Famulatur in einem der ärmsten Länder der Welt
Lernen an der Uni Jimma
Autor der Redaktion bekannt
Was mich überraschte
Ich war überrascht, dass sie sich auch sehr gut mit den diagnostischen und therapeutischen Standards bei uns auskannten. Des Öfteren musste ich mit einem seltsamen Gefühl im Bauch sagen hören: Wären wir jetzt in Amerika oder Deutschland, dann würden wir jetzt dies und jenes tun oder verschreiben, aber hier geben wir nur…“
Die dortigen Studenten und Ärzte gaben sich den äthiopischen Umständen gelassen hin. Die diagnostische Arbeit kam nur zäh voran. Die Ergebnisse einer Blutabnahme musste ich dreimal verlangen, einmal waren die Daten in der Bürokratie verloren gegangen und das folgende Mal gab es keine Ergebnisse, weil der Strom für die Mikroskope fehlte.
Auch die drei Inkubatoren in der Gynäkologie waren nicht in Betrieb. Sie waren angeblich kaputt und niemand wusste, wie man sie reparieren sollte. Ich war froh Einweghandschuhe mitgebracht zu haben. Diese waren dort eher Mangelware und wurden nach Gebrauch wieder gewaschen. Die Sprache
Die Landessprache Äthiopiens ist amharisch, aber es gibt über 70 verschieden Sprachen, die in den einzelnen Gegenden gesprochen und wo amharisch nicht verstanden wird. Aufgrund dieses Umstandes finden der Unterricht und die Visiten auf Englisch statt. Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist dort nicht die erste Priorität. So unterhält sich der „Senior“ bei der Visite mit seinen Studenten auf Englisch und wendet sich ohne ein Wort an die Eltern des Patienten zum nächsten. Zur Entschuldigung muss man allerdings sagen, dass der Arzt oftmals selbst nicht den Dialekt der Patienten spricht und er für ein Gespräch oftmals einen Übersetzer braucht.
Anfangs hatte ich Probleme dem äthiopisch-englischen Akzent zu folgen und war bei Fragen oftmals ratlos. Aber das legte sich und ich lernte viel über die häufigsten pädiatrischen Krankheiten in dieser Gegend.
Viele Kinder kamen stark unterernährt und dehydriert ins Krankenhaus. Nach tagelangen, zum Teil wochenlangen Durchfall war das Kind sehr schläfrig, die Augen eingesunken und matt und häufig fand sich eine stehende Hautfalte.Infektionskrankheiten waren das größte Problem. Neben Lungenentzündung und Malaria, war besonders Tuberkulose der Grund für eine stationäre Aufnahme. Welche Krankheiten die Folgen einer HIV-Infektion waren, blieb der eigenen Einschätzung überlassen. In Äthiopien ist schätzungsweise jeder 6. mit dem Virus infiziert. Die betriebene Aufklärung erreicht nur schwer die ländliche Bevölkerung und die wenigsten kennen sich mit Verhütung aus, geschweige denn nutzen sie.
Die Behandlung im Krankenhaus müssen die Patienten selber zahlen. Wenn sie dafür jedoch zu arm sind besteht die Möglichkeit, dass sie zur Verwaltung ihrer Gemeinde gehen und sich dort ihre Mittellosigkeit schriftlich geben lassen. Die Kosten der Behandlung werden dann vom Staat übernommen.
Highlights
Ich habe viele verschiedenen Krankheitsbilder der Pädiatrie gesehen, die man in Deutschland nicht zu Gesicht bekommt, die praktischen Tätigkeiten allerdings übernehmen vor allem die so genannten „Health Officer“ - etwas höher gestellt als Pfleger. Einem solchen bin ich deshalb auch gerne gefolgt und durfte so in der Notaufnahme nähen (ohne Narkose, weil zu teuer und mit einer Nadel, dick wie eine Stopfnadel, doch ohne ein Schmerzlaut von Seiten des Patienten).
Die Leitung schlug uns vor, während unseres Aufenthaltes auch die anderen Fachrichtungen kennen zu lernen und deshalb machte ich zwei Nachtschichten im Kreissaal. Dies war eines der Highlights der Famulatur. Ein gesundes Baby unter guter Anleitung mit den eigenen Händen ans Licht der Welt zu heben, Nabelschnur abzutrennen, wiegen und in die großen Augen dieser wunderhübschen Babys blicken… es war großartig - meine ersten miterlebten Geburten.
Ich hatte Angst meine Fähigkeiten zu überschätzen und etwas falsch zu machen und ließ deshalb die Hebamme nicht von meiner Seite, um mir genaue Anweisungen geben zu können und im Notfall einzugreifen. Leider gab es auch äthiopische „Interns“ (zwischen PJ und AiP), die völlig ungeübt eine Geburt alleine zu bewerkstelligen hatten und damit überfordert waren. Die dortigen Studenten werden oft derart ins kalte Wasser geworfen, meist zum Nachteil der Patienten.
Arzt-Patienten-Beziehung
Ich würde noch gerne einige Anmerkungen zur Arzt-Patienten-Beziehung machen. Ich hatte hier leider das Gefühl, Menschenleben seien in Äthiopien nicht soviel wert wie in unseren Gegenden. Es sterben natürlich viel mehr Menschen an ihren Leiden als bei uns und daher gehört der Tod in einem Krankenhaus zur alltäglichen Arbeit hinzu. Aber es sind mehr die Umstände, welche erschreckten, unter denen diese Leiden ertragen werden müssen. Besonders in der Gynäkologie machte es uns schwer zu schaffen, wie sie mit den teilweise noch sehr jungen Frauen umgegangen sind.
An einem Abend kam eine schwangere Frau mit Unterleibsbeschwerden, da sie nach ihren Angaben von ihrem Mann in den Bauch getreten worden war. Sie kam in gebückter Haltung und ihr Kleid unter dem sie nichts trug war blutverschmiert. Der Intern vermutete sofort eine versuchte Abtreibung und sie wurde im schmutzigsten und ungemütlichsten Raum gebracht und dort untersucht. Der Arzt und auch das weibliche Pflegepersonal traten mit vorwurfsvoller Sprache an die Frau heran, die anfangs vor dem männlichen Arzt ihr Kleid nicht hochschieben wollte. Wer weiß, warum diese Frau wirklich schwanger war und warum sie dieses Kind nicht haben wollte, aber Abort war nur bei bestimmten Indikationen erlaubt und sonst verboten. Sie wurde am morgen operiert und durch einen Kaiserschnitt wurde das schon tote Kind aus der Gebärmutter entfernt.
Eine weitere bedrückende Erfahrung folgte in der Tagesklinik der Gynäkologie. Eine Patientin weigerte sich, vor 8 zum großen Teil männlichen Studenten ihr Vaginalkarzinom untersuchen zu lassen. Der „Senior“ wurde sauer und schimpfte mir. Entweder solle sie sich nun vor den Studenten, die ja etwas lernen wollten, untersuchen lassen oder gehen und selber damit klar kommen. Die Frau war angeblich eine Prostituierte gewesen. Sie ließ sich nicht untersuchen und ging.
Als Außenstehender urteilte ich vielleicht zu schnell und wollte es vermutlich auch nicht verstehen. Aber es ist ein anderes Land mit eigenen Hintergründen und Vergangenheit.