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Interviewserie mit Prof. Dr. Dr. Steinhausen

Professor für Physiologie

MEDI-LEARN Redaktion

 

Prof. Dr. Dr. med. h.c. Michael Steinhausen ist pensionierter Professor für Physiologie. Er ist zudem Leiter des Heidelberger Ärzteorchesters und Buchautor. Wir haben ihm einige Fragen gestellt und stellen euch das Interview an dieser Stelle als dreiteilige Serie vor.

1. Warum haben Sie Medizin studiert?

Als ich mich schließlich mit 22 Jahren zum Medizinstudium entschlossen habe, wollte ich Arzt werden: Kein besonderes Fach, keinesfalls Physiologe wie mein Vater, nur ganz richtiger Arzt. Was kann befriedigender sein, als Kranke gesund zu machen? Das hat doch schon im Neuen Testament höchste Priorität.

2. Was hat Sie dazu bewogen, vor dem eigentlichen Medizinstudium ein Studium der Musik aufzunehmen? Warum haben Sie im Anschluss an das Musikstudium dann doch noch Medizin studiert?

Die Welt der Musik hat mich immer wieder so angezogen, dass ich zeitweise meinte, ich könne ohne Musik nicht leben. Wäre ich vielleicht in einer Familie von Berufsmusikern aufgewachsen und hätten mich ehrgeizige Eltern schon als Kleinkind zu stundenlangem Üben eines Instrumentes angehalten, wäre ich vielleicht bei der Musik geblieben. In der ausübenden Musik ist es aber ähnlich wie beim Hochleistungssport, mit 20 Jahren sollte man schon in der Spitze dabei sein. Da ich erst mit 19 das ernsthafte Musiküben begann, begriff ich langsam, dass für meine Begabung trotz meines Ehrgeizes das Erreichen der Spitze ziemlich aussichtslos wäre. Aber das Mittelmaß in der Musik konnte mich nicht reizen (auch hier ist es ähnlich wie beim Tennis, nur die Spitze zählt wirklich). Im Gegensatz dazu versprach mir jede, auch noch so bescheidene ärztliche Tätigkeit ein viel größeres Maß an Selbstständigkeit und Freiheit als ein lebenslanger Dienst auf mittlerer Musikerebene. Zwar hatte ich immer noch Furcht vor dem vielen angekündigten Auswendiglernen bei einem Medizinstudium. Diese Furcht war zum Glück ganz unberechtigt und nach 3 Jahren Musikstudium und handwerklichem Training mit pausenlosem Üben konnte ich den Beginn des Medizinstudium geradezu als erholsame Befreiung empfinden.

3. Als Professor sind Sie ja auch als Lehrkraft tätig. Was kennzeichnet für Sie einen guten Hochschullehrer?

Die wichtigste Voraussetzung für einen guten Hochschullehrer ist seine Qualität als selbstständiger Forscher. In meinem Bereich der Vorklinik experimentiert ein guter Hochschullehrer selbst an der Spitze seines Teams, hat originelle Ideen, ist offen und ehrlich zu sich selbst, ist selbst sehr fleissig, ist menschlich zu seinen Mitarbeitern, ist mit Freude an der Arbeit und kann andere von seinen Zielen begeistern. Da Experimente häufig ganz anders verlaufen, wie sie eigentlich geplant waren, sucht ein guter Lehrer einen möglichen Fehler zuerst bei sich selbst und erst dann bei seinen Mitarbeitern. Ein guter Hochschullehrer wird immer wieder scheinbar gelöste Probleme in Frage stellen, selbst wenn es sich um seine eigenen Theorien handelt. Ein guter Hochschullehrer wird seine Ideen mit seinen Schülern diskutieren. Sollten die Anregungen seiner Schüler gelegentlich sogar weiterführender als seine eigenen sein, wird er diese Anregungen dankbar annehmen. Keinesfalls wird er fremde Ideen als seine eigenen ausgeben. Ein guter Hochschullehrer wird seine Doktoranden nach Möglichkeit fördern, weiterempfehlen, auf Kongresse schicken, für Stipendien oder Preise vorschlagen etc. Natürlich ist es auch schön, wenn ein guter Hochschullehrer eine brillante Vorlesung hält. Entscheidend sollte dies jedoch nicht sein. Viel wichtiger als die große Show ist die Frage, wie weit es einem Hochschullehrer gelingt, seine Studenten zum wissenschaftlichen Denken anzuregen, sie zur Mitarbeit zu motivieren und sie an der medizinischen Forschung und natürlich auch an seinem eigenen Fach zu interessieren.

4. Welche didaktischen Grundsätze waren Ihnen in Ihrem Unterricht mit Studenten wichtig?

Wie in der Musik braucht man zunächst ein aufmerksames Publikum. Der Unterricht muss so spannend sein, dass niemand auf die Idee kommt, sich zu unterhalten. Die überwiegende Anzahl der Hörer muss dem Unterricht folgen können. Anschauliche Beispiele, Bilder, Filme und nach Möglichkeit Experimente sollten die große Vorlesung auflockern. Unsere Wissenschaft ist meist ein Methodenproblem. Besonderen Wert lege ich deshalb immer auf die Frage, woher weiß man das? Mit welcher Methode ist man zu diesem Ergebnis gekommen? Wie kann man das messen? Die moderne Medizin ist weitgehend angewandte quantitative Naturwissenschaft. Es müssen deshalb nicht nur viele Zahlen verstanden werden, es müssen auch die zugehörigen Einheiten und Dimensionen vermittelt werden. Dabei ist immer wieder der Frage nachzugehen, warum macht die Natur das gerade so, würde es vielleicht auch ohne diesen Mechanismus funktionieren? Wie entwickelt sich das eine aus dem anderen? Schließlich versuche ich auch meinen Studenten gern den historischen Bezug näher zu bringen. Wer hat wann dies und das zum ersten Mal gefunden?

5. Welche Vorbilder hatten Sie unter Ihren Hochschullehrern? Was fanden Sie an diesen Personen beachtlich, vorbildlich oder beeindruckend?

1. Mein Doktorvater: Prof. Dr. med. Dr .h.c. Wilhelm Doerr, Pathologe in Berlin, anschl. Kiel, Heidelberg. Besonders beeindruckend fand ich an Prof. Doerr die Beherrschung seines Faches, seinen Fleiß, seine immense Produktivität und seine Rhetorik. 2. Mein Habilvater: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hans Schaefer, Heidelberg. Besonders beeindruckend an Hans Schaefer war seine überragende Intelligenz, seine schnelle Auffassungsgabe, sein Fleiß, seine Fähigkeit zu spontanen druckreifen Formulierungen, seine Vielseitigkeit und sein soziales Engagement. 3. Wichtigstes Vorbild als Hochschullehrer ist mir allerdings immer noch mein eigener Vater geblieben, der zwar schon vor meinem Physikum starb, an den jedoch keiner meiner akademischen Lehrer im In- und Ausland weder fachlich noch menschlich heranreichen konnte. 6. Was fasziniert Sie an der Physiologie und warum haben Sie sich gerade dieses Fachgebiet auserkoren? Die Physiologie ist die Lehre vom Leben. Da eigentlich alles zum Leben gehört, ist die Physiologie praktisch für alle Funktionen des Lebens zuständig. Die große Breite des Faches Physiologie von molekularen Mechanismen bis zu seelischen Funktionen hat mich immer wieder fasziniert. Da sich meist das eine aus dem anderen ableitet, muss man physiologische Zusammenhänge eigentlich nur verstehen. Als Physiologe braucht man praktisch nichts auswendig zu lernen, sodass böse Zungen behaupten, Physiologen gleichen kindlichen Eisenbahnspielern mit schlechtem Gedächtnis.

Persönlich bin ich in die Physiologie gelangt, um mich für eine Tätigkeit als Kliniker (Internist) vorzubereiten. Von dieser Vorbereitung bin ich nie wieder weggekommen, sodass ich schließlich immer wieder andere Menschen auf ihrem Weg zur klinischen Tätigkeit vorbereitet habe. Besonders fasziniert hat mich dabei die Möglichkeit, selbst lebende Dinge zu beobachten, die bisher noch niemand gesehen hat. 7. Was macht Ihr Buch in Ihren Augen besonders empfehlenswert und worin unterscheidet es sich von vergleichbaren Werken? Das Besondere meines Buches liegt darin, den Teil der Physiologie auf leicht verständliche und besonders anschauliche Weise zusammenzufassen, den ein Medizinstudent / eine Medizinstudentin als Basis für ihre / seine spätere klinische Tätigkeit beherrschen sollte. Da sich das Buch am aktuellen Gegenstandskatalog und den aktuellen Prüfungsfragen des IMPP orientiert, bereitet das Buch auch intensiv auf schriftliche und mündliche Physikumsprüfungen vor. Die ersten 4 Auflagen meines Buches habe ich – neben vielfältigem, auch studentischem Rat – allein verfasst, die 5. Auflage wurde durch eine Reihe kompetenter Kollegen ergänzt und aktualisiert.

Allerdings ist in weiten Teilen auch in der 5. Auflage der Text der 4. Auflage unverändert beibehalten worden. Gegenüber deutlich dickeren Büchern, die kapitelweise von einzelnen Spezialisten ihres Faches geschrieben werden, unterscheidet sich mein Buch bei geringerem Umfang auf die Konzentration der wirklich wesentlichen physiologischen Grundlagen, welche das Gehirn eines einzelnen Autors und damit prinzipiell auch das Gehirn eines einzelnen Lesers bewältigen kann. Deshalb wird in diesem Buch auch ein breiterer Raum für Verständnis als für kleingedrucktes Detailwissen genutzt, und mit vielen Beispielen, humorvollen Anmerkungen und historischen Bezügen die Lektüre und damit das Lernen versüßt.
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