Panische Angst vor dem Physikum
Und wie ich es trotzdem geschafft habe
Juliane Nielsen
Viele hören auf, bleiben einfach weg und melden sich zum nächsten Semester nicht zurück“, antwortete eine Mitarbeiterin des Studiendekanats meinem Vater auf seine Frage hin, welche Erfahrungen das Dekanat mit Prüfungsängsten der Studierenden hat, „aber ich kann ihnen gerne ein paar Anlaufstellen für ihre Tochter nennen, wenn Sie sich eventuell Hilfe holen möchten.“ Dramatische Momente. Dabei hatte ich mich nach der Schule erst einmal sehr auf das Studium gefreut. Eine eigene Wohnung, neue Leute und weg von den Eltern. Doch an der Uni wehte ein anderer Wind: Die Professoren machten Druck, es wurden viele Testate und Prüfungen geschrieben und die Stimmung unter den Studenten war sehr wenig Mut machend.
Ständig wurde man gefragt, wie weit man denn mit dem Lernen sei und ich bekam Angst, wenn andere erzählten, dass sie schon viel weiter seien als ich. Es kam mir vor, als seien viele um mich herum viel schlauer und schneller im Lernen. Ich bekam Panik, wenn ich an die bevorstehenden Klausuren dachte. Habe ich genug gelernt? Kann ich zu jedem Thema etwas sagen? Reicht es?
Ich hatte Angst. Jeden Tag, jede Minute
Doch das alles ging nicht nur mir, sondern allen so. Allein: Keiner von uns gab seine Sorgen zu. Ich hoffte, dass meine Versagensängste nach dem Semester aufhören würden. Dem war nicht so. In den ersten Semesterferien ging es erst so richtig los. Ich hatte Angst. Jeden Tag, jede Minute. Ich lenkte mich mit Fernsehen etc. ab, doch auch das half bald nicht mehr. Ich konnte nicht mehr alleine sein und fuhr sogar mit meiner Mutter ins Büro. In dieser Zeit nahmen meine Eltern die Sache in die Hand. Sie telefonierten mit dem Dekanat, begleiteten mich in die Verhaltensambulanz einer Psychiatrie. Wir waren kurz davor zu entscheiden, dass ich das Studium abbreche. Mein Vater war damals eigentlich der einzig Objektive. Er meinte, ich solle weiter machen, nur so könne ich meine Angst bewältigen. Das war die einzig richtige Entscheidung! Ich ließ mich auf die Warteliste von Verhaltenspsychologen stellen und ging in der Zwischenzeit zur Beratung zum Studentenwerk.
Psychologische Betreuung
Das Studentenwerk war eine große Hilfe. Man kümmerte sich sofort um mich. Da ich mittlerweile eine Verhaltensstörung entwickelt hatte, begann ich eine Therapie. Ich hatte mir Angst antrainiert und musste sie nun wieder entlernen. Ich musste mir immer wieder sagen und sagen lassen, dass meine Ängste von den tatsächlichen Herausforderungen losgelöst seien und nicht real sind. Denn: Eine gute Studentin war ich weiterhin. Zeitweise bekam ich auch Antidepressiva als Unterstützung. Mit Hilfe der Psychologin und vor allem meiner Eltern erlernte ich Mechanismen, die ich in Angstsituation anwandte und probierte verschiedene Strategien aus. Mir ging es besser mit der Zeit, weil mir klar wurde, dass ein Weglaufen, zum Beispiel nicht zu einer Prüfung zu erscheinen, kontraproduktiv war. Ich musste mich immer wieder zwingen, die Flucht nach Vorne anzutreten.