Meine ersten Erlebnisse im U-Kurs!
Erfahrungsbericht aus dem Medizinstudium
Robert Kapelle
Darauf hatte ich die letzten zweieinhalb Jahre sehnsüchtig gewartet. Unzählige Male hatte ich mir diesen Moment in meiner Fantasie vorgestellt, besonders in den Augenblicken der Verzweiflung, die einem während des Medizinstudiums manchmal wie der sprichwörtliche Heuhaufen erscheinen, in dem man die berühmte Nadel des Glücks der Medizin sucht.
Von Träumen mit strahlend weißen Kitteln
In den atemberaubend langweiligen Chemie-Praktika habe ich davon geträumt, genauso wie in den einsamen Monaten des Anatomie-Semesters, in denen sich unzählige Freunde abgewandt haben, weil die knappe Zeit und der intensive Formalin-Geruch deutlich gegen eine Fortsetzung der Freundschaft mit mir sprachen. Auch in den letzten Stunden vor dem Physikum, jenen, die einen konsequent am Rande des totalen Nervenzusammenbruchs entlang treiben, habe ich nur durch diesen Film überleben können, der immer wieder in meinem Kopf ablief: Ich ziehe mir meinen strahlend weißen, faltenfrei gebügelten Kittel über, lege mir lässig mein Stethoskop um die Schulter, und schwebe über den Boden der Station zu meinem ersten Patienten, den ich mit ein paar geschickten Handgriffen und unter euphorischen Beifall des Professors untersuche.
Es war soweit: erster U-Kurs-Tag
Nun also war es auch in der Realität so weit, der erste Tag des Untersuchungskurses ?Innere Medizin? stand an, und ich hatte am Abend zuvor mit Hilfe einer brandneuen Emergency Room Folge mein Wissen über eine perfekte körperliche Untersuchung auf Hochglanz gebracht. Es konnte losgehen.
In einer Gruppe von 10 Studenten wurden wir von einem grimmig dreinschauenden Internisten auf die kardiologische Station geführt, wo wir zunächst in einen kleinen fensterlosen Raum gingen, der in etwa das Flair einer Abstellkammer besaß. Immerhin war diese Abstellkammer mit einer Liege und einem Defibrillator ausgestattet, was mich zumindest etwas beruhigte. Sollte ich bei dem Patienten größere Schäden anrichten, wäre der grimmige Internist in Kombination mit dem Defi wahrscheinlich meine Garantie für ein weiteres Leben in Freiheit.
Wie die Ölsardinen: 10 Studenten in einem Untersuchungsraum
So also quetschten sich die 10 Studenten in den kleinen Raum, in dem zu meiner Beunruhigung kein einziger Patient zu sehen war. Ich begann allerschlimmstes zu befürchten. In einem kurzen Monolog erklärte uns nun der Internist sein didaktisches Konzept, das einen Freiwilligen unter den Studenten vorsah, um an diesem die gängigen Untersuchungstechniken zu demonstrieren. ?Am besten einen der Herren? wie der Doktor meinte. Mit einem kurzen Blick nach links und rechts stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass sich außer mir nur ein weiterer ?Herr? in dem Raum befand. Noch während ich an einem guten Konzept dafür feilte, der Opfer-Rolle zu entgehen, war die Wahl auch schon auf mich gefallen. ?Du da, auf die Liege!?. Freundliche Ärzte sind ein Segen! Kaum hatte ich auf der Liege Platz genommen, begann der kommunikationsfreudige Doktor auch schon auf meinem Kopf rumzuklopfen, und an meinem Hals herumzuwürgen. Nach einer halben Ewigkeit war er mit meinem (glücklicherweise auch nach der Untersuchung noch intaktem) Schädel fertig, und wandte sich meinem Oberkörper zu. ?Hände hoch!? Ich gehorchte natürlich brav, und zack war ich mein T-Shirt los. Toller Trick! Muss ich mir merken! Wobei ich mir das Kommentar nicht verkneifen konnte, dass ich als 23 jähriger Student der Medizin durchaus dazu in der Lage gewesen wäre, auf Anweisung mein T-Shirt selbst auszuziehen. Das jedoch entlockte unserem grimmigen Internisten lediglich ein Knurren, woraufhin ich weitere Kommentare zu seinem Patientenumgang aus Sicherheitsgründen bis auf weiteres zurückstellte.