Die Schweiz - gar nicht paradiesisch für Mediziner....
Kantonsspital St.Gallen - Innere Medizin - Juni - September 2001
Anja Sprenger
Erfahrungen, Gehalt und Co.
Insgesamt war es sehr unterschiedlich, wieviel oder wiewenig ich als Uhu machen konnte! Dabei kam es nicht nur auf mich selber an, sondern teilweise sehr auf den/die Assistenzarzt/ärztin, an den/die ich geriet. Da ich zwei Monate auf der Allg. Inneren bei zwei verschiedenen Assistenten, einen Monat auf der Nephrologie bei einer Assistentin, einen Monat auf der ZNA bei vier verschiedenen Assistenten, und zwischendurch eine Woche aushilfsweise auf der Gastroenterologie bei einem Assistenten war, habe ich unterschiedliche Arbeitsweisen und Charakteren erlebt. Lediglich mit einer Assistentin kam ich weder klar, noch ließ sie mich mehr machen, als Patienten zu starten und Zettel zu sortieren, obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon zwei Monate in der Inneren war. Auf den anderen Stationen konnte ich 3 bis 4 Patienten selbständig betreuen, d.h. nicht nur starten, sondern beim Rapport und bei der Visite vorstellen und diskutieren sowie verordnen. Außerdem konnte ich Abszesse spalten, diverse Abstriche entnehmen, sonographieren, Gefäße dopplern, eine Aszites- und eine Lumbalpunktion selbst durchführen etc.
Gehalt:
(Dazu muß man sagen, daß nur PJ-ler, nicht aber Famulanten Gehalt bekamen.)
Wir Uhus bekamen ca. 630,- Franken ausgezahlt, nachdem das Zimmer und diverse Versicherungen schon abgezogen waren. Davon kann man sich gut verpflegen. Allerdings bringen sich die meisten Deutschen ausreichend Vorräte aus der Heimat mit oder fahren zwischendurch samstags nach Konstanz (1 Autostunde von St. Gallen entfernt) z.B. zum Aldi.
Kritik:
Auf den unterschiedlichen Stationen, Visiten und Patientenvorstellungen, die ich erlebt habe, gab es Chefs, Oberärzte und Assistenten, die mich gerne involvierten und unterrichteten, aber auch solche, die den Eindruck vermittelten, man störe sie nur, wenn man Fragen stellte, und von ihnen selbst kam dann auch praktisch nichts.
Bemerkung am Rande:
Die Arbeitsbedingungen sind in der Schweiz nicht etwa besser oder rosiger als in Deutschland, wie von vielen Berichten fälschlicherweise suggeriert wird, sondern ähnlich denen in Deutschland: Zu viel Arbeit für zu wenig Ärzte.
Wenn Betten geschlossen werden, dann nicht etwa, weil es zu wenig Ärzte gibt. Nein, nein, fehlgeschlagen, nur wenn es zu wenig Pflegekräfte gibt. Die Ärzte können ruhig die dreifache Arbeit tun! Und das ist nicht nur in St. Gallen der Fall.
Freizeit:
St. Gallen hat ca. 85.000 Einwohner. Bei heißem Wetter locken drei Weiher oberhalb der Stadt zum Baden. Zudem gibt es einige nette Cafes und Bars, z.B. eine beliebte lateinamerikanische Bar. Ein Fahrrad ist besonders praktisch, da man schnell von einem Stadtende zum anderen kommt, und selbst der Bodensee, den man vom höchsten Punkt der Stadt aus sehen kann, ist nur etwa eineinhalb Fahrradstunden entfernt. Ansonsten kann man, wie überall in der Schweiz, die öffentlichen Verkehrsmittel gut nutzen. Man bekommt für 150,- Franken ein Jahr lang die Bahnstrecken für die Hälfte (sehr lohnenswert, wenn man zwei Tertiale in der Schweiz absolviert).
Falls Ihr Euch für St. Gallen oder generell für die Schweiz entschieden habt, wünsche ich Euch viel Spaß und die richtigen Assistenten, die Euch selbständig arbeiten und Euch viel praktisch zeigen und machen lassen- es gibt tatsächlich solche Assistenten! Eine von Vielen vertretene Regel lautet: "Uhus dürfen alles und müssen gar nichts!" In diesem Sinne, alles Gute und viel Erfolg!