Geteiltes heiliges Land
Leben und famulieren in Israel
Holger Priebe
Kommunikation mit allen Vieren
Aber auch die Patienten überraschten. So warten oft direkt vorm OP gesamte Familienclans. Als einmal eine Mutter die herzerweichenden Schreie ihres Kindes hörte, versuchte sie tatsächlich mit der gesamten Familie den OP zu stürmen. Keine Seltenheit hier, berichteten die auskunftsfreudigen Schwestern.
Seltsame Geräusche unter Wasser
Als echte Herausforderung entpuppte sich die Sprachbarriere in der Patientenkommunikation. Lebhaftes Improvisieren war gefragt. So hatte ich es in der Ambulanz mit einer alten Dame zu tun. Bei der Patientenbefragung wurde der Aufnahmegrund von der Schwester übersetzt, dass die Frau „seltsame Geräusche“ beim Baden höre, Geräusche, die vorher nie da gewesen seien.Da fängt man an zu überlegen! Trotz der großen sprachlichen Unterschiede erkennt man an diesem Fall, dass Herzklappenvitien international die gleiche Sprache sprechen. Die bestehende Aortenstenose fiel bei der körperlichen Untersuchung sofort auf. Danach steckte ich ihr das Stethoskop ins Ohr und wartete auf Reaktionen. Sie lächelte und nickte. Mit Händen und Füßen klappte es, sich zu verständigen.
„Are you Nazi?“
Doch schon am zweiten Tag rückte die Medizin in dieser Famulatur eher in den Hintergrund. Mit dem Bus Nr. 54, einem kleinen Ford Transit, war ich auf dem Weg aus den besetzten Gebieten nach Jerusalem. Diese Busse hoppeln über die desolaten palästinensischen Straßen, bis man nach den jüdischen Checkpoints Eintritt ins moderne Jerusalem erhielt. Als der Bus in der Hitze stoppte, betraten zwei israelische Checkpoint-Soldaten im Kampfanzug und mit Maschinengewehr den Bus und begannen auf Hebräisch herumzubrüllen. Der eine blieb in der Eingangstür stehen und gab Deckung, während der andere die Ausweise der Mitreisenden kontrollierte und diese laut befragte. Dabei wurde mit bizarrer Routine und völlig offensichtlich kein Menschenrecht beachtet. Ohrfeigen, Erniedrigungen, Schikanieren und ein im Ganzen harter Umgangston waren normal.
Als sie an diesem Tag meinen Reisepass in den Händen hielten, begann der junge Soldat nach genauer Durchsicht wild „Ah, Germania!“ zu rufen und zerrte mich und meinen Gastgeber aus dem kleinen Bus auf die Straße. Draußen wartete schon der Soldat aus der Eingangstür mit angelegtem Maschinengewehr und schrie unentwegt: „Are you Nazi?“, bis ich mit rasendem Puls und eingeschüchtert „No!“ antwortete. Danach wurden wir mit Hitlergruß verabschiedet und in der Sonne abgestellt, bis der Rest des Busses abgefertigt war. Ich erlebte hier eine mir als Europäer bisher völlig unbekannte Angst. Die Angst vor Willkür und dem Ausgeliefertsein vor Polizei und dem manchmal gefährlichen Militär. Natürlich wusste ich um die hoch komplizierte politische Situation in diesem Land und mich überraschten weder die massiven Sicherheitskontrollen an den Airports, noch das allgegenwärtige Militär. Aber das hatte ich nicht erwartet. Das erste Mal in meinem Leben verspürte ich richtige Angst.