es ist ein sehr von mir geschätzter Bonus. Was ist an der Ästhetik so verwerflich? Wenn einer sich wohl fühlt und dementsprechend auch anders die Arbeit herangeht?
Die Psychosomatik kann noch viel mehr bieten. Alleine wegen der (recht wenigen) Arbeit, die in so einem Bereitschaftsdienst anfällt, würde ich nie was anderes machen wollen.
Ich habe, passend dazu, heute beim sinnlosen rumscrollen auf Instagram (während der Arbeitszeit! Jehova!) das Profil einer Person entdeckt, die Coachings anbietet mit denen man sich aus der Hölle des Beamtendaseins befreien kann und danach das Trauma, welches durchs Beamtensein entstanden ist, verarbeiten kann. Diese Person war wohl selbst verbeamtet und verbringt jetzt ihr ganzes Leben damit, andere Leuten zu erzählen, dass die Verbeamtung so ziemlich das Schlimmste ist, was man einem Mensch antun hat. Man ist gefangen, wird ständig schikaniert, hat keinen freien Willen mehr, der Staat übernimmt die Kontrolle über das Leben und das Umfeld ist komplett toxisch. Die Kommentare unter diesem Post bringen dieselben Argumente, vor allem zu Lehrer-Dasein, die hier gebracht werden. Man muss ständig unbezahlt Überstunden machen, in seiner Freizeit zuhause unbezahlt weiterarbeiten, 50-Stunden-Woche normal, keiner hat Respekt, Schüler, Eltern, Vorgesetzte, alles scheiße. Man darf nichts entscheiden, der Staat entscheidet was man tut und lässt bzw. wo man das tut, man ist den toxischen Kollegen und Vorgesetzten komplett ausgeliefert weil man ja nicht kündigen kann und weil sich alle Beamten kennen, bringt auch Versetzung nichts. Weil da an neuer Stelle weitergemobbt wird oder man direkt umziehen und sein Umfeld zurücklassen muss. Und außerdem muss man 5-7 Tage am Stück rund um die Uhr arbeiten (Klassenfahrten!). Und natürlich wird man nicht gut genug bezahlt. Niemand hat es so schlecht im Leben, das ganze Umfeld wundert sich, warum man sich das antut und außerdem haben Lehrer*innen die höchste Selbstmord- und Burn-out-Quote aller Zeiten.
Tjoa...
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