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Vier Monate Südafrika

Traumatologie am Tafelberg

Silke Otremba

Die Vorlaufphase

Während meines PJs wollte ich unbedingt in der Chirurgie mehr tun, als nur als „Hakenhalter“ zu fungieren, daher war ziemlich schnell klar, dass ich dies nur im Ausland verwirklichen konnte. Ich hatte gehört, dass man als PJ´ler in Südafrika nicht nur unheimlich viel Schuß- und Stichverletzungen zu sehen bekommt, sondern auch selbst viel Hand anlegen kann und z.B. Thorax-Drainagen etc. selbständig durchführen darf. Außerdem reizte es mich, dieses fremde Land zu erkunden, welches sowohl kulturell, als auch landschaftlich sehr reizvoll ist.

In einer Informationsveranstaltung einer großen Versicherung erfuhr ich, dass die Bewerberzahlen sehr hoch sind und man gut daran täte, sich etwa zwei (!) Jahre im Voraus zu bewerben, vor allem, wenn man vorhat, nach Kapstadt zu gehen. Ich hatte noch 1 ½ Jahre bis zum geplanten Zeitraum, es wurde also knapp.
Ich schickte meine Bewerbungen für 4 Monate Traumatologie an diverse Universitäts-/bzw. Lehrkrankenhäuser in Südafrika los. Man bekam dann Bewerbungsunterlagen und die Aufforderung, erst einmal einen gewissen Betrag als „Bearbeitungsgebühr“ zu überweisen, bevor man überhaupt in die engere Auswahl kam. Viele der Krankenhäuser schickten auch schon gleich eine Ablehnung, sie waren ausgebucht.
Ich hatte Glück und konnte einen Platz für 4 Monate Trauma am berühmten Groote Schuur Hospital, an dem Professor Ch. Barnaard das erste Herz verpflanzte, ergattern. Die Abwicklung über Email war eigentlich recht unkompliziert, wenn sich die zuständige Foreign Elective Sekretärin nach mehrmaligem Anschreiben endlich zu einer Antwort durchgerungen hatte. Die Uhren in SA gehen halt etwas anders. Als erstes war natürlich wieder Geld zu überweisen, ein nicht unerheblicher Betrag an Studiengebühren. Dieser war auch schon ein dreiviertel Jahr vor Beginn des Tertials zu überweisen (hochkompliziert mit Umtausch in Rand etc.) und erhöht sich jedes Jahr.
Später buchte ich dann noch den Flug, kümmerte mich noch um das Visum (kostet auch wieder) und um eine Unterkunft. Die meisten Krankenhäuser geben Listen heraus mit Leuten, die Zimmer vermieten, oder man kann im Backpacker´s /Lodges (z.B. Green Elephant) wohnen, allerdings die Aussicht, mir 4 Monate lang ein Zimmer mit mehreren Leuten zu teilen, fand ich nicht besonders ansprechend. Meist sind die vermieteten Zimmer sogar günstiger, da sie nicht tageweise abgerechnet werden, und ich wohnte bei einer sehr netten britischen Lady, die mich sogar vom Flughafen abholte und meine Wäsche wusch.

Surftipp

Die Arbeit am Groote Schuur Hospital

Der Tag begann um 8h mit der morgendlichen Visite auf dem „Ward“, der Station, etwa 35 – 40 Betten in einem riesigen Raum, nur durch Vorsprünge und Vorhänge getrennt, die man bei der Behandlung um das Bett ziehen konnte. Außerdem gab es noch den „Lazy Boys Room“, in dem nur Sessel und Ergometer standen, hierhin kamen Patienten, die eine (oder mehrere) Thoraxdrainagen hatten und mobilisiert werden sollten.
Die Visite bestand aus dem Chef oder seinem Vertreter, den Ärzten der Station und einem Haufen Studenten. Es waren sowohl einheimische Studenten aus dem 6. Jahr dabei, sie blieben nur eine Woche, als auch einige ausländische Famulanten und PJ´ler, hauptsächlich Deutsche, Engländer, Schweizer und Holländer. Nach der Visite wurden die Blutentnahmen gemacht und Röntgenscheine ausgefüllt. Für die Stauung gab es keine Stauschläuche, man half sich einfach mit einem Gummihandschuh- einfach, aber effektiv.
Danach gab es während des laufenden Semesters noch Unterricht für die 6th Year Students, dieser war von wechselnder Qualität und wiederholte sich immer nach 4 Wochen, aber immerhin wurden die wichtigsten Themen der Traumatologie (in SA etwas in Richtung Schuß- und Stichverletzungen verschoben) abgehandelt. Als das Semester zu Ende war, gab es leider keinen Unterricht mehr.
Auf Station war man relativ sich selbst überlassen, es nahm einen keiner an die Hand und erklärte einem etwas, wenn man nicht selbst ein wenig Engagement an den Tag legte und wie ein nerviger Schatten einem Registrar (Assistenzarzt) hinterherlief. Es wurde nur erwartet, dass man an den Studenten-Diensten teilnahm, mindestens 1-2 Mal/Woche, was meist bedeutete, nachts aus dem Bett geklingelt zu werden, um Haken bei einer abdominellen Schussverletzungs-Versorgung zu halten. An den Wochenenden lohnte es sich abends länger in der Klinik zu bleiben, um bei frisch reinkommenden Schussverletzungen (ab und zu auch mal andere lebensbedrohliche Verletzungen) im „Resusitation-Room“ bei der Erstversorgung zuzuschauen, wenn man einen netten Registrar hatte, auch selbst Hand anzulegen (Rektaluntersuchung auf Blut, arterielle Blutgasanalyse, Untersuchung).
Insgesamt war es aber relativ ruhig während meiner Zeit in Kapstadt, die täglichen Thoraxdrainagen, von denen ich gehört hatte, fanden nicht statt. Wenn allerdings Verletzungen reinkamen, waren sie meist sehr beeindruckend.
Die kleine Chirurgie konnte man gut in der Notaufnahme lernen, jeden Tag kamen mehrere Verletzte mit Schnitt- oder Platzwunden, gebrochenen Gesichtsknochen oder Extremitäten; diese konnte man teilweise völlig selbständig versorgen. Ab und zu war auch mal eine Bülau-Drainage zu legen, ich hatte wohl etwa 6-7 Mal dazu Gelegenheit. Kleine Highlights waren auch gelegentlich eine oberflächlich gelegene Kugel extrahieren zu dürfen.
Die Registrars waren meist sehr nett, und wenn sie nicht zu sehr im Stress waren, erklärten sie einem auch gerne etwas. Die meisten waren noch sehr jung und mussten unheimlich viele Dienste schieben, von daher ist es nur verständlich, dass sie ab und zu lieber selbst schnell die Bülau-Drainage legten, als mühselig dem Studenten zur Hand zu gehen. Grundsätzlich waren aber alle bereit, einen an der Arbeit zu beteiligen. Der Chef und die Oberärzte waren leider nicht besonders nett, aber das gehört wohl zu diesem Job...

Andere medizinische Erfahrungen

Mit etwas Engagement konnte man eine ganze Menge medizinische Erfahrungen auf verschiedensten Gebieten sammeln:Z.B. gibt es in Kapstadt eine Organisation, die sich SHAWKO-Clinic nennt, eine wohltätige Organisation, die von Studenten ins Leben gerufen wurde, um gegen die Notstände in den Townships zu kämpfen. Die Shawko verfügte über mobile Untersuchungseinheiten in Trucks mit kleinen abgeteilten Kabinen; jeweils mehrere Medizinstudenten und ein Arzt fuhren in die Townships, um die Bevölkerung dort medizinisch zu versorgen.Das meiste was ich dort sah, war Scabies, aber auch Tuberkulose, Darm-Parasitosen, Harnwegsinfekte und normale Erkältungen. Häufig konnte man auch eine weit fortgeschrittene Schwangerschaft erstdiagnostizieren; die Frauen konnten sich das morgendliche Erbrechen und den zunehmenden Umfang nicht erklären, auch wenn sie schon drei Kinder hatten und im 9. Monat waren....
Gefragt war eine fundierte Anamnese und körperliche Untersuchung, viel andere Mittel hatte man nicht. Manchmal gestaltete sich die Anamnese schwierig, weil die meisten Patienten weder Englisch noch Afrikaans sprachen, aber mit Übersetzern ging es meist ganz gut.Eine andere Möglichkeit, wo man eine ganze Menge lernen konnte, war in dem Township-Hospital Jooste ein paar Nächte auszuhelfen. Dort waren sie um jede Hand, die anpackte, dankbar, und man konnte ein buntes Bild internistischer und chirurgischer Notfälle sehen. Es geht dort alles etwas chaotisch zu, aber das liegt hauptsächlich an dem Mangel und schlecht bezahlten Personal. So konnte es schon passieren, dass ich als „Ärztin“ mit der Bettpfanne durch die Gegend zog oder mir selbst die Utensilien für die Thoraxdrainage oder Wundnaht zusammensuchen musste.
Dafür gab es dort Dinge, die man in Deutschland nie zu Gesicht bekäme-oder wer hat schon einmal das amphorische Atmen über einer offenen Kaverne gehört?
Mein Schweizer Mitbewohner hat auch einige Nächte auf der Gynäkologie Dienste mitgemacht; er konnte dort jede Menge Geburten durchführen. Es wird von jedem südafrikanischen Studenten erwartet, dass er mindestens 10 Geburten leitet.

Gelauscht (Foren)

Auslandserfahrungen

Außerklinische Erfahrungen

Durch die vielen Dienste und der damit verbundene Freizeitausgleich und weil es eigentlich niemanden so richtig interessierte, ob man da war, hatte das PJ dort auch einen recht hohen Freizeitwert, der auch ausgiebig genutzt werden musste. Denn es gab so viel zu sehen und zu tun! Ich hatte einen wunderschönen 1962er VW Käfer gekauft und erkundete mit ihm die Gegend. Sämtliche Nationalparks der Umgebung, aber auch Kapstadt selbst hat viel an Sehenswürdigkeiten zu bieten: Robben Island, Tafelberg, Waterfront und abends einen „Sundowner“ im La Med einnehmen und dabei zuschauen, wie die Paraglider im schwindenden Sonnenlicht landeten

Auch lernte man unheimlich schnell Leute kennen, die Südafrikaner sind sehr locker und aufgeschlossen, man wurde auch oft einfach so eingeladen. Die drei Wochen Urlaub, die ich hatte, nutzte ich zu einer Rundreise durch das südliche Afrika mit einem Overland-Truck und einem Haufen junger Leute aus aller Herren Länder. SA, Namibia, Botswana und Zimbabwe, Zambia, ein bisschen mehr „richtiges“ Afrika in den letztgenannten Ländern, SA ist doch sehr westlich orientiert.
Kehrseite der Medaille in Südafrika ist die hohe Kriminalitätsrate und der krasse Kultur-Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß. Die Apartheid ist noch nicht so lange abgeschafft, dass die Schranken aus den Köpfen der Leute verschwunden wären. Allerdings ist die Kriminalität auch ein Symptom der Abschaffung der Apartheid. Ich habe dies am eigenem Leibe zu spüren bekommen, da bei mir eingebrochen und alle Wertgegenstände (Laptop, Kamera etc.) gestohlen wurden. Alle Leute verriegeln und verrammeln Türen/Fenster, alles ist umzäunt, es gibt sogar abgeschlossene „Neighbourhoods“, in die man nur an Wachmännern und einer Schranke vorbei hineinkommt. Raub, Mord und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung, ein Leben zählt nicht sehr viel und fast alle weißen Südafrikaner, die ich gesprochen habe, wollen auswandern.

Fazit

Es war eine wahnsinnig faszinierende Zeit in Südafrika! Ich habe viele interessante Leute kennengelernt, Kapstadt ist die schönste Stadt, die ich kenne und auch medizinisch habe ich einiges erfahren, was ich in Deutschland nie gesehen hätte. Ich hatte mir erhofft, noch mehr selbst tun zu können, aber wahrscheinlich habe ich trotzdem sehr viel mehr selbst gemacht, als der 08/15-Pj´ler in Germany. Ich denke, in den kleineren Häusern oder auch in Johannesburg/Pretoria, wo noch nicht so extrem viele ausländische Studenten sind, kann man mehr tun. Ich möchte die Zeit in SA nicht missen, auch wenn ich nicht nur gute Erfahrungen gemacht habe, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, zum Schluß dort „zu Hause“ zu sein, ich wollte gar nicht mehr weg. Die faszinierende Natur in und um Kapstadt hat mich sehr beeindruckt und jedes Mal, wenn ich die Straße am Tafelberg entlang in die Stadt gefahren bin und den Blick über die „Table Bay“ genoß, wusste ich, dass ich eines Tages wiederkommen würde- und vielleicht für immer bleibe....

Silke Otremba