Famulatur Kardiologie
Bordeaux 1999
Sabine
Angeregt durch das Erasmus-Auslandsjahr einer Kommilitonin in Bordeaux undmit deren Hilfe was Unterbringung und Organisation betraf, reiste ich imSommer 1999 zusammen mit einer Freundin an die franzoesische Atlantikkueste.Wir wohnten spottbillig in einer riesigen Studentenstadt vor den Toren vonBordeaux, die allerdings im Sommer etwas ausgestorben wirkte.
Geplant hatte ich die Famulatur in der Infektiologie im KlinikkomplexPellegrin, doch vor Ort zeigte sich, daß dieser mit dem kärglichenSommerfahrplan der Busse von unserer Unterkunft aus schlecht zu erreichenwar. Ausserdem kuemmerten sich die Aerzte dort so gut wie gar nicht um mich.Meine Freundin hingegen hatte für ihre Famulatur in der Kinderkardiologieder Klinik Haut-Levêque eine Mitfahrgelegenheit und es gefiel ihr sehr gutdort, so daß ich kurzentschlossen in die Erwachsenen-Kardiologie derNachbarstation wechselte, wo es mir dann auch sehr gefallen hat. BeideStationen unterstehen Prof. Choussat, genannt „Le Patron“, eincharismatischer, teils väterlich-autoritärer Mit-Leib-und-Seele-Kardiologe,den die herzkranken Kinder trotz seines Quasimodo-Aussehens heiss lieben.
In Frankreich sind die Studenten als sogenannte „Externes“ schon früh imStudium in die Klinik eingebunden und zwar immer vormittags, nachmittagssind während des Semesters Kurse. Auf Prof. Choussats Stationen warallerdings stets soviel Arbeit, daß man selten vor drei Uhr nachmittagsfertig war.
Die Externes waren überaus freundlich
Daher waren auch alle froh, in uns Unterstützung zu finden undwir wurden voll integriert. Da Prof. Choussat extrem schlecht sieht, hat erübersichtliche Cahiers de Codage nach dem Ankreuzschema entworfen, die manbei Untersuchung und Anamnese ausfüllt, was uns natürlich sehr entgegenkam(nicht daß wir das Ankreuzen so lieben, aber so war der Einstieg in diefranzösiche Fachsprache sehr erleichtert und man wußte genau, auf was esalles ankommt).
Wir hatten das Glück, daß auf unseren Stationen dieExternes extrem nett und hilfsbereit waren und auch die Internes, dieunseren Assistenzärzten entsprechen, konnte man bei Problemen fragen. Ichhatte meine eigenen Patienten, die ich dann auch vor eventuellenKatheterfilmen dem Ärzteteam vorzustellen hatte. Dabei sorgten die von mirenglisch ausgesprochenen englischen Fachausdrücke für allgemeineErheiterung. Meine Patienten waren sehr abwechslungsreich, sowohl dieklassischen Angina- und Herzinfarkt-Patienten waren dabei, als auchHerzinsuffiziente, Patienten mit Klappenfehlern, mit Rhythmusstörungen undjunge Erwachsene mit korrigiertem angeborenen Herzfehler, die aus derKinderstation herausgewachsen waren. Morgens vor der Besprechung hielt einerder Ärzte eine halbe Stunde Studentenunterricht in Kardiologie, wo ichfeststellen mußte, daß wir den Franzosen in der Theorie, sprich Pathophysiologie, doch um einiges voraus sind. Mittags konnten wir in der Klinikkantine essen, wenn Zeit blieb. Am Spätnachmittag und Abend erkundetenwir Bordeaux, dessen Museen seit einiger Zeit für Studenten eintrittsfreisind und das eine wirklich fantastische Stadt ist, und an den Wochenendenreisten wir in die Umgebung oder ließen die Seele an einem der Atlantikstrände baumeln.
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