Ein fast vergessenes Land
Famulatur in Mazedonien
Mathias Kellermann
Eine politische Katastrophe
Mazedonien ist ein sehr armes Land. Vieles wirkt für einen Deutschen chaotisch und unkoordiniert. Überall in Mazedonien sticht einem die Armut ins Auge: Bettelnde Kinder und Pferdekarren als Fortbewegungsmittel sind in Skopje Alltag, und wenn man die Hauptstadt verlässt, verstärkt sich dieses Bild noch. Trotzdem sind die Menschen sehr herzlich und gastfreundlich. Politisch gesehen ist Mazedonien echt eine Katastrophe. Korruption an allen Enden, ethnische Konflikte im Inland zwischen Slawen und Albanern und außenpolitische Zankereien mit den Nachbarn bestimmen den Alltag. Mazedonien existiert erst seit 1991, es wird eigentlich von keinem seiner Nachbarn anerkannt und so sind die Menschen sehr empfindlich, wenn es um ihr Land geht. Orient und Okzident prallen hier aufeinander. Manchmal friedlich, manchmal eben nicht. Vor allem der Konflikt zwischen den Albanern und den slawischen Makedoniern ist ein echt großes Problem. 2001 wäre dieser Konflikt ja fast in einen Bürgerkrieg ausgeartet, und so kann man im Klinikalltag auch gelegentlich auf Patienten treffen, die in einer bewaffneten Auseinandersetzung verletzt wurden. Als Student rate ich, sich am besten aus politischen Diskussionen herauszuhalten, auch wenn das nicht immer gelingt. Zum Land, geo-graphisch gesehen, kann ich nur sagen: traumhaft! Berge, Wälder und Seen laden ein, entdeckt zu werden. Da Mazedonien so gut wie keine Industrie hat, findet man seltene Tiere und Pflanzenarten. Die Fauna und Flora ist sehr ursprünglich und es gibt viel zu entdecken.
Moscheen und Kirchen aus einem ganzen Jahrtausend Baukunst laden zur Besichtigung ein. Von römischen, griechischen über osmanischen und slawischen Kulturschätzen wird man alles in Mazedonien finden. Überall kann man sich noch ein bisschen als Pionier fühlen, denn Touristen gibt es kaum. Auch das Essen in Mazedonien ist eine Mischung aus slawischem und türkischem Geschmack.
Überraschend westlich
Die Preise sind so moderat, dass man für ein komplettes Menü etwa nur drei bis vier Euro zahlen muss. Man sollte viel Appetit nach Mazedonien mitbringen, denn sonst verpasst man einen essentiellen Teil der Kultur. Essen und Trinken ist hier nämlich ein wichtiger gesellschaftlicher Akt! Skopje bietet Annehmlichkeiten jeder westlichen Hauptstadt.
Wer in einen Technoclub gehen will, kann dies genauso tun wie derjenige, der einen Kulturabend in der Oper verbringen möchte Alles natürlich zu sehr günstigen Preisen. Wer das Land entdecken will, kann sehr billig mit Bus und Bahn das Land bereisen. Auch Taxis sind relativ günstig, wenn man vorher den Preis aushandelt. Das Leben pulsiert in der Hauptstadt und als Westeuropäer fühlt man sich wie im Schlaraffenland, weil alles so günstig ist. Mit Mazedoniern kann man viel Spaß haben. Antialkoholiker sollte man allerdings nicht sein, Wein, Bier und Schnaps wird nämlich in rauen Mengen getrunken. Einen Turbo-Folk-Abend in einem „Kaffana“ sollte man sich ebenfalls nicht entgehen lassen. Traditioneller und lustiger kann man kaum feiern. Hier wird man den „Esprit“ des Balkans spüren!Mazedonien ist ein Land mit ausgeprägter Kaffeekultur. Man sollte sich nicht wundern, wenn man zwei bis dreimal täglich zum Kaffee eingeladen wird. Allerdings gebietet es der Anstand, dass man gelegentlich auch selbst zum Kaffee einlädt. Insgesamt kann ich nur sagen, dass man viel Spaß haben kann. Die Leute sind meist sehr nett und manchmal fühlt man sich geradezu beschämt, wenn man an die „Gastfreundlichkeit“ in Deutschland denkt. Auch die Ärzte behandeln einen wie einen lange bekannten Freund, nicht nur wie einen dummen Studenten. Wer Ausfl üge in die Nachbarländer machen will, kann dies ohne Probleme mit dem Bus tun. Serbien ist nah, Albanien und Bulgarien erreicht man in zwei Stunden Busfahrt und Griechenland in knapp 3 Stunden. Besonders empfehlenswert sind in Mazedonien der Ohridund der Prespa-See. Beide sind relativ gut touristisch erschlossen.
Ein fast vergessenes kleines Land
Trotz vieler Probleme ist Mazedonien eine Reise wert. Nicht nur, weil man viele Dinge in der Famulatur lernen kann und sieht, wie andere Ärzte auf der Welt arbeiten müssen, sondern auch, um eine andere Kultur kennen zu lernen. Man wird Ähnliches, aber auch viel Verschiedenes zu unserer Kultur entdecken können. Vor allem freuen sich die Mazedonier sehr, wenn jemand aus Westeuropa ihr fast vergessenes Land kennen lernen will. Leider war ich in der Prüfungszeit in Mazedonien und deswegen hatten die Studenten kaum Zeit für mich, aber im Sommer ist das sicherlich anders. Trotzdem habe ich auch auf eigene Faust viel gesehen und entdeckt und deswegen kann ich jedem Mazedonien als Famulaturziel unbedingt empfehlen!
Tipp zum Schluss
Bevor ihr nach Mazedonien reist, solltet ihr euch ein wenig über Mazedonien informieren. Das beste Buch auf dem Markt ist aus dem Trescher Verlag. Es heißt: „Makedonien entdecken. Unterwegs auf dem südlichen Balkan“ und kostet rund 17 Euro.