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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Überlegt hier noch jemand, aufgrund der aktuellen Situation zu kündigen?



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Mr. Pink online
15.11.2021, 18:08
Naja... Zurecht. Man lässt es ja mit sich machen.

Matzexc1
15.11.2021, 18:12
In meinem Freundeskreis werde ich teilweise schon ausgelacht

Das wurde ich bereits nachdem ich mit der Doktorarbeit anfing, als telefonischer Ratgeber ist man dann aber doch sehr beliebt.

Vom Marburger Bund, als verhandler, erwarte ich mir gar nichts, eine der Leitungsfiguren an der alten Arbeitsstelle war hochaktiv wenn es darum ging sich in irgendwelche gremien hineinwählen zu lassen. Die Petitionen durften wir alle kräftig unterschreiben, gelernt hat man bei ihm nichts

Reflex
15.11.2021, 18:29
Ihr habt aber komische "Freunde". In meinem Freundeskreis wird niemand ausgelacht für seinen Job. Da werden auch mit den Nicht-Medizinern Belastungen und Probleme zusammen geteilt und man kann Mitgefühl, Verständnis und Rückhalt erwarten, wenn es einem mit der Arbeitsbelastung etc. nicht gut geht. Genauso wie man auch viele schöne Dinge, Anerkennung und Wertschätzung mit einander/für einander teilt.

Mukopolysaccharid
15.11.2021, 18:44
Da hab ich lieber ehrliche Freunde die mir auch mal die Meinung sagen
Bemitleiden kann ich mich selbst

Reflex
15.11.2021, 18:53
Du empfindest eine Entwertung deiner Person oder deines Berufes als ehrlich? Augenscheinlich verwechselst Du Mitgefühl mit Mitleid...

Mr. Pink online
15.11.2021, 18:54
Exakt so ist es. Ich brauche mir bei meinen Kumpels kein Mitleid abholen. Erstens kann ich meinen Beruf selbst wählen und bin sogar schon groß genug selbst zu kündigen und mich neu zu orientieren, zum anderen sehe ich in meinen Freunden vor allem ein gutes Stück Erdung! Unsere Arbeitsbedingungen sind absolut nicht vergleichbar und in den meisten Akademikerberufen völlig branchenuntypisch. Bei der Bezahlung gibt es von deutlich drüber bis deutlich darunter aber auch alles. Wenn mir einer meiner Kumpels sagen würde: "Respekt dafür, dass du dich so schonungslos ausbeuten lässt und wir dich nur noch alles Schaltjahr sehen können!", dann gute Nacht.

Mukopolysaccharid
15.11.2021, 19:35
Du empfindest eine Entwertung deiner Person oder deines Berufes als ehrlich? Augenscheinlich verwechselst Du Mitgefühl mit Mitleid...

Ich finds klasse dass deine Freunde für dich klatschen. Tut bestimmt gut.

Reflex
15.11.2021, 19:41
Spott und Entwertung (auch die Selbstentwertung) scheint für Euch echt ein normaler Umgangston zu sein.

Mr. Pink online
15.11.2021, 20:04
Wer mal nüchtern auf die Arbeitsbedingungen unseres Berufsstandes schaut, der kann nun wirklich keinen Beifall erwarten. Keiner meiner Freunde würde meinen Beruf an sich oder meine Fähigkeiten ins Lächerliche ziehen. Aber wenn ich manchmal erzähle, was im Krankenhaus so Alltag ist, welches Verhalten z. B. auch bestimmte Berufsgruppen im Krankenhaus gegenüber der "Respektsperson" Arzt an den Tag legen, dann bleibt da außer Sprachlosigkeit nicht mehr viel übrig. Traurig ist es eher, wenn ich hier sehe, dass das offenbar schon für viele Ärzte normal ist und der gute Freund, der zurecht eine gut gemeinte Kritik übt, dann gleich ein mieser "Entwerter" ist...
Seid ihr schon mal in ein Verwaltungsgebäude gelaufen und habt die Bürostühle dort gesehen? Oder die Computer? Von den übrigen Inneneinrichtungsgegenständen mal abgesehen? Und dann geh mal in das Standard-Arztzimmer... Willkommen in der Wirklichkeit

][truba][
15.11.2021, 20:19
Ich finde Mr. Pink bringt es ziemlich gut auf den Punkt. Und zwar (fast) alle Punkte.
Es klingt eventuell etwas verbittert aber wer, der mehr als eine Stelle sehen "musste", kann das nicht verstehen?
Das Gesundheitssystem ist im Arsch und wir sind mit den Pflegekräften die, die es langfristig kaputt oder krank machen wird. Aber eben auch weil der Großteil es akzeptiert, mitträgt und/oder keine Eier hat.

cartablanca
15.11.2021, 23:47
Mein Reden. Aber ich sehe es schon kommen: "Ihr Ärzte habt doch während Corona viel mehr gearbeitet als jetzt nach Corona. Was wollt ihr denn jetzt höhere Tariflöhne für weniger Arbeit?"


In einer früheren Abteilung von mir bestand das Pflegeteam auf Station mit Ausnahme von zwei oder drei Leuten nur noch aus Zeitarbeit.

Man muss sich vor Auge halten, dass das Leute sind die häufig mit Anfang 20 mit 5000 bis 6000 netto pro Monat nach Hause gehen. Ich meine ich gönn es Ihnen. Aber es wär schon gut, wenn das bei den Diskussionen um die Arbeitsbedingungen der Pflege auch mal zur Sprache kommt. Derartige Gehälter sind auch bei Akademikern kaum anzutreffen. Damit kann man tatsächlich mit Mitte 20 schon sein Haus abbezahlt haben.

jijichu
16.11.2021, 04:41
........

Bonnerin
16.11.2021, 05:30
@cartablanca: OT, aber: dir ist schon klar, wie unser Stundenlohn aussieht, oder? Mit der Wochenarbeitszeit, die rein vertraglich festgelegt ist lasse ich das Geld-Argument erstmal gelten.
Aber es gibt viele AG, bei denen Überstunden einfach nicht existieren, auch wenn man sie aufschreibt + Kolleg:innen, die das auch mit sich machen lassen. Da ist man dann eben nicht bei 5k für eine 40h Woche, sondern bei 5k für im Schnitt 50-60 Stunden und mehr. Damit kämen dann schicke Stundenlöhne von irgendwas zwischen 14 und 16€ zustande. Zusätzlich halt Nachtdienstbelastung und Wochenenden/Feiertage. Die muss man in den meisten gut bezahlten Branchen (say: Informatik, Maschienenbau) nur arbeiten, wenn das eigene Projekt gerade in der hotten Phase ist. Da sind wir aber beim Punkt von Mr. Pink - Augen auf bei der Berufswahl.

(Btw, keine Ahnung wo du wohnst, aber die Preise für 3-Zimmer-Wohungen starten hier in halbwegs adäquater Lage nicht unter 500k, von Häusern wollen wir mal gar nicht sprechen.)

Milana
16.11.2021, 06:34
Ich bin zunehmend genervt von der nicht vorhandenen Wertschätzung. Ich hab aber leider noch keine wirkliche Idee für eine Alternative, wenn ich eine hätte, wäre ich wohl schon weg.

Mr. Pink online
16.11.2021, 07:23
Wo geht man mit 5000-6000 netto nach Hause?

aerztinwerden
16.11.2021, 07:26
Wo geht man mit 5000-6000 netto nach Hause?

Das hab ich mich auch gefragt.

Muriel
16.11.2021, 07:36
Ich glaube, das bezog sich auch Pflegekräfte in Arbeitnehmerüberlassung.

Mr. Pink online
16.11.2021, 08:07
Achso, dachte schon ich mache gewaltig was falsch.
Es steht jedem von uns offen auch als Honorarkraft zu arbeiten.

Jukka666
16.11.2021, 08:47
Zum Thema Überlastungsanzeige habe ich mir im heutigen Nachtdienst (bin vorhin raus) auch mit Kopfschütteln überlegt, warum wir das nicht häufiger machen:

Wir fahren momentan 8 beatmete COVID-Betten und hatten bei der ärztlichen Übergabe die Information, maximal, also wenn alle Stricke reißen, auf neun hoch zu schrauben, da die Notaufnahme sowieso schon mehrfach gefragt hatte.

Damit sind die ungeimpften, intubierten, auf dem Bauch liegenden Corona Patienten sowieso in der Mehrzahl unter allen Patienten auf der Station, perverserweise haben sie irgendwie auch Priorität gegenüber nicht-COVID Patienten, da die ja weniger Betten zur Verfügung haben.

Worauf ich hinaus will, auf einmal eröffnet uns die Pflegekraft um 22:00 Uhr, sie seien für acht Covid-patienten nur zu dritt. Nur die zwei geimpften sind nicht intubiert, eine geimpfte ist zu lang her und massiv vorerkrankt, die hängt am Picco/hämofilter.

„Draussen“ (gibt ja einen Absperrbereich, über den man nicht treten darf), seien nur zwei weitere Kollegen, darunter ist einer, der ist gar keine Pflegekraft sondern Pflegedienst-Helfer, und er hat sich bereit erklärt einzuspringen aus seinem Frei.

Damit haben wir die neunte Anfrage kategorisch abgelehnt und uns natürlich den Zorn der Notaufnahme zugezogen.

Wir Ärzte sind da solidarisch mit der Pflegekraft, aber was sollen wir machen? Auch der Chefarzt sieht es so.

Da ich neu in der Abteilung bin, werde ich ein Teufel tun, eine Überlastungsanzeige zu schreiben. wenn ich den Betrieb verlasse, hätte ich aber gute Lust an das Gewerbeaufsichtsamt zu schreiben. Wo liegt die Schuld?
Bei der Geschäftsführung, die weder Boni zahlt, noch sonstige Vergünstigungen? da nützt auch der 2000 € Bonus nicht für die Vermittlung einer Pflegekraft, wo es die Hälfte erst nach Bestehen der Probezeit gibt.

Wie lächerlich komme ich mir dann vor, wenn ich mich darüber aufrege wie mein Zimmer aussieht. Dieses habe ich heute neu zugewiesen bekommen, da alle eingesehen haben, wie unzumutbar die erste Variante war. In dieser zweiten Variante ist eine klapppritsche im Prämedikationszimmer, also da wo die Patienten zum aufklären sitzen. Man schläft praktisch neben dem Computer und Kabelsalat, natürlich keine Toilette, kein Kopfkissen, keine Decken, mitten in einem Büro. Gottseidank hatte ich einen Schlafsack.

Aber ihr habt ja alle recht: wir sind selbst dran schuld. Irgendwie.

Mr. Pink online
16.11.2021, 10:29
Das mit der Ausstattung von Arztzimmern habe ich auch nur angeführt um mal einen Unterschied aufzuzeigen, wo die Arbeitswelten von Standard-Arbeitnehmern und Mitarbeiter im Gesundheitssystem sichtbar auseinanderklaffen. Ob man das nun wahrhaben will oder nicht, aber die Art und Weise wie bspw. das Arztzimmer aussieht, spiegelt genau den Respekt wider, den Ärzte im Gesundheitssystem erfahren. Nicht mal die Sekretärin in einer KFZ Werkstatt muss sich sowas geben. Wertschätzung = 0. Bezahlt wird auch nur was minimal nach Tarif möglich ist. Wie mit Überstunden umgegangen wird lässt sich an Dreistigkeit kaum überbieten. Da muss man vielerorts kriminelle Energie unterstellen.

Man mag mir jetzt "Verbitterung" unterstellen, aber ich garantiere euch das ist es nicht. Ich habe genug Zeit gehabt mich damit auseinanderzusetzen. Ich habe eine Situation erreicht, in der ich mich mit den Umständen abfinden und sogar phasenweise Spaß am Beruf abgewinnen kann. Das hindert mich nicht daran die Dinge so zu sehen wie sie sind.