Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : TdL Tarifverhandlungen 2022
Der Esel ist auch nur so schnell zu treiben wie die Organisation, Mobilisation und Streikbereitschaft der ÄrztInnen hergibt. Eingeschätzt Bei ÄrztInnen schwierig angesichts der rein monetären Forderungen
Es wurde uns doch nicht mal die Möglichkeit gegeben Streikbereitschaft zu zeigen... Gab es die letzten Jahre eine Basisbefragung dazu?
Ich bin auch fassungslos. Eine Runde und der MB knickt ein wie ein Grashalm.
dissection
26.08.2022, 15:09
Nein! Das ist eben die Falle solcher Tricksereien. Du musst der Einmalzahlung die Opportunitätskosten der ausgebliebenen Entgeltanpassung gegenrechnen. Das kann man leicht modellieren.
Nehmen wir zwei Szenarien an. Einmal (1) das jetzt eingetretene mit 4.500 € netto + 3.35 % in einem Jahr, und einmal (2) das hypothetische Szenario der MB-Forderung von 8.9 %. Nehmen wir ferner völlig aus der Luft gegriffen an, dass der MB in Zukunft jeweils jährlich ein Entgeltplus von 4 % durchsetzen kann. Da in Szenario 1 in 14 Monaten wieder Entgelt verhandelt wird und wir den einen Monat mit den 3.35 % vernachlässigen können, sagen wir einfach, dass im Szenario 1 in genau einem Jahr 4 % auf die jetzigen 3.35 % ausgehandelt werden (1.0335 * 1.0500 = 1.0748; 7.5 %). Gehen wir von einem Erstjahres-AiW mit 5.000 € brutto im Monat Grundgehalt aus, also 60.000 € Bruttojahreslohn. Sagen wir vereinfacht das mache 36.000 € Netto (60 % vom Brutto).
Szenario 1:
Lohn(Y = 1) = 4.500 + 36.000
Lohn(Y = 2) = Lohn(1) + 36.000 * 1.0748
Lohn(Y > 2) = Lohn(Y-1) + 36.000 * 1.0748 * 1.04^(Y-2)
Szenario 2:
Lohn(Y = 1) = 36.000 * 1.089
Lohn(Y > 1) = Lohn(Y-1) + 36.000 * 1.089 * 1.04^(Y-1)
Dann kann man durch Subtraktion S2 – S1 die Netto-Opportunitätskosten des Szenarios 1 ggü. Szenario 2 nach Y Jahren grob approximieren:
Y1: -1.296 €
Y2: 783 €
Y3: 2.946 €
Y4: 5.195 €
Y5: 7.534 €
...
Y10: 20.709 €
Y20: 56.242 €
Y30: 108.839 €
Die Einmalzahlung ist im ersten Jahr ein finanzieller Vorteil für den AiW - allerdings deutlich geringer, als es die Summe von 4.500 € suggeriert. Bereits im zweiten Jahr kippt das Ganze deutlich ins Verlustgeschäft. Ab da geht es dann irreparabel immer steiler bergab.
Ist natürlich ganz grob vereinfacht und trifft viele haltlose Annahmen, aber für die Tendenz kriegt man ein Gefühl. Die Differenz klafft noch deutlich weiter auseinander, wenn man Zuschläge und den Einfluss des Grundlohns auf diese berücksichtigt, Tabellenaufstufungen mit zunehmender Berufserfahrung, die Differenz zu einem positiven Zinssatz am Markt anlegt (was man bei Opportunitätsbetrachtungen eigentlich tut), oder ein höheres Ausgangsgehalt (AiW > 1. Weiterbildungsjahr) zu Grunde legt. Nimmt man das alles mit rein, zieht das Gros der Ärzte vermutlich schon nach weniger als einem Jahr gleich.
Im Wesentlichen hat man sich also eine komplette Nullrunde mit fünf- bis (über die Berufstätigkeit) sechsstellig akkumulierenden Opportunitätskosten getauscht gegen ... einen einmaligen Realbonus von 1.000 - 2.000 €.
Danke für die Berechnung, das Konzept der Opportunitätskosten findet unter Medizinern und in diesem Kontext viel zu wenig Beachtung. :-meinung:-top Hoffentlich kriegen die Leute so mal in ihren Kopf dass man im Angestelltenverhältnis von den Eliten massiv beraubt wird und um seine Lebenszeit gebracht wird. Inflation ist gestohlene Lebenszeit, auf diesem Konzept beruhen schon die grauen Männer in Michael Endes Momo (wie passend dass das Buch in den 70ern zu Zeiten des Ölpreisschocks geschrieben wurde).
Ein Schlag ins Gesicht. Bin gerade erst wieder in die Klinik zurück und in den MB wieder eingetreten.
Ich glaube es gibt da eine Strategie dahinter. Austritt aus dem MB, alle zu Verdi.
Ich werde jetzt wieder austreten. Aber leider interessiert es niemanden.
Also mit diesem Abschluss repräsentiert mich die "Gewerkschaft" auch in keinster Weise mehr. Man hat bei Verdi mit dem TV-E schön gesehen, was eine echte Gewerkschaft für die eigenen Leute rausholt.
Nefazodon
26.08.2022, 16:05
Enttäuschung pur…
Ich hatte ein paar Monate Pause und werde erst nächste Woche wiedereinsteigen. Bekommt man dann in so einem Fall keine Einmalzahlung?
Hängt von den geltenden Fristen ab. Ohne Gewähr glaube ich aber, dass es bei dir noch klappen müsste, wenn Du nächste Woche einsteigst, da die Tarifvereinbarung noch unterzeichnet werden muss und somit erst ab dem 19. September gilt.
Wie gesagt, keine Gewähr. Ich weiß ja auch nicht, welcher Stichtag in der Vereinbarung steht.
Ein massive Unverschämtheit. Ich werde zumindest einen Brief an den Marburger Bund schreiben, der meinen Unmut zeigt. Wenn es genug Kollegen machen zeigt das wenigstens, dass man mit ihrem Bullshit nicht einverstanden ist.
Nefazodon
26.08.2022, 16:15
@Markian: wo schreibst Du denn hin? An den Bundesverband oder an deinen Landesverband?
Wie gesagt, keine Gewähr. Ich weiß ja auch nicht, welcher Stichtag in der Vereinbarung steht.
Der 25. August steht als Stichtag drin.
Nefazodon
26.08.2022, 16:34
@freak1: Danke!
Ja, wenn das so ist dann ist osmankaan wohl das erste Opfer der Regelung einer Einmalzahlung.
Tut mir leid.:-keks
Edit: Es sei denn, er hätte seinen Arbeitsvertrag schon vor dem 25. August unterschrieben und in der Zeit vom 1. Januar 2021 bis August 2022 schon mindestens einen Tag in einem Arbeitsverhältnis nach TdL gearbeitet....dann könnte die Regelung auch für ihn gelten.
Wir wissen ja nicht was mit "Pause" gemeint war....
dissection
26.08.2022, 16:46
Ein massive Unverschämtheit. Ich werde zumindest einen Brief an den Marburger Bund schreiben, der meinen Unmut zeigt. Wenn es genug Kollegen machen zeigt das wenigstens, dass man mit ihrem Bullshit nicht einverstanden ist.
Adresse fürs Flooding bitte hier rein : )
Marburger Bund
Verband der angestellten und beamteten
Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e.V.
Reinhardtstr. 36
10117 Berlin
Habe auch das erste mal in meinem Leben einen Beschwerdebrief geschrieben, gebe ich heute noch in den Briefkasten.
SineNomine
26.08.2022, 17:12
Die VC fordert für die mehr als 5.000 Piloten der Lufthansa und der Frachttochter Lufthansa Cargo zum 1. Juli 5,5 Prozent mehr Gehalt und einen automatischen Inflationsausgleich ab 2023. Die Lufthansa ist zu einer Erhöhung der Gehälter um 5,5 Prozent bereit, umstritten war kürzlich aber ein automatischer Inflationsausgleich. Das Unternehmen argumentiert, angesichts der hohen Schulden nach der Corona-Krise müssten die Kosten unter Kontrolle bleiben.
... ciao MB
NitroBacter
26.08.2022, 17:36
Ich verstehe auch nicht wie man das als Kompromiss bezeichnen kann. Sich von der Forderung 8,9% auf 0% runterhandeln zu lassen, zeugt von Kampfbereitschaft des MB für die Ärzteschaft. (Ironie off) Wie schon von anderen erwähnt worden ja manche Forderungen was die Vergütung der Arbeit zu besonderen Zeiten anbelangt völlig unter den Tisch fallen lassen.
Und das Argument, dass unsere Forderungen in der Gesellschaft nicht auf Anklang treffen lasse ich nicht gelten. Man hat 6-7 Jahre studiert, teilweise noch eine Ausbildung vorher gemacht. Da erwarte auch ein entsprechendes Entgelt. Was die anderen davon halten interessiert mich nicht.
Also glatte Nullrunde, man fühlt sich wie immer wertgeschätzt.
Holthusen
26.08.2022, 18:44
was die Vergütung der Arbeit zu besonderen Zeiten anbelangt völlig unter den Tisch fallen lassen.
Wollen die AG ungern besser vergüten. Wirklich schade und an der falschen Stelle gespart.
Salatsultan
26.08.2022, 19:01
Ich kann und möchte dieses Papier weder erklären noch verkaufen. Ich werd auch diesen Frust von hier sammeln, auf Twitter sind die Kommentare noch relativ spärlich aber auch da könnt ihr mir unter meinen Thread gerne eure Meinung äußern.
https://twitter.com/steffenveen/status/1563082737442902016?s=21&t=GEBbMZurE-MEO8cIiyyxdw
Salatsultan
26.08.2022, 19:32
Auswandern und Selbstständigkeit, zumal letzteres dann ohne Facharzt, sind aber keine Lösungen für jede/n!
Und so viele klinikferne Jobs, wie es dafür bräuchte gibt es auch nicht.
Also, wenn Lohn für Arbeit in irgendeiner Form mit Wertschätzung korreliert, sind wir wohl ganz unten angekommen.
@Salatsultan: Du warst doch bei den Verhandlungen dabei, oder? Kannst Du die überbordende Zufriedenheit mit dem Ergebnis nach oben zurückmelden?
Ich bin grad einfach nur frustriert.
Ich würd das gerne sammeln und unverfälscht zurückmelden. Ich hab gegen dieses Angebot gestimmt - ich will damit keine Heldensagen schaffen aber ich bin der Meinung das war zu schlecht und auch wenn dies hier „anonym“ und „online“ ist - euer Echo übertrifft meine Erwartungen und soll nicht ungehört bleiben.
PeterG90
26.08.2022, 19:43
Enttäuschung pur…
Ich hatte ein paar Monate Pause und werde erst nächste Woche wiedereinsteigen. Bekommt man dann in so einem Fall keine Einmalzahlung?
Bin in der gleichen Situation. Damit stehen wir jetzt mit nichts da. Danke für gar nichts, lieber MB.
Nebenbei: Die VKA-Tabellen werden damit zum 01.01.23 die TdL-Tabellen überholen, und das trotz der geringeren Wochenarbeitszeit. Wer sich jetzt noch die Uni antut, und da muss ich mich leider mit einschließen, dem ist nicht mehr zu helfen.
Oh mann. Dem Tarifabschluss kann nicht mal ich was Positives abgewinnen. Und ich würde mich sonst schon als Fanboy des MB bezeichnen lassen. Aber was macht mich echt traurig. Oder enttäuscht. Oder desillusioniert. Irgendwas zwischen traurig und enttäuscht und desillusioniert.
Cor_magna
26.08.2022, 20:20
Nebenbei: Die VKA-Tabellen werden damit zum 01.01.23 die TdL-Tabellen überholen, und das trotz der geringeren Wochenarbeitszeit. Wer sich jetzt noch die Uni antut, und da muss ich mich leider mit einschließen, dem ist nicht mehr zu helfen.
Wurde für die VKA ab 2023 schon eine Erhöhung verhandelt? Oder steht das noch aus? Die aktuelle Tariftabelle vka geht ja bis Dezember 2022.
Aber insgesamt echt hart das Ganze, auch im Fachärztlichen bzw ambulanten und ausserklinischem Bereich setzt der Tarifvertrag ja auch oft die individuelle Verhandlungsgrundlage :/
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