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24.11.2002, 17:52
Ich hab nix gegen Leute die ernsthaft versuchen dem "Laien" auf angemessene Art die Anatomie beizubiegen.

Aber, es gibt Grenzen.

Wenn mir jemand erzählt, dass er die Anatmoie der Leber begreift, wenn aus 20 Meter Entfernung mal für 20 Sekunden die Leber hochgehalten wird, dann hab ich ein Problem damit. Geb ich ehrlich zu!

Im Übrigen gibt es neben der Ethik auch noch Gesetze! So z.B. das Gesetz zur Regelung des Sektionswesens! Da ist eindeutig definiert, wo, wer , warum sezieren darf!

@feuerblick Warum soll ich neidsch sein, dass ich präppen "musste"? Vielleicht hab ich ja gern gepräppt?

chater

hobbes
24.11.2002, 22:47
@AWG: Offenbar hast du ein Problem damit, dass ich deine Gedanken aufgenommen habe und sie in ein Prinzip verwandelt und auf andere Beispiele angewendet habe. Ich denke aber nicht, dass ich damit Polemik betriebe habe.

Ach ich habe dir noch nicht geantwortet, welche harten Argumente neben den Gefühlen noch gegen öffentliche Sektionen sprechen: Dies sind diejenigen Argumente, welche zu einer Gesetzgebung geführt haben, die dem toten menschlichen Körper einen besonderen Schutz gewähren und Strattatbestände wie z.B. Leichenschändung definieren. Dabei geht es dann tatsächlich v. a. um den Schutz der Gefühle der Angehörigen des Toten. Des weiteren um die Versicherung jedes Lebenden, dass er nach seiner Himmelfahrt nicht einfach seziert wird und der allgemeinen Belustigung dient. (Würdest du Hagens Körperwelten besuchen, wenn dort deine Mutter ausgestellt wäre?) Ups, ich stelle fest, ich spreche schon wieder von Gefühlen. Ähm, wieso eigentlich darf ich nicht hingehen und Schröder öffentlich auf primitivste Art und Weise beleidigen? Schadet doch keinem? Aha, weil es seine Gefühle verletzt. Also bauen Gesetze und besonders Ethik doch auf Gefühlen auf. Und das ist doch gar nicht so abwegig.

@Captain Cosmotic: Diese Logik kann ich nicht nachvollziehen. Dass viele Lebendige nicht die notwendige Achtung erfahren ist doch lange kein Grund dieselbe den Toten zu entziehen. Was hat das mit "sich selbst zu wichtig nehmen" zu tun? Das Argument hinkt böse. Zudem sollte der weltweite Durchschnitt nicht als Messlatte für die Ethik in Deutschland hinhalten. Wir alle wissen, dass ein Grossteil der Welt noch im tiefen Mittelalter steckt und mit der Menschenwürde ganz schlecht umgeht. Gerade dies muss uns Ansporn sein, besser zu sein, weil wir als Demokratie selbst für unsere Ethik sorgen können. Nutzen wir also dieses Privileg.

@Feuerblick: Zum Thema Organtransplantation. Hier ist die Ausgangssituation wiederum eine andere. Die Organspende ist im Gegensatz zur öffentlichen Show-Sektion ein sehr sinnbringender Akt. Zudem wird dabei die Anonymität des Spenders gewahrt, die Leiche wird sauber verschlossen und integral erhalten bestattet. Die Spende dient hier nicht der allgemeinen Belustigung oder Befriedung einer Sensationsgier, sondern sie rettet anderes Leben. Diese Leiche wird nicht geschändet.


der Bankangestellte die Anatomie in populär-verdaulichen Häppchen serviert bekommt?????

Frage: was eigentlich macht der Bankangestellte mit den so erworbenen Kenntnissen? Ich persönlich habe die Anatomie als Mediziner auf jeden Fall nicht zur Selbsterfüllung gelernt! Diejenigen, die sich zur pädagogischen Sektion zur Verfügung stellen, haben aber im Gegensatz zu jenen, die sich für Hagens Körperwelten spenden, ein handfestes und nachvollziehbares Motiv für ihre Spende: nämlich die Erhaltung und Schaffung einer guten Medizin für ihre Nachwelt.

Ich denke nicht, dass meine ethischen Ansprüche dogmatisch sind. Doch ich bin mir bewusst, dass sich sowohl die Sektion, wie auch die Organtransplantation und ferner die Forschung an Embryonen in ethischen Grenzgebieten bewegt. Diese Methoden sind daher nur dann zuzulassen, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt, ans Ziel zu gelangen (besondere Motivationslage). Mit meinem Konzept der Vorstellung des dynamischen Todesprozesses habe ich dargelegt, dass die Rechte und ethischen Schutzbestimmungen, die wir uns Lebendigen gewähren, nicht einfach plötzlich für die Toten keine Gültigkeit mehr haben sollen. Diese sollen nur in ganz besonderen Situationen gelockert werden. Hier heiligt dann wohl der Zweck das Mittel.

thorben
24.11.2002, 23:52
Wenn ich hier kurz meine Meinung einwerfen darf...


Ich denke mal das eine öffentliche Sektion ansich nichts verwerfliches ist, wenn es in einem angemessenem Rahmen abläuft.

Als unangemessen erachte ich die Tatsache das 450 Leute 20 € zahlen und das ganze dann noch live im TV übertragen wird. Das ganze war doch eine einzige PR-Aktion um die Körperwelten mal wieder in die Schlagzeilen zu bringen...

Interessierten Laien eine Vorstellung zu geben wie eine Sektion abläuft, und wie der menschliche Körper von innen aufgebaut ist, halte ich dagegen für eine gute Sache.

danke fürs zuhören
gute nacht

24.11.2002, 23:55
Original geschrieben von thorben
Wenn ich hier kurz meine Meinung einwerfen darf...

Interessierten Laien eine Vorstellung zu geben wie eine Sektion abläuft, und wie der menschliche Körper von innen aufgebaut ist, halte ich dagegen für eine gute Sache.

danke fürs zuhören
gute nacht

Bitte bitte keine Ursache, immer werf nur! *gg*

Ich geb Dir unbedingt recht, im Rahmen der lt. Gesetz vorgeschrieben Art und Weise und unter Berücksichtigung der Würde des Menschen, kein Thema!

Aba wenns da zugeht wie auf Fischmarkt in HH...

chater

airmaria
25.11.2002, 10:23
So, jetzt hab ich auch mal den gesamten Thread hier überflogen und lasse meinen Kommentar dazu los:

Was kann falsch daran sein, einem "Normalsterblichen" den Aufbau des menschlichen Körpers näher zu bringen?
Ist es nicht eher erschreckend, daß viele wissen, wo der Anlasser ihres Autos sitzt, was er für eine Aufgabe hat und wie er funktioniert... aber nicht den blassesten Schimmer davon haben, wie es in ihnen selbst aussieht oder wie der Mensch an sich funktioniert?

Und wenn man nun das Ziel hat, das Wissen der Menschheit darüber für die breite Masse zugänglich zu machen, kann man das eben nicht dadurch erreichen, daß man in einem dunklen Keller ein wissenschaftliches Präparat zur Begutachtung in die Ecke legt!

Der Mensch will angesprochen werden, unterhalten werden, es muß spennend und schön sein, künstlerisch, erotisch...
kurz: es muß geschickt promoted werden.

Ob der gute Hagen nun ursprünglich das Ziel hatte, dieses Thema rein idealistisch als Wissensbereicherung für die Allgemeinheit anzugehen, oder ob er damit eher seine Profilneurose und finanzielle Aspekte damit befriedigen Wollte ist doch völlig egal: das Ergebnis zählt!
Und das ist eine ausgeklügelte Medienkampagne basierend auf künstlerisch und technisch hervorragenden Präparaten!

Und wer schreit am lautesten auf?
Die Mediziner, weil sie ihr Privileg über das Wissen des Körpers in Gefahr sehen und die Theologen, weil sie lieber die Leichen unter der Erde in Ruhe von Würmern angeknabbert wissen...
Ist das nicht völlig beknackt?


Ach ja, da war noch was:

Original geschrieben von hobbes
... Zum Thema Organtransplantation. Hier ist die Ausgangssituation wiederum eine andere. Die Organspende ist im Gegensatz zur öffentlichen Show-Sektion ein sehr sinnbringender Akt. Zudem wird dabei die Anonymität des Spenders gewahrt, die Leiche wird sauber verschlossen und integral erhalten bestattet. Die Spende dient hier nicht der allgemeinen Belustigung oder Befriedung einer Sensationsgier, sondern sie rettet anderes Leben. Diese Leiche wird nicht geschändet.

Es ist schon sehr verwunderlich, wie man sich manchmal bestimmte Dinge hinbiegt und mit sinnvoll oder verwerflich bezeichnet:
Ist die lebensverlängernde Organtransplantation sinnvoll, wenn sie einem schlechten Menschen dazu verhilft, weiter diverse Verbrechen begehen zu können?
Oder ist es sinnvoll, in einer abendlichen Quizshow das - dem niederen Volk eigentlich verwehrte - Grundwissen auf interessante, spannende und natürlich finanziell gewinnbringende Art und Weise näherzubringen?

Was sind wir Mediziner doch für tolle Menschen!
Wir sind natürlich überhaupt nicht sensationsgierig oder neugierig... schalten den Fenseher sofort ab, wenn ein Flieger in den Wolkenkratzer saust... kümmern uns am Unfallort nur um unser Fachgebiet ohne Zeit damit zu verschwenden, wie das alles Zustandegekommen ist...
und sind im wahren Leben total langweilige Zeitgenossen, die weder nach Geld, Sensationen, Berühmtheit, Anerkennung oder dergleichen streben, sondern nur unsere Ideale verfolgen!

"Mary" airmaria

Feuerblick
25.11.2002, 12:56
Danke, Air!

Hiermit klinke ich mich aus dieser Diskussion aus. Es gibt dazu nun einmal sehr konträre Meinungen. Daran wird sich nichts ändern. Ich habe meine Ansichten kundgetan und die Meinungen der anderen zur Kenntnis genommen. Das muß reichen!

Gruß
Feuerblick

hobbes
25.11.2002, 13:06
Hallo airmaria

Ich will mich nun aber nicht falsch verstanden wissen. Ich habe nie gesagt, man solle der Öffentlichkeit anatomisches und medizinischen Wissen vorenthalten. Meine Auffassung ist gegenteilig. Ich finde es gut, dass heutige Patienten informiert sind, dass sie kritisch sind, dass sie hinterfragen, dass sich im Internet informieren, dass sie second opinions einholen. Dagegen habe ich überhaupt gar nichts einzuwenden. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich jedermann bei Interesse die Anatomie selbst an der Leiche betrachtet. Dies habe ich in einem posting auch so erwähnt! Wer wirklich interessiert ist, der soll sich doch einen Termin in der Pathologie ausmachen. Ok, ich weiss dass ist nicht realistisch – aber das muss es auch gar nicht sein – weil sich kaum einer findet, der das wirklich will!

Du stellst nun aber den Anspruch, dass alle Information und Allgemeinbildung spassig, attraktiv oder gar „erotisch“ organisiert sein dürfe. Das kann aber nicht sein. Die Wahrung der Würde des Todes ist nicht vereinbar mit einer Sektion, welche zu den obigen Adjektiven passt. Mein Pochen auf der Respektierung der Totenwürde hat überhaupt nichts mit elitär, toller Medizinerwelt und „sich besondere Rechte rausnehmen“ zu tun.

Froschkönig
25.11.2002, 13:49
Ich werde mich nach dem Folgenden auch ausklinken, da ich mich sonst wahrscheinlich zu Tode diskutieren würde.

1. Das Monopol interessiert mich wirklich nicht...Medizin besteht außerdem aus weitaus mehr als der Grundlage Anatomie, deswegen müssen wir wohl kaum Angst um unsere Job´s haben.
ABER mich würde interessieren, wie viele "interessierte Laien" vor der Möglichkeit einer öffentlichen Sektion sich mal einen Rohen Echtbild-Anatomieatlas angeschafft haben, um sich das genau anzusehen....

2. ICH find´s moralisch falsch - aus vielen der bereits angeführten Gründe...nix gegen die Tabu-Bruch-Fans

3. Egal, wie man dazu steht, die Herkunft von von Hagens "Objekten" finde ich mehr als Zweifelhaft

Gruß, Frosch

Lava
25.11.2002, 19:21
@Mary
Dein Vergleich mit dem Anlasser hinkt etwas. Klar ist es OK, wenn sich Menschen über ihren eigenen Körper weiterbilden wollen. Aber warum gleich an einer echten Leiche? Wenn ich mir eine Katze anschaffe und was überderen Anatomie wissen will, nehme ich doch auch nich gleich die nächst tote auseinander. Informieren können sich die "normalen" Menschen auch mit Büchern, meinetwegen Videos und natürlich Modellen sowie mit Präparaten in irgendwelchen Museen. Öffentliche Sektionen zur Befriedigung der Neugier lassen den menschlichen Körper zu einem Material verkommen. Sachlich gesehen ist er das vielleicht, wenn man sein Leben ausgehaucht hat, aber wir Menschen sind selten sachlich. Nicht nur die Verwandten eines Körperspenders hängen noch emotional an ihrem ehemaligen Familienmitglied, sondern auch unbeteiligte Menschen finden es halt einfach nicht gut.

airmaria
25.11.2002, 19:43
Original geschrieben von hobbes
Wer wirklich interessiert ist, der soll sich doch einen Termin in der Pathologie ausmachen. Ok, ich weiss dass ist nicht realistisch – aber das muss es auch gar nicht sein – weil sich kaum einer findet, der das wirklich will!

Nein Hobbes! sollten nicht gerade wir Mediziner ein bischen Verantwortungsgefühl für unsere Mitmenschen zeigen und ihnen etwas gutes gönnen?
Oder würdest Du als "König von Deutschland" z.B. die Schule auf freiwilliger Basis gestalten... denn wen es interessiert, der kann ja dahingehen.


Original geschrieben von hobbes
Du stellst nun aber den Anspruch, dass alle Information und Allgemeinbildung spassig, attraktiv oder gar „erotisch“ organisiert sein dürfe.

Nein! So habe ich das nicht gesagt, selbst ich habe gewisse Grenzen des Geschmacks!
:-)) :-)) :-))


Original geschrieben von hobbes Das kann aber nicht sein. Die Wahrung der Würde des Todes ist nicht vereinbar mit einer Sektion, welche zu den obigen Adjektiven passt. Mein Pochen auf der Respektierung der Totenwürde hat überhaupt nichts mit elitär, toller Medizinerwelt und „sich besondere Rechte rausnehmen“ zu tun.

Die Wahrung der Würde des Todes muß man meiner Meinung nach ersteinmal von der Würde des Leichnams trennen! das sind zwei verschieden paar Schuhe.
Wir gedenken der Toten, halten Inne wenn jemand stirbt... wir achten die Menschen die sterben.
Was aber machen wir mit dem Rest?
In der Erde verbuddeln, verbrennen, mit nem Gewicht ins Meer kippen...
Wo ist das würdevoll?

Wir schneiden vorher vielleicht noch ein paar Ersatzteile raus... natürlich nur für sinnvolle Zwecke (siehe meine Ausführungen dazu in meinem Post davor...)!

Warum um Himmels willen sollen wir nicht Kunstobjekte daraus machen?
Wäre der Gefangene aus Sibirien (oder sonst woher... bezieht sich auf die Äußerung von irgendjemand vorher zur Herkunft der Leichen) nicht im nachhinein stolz (wenn er es noch könnte), wenn post mortem aus seinem Körper eine Berühmtheit und ein bestauntes Objekt geworden ist, wo er zu Lebzeiten nur ein leidvolles und armseeliges Dasein fristen durfte?

Und zuguterletzt: was ist sinnvoll?
Täglich sterben 30.000 Menschen, vor allem Kinder, an Hunger...
Wäre es vielleicht nicht sinnvoller, die Toten dort zu verzehren?
Wenn die Körper der Toten zahlreiche Menschen für lange Zeit am Leben halten können... ist es genauso sinnvoll, wie die Organspende... oder nicht?

"Mary" airmaria

Lava
25.11.2002, 20:03
Dann wäre dort ein Mensch tot mehr wert als lebendig. Üble Konsequenzen! Ich hoffe also, das hast du nicht ernst gemeint.

airmaria
25.11.2002, 20:15
Original geschrieben von Janine
Dann wäre dort ein Mensch tot mehr wert als lebendig...

... ist es nicht jetzt eher so???

"Mary" airmaria

Charlie-Brown
25.11.2002, 20:58
Meiner Meinung nach sollte Prof. Dr. Gunther von Hagens nochmal die Lerhrbank drücken oder sich bei einer Benimmschule anmelden.

Wer an einen Leichnahm herantritt und dabei einen Hut aufhat, zeigt dadurch schon einen absoluten Mangel an Respekt vor dem leblosen Körper eines Menschen !

Sowas gehört sich einfach nicht, first lesson der Magdeburger Anatomie und des gesunden Menschenverstandes.
(Ihr geht ja auch nicht ans Grab Eurer Oma und tragt dabei Eure Bommelmütze)

Lieben Gruß Charlie

Froschkönig
25.11.2002, 21:08
@Charlie-Brown

Ich hab noch nie ein Bild von dem ohne diesen Hut gesehen...der ist mittlerweile wahrscheinlich angewachsen, daher kann man ihm wohl keinen Vorwurf machen :-D

Im ernst :
Was das angeht hast Du wirklich Recht ! Normalerweise nimmt man den Hut bei Betreten eines Raumes ab, an einem Präpptisch also schon gleich 3x !

airmaria
25.11.2002, 21:52
... och Leute, was soll das denn jetzt werden?

... und wenn wir das Rad der Zeit ein paartausend Jahre zurückdrehen und nochmal laufen lassen würden, käme da vielleicht dann raus, daß beim Herantreten an einen Präpptisch ein Hut (wie beim Kochen z.B.) zu tragen ist, damit sich nicht eigene Materialien (Haare) mit denen der Leiche vermischen...
was ist sinnvoller?
Aber wenn die "Leiche" noch lebt, hat man einen "Hut" auf... im OP :-))


"Mary" airmaria

Froschkönig
25.11.2002, 22:08
Original geschrieben von airmaria
... och Leute, was soll das denn jetzt werden?

... und wenn wir das Rad der Zeit ein paartausend Jahre zurückdrehen und nochmal laufen lassen würden, käme da vielleicht dann raus, daß beim Herantreten an einen Präpptisch ein Hut (wie beim Kochen z.B.) zu tragen ist, damit sich nicht eigene Materialien (Haare) mit denen der Leiche vermischen...
was ist sinnvoller?
Aber wenn die "Leiche" noch lebt, hat man einen "Hut" auf... im OP :-))


"Mary" airmaria

Bitte sag mir, daß Du das nicht ernst meinst !!!

luckyblue
25.11.2002, 22:33
Zur Klärung der Hutfrage
Er ändert seinen Namen, trägt schrullige Filzhüte und schnibbelt gerne öffentlich an Leichen herum - die Rede ist nicht von von Hagens, sonder von Dr. Tulp. Der Amsterdamer Chirurg und Bürgermeister aus dem 17. Jahrhundert scheint das große Idol des von Hagens zu sein. Nicht umsonst platzierte er seine Autopsie-Performance im Londoner Süden (wo einst Jack the Ripper sein Unwesen trug) unter einer überdimensionalen Wiedergabe des Rembrandt-Porträts "Die Anatomie des Dr. Tulp".
Auf die Aufforderung aus dem Publikum, aus Respekt vor dem Toten seinen Hut abzunehmen, wies Mister Power-Plastinator mit großer Geste auf den Ölschinken hin und rechtfertigte seine Hutmode mit : "Ich trage den Hut aus Respekt vor Dr. Tulp. In seiner Tradition stehe ich" (WOrtlaut in etwa).

Die Geste fiel etwas zu groß aus, offenbart sie doch die maßlose Profilneurose des von Hagens: Das Gemälde zeigt Amsterdamer Mediziner von 1632 plus minus x und unterstreicht dabei die Weißkittelmentalität der schwarzgewandeten Herrschaften - damit sie ja keiner verwechselt, sind ihre Konterfeis durchnummeriert und ihre Namen im Bild selbst vermerkt (auf dem Pergament in der Hand des Arztes links neben Hutträger Dr. Tulp).

Wer war Dr. Tulp?
Wie von Hagens hielt sich auch Dr. Tulp (1593-1674), bürgerlich Claes Pietersz, zu Höherem berufen, weshalb er erstens seinen Namen änderte und sich zweitens mit großen Namen umgab: Infiziert von der Tulpophilie in Europa im 17. Jahrhundert änderte Pietersz seinen Namen in "Tulp" und nagelte ein großes Tulpenwappen an seine Tür. Ganz schön tuffig.
Was die großen Namen angeht - das Gemälde zeigt rechts im Vordergrund den Anatomieatlas von Vesall (angeblich).

Tulp, der Ratsherr, Schöffe und Bürgermeister der Stadt Amsterdam war, wurde 1628 zum "Praelector anatomiae" bei der Chirurgengilde ernannt.

Was Tulp erreichte
Nicolaas Tulp erreichte in seinem Leben vieles: 1639 fand er als erster die Lymphgefäße beim Menschen (die Aselli 1632 beim Hund entdeckt hatte). Er führte zahlreiche pathologisch-anatomische Sektionen durch und beschrieb 1641 in seiner Schrift "Observationeum medicarum libris tres" auf dieser Grundlage etwa 200 Krankheiten. Ein großes Verdienst von ihm war, erstmals die Apotheker seiner Stadt zur einheitlichen Arzneimittelzubereitung ("Pharmacopoe") zu zwingen. Er rief auch das Amsterdamer Medizinalkollegium als erstes der Niederlande ins Leben.

historischer Kontext
Nach Import der ersten Tulpen (aus den Steppen Zentralsiens über das Osmanische Reich) grassierte in Europa eine regelrechte "Tulpophilie", die im Februar 1637 sogar den ersten Börsenchrash entfesselte. Tulpen waren damals als Symbole der weiblichen Schönheit und Anmut super angesagt, und eine Dernier-crî-Züchtung konnte schon mal locker 5200 Gulden als Stückpreis für eine Tulpenzwiebel einfahren (zum Vergleich: Jahreseinkommen eines Zimmermannes 250 Gulden).

Das Gemälde
Im Winter 1632 hielt Dr. Tulp seine zweite öffentliche Anatomievorlesung, und aus diesem Anlaß ließ er sich portraitieren.
Für die einmal jährlich in Amsterdam im "Theatrum anatomicum" stattfindende, der Öffentlichkeit zugängliche Vorlesung wurden Körper von Hingerichteten verwendet. Der Leichnam auf diesem Bild ist der 28-jährige Büchsenmacher Adriaen Adriaensz, der am Tag zuvor wegen Raubüberfalls erhängt worden war.

Dr. Tulp trägt einen Hut, sitzt auf dem Bild als einziger und demonstriert, wie man einen Arm seziert. Die anderen Personen des Bildes sind sowohl Vorgänger als auch Nachfolger Dr. Tulps.

Kunstgeschichtlicher Kommentar:
Das Bild ist nicht realistisch dargestellt. In Wirklichkeit wurde nämlich zuerst der Bauch seziert. Die Sektion des Armes, der in der Regel abgetrennt präpariert wurde, bildete üblicherweise den Abschluß der Vorlesung. Rembrandt malte die Leiche vor der Sektion. Nach zwei oder drei Tagen skizzierte er dann den abgetrennten Arm und übertrug ihn auf das Gemälde. Leider fügte er ihn dabei nicht richtig an den Körper, sondern im Verhältnis zum Rumpf verkehrt(!).

Das Bild, das Rembrandt zum berühmtesten Porträtisten Amsterdams machte, entstand im Auftrage der Chirurgengilde. Das Gemälde ist ein Hauptwerk der Frühzeit Rembrandts, in der er auf den fruchtbaren Moment und auf dramatische Spannung hinarbeitete: Das Licht fällt voll auf die Mitte des grünlichen Leichnams. Aus dem Gruppenbild ist bereits eine szenische Darstellung geworden, so dass man die 'Anatomie' als Vorstufe zur 'Nachtwache' betrachten darf. Zu sehen ist das Werk im Mauritshuis Den Haag.

Eine Wiedergabe des Gemäldes findest du unter: www.ibiblio.org/wm/paint/auth/rembrandt/1630/nicolaes-tulp.jpg (http://www.ibiblio.org/wm/paint/auth/rembrandt/1630/nicolaes-tulp.jpg)

Eine stilistische Verklausulierung des Gemäldes in "Asterix. Der Seher (Seite 10, Bild 10 - Eingeweidelesung eines Fisches) findest du unter: www.comedix.de/lexikon/special/karikatur.html# (http://www.comedix.de/lexikon/special/karikatur.html#) (siehe dort "Rembrandt (Anspielung) ;-)

cu, luckyblue

hobbes
25.11.2002, 22:45
Original geschrieben von airmaria


Oder würdest Du als "König von Deutschland" z.B. die Schule auf freiwilliger Basis gestalten... denn wen es interessiert, der kann ja dahingehen.

Wäre der Gefangene aus Sibirien (oder sonst woher... bezieht sich auf die Äußerung von irgendjemand vorher zur Herkunft der Leichen) nicht im nachhinein stolz (wenn er es noch könnte), wenn post mortem aus seinem Körper eine Berühmtheit und ein bestauntes Objekt geworden ist, wo er zu Lebzeiten nur ein leidvolles und armseeliges Dasein fristen durfte?

Und zuguterletzt: was ist sinnvoll?
Täglich sterben 30.000 Menschen, vor allem Kinder, an Hunger...
Wäre es vielleicht nicht sinnvoller, die Toten dort zu verzehren?
Wenn die Körper der Toten zahlreiche Menschen für lange Zeit am Leben halten können... ist es genauso sinnvoll, wie die Organspende... oder nicht?


Als König von Deutschland würde ich in der Tat keinen obligatorischen Anatomieunterricht vorsehen. Und zwar einfach deshalb, weil ich das nicht als unbedingt notwendig errachte. Ich hätte aber nichts gegen fakultative profunde Information - doch die Frage stellt sich nach den didaktischen Mitteln!! Ich habe schon zig mal erklärt, dass Hagens Sektion null pädogischen Wert hat.

zum Gefangen von Sibirien: du airmaria kannst mir nun prae mortem sicherlich mitteilen, ob du stolz wärst in Hagens Körperwelten als Mahnmal weiter zu bestehen? Wie ist das bei dir persönlich?

zur Bekämpfung des Welthungers: deine Aussagen hierzu sind wohl nun der absolute Gipfel der Geschmacklosigkeit! Selbst für eine Ironie ist diese Aussage noch zu blöd. :-(

Froschkönig
25.11.2002, 23:17
@luckyblue :
Vielen Dank für diesen interessanten Geschichtlichen Exkurs ! (Wehrmutstropfen : Die links funktionieren zumindest bei mir nicht, aber trotzdem Große Klasse !!!)

@Airmaria : Ich schätze sonst sehr Deine Stellungnahmen und Ausführungen, die mich oftmals von meinem Standpunkt abweichen ließen.
Diesmal finde ich jedoch, daß Du mit Deinen "Was wäre wenn..." Ausführungen in die Region der Polemik oder zumindest Phantasie abdriftest....
Wenn wir das rad der Zeit zurückdrehen und der Mensch nie vom Baum runtergekommen wäre, gäbe es heute gar keine Sektionen...Stimmt! Ist aber nicht so.

Ende, Frosch

airmaria
25.11.2002, 23:36
Original geschrieben von hobbes zum Gefangen von Sibirien: du airmaria kannst mir nun prae mortem sicherlich mitteilen, ob du stolz wärst in Hagens Körperwelten als Mahnmal weiter zu bestehen? Wie ist das bei dir persönlich?
Hab ich kein Problem mit! Haben wir eben schon im Chat ausdiskutiert, wo es um den Akromegaliemenschen aus Rußland ging, dem er angeblich 35.000 geboten hat... die würd ich sofort nehmen und unterschreiben!
Besser plastiniert, als in winzig kleinen Teile von Würmern und Larven zerstückelt in die Welt in deren Verdauungssystem hinausgetragen zu werden!


Original geschrieben von hobbes
zur Bekämpfung des Welthungers: deine Aussagen hierzu sind wohl nun der absolute Gipfel der Geschmacklosigkeit! Selbst für eine Ironie ist diese Aussage noch zu blöd.
Nein! Ist nicht nur reine Ironie! Die meisten kennen doch bestimmt diese reale Geschichte mit dem Flugzeugabsturz eines Footballteams, die auch verfilmt worden ist... die haben nachher auch ihre Mannschaftskollegen angeknabbert!
Und fast alle, die diesen Film geguckt haben, sagen nachher, daß sie das auch gemacht hätten!
Aber wahrscheinlich ist uns das Leben eines Industriestaatlers mehr wert, so daß wir ihm dieses "Verbrechen" verzeihen...
als die 30.000 Leben der schokokinderchen irgendwo weit weg... die dürfen das nicht!

"Mary" airmaria