Famulatur in Dublin, Irland vom 28.07.2003 bis 30.09.2003
Loughlinstown Hospital und Beaumont Hospital
Redaktion Medi-Learn.net
Am Nachmittag des ersten Tages kam die Studienkoordinatorin zu mir und sagte, sie habe vom endocrinology Registrar den Namen einer Patientin bekommen, von der ich bitte eine Anamnese erstellen und die ich klinisch untersuchen sollte. Ich solle mich danach bei diesem Registrar melden und ihm die Patientin vorstellen.
Somit war ich also vorerst dem endokrinologischen Team zugeteilt, was mich nur mäßig erfreute, da ich ja schon wusste, dass ich im Beaumont Hospital Endokrinologie machen würde.
Am ersten Tag harrte ich noch bis um sechs Uhr aus, in der Notaufnahme arbeiten die Ärzte nämlich im Schichtdienst und um sechs endet die erste Schicht. Sobald ich aber merkte, dass es außer der Studienkoordinatorin niemanden interessierte, wann ich kam und ging, und diese sowieso meist recht früh nach Hause ging, ließ meine Motivation diesbezüglich doch sehr nach, und so war ich meist nur von neun bis drei oder vier Uhr anwesend. Wenn mich allerdings etwas interessierte oder ich noch zu tun hatte, so blieb ich auch mal bis um sieben oder acht, was dann von den Ärzten meist mit sorgenvoller Miene und dem Hinweis, als Studentin solle ich doch nun wirklich nicht so lange im Krankenhaus sein, quittiert wurde.
Nach einiger Zeit fasste ich den nötigen Mut
Etwa drei Mal die Woche gab es eine Lunch Conference, die von einem Pharmaunternehmen gesponsort wurde. Für uns hieß das umsonst essen. Meistens gab es Sandwiches und Softdrinks sowie Obst und Süßigkeiten. Danach gab es eine Fortbildung. Nach einem bestimmten Plan musste jeder Arzt einmal im Monat über ein bestimmtes Thema referieren.
Nach ein paar Wochen hatte ich Mut gefasst und stellte in einer dieser Lunch Conferences meine Doktorarbeit vor. Dies hatte den Vorteil, dass mich danach das gesamte Krankenhaus kannte, was allerdings nur etwa 40 Ärzte umfasste.
Zum Thema Lunch ist noch zu sagen, dass im Loughlinstown Hospital alle Studenten umsonst drei Mahlzeiten pro Tag bekommen. Es lohnt sich auch, dies voll auszuschöpfen, auch gibt es immer ein vegetarisches Essen, was auch essbar ist.
In der Ausbildung der Studenten wird in Irland vor allem auf die Anamnesen und die klinische Untersuchung wert gelegt. Das liegt vor allem darin begründet, dass die Stundeten als Abschlussprüfung („finals“) sogenannte long und short cases haben, in denen es nur darum geht, Anamnesen zu erheben und zu präsentieren bzw. richtig zu untersuchen und zu einer Diagnose zu kommen. Daher machen Studenten im Krankenhaus auch so ziemlich nichts anderes als Anamnese erheben und Patienten untersuchen, um diese dann einem der Ärzte vorzustellen. Die Ärzte nehmen sich dann immer sehr viel Zeit, die Patienten und das Krankheitsbild zu besprechen. Mich hat nie ein Arzt abgewiesen, wenn ich Patienten vorstellen wollte oder ein Frage hatte. Studenten gehören selbstverständlich zum Team, und meist haben die Ärzte auch von sich aus tutorials angeboten, in denen sie mit uns Untersuchungstechniken durchgegangen sind.
Zu den Untersuchungstechniken lässt sich sagen, dass alles viel genauer abläuft als bei uns. Ich habe Dinge gelernt, die ich in keinem deutschen Lehrbuch finden würde. Zum Teil ist das, was die Studenten für ihre finals wissen müssen, ein wenig überzogen und auch die Ärzte sagen, dass sie gewisse Untersuchungsschritte in der Praxis aus Zeitgründen nicht durchführen. Ich fand es dennoch eindrucksvoll zu sehen, wie man zur Diagnose kommt, ohne wie bei uns gleich ein teures Gerät einzuschalten. Auch ist im irischen Gesundheitssystem nicht viel Geld vorhanden, so dass mit apparativen Verfahren eher sparsam umgegangen wird. Nach vier Wochen in Loughlinstown entgeht mir auch das kleinste Herzgeräusch nicht mehr und ich habe gelernt, allen Herzgeräuschen die zugrundeliegende Pathologie zuzuordnen.
Also verbrachte ich meine ersten zwei Wochen in Loughlinstown in der Endokrinologie, obwohl diese Zuordnung eher lose war. Dienstags ging ich mit zur Outpatiens Clinic, wo ich hauptsächlich Patienten mit Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen und Gewichtsproblemen sah. Ich durfte die Füße und Augen der Diabetespatienten untersuchen, aber oftmals war ich auch nur Beobachter. Nach jedem Patienten allerdings nahmen sich die Ärzte Zeit, diesen mit mir zu besprechen und mich auf Besonderheiten hinzuweisen. Oftmals schloss sich auch noch ein kurzer Untersuchungskurs an.
Davon abgesehen hatte ich mit dem endokrinologischen Team allerdings nicht so viel zu tun. Da meine Hauptaufgabe ja wie gesagt das history taking and presenting war, gaben sie mir jeden Tag neue Patienten, die ich mir ansehen sollte. Wenn das Team selber keine Patienten hatte, so fragten sie andere Teams, ob diese Patienten für mich hätten. Oftmals kamen aber auch Ärzte aus anderen Teams auf mich zu und nannten mir Patienten, die ich unbedingt sehen müsse und waren dann auch bereit, sich meine history anzuhören.
Viel Wert wurde auch auf die Visite (ward rounds) gelegt. Insbesondere die post-call ward rounds wurden mir sehr ans Herz gelegt. Das ist die Visite nach der Nacht, in der das Team Dienst hatte. Hier werden alle Patienten dem Consultant vorgestellt. Davon abgesehen gibt es auch consultant ward rounds, die je nach Krankenhaus und Chef ein- bis zweimal die Woche stattfinden. Ich fand diese post-call ward rounds wie auch alle anderen ward rounds allerdings nicht sehr hilfreich. Zum einen dauern sie bis zu drei Stunden, zum anderen sind auch hier wie in Deutschland viel zu viele Menschen anwesend, so dass man von dem, was der Assistent dem Chef ins Ohr raunt, eh nur die Hälfte versteht und für Erklärungen bleibt meist keine Zeit. Aus diesem Grund habe ich zumindest in Loughlinstown ward rounds immer tunlichst vermieden.
Da im August in Irland noch Semesterferien sind, gab es bei meiner Ankunft nur einen Studenten auf der Station. In Irland gibt es keine Famulaturen, da die Studenten die letzten beiden Jahre ja ausschließlich im Krankenhaus verbringen, trotzdem bemühen sich die Studenten oftmals um diese electives, insbesondere, wenn die finals anstehen. Dieser Student hatte die finals im Mai nicht bestanden und muss sich nun im darauffolgendem Oktober dem retest unterziehen, weshalb er noch etwas mehr Zeit im Krankenhaus verbringen wollte. Ich sah ihn allerdings nicht übermäßig oft.