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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Überlegt hier noch jemand, aufgrund der aktuellen Situation zu kündigen?



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cartablanca
20.11.2021, 02:23
Das ist auch alles ein bisschen Resultat dessen, dass viele ärztliche Kollegen die Missgunst von Bevölkerungsteilen in einem Akt der Selbstkasteiung ideologisch übernommen haben. Es gibt in diesem Land eine seltsame Tendenz dazu den Pöbel aufs Podest zu stellen und anzuhimmeln. Der Pöbel stellt sich auch mal gern selbst aufs Podest und erwartet selbstverständlich angehimmelt zu werden. Ich denke da an den Typen ohne Schulabschluss, der unbedingt Führer werden wollte... Das mag der eine oder andere für übertrieben halten. Ich sag nur bei einer der letzten Wahlen stand ein Kandidat zur Auswahl, der dreimal durchs Abi gerasselt war und danach zehn Jahre alkoholkrank. Immerhin 21 % der deutschen Wähler hielten es für sinnvoll den Mann in das Amt mit der höchsten politischen Verantwortung zu wählen.
Man will halt tunlichst nicht als "arroganter Arzt" gelten. Da ist man dann bereit sich auf jede nur erdenkliche Art und Weise sich selbst zu erniedrigen. Habe aktuell neue ausländische Kollegen. Die können es gar nicht fassen, dass man mehrere Arbeitsstunden am Tag damit verbringt handschriftlich ganze Romane an Komplikationen in die Aufklärungsbögen reinzuschreiben. Einer von ihnen meinte, die Aufgabe des Arztes würde im Heimatland darin bestehen Krankheiten zu diagnostizieren und einen Behandlungsplan aufzustellen. Da ist mir erst aufgefallen, dass ich vor Jahren aufgehört habe diese Dinge zu hinterfragen. Wenn es 20% der Zeit wären, die man mit in diesem Sinne nicht-ärztlichen Aufgaben verbingt... aber sind eher 60 bis 70%.

Colourful
20.11.2021, 06:16
Ich erlebe das eher so, dass die pflegerischen Mitarbeiterinnen sich eher darüber aufregen, wie wenig wir verdienen und wie viel wir dafür arbeiten müssen. Die sehen aber auch was wir machen, genauso wie wir auch sehen, was die Pflege macht. Wenn man nicht in diesem System arbeitet, dann ist es wirklich schwierig, das auch zu sehen.
So wie meine Schwiegermutter: "Warum muss Colour denn soviel arbeiten, da ist doch nachts sowieso immer ein Arzt da?"
"Colour ist dann ja da nachts der Arzt. Und sie ist da ärztlich allein. Kein weiterer Arzt."
"Das kann ja nicht sein.", Themawechsel.
Das ist jetzt nur etwas überspitzt dargestellt, es gibt ja auch sehr viele MEnschen, die immer noch denken, dass sich die Kliniken vor jungen, männlichen und deutschen Bewerbern kaum retten können.

Bonnerin
20.11.2021, 07:36
Nach dem Fachwechsel habe ich einen ausgewiesenen Stundenlohn von etwas mehr als 28€. Überstunden etc. werden eigentlich regelhaft mit FZA ausgeglichen, sodass ich am Ende bei vermutlich etwa 26-27€/Stunde rauskomme. Das ist ein riesiger Unterschied zu den teilweise nicht mal 15-18€, die in der Klinik rauskamen, je nach Überstunden.

Es gibt ja auch durchaus Dokus, Berichte etc., die das Dasein als Assistenzarzt realistisch schildern. Die werden aber eben auch wieder nicht geglaubt von der Allgemeinheit.

Politisch ist keine Änderung gewollt, es "funktioniert ja alles". Dass Covid eben ein weiterer Brandbeschleuniger war interessiert keinen. Viele stehen das alles generell durch intrinsische Motivation durch, dass sie jetzt jemandem helfen und die Arbeit einen "impact" hat. Tja, eigentlich nicht, sieht man ja an Covid, wie vielen Menschen in diesem Land es 1. völlig egal ist, dass das Klinikpersonal über jeder Belastungsgrenze arbeitet und 2. die Politik Stammtischparolen gegen Ärzte raushaut. Dass die Unzufriedenheit bei allen wächst, wenn halt am Ende weder wirklich etwas Finanzielles NOCH eine intrinsische Belohnung da ist, ist klar.

Die Lösung der Politik sehen wir doch: Quoten und Zwangsverpflichtungen statt struktureller Änderungen. Früher oder später wird sicherlich die freie Fachwahl wegfallen und durch Zugangsquoten ersetzt werden (und ich bin sicher, dass da eher früher als später auch Intensiv-Zwangsquoten dabei sein werden). Der Marburger Bund merkt ja selber, dass viele Ärzte schnellstmöglich aus der Klinik ausstiegen, wenns geht ja sogar schon in der Weiterbildung. Da wurde doch jetzt sogar in der MB-Zeitung (?) davon gesprochen, dass die Kliniken bald kollabieren werden, weil der Nachwuchs fehlt. Passiert mehr als Betroffenheit? Nö. Dass unser Berufsstand eine der höchsten Suizidraten hat, ist inzwischen auch allen klar, gemacht wird nix.

Wenn man eine schlechte Stelle hat, umgehend kündigen oder die Kündigung planen (z.B. "in 2 Monaten habe ich dann 6 Monate voll, die ich mir auch auf Fach XYZ anrechnen lassen kann"). Am Ende von diesem Beruf psychisch ruiniert zu werden ist es nicht wert.

Colourful
20.11.2021, 08:45
@Bonnerin
Ja, so sieht es aus; ich habe ja auch gekündigt und hoffe mal, dass die nächste Stelle deutlich besser wird, ansonsten muss ich mich mal zeitnah um eine Stelle in einer Praxis kümmern, oder etwas ganz anderes machen.
Ich hätte wirklich gerne mal 3/4 Wochenenden frei; ich arbeite zwar Teilzeit, gehe aber eigentlich nur früher und muss das Pensum einer Vollzeitstelle in 28-30h schaffen und werde dann angemeckert, wenn ich dann mal andere Kleinkram (Anträge, Formulare) nicht schaffe, aber ich kann auch einfach nicht mehr nur ein freies WE im Monat haben.


Ich finde das unverhältnismäßig, wir haben bei uns Männer, die VOllzeit arbeiten (etwa gleich viel Erfahrung --> ich bin in WBJ 6), von denen wird von der Patientenzahl und auch von der Organisation her deutlich weniger verlangt, als von mir. Ich muss perfekte Briefe schreiben, darf nichts übersehen, muss alles im Kopf haben - das können und machen bei uns die Hälfte der OÄs nicht. Und das weiß die Chefin auch.
Das macht mich langsam echt wütend, denn es ist ja nicht so, als würde ich nicht auch noch zwei Kinder erziehen.

Und da tut Deutschland eben auch immer so, als wäre das nur mein Privatvergnügen. Ist es nicht.

Zilia
20.11.2021, 10:35
Es ist in manchen Abteilungen auch augenscheinlich gewollt, eine hohe Fluktuation der Assistenzärzte anzustreben, grade in Ballungsräumen finden sich da anscheinend immer genug Leute. Diese werden dann über z. B. Vertretungsstellen für 1 Jahr angestellt, bei Bewerbung noch eine eventuelle Verlängerung in Aussicht gestellt.
Meist handelt es sich um eine klassische "Ausbeuterstelle" mit ca. 60 bis 70 Wochenarbeitsstunden. Man wird 1 Jahr verschlissen (manche "fliehen" auch schon vorher) und eine Verlängerung gibt es trotz guter Beurteilung natürlich ist. Ist ja nur eine Vertretungsstelle :-). Umso toller, wenn dann kurz vor Vertragsende schon der Nachfolger aufmarschiert, da es die Stellenausschreibung natürlich 1 Jahr später wieder gab.
Dann gibt es noch einen Pool aus fortgeschrittenen Assistenten, die meist länger beschäftigt werden (klar, sie können ja auch schon mehr); "Anfänger"-Assistenten, die länger als 1 Jahr beschäftigt werden, befinden sich in der Minderheit.
Habe ich selbst in einem chirurgischen Fach erlebt und dass schon vor Corona. In der Corona-Zeit wurde ich dann wochenlang an die Rettungsstelle "verliehen" (nein, nicht im chirurgischen Bereich) und musste dann kurz vor Vertragsende trotzdem noch eine Woche als Stationsärztin auf meiner alten Station rotieren, auch wenn ich diese vorher wochenlang nicht mehr von innen gesehen hatte.
Abstruserweise war das Dreischicht-System in der Rettungsstelle für mich besser, denn ich hatte meist pünktlich Schluss. Ich sah Tageslicht :-).
Apropos Möbel im KH: Ich habe mich jedes Mal geschämt, wenn ich in meinem Fachabteilungs-Aufnahme-Büro Patienten auf die schrammeligen, fleckigen 90er-Jahre Stühle bitten musste, um sie über OPs aufzuklären, die pro Eingriff dem Krankenhaus meist Tausende von Euronen einbrachten...

Mr. Pink online
20.11.2021, 14:09
Exakt so ist es. Von hoher Fluktuation der Assistenzärzte profitieren aber in erster Linie auch die Chef- und Oberärzte. So kann sich keine unangenehme Dynamik unter den Assistenten entwickeln. Am Ende werden noch Dienstpläne, Dienstbelastung, Weiterbildungsprogramm etc. hinterfragt oder viel schlimmer: Assistenten fordern Weiterbildung ein. Alles sehr ungemütlich.

Dass so viele junge Ärzte kündigen wollen hängt doch beim besten Willen nicht mit Corona oder der reinen Anzahl an Überstunden zusammen. Rein objektiv handelt es sich bei dem Kollektiv der jungen Ärzte um die akademische Elite des Landes, Menschen die sich in den seltesten Fällen geschäut haben eine Extrarunde zu laufen, wenn es dem Weiterkommen dient. Die schon während Schulzeit und Studium viel aufgeopfert haben. Um solche Menschen zu demotivieren braucht es schon mehr. Dazu zähle ich in erster Linie die schiere Perspektivlosigkeit der deutschen Weiterbildung, besonders pronounciert in der Inneren Medizin. Da werden Assistenten jahrelang für Dienste, Stationsarbeit, Notaufnahme, Intensivstation verheizt. Immer mit dem Versprechen, demnächst komme dann die Funktionsrotation. Meistens kommt sie dann doch nicht, weil "personaltechnisch nicht drin". Durch befristete Verträge kaum Möglichkeit langfristig was in der Klinik zu bewirken. Mit dem Facharzt nichts halbes und nichts ganzes, da ja in keiner Funktion wirklich bewandert. Letztlich bleibt dann nur der Absprung in die Praxis.

Solche Zustände werden bewusst auch von "oben" so beibehalten, denn man will sich 1. keine eigene Konkurrenz schaffen und 2. die wenigen angepassten die sich dem System der Abhängigkeit hingeben keinen Grund geben, aktiv etwas einzufordern. Dass dies spätestens mittelfristig große Nachwuchsprobleme generiert ist offensichtlich, aber das ist eben dann das Problem der Patienten und der Klinikbetreiber, nicht aber derjenigen, die sich jahrzehntelang ihre Nische im Krankenhaus erhalten konnten.

Mag sein, dass ein durch Privatisierung und Gewinnerwirtschaftung getriebener Klinikbetrieb kein optimales Umfeld für eine Weiterbildung ist, aber damit sich so ein System erhält braucht es mehr als nur eine Teppichetage. Ich werde nicht müde das zu betonen.

Mukopolysaccharid
20.11.2021, 14:20
In meiner Klinik kam jetzt raus, dass die Verwaltung systematisch das höhere Entgeld, dass nach jedem vollendeten Weiterbildungsjahr anfällt, „vergessen“ hat. Nach 6 Monaten verfällt der Anspruch. Manchen ist es nicht aufgefallen. Und bisherige Beschwerden werden wohl erst bis in drei Monaten bearbeitet.
Also Augen auf…man wird wirklich immer betrogen
Was ich auch peinlich finde: unsere Dienstkleidung ist teilweise über mehrere cm zusammengeflickt und ausgewaschen. Abgesehen davon, dass die Kleidung dann schon richtig kratzig ist, sieht’s einfach nur peinlich aus mit nem Flickengewandt aufzutreten.

][truba][
20.11.2021, 15:05
Gut, man kann natürlich immer die Schuld bei den anderen suchen aber seine Gehaltsabrechnung muss man selber checken und da sollte nicht erst nach 2-3 Monaten auffallen, dass deine Höherstufung „verpennt“ wurde. Da ist die Beschwerde spätestens 1 Woche später bei der Personalabteilung.

Ansonsten beschreibt es Mr. Pink leider sehr treffend. Ich kenne zwar auch 1-2 Assistenten in der Inneren die sich im 4. Jahr schon die Finger wundkolo- und gastroskopieren aber das sind absolut die Ausnahmen (und auch keine Großstadt). Der Großteil bleibt auf der Strecke wie aucz die meisten chirurgischen Assistenten.

Endoplasmatisches Reticulum
20.11.2021, 15:19
In einer ehemaligen Klinik von mir haben sie die Stundenlöhne korrekt berechnet, aber "aus Versehen" alle Zuschläge immer ausgehend vom Stundenlohn der Stufe I. Das ist schon perfider und kann einem auch mit wachsamem Auge für längere Zeit durch die Lappen gehen.

MissGarfield83
20.11.2021, 15:22
Wenn man sich essentielle Skills in fortgeschrittener Weiterbildung mit Büchern und Youtube beibringen muss, dann stimmt doch was am System nicht ...

Markian
20.11.2021, 16:24
Wenn man sich essentielle Skills in fortgeschrittener Weiterbildung mit Büchern und Youtube beibringen muss, dann stimmt doch was am System nicht ...

Sehe ich absolut genau so! Bei uns machen die OA oft nicht mal eine Kurvenvisite mit den Assistenten. Verstehe nicht wie da eine Behandlung nach Facharztstandard möglich sein soll. Ich hab nämlich keine Zeit während der Arbeit Leitlinien zu lesen, sondern behelfe mir halt mit Amboss und gesundem Menschenverstand.

][truba][
20.11.2021, 16:49
Welche Fachrichtung machst du ?

Mr. Pink online
20.11.2021, 18:01
Wenn man sich essentielle Skills in fortgeschrittener Weiterbildung mit Büchern und Youtube beibringen muss, dann stimmt doch was am System nicht ...
Ist aber nicht zwingend schlechter als von einem genervten OA, der Weiterbildung nicht als Teil seiner Arbeit sondern als lästige Ablenkung empfindet. Die wirklich wichtigen Skills habe ich seinerzeits alle von erfahrenen Assistenten gelernt. War cool, aber ist natürlich ein Armutszeugnis für die deutsche Weiterbildung.

FirebirdUSA
20.11.2021, 18:18
In einer ehemaligen Klinik von mir haben sie die Stundenlöhne korrekt berechnet, aber "aus Versehen" alle Zuschläge immer ausgehend vom Stundenlohn der Stufe I. Das ist schon perfider und kann einem auch mit wachsamem Auge für längere Zeit durch die Lappen gehen.

Das ist je nach Tarifvertrag und Zuschlag leider sogar richtig…

Wenn systematisch bei Allen die Hochstufung vergessen wurde, wäre es interessant wenn man hier mal klagen würde. Bei Vorsatz gelten in der Regel ja andere Regeln, ob das auch die „Verjährung“ der Ansprüche betrifft müsste man prüfen lassen.

Ob die Bearbeitung 3 Monate dauert ist egal, mit Eingang der Beschwerde gelten die 6 Monate rückwirkend. Man sollte aber ggf bei so einer Klinik aber per Einschreiben den Widerspruch einlegen.

Endoplasmatisches Reticulum
20.11.2021, 19:22
Nene, das war in dem Fall nicht richtig und wurde dann auch zähneknirschend von der Verwaltung korrigiert. Aber auch hier ohne Entschuldigung, Erklärung oder irgendetwas dergleichen. Stattdessen mit dem bekannten Hinweis auf die Verjährung und dass eine Nachzahlung selbstverständlich nur für die letzten 6 Monate erfolgt ...

davo
21.11.2021, 10:23
Das ist auch alles ein bisschen Resultat dessen, dass viele ärztliche Kollegen die Missgunst von Bevölkerungsteilen in einem Akt der Selbstkasteiung ideologisch übernommen haben. Es gibt in diesem Land eine seltsame Tendenz dazu den Pöbel aufs Podest zu stellen und anzuhimmeln. Der Pöbel stellt sich auch mal gern selbst aufs Podest und erwartet selbstverständlich angehimmelt zu werden. (...)
Man will halt tunlichst nicht als "arroganter Arzt" gelten. Da ist man dann bereit sich auf jede nur erdenkliche Art und Weise sich selbst zu erniedrigen. Habe aktuell neue ausländische Kollegen. Die können es gar nicht fassen, dass man mehrere Arbeitsstunden am Tag damit verbringt handschriftlich ganze Romane an Komplikationen in die Aufklärungsbögen reinzuschreiben. Einer von ihnen meinte, die Aufgabe des Arztes würde im Heimatland darin bestehen Krankheiten zu diagnostizieren und einen Behandlungsplan aufzustellen.

Das sehe ich genauso. Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig Selbstbewusstsein gebildete und wohlhabende Menschen in Deutschland haben, wie wenig sie bereit sind, ihre Interessen zu vertreten. Die Massenmedien, sowohl öffentlich-rechtlich als auch privat, tragen mit ihrer zutiefst elitenfeindlichen Einstellung sicher viel dazu bei.

Zu den vielen Problemen mit der völlig unstrukturierten Weiterbildung:

Aus meiner Sicht ist es ein großer Fehler, dass jede Klitsche in jedem Kaff zur Facharztweiterbildung berechtigt ist. Und es ist ein großer Fehler, dass man sich die Facharztweiterbildung einfach so selbst organisiert bzw. organisieren muss/darf. Dadurch ist nie sichergestellt, dass es zu jedem Zeitpunkt sowohl Anfänger als auch erfahrene Assistenzärzte in der Abteilung gibt. Dadurch ist nie sichergestellt, dass es eine kritische Masse an Assistenzärzten gibt, um sinnvoll Fortbildungen anbieten zu können, um sinnvoll voneinander lernen zu können. Meines Erachtens sollten sich die Unikliniken viel stärker in der Facharztweiterbildung engagieren. Es sollte für jeden Assistenzarzt verpflichtend sein, ein, zwei Nachmittage in der Woche (Online-)Vorlesungen zu wichtigen Grundlagenthemen des jeweiligen Fachs zu besuchen, mit bestimmten Pflichtinhalten für jedes Weiterbildungsjahr. Kleine Kliniken sollten nur im Rahmen von zeitlich begrenzten Rotationen zur Facharztweiterbildung beitragen dürfen. Die Weiterbildungsbasis sollte immer ein Schwerpunktversorger/Maximalversorger sein müssen. Und es sollte natürlich ausnahmslos eine elektronische Zeiterfassung verpflichtend sein. Wer gerade nicht elektronisch eingestempelt ist, darf zu jenem Zeitpunkt auch keinen IT-Zugang haben.

cartablanca
21.11.2021, 20:34
Das sehe ich genauso. Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig Selbstbewusstsein gebildete und wohlhabende Menschen in Deutschland haben, wie wenig sie bereit sind, ihre Interessen zu vertreten. Die Massenmedien, sowohl öffentlich-rechtlich als auch privat, tragen mit ihrer zutiefst elitenfeindlichen Einstellung sicher viel dazu bei.
...Die Weiterbildungsbasis sollte immer ein Schwerpunktversorger/Maximalversorger sein müssen. Und es sollte natürlich ausnahmslos eine elektronische Zeiterfassung verpflichtend sein. Wer gerade nicht elektronisch eingestempelt ist, darf zu jenem Zeitpunkt auch keinen IT-Zugang haben.

Auf keinen Fall. Ich kenn genug Fachärzte für Innere Medizin von der Uniklinik, die nicht mal gescheit sonographieren können. Uniklinik heisst nicht unbedingt bessere Weiterbildung. Ansonsten wird es erst dann eine bessere Weiterbildung geben, wenn die sie ähnlich wie in den USA kontrolliert wird. Bei Verstößen sollte dann die Weiterbildungsermächtigung wieder eingezogen werden. Ohne Sanktionen und Kontrollen lenkt keiner ein. Erst seitdem die Chefärzte persönlich für Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz haften, hat sich was bewegt.

LasseReinböng
21.11.2021, 21:22
Auf keinen Fall. Ich kenn genug Fachärzte für Innere Medizin von der Uniklinik, die nicht mal gescheit sonographieren können. Uniklinik heisst nicht unbedingt bessere Weiterbildung. Ansonsten wird es erst dann eine bessere Weiterbildung geben, wenn die sie ähnlich wie in den USA kontrolliert wird. Bei Verstößen sollte dann die Weiterbildungsermächtigung wieder eingezogen werden. Ohne Sanktionen und Kontrollen lenkt keiner ein. Erst seitdem die Chefärzte persönlich für Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz haften, hat sich was bewegt.

Deutsche Unikliniken sind sicherlich genauso mies in punkto Ausbildung wie "Klitschen", wenn eher nicht noch schlechter..., breiteres Spektrum hin oder her.

Das Thema elektronische Arbeitszeiterfassung ist auch so ein Thema für sich...ich möchte lieber nicht Beispiele aufführen wo Assistenten massiv unter Druck gesetzt wurden, doch bitte "intelligent-flexibel" respektive im Sinne der Optik/der Geschäftsführung ein- und auszustempeln.

Letztes war für mich in der Inneren u.a. der Grund aktiv zu kündigen...war übrigens vor Corona. Die Arbeitsbedingungen waren schon damals abgrundtief sch***.

davo
22.11.2021, 06:44
Dafür gibts eine ganz einfache Lösung: nur maximal ein Dienstantritt am Tag. Ist in meinem Haus z.B. so. Kombiniert mit einem IT-Zugang nur wenn man eingestempelt ist, ist Betrug dann quasi unmöglich.

Und ja, mir ist natürlich bewusst, dass Uniklinik nicht unbedingt bessere Weiterbildung bedeutet. Die Unikliniken sollen sich ja, so meine Vorstellung, bei der theoretischen Weiterbildung einbringen. Und die Weiterbildungsbasis soll ein Schwerpunktversorger/Maximalversorger sein müssen. Nicht unbedingt eine Uniklinik.

Natürlich muss im Gegenzug auch sichergestellt werden, dass das Verhältnis an Fällen pro Arzt an Unikliniken niedrig genug ist, damit Zeit für die Weiterbildung bleibt. Auch das kann man regeln. Wenn der Uni-Chefarzt umso mehr Kohle bekommt, je mehr Patienten er durchschleust, und es keine finanziellen Anreize für eine adäquate Weiterbildung gibt, dann ist logisch, dass das passiert, was man beobachten kann. Anreize, besonders finanzielle Anreize, funktionieren verdammt gut - also muss man sie so gestalten, dass sie das bewirken, was erwünscht ist. Denn warum gibt es denn diesen enormen Druck, ja keine Überstunden zu machen, der z.B. in Österreich völlig unbekannt ist? Weil dann viele Chefärzte, Verwaltungsdirektoren, usw. weniger Incentives bekommen. Tja - ist logisch, kann man ändern.

Natürlich ist es ein Balanceakt zwischen "genug Fälle um den Katalog realistisch erfüllen zu können" und "so viele Fälle, dass keine Zeit für Weiterbildung bleibt". Das ist mir schon klar.

Da braucht es u.a. auch einfach viel mehr Transparenz, verpflichtende Weiterbildungsevaluierung, deren Ergebnisse dann jedes Jahr veröffentlicht werden, usw. usf.

Ein großer Vorteil des von mir geschilderten strukturierten Systems wäre wie gesagt, dass sichergestellt wäre, dass es nie nur neue Assistenzärzte gibt, und nie nur erfahrene Assistenzärzte gibt. Es wäre dann immer ein guter Mix.

Und dass man an einem Kreiskrankenhaus mit weniger als 150 Betten, wo in der Inneren jeder Patient, der eine stärkere Elektrolytentgleisung hat, sofort woandershin verlegt wird, 4 Jahre Innere und 5,5 Jahre Chirurgie machen kann, finde ich irre. Das darf einfach nicht sein.

Das hat die Schweiz z.B. deutlich besser organisiert, mit der fachspezifischen Kategorisierung in A-, B- usw. -Spitäler, mit der Verpflichtung, einen festgelegten Mindestanteil der Weiterbildung an einem A-Spital zu absolvieren, mit der Verpflichtung, die Weiterbildung an zumindest zwei Weiterbildungsstätten zu absolvieren, usw.

Leucovorin
22.11.2021, 18:06
Aus meiner Sicht ist es ein großer Fehler, dass jede Klitsche in jedem Kaff zur Facharztweiterbildung berechtigt ist. Und es ist ein großer Fehler, dass man sich die Facharztweiterbildung einfach so selbst organisiert bzw. organisieren muss/darf. Dadurch ist nie sichergestellt, dass es zu jedem Zeitpunkt sowohl Anfänger als auch erfahrene Assistenzärzte in der Abteilung gibt. Dadurch ist nie sichergestellt, dass es eine kritische Masse an Assistenzärzten gibt, um sinnvoll Fortbildungen anbieten zu können, um sinnvoll voneinander lernen zu können. Meines Erachtens sollten sich die Unikliniken viel stärker in der Facharztweiterbildung engagieren. Es sollte für jeden Assistenzarzt verpflichtend sein, ein, zwei Nachmittage in der Woche (Online-)Vorlesungen zu wichtigen Grundlagenthemen des jeweiligen Fachs zu besuchen, mit bestimmten Pflichtinhalten für jedes Weiterbildungsjahr. Kleine Kliniken sollten nur im Rahmen von zeitlich begrenzten Rotationen zur Facharztweiterbildung beitragen dürfen. Die Weiterbildungsbasis sollte immer ein Schwerpunktversorger/Maximalversorger sein müssen.

Sehe das genauso. Vor allem müsste mehr sanktioniert werden.
Aufgrund der "Verzahnung" und fehlenden Unabhängigkeit der verantwortlichen Institutionen ist das allerdings frommes Wunschdenken.


Auf keinen Fall. Ich kenn genug Fachärzte für Innere Medizin von der Uniklinik, die nicht mal gescheit sonographieren können. Uniklinik heisst nicht unbedingt bessere Weiterbildung.

Ich glaube hier liegt ein Missverständnis vor. An den großen Kliniken sieht man einfach mehr und kompliziertere Fälle. Da die Kliniken quasi staatlich sind wäre es (Falls politisch gewünscht) hier am einfachsten zu intervenieren.
Eine gute Versorgung auf dem Land ist wichtig und hier kann man viel lernen. Aber ist es sinnvoll manche Krankheitsbilder der Inneren Medizin in der Weiterbildung kennenzulernen, indem man sie ausschließlich wegschickt zum Maximalversorger?