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WackenDoc
09.01.2016, 10:58
Erklären bringt unserer Erfahrung nach rein gar nichts. Da redet man sich nur den Mund fusselig. Für Termine "draußen" planen wir Verspätungen ein. Viel problematischer ist, wenn wir FA-Termine vereinbaren und die Patienten gar nicht kommen. Dafür dann einen Tag später. Gerne dann auch mit Exazerbation der entsprechenden Beschwerden.
Je nach Krankheitsbild gibt es dann auch bis zum Transfer gar keinen Facharzttermin von uns mehr.

In der eigenen Sprechstunde schicken wir auch Patienten weg, die zu spät kommen. Das mit der morgentlichen Triage und der Ausgabe der Nummern funktioniert ganz gut.

Evil
09.01.2016, 12:55
Das mit den Terminen stimmt schon, das erlebe ich in meiner Praxis auch. Sauer bin ich deswegen allerdings nicht, da ich genug zu tun habe.
Im Zweifelsfall müssen sie sich halt einen neuen Termin holen, sonst kommen sie nicht dran. Wenn jemand wirklich krank ist, hält er sich dran ;-)

Espressa
10.01.2016, 09:20
Mir wird es immer flau wenn ich das so lese. Ehrlich gesagt habe ich nie daran geglaubt, dass die Masse der Flüchtlinge so super kooperativ und bemüht ist und nichts wie einen Job will und innerhalb kurzer Zeit selbstversorgend klar kommt.
Ich fürchte sehr dass einfach andere Sitten, Mentalität, Gewohnheit oder nennt es wie ihr wollt, sehr effektiv verhindern werden, dass es soweit kommt, und Deutschland noch seine liebe Not und Mühe haben wird, die Menschen auch nur annähernd irgendwie zu integrieren. Klar, man "schafft es" sicher, die irgendwo aufzubewahren, aber das große happy end halte ich für sehr, sehr fraglich.

*milkakuh*
10.01.2016, 09:56
Ich glaube man darf das nicht sooo schwarz sehen. Denke spätestens die nächste Generation wird voll integriert sein. Genauso, wie man das jetzt bei den Familien sieht, die aus der Türkei oder Russland kamen.

par
10.01.2016, 10:44
Ich kann mir vorstellen, dass ein Mensch, der aus akuter Not und Kriegsgebieten geflüchtet ist, die erste Zeit psychisch kaum in der Lage ist, Integration in seinen Facetten zu leben. Gewohnheiten/Routine geben auch Halt und jemand der gerade sein Heimatland aufgeben musste, wird wahrscheinlich nicht die Kraft aufbringen können, den Schalter umzulegen und nach ihm bisher unbekannten Regeln zu funktionieren. Das braucht Zeit und etwas Ruhe.
Wichtig ist es, zu erreichen, dass in der Einstellung dieser Menschen, die Bereitschaft für Integration geweckt wird und hoch ist, das Interesse (!) und die Neugier, sich mit der hiesigen Gesellschaft auseinander setzen zu wollen: es ist ja nicht so, dass unsere Gesellschaft nach intellektuell kaum erfassbaren Normen funktioniert, die man kaum versteht. Man kann es auch nicht in Köpfe "reinprügeln".
Neben all den kulturellen Unterschieden haben alle Menschen Grundbedürfnisse und Emotionen/ emotionale Reaktionsmuster, die sie teilen und bei dem einfachen Flüchtling kann man an zB an der Dankbarkeit, der Hoffnung auf eine Zukunft ansetzen und von dort aus führen.
Es ist wichtig, unmissverständlich die Werte und Kultur (...) in diesem Land in jedem Fall zu verkörpern und dort keine Kompromisse einzugehen, aber vielleicht, wie in der Erziehung von Kindern (wenn man das als Bsp. nehmen kann), Geduld mitzubringen, weil es doch Fremd ist.

WackenDoc
10.01.2016, 11:20
Die beste Chance haben tatsächlich die Kinder- die lernen sehr schnell Deutsch und lernen ja von klein auf unsere Kultur und auch unsere Spielregeln. Gerade die Mädchen haben oft sehr großes Potential, da befürchte ich aber, dass sie sehr schnell unter der Fuchtel der Brüder stehen, sobald sie etwas älter werden.

Mit dem Willen zur Integration ist es sehr unterschiedlich. Wir erwarten ja nicht, dass sie innerhalb von 2 Wochen zu Hausmeister Krause mutieren. Aber nach mehreren Monaten sollte man doch mal so grob verstanden haben, wie es bei uns läuft.
Und irgendwie muss sich das doch auch mal rumsprechen.

Kackbratze
10.01.2016, 11:24
Abwarten. Strafe bei Fehlverhalten, positive Verstärkung als Hauptziel. Erwachsenenerziehung unterscheidet sich nicht groß von Kindererziehung oder Tiererziehung. Man muss nur konsequent bleiben und alle müssen am gleichen Strang ziehen, was ich bei den Politikern allerdings nicht sehe.

par
10.01.2016, 21:34
Erwachsenenerziehung unterscheidet sich nicht groß von Kindererziehung oder Tiererziehung. Man muss nur konsequent bleiben[...]Das Problem ist eher, dass es sich hier um eine Umerziehung handelt. Das ist ab Adoleszenz sicher schwierig. Den Vergleich mit Tiererziehung finde ich unangemessen.

Kompromisslose Durchsetzung der Werte z.B. des Grundgesetzes sind Voraussetzung.
Es zu schaffen, die Bereitschaft zu wecken, ist teilweise sicher nicht einfach. Aber in der "Akutphase" (@ Wacken: ich finde sogar mehrere Monate zu wenig, je nachdem wie diese verlaufen sind), in der Existentielles noch unerklärt ist, wird das nicht stattfinden können.

Man muss ausserdem unterscheiden zwischen Sprachbarriere und Unverständnis von unmittelbaren Umgangsformen (die Basics könnte man hier sicher in weniger als einem Jahr vermitteln) und ein Umdenken in den Wertvorstellungen; das kann Jahre dauern.

Kackbratze
10.01.2016, 22:01
Den Vergleich mit Tiererziehung finde ich unangemessen.

Ich nicht.
Wo unterscheiden wir uns denn bitte von den Tieren und in den Verhaltensweisen?
Insgesamt ist es schwieriger bei Adoleszenten, aber möglich.
Konsequenz ist der erste Schritt und der unterscheidet sich nicht bei Erwachsenen, Kindern oder Tieren.

par
10.01.2016, 22:27
Ich nicht.
Wo unterscheiden wir uns denn bitte von den Tieren und in den Verhaltensweisen?
Insgesamt ist es schwieriger bei Adoleszenten, aber möglich.
Konsequenz ist der erste Schritt und der unterscheidet sich nicht bei Erwachsenen, Kindern oder Tieren.
Wir unterscheiden uns nicht darin, dass es Eindeutigkeit und Konsequenz braucht.
Wenn es über reaktives Verhalten hinausgeht Richtung "konzeptionelles" Handeln, dann wohl aber darin, dass man bei Menschen nicht nur auf Konditionierung hoffen kann, sondern auch auf Einsicht und Verständnis. Konditioniertes Verhalten kann man relativ leicht Gegenkonditionierung entgegenbringen (auch bei Menschen).
Für ein Umdenken und dies braucht es bei Verhaltensmustern, denen falsche Werte zu Grunde liegen, genügt das nicht; für eine Beständigkeit braucht es Einsicht.
Ich denke auch, dass es möglich ist; nur eben bei allem ab Adoleszenz kann es in einigen Fällen einen langwierigeren Prozess brauchen.

Kackbratze
10.01.2016, 22:49
Einsicht entsteht, wenn man sein konsequentes Handeln auch erklärt. Sicherlich ist das der Aspekt der in der Tiererziehung nicht so wichtig ist wie in der Erwachsenenpädagogik, man braucht IMHO trotzdem Konsequenz um das, was man erreichen will auch zu erreichen. Man muss auch sich selber gegenüber konsequent bleiben.

Ist auch egal, Erziehungsdebatten gehen am Thema vorbei.

Espressa
11.01.2016, 08:07
Kompromisslose Durchsetzung der Werte z.B. des Grundgesetzes sind Voraussetzung.
Es zu schaffen, die Bereitschaft zu wecken, ist teilweise sicher nicht einfach. Aber in der "Akutphase" (@ Wacken: ich finde sogar mehrere Monate zu wenig, je nachdem wie diese verlaufen sind), in der Existentielles noch unerklärt ist, wird das nicht stattfinden können.

Man muss ausserdem unterscheiden zwischen Sprachbarriere und Unverständnis von unmittelbaren Umgangsformen (die Basics könnte man hier sicher in weniger als einem Jahr vermitteln) und ein Umdenken in den Wertvorstellungen; das kann Jahre dauern.

Ich finde, diese Menschen haben sich alle ihr Zielland ausgesucht, ja sehr bewusst ausgesucht. Da muss man absolut und unmittelbar die Gepflogenheiten annehmen. Es stehen noch sehr viele andere Länder (zum Teil im arabischen Sprach-/Kulturkreis) zur Verfügung, in denen auch Frieden herrscht. Klar will man da hin, wo man auch gewisse Versorgung erhält, aber dann muss man sich in Kultur und Sprache einfügen. Es hat sie ja keiner gegen ihren Willen nach Deutschland gezerrt...
Wenn die Wertvorstellungen vorrangig sind, gibt's wie gesagt genug Raum dafür -woanders. Ich hab da ehrlich gesagt ziemlich wenig Verständnis.

Kackbratze
11.01.2016, 09:10
Ich persönlich interessiere mich nicht für den Wertekanon eines Individuums, in seiner Freizeit zu Hause hinter geschlossenen Türen kann jeder machen, was er will, solange das Gesetz nicht gebrochen wird. Da habe ich auch einen "Umerziehungsanspruch".
Das Verhalten in der Öffentlichkeit und die damit verbundene Anpassung an den jeweiligen Staat/Gesellschaft ist entscheidend.

Falls ich z.B. mal in Riad leben werde, werde ich auch nicht mein Leben lang dem Alkohol fernbleiben und nie wieder Schwein essen, ich würde mich den lokalen Gepflogenheiten und Werten anpassen und wenn ich wieder zu Hause bin mich wieder so verhalten wie ich es gewohnt bin.
Ich werde NICHT dort versuchen die Demokratie oder Gleichberechtigung zu fordern, wenn ich da Gast bin, genauso wenig wie ich eine Monarchie-Forderung oder die klare Geschlechtertrennung hier akzeptieren würde, wenn jemand Fremdes das verlangen würde.

par
11.01.2016, 14:11
Ich finde, diese Menschen haben sich alle ihr Zielland ausgesucht, ja sehr bewusst ausgesucht. Da muss man absolut und unmittelbar die Gepflogenheiten annehmen. Es stehen noch sehr viele andere Länder (zum Teil im arabischen Sprach-/Kulturkreis) zur Verfügung, in denen auch Frieden herrscht. Klar will man da hin, wo man auch gewisse Versorgung erhält, aber dann muss man sich in Kultur und Sprache einfügen. Es hat sie ja keiner gegen ihren Willen nach Deutschland gezerrt...
Wenn die Wertvorstellungen vorrangig sind, gibt's wie gesagt genug Raum dafür -woanders. Ich hab da ehrlich gesagt ziemlich wenig Verständnis.Das stimmt.

WackenDoc
11.01.2016, 18:34
Heute aber wieder so ein Fall:
Patientin soll zum Facharzt. Sollte am 7. wiederkommen (war der Folgetag der Vorstellung bei uns), damit wir ihr den Termin sagen können. Heute ist sie dann aufgeschlagen und hat nicht verstanden, dass sie heute nicht mehr zum Facharzt kommt, sondern morgen pünktlich bei uns sein muss. Jetzt wollte sie in´s Krankenhaus zur Abklärung ihrer Beschwerden.
Wir haben ja auch nicht immer nen Sprachmittler frei.

*milkakuh*
11.01.2016, 19:49
Ich habe einen TV-Tipp für heute Abend zum Thema Asyl/Abschiebung: NDR 22:00 Uhr (oder danach in der Mediathek).



Monatelang erwartete die Flüchtlinge in Deutschland eine Welle der Hilfsbereitschaft. Jetzt häufen sich Forderungen, die Grenzen zu schließen und massiv abzuschieben. Die Politik denkt sogar über Abschiebungen nach Afghanistan nach. Aus diesem Anlass wiederholt das NDR Fernsehen die preisgekrönte Dokumentation "45 Min - Tod nach Abschiebung". Ein berührender Film, der am Beispiel eines jungen Flüchtlings zeigt, was Abschiebung bedeutet und was sie anrichten kann.
Wadim K. ist in Deutschland aufgewachsen, zur Schule, zum Sport und in die Ministrantengruppe gegangen. Er sprach Deutsch, er hatte deutsche Freunde, er fühlte sich als Deutscher. Doch einen deutschen Pass hat Wadim nie bekommen, weil er mit seiner Familie 1992 als Flüchtling aus Lettland kam. Es folgen 13 Jahre in Hamburg, zwischen kurzfristigen Duldungen, Arbeitsverbot und Sammelunterkünften - bis zur Abschiebung des jungen Mannes nach Lettland. Weitere fünf Jahre später nimmt Wadim sich bei einem illegalen Besuch in Hamburg das Leben.



Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht grundsätzlich gegen Abschiebung - wenn es keine triftigen Fluchtgründe gab ist es sicherlich die einzig richtige Konsequenz, allerdings ganz bestimmt nicht mehr nach mehreren Jahren der Integration. Bin auf die Dokumentaton gespannt, Bekannte von mir haben damals versucht dem Jungen in Lettland zu helfen. (Ich will da jetzt gar keine große Diskussion lostreten, dachte nur es interessiert vielleicht noch jemanden.)

Espressa
11.01.2016, 21:57
Es ist schon schwierig, gerade bei Kindern oder Jugendlichen - die ja die Entscheidung zum Landwechsel vielleicht gar nicht selbst getroffen haben, sondern von Eltern mitgenommen wurden, finde ich es auch schwierig, sie dann abzuschieben, nachdem sie sich ins Land eingefügt haben und dort den Großteil ihres Lebens verbracht haben...

Andererseits - heute in den Nachrichten aufgeschnappt, dass es inzwischen schwierig ist, auch straftätige Asylsuchende abzuschieben, da viele einfach keine Papiere haben, und die anderen Länder sie dann auch gar nicht nehmen wollen, bzw. wohin schiebt man jemanden ab, der seine Herkunft gründlich vertuscht hat? Finde ich auch gefährlich, dass durch die erlaubte Einreise ohne Papiere eben "Vogelfreie" geschaffen werden, die ja auch nicht viel zu verlieren haben...

WackenDoc
11.01.2016, 22:04
Ja, so lange darf die Entscheidung und die Abschiebung natürlich nicht dauern. So etwas ist ein Beispiel für Fehler im System.

Wir haben im Camp auch welche, wo ich es persönlich traurig finden würde, wenn sie abgeschoben werden und das werden sie früher oder später, wenn sie nicht rechtzeitig abtauchen, weil sie einfach keinen Asylgrund haben.
Mit solchen Menschen muss man ehrlich sein und sie eigentlich gar nicht erst rein lassen.

Dass man straffällige Asylbewerber nicht abschiebt finde ich ein Unding. Traurige Berühmtheit hat ja der Iraker aus Berlin erlangt, den man nicht abschieben kann, weil ihm zu Hause die Todesstrafe droht (wohlgemerkt wegen Mord oder so und nicht aus politischen Gründen) und der hier nichts besseres zu tun hat, als weitere Morde zu planen und eine Polizistin fast umzubringen.

WackenDoc
09.03.2016, 19:22
Ich bin jetzt im ehrenamtlichen Impfteam des Gesundheitsamtes. Schon interessant wie unterschiedlich die Impfstrategien sein können.
Ist ganz interessant, aber geht auch nur, weil ich wieder freiberuflich bin und tagsüber Zeit habe.

Anne1970
19.03.2016, 11:08
Kennt Ihr schon diese Link?
http://ilias.aekwl.de/goto.php?target=crs_29730

Das ist ein E-learning Kurs (ohne Login erreichbar) zum Thema Gesundheitliche Versorgung in (Erst-)Aufnahmeeinrichtungen"