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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Überlegt hier noch jemand, aufgrund der aktuellen Situation zu kündigen?



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Hypochondriac
13.11.2021, 21:31
:-winky
Habe endlich mal mein Passwort hervorgekramt..

WIe der Titel schon sagt: Überlegt hier jemand ebenfalls, wegen Corona erstmal hinzuschmeißen bzw. in den patientenfernen Bereich zu gehen?
Kurz zu meinem Hintergrund: Ich arbeite seit 1 Jahr in der Inneren eines Kreiskrankenhauses und kenne eigentlich keinen Arbeitsalltag außerhalb von Corona. Ich hatte mir eigentlich nach der letzte Coronawelle geschworen, sollte die nächste wieder so schlimm sein, dann werde ich gehen.
Ich bin einfach jetzt schon ausgelaugt, habe 5 Kilo an Gewicht verloren, finde keine Entspannung mehr, wache teilweise morgens früh auf und als erstes fällt mir Patient xy ein, ob es dem wohl eh noch gut geht. Es gab auch im Sommer keine Entspannung, viele schwer kranke Patienten. Und jetzt mit den vielen Coronapatienten wieder.......

Ich habe aber einen tollen Chef und tolle Kollegen. Die würde ich sehr vermissen. Uns fehlt es aber an Personal, die Personaldecke ist dünn. Aber wenn ich daran denke, wie viele Abende ich daheim gesessen bin, innerlich leer weil ich den ganzen Tag nicht mal etwas essen konnte.. und mein Freund nur da sitzt und sagt: Wieso tust du dir das überhaupt an? Und dann fällt mir dazu nichts ein. Nicht mal finanziell hat es sich gelohnt.

Man liest nun ja viel von Mitarbeitern in der Pflege, die kündigen wollen.. Wie siehts bei uns Ärzten aus?!

Fr.Pelz
13.11.2021, 21:41
Krass - also ich muss ganz ehrlich sagen (ich komme aber heute auch von meinem MBSR-Kurs) wenn es sich so auf dich auswirkt, zieh die Reißleine, bevor du ins Burn-out gehst. Da ist es auch egal, wieviele hier schreiben, ob sie gehen oder nicht - du hast für dich die Verantwortung. Und "innerlich leer" und Gewichtsverlust sind klare Alarmsignale deines Körpers. Vielleicht kannst du auf Teilzeit reduzieren oder tatsächlich in einen anderen Bereich bzw. die Klinik wechseln. Denn klar ist: wenn es dir nicht gut geht, kannst du auch anderen nicht helfen.

DA1994
13.11.2021, 22:11
Same same, hab in der 2. Welle angefangen (Pneumo), die 3. voll mitgenommen und dann erleben dürfen, wie irgendeine Vollpfeife in der Verwaltung den Coronabonus für ihre Inkompetenz im Honeoffice bekommt und Ärzte leer ausgehen. Die Belastung ist krass, bei der Pflege vielleicht noch mehr, die Stimmung ist mies. Die Patienten nur noch ungeimpfte Blitzbirnen. überwiegend nichtmal mit Wohnsitz in Deutschland. Hab jetzt in die Funktion gewechselt, werde ich zurückbeordert auf Station/ITS werde ich kündigen.

Reflex
14.11.2021, 05:23
Krass - also ich muss ganz ehrlich sagen (ich komme aber heute auch von meinem MBSR-Kurs) wenn es sich so auf dich auswirkt, zieh die Reißleine, bevor du ins Burn-out gehst. Da ist es auch egal, wieviele hier schreiben, ob sie gehen oder nicht - du hast für dich die Verantwortung. Und "innerlich leer" und Gewichtsverlust sind klare Alarmsignale deines Körpers. Vielleicht kannst du auf Teilzeit reduzieren oder tatsächlich in einen anderen Bereich bzw. die Klinik wechseln. Denn klar ist: wenn es dir nicht gut geht, kannst du auch anderen nicht helfen.

Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen!
:-meinung

BTW: MBSR Kurse sind super und werden auch von den Kassen gefördert.

Markian
14.11.2021, 08:19
Ich bin jetzt auch knapp ein Jahr dabei in der Inneren und denke die Arbeitsbedingungen waren noch nie gut. Das sagen mir zumindest erfahrene Kollegen. Dieses Gefühl der Leere kenne ich auch und das kommt definitiv durch Überarbeitung und Überforderung. Zumindest merke ich wie es im Urlaub weggedrängt wird. Ich bleibe jetzt mal dabei und schaue wie es sich entwickelt. Wenn es gar nicht mehr geht hat man auch die Möglichkeit sich mal krankschreiben zu lassen. Ich arbeite jede Woche deutlich über 50h. Niemand kann mir erzählen, dass das auf Dauer nicht krank macht.

Matzexc1
14.11.2021, 08:21
Ich habe letztes Jahr in der Anästhesie in einem universitären Haus angefangen.
Inzwischen bin ich an einem Grund und Regelversorger, Grund war primär eine schlechte Personalsituation, grottige Ausbildung und eine Mitarbeiterführung die noch an die Zeiten Sauerbruchs erinnert. Ich hatte auch viele gute Kolleginnen und Kollegen, das wiegt aber nicht das auf was ihr beschreibt.

Seit meinem Wechsel geht es mir auch besser, vielleicht ist das ja eine Option für euch anrechenbar ist es auch

Ich halte allen die Daumen und wünsche euch das Beste.

Bonnerin
14.11.2021, 08:39
Ich kann dich sehr gut verstehen...berichte mal aus meiner eigenen Erfahrung:

Ich habe so um die 2. Welle rum mit dem Arbeiten angefangen, 1. Job, Bereich war Anästhesie/Intensivmedizin, Maximalversorger.

Ich habe dann, gerade als alles noch weiter verdichtet wurde, um ja nur wenig Geld zu verlieren, wenn Bettensperren kommen, schon gemerkt, dass ich mich unwohl fühle. Sehr früh Dienste, viele ASA III-Patienten, starker Personalmangel. Viele im fortgeschrittenen Bereich mussten zurück auf die Intensiv, was den Mangel im OP auch nicht besser machte.

Es fing dann erstmal mit Unwohlsein bei mir an, und dauerhafter Müdigkeit. Die vielen teils sehr kranken Patienten und durchaus auch schwierigen Aufklärungsgespräche (inkl. Gewaltandrohungen von Abhängigen) etc. haben mich psychisch wirklich belastet - es gab Tage, da war ich die "Erfahrenste" im Prämed-Bereich.

Dann habe ich mich im Dezember 2020 im Dienst bei einer Patientin mit Covid angesteckt, hatte unglücklicherweise im symptomfreien Intervall auch schon ein Elternteil von mir angesteckt. Da saß ich 10 Tage alleine zu Hause (natürlich mit Telefon/Videochat/etc.-Kontakt) und mir wurde bewusst, dass es so nicht weitergeht. Ich bin Mitte 20, psychisch echt an der Grenze der Belastbarkeit und so kann es nicht sein (habe das Gefühl, bei dir ist das ehrlich). Sich das Einzugestehen war der wichtigste Schritt. :-)

Januar 2021 war ich wieder auf der Arbeit, Status quo, die Probezeit war dabei, zu enden. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, dass ich die 12 Monate voll mache und dann gehe. Parallel habe ich Kontakt zur Ärztekammer aufgenommen. Schon im Studium hatte ich eigentlich immer Interesse an den "Laborfächern". Dank der neuen WBO ist Anästhesie dafür auch inzwischen als klinisches Jahr zugelassen, was die ÄK mir bestätigt hat. Parallel dazu kam der Anruf, ich müsse im Frühsommer schon auf die Intensiv, mit nicht mal einem Jahr Erfahrung. Rauszögern ging nicht.

Daraufhin habe ich dann recherchiert, Mails geschrieben, mich beworben - für die Laboratoriumsmedizin. Es war natürlich alles top secret, da mein AG ja auch nur einen Monat Kündigungsfrist hatte. Habe am Ende auch eine Stelle bekommen, volle 4 Jahre Weiterbildung, inkl. den Rotationen in die Mibi und die Immunhämatologie. Der Gedanke, dass ich ab XX da bin hat mich dann durch die Monate kommen lassen. In der 2. Woche auf ICU habe ich dann offiziell gekündigt. Es war eine unfassbare Erleichterung für mich und ich bin nicht sicher, ob ich sonst diese Zeit unbeschadet überstanden hätte.

Inzwischen bin ich seit mehr als 3 Monaten im Labor und wirklich zufrieden. Ich schlafe wieder vernünftig, meine Eltern und Freund:innen sagen, dass ich auch endlich nicht mehr dauergestresst aussehe...die pechschwarzen Ringe unter den Augen sind weg.

Natürlich ist es auch da stressig (gerade Corona wirkt sich ja natürlich auch auf uns aus), aber ich komme viel, viel besser zurecht damit. Der Abstand durch Telefon und Computerbildschirm war für mich glaube ich eine sehr richtige Entscheidung. Einige Freunde von meiner alten Stelle sagen auch, dass sie ein bisschen neidisch sind - die sind aber kurz vorm FA und wollen jetzt nicht mehr wechseln.

Du hast das Schlimmste geschafft: 12 Monate Innere vollzukriegen. Damit kannst du dich quasi auf jede andere Fachrichtung bewerben. Labor wäre nix für dich (ist es ja glaube ich für die meisten nicht)? Kein Problem, gibt ja auch genügend Fächer am Patienten. Vielleicht was kleines Chirurgisches für 12 Monate, 6 Monate Neuro...eventuell ist ja Allgemeinmedizin was für dich?!

Wenn es dir so schlecht geht, wie du beschreibst, dann kann und sollte es so nicht weitergehen!
Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen!

CrashStudios
14.11.2021, 11:39
Ich finde es bis heute eine absolute Frechheit, dass gefühlt jeder außerhalb der Klinik, ob Beamter oder Bandarbeiter bei VW, einen Coronabonus erhalten hat, nur wir Ärzte nicht. Bestärkt mich aber nur darin den Arztberuf an den Nagel zu hängen.

freak1
14.11.2021, 11:52
Die Aktion ist sowieso wie ins Gesicht gespuckt bekommen. Wie kommt man auf so eine Idee...

Matzexc1
14.11.2021, 12:39
Mich bestärkt die Aktion nach dem FA das Land zu verlassen

cartablanca
14.11.2021, 12:58
Mich bestärkt die Aktion nach dem FA das Land zu verlassen

Und wohin? Ich habe auch darüber nachgedacht.

Bonnerin
14.11.2021, 13:31
Ich finde es bis heute eine absolute Frechheit, dass gefühlt jeder außerhalb der Klinik, ob Beamter oder Bandarbeiter bei VW, einen Coronabonus erhalten hat, nur wir Ärzte nicht. Bestärkt mich aber nur darin den Arztberuf an den Nagel zu hängen.

Ich hab tatsächlich von meinem jetzigen AG einen Coronabonus im Oktober bekommen. Natürlich nur anteilig für die Zeit, die ich da gearbeitet habe (bin ja unterjährig gewechselt), aber trotzdem. War wohl insgesamt der 3. Coronabonus für alle, die da arbeiten.

In der Klinik gabs auch keinen, trotz direkter Gefahr...

Matzexc1
14.11.2021, 13:48
Primär Schweiz, da braucht ich wahrscheinlich noch einen weiteren FA, aber das wäre es mir wert

Cor_magna
14.11.2021, 14:03
Bin schon auf die langen Gesichter seitens Politik und Verwaltung bzw Geschäftsführung etc gespannt wenn in paar Jahren der Ärztemangel so richtig durchschlägt und sie dann doch mal merken, dass es so ganz ohne gute Ärzte vll doch nicht geht :-))

CrashStudios
14.11.2021, 15:22
Es gibt keinen Ärztemangel! Auf den Schreibtischen der Chefärzte in der Derma oder plastischen Chirurgie stapeln sich die Bewerberungen meterhoch. Nur in Kliniken mit miserablen Arbeitsbedingungen und Fächern mit schlechten Gehaltsperspektiven findet sich kein Nachwuchs. Die Lösung der "interessierten" Politik ist nach Ärztemangel zu kreischen, den Markt dann mit Ärzten zu schwemmen, damit junge Kollegen letztendlich mangels Alternativen gezwungen sind in solchen Ausbeuterkliniken bzw. in Hartz-4-Niederlassungen zu gehen.

Jukka666
14.11.2021, 15:27
VIELEN DANK FÜR DIESEN THREAD!

Ihr wisst ja gar nicht, wie sehr der gerade bei mir einschlägt...und mir irgendwie auch hilft!

JA, MIR GEHTS GENAUSO UND ICH WERDE KÜNDIGEN!

Ich-kann-nicht-mehr...Sage ich ganz ehrlich, und das liegt nicht NUR an der Arbeitsbelastung.

Wen es interessiert:
- Ich bin kein Berufsanfänger mehr, ich bin FA (Anästhesie), habe diverse Zusatzbezeichnungen (u.a. auch die Intensivmedizin), und war bis ca. 2019 relativ glücklich in unserem kleinen Haus der Grund- und Regelversorgung tätig, seit 2020 in TZ 80%, da ich nebenher noch andere Dinge tue, die mich tatsächlich immer glücklicher gemacht haben: Schulunterricht für Pflegekräfte und eigene Notfalltrainings sowie Notarztfahren.

- Unsere GF hat dann gewechselt, kommunaler Träger. Massiver Druck, brutaler Absturz was Kommunikation, Wertschätzung, Perspektive angeht.
- u.a. wurde mein Chef praktisch von heute auf morgen abgesetzt, in einigen Monaten ist er nach einer Übergangszeit weg und wurde durch eine ambulante Anästhesisten-Praxis "outgesourced". D.h. die übernehmen jetzt die Säle, sind aber dafür nicht qualifiziert genug, da wir doch auch viele schwer kranke Patienten haben.
- Streit, Diskussionen, Ärger jeden Tag.

- Ich wurde nun auf die Covid-Intensivstation im benachbarten Schwerpunktversorger versetzt. Alles auf Anfang. Personalmangel, Arbeiten auf Anschlag: keine Pausen, kein Trinken, kein Toilettengang realistisch möglich. Eine Covid-Aufnahme nach der anderen. Für mich relativ neu, da ich Covid bisher "nur" aus dem NEF-Dienst kenne und wir im kleineren Haus bislang Covid-frei bleiben sollten (ist jetzt auch vorbei).
- Die Patienten kommen in Strömen, einer kränker als der andere, permanentes Telefonieren, ob man Betten hat. Ständig Bauchlage/PEEP/Intubieren/Bronchoskopieren, man kommt mit der Routine-Arbeit überhaupt nicht hinterher, alles bleibt liegen.
- Die Pflege arbeitet sich einen Buckel krumm.

Was mich schockiert hat: in der Covid-Box in Vollmontur sagt die knapp 60+-Schwester, die in 3 Monaten in Altersteilzeit geht, ihr ist schwindlig, und kippt auf Ex eine Wasserflasche im Gang. Anschlag.

- Einen Corona-Bonus gab es nicht, durch Corona generierte Minusstunden 2020 aufgrund von Saalsperrungen und Zwangs-Nachhause-geschickt-worden-sein sind entgegen aller Versprechungen nie kompensiert worden.

- Bonuszahlungen, Fahrtkostenzuschuss oder sonstige finanzielle Incentives, dass man dem völlig ausgebrannten Stammpersonal im Schwester-Haus hilft, wird es nicht geben. Dazu gab es Sätze vom Betriebsrat, die wie blanker Hohn wirken oder das "Angebot" der GF, jede Überstunde bei Auszahlung mit 1 Euro Extra zu vergüten. Auf Antrag natürlich nur.

- Auf der Intensivstation ist für den Nacht-Dienst das Schlaf-Zimmer (nicht das Arztzimmer) unmenschlich: wird als "Knast" bezeichnet. Wenn ich euch Bilder schicken würde, da bleibt jedem aus einer anderen Branche die Spucke weg: Eine Pritsche mit Bettzeug, sonst gibt es NICHTS im Zimmer. NICHTS. Nichtmal Vorhänge. Die Toilette gegenüber: kein Klopapier, keine Seife/Desinfekt, das Waschbecken ist nicht nutzbar, weil das Abflussrohr abmontiert, es läuft aus dem Waschbecken raus. Sie wollen da jetzt eine "Lösung" finden. Klar, einfach nicht mehr hinlegen geht.

- Und viele weitere Geschichten.

Ich hab das nicht mehr nötig, ich werde fristgerecht zum März kündigen und bin in der Bewerbungsphase für patientenferne Jobs aus dem Medizinsektor: Industrie, Pharma, Medizinproduktehersteller, Software etc.
Habe schon einige interessierte Rückmeldungen.

Es ist vorbei. Ich sehr für mich keine Zukunft in der Krankenhausmedizin mehr. Momentan auch nicht in der niedergelassenen Medizin.

Nefazodon
14.11.2021, 15:39
Wow, Jukka666. Tut mir leid, dass es dich so erwischt hat.

Aber letztlich tust Du, denke ich, genau das richtige, wenn Du dich jetzt umorientierst. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei.

Du bist auch nicht der Erste, der die Klinik verlässt und eine Alternative sucht. Corona hat die Entwicklungen nur, wie in der Pflege auch, wie unter einem Brennglas beschleunigt.

bobo99
14.11.2021, 16:08
Am Anfang habe ich die Erfahrung gemacht, dass Covid zumindest abseits der Intensivstationen die Arbeitssituation eher entspannt. Die Patienten abzuarbeiten fand ich rein medizinisch verglichen mit dem Durchschnittspatienten simpel, sodass ich an vielen Tagen auch viel "nichts" gemacht habe bis der Arbeitstag vorbei war. Lerneffekt war allerdings auch nicht wirklich vorhanden. Natürlich wurde dann irgendwann das ärztliche Personal reduziert während das Pflegepersonal deutlich aufgestockt wurde. Die Pflege hat im Unterschied zu uns eben eine Interessensvertretung die ihren Namen auch verdient.

Coronabonus fand ich ungerecht aber ich habe nichts anderes erwartet. Wirklich jeder (auch nicht klinische) Krankenhausangestellte hat einen Coronabonus bekommen außer das ärztliche Personal. Ich hätte mich sogar über 50€ als symbolische Anerkennung gefreut aber es gab 0€. Die Krönung von alledem war dann noch, dass es für das Pflegepersonal jeden Tag kostenlose Verpflegungslieferungen gab (als ob wir keinen Hunger hätten). Die Schwestern haben aber netterweise mit uns geteilt. Ich kenne mehrere Kollegen, die sich an der Front bei ungetesteten Patienten angesteckt haben und anschließend nahe Angehörige infiziert haben, die teilweise auch hospitalisiert wurden. Coronabonus gabs natürlich keinen.

Personalsituation? Hier eine Anekdote: Ein naher Angehöriger hat lange als Fabrikarbeiter gearbeitet. Immer wenn sich ein Arbeiter im Büro des Vorgesetzten beschwerte oder eine Bitte hatte, hat der Chef mit dem Finger auf die naheliegende Straßenkreuzung gezeigt und gesagt "Wenn es Ihnen nicht passt können Sie dahin gehen, da kommt auch der Nächste her". Genauso ist es doch bei uns auch.

Moorhühnchen
14.11.2021, 16:33
Habe überlegt, ob ich hier schreiben soll oder nicht. Aber Dank Jukkas Beitrag mag ich doch ein paar Worte tippen.

Ich hatte mir ja den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt ausgesucht, als ich mir Ende Januar 2020 (https://www.medi-learn.de/foren/showthread.php?102973-Freistellung-bei-einem-AG-zur-Erlangung-einer-ZB-an-anderer-Klinik) überlegt habe, die ZB Intensiv zu machen. Für mich (und ich denke, ich war da nicht die einzige) war damals ja noch in keinster Weise absehbar, wie sich das Leben in den nächsten Monaten verändern würde und vor allem, dass gerade mein angestrebtes Ziel - die Intensivmedizin - so maximal unattraktiv werden würde! :-?

Bis dahin hab ich bei meinem Stamm-Arbeitgeber eine nette Anstellung gehabt, die mehr oder weniger voll meinen Wünschen entsprach: viel Tätigkeit im OP, Prämed eher weniger, Intensivmedizin nur rudimentär und nur in den Diensten, die in überschaubarer Anzahl zu leisten waren. Notarzt bin ich eh nie gefahren. Hätte also eigentlich so bleiben können, aber da war halt dieser Hintergedanke im Kopf, die Zusatzbezeichnung zu machen.
Nach der ersten Welle hab ich das ganze nochmal forciert und mit einigen vielen Hindernissen dann doch noch alles geregelt bekommen, ohne meine oben genannte Stelle kündigen zu müssen, bei der es keine Weiterbildungsbefugnis gab.

Pünktlich zum Beginn der 2. Welle hab ich dann meine erste ITS-Stelle angetreten, überregionales Traumazentrum, welches laut "Planung" bis zuletzt Covid-frei bleiben sollte. Hat genau bis eine Woche vor Weihnachten geklappt, dann bekamen wir Patienten von der Uni zuverlegt, die dort mangels ECMO-Kapazitäten aussortiert wurden und bei uns an die iLA kamen (Wir retten jeden! *hust*).
Kurz vor Silvester wurden wir an einem Tag mit 7 weiteren Covid-Patienten aufgefüllt, weil wir das einzige Haus mit freien ITS-Betten im weiteren Umkreis waren - bei einer Kapazität von 13 unfall-/neurochirurgischen Betten waren wir ab da quasi handlungsunfähig. Für Wochen.

Mitte Januar wurde es dann so arbeitsintensiv, dass parallel zum bestehenden Bereitschaftsdienstsystem auf Intensiv ein zusätzlicher Schichtdienst etabliert wurde - mit dem selben Personalstamm, natürlich OHNE Reduktion des OP-Programms, welches weiter munter in 11 Sälen lief. Zu dem Zeitpunkt hatte ich da schon gekündigt. Da der Schuppen aber weiter laufen muss, wurden weitere Patienten einfach im Aufwachraum beatmet - selbstverständlich bei weiter laufendem OP-Programm.

Ich habe dann nochmal gewechselt an einen Maximalversorger mit Schichtdienstsystem - das Warum würde hier jetzt zu weit führen, alles sehr kompliziert - aber dort war alles wenigstens etwas erwartbarer! Wöchentlich wurde festgelegt, wie viele Covid-Patienten wir aufnehmen müssen und danach wurde das OP-Programm angepasst. Teilweise waren wir zu dritt im Nachtdienst bei bis zu 17 Covid-Patienten, davon 1-2 laufende ECMOs plus einige Non-Covids. Auch das war arbeitsreich. Auch hier gab es keine Pausen. Kaum Zeit zu essen. Fragwürdige PSA. Viel Einspringen bei Ausfällen. Ich habe in 9 Monaten insgesamt 10kg abgenommen.
Aber irgendwie alles planbarer, als bei der ersten ITS-Stelle und für mich Gott sei Dank ja alles auf absehbare Zeit. Und irgendwie sind viele Covid-Patienten ja auch vorhersehbar im Verlauf. Ich habe meistens lieber die Covid-Seite betreut als die sogenannte IMC.

Dennoch: hätte ich nicht gewusst, dass ich das maximal bis Ende August machen muss, ich hätte vermutlich alles hingeschmissen.

Nun bin ich seit einigen Wochen wieder zurück bei meiner alten Anästhesiestelle. Von den 10kg Abnahme sind 8kg schon wieder drauf. Ich kann wieder schlafen. Essen wann ich will. Trinken wann ich will. Genieße meine Freizeit. Und mache Dienste, deren Arbeitsbelastung sehr überschaubar ist. Ob es sich gelohnt hat, weiß ich jetzt noch nicht.... vielleicht in 3 Wochen.

Aber ich bin froh, da raus zu sein. Die 4. Welle hätte mich ganz sicher gekillt! :-((

Hypochondriac
14.11.2021, 16:37
Vielen Dank für eure Antworten. Mir hilft das auch sehr. Ich fühlte mich teilweise schon als "Versagerin", weil meine KollegInnen das irgendwie leichter wegstecken als ich. Aber es belastet mich zu sehr, und ich bin schon ausgelaugt bevor es irgendwie richtig begonnen hat.

Wow, Jukka666, das klingt wirklich schrecklich. Gratuliere zu dieser Entscheidung, die Klinik zu verlassen. Als FA bist du ja sowieso sehr beliebt in allen möglichen Bereichen.

Ich glaube, man muss schon ein wenig sadistisch veranlagt sein, um sich die Klinik mehrere Jahre lang zu anzutun. Ich komme in den Wochenenddiensten auch nicht zum Essen oder Trinken. Wenn ich vor 16h mein Brot schnell essen kann (natürlich während ich nebenbei am Telefon bin oder Labore durchgucke), dann ist das schon ein seeeehr guter Tag.
Außer natürlich, man findet die Nadel im Heuhaufen und hat einen tollen Arbeitgeber.

Bei uns hat sogar die Verwaltung einen Coronabonus bekommen, Ärzte wohl 200 Euro (das war aber noch bevor ich dort angefangen habe).
Habe auch letztens erfahren, dass bei uns JEDE Berufsgruppe im Krankenhaus Weihnachtsgeld bekommt - außer Ärzte. Die sind ja eh so reich. :-love

Also: In meinem Haus ebenfalls NULL Wertschätzung gegenüber der ärztlichen Berufsgruppe.. ah.., doch. Der Thermeneintritt in der Therme um die Ecke ist für Mitarbeiter 1,50 günstiger. :-love

Ich hatte auch viele Familientreffen ausgelassen - aus Angst, jemanden in meiner Familie mit Corona zu infizieren.