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Interviewserie mit Prof. Dr. Dr. Steinhausen

Professor für Physiologie

MEDI-LEARN Redaktion

13. Wenn Sie Gesetzgeber wären und für das Medizinstudium eine große, wichtige Änderung durchführen könnten, welche wäre das? Warum?

Ich würde den Universitäten das Recht zubilligen, sich ihre Medizinstudenten selbst auszusuchen. Gegenwärtig wird nur den Kunsthochschulen zugebilligt, das Talent der Bewerber eigenmächtig zu beurteilen.

Dieses Recht sollte auch medizinischen Fakultäten eingeräumt werden. Allerdings müsste bei einem solchen Auswahlverfahren festgelegt sein, dass abgelehnte Bewerber keine Chance haben, durch späteren Gerichtsbeschluss doch noch von der abweisenden Hochschule aufgenommen zu werden. Natürlich muss es den Gerichten unbenommen bleiben, evtl. unseriösen Gutachtern das Handwerk zu legen.

14. Sie haben 3 Approbationsordnungen (Bestallungsordnung von 1953 bis 1970, Approbationsordnung I von 1970 bis 2003, Neue Approbationsordnung ab 2003) und damit ein großes Stück des historischen Werdeganges der ärztlichen Ausbildung erlebt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung und Richtung, die mit der jeweils neuen Ordnung eingeschlagen wurde?

Meine Ausbildung erfolgte nach der Bestallungsordnung von 1953, die ich im Prinzip gut fand. Für die Vorklinik waren damals 5 Semester vorgeschrieben. Wenn ich auch bereits nach 4 Semestern alle notwendigen Scheine beisammen hatte, fand ich das fünfte Semester zur Wiederholung und Vertiefung des umfangreichen Stoffes in einer gewissen Muße sehr angenehm. Leider wurde die vorklinische Ausbildung durch die neue Approbationsordnung von 1970 auf 4 Semester verkürzt.

Die Abschaffung der mündlichen Physikums-Prüfung durch die neue Approbationsordnung von 1970 und deren Ersatz durch bundesweite multiple choice – Prüfungen fand ich darüber hinaus besonders ungünstig für die Hochschullehrer. Durch die mündliche Prüfung ist ein guter Hochschullehrer gezwungen, die ganze Breite seines Faches zu beherrschen. Er muss auch erfahren, wie seine Lehre bei seinen Studenten angekommen ist. Später wurde als gewisser Kompromiss wenigstens mündliche und schriftliche Prüfung kombiniert. Gegenwärtig scheint die Vorstellung zu überwiegen, dass die Bestallungsordnung von 1953 vielleicht doch besser war als ihr Ruf.

15. Wo haben Sie Ihre Zeit als Medizinalassistent verbracht? Welche Eindrücke haben Sie aus dieser Zeit noch heute in lebhafter Erinnerung?

In der Approbationsordnung von 1953 war für die 2 jährige Medizinalassistentenzeit nach dem Staatsexamen eine Assistententätigkeit von jeweils mindestens 6 Monaten in der Chirurgie und der Inneren Medizin, sowie 4 Monate in der Gynäkologie vorgeschrieben. Die restliche Zeit war nicht fachgebunden. Ein Teil der Medizinalassistentenzeit habe ich als aufregendste Zeit meiner ganzen ärztlichen Tätigkeit in Erinnerung. Die Kombination aus Verantwortung und fehlender praktischer Erfahrung war z.T. fast kriminell. In der Inneren Medizin (Freie Universität Berlin) war wenigstens ein erfahrener Kollege zum Fragen in greifbarer Nähe, aber nachts war das Labor geschlossen. Das Blutbild hatte der aufnehmende Medizinalassistent selbst zu machen, auch beim Verdacht auf einen Infarkt war das EKG selbst zu schreiben. Bis zum Staatsexamen hatte man so etwas nie geübt. Schlimm war der Zustand in der Gynäkologie eines Berliner städtischen Krankenhauses. Dort hatte ich als Medizinalassistent in der Kombination mit einer unerfahrenen Hebamme nachts Geburten selbstständig zu leiten und Dammrisse allein (Chloräthyl-Rausch) zu nähen. Der zuständige Oberarzt war nur telefonisch erreichbar, aber 30 min Fahrzeit bis zum Krankenhaus waren einzuplanen. Ich war echt erleichtert, als diese Zeit ohne katastrophale Zwischenfälle überstanden war.

In der Chirurgie eines anderen Berliner Krankenhauses durfte ich immerhin als Medizinalassistent 6 Blinddärme selbst operieren. Dort hat mich besonders der Einsatz großartiger Nonnen für ihre Patienten beeindruckt. Am besten sind mir 4 Monate als Medizinalassistent an der Marburger Internen Uniklinik in Erinnerung. Dort regierte die Klinik wie ein Generalfeldmarschall der berühmte Prof. Bock, während mich 2 sehr kompetente und sehr menschliche Stationsärzte geduldig in die praktischen Geheimnisse der Inneren Medizin einwiesen. Beide wurden selber später wieder namhafte Uniklinikchefs. Der eine war nebenbei ein guter Geiger, sodass wir gelegentlich sogar zusammen musizierten.

16. Wenn Sie die Situation der universitären Forschung und Lehre in Deutschland mit der in anderen Ländern vergleichen, zu welchem Urteil gelangen Sie?

Vergleicht man die Heidelberger vorklinische Forschung mit entsprechenden amerikanischen Universitäten geht es uns zumindest räumlich hier viel besser als in den USA. Auf engem Raum drängen sich dort in der Regel viel mehr forschende Menschen. Überhaupt gibt es von allem dort viel mehr: Mehr Forscher, mehr apparative Ausstattung, mehr Geld. Die Competition ist in USA in der Regel aber noch härter als bei uns. Spitzenleistungen sind hier wie dort gewiss vergleichbar, wenn auch die Vereinigten Staaten unbestritten in viel breiterem Bereich Spitze vorweisen können. Unser Unterricht krankt an der grossen Zahl der Studenten. Mit wesentlich mehr Lehrenden bildet eine mit Heidelberg vergleichbare amerikanische Universität höchstens ein Viertel so viele Studenten aus wie wir. Ein Semester verbummeln ist dort nicht möglich.

Bereits zu Beginn des Medizinstudiums gehört man seinem Examensjahrgang an, den man nicht verlassen kann. Da vor Studienbeginn genügend gesiebt wurde, ist die Abbrecherquote minimal. Während des Studiums ist die individuelle Betreuung so intensiv, dass jedem das Faulenzen unmöglich gemacht wird. Immerhin wurden unsere Studenten auch von den amerikanischen Kollegen wegen ihrer hervorragenden vorklinischen Kenntnisse gelobt, soweit ich persönlich Studenten am Ende ihres Studiums zur klinischen Ausbildung nach USA empfehlen konnte. Allerdings habe ich stets nur unsere besten Studenten nach USA vermittelt.

17. Sie sind ja auch Träger eines Ehrendoktortitels? Wann sind Sie damit wofür ausgezeichnet worden?

Den Ehrendoktortitel erhielt ich am 19. Mai 1990 von der University of Louisville, USA. Der Text der Urkunde lautet: “Throughout your long and distinguished career, you have been dedicated your professional talents to the advancement of biomedical knowledge. You have contributed magnificently to the world´s present understanding of renal function and renal microcirculation. Your extraordinary research at the University of Heidelberg has attracted students and fellow scientists from all parts of the world and has made your laboratory a vital center of scientific development and discovery. Your personal encouragement and influence have contributed significantly to the development of the Center for Applied Microcirculatory Research of the University of Louisville.

While pioneering in scientific research, you have also pursued broad institutional and personal interests. For the past ten years you have served as the elected President of the Great Senate of the University of Heidelberg, an honor and responsibility granted to few academic men. Your devotion to music attests to your versatility and to your belief that art transcends cultural borders, powerfully linking human beings to one another. In recognition of your remarkable scientific accomplishments, and in acknowledgement of your personal commitment to cultural and intellectual excellence, the University of Louisville is honoured to award you the degree of Doctor of Science (Honoris Causa).”

18. Welche Ratschläge möchten Sie jungen angehenden Ärzten mit auf ihren ärztlichen Lebensweg geben?

Gesundheit gehört zu den höchsten Gütern der Menschheit. Leben zu erhalten ist Ihre zentrale ärztliche Aufgabe. Setzen Sie alles daran, dass das Vertrauen Ihrer Patienten in Sie gerechtfertigt bleibt. Überschätzen Sie nicht Ihre Fähigkeiten. Behandeln Sie jeden Patienten so, als wenn es sich um Ihren nächsten Angehörigen handeln würde. Versuchen Sie auch in Ihrer persönlichen Lebensführung ein Vorbild zu sein (z.B. Nichtraucher). Bemühen Sie sich, auf dem aktuellen Stand Ihres Faches zu bleiben. Stellen Sie grundsätzlich keine falschen Bescheinigungen aus. Behalten Sie Ihre Physiologie-Bücher in greifbarer Nähe. Wiederholen Sie gelegentlich den Eid des Hippokrates.

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